Hamburg,
d. 22.12.99.
Mein lieber Freund ‒ wir senden Ihnen die allerherzlichsten u. wärmsten Weihnachtsgrüße,
eigentlich sollte dieser Brief die Kiste (oder vielmehr den Korb) begleiten,
den ich eben für Sie armen Einsamen gepackt habe, aber die Paketbestellung ist
jetzt so unzuverlässig, daß ich
wenigstens sicher sein möchte, daß Sie diesen schriftlichen Gruß am heilig
Abend haben, damit Sie wissen, daß wir | in Freundschaft Ihrer denken. Im
Uebrigen erklärt sich meine diesmalige Sendung von selbst ‒ sie ist entsetzlich materiell, aber nach vielem
Nachdenken fand ich dies „das Geeignete“ wie mein Mann sagen würde. Ich
schreibe Ihnen in den Feiertagen ausführlich ‒ dies soll kein Brief sein, sondern nur ein Gruß. Carl hat Ihnen von
Ihrer PremièreWedekinds Einakter „Der Kammersänger“ wurde ‒ inszeniert von Martin Zickel ‒ am 10.12.1899 im Rahmen der Eröffnungsmatinee der Sezessionsbühne am Neuen Theater in Berlin (Beginn: 12 Uhr) im Anschluss an den Einakter „Der Besiegte“ von Wilhelm von Scholz uraufgeführt. Martin Zickel hatte sich vergebens darum bemüht, dass Wedekind der Uraufführung beiwohnte. So meldete die Presse, als Wilhelm von Scholz in Berlin eingetroffen war: „Von der Leitung der Secessionsbühne wurden Schritte unternommen, um auch die Anwesenheit Franz Wedekinds zu ermöglichen, dessen ‚Kammersänger‘ die Matinée beschließt; doch wurde das betr. Gesuch von der Commandantur der Festung Königstein abschlägig beschieden.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 571, 6.12.1899, Morgen-Ausgabe, 2. Beilage, S. 9] Die Inszenierung gefiel und „das Publikum [...] brach am Schlusse in tosenden Beifall aus, als Herr Martin Zickel, der Regisseur [...] namens des zur Zeit auf dem Königstein büßenden Dichters dankte.“ [G.S.: Die Sezessionsbühne. In: Volks-Zeitung, Nr. 580, 11.12.1899, Abendblatt, S. (2)] ja schon geschriebenHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Carl Heine an Wedekind, 10.12.1899. ‒ war das eine Freude für uns! Ich sage Ihnen,
dieser Zickel ist brillant ‒ als höch|stes
Lob kann ich nur sagen, er inscenirt wie mein Mann ‒ ich sagte es ihm sogar selbst ‒ u. er schien sich drüber zu freuen. Das Schu/o/lzsche
Sche Stück ‒ sehr
poetisch, sehr unverständlich, à
la Maeterlinck, war
wirklich wundervoll, was die Inscene betrifft; eine figurenreichere
Trinkscene darin ging nicht ‒ hatte
Löcher ‒ aber das ist wohl nur zu
wenig geprobt gewesen. Ihr Kammersänger wirkte brillant, gerade nach diesem
hyper-romantischen Ding„Der Besiegte. Mystisches Drama in einem Aufzuge“ (1899) von Wilhelm von Scholz.. Die Leute haben gelacht und sich | ebenso bereitwillig
von dem alten MusikerHans Pagay spielte in der Uraufführung des „Kammersänger“ den Professor Dühring. (Pagay ausgezeichnet) rühren lassen. HeleneTilly Waldegg spielte in der Uraufführung des „Kammersänger“ die Helene Marowa. war
vorzüglich gespielt, kann ich mir überhaupt nicht besser denken. Nur der KammersängerPaul Biensfeld spielte in der Uraufführung des „Kammersänger“ die Titelrolle: Gerardo, k.k. Kammersänger.
selbst gefiel mir nicht ‒ er spielte
gut, aber er war nach meinem Geschmack viel zu outrirtübertrieben. in der
Maske ‒ u. a. hatte er solche
Perücke, wie Sie damals zum PrologDen Prolog zum „Erdgeist“ sprach Wedekind, kostümiert als Tierbändiger, erstmals bei der 8. Vorstellung des Stücks in Carl Heines Inszenierung des Ibsen-Theaters am 24.6.1898 in Leipzig ‒ ihr „geht ein vom Dichter verfaßter und gesprochener Prolog voraus.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 314, 24.6.1898, Morgen-Ausgabe, 1. Beilage, S. 4804] Die Kritik urteilte: „Der von dem Autor selbst gesprochene Prolog darf [...] auf eine geradezu verblüffende Originalität Anspruch machen“ [Rudolf von Gottschall: Ibsen-Theater. In: Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 317, 25.6.1898, Abend-Ausgabe, Beilage, S. 4843]. Der Prolog wurde in der 9. Vorstellung am 27.6.1898 ‒ „Dem Stücke geht auch diesmal der originelle vom Dichter verfaßte und gesprochene Prolog voraus“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 319, 27.6.1898, Morgen-Ausgabe, Beilage, S. 4892] ‒ und in der 10. Vorstellung am 29.6.1998 wiederholt: „Eingeleitet wird das Stück wieder durch den Prolog des Dichters.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 323, 29.6.1898, Morgen-Ausgabe, 1. Beilage, S. 4935] Welche Art von Perücke Wedekind als Tierbändiger trug, ist nicht überliefert. hatten ‒ welcher Kammersänger hätte heutzutage noch Künstlerlocken ‒ das ist doch ganz ausgeschlossen. Und
eine knallrothe Weste mit Goldknöpfen!! Und ‒ ein großer Fehler ‒ für den er
aber nichts konnte ‒ | der Mann
war dünn!!
Kammersänger, insbesondere Tenöre sind immer dick ‒ auch so angebetete Leute, denen alle
Weiblichkeit so nachläuft, sind auch immer stark
u. kräftig. Die Figur störte mich von a-Z! Aber, wie gesagt, er spielte
gut, brachte Alles raus ‒ nur die
große Rede: junge Mädchen verloben sichZitat (aus dem Gedächtnis zitiert) aus einer Replik Gerardos („Der Kammersänger“, 7. Auftritt): „Die jungen Mädchen verloben sich, [...] die Gattinnen fallen dem Hausfreund zum Opfer“ [KSA 4, S. 31]., Frauen werfen sich ihren Hausfreunden
an den Hals ‒ etc. etc. ‒ diese Rede jagte er so, daß sie kaum
verständlich war für Leute, die sie zum ersten Mal hörten. Ausgezeichnet
wirkte die lautlos an die Luft beförderte KlavierlehrerinIn einer Szenenanweisung („Der Kammersänger“, 7. Auftritt) heißt es über Gerardo: „scheint [...] etwas hinter dem Paravent zu bemerken. Nachdem er sich neugierig orientiert, reckt er plötzlich die Hand aus und zieht eine Klavierlehrerin in grauer Toilette hervor, die er, mit vorgestreckter Faust am Kragen haltend, vor dem Flügel durch zur Mitteltür führt. Nachdem er die Tür hinter ihr geschlossen, zu Dühring“ [KSA 4, S. 24] ‒ nach diesem Nebentext Wechsel zum Haupttext. ‒ überhaupt | vieles, das beim Lesen nicht
wirkungsvoll erschien ‒ schlug ein ‒ ich kann’s Ihnen im Moment, so ohne Buch nicht
genau angeben ‒ da ich dieses
Stück noch nicht wie den Erdgeist par coeur(frz.) auswendig. weiß. ‒ ‒ Ach ‒ übrigens ‒ pardon ‒ die TalianskyLeonie Taliansky spielte in der Uraufführung des „Kammersänger“ die Miss Isabel Coeurne. 1898 in der „Erdgeist“-Inszenierung des Ibsen-Theaters in Leipzig hat sie die Lulu gespielt.!
Sie wissen, ich kann sie nicht leiden, aber sie hat die Rolle gut gespielt ‒ bis darauf, daß sie keine Ahnung von
Englisch-DeutschIn einer Szenenanweisung ist für die junge Miss Coeurne angegeben („Der Kammersänger“, 4. Auftritt): „spricht mit englischem Akzent“ [KSA 4, S. 16]. hatte. ‒ Ich sehe,
ich schreibe Ihnen nun doch einen Brief ‒ mein Thema riß mich fort. Wir waren am Abend vor
Ihrem Kammersänger in Bahrs JosephineHermann Bahrs Lustspiel „Josephine“ (1899) hatte am 9.12.1899 am Berliner Lessingtheater Premiere., was freundlich durchfiel ‒ | mit Recht ‒ ein elendes Stück ‒ und nicht
mal satirisch-geistvoll ‒ das
kann man doch von Bahr verlangen! Erzählen muß ich Ihnen noch, daß ein wirklicher Kammersänger Ihr Stück
mitanhörte ‒ und sich
grandios amüsirte ‒ Emil Götze nämlichder international bekannte Kammersänger Emil Götze, ein gefeierter Gesangskünstler, der in den 1890er Jahren von seinem Wohnort Berlin aus nur noch Gastspiele unternahm. ‒ der kennt doch das Milieu, u. hat zuletzt
noch immer im schon fast leeren Parket
gestanden u. applaudirt ‒ sehen Sie ‒ das ist die richtige Maske ‒ die „Tolle“die Haartolle als signifikant in Frisuren von Künstlern. ist schon das Höchste, das sich ein
Künstler heut gestatten darf. ‒ ‒ Von uns kann ich Ihnen wenig melden. | Carl hat
am 12ten in Breslau mit seinem Heine-VortragCarl Heine hat am 12.12.1899 in Breslau auf der von der dortigen Freien literarischen Vereinigung veranstalteten Feier zu Heinrich Heines 100. Geburtstag den einleitenden Vortrag über die Bedeutung Heinrich Heines für die Gegenwart gehalten. Seine Festrede fand großen Beifall (allerdings nicht bei der Arbeiterpresse). glänzend gefallen, u. kam
über Leipzig ‒ sehr
gehoben nach Hause. Wissen Sie von der großen Theaterrévoltein der Presse als Leipziger Theaterfrage bezeichnete Bestrebungen nach besserer Qualität des Bühnenangebots in Leipzig, die durch die anstehende Entscheidung einer Neuverpachtung der städtischen Theater besonders ausgeprägt waren; langjähriger Pächter der vereinigten Stadttheater (Altes und Neues Theater) in Leipzig war deren Direktor Max Staegemann [vgl. Neuer Theater-Almanach 1900, S. 420]. in Leipzig? Es ist ganz enorm gewesen ‒ Protest-VersammlungenEine solche Versammlung fand am 27.10.1898 statt, außerdem am 6.11.1898 im Krystallpalast, bei der 695 Anwesende eine Resolution an die Stadtverordneten verabschiedeten [vgl. Versammlung in Sachen der Neuverpachtung des Stadttheaters. In: [Leipziger Tageblatt, Jg. 93, Nr. 568, 7.11.1899, Abend-Ausgabe, 5. Beilage, S. 8643] von 800 Menschen haben
stattgefunden, Comités haben sich gebildetSo veröffentlichte der „geschäftsführende Ausschuss eines Comités“ eine ganzseitige Anzeige „20 Thesen. Leipziger Theaterfrage.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 93, Nr. 605, 28.11.1899, Morgen-Ausgabe, 5. Beilage], Brochüren sind geschrieben (eine
brillanteHans Merians im Selbstverlag erschienene Broschüre „Wo fehlt es unserem Stadttheater? Ein ruhiges Wort zur Leipziger Theaterfrage“ (1899). von Merian) ‒ kurz man
hat gethan, was man konnte ‒ man hat
Nikisch für die Oper und Carl für das Schauspiel engagieren wollen ‒ denken Sie | das wäre doch noch
was gewesen!! Aber der Bürgermeister hat eine so fulminante Rede für StägemannIn der Stadtverordnetensitzung vom 29.11.1899 in Leipzig ‒ auf der Tagesordnung stand die Theatervorlage, die eine Neuverpachtung der beiden Stadttheater betraf ‒ ergriff der neue Oberbürgermeister Carl Bruno Tröndlin (in das Amt gewählt am 2.10.1899) nach scharfer Kritik an Max Staegemann, dem Direktor und Pächter der vereinigten Stadttheater Leipzigs, das Wort und nahm Partei: „In dem fünfzehnjährigen Verkehr mit Herrn Staegemann hätte sich derselbe aber stets als ein feinfühliger Mann gezeigt. Weshalb ihn stürzen?“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 93, Nr. 609, 30.11.1899, Morgen-Ausgabe, S. 9286] Im Ergebnisbericht heißt es: „In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten wurde die Entscheidung über die Rathsvorlage wegen der Neuverpachtung des Stadttheaters getroffen. Dem sehr sachlich gehaltenen Referate des Herrn Vorstehers [...] folgte eine eingehende Debatte, die in der äußerst wirkungsvollen Rede des Herrn Oberbürgermeisters Dr. Tröndlin unstreitig ihren Höhepunkt erreichte.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 93, Nr. 609, 30.11.1899, Morgen-Ausgabe, S. 9298]
gehalten, daß er’s doch wieder gekriegt hat ‒ allerdings ‒ sonst einstimmig ‒ diesmal aber
mit 33 St. gegen 27Im Bericht über die der Theatervorlage gewidmeten Stadtverordnetensitzung vom 29.11.1899 in Leipzig (siehe oben) heißt es: „Das Ergebniß der Abstimmung [...] war Folgendes: Antrag [...], die Neuverpachtung auszuschreiben, wurde mit 33 gegen 27 Stimmen abgelehnt. Damit war die weitere Verpachtung des Stadttheaters an Herrn Director Staegemann bis zum 1. Juli 1909 ausgesprochen.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 93, Nr. 609, 30.11.1899, Morgen-Ausgabe, S. 9298]!!! Es schwebt nun was mit einem neuen Theater (dies bitte
nur für Sie) ‒ auch in
Breslau will man ein neues Theater machen ‒ u. in beiden Orten will man Carl zum Direktor aber ‒ wissen Sie, wenn man so trübe Erfahrungen gemacht
hat, wie wir, dann verliert | man das Zutrauen ‒ d.h. man glaubt erst an eine Sache, wenn sie verbrieft u. versiegelt vor
einem liegt. Augenblicklich wird mein Mann getriezt, eine Tournée zu machen ‒ aber er hat sich fest vorgenommen, sein Geld nicht
wieder zu riskiren ‒ u. ich kann
ihm nur beistimmen. WaldemarWedekind kannte den Schauspieler aus Carl Heines Ensemble in Leipzig; Arthur Waldemar hatte in dem „Erdgeist“-Vorstellungen vom 24., 27. und 29.6.1898 den Dr. Schön gespielt. war neulich mal bei uns einige Tage ‒ um eben meinen Mann zu beschwatzen ‒ er war wieder ganz echt ‒ ganz der alte ‒ sehr gut zu leiden, sehr anschlägig, | log das Blaue vom Himmel runter ‒ u. erzählte so vom Gefängniß u. seinen
Tricks dort, daß ich ihm sagte ‒ es sei
eigentlich schade, daß er wieder
freigekommen sei ‒ er sei doch
zum Verbrecher prädestinirt!! ‒ Hören Sie, lieber BenjaminWedekind hat einen Brief an die Freundin einmal mit diesem Namen unterzeichnet [vgl. Wedekind an Beate Heine, 7.1.1899] und sie hat ihn schon einmal so angeredet [vgl. Beate Heine an Frank Wedekind, 12.10.1899]. ‒ wenn Ihre Haftzeit verstrichen ist ‒ dann kommen Sie doch erst ein Bischen zu uns??? Ich finde, wir müssen
uns doch mal wieder sprechen ‒ finden Sie
nicht? Wir haben ein bescheidenes, aber ganz genügendes Logir|zimmerGästezimmer. ‒ sodaß Sie kein Hôtel brauchen ‒ u. Sie
sollen gut gepflegt werden ‒ d.h. nach
Kräften! Und nun, leben Sie wohl ‒ ich habe so
geschmiert, da ich mir jetzt wirklich die
Finger abschreibe u. immer in Eile bin! Also ‒ alles Gute, zu Weihnachten u. immer! Mit herzlichen Grüßen von uns
Beiden
treulich Ihre
Beate Heine.