Briefwechsel

von Thomas Theodor Heine und Frank Wedekind

Thomas Theodor Heine schrieb am 3. Oktober 1899 in Nürnberg folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Thomas Theodor Heines Brief an Wedekind vom 6.10.1899 aus München:]


[...] in Nürnberg. Von dort habe ich Ihnen die Bücher von Tolstoi geschickt.

Thomas Theodor Heine schrieb am 6. Oktober 1899 - 9. Oktober 1899 in München folgenden Brief
an Frank Wedekind

München 6 X 99Der 6.10.1899 war ein Freitag.


Lieber Herr Wedekind /

Haben Sie meinen AbzugThomas Theodor Heines Entlassung aus der Festungshaft am 29.9.1899, seine im vorliegenden Brief geschilderte Abreise von der hoch gelegenen Festung Königstein, deren Topografie er betont. Er war wie Wedekind wegen Majestätsbeleidigung inhaftiert ‒ in derselben Sache (von ihm stammt die mit Wedekinds Gedicht „Im heiligen Land“ korrespondierende Zeichnung auf dem Titelblatt der am 25.10.1898 wegen Majestätsbeleidigung beschlagnahmten Palästina-Nummer des „Simplicissimus“). Nachdem er sich am 2.11.1898 den sächsischen Behörden gestellt hatte, wurde er am 19.12.1898 in Leipzig zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, was in Festungshaft umgewandelt wurde, die er am 29.3.1899 auf der Festung Königstein angetreten hat und die nun abgesessen war [vgl. KSA 1/II, S. 1710], während das bei Wedekind noch nicht der Fall war. von oben beobachtet? Es muss sehr schön ausgesehen haben, wie drer Soldat meinen Koffer immer vom Wagen fallen liess und wir ihn dann zusammen wieder hinaufheben mussten. Infolgedessen bekam auch das Schloss einen Knacks so dass mein Koffer ganz offen hier in München ankam, glücklicherweise fiel es den Bahnbeamten nicht ein etwas herauszunehmen oder gar hineinzulegen. Durch diese Schwierigkeiten war viel Zeit verloren gegangen, ich konnte mich nicht damit aufhalten die Tabaksorten zu prüfen sondern musste verschiedene nehmen in der Hoffnung dass wenigstens eine rauchbare darunter ist. In Königstein sah ich einen Anschlag des „Stadttheaters zu Königstein“ man gab Fuhrmann HenschelDas im Gasthaus Deutsches Haus untergebrachte Stadttheater in Königstein (Direktion: Wilhelm Julius Zahl) hatte unter den Neuheiten der Saison in der Tat Gerhart Hauptmanns Stück „Fuhrmann Henschel“ [vgl. Neuer Theater-Almanach 1900, S. 413].. Vielleicht lässt man sie doch einmal hingehen wenn Sie brav sind da Sie ja dieses Stück noch nicht kennen. A/I/m Zug unterhielt ich | mich mit einem Feldwebel. Da erfuhr ich dass wirklich auf der Festung eine alte Chroniknicht eindeutig ermittelt. existiert in der die ‚Thaten‘ August des StarkenEine ‚Tat‘ des Friedrich August I. von Sachsen, die im Zusammenhang mit der Festung Königstein Aufsehen erregt hat, war die von ihm befohlene Anfertigung eines überdimensionalen Weinfasses durch den kurfürstlichen Hof-Böttger Carl Traugott Wolf [vgl. Carl Traugott Wolf: Als Ihro Königl. Majestät in Pohlen und Churfürstl. Durchl. zu Sachsen, Fridericus Augustus, ein neues großes Faß auf der Festung Königstein zu erbauen anbefohlen [...] so ist solcher Faßbau Anno 1722 angefangen, und Anno 1725 vollführet worden [...]. Königstein 1799 (https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30:2-42929)]. Im Reiseführer erwähnt sind die „Königsteiner ‚Riesenfässer‘. Das dritte derselben, [...] welches unter August dem Starken hergestellt wurde (1722‒1725), hielt 3601 Eimer (= 2428 hl)“ [Theodor Schäfer: Touristenführer durch die Sächsische Schweiz und die angrenzenden Gebiete. Erster Teil. 6. Aufl. Dresden 1899, S. 98]. verzeichnet sind. Leider erfuhr ich es erst als es zu spät war. Aber Sie können noch davon profitieren. Sie ist zwar geheim aber vielleicht können Sie sie durch den Feldwebel Krokernicht identifiziert. doch zu lesen bekommen. Sie sollten es versuchen. Ich blieb einen Tag in Dresden einen Tag in Leipzig und 1½ Tag in Nürnberg. Von dort habe ich Ihnen die Bücher von Tolstoi geschicktHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zur Buchsendung; erschlossenes Korrespondenzstück: Thomas Theodor Heine an Wedekind, 3.10.1899. Um welche Bücher des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi es sich handelte, ist nicht ermittelt.. Hoffentlich hat man sie richtig abgeschickt. In Nürnberg erlebte ich eine sehr drollige Geschichte aber es würde zu weit führen sie hier zu schreiben. Ich wollte Ihnen ja blos | mittheilen, dass Holm Ihnen heute oder morgen 200 Mk. schickt. Über das FernereZahlungen des Albert Langen Verlags an seinen inhaftierten „Simplicissimus“-Autor Frank Wedekind (siehe unten). will er erst mit Langen Rücksprache nehmen, doch halte ich es für zweifellos dass man Sie während Ihrer Haft nicht im Stiche lässt. ‒ Mir kommt es vor als ob der ganze Königstein nur ein Traum gewesen wäre. Meine Rückkehr wurde natürlich in der American Bar gefeiert, infolgedessen habe ich einen starken Kater und bin nicht aufgelegt viel zu schreiben.

Wenn Sie irgend etwas besorgt haben wollen schreiben Sie es mir bitte.

Seien Sie herzlichst gegrüsst!
immer Ihr
Th Th Heine


9 X 99Der 9.10.1899 war ein Montag.


Im Drang der Ereignisse vergass ich den Brief zur Post zu geben. Inzwischen werden Sie wohl bereits das Geld von HolmKorfiz Holm, Mitarbeiter und Prokurist des Albert Langen Verlags, der die Verlagsgeschäfte für den infolge der „Simplicissimus“-Affäre im Exil lebenden Verleger Albert Langen führte [vgl. Abret/Keel 1989, S. 12], hatte Wedekind schon früher, schon während der Gefängnishaft in Leipzig, Geld geschickt [vgl. Korfiz Holm, Albert Langen Verlag an Wedekind, 23.7.1899], die nun erfolgte Zahlung war zunächst aber verweigert worden [vgl. Korfiz Holm, Albert Langen Verlag an Wedekind, 14.9.1899]. bekommen haben. Die Bemerkungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Korfiz Holm, Albert Langen Verlag an Wedekind, 7.10.1899. die er dazu geschrieben hat bitte ich Sie, nicht so aufzufassen | als ob ich ihm verschwiegen hätte dass Sie unter allen Umständen dem Simpl. fern zu bleiben wünschen.

Frank Wedekind schrieb am 24. Oktober 1899 in Festung Königstein folgenden Brief
an Thomas Theodor Heine

Lieber Herr Heine,

ich habe Ihnen noch für Ihren Briefvgl. Thomas Theodor Heine an Wedekind, 6.10.1899 und 9.10.1899. zu danken, in dem Sie mir Ihren AbstiegThomas Theodor Heines Entlassung aus der Festungshaft am 29.9.1899, seine brieflich geschilderte Abreise von der hoch gelegenen Festung Königstein, deren Topografie er betonte [vgl. Thomas Theodor Heine an Wedekind, 6.10.1899]. erzählen, den ich allerdings nicht beobachten konnte so sehr ich nach Ihnen ausschaute. Daß ich mich seither nicht sehr lebhaft amüsiere können Sie sich wol denken. Der brave Preiskerder Briefträger Paul Richard Preißker in Königstein (Schandauerstraße 173) [vgl. Adreß- und Geschäfts-Handbuch Königstein 1894/96, S. 19]. ist der einzige der mir hie und da etwas Unterhaltung zukommen läßt. Von unsern beiden Mitgefangenennicht identifiziert. ist der Eine, Ihr pfeifendes Vis à visGegenüber; von (frz.) Vis-à-vis (von Angesicht zu Angesicht). abgezogen, der Andere fängt immer noch Mäuse. Ich selbst bin mit meinen Gedanken | meistens in München, auch sehr viel in Münch bei Ihnen. Welchen Eindruck hat Ihr BildThomas Theodor Heine muss noch in Festungshaft die Zeichnung angefertigt haben, die unter dem Titel „Entlassung eine Sträflings“ (ausgewiesen: „Zeichnung von Th. Th. Heine“) Ende September 1899 auf dem Titelblatt des „Simplicissimus“ erschienen ist [vgl. Simplicissimus, Jg. 4, Nr. 27, Titelseite]. Die Presse hat darüber berichtet: „Die Nr. 27 des ‚Simplicissimus‘ [...] bringt nach langer Pause wieder das erste Titelbild von seinem geistreichsten Mitarbeiter Thomas Theodor Heine, der seine sechsmonatliche Festungshaft auf dem Königstein jetzt verbüßt hat. Der geniale Künstler, den sein beißender Humor in die Haft gebracht hat, zeigt mit der ersten Zeichnung schon deutlich, daß ihm sein Witz treu geblieben ist. In geistreicher Selbstpersiflage zeichnet er uns die ‚Entlassung eines Sträflings‘, dem vom Vorsitzenden des Bundes zur Besserung entlassener Sträflinge als erstes Requisit eines anständigen Menschen die Schnurrbartbinde überreicht wird. Auch der übrige Inhalt dieser übrigens glänzenden Nummer beschäftigt sich zum Teil mit seiner Befreiung aus der Haft. Wir schließen uns den Wünschen der Redaktion an und freuen uns, jetzt wieder regelmäßig im Simplicissimus die künstlerisch genialen Zeichnungen und geistreichen Einfälle des eminenten Satirikers bewundern zu können.“ [Thomas Theodor Heine. In: Wittener Zeitung, Jg. 48, Nr. 265, 26.9.1899, S. (3)] gemacht? Es müßte doch auch jedenfalls als Photographie im Kunsthandel einen kräftigen Erfolg haben. ‒ Meine geistige Nahrung beziehe ich augenblicklich aus Friedrich dem GroßenDer Preußenkönig Friedrich II. ließ seine Truppen 1756 ohne Kriegserklärung in das Kürfürstentum Sachen einmarschieren und eröffnete so den Siebenjährigen Krieg, der Preußen zur Großmacht werden ließ. Der sächsische Kurfürst Friedrich August II. musste von der Festung Königstein aus gleich zu Kriegsbeginn erleben, wie seine Armee vor der preußischen kampflos kapitulierte.; Siebenjähriger Krieg von Archenholz, bei ReclamWedekind hat eine zweibändige Ausgabe der im Verlag Philipp Reclam jun. in Leipzig neu aufgelegten „Geschichte des Siebenjährigen Krieges in Deutschland“ (1868) von Johann Wilhelm von Archenholz benutzt [vgl. Joh. Wilh. von Archenholtz: Geschichte des Siebenjährigen Krieges in Deutschland. 2 Bde. Leipzig o.J.]. erschienen, würde Sie im Beginn jedenfalls sehr interessieren, starkes Zeitcolorit, CamarillaKreis von Günstlingen um eine Herrscherfigur., speciell sächsisch polnisch. Die Handlung bewegt sich zum Beginn fortwährend um Königstein. Dann die Briefe Friedrichs II (auch ReclamWedekind dürfte die von Adolf Kannengießer in der Reihe „Reclams Universal-Bibliothek“ herausgegebene Briefausgabe benutzt haben [vgl. Dreihundert ausgewählte Briefe Friedrichs des Großen. Zusammengesetzt, übersetzt und erläutert von A. Kannengießer. Leipzig 1898].) werfen sehr viel Schlaglichter auf unsere Zeit, ließen sich eventuell | auch mit Erfolg zu Witzen ausbeuten. Meine Arbeit geht bei alledem sehr langsam vorwärts, aber ich hoffe es wird etwas. In München haben Sie derweil wieder ein literarisches Ereignis gehabt, Schaumbergers TrauerspieJulius Schaumbergers Schauspiel „Pepi Danegger“ (1898) wurde am 14.10.1899 im Münchner Schauspielhaus unter der Regie von Siegfried Raabe mit Centa Bré in der Titelrolle uraufgeführt [vgl. Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 52, Nr. 473, 13.10.1899, Morgenblatt, S. 2].l, der Name ist mir entfallen. Waren Sie dabei? Es ist das Einzige was ich seit Wochen aus München gehört habe und auch das nur aus dem Berliner TagblattWedekind hat am 15.10.1899 im „Berliner Tageblatt“ lesen können: „Aus München meldet uns ein Privattelegramm: Julius Schaumbergers dreiaktiges Schauspiel ‚Pepi Danegger‘ fand bei der gestrigen Erstaufführung im hiesigen Schauspielhaus eine freundliche Aufnahme. Nach den ersten beiden Akten war der Beifall stark, am Schlusse des Stückes stieß er auf Widerspruch.“ [Berliner Tagblatt, Jg. 28, Nr. 526, 15.10.1899, S. (3)] Eine ausführlichere Besprechung des Münchner Korrespondenten konnte er zwei Tage später lesen: „Das Stück behandelt eine Episode aus der chronique scandaleuse einer Kleinstadt. Pepi Danegger, die Frau eines Kirchenchordirigenten in einem baierischen Provinzstädtchen, fühlt sich an der Seite ihres braven, spießbürgerlichen Mannes tief unglücklich: sie empfindet die bekannte ‚innere Leere‘ und sehnt sich nach dem pulsirenden Leben, nach den Freuden der Großstadt, die sie in ihrer Jugend schon genossen hat. Und als ein Vertreter dieser Großstadt, ein junger Assessor, der aus moralischen Rücksichten in das Provinznest verbannt wurde, auf der Bildfläche erscheint [...], da wirft sich Frau Pepi dem eleganten jungen Mann [...] an den Hals. [...] Diese Freude ist jedoch von kurzer Dauer. Die frühere Geliebte des Assessors [...] ist ihrem Liebhaber in die Provinzstadt nachgereist. Der Don Juan zögert keinen Augenblick; er verabschiedet mit ziemlich kühlen Worten seine Hausfrau [...]. Die verabschiedete Pepi [...] wird ganz rabiat und will die Nebenbuhlerin erdolchen, trifft aber unglücklicherweise den Geliebten. [...] Mag das Stück auch in der Hauptsache verfehlt sein, es zeigt trotzdem eine Reihe feiner Züge, scharfer Beobachtungen und wirksam gezeichneter Charaktere wie den des Assessors und die der Typen aus der Kleinstadt. Die starke dramatische Ader des Autors ist unverkennbar. Die Vorstellung zeichnete sich wie alle Darbietungen des Münchener Schauspielhauses durch vortreffliches Zusammenspiel aus. [...] Entsprechend dem zwiespältigen Charakter des Stückes war die Aufnahme, die es beim Publikum fand; der starke Beifall am Schlusse stieß auf energischen Protest.“ [Münchener Theater. In: Berliner Tagblatt, Jg. 28, Nr. 529, 16.10.1899, Abend-Ausgabe, S. (3)]. Vor meinem Fenster hat gegenwärtig das Exercieren begonnen, so daß die Ruhe keine Ruhe mehr ist und die Einsamkeit keine Einsamkeit. So wenig ich Ihnen, Herr Heine mitzutheilen habe drängt es mich doch sehr, Sie wissen zu lassen, daß ich die mit Ihnen verlebten | TageWedekind und Thomas Theodor Heine, beide wegen Majestätsbeleidigung in der Palästina-Nummer des „Simplicissimus“ verurteilt [vgl. KSA 1/II, S. 1710], verbrachten acht Tage ihrer Haft auf der Festung Königstein in der Zeit vom 21. bis 29.9.1899 gemeinsam. nicht vergesse. Sie sagen, das ist kein Kunststück wenn man niemand anders hat, aber ich sehne mich auch nicht nach neuen Gefährten. Witze kann ich Ihnen auch nicht schreiben, es sind mir keine mehr eingefallen. Haben Sie die beiden Miss Coeurnekeine Anspielung auf Miss Isabel Coeurne [vgl. KSA 4, S. 12], die Figur aus Wedekinds Einakter „Der Kammersänger“ (1899), auch nicht auf deren Vorbild, die „Amerikanerin Edla Isabel Coern (der Name ist in den verschiedensten Schreibweisen überliefert [...]), die [...] der Autor [...] 1886 in München kennenlernte“ [KSA 4, S. 351], mit der er eine kleine Reise unternommen hat [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 13.9.1891] und von der eine Widmung an ihn überliefert ist [vgl. Edla Isabel Coeurn an Wedekind, 15.9.1891]; gemeint sind ihre Stiefschwestern Jenny Linda Corne und Fanny Elizabeth Corne aus den USA, Schwestern des Komponisten Louis Adolph Coerne, der in München studiert hatte. gesehen? Ich möchte Sie nicht veranlassen, mir nur aus Freundlichkeit zu antworten, da ich selbst kein Held im brieflichen Verkehr bin, aber von mir werden Sie wol noch einige Zuschriften erhalten bevor wir uns wiedersehen. Also seien Sie herzlichst gegrüßt. Mit den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen
Ihr
Frank Wedekind.


Festng. Königstein

24.X.99.

Thomas Theodor Heine schrieb am 18. November 1899 in München
an Frank Wedekind

[Hinweis und Zitat in Raff 2019, S. 49:]


Am 18. November 1899 berichtete Thomas Theodor Heine [...] in einem Brief dem damals wegen Majestätsbeleidigung als Häftling auf der Festung Königstein in Sachsen sitzenden Frank Wedekind: „Bierbaum bleibt jetzt in MünchenOtto Julius Bierbaum zog nach der Scheidung (siehe unten) wieder nach München (Gernerstraße 4) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1901, Teil I, S. 50], wo auch der Kunstmaler Thomas Theodor Heine nach seiner Festungshaft wieder wohnte und sein Atelier hatte (Theresienstraße 148) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil I, S. 216].. Er lässt sich von seiner Frau scheidenOtto Julius Bierbaum wurde von seiner ersten Ehefrau Augusta Bierbaum (geb. Rathgeber) am 18.12.1899 geschieden [vgl. Raff 2019, S. 50]. Er schrieb am 21.12.1899 an Max Bernstein: „Seit vorgestern bin ich ledig, da meine Ehe ‚wegen Verschuldens der Frau dem Bande nach getrennt‘ worden ist. Das Verschulden bestand darin, dass sie, während ich, schwer herz- und nervenleidend, in Schloß Marbach zur Kur war, in intime Beziehungen zu Herrn Oskar Fried trat. [...] Sie ist dann auch mit ihm nach Berlin gegangen. Sie werden ungefähr ermessen können, wie mich das getroffen hat.“ [Raff 2019, S. 50], die mit dem Musiker Fried [...], den er in seinem Schloss eine Zeit lang durchfütterte, durchgegangenOtto Julius Bierbaum hatte den Dirigenten und Komponisten Oskar Fried im „Sommer 1899“ auf seinen Wohnsitz, eine teilweise bewohnbare Schlossruine (Schloss Englar) in Südtirol, eingeladen, der dort die Musik zu einem Singspiel von ihm komponieren sollte; als er wegen einer Alkoholentziehungskur abwesend war „verliebte sich [...] Gusti in den attraktiven Oskar Fried und brannte mit ihm nach Berlin durch. Als Bierbaum zurückkam, fand er die Burg leer und verlassen vor. [...] Gusti blieb in Berlin, die Scheidung war nicht mehr zu vermeiden.“ [Raff 2019, S. 47-49] ist.“

Frank Wedekind schrieb am 21. Dezember 1902 in München folgende Widmung
an Thomas Theodor Heine

Seinem lieben Thomas Theodor Heine

Winter 1902‒3.

Frank Wedekind.


DIE BUECHSE DER PANDORA / TRAGOEDIE IN DREI AUFZUEGEN / VON / FRANK WEDEKIND.


ERSTER AUFZUG.

[...]

Frank Wedekind schrieb am 5. Mai 1905 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Thomas Theodor Heine

[Hinweis in Thomas Theodor Heines Brief an Wedekind vom 6.5.1905 aus München:]


Ihr Brief hat mich erfreut [...]

Thomas Theodor Heine schrieb am 6. Mai 1905 in München folgenden Brief
an Frank Wedekind

München 6 Mai 1905

Klugstr. 18


Sehr verehrter Herr Wedekind /

Ihr Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Thomas Theodor Heine, 5.5.1905. hat mich erfreut, denn es ist immer betrübend, wenn alte GefährtenThomas Theodor Heine und Wedekind waren in den 1890er Jahren beide Mitarbeiter des „Simplicissimus“ gewesen und beide wegen Majestätsbeleidung in der am 25.10.1898 konfiszierten Palästina-Nummer der Zeitschrift verurteilt worden [vgl. KSA 1/II, S. 1710]; acht Tage ihrer Haft (vom 21. bis 29.9.1899) verbrachten sie gemeinsam auf der Festung Königstein. mit abgewendetem Kopf aneinander vorübergehen. Wodurch diese Entfremdung entstanden war, habe ich nie begriffen. Meine Bewunderung Ihrer grossen Kunst ist stets gleich stark geblieben; aber auch den Werth Ihrer Hieronymus-Jobs-GedichteWedekind hat von den 54 seiner zwischen 1896 und 1902 im „Simplicissimus“ gedruckten Gedichte 29 als politische Zeitsatiren pseudonym publiziert, davon 14 Gedichte unter den Pseudonymen Hieronymus, Hieronymus Jobs oder Hieronymus Jobsius [vgl. KSA 1/II, S. 2234-2236]. Nachdem Albert Langen Ende 1901 angeregt hatte, „die politischen ‚Simplicissimus‘-Gedichte Wedekinds – nach einer aktualisierten Überarbeitung des Autors – unter dem Titel ‚Jobsiaden‘ separat drucken zu lassen“, führte Wedekind bis Februar 1902 mit dem Albert Langen Verlag „Verhandlungen über eine Buchausgabe seiner ‚Jobsiaden‘“ [KSA 1/II, S. 2240], die nicht realisiert wurde. habe ich höher geschätzt als Sie selbst.

Mit besten Grüssen
Ihr ganz ergebener
Th. Th. Heine

Frank Wedekind schrieb am 4. Mai 1909 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Thomas Theodor Heine

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 4.5.1909 in München:]


BriefWedekinds Brief an den Zeichner und Maler Thomas Theodor Heine in München (Klugstraße 18) [vgl. Adreßbuch für München 1909, Teil I, S. 210], der wie er selbst seinerzeit im Zuge der „Simplicissimus“-Affäre wegen Majestätsbeleidigung auf der Festung Königstein seine Haft verbüßt hatte, der aber anders als er nach wie vor für die Zeitschrift tätig war (das aktuelle Heft ist mit einer Titelzeichnung von ihm illustriert), könnte sich auf eine Annonce „Originale der Simplicissimus-Zeichnungen“ im aktuellen Heft bezogen haben: „Täglich einlaufende Anfragen veranlassen uns, bekannt zu geben, daß wir die Originale der Simplicissimus-Zeichnungen aus sämtlichen Jahrgängen Interessenten käuflich überlassen.“ [Simplicissimus, Jg. 14, Nr. 5, 3.5.1909, S. 82] Wedekind hatte möglicherweise an einigen diesen Zeichnungen Interesse, zumal er selbst im Zusammenhang mit „Oaha“ (1908) karikiert worden ist [vgl. Simplicissimus, Jg. 13, Nr. 30, 26.10.1908, S. 490] – oder es ging schlicht um den wenige Tage zuvor verstorbenen Herausgeber und Verleger des „Simplicissimus“, zu dem Wedekind am 30.4.1909 „Albert Langen †“ [Tb] notierte. an Thomas Theodor Heine.