Briefwechsel

von Frank Wedekind und Friedrich Wilhelm Wedekind

Frank Wedekind schrieb am 17. August 1868 in Hannover folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Lieber PapaFriedrich Wilhelm Wedekind war (etwa am 9.8.1868) zu einer Erholungsreise aufgebrochen, die ihn über Stuttgart in die Schweiz führte, wo er zusammen mit einem Vetter eine geführte Tour zu Pferd und zu Fuß unternahm, um anschließend in Bendlikon eine Badekur zu machen [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Emilie Wedekind, 21.8.1868 (Mü, Nachlass Frank Wedekind, Konvolut Burkhardt, Nidderau)].Mama läßt mich auch ein Bischen schreiben, sie führt mir die Hand. Vergiß den Säbel nicht, den Wagen und die SäbelscheideArmin und Frank Wedekind wünschten sich Säbel und Säbelscheide, William Wedekind ein Pferd mit Wagen [vgl. Emilie Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 16. und 17.8.1868 (Mü, Nachlass Frank Wedekind, Konvolut Burkhardt, Nidderau)].. Dein alter Babyauch: Bebi, Bäbi; Kosename Frank Wedekinds im Familienkreis; er war im Juli 4 Jahre geworden. aus Hannover (TuppiKüsschen.).

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 22. August 1868 in Bendlikon folgenden Brief
an Frank Wedekind

Bändlikon den 22.sten Aug. 1868.


Mein lieber, guter Bäbiauch Bebi, Baby geschrieben; im Familienkreis Kosename für Frank Wedekind.!

Papa hat nicht gewußt, daß Du auch schon schreiben kannst, darum hat er sich um so mehr gefreut, als er auch von Dir einen kleinen Briefvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 17.8.1868. erhalten hat. Papa hat jetzt gesehen, daß Du schon ebenso gut schreiben kannst als Hammiim Familienkreis Kosename für Armin Wedekind, den ältesten Bruder Frank Wedekinds., wenn die liebe Mama Dir die Hand führt. Du schreibst aber gar nichts vom Adalbert und vom Max und vom Berthold! Spielst Du noch oft mit ihnen im GartenDer Garten in der Weißekreuzstraße 5 oder 6 in Hannover. Die Familie Wedekind wohnte bis Frühjahr 1868 in der Weißekreuzstraße 6 im Parterre (seit 1866 als Besitzer des Hauses) [vgl. Adreßbuch der königlichen Residenzstadt Hannover, 1868, Teil I, S. 418; S. 201 und Kreter 1995, S. 22f.]. Nachdem das Haus wieder an den Vorbesitzer Arnold Heinrich Henckell, den Vater Gustav und Karl Henckells ging, waren dort Henckells sowie Oberstabsarzt Dr. Korff mit Frau und 5 Kindern – darunter Adalbert, Max und Berthold – gemeldet, während die Wedekinds nun nebenan in der Weißekreuzstraße 5 wohnten [vgl. Adreßbuch der königlichen Residenzstadt Hannover, 1869, Teil I, S. 207]? Papa ist jetzt in Bändlikon am Züricher See; wenn aber Mama Dir diesen Brief vorliest, dann ist der Papa schon wieder von Bändlikon fortgereistVater Friedrich Wilhelm Wedekind hatte ursprünglich eine Badekur in Bendlikon machen wollen, wegen des regnerischen Wetters das Vorhaben aber aufgegeben [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Emilie Wedekind, 17.8.1868 (Mü, Nachlass Frank Wedekind, Konvolut Burkhardt, Nidderau)]. und wohnt am Bodensee und dann könnt Ihr erst recht singen: „Constanz liegt am BodenseeAnfangszeile eines Kommers- und Studentenlieds; als Zweizeiler „Konstanz liegt am Bodensee; wer’s nicht glaubt, geh’ hin und seh’ zum geflügelten Wort geworden [vgl. Wander 1867-1880, Bd. 2, S. 1500]..“ Aber Piepchenim Familienkreis Kosename für Frank Wedekinds jüngeren Bruder William Wedekind. muß auch mitsingen und wenn Du es ihm schön vorsingst, so wird er es auch schon können. Gieb’ dem lieben Piepchen hunderttausend TuppiesKüsschen. – das sind viel, viele – und erzähle ihm oft von Deinem Papa und daß Papa jetzt in Bändlikon ist, wo Du und Piepchen auch schon gewesen sind. Wenn Papa wiederkommt, dann wird er Dir gewiß einen schönen Säbel mitbringen und wir alle können dann zusammen wie die Soldaten marschiren und der kleine Willi kann mit der Trommel | dazuKustode („dazu | dazu“). trommeln. Wenn Du die liebe Omama besuchstOma Friederike Dorothea Kettler (geborene Stock, verwitwete Wedekind, verwitwete Kettler) wohnte in Hannover in der Breitestr. 31a, im II. Stock [vgl. Adreßbuch der königlichen Residenzstadt Hannover, 1868, Teil I, S. 304]., dann bringe ihr doch einen Gruß von Deinem Papa und sage ihr: „Liebe Omama, ich soll Dich auch grüßen von meinem Papa. Papa hat mir einen Brief von Bändlikon geschrieben und ist jetzt am Bodensee. Von da reist er nach Stuttgart und Würzburg und dann kommt er wieder und bringt mir einen schönen Säbel mit.“ So mußt Du es der lieben Omama erzählen; Du kannst ja so schöne Reden halten und wenn Du das thust, dann freut Omama sich und der Papa auch. Wenn Papa erst mal wieder bei Euch istFriedrich Wilhelm Wedekind kehrte am 5.9.1868 nach Hannover zurück., dann gehen wir auch wieder öfters nach der List„Die List“ wurde ein Ausflugslokal mit Café und Restaurant genannt, das sich am ‚Lister Thurm‘ am Rand des Eilenrieder Stadtwalds an der Celler Straße 38 befand und ein beliebter Vergnügungsort in Hannover war. Von der Weißekreuzstraße 5 betrug die Entfernung zur List etwa 1,6 Kilometer, für Erwachsene bequem in 23 Minuten Gehzeit zu bewältigen. In einer Beschreibung Mitte der 1850er Jahre heißt es: „Dieser seiner angenehmen Lage wegen ausgezeichnete Vergnügungsort ist auch der am meisten besuchteste und besonders Sonntags und Donnerstags entfaltet sich hier die elegante Welt im vollsten Glanze. An diesen Tagen werden treffliche Concerte unter Leitung des Musikdirectors des Garde-Regiments, Sommerlatt, dessen Bestrebungen für musikalische Genüsse überhaupt rühmlichst bekannt sind, aufgeführt, nebst Illumination und Feuerwerk. Wer die Hannoveraner sich amüsiren sehen will, dem rathen wir, sich hier in die Gesellschaft zu mischen: da wird so manches Vorurtheil von Unzulänglichkeit und Abgeschlossenheit im gesellschaftlichen Leben der Hannoveraner schwinden“ [Der Führer durch die Residenz-Stadt Hannover und ihre Umgebungen. Für Fremde und Einheimische. Hannover (ca. 1855), S. 65f.]. und trinken eine Tasse Bouillon oder Eierbier„Man nehme ½ bis 1 l leichtes Bier und setze dieses mit einem Stück ganzen Zimmt, etwas Zitronenschale und einigen Stück Zucker aufs Feuer, inzwischen quirlt man in einem großen Topf 2 Eidotter mit 1 Tasse ungekochter Milch und gießt unter beständigem Quirlen das kochende Bier allmählich zu, stellt es in eine Kasserole mit siedendem Wasser, schlägt das Bier recht schaumig und serviert es in Tassen oder Gläser.“ [Kochschule und Ratgeber für Familie und Haus, Bd. 13, Nr. 47 v. 21.5.1904, S. 371; zitiert nach Vinçon 2021, Bd. 2, S. 19]. Das schmeckt so gut und nachher suchen wir Kastanien, damit Piepchen damit spielen kann. Darum freue Dich darauf, daß Papa bald wiederkommt und behalte immer recht lieb Deine liebe Mama und Deinen lieben
Papa.


[Kuvert:]


Herrn Bäbi Wedekind

aus und in
Hannover.

Frank Wedekind schrieb am 26. Mai 1871 - 27. Mai 1871 in Hannover folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Lieber guter Papa!

Am Sonntagden 21.5.1871; an diesem Tag war Friedrich Wilhelm Wedekind mit dem Zug nach Berg bei Stuttgart gereist, um dort seine angeschlagene Gesundheit durch eine Brunnenkur zu kurieren., wie wirFriedrich Wilhelm Wedekinds Kinder Armin, Frank, Willi und Erika Wedekind sowie seine Frau Emilie Wedekind, die mit Donald Wedekind schwanger war. Dich verlassen hatten, beeilten wir uns an den Uebergang zu kommen um Dich noch zu sehenDas gelang, wie Armin Wedekind an den Vater schrieb: „Am Sonntag, wie Du wegfuhrst da hatten wir uns sehr gefreut als Du uns noch gesehen hast.“ [Armin Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, Hannover, 27.5.1871 (Mü, Nachlass Frank Wedekind, Konvolut Burkhardt, Nidderau)]. Den Montagden 22.5.1871. standenSchreibversehen, statt: standen wir. früh auf, schrieben eine Seite und machten uns auf zur SchuleDie beiden ältesten Kinder der Familie, Armin und Frank Wedekind. besuchten das Auhagensche Institut, eine Privatschule in der Hildesheimerstraße 58 [vgl. Kreter 1995, S. 46].. Nach Tisch arbeiteten wir, dann ging es fröhlich nach der BistSchreibversehen, statt: nach der List; Ausflugslokal mit Café und Restaurant am ‚Lister Thurm‘ am Rand des Eilenrieder Stadtwalds, ein – auch bei der Familie Wedekind – beliebter Vergnügungsort Hannovers. wo Musik war und wir Carußel fuhren. Am Dienstagden 23.5.1871. ging es ebenso. Mittwoch, Donnerstag und Freitag blieben wir zu HauseDaß die Familie trotz des schönen Wetters am Mittwoch (24.5.1871), Donnerstag (25.5.1871) und Freitag (26.5.1871) nicht zur List ging, lag insbesondere an den Schulaufgaben, die Armin und Frank (Baby) Wedekind nachmittags zu erledigen hatten, wie ihre Mutter ihrem Mann am Freitag aus Hannover schrieb: „Am Mittwoch und gestern [...] hatten die lieben Jungens soviel zu arbeiten für die Schule, daß ich es nicht möglich machen konnte besonders da auch Anna bei der Wäsche bleiben mußte und ich die Kinder erst noch hätte anziehen müßen. [...] Baby bekömmt | jetzt immer von der Schule als Aufgabe eine Seite zu lesen auf. Wenn er das gelesen hat so laß ich ihn nicht mehr extra lesen weil er sonst kaum hinaus käme. [...] Sie haben Beide Briefe für Dich angefangen und wollten sie morgen früh noch fertig machen.“ [Emilie Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 26.5.1871 (Mü, Nachlass Frank Wedekind, Konvolut Burkhardt, Nidderau)]. Heute ist das Wetter nicht mehr so schön und unsere Ferien sind heute angegangenbegonnen; die Pfingstferien dauerten von Pfingstsamstag, den 27.5.1871, bis zum Donnerstag, den 1.6.1871.. Da wollen wir recht fleißig sein. Nun lieber Papa sende ich Dir 1000 TuppisKüsschen. und bitte Dich mir recht viel zu schreiben.

Dein lieber Franklin.


[Kuvert:]


Herrn Dr. Wedekind.
Pension: Grünen HofIm Mai 1870, bald nach der Übernahme von Hotel und Pension zum Grünen Hof, annonciert Carl Wintterl: „Der Unterzeichnete, welchem der Betrieb dieses Hotels [...] übertragen worden ist, empfiehlt sich einem geehrten Publikum. Das Hotel zum grünen Hof liegt in unmittelbarer Nähe der K.[ur] Anlagen, zwischen den K. Luftschlössern: Villa, Rosenstein und Wilhelma. Außer 40 schön möblirten Fremdenzimmern, Speise-, Restaurations-, Café- und Billardsälen, neu angelegtem freundlichem Wirtschaftsgarten mit anstoßendem Lustgarten bieten die daneben befindlichen Mineralbäder und die bequeme Pferde-Eisenbahnverbindung mit dem nahe gelegenen Stuttgart und Cannstatt alle Vortheile eines angenehmen Aufenthalts. Das Hotel ist das ganze Jahr geöffnet, unmittelbar vor demselben kursiren die Pferdebahnwagen Morgens von 6 Uhr bis Nachts 10 Uhr je nach 6 Minuten nach und von Stuttgart und Cannstatt.“ [Schwäbische Kronik des Schwäbischen Merkurs zweite Abtheilung, Jg. (86), Nr. 124, II. Blatt, 28.5.1870, S. 1725]
in Berg
bei Stuttgart.

frei.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 30. Mai 1871 in Berg bei Stuttgart folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[1. Hinweis in Emilie Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 2.6.1871 aus Hannover (Mü. Nachlass Frank Wedekind. Konvolut Burkhardt, Nidderau):]


[...] vorgesternMittwoch, der 31.5.1871. Abend [...]. Der Jubel der KinderFrank Wedekind und seine Geschwister Armin, Willy und Erika. über Deine Briefe wollte gar kein Ende nehmen. Besonders freute sich Baby über das ihm zugetheilte LobFriedrich Wilhelm Wedekind dürfte die schulischen Fortschritte seines Sohns, insbesondere im Schreiben gelobt haben. Emilie Wedekind berichtete ihrem Ehemann: „Baby [...] macht im Schreiben auch wirklich Vortschritte, hingegen mit dem Lesen hat es noch immer seine liebe Noth. Herr Schmidt scheint das auch einzusehen denn er bekommt jetzt immer einige Seiten als Aufgabe für die Schule zu lesen auf, was ich ihn denn jeden Nachmittag lesen laße. Das Lied aus dem Gesangbuche haben sie beide gelernt.“ [Emilie Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 2.6.1871 (Mü. Nachlass Frank Wedekind. Konvolut Burkhardt, Nidderau)] [...]


[2. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 2.6.1871 aus Hannover:]

[...] daß Du mir so einen schönen Brief geschrieben hast [...]

Frank Wedekind schrieb am 6. Juni 1871 in Hannover folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Lieber guter Papa.

Lieber guter Papa ich habe mich sehr gefreut daß Du mir so einen schönen Brief geschriebenvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 29.5.1871. hast. Härr SchmitSchreibversehen, statt: Herr Schmidt; Lehrer im Auhagen’schen Institut, der Privatschule, die Frank und Armin Wedekind in Hannover besuchten. Gustav Schmidt war mit dem Zusatz „Privatlehrer“ in Hannover gemeldet, 1871 in der Dietrichstraße 22 (Parterre), 1872 in der Seestraße 18 (Parterre) [vgl. Adreßbuch, Stadt- und Geschäftshandbuch der Königlichen Residenzstadt Hannover 1871, Teil I, S. 408; 1872, Teil I, S. 427]. worüber Du mich gefragt hast, dem geht es ganz gut. Wir kommen jeden Tag um acht an, wenn wir aus kommen wir dann müßen immer welche nachsizenSchreibversehen, statt: nachsitzen. z. b. Otto Rupert. Große. Feit. BreierMitschüler Wedekinds im Auhagen’schen Institut in Hannover. Die korrigierte Schreibung der Nachnamen (Ruppert, Veit, Breyer) folgt den Namensansätzen im Adressbuch [vgl. Adreßbuch, Stadt- und Geschäftshandbuch der Königlichen Residenzstadt Hannover 1871, Teil I, S. 241, 400, 439].. Am Freitagden 2.6.1871. standen wir um 6 uhr auf dann tranken wir um Kafe dann gingen wir nach Der SchuleSchreibversehen, statt: der Schule; Frank Wedekind besuchte 1871 und 1872 das Auhagen’schen Institut in der Hildesheimerstraße 58 in Hannover, eine private „höhere Knabenschule und Fortbildungs-Anstalt für Konfirmirte, nebst Pensionat“ [Adreßbuch der königlichen Residenzstadt Hannover 1871, Teil II, S. 38]. dann ging es gaz gut dann aßen wir Dann machten wir unsere AufgalenSchreibversehen, statt: Aufgaben. und am SonabentSchreibversehen, statt: Sonnabend (der 3.6.1871). ging es ebenso.

Dein lieber Franklin.


Dienstag am 6ten Juni 1871


[Kuvert:]


Herrn Dr. Wedekind.
Pension. Grüner Hof in Berg
bei Stuttgart.


frei.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 4. Februar 1880 in Lenzburg folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis und Zitat in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 5.2.1880 aus Aarau:]


Es ist also keine Rede von „Nachts, drei Uhr, rauchenZitat aus dem hier erschlossenen Korrespondenzstück.“ e. ct.

Frank Wedekind schrieb am 5. Februar 1880 in Aarau folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

5. Februar 1880.


Lieber Papa!

Es thut mir unendlich Leid, Dir solchen Kummer bereitet zu haben. Ich bin weit davon entfernt mich entschuldigen zu wollen, da die ganze Sache auf einem unverantwortlichen Leichtsinn von mir beruhte, aber Du wirst mir gewiß einigermaßen verzeihen, wenn ich Dir den Hergang der ganzen Geschichte erzähle. Einer meiner Kammeradenmöglicherweise der Klassenkamerad und Freund Ernst Heinrich Zschokke; denn ziemlich genau ein Jahr nach den hier geschilderten Ereignissen berichtete Wedekind, dass Ernst Zschokke, nachdem die Freunde ein Jahr nicht miteinander geredet hatten, ihm (Wedekind) – in einer nicht genannten Angelegenheit – verziehen habe und die beiden sich versöhnt hatten [vgl. Wedekind an Walter Laué, 11.2.1881 und 28.2.1881]. stand in einem Verhältniß mit einem aarauer Mädchennicht ermittelt.. Zufällig fiel ihm das Concept eines Briefes an dasselbe in der Stunde aus der Tasche, ein Anderernicht ermittelt. nahm es auf und las es uns in der Pause vor. Auf diesen Brief machte ich nun eine Travestie„in der Poesie eine besondere komische (oder auch wohl satirische) Dichtungsart, in welcher ein ernst gemeintes poetisches Erzeugnis dadurch lächerlich gemacht wird, daß dessen Inhalt beibehalten, aber in eine zu demselben nicht passende äußere Form gekleidet (verkleidet, daher der Name) wird“ [Meyers Konversations-Lexikon. 3. Aufl. Bd. 15. Leipzig 1878, S. 150]., und das ist das GedichtDas Briefgedicht mit der Anrede „An L.B.“ (siehe unten) und der Grußformel „ewiglich der Ihre / Vulgo Kater F.W.“ [KSA 1/I, S. 48-49] ist als Abschrift in Wedekinds Sammlung „Gedichte 1877-1881“ überliefert und wurde in stark gekürzter Fassung unter dem Titel „Pennal“ im Sammelband „Die Fürstin Russalka“ (1897) abgedruckt [vgl. KSA 1/I, S. 789f.; KSA 1/II, S. 1955]., welches ich an L. B. schickteAdressatin war möglicherweise Leonie Bircher, die im Schuljahr 1880/81 Schülerin des Töchterinstituts in Aarau war [vgl. Achter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1880/81, S. 6] und im Schuljahr 1879/80 die Bezirksschule in Aarau besucht haben dürfte (eine halbe Stunde Fußweg von ihrem Heimatort Küttigen entfernt); ihrer Heiratsurkunde zufolge ist sie 1864 in Alexandria in Ägypten geboren [vgl. Archives de l’Etat civil de Marseille 1700-1922. Série 31: Mariages femmes 1810-1915. Paris, France: ARFIDO S.A., 2010], was in Verbindung mit dem in zeitlicher Nähe zum Briefgedicht „An L.B.“ (siehe oben) entstandenen Gedicht „Freudvoll u. Leidvoll“ [KSA 1/I, S. 736-740], das von der Liebe zu einem aus Ägypten stammenden Mädchen Leonie handelt („Ein mächtig Sehnen zieht mich nach Ägypten / In jenem schönen Lande der Geliebten. [...] Leonie, ich schwör dir hoch u theuer“), sie als Adressatin des Briefgedichts „An L.B.“ wahrscheinlich macht. – Die Vermutung, hinter „L.B.“ verberge sich Luise Belart [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 26; KSA 1/I, S. 1957], ist nicht zu belegen.. Du wirst jetzt begreifen, warum es so frivol, ja stellenweise sogar gemein ausgefallen ist. | Ich machte es in der Turnstundefrühestens am Freitag, den 30.1.1880. und schrieb es nachher geschwind auf. Es ist also keine Rede von „Nachts, drei Uhr, rauchenZitat aus einem nicht überlieferten Schreiben des Vaters; erschlossenes Korrespondenzstück: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 4.2.1880.e. ct. Diese Travestie las ich am folgenden Tage der Classedie I. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule Aarau, die Wedekind seit Mai 1879 besuchte. Die Gemeinschaft bestand aus 16 Schülern, von denen die eine Hälfte schon das Progymnasium der Kantonsschule Aarau besucht hatte. Einige Schüler waren ortsansässig, einige Tagespendler, einige – wie Wedekind – hatten ein Pensionszimmer und fuhren nur an den Wochenenden und kurzen Schultagen nach Hause. vor und sie gefiel. Man sprach davon, man sollte sie einem Mädchen schicken, und einer bot sich gleich dazu an, er wolle schon seinen eigenen Namen darunter setzen. Du begreifst, daß ich dies nicht zugab, aber ich dachte: „Wenn der’s thun kann, so kann ich’s auch.“ und es handelte sich nur noch darum, wem ich es schicken sollte. Ich wäre nie auf L. B. gefallen, da ich sie gar nicht kannte, aber man machte mich auf sie aufmerksam und ich schickte ihr den Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Leonie Bircher, 2.2.1880. theils aus Übermuth, theils aus Neugierde, was sie darauf antworten werde. Letzteres ist auch allein der Grund, warum ich es nicht bei einem Briefe bewenden ließ. Es liegt also dem Gedicht nicht, wie Du etwa denken magst, ein tieferes Motiv zu Grunde, denn dann wahrlich hätte ich etwas Anderes schreiben können, als was in jenem Brief steht. Es wäre auch jedenfalls besser heraus gekommen, wenn es mein Ernst gewesen | wäre, denn ich hätte besonnener gehandelt. Ich wartete also auf eine Antwort, aber sie kam nicht. Ich vernahm nur durch HuberHermann Huber, Klassenkamerad und Freund Wedekinds. das, was ich in dem zweiten Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Leonie Bircher, 3.2.1880. entschuldigte. Auch diesen erkennt man an verschiedenen Stellen mehr als den Erguß einer übermüthigen Laune, als tieferer Gefühle. Aber was ich durch Huber so erfuhr, war blutwenig, und so ziemlich aus Eitelkeit drang ich auch in dem zweiten Briefe auf eine schriftliche Antwort auf das „Gedicht“. Da auch diese ausblieb, hoffte ich meinen Zweck dadurch zu erreichen, daß ich mich dem Mädchen interessant machte und darum schrieb ich den dritten Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Leonie Bircher, 4.2.1880.. Es war unbesonnen und frech von mir, mit einem so schrecklichen Zustand auf diese Weise zu scherzen. Ich kann nicht sagen, daß mir dies/s/ beim Schreiben nicht einfiel, denn gerade dadurch glaubte ich ihr am meißtenSchreibversehen, statt: meisten. zu imponiren.

Wie Du schon weißt hat mich Huber schändlich betrogen. Was er in die Briefe schrieb, weiß ich nicht und will es auch nicht wissen, aber ich gab ihm eine tüchtige Ohrfeige und werde kein Wort mehr mit ihm sprechen. |

Sowohl in Lenzburg, wie auch hierin Aarau. habe ich jetzt Unannehmlichkeiten durch solche Dummheiten gehabt und ich werde es mir für immer zur Lehre dienen lassen. Ich bitte Dich noch, die drei Briefe sobald als möglich zu vernichten.

Du magst vielleicht denken, ich schreibe Dir nur, um Dich zu versöhnen, bevor ich heim kommeFrank Wedekind wohnte in der Schulzeit in der Familie des ehemaligen Kantonsschullehrers Professor Friedrich Rauchensteins in Aarau (Halden Nr. 261) [vgl. Verzeichniss sämmtlicher Einwohner, Wohn- und Oekonomie-Gebäude der Gemeinde Aarau, S. 17f.]. Samstags nach der Schule und an kurzen Schultagen fuhr er heim nach Lenzburg., aber, weiß Gott, das ist nicht der Fall. Ich halte es für meine Pflicht, da ich Dich am Mittwochenden 4.2.1880. nicht sah (wir hatten von 4-5Nach dem Unterrichtsende um 17 Uhr hätte Wedekind 2 Stunden in Aarau warten müssen, ehe ihn ein Zug nach Lenzburg gebracht hätte. Mit Umstieg in Suhr betrug die Fahrtzeit gut 35 Minuten, so dass er wohl nach 20 Uhr zu Hause auf Schloss Lenzburg gewesen wäre, wo er noch hätte die Hausaufgaben erledigen müssen. – Die Strecke zwischen Lenzburg und Aarau konnte entweder mit der schweizerischen Centralbahn (SCB) – Strecke Aarau-Muri-Bremgarten – oder mit der schweizerischen Nationalbahn (SNB) – Strecke Zofingen-Konstanz: Abschnitt Aarau-Suhr, Suhr-Hunzenschwyl-Lenzburg zurückgelegt werden. Laut Winterfahrplan 1879/80 kam zu Schulbeginn nur der Zug der SCB, der um 7.39 Uhr am Bahnhof Aarau eintraf, in Frage. Für den Rückweg standen Abfahrtszeiten ab Aarau um 12.00 Uhr, 12.38 Uhr, 16.23 Uhr, 16.53 Uhr, 19.08 Uhr zur Verfügung [vgl. Aargauer Nachrichten, Jg. 26, Nr. 7, 9.1.1880, S. (3)]. TurnenDem Schulprogramm zufolge hatten die Schüler der I. Klasse zwei Wochenstunden Turnen bei Turnlehrer Heinrich Wäffler; unterrichtet wurde nach der „Eidg. Turnschule 2. Stufe. Frei- und Stabübungen nach Maul. Im Sommer Riegenturnen, im Winter Gemeinübungen an den Geräten. Turnspiele.“ [Programm der Aargauischen Kantonsschule. Schuljahr 1879/80, S. 25]) mich wenigstens schriftlich zu entschuldigen verantworten. SonnabendSamstag, den 7.2.1880., um vier Uhr werde ich kommen und verbleibe Dein Dich liebender Sohn

Franklin.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 7. Mai 1883 in Frankfurt am Main folgende Postkarte
an Frank Wedekind

WELTPOSTVEREIN. (UNION POSTALE UNIVERSELLE.)
POSTKARTE AUS DEUTSCHLAND.
(ALLEMAGNE.)


An Herrn
Franklin Wedekind
Schloss Lenzburg
Schweiz. |


Frkfrter Hof, Frankfrt 7/5 83
Abends


L. B.

Gestern Reise prächtig, Sommerwetter. Um 6 Uhr hier, eine halbe Stunde darauf in der Operim Opernhaus in Frankfurt am Main (heute: Alte Oper); Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ (op. 77) wurde am Sonntag, den 6.5.1883, unter der Leitung des Dirigenten Felix Otto von Dessoff aufgeführt.: „Freischütz“. Agathe himmlischDie Sopranistin Marie Schröder-Hanfstängl, die 1882/83 am Frankfurter Opernhaus gastierte, sang am 23.12.1882 erstmals die Agathe und erhielt größtes Lob der Presse: „Die Sonnabend-Vorstellung von Weber’s ‚Freischütz‘ bot durch die Neubesetzung der Rolle der Agathe, die zum ersten Mal von Frau Schröder-Hanfstängl gesungen wurde, ein ganz besonderes Interesse. Wir haben diese, gerade wegen ihrer Einfachheit so überaus schwierige Parthie noch selten in gleicher Vollendung gehört. Frau Hanfstängl beherrscht ihr schönes Organ mit so ausgezeichneter Meisterschaft, daß sie den Ton in allen dynamischen Abstufungen mit gleicher Sicherheit und Korrektheit zu bringen vermag. Daß Mezza voce in dem ‚Leise, leise, fromme Weise‘ war von entzückender Schönheit und nach dieser Arie, wie nach der zweiten (‚Und ob die Wolke sie verhülle‘) erntete die Künstlerin stürmischen Beifall.“ [Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, Jg. 27, Nr. 359, Morgenblatt, 25.12.1882, S. 2]. Aennchen reizendDas Ännchen sang die Sopranistin Ernestine Epstein, über deren gelungenes Zusammenspiel mit Marie Schröder-Hanfstängl es im Presseartikel heißt: „Neben dieser trefflichen Agathe stand Frl. Epstein als ein ebenso vortreffliches Aennchen. Es war wirklich ein Genuß, diese beiden prächtigen Stimmen im Wettstreit nebeneinander erklingen zu hören. Wir sind überzeugt, es dürfte sich kaum ein anderes Theater in Deutschland finden, welches für diese beiden Hauptparthien zwei so ausgezeichnete Vertreterinnen aufweisen könnte.“ [Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, Jg. 27, Nr. 359, Morgenblatt, 25.12.1882, S. 2], vorletztes MalAm 12.5.1883 gab Ernestine Epstein ihre Abschiedsvorstellung [vgl. Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, Jg. 27, Nr. 359, Morgenblatt, 25.12.1882, S. 2], glücklich, übermorgen HochzeitFriedrich Wilhelm Wedekind dürfte etwas mißverstanden haben, denn geheiratet wurde erst am 1.7.1883. Der Bankier Theodor Epstein aus der Leerbachstraße Nr. 13 in Frankfurt ehelichte die Schauspielerin Ernestine Epstein, bei der im Heiratsregister „ohne Gewerbe“ vermerkt wurde [Heiratsregister Bornheim 1849-1930 Bl. 316, Nr. 666]., Bankier von hier, reich. Chor und Orchester ausgezeichnet. Max gutFriedrich Wilhelm Wedekind dürfte in der Rolle des Max den Tenor Albert Stritt gehört haben, der 2 Jahre zuvor im „Freischütz“ ein erfolgreiches Frankfurter Debüt feierte [vgl. Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, Jg. 25, Nr. 60. Abendblatt, 1.3.1881, S. 2]., Caspar scheuslichSchreibversehen, statt: scheußlich. Den – entsprechend der Rolle – ‚scheußlichen‘ Kaspar wird der Bass Joseph Niering verkörpert haben. Er war berühmt für diese Rolle und seit 1878 Ensemble-Mitglied an der Frankfurter Oper [vgl. Großes Sängerlexikon, Bd. 5, S. 3355].; Wolfsschlucht grausigdie gespenstisch unheimliche 4. Szene im II. Akt der Oper, die nach früherer Kritik seit Weihnachten 1882 neu arrangiert worden war: „Die Wolfsschlucht präsentirte sich am Sonnabend gleichfalls in neuem Gewande. Prospekte und Maschinen waren nicht gespart, ‚das kleine Himmelslicht‘ schien sehr natürlich auf den bösen Kaspar herunter [...] an Wasser, Feuer, Felsenwänden, an Thier und Vögeln fehlt es nicht.“ [Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, Jg. 27, Nr. 359, Morgenblatt, 25.12.1882, S. 2], Luft voller Ungethüme, Höllenlärm, ganze Bühne ein Flammenmeer. Heute früh 8 Uhr auf BühneBesichtigung von Bühne und Technik des 1880 fertiggestellten Frankfurter Opernhauses., Maschinerie angesehen. Prachtvoller Bau, Inneres CarmoisinAzorubin, ein roter Farbstoff. und Gold, Foyer strotzend von vergoldeter Stuckatur und Statuen. Um 10 Uhr Geschäfte, morgen vielleicht beendet. Heute Nachmittag Palmengartender 1871 eröffnete botanische Garten Frankfurts mit Restaurationsbetrieb, Sportanlagen und täglich stattfindenden Konzerten. und „Schlacht bei SedanKrieg (1870/71). Als Sedantag war das Ereignis im Deutschen Kaiserreich (1871-1918) offizieller Gedenk- und Feiertag., großes Panoramaein 1800 Quadratmeter großes Rundgemälde – 122 Meter lang, 15 Meter breit –, das die Schlacht bei Sedan (1. bis 2.9.1870) „historisch-treu“ darstellte und zum 10-jährigen Jubiläum des Sedantags (2.9.1880) in einem eigens geschaffenen Rundbau im Palmengarten eröffnet worden war: „Vor einigen Tagen hat Prof. Louis Braun von München in Verbindung mit Archtiekturmaler Frosch und Landschaftsmaler Biberstein das große Rundgemälde der Schlacht bei Sedan beendet. Es werden jetzt in dem neuen, am Palmengarten zu Frankfurt a. M. gelegenen Panoramagebäude noch die letzten Handwerkerarbeiten ausgeführt, damit des Unternehmers, Herrn Diemont von Arnheim, Absicht, am zehnjährigen Jahrestage der Schlacht den Schauplatz zu eröffnen, erreicht werde. Inzwischen kann der leitende Künstler die letzte Hand anlegen, um die zur Vollendung der optischen Täuschung dienende Ausstattung des Podiums mit natürlichen Sträuchern, mit Rasen, Kies und Erdreich zu beenden.“ [Mnemosyne. Beiblatt zur Neuen Würzburger Zeitung mit Würzburger Anzeiger, Jg. 1880, Nr. 103, 26.8.1880, S. 412] Das Panoramabild wurde zu einem weiteren tausende Besucher anziehenden Publikumsmagneten des Frankfurter botanischen Gartens und begründete Louis Brauns und seiner Mitarbeiter Ruhm als Panoramamaler: „Das Sedan-Panorama in Frankfurt am Main [...] ist von Professor Louis Braun, München, in Verbindung mit dem Architekturmaler Frosch und Landschaftsmaler Biberbach [!] mit künstlerischem Geschmack gemalt worden und nimmt unter den derartigen Kunstwerken Deutschlands vielleicht den ersten Rang ein.“ [Die Gartenlaube, Jg. 29, 1881, Heft 36, S. 600], ein Pantheon, Glasdach, sonst massiv, rother Sandstein, Franzosen im Thalkessel zusammengetrieben, Artillerieschlacht, mittendrin, unverletzt. –


[Um 180 Grad gedreht zwischen Anrede und Brieftext platziert:]

Gruß an alle, und besonders MatiKosename für die siebenjährige Emilie Wedekind, die jüngste Schwester Frank Wedekinds..

E. E. ing. l. Papa

Frank Wedekind schrieb am 2. Mai 1884 in Lausanne folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Lausanne 2.V.84.


Lieber Papa!

Gesternam 1.5.1884. Abend um 10 Uhr kam ich glücklich in LausanneWedekind ging für ein Studiensemester der Literatur neuerer Sprachen an die Académie de Lausanne. an, wurde von WillyWedekinds Bruder William, der nach dem Schulabschluss im Frühjahr 1883 eine kaufmännische Ausbildung in Yverdon begonnen hatte und diese seit Ende November 1883 im Speditions- und Assecuranzgeschäft von Emile Ruffieux in Lausanne fortsetzte. herzlich am Bahnhof abgeholt und in unsere gemüthliche WohnungWilliam Wedekind wohnte in Lausanne anfangs in der Pension Mercanton (Rue du Midi, 4) [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Armin Wedekind, 21.-28.11.1883, in: Familienarchiv Wedekind, Leichlingen, FW L 49] und zog spätestens mit der Ankunft seines Bruders Frank in Lausanne in die angemietete Wohnung bei dem Tierarzt Emile Daniel Gros (s. u.). geleitet. Gestern Morgen fand ich leider keine Zeit mehr, von Mieze AbschiedWedekinds Schwester Erika, genannt Mieze, besuchte seit wenigen Tagen die erste Klasse des Töchterinstituts und Lehrerinnenseminars in Aarau [vgl. Zwölfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1884/85, S. 4], wohin sie morgens mit dem Zug fuhr. zu nehmen, da sie so rapid zum Bahnhof hinaus | lief, daß alles Rufen umsonst war. In Aarau war ich bei SiebenmannSiebenmann & Cie., Civil- und Militärschneiderei in Aarau; das Geschäft von Jakob Siebenmann (Zwischen den Toren) [vgl. Catalogue officiel de la quatrième exposition nationale Suisse. Zürich 1883, S. 26], der bereits im Ruhestand war, wurde von Gustav Siebenmann (1848-1930), der unter der gleichen Wohnadresse verzeichnet war (Oberthor 226) [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 44], und dessen Bruder Otto Siebenmann (1846-1925) (Golattenmattgasse 227) [ebd.] weitergeführt. und erkundigte mich nach dem Anzug. Er war allerdings noch nicht fertig, wird mir ihn aber, nachdem ich ihm meine Adresse geschrieben hierherschicken. Bis Bern saß ich zwischen einige dicke Engländer eingeklemmt, und konnte ob ihrem eifrigen Gespräch wenig meinen Gedanken nachhängen. In Bern hatt’ ich mich bald zurecht gefunden und spazirte die Arcadendie charakteristischen Bogengänge in den Gassen der Berner Altstadt: „Innerhalb der alten Stadt haben die Häuser im Erdgeschoss ‚Lauben‘ (Arcaden), welche zu beiden Seiten der Strassen fortlaufende gedeckte Gänge für Fußgänger bilden.“ [Karl Baedeker: Die Schweiz nebst den angrenzenden Theilen von Oberitalien, Savoyen und Tirol. Handbuch für Reisende. 23. Aufl. Leipzig 1889, S. 132] hinunter | über die Nideckbrückedie Nydeggbrücke über die Aare. zum Bärengrabensteinernes Bärengehege mit Zwinger am Ufer der Aare.. Auf dem Rückweg kam ich in eine katholische Kirchedie von 1858 bis 1864 erbaute Kirche St. Peter und Paul (Rathausgasse 2). „Die neue kath. Kirche in roman.-got. Stil, mit klotz. Pfeilern u. unschönem Turm, spricht wenig an, entbehrt aber in ihrem Innern nicht e. ernsten Eindrucks.“ [Iwan von Tschudi: Der Turist in der Schweiz. Reisetaschenbuch. 27. Aufl. St. Gallen 1885, S. 64] und bewunderte die Schnörkeleien und Wappen am Rathhausdas spätgotische Rathaus (1406–1415) gegenüber der Kirche St. Peter und Paul, „mit einer grossen Treppe, oben die Wappen der bernischen Aemter“ [Karl Baedeker: Die Schweiz nebst den angrenzenden Theilen von Oberitalien, Savoyen und Tirol. Handbuch für Reisende. 23. Aufl. Leipzig 1889, S. 133].. Der Dom„Das herrlich, got., im Laufe des 15. Jh. erbaute Münster [...] mit prachtvoller Hauptpforte auf der Westseite, treffl. Ornamenten, geschmackvolle durchbrochene Dachgalerie, guten Glasmalereien im Chor, schön geschnitzten Chrorstühlen v. 1512, gewalt. Orgel [...] Monumenten, Gedächtnistafeln usw., ein einfaches, aber impos. Gebäude.“ [Iwan von Tschudi: Der Turist in der Schweiz. Reisetaschenbuch. 27. Aufl. St. Gallen 1885, S. 64] gegenüber, den ich am Morgen nur von außen betrachtete, interessirte mich aber bedeutend mehr, zumal da er das erste Bauwerk der Art war, daß ichSchreibversehen, statt: das ich. aus der Nähe zu sehen Gelegenheit hatte. Den Bundespalastdas Bundeshaus: „in der Bundesgasse das Bundes-Rathhaus [...], ein Flügelbau aus Sandsteinquadern im Florentiner Palaststil“ [Karl Baedeker: Die Schweiz nebst den angrenzenden Theilen von Oberitalien, Savoyen und Tirol. Handbuch für Reisende. 23. Aufl. Leipzig 1889, S. 135], der seit 1857 als Parlamentsgebäude diente (Bundeshaus West; 1892 um das Bundeshaus Ost erweitert). hatt’ ich mir dann aber doch bedeutend imposanter vorgestellt, und auch sein Inneres an | Treppen und Corridoren weist nicht viel Bemerkenswerthes auf. Ich hatte mir vorgenommen, nach dem Essen Otto v. Greyerzein Cousin von Minna von Greyerz aus Bern, den Wedekind in Lenzburg kennengelernt hatte, studierte seit dem Sommersemester 1882 an der philosophischen Fakultät der Universität Bern Germanistik [vgl. Matrikelbücher der Universität Bern, Sommersemester 1882, Nr. 4301. Staatsarchiv des Kantons Bern, Signatur: BB IIIb 1159]. aufzusuchen. Als ich aber die Arcaden wieder hinaufschlenderte, da stand er plötzlich vor mir und war sehr erfreut, mich wiederzusehn. Leider war ihm gestern Morgen ein Onkelnicht identifiziert. gestorben, und er deshalb anfänglich in einer etwas gedrückten Stimmung. Trotzdem widmete er mir aber den ganzen Nachmittag. Nachdem | ich bei Anderes das Restaurant Anderes (Spitalgasse 37) [vgl. Karl Baedeker: Die Schweiz nebst den angrenzenden Theilen von Oberitalien, Savoyen und Tirol. Handbuch für Reisende. Leipzig 1889, S. 131].zu Mittag gegessen, trafen wir uns verabredeterweise und wanderten sofort in die/as/ Kunstausstellungmuseum1879 eröffnetes Museum in der Waisenhausstraße.. Zwei Stunden lang verweilten wir unter all’ den Herrlichkeiten, vertieften uns in das Schöne und unterhielten uns über die EffectstückeMalerei mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten (Chiaroscuro)., es war der Glanzpunkt des ganzen Tages. In einem besonderen Zimmer waren Bilder und Entwürfe eines jungen jüngst verstorbenenGottlieb (auch: Gottfried) Boss war im Alter von 26 Jahren am 28.7.1883 bei einem Erdbeben auf Ischia ums Leben gekommen. | Berner Malers namens Boß ausgestellt, worunter sich manch interessantes Stück befand. Später begleitete mich Greyerz ins Münster und machte mich dort auf vieles aufmerksam an Sculpturen und Glasgemälden, was mir ohne dem wol kaum aufgefallen wäre. Das Denkmal Rudolfs von Erlachdie Bronzestatue Rudolfs von Erlach am Münsterplatz, „ein colossales Reiterstandbild auf hohem, mit zierlichen Ornamenten geschmücktem, Piedestal von Solothurnermarmor, zu dem mehrere Stufen hinaufführen [...] Die Statue imponirt durch edle Auffassung und schöne Durchführung des Details; besonders trefflich modellirt ist das Pferd“ [Führer durch Bern und Umgebung. Bern 1875, S. 51]. hatt ich schon am morgenSchreibversehen, statt: am Morgen. bewundert. Aber so trefflich auch er selber ausgeführt sein mag, so gefiel mir doch | sein Pferd wegen zu großer Plumpheit absolut nicht. Die Aussicht von der TerasseSchreibversehen, statt: Terrasse. Gemeint ist die Münsterplattform an der Südseite des Münsters. aus war leider wegen bedeckten Himmels äußerst beschränkt; einzig die neue Brückedie am 24.9.1883 eingeweihte Kirchenfeldbrücke. gerade unter uns, wirklich ein kolossales Werk, vermochte meine Aufmerksamkeit zu fesseln. Bern hat mir im allgemeinen keinen sehr günstigen Eindruck hinterlassen. Die Stadt ist wer/d/der alt noch neu, eng und eingezwängt, besitzt nicht e/E/ine schöne Straße | und der abgelebte Patricierhochmut und der prozenhafte Krämerreichthum schaut/e/n zu allen Häusern heraus. Von Bern aus hatten wir einen französischen Conducteur(schweiz.) Schaffner., an dem ich zum ersten m/M/al mein Französisch versuchte, aber geläufig ging es natürlich nicht. In Freiburg war es nat bereits stockfinster und die Fahrt begann äußerst langweilig zu werden, besonders da an jeder kleinen Station | gehalten wurde. Als wir von Chebrexdie Gemeinde Chexbres auf einer Anhöhe am Ufer des Genfer Sees, den Wedekind bei seinem Blick aus dem Fenster vermutlich sehen wollte. abfuhren, blickt’ ich mit fieberhafter Spannung zum Wagenfenster heraus, aber auf der verkehrten Seite, und als ich meinen Irrthum bemerkend auf die andere Seite eilte, waren wir eben in einen Tunnel eingefahren. Um so überraschender war die Ausfahrt aus dem Tunnel, als der/as/ unbegrenzte Seebecken bestrahlt vom finsterumwölkten Monde vor meinen Augen lag. | Mit dieser Aussicht, nur durch einige Tunnel unterbrochen, ging die Fahrt bis nach Lausanne. Willy war am Bahnhof und empfing mich recht herzlich. Wir spazirten sofort dem neuen Heim zu und zwar vom Bahnhof aus auf der Straße nach OuchiOuchy, der Hafen von Lausanne am Genfer See. wenige Schritte abwärts und dann linkt/s/ durch Gärten hin bis zu einer Garten Thür linker Hand. Die Herrschaftender Tierarzt Emile Daniel Gros und seine Frau Hortense (geb. Mayor). hatten sich bereits zurückgezogen | und so saßen wir noch eine kleine Weile auf meinen ZimmerSchreibversehen, statt: meinem Zimmer. und schwatzten. Mein Zimmer ist äußerst nett eingerichtet und ganz geräumig und was Willy seinem in dieser Beziehung abgeht, das gewinnt es durch eine die freie Aussicht auf den See. Monsieur und Madame sind sehr freundlich, sprechen kein Deutsch und haben 4 kleinere Kindernicht identifiziert., wob/v/on das Älteste, ein Mädchen leider taubstumm ist. Über die Kost kann ich noch nicht urtheilen aber | das Frühstück war reichlich und gut. Nach dem Frühstück gingen wir zusammen auf den Bahnhof, denn Willy hatte für den Morgen von Herrn Rüffieux frei erhalten, und spedirtenversandten. meinen Koffer nach Haus. Dann besuchten wir die Kathedraledie Kathedrale Notre-Dame in Lausanne, „e. der schönsten got. Bauwerke der Schweiz, in der alten Cité, i. J. 1275 von Papst Gregor X. in Gegenwart Kaiser Rudolfs v. Habsburg eingeweiht u. in neuester Zeit in edler Einfachheit restaurirt.“ [Iwan von Tschudi: Der Turist in der Schweiz. Reisetaschenbuch. 27. Aufl. St. Gallen 1885, S. 161] und den Mont Benondie Esplanade de Montbenon, Park in Lausanne mit Panoramaaussicht auf die Alpen und Genfer See., besahen die Stadt ein wenig und waren um 10 Uhr bei Mr. RüffieuxDer Kaufmann und Versicherungsagent Emile Ruffieux, Commission & Expédition, Assurances et Importation (Place St. François 11), war der Lehrherr von William Wedekind; er war Anfang des Jahres zu Besuch in Lenzburg gewesen [vgl. William Wedekind an Frank Wedekind, 18.1.1884].. Er war äußerst freundlich, erkundigte sich nach Dir und Onkel Erich und war sehr erfreut darüber, Dich bald | wiedersehen zu dürfen. Auf dem Heimweg sah ich mich nach dem Namen unserer Straße um und die genaue Adresse heißt demnach

p. a. Mr. E. Gros
villa Mont-Caprice,
chemin de Montchoisy
Lausanne.

übrigens habe das Pensionsgeld auch noch Zeit bis du in 10 Tagen hierherkommst. Nach den Collegiendie Vorlesungen an der Académie de Lausanne. werde ich mich heute Nachmittag erkundigen. Das Hotel | Beau Site liegt hinter dem Hotel Grand Pont neben dem Mont Benon. Es scheint ungefähr gleicher Qualität zu sein aber Willy wird sich noch des Näheren erkundigen. Eben hat Willy seine Wäsche einzupacken begonnen und so will ich denn den Brief schließen, damit er die unentgeltliche Fahrgelegenheit benutzen kann. Ich hoffe daß bei Euch alles wohl geblieben ist und grüße e/E/uch alle, und vor allem Dich, lieber Papa. Dein treuer Sohn
Franklin

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 3. Mai 1884 in Lenzburg folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekind an Emilie Wedekinds Brief vom 11.5.1884 aus Lausanne:]


Papa schickte mirHinweis auf das hier erschlossene Begleitschreiben zu den zugesandten Fotografien. die Probephotographien [...]

Frank Wedekind schrieb am 11. Juni 1884 in Lausanne folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Lausanne 11. Jul/n/i 84.


Lieber Papa,

Bald nach Deiner Abreiseam 18.5.1884 [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an William Wedekind, 20.5.1884; Mü FW B 312]. von hier inserirte Willy die AnonceSchreibversehen, statt: Annonce. in Betreff eines Französischlehrers. Es liefen denn auch in den nächsten Tagen von den verschiedensten Seiten Offerten ein, zum größten Theil von Studenten und Damen. Leider ließ sich niemand vernehmen, der mehreren Schülern zu gleicher Stunde Unterricht gegeben hätte und demnach variirte der Preis zwischen 2 fr. 50 ctm. | und 4 frs. für uns beide per Stunde. Wir suchten mehrere Erkundigungen einzuziehen und entschlossen uns endlich zu einem Mr. Beaumont, der, ein Pariser von Geburt, hier, in Lausanne, deutsche, französische, italienische und spanische Privatstunden ertheilt. Er nimmt 3 frs. für die Stunde, ist ein Mann von bedeutender Bildung, und weiß den Unterricht sehr praktisch einzurichten. Zu Hause machen wir Übersetzungen und zwar jeder ein besonderes Thema; in der Stunde dictirt er uns Französisch der Orthographie halber und wird auch dies oder jenes französisch gelesen. Seit 14 Tagen haben wir 2 Mal die Woche seinen Unter|richt besucht, Dienstag und Freitag von 10 – 11. Die Bezahlung geschieht monatlich. Doch d ist es jedenfalls auch so einzurichten, daß wir jeweilen am 15. bezahlen. Da wir einstweilen erst 4 Stunden gehabt haben, so hat also die Bezahlung noch Zeit.

Daneben hab’ ich mir nun allerdings noch eine Ausgabe erlaubt. Da nämlich mein schwarzer Hut äußerst schabichwohl für: schäbig. geworden war, und ich in meiner Tuchmütze unmöglich einen Besuch machen konnte, so kauft’ ich mir einen neuen Filzhut. Ich wählte die Form, wie sie hier allgemein von jungen Leuten getragen wird und wie sie auch meine Mitschüler in Aarau bei feierlichen Gelegenheiten trugen. Es ist ein runder steifer Hut, | der mir sehr gut steht und meinen schwarzen Anzug completirt. Willy halt/f/ mir ihn aussuchen, und wir nahmen ihn so billig wie möglich; denn dachte ich, da ich ihn nur äußerst selten trage, so kann er trotzdem lange zeitSchreibversehen, statt: lange Zeit. halten und gut aus sehn. Der Preis beträgt 8 frs. wozu mir Willy die Hälfte geliehen hat. Ich wäre Dir nun sehr dankbar, wenn Du uns zum Monatsgeld diesen Betrag beilegen würdest.

Vor vierzehn Tagengenau gerechnet wäre das der 28.5.1884. waren wir bei Mdm DüplanLouise Duplan (geb. Gaudard) führte seit dem Tod ihres Mannes Paul Duplan 1870 ein Mädchenpensionat in Lausanne in der Villa „La Verger“ (Rue de Valentin 65), das 1887 auch Erika Wedekind besuchte [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 30]. , und wurden äußerst freundlich von ihr empfangen. Sie ist eine große, imposante Erscheinung von vielem Anstand und gewinnender Herzlichkeit. Nachdem wir uns im Salon niedergelassen hatten, ersi/c/hienen | auch die jungen Damen: Frl. Düplannicht näher identifiziert; wohl eine Tochter von Louise Duplan., Frida Zschokkedie Schwester von Wedekinds Aarauer Schulfreund Ernst Heinrich Zschokke, die bis Januar 1884 das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar in Aarau besucht hatte [vgl. Elfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1883/84, S. 5] und nun das Mädchenpensionat bei Madam Duplan (geborene Gaudard) in Lausanne., Lina WaltyLina Walty aus Gravellona in Italien zog 1878 als Kind mit Eltern und Bruder, dem späteren Kunstmaler Hans E. Walty, nach Lenzburg. William Wedekind war mit Hans Walty, mit dem er die Bezirksschule Lenzburg besucht hatte, befreundet und mindestens seit Januar 1881 mit Lina Walty ein Paar [vgl. Lina Walty an William Wedekind, Gravellona, 23.1.1881, in: Mü, L 3476, Nr. 18, Abschrift Frank Wedekind; Friedrich Wilhelm Wedekind an Armin Wedekind, 21.-28.11.1883, in: Familienarchiv Wedekind, Leichlingen, FW L 49, EFFW (Kopie)]. und Frl. Amslernicht näher identifiziert; möglicherweise „Anna Amsler aus der nah zu Lenzburg gelegenen Gemeinde Schinznach, Tochter des dortigen Gemeindeschreibers Wilhelm Amsler, 1884 verehelicht mit Otto Tschamper“ [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 35].. Trotz meinem schlechten Französisch unterhielten wir uns sehr gut, so daß im Augenblick eine Viertelstunde vorüber war. Beim Abschiednehmen meinte Mdm. Düplan, wir sollten nur öfter zu ihr kommen, wenn wir freie Zeit hätten, und um einen positiveren Anfang zu machen lud sie uns gleich auf den folgenden Sonntagder 1.6.1884. Nachmittag zu schwarzem Cafe und Croquetspiel„ein aus England herübergekommenes, jetzt in Deutschland sehr beliebtes Gesellschaftsspiel, das auf einem kurz gemähten Rasenplatz oder auf einem andern ebenen Platz gespielt wird. Man treibt in der Mitte eines solchen Platzes 8–10 eiserne Bogen so in die Erde, daß sei ein Kreuz, ein Achteck oder auch eine andre Figur bilden [...] die Aufgabe ist nun, die hölzernen Spielbälle mittels der ebenfalls hölzernen Hämmer [...] an langem Stiel durch sämtliche Bogen zu treiben“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. Band 3. Leipzig 1886, S. 347]. ein. So verlebten wir denn letzten Sonntagder 8.6.1884. einen sehr angenehmen Nachmittag. Zuerst wurde im Salon Caffe getrunken, wozu sich noch ein deutsches Fräulein aus Rostocknicht näher identifiziert. einfand, die ebenfalls dort in Pen|sion ist. Lina Walty war leider schon einige Tage vorher abgereist und man erzählte uns viel von den bei der Gelegenheit vergossenen Thränen. Nach dem Kaffe begannen Frl. Zschokke, Frl. Amsler und wir beiden vor dem Hause Croquet zu spielen und bald f gesellte sich auch Frl. Düplan dazu. Das Wetter war allerdings nicht sehr günstig; die Damen froren an die HändeSchreibversehen, statt: an den Händen. und nach einigen Partien fielen sogar Regentropfen. Wir zogen uns demnach ins Haus zurück und wollten Abschied nehmen. Mdm. Düplan hatte aber bereits einige Flaschen Bier im Speisezimmer plaß/c/irt, wo wir uns noch ein halbes Stündchen auf das allergemüthlichste unterhielten. Indessen war es halb fünf Uhr | geworden und wir brachen auf. Beim Abschied baten wir um die Erlaubniß die Damen ’mal auf den See begleiten zu dürfen, worauf Frl. Düplan versprach, uns eine Karte schicken zu wollen, wenn es ihnen convenirtezusagte, passte.. So stiegen wir denn wieder zu unserer Philistereihier studentensprachlich für die angemietete Wohnung bei dem Tierarzt Emile Gros und seiner Frau Hortense in der Villa Mon Caprice. hinunter mit dem Bewußtsein einen höchst angenehmen Nachmittag erlebt zu haben. —

In der Zeichenstunde gefällt es mir sehr gut. Ich habe bereits einen Kopf, einen Palemon„Palämon, im griech. Mythus der in eine Meergottheit verwandelte Melikertes [...], der als schützender Hafengott weit und breit im Mittelmeer verehrt wurde [...]. Dargestellt wurde er als schöner Knabe, der von einem Delphin oder auf den Armen seiner Mutter [...] zum Meeresherrscher Poseidon getragen wird, dem er lieblich entgegenlächelt.“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. Bd. 12. Leipzig 1888, S. 614], in Kohle vollendet und einen zweiten begonnen.

Ich schließe mit den besten Grüßen an Euch alle zusammen, und mit besten Dank an Mati für ihre schöne ZeichnungWedekinds achtjährige Schwester hatte ihm die Zeichnung eines Hauses geschickt [vgl. Emilie (Mati) Wedekind an Frank Wedekind, 6.6.1884]. und | mit einem herzlichen Kuß für Dich, lieber Papa.

Dein treuer Sohn Franklin.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 1. Juli 1884 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind , William Wedekind

Schloß Lenzburg, 1. Juli 1884


Meine lieben SöhneDer Brief ist an Frank und William Wedekind adressiert, die sich seit 1.5.1884 eine Wohnung in Lausanne (Chemin de Montchoisy, Villa Mon Caprice) teilten.!

Gestern Mittag haben wir ihn denn der Mutter Erde übergeben, den armen Hans, Deinen, lieber Bebifamilieninterner Kosename für Frank Wedekind., mehrjährigen HausgenossenArmin und Frank Wedekind hatten während ihrer Schuljahre 1879/80 und 1880/81 an der Kantonsschule Aarau zeitweise bei der Familie Rauchenstein (Halden 261) gewohnt., langjährigen trauten Freund, und zuletzt auch für Dich besorgter LehrerHans Rauchenstein studierte Altphilologie und war nach einem ergänzenden Geschichtsstudium seit dem 30.4.1884 Lehrer für Geschichte und klassische Philologie an der Kantonsschule Aarau [vgl. Eduard Leupold: Zur Erinnerung an Professor Dr. Hans Rauchenstein. Separatabdruck aus dem Centralblatt des Zofingervereins, Jg. 25, Nr.1. Genf 1884, S. 7-11]., und Deinen, lieber Willi, guten Bekannten. Obgleich er schon am 29. Mai erkrankt war, brachte Miezefamilieninterner Kosename für Erika Wedekind. uns erst am Samstag vor acht Tagenam 21.6.1884., also nur sechs Tage vor seinem Tod, die erste Nachricht von seinem schweren Kranksein und gleich am nächsten Mittag, Sonntagden 22.6.1884., als die Aargauische Naturforscherversammlungdie 1811 gegründete Aargauische Naturforschende Gesellschaft traf sich am 21.6.1884 in Lenzburg. Die Presse berichtete: „Am letzten Samstag hielt die aargauische naturforschenden Gesellschaft ihre Jahresversammlung im neuen Gemeindesaal in Lenzburg ab. Nach einem kurzen Eröffnungswort des derzeitigen Präsidenten, Herrn Dr. Schmutziger, hielt Herr Professor Dr. Tuchschmid einen längeren Vortrag über elektrische Maschinen und elektrische Beleuchtung. An der Hand von Experimenten suchte er die Zuhörer, unter welchen auch das schöne Geschlecht seine Vertretung aufwies, mit den Fortschritten der Elektro-Technik bekannt zu machen und in die Geheimnisse derselben einzuführen. Alsdann sprach noch Herr Dr. E. Meyer über die Diphteritis. Um 1 ½ Uhr vereinigten sich die Mitglieder der Gesellschaft zum gemeinschaftlichen Mittagessen in der ‚Krone‘, worauf sie einen Spaziergang unternahmen.“ [Der Bund, Jg. 35, Nr. 173, 24.6.1884, S. (3)] hier in Lenzburg tagte, erkundigte ich mich bei meinen Tischnachbarn in der Kronedas im 18. Jahrhundert erbaute Gasthaus Krone in Lenzburg (Kronenplatz 20)., Prof. SuterHeinrich Suter war von 1876 bis 1886 Mathematiklehrer an der Kantonsschule Aarau. und Dr CusterHermann Custer hatte die Gewerbeschule in Aarau besucht und wurde Apotheker, seit 1850 war er Münzwardein und kehrte 1857 nach Aarau zurück als Seidenbandfabrikant, später als Mineralwasserabfüller. Von 1863 bis 1875 war er Präsident der Aargauischen naturforschenden Gesellschaft., nach dem Befinden von Hans, konnte aber keine bestimmte Auskunft erhalten. Am Montagden 23.6.1884. mußte ich nach Zürich und beauftragte Mieze, bei FreysEduard Frey, Pfarrhelfer in Aarau (Kirchgasse 6) [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 21], zuvor Klasshelfer und Vikar in Lenzburg und Entfelden, war Hans Rauchensteins Schwager. Er hatte am 28.11.1876 dessen Halbschwester Bertha Luise Rauchenstein geheiratet, ihr erstes gemeinsames Kind, Hermann Frey, wurde am 9.5.1880 geboren. anzufragen, worauf die Antwort ziemlich e schlecht lautete. Am Dienstagden 24.6.1884. Nachmittag fuhr ich dann selber nach Aarau und verbrachte mehr denn eine volle Stunde bei dem unglücklichen VaterJohann Friedrich Rauchenstein, Altphilologe und ehemaliger Lehrer und Rektor an der Kantonsschule Aarau. und war auch mehr als zehn Minuten mit der noch unglücklicheren MutterSophie Rauchenstein (geb. Pfleger), zweite Ehefrau von Johann Friedrich Rauchenstein (seit 8.10.1852). Hans Rauchenstein war das einzige Kind aus dieser Verbindung, aus der ersten Ehe seines Vaters hatte er sechs Halbgeschwister. zusammen. Ersterer erzählte in der ruhigsten Weise den ganzen Hergang der Krankheit: plötzliches Auftreten des acuten Gelenkrheumatismus, starrer RigorMuskelstarre. in allen Gliedern, die er nicht ohne die heftigsten Schmerzen in den Gelenken bewegen konnte, so daß er fortwährend ganz steif und ohne alle Regung im Bette dalag und dabei das heftigste Fieber, so daß die h/B/lutwärme zuweilen bis auf 46° C: stieg, alles das in Folge einer Erkältung bei erhitztem Körper, aber wo wußte man nicht ob im Kasernenhof oder auf dem Schachengroße Grünfläche im Nordwesten von Aarau. beim Exerciren, oder aber in der kalten Kirche zu Brugggemeint ist vermutlich die reformierte Stadtkirche in Brugg (1227 erstmals urkundlich erwähnt)., gelegentlich der Lehrerkonferenz [oder] im eigenen Zimmer, demjenigen, wo Hammifamilieninterner Spitzname für Armin Wedekind. früher wohnte und wo Hans [oft bis] spät in der Nacht bei offenem Fenster arbeitete, während die naßkalte Luft [von der] Aare her herein drang. Gebettet war der Kranke in dem Visitenzimmer [vor] dem seines Vaters und da in beiden die Fenster aufstanden, schien [er wohl] meine Stimme gehört und erkannt zu haben, weshalb der Professor [um jede] Aufregung zu vermeiden, unser Fenster schloß. Meine Frage, [ob ich ihn] | sehen könne, wurde verneint, wie es ebenfalls dem Dr. Leupold Eduard Leupold, der vom Oktober 1879 bis Februar 1883 als Geschichts- und Lateinlehrer an der Kantonsschule Aarau angestellt war und Wedekind in beiden Fächern unterrichtet hatte, war aus gesundheitlichen Gründen im Frühjahr 1883 in seine Vaterstadt Zofingen zurückgekehrt, später Redakteur beim Aargauer Tagblatt. Er war seit 1875 Mitglied im Zofingerverein Basel [vgl. Mitgliederkatalog des Schweizer Zofingervereins, Staatsarchiv Basel, PA 515c A].ergangen war, der kurz vor mir auf eine Stunde beim Professor verweilte. So konnte ich denn nicht aus eigener Anschauung urtheilen und mußte mich auf das Referat des Vaters verlassen. Trotzdem daß Hans an demselben Morgen feierlich, ruhig und mit dem klarsten Bewußtsein mit dem innigsten Danke für das, was sie Gutes an ihm gethan, für hienieden Abschied von seinen Eltern genommen hatte, meinte der Vater dennoch, daß seit Mittag eine Art Krisis(med.) plötzliche Veränderung des Gesundheitszustandes. zum Bessern eingetreten sei und gab die Hoffnung auf Genesung nicht auf. In dieser Hoffnung bestärkte ihn denn auch ich, weil er mir sagte, daß Hans ruhig athme, bald eine Tasse Bouillon, bald ein Glas alten Bordeaux zu sich nehme und auch des Schlafes, allerdings unter Mithülfe von Morphium, nicht ganz entbehre, indem ich meinte, daß die Krankheit nach vier wöchentlicher Dauer mehr oder weniger aus dem acuten in das chronische Stadium übergegangen sei und letzteres zur Heilung doch mehr Zeit lasse. Aber schlimme Complicationen waren schon eingetreten, Affection(med.) Befall. des Herzens, des Brustfells und auch der Lungensubstanz selber, und die eine od. andre konnte ein jähes Ende herbeiführen. Nach vier Uhr verabschiedete ich mich und fuhr heim; am Mittwoch und Donnerstagden 25. und 26.6.1884. berichtete Mieze, daß der Zustand derselbe sei und am Freitagden 27.6.1884. Mittag sagte mir noch der Pfarrer LandoltRudolf Landolt, ehemaliger Lehrer, Klasshelfer und von 1855 bis 1892 Pfarrgehilfe in Lenzburg., der grad von Aarau und von Professors kam und dem ich bei der Post begegnete, daß Hans sich etwas besser befände. Am Samstag Mittag aber um 1 Uhr kam Mieze heim und als ich sie sofort nach Hans fragte, erhielten wir zu unser aller Schrecken die zögernde Antwort: [„]er ist gestorben, gestern Abend um [Textverlust], nachdem man ihn noch drei Stunden vorher gebadet“. Das continirlicheSchreibversehen, statt: continuirliche., heftige Fieber hatte alle seine Lebenskraft erschöpft. Sofort fuhr Mama nach [Aarau und] erkundigte sich bei Freys, ging dann ins Trauerhaus und sah den Todten [dort] aufgebahrt, zwar bleich aber ohne alle Entstellung, mit ruhigen Zügen. Nachdem [sie in der] Stadt noch einen Kranz gekauft u mit der Etiquette: „Von seinen treuen [Freunden ein] letztes Lebewohl“ versehen und dem Fräul. Pfleger Emma Pfleger (Halden 261) [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 38], vermutlich eine Verwandte von Sophie Rauchenstein (geb. Pfleger), die im gleichen Haus wie die Rauchensteins wohnte.übergeben hatte, [fuhr sie, ohne] die Eltern gesehen zu haben, zurück. Gesternam 30.6.1884. Mittag nun um | 11 Uhr drängte sich nach und nach in dem Dir wohlbekannten Straßenviertel ein zahlreiches Geleite zusammen und unterließ auch ich nicht, gleich vielen andern, in dem engen Hausgange an dem überaus reich mit Palmen und Kränzen bedeckten Sarge vorübergehend zu den betrübten Angehörigen hinaufzusteigen und ihnen die Hand zu drücken. Bald darauf setzte sich unter dem Geläute der Glocken der lange Zug in Bewegung, an den Seiten des Sarges gl/d/ie besten Freunde des Verstorbenen, gleich hinter den selben der Vater, der Pfarrer von MandachFriedrich Rauchenstein, Halbbruder von Hans Rauchenstein, hatte von 1866 bis 1901 das Pfarramt in dem rund 30 km von Aarau entfernten Mandach inne [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 40]., TraugottTraugott Rauchenstein, ein Halbbruder von Hans Rauchenstein. u. der Pf. FreyPfarrhelfer Eduard Frey (s. o.)., dann die Professoren der Kantonss. und die Lehrer der übrigen Schulen und hinter diesen die ältern Freunde der Familie, denen auch ich mich mit den Pfarrern BrinerEduard Briner aus Möriken bei Wildegg, von 1848 bis 1903 Pfarrer in Holderbank, dessen Sohn Karl Briner ein Mitschüler Hans Rauchensteins an der Kantonsschule Aarau war [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule 1878, S. 6]. und MerzRudolf Merz aus Menziken, von 1858 bis 1897 Pfarrer in Ammerswyl, zuvor Vikar in Ryken, ehemaliger Klassenkamerad von Hans Rauchenstein [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule 1878, S. 8]. aus Ammerswyl angeschlossen hatte. Darauf folgten die ZofingerMitglieder der nichtschlagenden Schüler- und Studentenverbindung Zofingia, in der Hans Rauchenstein von 1878 bis 1882 Mitglied in den Sektionen Lausanne, Basel und Zürich war, außerdem ab 1880 für ein Jahr Centralactuar und Leiter des Centralblatts der Zofingia [vgl. Eduard Leupold: Zur Erinnerung an Professor Dr. Hans Rauchenstein. Separatabdruck aus dem Centralblatt des Zofingervereins, Jg. 25, Nr.1. Genf 1884, S. 4-6]., etwa 20 an der Zahl, darunter 16 von Zürich und nach ihnen die militärischen KameradenSeinen Militärdienst absolvierte Hans Rauchenstein im Sommer 1882 in Freiburg und Aarau beim Bataillon 58 [vgl. Eduard Leupold: Zur Erinnerung an Professor Dr. Hans Rauchenstein. Separatabdruck aus dem Centralblatt des Zofingervereins, Jg. 25, Nr.1. Genf 1884, S. 9 u. 12]. von Hans, Arnold DürstArnold Dürst aus Lenzburg war Mitschüler von Hans Rauchenstein an der Kantonsschule Aarau [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule 1878, S. 8]., der jüngere LeupoldRudolf Leupold, Bruder von Eduard Leupold (s. o.), Anwalt und Gerichtsschreiber (Laurenzvorstadt 410) [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S.33], besuchte vom 9.6. bis 12.8.1884 die Rekrutenschule II, später Major. und andre in Uniform; darauf sämmtliche Kantonsschüler und zum Schluß eine Anzahl Aarauer Bürger. In der Abdankungshalle gruppirten sich unter BurgkmeiersDer Musiker und Sänger Josef Burgmeier war Gesangslehrer am Lehrerinnenseminar in Aarau [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 78]. Leitung die Sänger der Kantonsschule im Halbkreise vor der Rednerbühne und sangen ein „Ruheliedvermutlich Carl Friedrich Zelters Lied „Ruhe (Wanderers Nachtlied)“ (1814) nach dem Text von Johann Wolfgang Goethe, der allerdings auch von anderen Komponisten vertont worden war; möglicherweise auch das „Ruhelied“ von Gustav Eduard Ahner [in: Ders.: Christliche Lieder und Sonette. Eilenburg 1848, S. 29].“, wo ein kräftiges „Integer vitaeStudentenlied nach einem Text von Horaz („Integer vitae scelerisque purus“), zu Beginn des 19. Jahrhunderts vertont von Friedrich Ferdinand Fleming. etc.“, wie bei Augustin Kellerder im Jahr zuvor in Lenzburg verstorbene aargauische Lehrer und Politiker Augustin Keller. wohl passender und eindrucksvoller gewesen wäre. Darauf las der Pfarrer WernliRudolf Wernly war seit 1882 Stadtpfarrer von Aarau und zugleich Hebräischlehrer an der Kantonsschule. eine Trauerrede ab, nicht so mager und stereotyp, wie es hier immer der Fall ist, sondern gediegenen Inhalts und voller Gefühl, indem er zunächst den herben Verlust, den die alternden Eltern durch den Tod ihres jungen und hoffnungsvollen Sohnes, als auch die zahlreichen Freunde desselben erlitten, in ergreifenden Worten schilderte und dann den Lebensgang des Verstorbenen und seinen gediegenen Charakter besprach, alles das unterwoben mit manchen poesiereichen Bildern. Nun ging es hinaus zur Grabesstätte, wo der Rektor MaierKarl Maier, Lehrer für alte Sprachen, seit 1870 an der Kantonsschule Aarau, war von 1879 bis 1888 ihr Rektor. eine kurze Ansprache hielt, wohlgemeint, aber ein wenig trocken, zunächst vom Standpunkte als Lehrer des Hingeschiedenen aus und dann als sein College, den/r/ er gerade vor zwei Monaten, am 30 Apr. geworden. Ihm folgte zum Schluß der Zofinger Stud. theolog. EpprechtRobert Epprecht aus Zürich, Theologiestudent und Zofingia-Mitglied seit 1881, ab 1887 Pfarrer in Sternenberg, später in Illnau [vgl. Mitgliederkatalog des Schweizer Zofingervereins, Staatsarchiv Basel, PA 515c A]. aus Zürich Namens der Zofingia mit einer Rede so frisch und frei, so kräftig und hell, daß sie mehr als alles andere bisher Gehörte die Umstehenden ergriff und ihrer manchen zu Thränen rührte. Dem alten, wie du weißt etwas tauben Vater, welcher unmittelbar neben dem Redner stand, ist sicherlich kein Wort diesem herrlichen, von innigem Gefühl beseelten, ganz freien Vortrage entgangen | und als der Sprecher endlich für sich und sämmtliche Mitglieder der Zofingia dem vor ihm im Sarge liegenden, ihm durch den unerbittlichen Tod entrissenen Commilitonen ein letztes Lebewohl zurief und dabei das Zofinger Band auf den Sarg niederwarf, da ging es Vielen wie ein unwillkührliches Zucken durch das Herz und fragte dieser und jener seinen Nachbar: „wer werSchreibversehen (Wortwiederholung), statt: wer. ist denn der junge Mann, der so schön gesprochen hat?[“] Der Pfarrer von Mandach war der erste, der eine Scholle Erde ins Grab warf, dann Traugott, dann der Pfarrer Frey und nun erst der bekümmerte Vater, dem es sichtlich am härtesten ankam, nach ihm noch der Rektor May/i/er u zu letzt der General HerzogHans Herzog, schweizerischer General aus Aarau, Artillerie-Inspekteur und Mitglied der Aargauischen Naturforschenden Gesellschaft., worauf die Todtengräber die Gruft vollends schlossen u das Geleite sich wieder der Stadt zuwandte. Mit den Pfarrern Briner u Merz ging ich zum WildenmannGasthof im Haus zum Wildenmann (Vordere Vorstadt 667) [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 86] in Aarau, laut Reiseführer „Ganz einfach aber ordentlich“ [Iwan von Tschudi: Der Turist in der Schweiz. 27. Aufl. St. Gallen 1885, S. 41]. zum Essen, in Begleitung von Lutzvermutlich der Theologiestudent August Lutz, seit 1882 Mitglied der Zofingia St. Gallen, später in den Sektionen Basel und Zürich, seit 1890 Pfarrer in Wildhaus, ab 1899 in Gossau [vgl. Mitgliederkatalog des Schweizer Zofingervereins, Staatsarchiv Basel, PA 515c A]., der m/s/ich unterwegs schon bei mir nach Hammi erkundigt hatte und gleich darauf stellten sich auch die übrigen Zofinger ein, darunter Finslereiner der beiden Theologiestudenten Georg oder Rudolf Finsler aus Zürich [vgl. Matrikeledition der Universität Zürich: https://www.matrikel.uzh.ch], beide in den Sektionen Basel und Zürich der Zofingia aktiv. Rudolf Finsler wurde 1885 Pfarrer in Hausen am Albis, 1899 dann in der Nachfolge seines Vaters am Grossmünster in Zürich. Georg Finsler (23.1.1860–19.11.1920) war von 1884 bis 1900 Pfarrer in Hombrechtikon, dann Religionslehrer in Basel [vgl. Mitgliederkatalog des Schweizer Zofingervereins, Staatsarchiv Basel, PA 515c A]., Epprecht, der Präses Bachmannder seit 1881 in Zürich an der philosophischen Fakultät eingeschriebene Student Albert Bachmann war im Sommersemester 1884 Praeses der Zürcher Zofingia-Sektion [vgl. Matrikeledition der Universität Zürich: https://www.matrikel.uzh.ch], später schweizerischer Dialektologe und Professor für Germanistik, seit 1896 Chefredakteur des „Schweizerischen Idiotikons“ [vgl. Mitgliederkatalog des Schweizer Zofingervereins, Staatsarchiv Basel, PA 515c A]., BuhoferRudolf Buhofer aus Boniswil, seit 1881 Mitglied der Zofingia Basel, später der Sektion Zürich [vgl. Mitgliederkatalog des Schweizer Zofingervereins, Staatsarchiv Basel, PA 515c A], seit 1883 in Zürich als Theologiestudent eingeschrieben [vgl. Matrikeledition der Universität Zürich: https://www.matrikel.uzh.ch], ehemaliger Klassenkamerad Armin Wedekinds an der Kantonsschule Aarau [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule 1878, S. 7] und später Pfarrer in Uerkheim., LeuchGottfried Leuch aus Walzenhausen, seit 1881 Mitglied der Zofingia in St. Gallen [vgl. Mitgliederkatalog des Schweizer Zofingervereins, Staatsarchiv Basel, PA 515c A], seit 1884 in Zürich eingeschriebener Medizinstudent [vgl. Matrikeledition der Universität Zürich: https://www.matrikel.uzh.ch], später Stadtarzt und Sanitätsrat in Zürich., dessen Schwestern mit Mieze die Schule besuchen (aus Appenzell), Grafvermutlich Konrad Graf, seit 1878 Mitglied der Zofingia Basel, von 1881 bis 1882 in Zürich; Theologiestudent in Basel, Jena und Zürich, später Pfarrer in Rheinfelden (Aargau); möglicherweise aber auch stud. phil. Fritz Graf aus Zofingen, der seit 1882 Sektionsmitglied der Zofingia Zürich war, später Lehrer in Moudon [vgl. Mitgliederkatalog des Schweizer Zofingervereins, Staatsarchiv Basel, PA 515c A]. und die beiden Leupolddie Brüder Eduard und Rudolf Leupold aus Zofingen (s. o.).. Sie waren sehr freundlich gegen mich und luden mich nach dem Essen ein, mit ihnen allen nach dem Kreuzdas Gasthaus zum Kreuz (Jenseits der Aare 298) [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 86]. zu gehen, was ich aber ablehnte, um um 4 Uhr wieder hier obenauf Schloss Lenzburg. sein und noch einen Briefder Brief Friedrich Wilhelm Wedekinds an Armin Wedekind ist nicht überliefert. über die Trauerfeier an Hammi schreiben können, damit er heute in aller Frühe abgehe, was denn auch geschehen ist. Hammi war durch den Vater von Hans von der Krankheit dieses unterrichtet, in zweimaligen BriefenDie Korrespondenz zwischen der Familie Rauchenstein und Armin Wedekind ist nicht überliefert., und hat selbst dem Hans wiederholt geschrieben, nicht nur von Weimar aus, als er ihm erzählte, daß er tags zuvor das Zimmer, worin Hans wohnte, in JenaHans Rauchenstein war zur Promotion 1881 nach Jena gegangen, die er dort im Frühjahr mit der Arbeit „Der Feldzug Caesars gegen die Helvetier. Eine kritische Untersuchung mit einer vorausgehenden Abhandlung über die Glaubwürdigkeit der Commentarien“ 1882 erlangte [vgl. Eduard Leupold: Zur Erinnerung an Professor Dr. Hans Rauchenstein. Separatabdruck aus dem Centralblatt des Zofingervereins, Jg. 25, Nr.1. Genf 1884, S. 7-9]. inspicirte, ja am Tage vor dem Tode soll noch ein Brief von Hammi eingelaufen sein und Hans der Vorlesung desselben noch zugehört haben. Im Ganzen ist es mir doch lieb, daß Hammi nicht hier war, es würde ihn zu sehr angegriffen haben, und wie oft habe ich dieser Tage Gott gedankt, daß Du und er [in] Rauchensteins Hause so gut ohne Krankheit davon gekommen seid, wenn nicht vielleicht auch du den Keim zu der DeinigenBezug unklar. in demselben erhalten hast. Eine StiefschwesterHans Rauchensteins Halbschwester Anna Maria Elisabeth Rauchenstein aus der ersten Ehe seines Vaters starb am 5.11.1855 im Alter von 11 Jahren. von Hans ist vor Zeiten im Alter von sechszehnSchreibversehen, statt: sechzehn. Jahren ganz an der selben Krankheit gestorben und wenn ich nicht irre später auch ein Pensionairnicht identifiziert.. – Hr. SpilkerDer Apotheker Adolf Spilker aus Vilsen bei Hannover war vermutlich seit Herbst 1883 in der Lenzburger Löwenapotheke der verwitweten Bertha Jahn als Provisor tätig. hat für den 1. Oct. eine Stelle in Oldenburg angenommen, um näher bei seinem kranken Vater zu sein. Heute beraten wir die Reparatur des Giebels des Landvogthausesspätgotisches Gebäude mit Staffelgiebel im Lenzburger Schloss, das seit 1444 Sitz der bernischen Landvögte gewesen war.. Mit der Wäsche erhaltet Ihr Briefe von HammiEs dürften sich um Briefe an die Eltern gehandelt haben, die Armin Wedekind nach Lenzburg geschickt hatte und die der Vater nun, um Porto zu sparen, mit der Wäschesendung an die Brüder in Lausanne zur Lektüre weiterleitete, später aber wieder zurückerbat [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an William Wedekind, 24.7.1884; Mü FW B 312]. Die Korrespondenz ist nicht überliefert., seine Thüringer ReiseÜber Armin Wedekinds Reise durch Thüringen ist nichts bekannt. Er studierte seit dem Wintersemester 1883/84 Medizin in Göttingen. betreffend. Jetzt gehabt Euch beide wohl u lernt fleißig. Mit besten Grüßen von Allen Euer treuer Papa.


[um 180 Grad gedreht am Kopf der Seite 4:]


Eure BriefeÜberliefert sind Frank Wedekinds Brief an seine Mutter [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 26.6.1884] und das Briefgedicht an seine Schwester [vgl. Frank Wedekind an Emilie (Mati) Wedekind, 26.6.1884]. mit der Wäsche sind zu Handen und läßt Mati sich vielmals bei Dir, Bebi, bedanken für das schöne Gedicht auf Rosapapier. Tante Sophie hat es auch gelesen und Fräul. Hächlervermutlich Anna Hächler, Lehrerin in Lenzburg [vgl. Schweizerische Lehrerinnen-Zeitung, Jg. 20, Nr. 5, 15.2.1916, S. 114]. wird es abschreiben. Frau Baueckerinnicht näher identifiziert; Lesung unsicher. hat eine Buben, Sänger+[Textverlust] gehörnten


[um 180 Grad gedreht am Kopf der Seite 3:]


Beste Grüße an Mons. RuffieuxDer Versicherungsagent und Kaufmann Emile Ruffieux in Lausanne, bei dem William Wedekind seine Ausbildung absolvierte. und die Familie GrosDer Tierarzt Emile Daniel Gros und seine Frau Hortense mit vier Kindern, bei denen Frank und William Wedekind in Lausanne wohnten (Chemin de Montchoisy, Villa Mon Caprice)., die auch vielleicht bald größer wird. Schreibt mir auch einmal was neues von dort, Hr. Fritz Eichmöglicherweise der Kaufmann Friedrich Eich, der in Lenzburg seit 1883 „Fabrikation und Handel von gezogenen und gesponnenen Pferdehaaren, Borsten etc.“ [Schweizerisches Handelsamtblatt, Nr. 108, II. Teil, 27.7.1883, S. 867] betrieb. brachte nur einen Gruß. Mit den


[um 180 Grad gedreht am Kopf der Seite 2:]


Amerikanern steht es wieder schlecht, am 24. Juni ist eine neue KriseNach der Bankenkrise von 1873 erlebten die USA in den Jahren 1882 bis 1885 erneut eine Wirtschaftskrise, die sich seit Mai 1884, nach dem Bankrott mehrerer Nationalbanken und der dadurch ausgelösten Panik auf den Finanzmärkten, zuspitzte, was Wedekinds Vater, der einen Großteil seines Vermögens in Wertpapieren angelegt hatte, beunruhigte [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 42]. An seinen Sohn William schrieb er zunächst, er habe „aus der Frankfurter Zeitung erfahren […], daß in Folge der Newyorker Panik meine Bonds nur um 1-2 Proc. heruntergegangen sind, welcher Rückgang wohl schon in den nächsten Tagen wieder ausgeglichen sein wird“ [Friedrich Wilhelm Wedekind an William Wedekind, 20.6.1884; Mü FW B 312]. Zu dem genannten Datum konnte er in der gleichen Zeitung dann aber lesen: „Newyorker Börse. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß die Wunden, welche die letzte Panik an der Newyorker Börse geschlagen hat, noch keineswegs vernarbt sind, daß im Gegentheil nicht allein die Nachwehen mitunter noch ziemlich heftig hervortreten, sondern, wie die neuesten Berichte aus Newyork leider vermuthen lassen, daß man sich auch auf neue Erschütterungen vorbereiten muß. Sicher ist, daß seit einigen Tagen wieder eine hochgradige Mißstimmung und Vertrauenslosigkeit Platz gegriffen hat, die nicht allein in weiteren scharfen Coursrückgängen der Fonds zum Ausdruck gekommen sind, sondern sich auch neuerdings auf den Wechselmarkt, der in unserem Kabelbericht des Morgenblattes als demoralisirt bezeichnet wird, erstreckt haben. [...] Allein die panikartige Tendenz der gestrigen Börse läßt darauf schließen, daß doch noch ernstere Dinge im Anzuge sind, die vielleicht auch theilweise mit Befürchtungen wegen des nahe bevorstehenden Juli-Coupon-Termins im Zusammenhang stehen dürften.“ [Frankfurter Zeitung, Jg. 28, Nr. 176, 24.6.1884, Abendblatt, S. 3] ausgebrochen und so komme ich nicht aus den Sorgen heraus; im Weinberge geht es bislang noch gut, noch keine bes [Textverlust]

Frank Wedekind schrieb am 12. Juli 1884 in Lausanne folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Lausanne 12.VI.1884.Schreibversehen, statt: 12.VII.1884. Wie sich aus dem Briefkontext ergibt, war der vorliegenden Brief Wedekinds Antwort auf den Brief seines Vaters vom 1.7.1884.


Lieber Papa,

besten Dank für Deinen lieben, großen Briefvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank und William Wedekind, 1.7.1884. Der Brief richtete sich gleichermaßen an Frank und William Wedekind, die sich in Lausanne eine Wohnung in der Villa Mon Caprice (Chemin de Montchoisy) teilten.. Wir haben ihn beide mit großem IntresseSchreibversehen, statt: Interesse. gelesen, so traurig auch leider sein Inhalt war. Trotz der ausführlichen Beschreibung, wollte mir das ganze Unglückdie Erkrankung und der Tod Hans Rauchensteins; siehe die vorangegangene Korrespondenz. doch immer noch nicht begreiflich erscheinen. Ich hatte ja auch nur eine ganz kurze NachrichtWer Frank Wedekind auf welchem Weg darüber informierte, ist nicht ermittelt. von der Krankheit erhalten und dann gleich darauf die schreckliche Todesbotschaftim Brief des Vaters (s. o.).. – Ich kann mir auch kaum vorstellen, wie sich Hammiinnerfamiliärer Kosename für Armin Wedekind. Armin und Frank Wedekind hatten während ihrer Schuljahre 1879/80 und 1880/81 an der Kantonsschule Aarau zeitweise bei der Familie Rauchenstein (Halden 261) gewohnt. zu dem unersetzlichen Verluste verhalten wird. Er hat zwar ja noch viele andere Bekannte mehr; aber wieder einen Freund zu finden, an dem er so von ganzem Herzen hängt, wie an Hans, an den er so durch jahre|langen, ununterbrochenen, innigsten Umgang gekettet ist, wird ihm wol nicht so leicht und nicht so bald möglich sein. –– Seine BerichteFriedrich Wilhelm Wedekind hatte seinen Söhnen William und Frank die Briefe Armin Wedekinds zur Lektüre nach Lausanne geschickt, die dieser von einer Reise von seinem Studienort Göttingen aus durch Thüringen nach Hause gesandt hatte [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank und William Wedekind, 1.7.1884]. Die Briefe sind nicht überliefert. über die Pfingstreise haben uns viele Freude gemacht. Ich hab’ sie mit vielem Interesse gelesen und Willy hat aufmerksam zugehört. Sie sind aber auch ganz frisch und lebendig geschrieben und erweckten in mir den festen Vorsatz, dereinst seinem Beispiele zu folgen und die nämlichen herrlichen Gegenden zu durchwandern. –– Hier in Lausanne haben wir nun schon seit vielen Wochen das her prachtvollste Wetter, nur von einigen h/k/urzen Gewittern unterbrochen. Seitdem die äüßerst ausgiebige Erdbeerzeit vorüber ist, sind schon die Birnen in unserem Garten reif geworden und die Reben sollen ebenfalls sehr gut stehen. Auf der AkademieFrank Wedekind besuchte ein Semester lang Vorlesungen zur französischen und deutschen Literatur an der Académie de Lausanne, bevor er ein Jurastudium in München aufnahm. werden bei der übergroßen Hitze die Collegien wol bald nach und nach beschlossen werden. Prof. RambertEugène Rambert hatte in Paris studiert und war von 1855 bis 1860 Professor für französische Literatur an der Académie de Lausanne, wechselte dann bis 1881 ans Eidgenössische Polytechnikum Zürich und kehrte 1881 nach Lausanne zurück, wo er bis 1886 lehrte. Außer als Hochschullehrer war er auch als Schriftsteller und Literaturkritiker tätig. hat schon vor acht Tagen seinen Schlußvor|trag gehalten, nachdem er uns mit allen französischen Poeten der Neuzeit einigermaßen bekannt gemacht hatte. Mr. Beaumontder private Französischlehrer von Frank und William Wedekind [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 11.6.1884]. hat leider vor drei Wochen Hochzeit gehalten und dann eine kurze Reise nach Italien unternommen. In der letzten Stunde gab er Willy seine Rechnung, wie er jeden Monat zu thun pflegt, für 6 Stunden. Du möchtest nun so gut sein und ihm die 18 frs. aufs BüreauWilliam Wedekind absolvierte seine Ausbildung im Büro des Kaufmanns Emile Ruffieux am Place St. François 11 in Lausanne [vgl. Schweizerisches Handelsamtsblatt, Nr. 68, Teil II, 11.5.1883, S. 545]. schicken, damit er Herrn B. nächsten Dienstag bezahlen kann. Die Quittung wird er Dir dann sofort zurücksenden. –– Herr Rüffieux ist schon seit geraumer Zeit in die Berge gegangen mit seiner Frau, nach Chateau d’EuxChateau d’Oex, Dorf in den Waadter Alpen, „deutsch Oesch (994m), auf grünem Thalboden weit zerstreutes Dorf, wird als Sommerfrische und Luftkurort viel besucht“ [Karl Baedeker: Die Schweiz, nebst den angrenzenden Theilen von Oberitalien, Savoyen und Tirol. Handbuch für Reisende. 21. Aufl. Leipzig 1885, S. 226]., um eine Sommerfrische zu h machen. Ebenso die ganze Pension Duplandas von Louise Duplan geführte Mädchenpensionat in der Vila „La Verger“ (Rue de Valentin 65), das auch Erika Wedekind 1887 besuchte.. Vor ihrer Abreise begleiteten wir sie noch einmal Abends in den Garten von Hotel Beau Rivage(frz.) ‚schöne Küste‘; 1861 eröffnetes Hotel in Ouchy mit großer Parkanlage am Ufer des Genfer Sees., wo wöchentlich drei Mal Concert ist. Es bietet das eine sehr b angenehme Gelegenheit | die Abende zu verbringen. Der Eintritt ist natürlich ganz frei. Man setzt sich dann dort auf die Bäng/k/e vor dem Hotel, oder geht im Parke spazieren e/o/der kann sich auch in aller g/G/emüthlichkeit, wie’s die Engländerinnen thun, auf den Rasen setzen. Das Gras ist dann allerdings nicht wie in Lenzburg, jeden Abend feucht vom Thau, sondern vollständig trockner/en/ und der Boden warm bis in die späte Nacht hinein. Eine kleine Capelle spielt dann auf der Veranda des Hauses Opernpartieen oder Tänze oder Potpourri’s in gleicher Weise, wie wir es letzten Sommer in Baden verschiedene Mahle zu gehört haben. z/Z/uweilen producirt sich auch ein Sängerpaar, das unter Clavierbegleitung französisch oder italienisch vorträgt aber gewöhnlich weit weniger Beifall erntet als das Orchester. ––– Lestern DonnerstagSchreibversehen, statt: Letzten Donnerstag; der 10.7.1884. fann/d/ hier bei Beginn der Schulferien eine Art von JugendfestDie „Fête du Bois“, seit 1850 als Schülerfest ausgerichtet: „Nach den Promotionen der Cantonal- und Mittelschule findet in der Nähe des Signal Anfangs Juli auf Staatskosten ein freundliches Wald- und Jugendfest, Fête du Bois genannt, statt. (Bogenschiessen, Banket und Tanz im Freien bis Sonnenuntergang).“ [Lausanne und Einiges über den Canton Waadt nebst kurzer Biographie Edward Gibbon’s 2. Aufl. Lausanne 1860, S. 58] statt. Es wurde auf einer großen Waldwiese | hinter dem Signaldas Signal de Sauvabelin (648 m), knapp zwei Kilometer nördlich des Stadtzentrums von Lausanne (489 m), ehemals ein Wachtposten (frz. signaler) am Rand eines Eichen- und Buchenwalds, jetzt Aussichtsplattform: „Sehr berühmte Aussicht vom *Signal (648m), ½ St.[unde] oberhalb der Stadt [...]. Die Aussicht umfasst einen grossen Theil des Sees“ [Karl Baedeker: Die Schweiz, nebst den angrenzenden Theilen von Oberitalien, Savoyen und Tirol. Handbuch für Reisende. 21. Aufl. Leipzig 1885, S. 212]. Über die Aussicht schrieb Wedekind am 19.6.1884 das Gedicht „Auf dem Signal“ [vgl. KSA 1/I, S. 177 und 1/II, S. 1029]. abgehalten. So schön wie das in Lenzburg oder Aarau war es nun freilich nicht. Die Leute hier haben überhaupt keinen Sinn für gesellschaftliches Leben. Die Feier in der Kirche, gerade die bedeutende Weihe bei unseren Jugendfesten, war durch fehlte vollständig. Die männliche Schuljugend schoß, die Jüngeren mit Pfeil und Bogen, die ä/Ä/lteren mit Gewehr und Geschützen nach aufgesteckten Zielen. Mittags war großes Banquet und Nachmittag Tanz, der aber gründlich verregnet wurde. – In Lenzburg werdet ihr nun wol auch bald JugendfestDas jährliche Jugendfest Lenzburg fand in diesem Jahr am 18.7.1884 statt. haben. Ich wünsche von ganzem Herzen besseres Wetter dazu, als es hier an jenem Tag war. – Die Nachricht von dem UnwohlseinBertha Jahn hatte einen Schlaganfall erlitten [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 24.7.1884]; durch wen und auf welchem Weg Frank Wedekind diese Nachricht erreichte, ist nicht ermittelt. von Tante Jahn hat mich sehr beunruhigt. Hoffentlich war es nur vorübergehend; wenn es nur keine schlimmen f/F/olgen zurückläßt. Mieze oder Doda könnten mir ja einmal ein paar | Zeilen darüber schreiben, und auch über anderes mehr. Mieze weiß gewiß viel Neues aus ihrer/m/ aarauer InstitutslebenWedekinds Schwester Erika, genannt Mieze, besuchte seit Ende April 1884 die erste Klasse des Töchterinstituts und Lehrerinnenseminars in Aarau [vgl. Zwölfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1884/85, S. 4]. zu erzählen. Ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht eine von ihren Mitschülerinnen bereits kennte; eine gewisse Lina Renoldsiehe Wedekinds Korrespondenz mit ihr von Dezember 1883 bis April 1884. Erika Wedekind charakterisierte ihrer Mitschülerin am Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar in Aarau in ihrem nächsten Brief [vgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 16.7.1884]., die zu bisweilen zu Frl. Hubervermutlich eine Verwandte oder die Tochter von Wedekinds früherer Aarauer Zimmerwirtin Regula Huber-Aschmann (Zollrain 88). kam und sehr niedliche Gedichte machte, die sie mir dann jeweilen zur Beurtheilung vorlegte. Frida Zschokkedie jüngere Schwester von Wedekinds ehemaligem Klassenkameraden Ernst Zschokke, die im Mädchenpensionat Duplan in Lausanne lebte und die Wedekind aus Aarau kannte, wo sie bis Januar 1884 das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar besucht hatte [vgl. Elfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1883/84, S. 5]. kannte sie ebenfalls und ich wäre gespannt wieder etwas von ihr zu vernehmen. ––– Und jetzt leb’ wol, lieber Papa. Mit herzlichsten Grüßen an Dich und Mamma, Mieze, Doda und Mati verbleib ich Dein treuer dankbarer Sohn
Franklin.


P. S. Die Briefe von HammiWedekinds Vater bat Ende des Monats um Rücksendung der Briefe mit Armin Wedekinds Reisebericht aus Thüringen (s. o.): „Jedenfalls aber haben in der Kiste noch Platz: die Briefe Hammis über die Thüringer Reise“ [Friedrich Wilhelm Wedekind an William Wedekind, 24.7.1884; Mü FW B 312]. werden wir bei nächster Gelegenheit zurücksenden.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 24. Juli 1884 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Schloß Lenzburg, 24. Juli 1884.


Lieber Bebi!

Allem andern voran meinen väterlichsten Glückwunsch zu Deinem heutigen GeburtstageFrank Wedekinds 20. Geburtstag am 24.7.1884; der Brief erreichte ihn am Tag darauf [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 6.8.1884]., mit welchem Du Dein zwanzigstes Lebensjahr vollendet hast. Damit bist Du mehr oder weniger in das Mannesalter hinein getreten und immer mehr wird Dein Schicksal in Deine eigne Hand gelegt. Deshalb aber steure auch fest auf ein bestimmtes Ziel los, welches, wenn erreicht, Dir einen festen Halt im Leben gibt. Gehe Allem aus dem Wege, was Dich davon ablenken könnte und sorge stets für Deine Gesundheit, zumal in einer Zeit, wo das Menschenleben mal wieder bedeutend im Werth gesunkenvermutlich in Anspielung auf die seit Juni in Südfrankreich grassierende Choleraepidemie. Die ersten Fälle waren in Toulon (18.6.1884) und kurz darauf in Marseille (27.6.1884) gemeldet worden und hatten bis zur dritten Juliwoche über 1700 Todesfälle zur Folge [vgl. The Cholera Epidemic of 1884, in: Nature, Jg. 30, Nr. 783, 23.10.1884, S. 628]. Von Südfrankreich aus breitete sich die Epidemie nach Italien aus. ist und ausgelöscht wird, so plötzlich und haufenweis wie ein gewöhnliches Lampenlicht. Ob auch wie dieses, zum Wiederaufleben That’s the great question(engl.) Das ist die große Frage... – Also gehab Dich wohl, nochmals meinen besten Glückwunsch zu dem heutigen Tage, den Ihr beide dort bei bester Gesundheit feiern möget, so wie es hier auch unsererseits geschieht. –

Deinen l. Brief vom 12.vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.7.1884. d. habe ich seiner Zeit erhalten und mit Interesse gelesen, nicht nur ich, sondern auch die drei M, Mama, Mieze u Minna, und daraus mit Befriedigung ersehen, daß Ihr beidenFrank und William Wedekind, die sich in Lausanne eine Wohnung teilten. munter und gesund seid trotz der großen Hitze, die wir noch bis vor einigen Tagen hatten und trotz der Diätfehler, in welche man in dieser Hundstagszeitdie meist heißen Sommertage zwischen dem 23.7. und dem 23.8., benannt nach dem Sternbild des Großen Hundes. durch unzeitiges Trinken von Wasser oder Bier oder Essen von Obst nur zu leicht gerathen kann. Nehmt Euch in dieser Beziehung ja in Acht und meidet auch die allzu nahe Berührung mit den zahlreichen Choleraflüchtlingen, die dort tagtäglich aus Südfrankreich ankommen, ganz besonders aber umgeht die Benutzung der Bedürfnißanstalten des dortigen Bahnhofes.

Meine beiden PostmandateFormulare, die es dem Empfänger ermöglichen, Geld über das Postamt einzuziehen. vom 14. d., das eine von fr. 170 für Mons. Grosder Vermieter der Wedekind-Brüder, der Tierarzt Emile Gros, in der Villa Mon Caprice (Chemin de Montchoisy) in Lausanne., das andere von fr. 53 für Euch beiden (fr. 20 TaschengldSchreibversehen, statt: Taschengeld. für Dich, fr. 15 dtto für Willi und fr. 18 für | Mons. Beaumontder Privatlehrer Edmond Beaumont, bei dem Frank und William Wedekind Französischunterricht nahmen [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 11.6.1884].) werden wohl richtig angekommen sein. Bei der Absendung des letztern aber habe ich in der Eile, indem ich erst eben vorher Deinen Brief mit der Notiz über das Honorar von M. Beaumont erhalten, hierüber vergessen Euch die fr. 6 für Petroleum und Trinkgeld an die MagdRosa (nicht näher identifiziert), die Hausangestellte bei der Familie Gros. mitzuschicken. Anliegend sende ich nun in einem Päckchen fr. 21, nämlich die eben erwähnten fr. 6, sodann fr. 10 als mein Geburtstagsgeschenk an Dich allein und noch fr. 5 zur Feier desselben an Euch beide, mit welchen Ihr Euch auf der nächsten Sonntagsexcursion bene(lat.) gut. thun könnt. Gefreut hat es michvgl. zum Folgenden die vorangegangene Korrespondenz. und kann ich es nur loben, daß Du Dich in Lausanne und Umgebung gehörig umsiehst, von Zeit zu Zeit Mons. Gros auf seinen Krankenbesuchen begleitest und dabei vergleichende Anatomie, Pathologie und AnologieSchreibversehen, statt: Analogie; (med.) die Ähnlichkeiten und Entsprechungen zwischen verschiedenen Lebewesen. studirst und auch das dortige Jugendfestdie Fête du Bois am 10.7.1884. besuchtest, wenn auch nur um den Werth des hiesigen desto höher schätzen zu lernen. Zum Abschied waret Ihr noch mit der Pension Duplandas von Louise Duplan geführte Mädchenpensionat in der Vila „La Verger“ (Rue de Valentin 65), das auch Erika Wedekind 1887 besuchte. in der reizenden Anlage von Beau Rivagedas 1861 eröffnete gleichnamige Hotel in Ouchy mit großer Parkanlage am Ufer des Genfer Sees. und wenn Du Dich bei dieser Gelegenheit und wohl auch sonst noch öfter daselbst in aller Beschaulichkeit an der Seite von jungen Engländerinnen auf den rauhen Rasen hinlagertest, der dort ja ganz trocken sein soll und den keine Abendnebel befeuchten, so wünsche ich Dir von Herzen, daß Du früher oder später einmal so glücklich sein mögest, Dein Schäfchen in Gestalt einer jungen, schönen, wenn auch etwas impertinent blonden (à la Wildeggerinvermutlich Fanny Amsler-Laué, eine Cousine von Wedekinds Schulfreund Walther Laué, die 1882 den Arzt Gerold Amsler aus dem Lenzburg benachbarten Wildegg geheiratet hatte und von der Wedekind über Minna von Greyerz vorübergehend ein Foto überlassen bekommen hatte [vgl. Minna von Greyerz an Wedekind, 8.5.1884]. ), aber jedenfalls reichen Engländerin aufs Trockne zu bringen. So übel wäre das nicht und ist auch ein Lebensziel, nach welchem gar Mancher trachtet. Hätte der Porcellan-Angst der Kunstsammler Heinrich Angst in Zürich hatte 1873 die Engländerin Margaret Jennings geheiratet. Zu seinen Sammlungsschwerpunkten zählten alte Kachelofen-Fayencen aus Winterthur und Porzellan aus Kilchberg.in Zürich nicht eine reiche Engländerin geheirathet, er könnte ohne Angst nicht so viele keramische Antiquitäten kaufen. Also fahre in Deinen englischen Studien nur immer fort, vielleicht bleiben sie doch nicht ganz resultatlos, Germanistik und Anglistik gehen oft Hand in Hand. – Leider aber werden nun diese schönen Tage von Lausanne, die selbst für H. Gottlieb Eich sen.Der Unternehmer Gottlieb Eich-Halder war „Inhaber der Firma Eich & Co. in Lenzburg [...] Natur des Geschäfts: Roßhaar- und Strohwaarenfabrikation“ [Schweizerisches Handelsamtblatt, Nr. 11, II. Teil, 31.1.1883, S. 867]. dahier noch immer die schönste Erinnerung seines Lebens bilden, Mitte nächsten Monats einen jähen AbschlußFrank Wedekind nahm zum Wintersemester 1884/85 ein Jurastudium in München auf, das Studium der neueren Sprachen und Literatur an der Académie de Lausanne hatte der Vater auf ein Semester begrenzt. erhalten und | deshalb möchte ich Dich darauf aufmerksam machen, daß Du jedenfalls noch vor Ende dieses Monats, also vierzehn Tage vor Deinem Abgang, Mad. Gros für Deinen Theil kündigen mußt. Die Reise hieher könnt Ihr dann über Yverdon, Neuenburg und Solothurn machen und wenn Ihr mit dem frühesten Zuge abfahrt unterwegs auf etwa zwei Stunden VerdansDer Kaufmann und Nudelfabrikant Auguste Verdan und seine Familie in Yverdon waren die ersten Station in William Wedekinds kaufmännischer Ausbildung gewesen, die er Anfang 1882 begann, im November 1883 wechselte er zu Emile Ruffieux nach Lausanne [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 19]. besuchen, in Neuenburg Euch mit Betrachtung der landschaftlichen Schönheit begnügen, dagegen aber in SolothurnDie zeitgenössischen Reiseführer urteilten entsprechend: „Die noch teilw. v. Türmen u. Wällen umgürtete saubere Stadt ist reich an Reminiszensen der franz. Ambassade, sieht im ganze freundl. u. wohlgebaut aus [...] Solothurn besitzt nicht weniger als elf Kirchen“ [Iwan von Tschudi: Der Turist in der Schweiz. 27. Aufl. St. Gallen 1885, S. 60]. aussteigen und Euch die an alterthümlichen Gebäuden, wie Kirchen, Thürmen, Mauern etc. reiche Stadt besehen. Wie steht es nun mit der Tour nach Genf? Da Du nicht weißt, wann Du mal wieder in die dortige Gegend kommst, so solltet Ihr demnächst einen Sonntag dazu verwenden, um früh mit dem ersten Dampfschiff nach Genf zu fahren, vom Verdeck aus beide Ufer, die ja immer näher zusammen kommen, in all ihrer Schönheit zu betrachten und die majestätische Pracht der Montblanc-Gruppe mit aller Muße zu genießen. Um 10 Uhr wäret Ihr in Genf, könnt die ganze Stadt besehen, GaudardsEmil und Magdalena Gaudard (Cours de Rive 15) [vgl. Moritz Dürr an Wedekind, 24.7.1884] in Genf; ihr Sohn Jules besuchte das Gymnasium der Kantonsschule Aarau [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule. Aarau 1883, S. 11 und 1884, S. 15] und wird die Sommerferien zuhause verbracht haben. Bei den Eltern in Genf wohnte wohl auch die Tochter Mary (Marie), die zum Lenzburger Freundschaftsbund „Fidelitas“ gehörte (Pseudonym ‚Nordpol‘). Emil Gaudard betrieb zusammen mit seinem Schwager Sebastian Dürst ein Geschäft für Modewaren in Genf und Lenzburg. einen längern Besuch abstatten, indem Jules wohl auch daheim sein wird, und dann wieder mit dem letzten Eisenbahnzuge, für welchen ja wohl ein Retourbillet gültig sein wird, nach Lausanne zurückkehren. Bedingung aber ist, daß Ihr gutes Wetter aussucht und in Genf jede Berührung mit Choleraverdächtigen, sei es im Bahnhof, sei es im Wagen, so wie den längern Aufenthalt im gefüllten Wartezimmer meidet und endlich, daß bis dahin kein Cholerafall in Genf vorgekommen ist. Traut Ihr der Sache nicht, dann bleibt lieber weg, aufgeschoben ist nicht aufgehoben und Vorsicht ist jedenfalls angerathen. –

Hammi, der schon letzten Sonntag vor vierzehn Tagenam 6.7.1884. zu Helene’s GeburtstagWedekinds Cousine Helene Wedekind aus Hannover hatte am 7.7.1884 ihren 22. Geburtstag. nach Hannover wollte, aber damals die Reise wegen Reparaturen in ErichsWedekinds Onkel Erich Wedekind, der Bruder seines Vaters, aus Hannover (Meterstraße 10) [vgl. Adreßbuch Hannover 1885, Teil I, S. 708]. Hause aufgeben mußte, wird, wie er vorhatte, wohl letzten Sonntag dort gewesen sein, einestheils um Abschied zu nehmen, sodann aber auch um Onkel Erich zu bestimmen mit der einen oder andern seiner TöchterErich Wedekind hatte vier Töchter: Anna, Helene, Karoline und Emilie Sophie Wedekind. zu uns zum Besuch zu kommen, worum ich meinen Bruder schon vor einem Monat eindringlichst gebeten habe; eine Antwort aber habe ich jetzt noch nicht bekommen. Hammi selbst habe ich gerathen, | seinen RückwegArmin Wedekind verließ zum Ende des Sommersemesters die Universität Göttingen und setzte sein Medizinstudium an der Universität München fort; dort teilte er sich mit seinem Bruder Frank ein Zimmer. nicht über Frankfurt zu nehmen, das er nun ja kennt, sondern entweder die Route über Köln u dann pr Dampfschiff den Rhein herauf bis Mainz und von da über Straßburg zu wählen oder aber, was ich für besser halte, über Würzburg, wo er einige Tage lang die Stadt und medicinischen Institute sich ansehen könnte, und Nürnberg, Stuttgart und Tübingen, wo er sich auch umsehen könnte, zurückzukehren. Für seinen nächsten Studienaufenthalt halte ich WürzburgFriedrich Wilhelm Wedekind hatte sein Medizinstudium in Würzburg abgeschlossen und dort 1839 über „Die Schnellgeburt“ promoviert. am besten und in zweiter Linie Tübingen oder Freiburg. – Auch das arme Marieli hat Hammi zu seinem Verluste, den er durch den Tod von Hansvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 1.7.1884. erlitten, condolirtihr Beileid bekundet. und eben so auch Minna, wie er schreibtDie Korrespondenz zwischen Armin Wedekind und seinem Vater ist nicht überliefert. in wahrhaft männlicher Weise. Letzten Freitagam 18.7.1884. war hier Jugendfest, beim Zug in die Kirche und nachher durch die Stadt ganz unbedeutendes Sprinkeln, das kaum den Regenschirm nothwendig machte, von Mittag bis 7 Uhr sonnig u schön, das CadettenmanöverDie Schweizer Kadetten-Korps waren Jungendverbände männlicher Schüler im Alter von 10 bis 20 Jahren, die der militärischen Früherziehung dienten., bei welchem Doda als Corporal und H. Spilker unter den Freischaaren als Bandit mitmachte, gelungen und Tanz und Essen wie gewöhnlich. Um 7 Uhr vertrieb aber ein Gewitterregen die kleinere und auch den größten Theil der großen Welt vom Platz, während bald darauf die Cadetten und die angehenden BackfischeBackfisch – „volkstümliche Bezeichnung halbwüchsiger junger Mädchen“ [Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Aufl. Bd. 2. Leipzig, Wien 1903, S. 234]. noch bis 9 Uhr im Gemeindesaal tanztet/n/ u dann das Fest mit Feuerwerk schloß. Tante Jahn hatte vor einigen Wochen fast die ganze Nacht geschrieben und bekam morgens darauf einen Gehirnschlag; auf ihr Stöhnen hin lief H. Spilkker Schreibversehen, statt: Spilker.hinzu, fand sie mit kirschrothem Gesicht daliegend, holte einen Eimer mit kaltem Wasser, tauchte ein Handtuch hinein und legte es ihr um den Kopf. Bald darauf wurden Eisumschläge gemacht und Blutegel angesetzt und befindet sie sich jetzt, eine Schwierigkeit im Sprechen abgerechnet wieder wohl. Merkwürdiger Weise kann sie aber fast kein schwyzerdütsch mehr, sondern spricht immer hochdeutsch; es müssen in Consequenz der sanguinen CongestionBlutansammlung; im Folgenden wohl Ironisierung medizinischen Fachjargons. die transrhenanischen Loqualzellendie Lokalzellen von jenseits des Rheins, also die aus Deutschland. des Cerebrumsdes Gehirns. die PräponderanzÜbergewicht, Vorherrschaft. über die cisrhenanischendie von diesseits des Rheins, also von Schweizer Seite. bekommen haben. – H. Spilker hat eine Masse Gletscher be- und überstiegen, hatte das nicht von ihm erwartet. Vor 14 Tagen war ich 3 Tage lang bei den MeiningernDas Schauspielensemble des Meininger Hoftheaters unternahm zwischen 1874 und 1890 unter der Leitung von Ludwig Chronegk 81 überaus erfolgreiche Gastspielreisen mit über 2500 Vorstellungen, die in Spielweise, Werktreue und Ausstattung neue Maßstäbe setzten. Das Basler Gastspiel begann am 17.6.1884 und dauerte bis Anfang Juli; die Presse berichtetet: „Eine große Kunstbestaunlichkeit setzt die Theaterfreunde Basels in Aufregung. Von Morgen an beginnt am dortigen Stadttheater das ungefähr drei Wochen lang dauernde Gastspiel jener Bühnenvirtuosen, die der Herzog von Meiningen an sein Hoftheater gezogen hat und die seit einigen Jahren unter der kurzen Bezeichnung ‚die Meininger‘ die berühmteste deutsche Wandertruppe, überhaupt ein einzigartiges Phänomen in der bisherigen Geschichte des deutschen Theaters geworden sind. [...] nach übereinstimmenden Berichten aus allen Städten, wo die Meininger gastirten, [sei] die Darstellung von ‚Julius Cäsar‘ und er Wallenstein-Trilogie etwas unbeschreiblich Vollkommenes. [...] So beginne denn die Pilgerfahrt aller Theaterenthusiasten der Schweiz nach dem bevorzugten Basel!“ [Der Bund, Jg. 35, Nr. 165, 16.6.1884, S. (1)] in Basel, sah Wallensteins Lager u d. Piccolomini, Wallensteins Tod und am 3ten Abend Julius Cäsar; zu diesem waren noch da Dr. Bertolinicht näher identifiziert., KreisförsterKreisförster von Lenzburg war seit 1872 Rudolf Heusler [vgl. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen Jg. 1872, Nr. 9, vgl. S. 148]., Fritz Hünerwadel, Hans SchwarzLenzburger Kaufmann, wie Fritz Hünerwadel Schwiegersohn des Lenzburger Kaufmanns Theodor Bertschinger., Villiger u FrauFidel Villiger, Rechtsanwalt und Stadtammann in Lenzburg, seit 1866 verheiratet mit Gertrud Villiger (geb. Keller), Frauenrechtlerin, seit 1887 Präsidentin des Gemeinnützigen Frauenvereins Lenzburgs, seit 1888 des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins., Ernst Meyervermutlich der Betreiber einer Baumwollspinnerei in Lenzburg, nicht näher identifiziert. u Frau. Mustervorstellungen, brauche diese Stücke von andern nicht mehr zu sehen. Von Aarau waren über ein Dutzend da: Prof. GutentagProfessor Isidor Guttentag aus Breslau, von 1871 bis 1892 Lehrer für französische und griechischen Sprache an der Kantonsschule Aarau, Mitglied der Aargauischen Naturforschenden Gesellschaft., Pfarr. Wernli u FrauRudolf Wernly, seit 1882 (bis 1918) evangelisch-reformierter Pfarrer an der Stadtkirche in Aarau (Milchgasse 81) [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 50], außerdem Hebräischlehrer an der Kantonsschule Aarau und Mitglied der städtischen Schulpflege sowie Direktionsmitarbeiter des Töchterinstituts und Lehrerinnenseminars in Aarau, war seit 1873 mit Klara Wernly (geb. Krafft) verheiratet., Pfarrer Fischer u FrauXaver Fischer, seit 1877 erster christkatholischer Pfarrer in Aarau (Adelbändli 175) [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 20], war seit 1882 mit Lina Fischer (zuvor: Brunner-Keller) verheiratet., die Dich grüßen läßt, Fürsprech Blattnerder Rechtsanwalt Dr. Otto Blattner aus Aarau (Obere Vorstadt 948) [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 14]. u andere. – Jetzt lieber Bebi lebe wohl, halte Dich gut, schreibe bald wieder u gedenke auch zuweilen Deines treuen Papas.


Grüße Mons. u Mad. Gros freundlichst.

Frank Wedekind schrieb am 6. August 1884 in Lausanne folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Lausanne 6.VIII.1884.


Lieber Papa,

Verzeih, daß ich dir erst so spät auf Deinen lieben Briefvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 24.7.1884. antworte. Meinen wärmsten Dank für deinen herzlichen Glückwunsch und dein schönes GeschenkFrank Wedekind hatte zu seinem 20. Geburtstag am 24.7.1884 von seinem Vater 10 francs als Geschenk und 5 francs zum Feiern erhalten [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 24.7.1884].. Ich hab’ es auch auf möglichst beste Weise angewendet. Schon seit bald 14 Tagen sind wir jetzt ganz allein zu Hause. Mr. Gros, Willy und ich, denn die KinderEmilie und Hortense Gros, bei denen Frank und William Wedekind in Lausanne wohnten (Villa Mon Caprice, Chemin de Montchoisy), hatten vier Kinder. bringen die Ferien mit der Bonne(frz.) Kindermädchen. in Corvontder Ort mit diesem Namen ist nicht belegt, Wedekind notierte die französischen Ortsnamen überwiegend nach Gehör; seiner Mutter schrieb er, das Kindermädchen verbringe die Ferien bei seinen Eltern in den Bergen [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 26.7.1884], daher ist vermutlich die Ortschaft Cuarnens am Fuß des Jura gemeint, 25 Kilometer nordwestlich von Lausanne. zu und Madame ist zu einer | Freundin nach Bièreschweizerische Ortschaft am Fuß des Jura, 30 Kilometer westlich von Lausanne. verreist. Auch die alte Tantenicht identifiziert; Wedekind hatte sie bereits früher schon getroffen [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 11.5.1884]. hält sich gegenwärtig dort auf. In der Stadt Lausanne ist bei der drückenden Hitze alles todt und stille und oft vergingen Tage, ohne daß ich hinaufgestiegenDie Villa Mon Caprice (Chemin de Montchoisy), in der Frank und William Wedekind Zimmer gemietet hatten, lag unterhalb des Stadtzentrums von Lausanne in Richtung des Hafenvororts Ouchy. bin. Um so häufiger aber nahm mich Monsieur auf seine LandpraxisWedekinds Vermieter Emile Gros war Tierarzt. mit. und gerade mein Geburtstag gehörte in dieser Hinsicht zu den bewegtesten Tagen. Am Abend vorher hatten wir im Keller dem Philisterstudentensprachlich für Vermieter. geholfen, Wein abzuziehen, als plötzlich die Nachricht kam, er möge am andern Morgen um halb sechs Uhr bei einem kranken Pferde sein. RosaHausangestellte bei Familie Gros; nicht näher identifiziert. weckte uns schon um halb 5 Uhr und dann stiegen wir hinauf zusammen, da ich ihn am Abend gefragt hatte, ob er mich | brauchen könne. Das Pferd war bald geheilt und nach dem frischen Morgenspaziergang schmeckte das Frühstück excellent. Um Vor Mittag war ich wieder in der Stadt um einen Zeichnungsbogen zu kaufen. Da att findet mich Monsieur vor einem Putzladen stehen und fragt, ob wir zusammen nach Hause gehen wollten, er müsse nur noch eben nach einem Pferde sehen. Ich schlug vergnügt ein und folgte ihm. Der Besuch dauerte aber über Erwarten lange und da es schon recht spät war fuhren wir per Kutsche nach Hause. Nach dem Essen begleitete ich ihn wieder, da ich keine Zeit zu verlieren hatte, zu einer kranken Kuh und half ein Kalb auf die Welt bringen. Es war übermäßig groß und starb schon nach wenigen Minuten. Erst | als wir von dieser Operation zurückgekehrt waren, sagte mir ein poetischer Glückwunsch in Knittelversen auf einer Cartevgl. Minna von Greyerz an Wedekind, 23.7.1884. von Minna, daß ja heute mein Geburtstag sei. Doch hatt’ ich nicht lange Zeit darüber nachzudenken, denn Monsieur hatte mich eingeladen, mit ihm zum Begräbniß eines Freundesnicht identifiziert. nach LütryLutry, Ortschaft 5 Kilometer östlich von Lausanne. zu fahren. Der Fiaker fuhr vor und fort gings in pleine Carriereen pleine carrière (frz.) in gestrecktem Galopp (wörtlich: in vollem Lauf). denn schon um 5 Uhr sollte die Feierlichkeit stattfinden. Unterwegs stieg noch ein Schmied von Py/u/llyin der Mitte zwischen Lausanne und Lutry gelegen Ortschaft. ein, ein urgemüthliches Hausim Sinne von: ein braver Kerl; „der menschliche leib, als wohnung der seele, wird einem hause verglichen [...] so wird auch in traulicher rede der mensch nach seiner äuszern erscheinung in solchen vergleich gesetzt: wie geht dirs, altes haus?; du bist ein braves haus!“ [DWB 10, Sp. 644f.], der den/as/ gleichen Ziel hatte und erst spät AbensSchreibversehen, statt: abends. kamen wir zu Hause an. –– Am anderen Tage erhielt ich Deine freundliche Sendungdie Geldsendung und die Glückwünsche zum Geburtstag [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 24.7.1884]. und den schönen Kuchen von Mammadas Begleitschrieben zur Sendung der Mutter ist nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 24.7.1884., mit dem wir uns auf unserer Bude güt|lich thaten. Einige Tage darauf waren wir in EvianÉvian-les-Bains, französische Ortschaft auf der Lausanne gegenüberliegenden Seite des Genfer Sees, der für seine Mineralwasserquellen bekannt ist.. Wenn die schöne Natur hier im Wadtlandder Schweizer Kanton Waadt, mit Lausanne als seinem Verwaltungszentrum. schon ein wonniger, niegetrübter Himmel ist, so kommen mir die savoyschen Seegestadedas Südufer des Genfer Sees, das zur französischen Region Savoyen gehört. vor wie das herrlichste Paradies. Dabei sind die Bewohner träge, gemüthlich und bequem, und in Folge dessen alles etwas wild, verfallen und unordentlich. Ausgewitterte Ruinen von Brücken, Häusern und Schlössern verleihen der ganzen Gegend eine düstere Romantik. Aber wie das dichte Grün, das in üppiger Fülle überall an den geborstenen Mauern hinunterfließt, die zackigen Formen rundet und das häßliche Grau mit dunkelm Laube verschleiert, so reichen auch die kahlen unwirthlichen Höhen der nahen Savoyeralpensüdlich der Genfer Sees gelegener Teil der Westalpen mit dem Mont Blanc (4810 m) als höchstem Berg. nicht erschreckend hinunter in das | lachende Seegestade. Hohe, kühle Waldungen, lauter kräftige Eichen, ziehen sich vom Thal aus aufwärts und umkränzen die weiten Bergeshalden. Dazwischen liegen duftige Wiesengründe, belebt und beweidet von den munteren kleinen Savoyerpferden, von Ochsen und Kühen, Schafen Ziegen Eseln, von Maulthieren und Mauleseln. Und mitten darunter steht der schmutzige Savoyarde, die zi strumpflosen Füße in zierlichen Atlasschuhenmit Satin bezogene Schuhe., und sein Auge ruht gedankenlos auf der Pracht und Herrlichkeit rings um ihn her während sein Ohr an den Klängen der HandharmonikaAkkordeon. lauscht, die der im Abendwind vom Dorfe aus zu ihm hinaufklingen. –– Wir fuhren nach Abondancefranzösischer Bergort in Savoyen, 30 Kilometer südlich von Évian. wo einst RousseauMit Madame de Warens lebte Jean-Jacques Rousseau in Annecy und Chambéry zusammen, vermutlich eine Verwechslung Wedekinds (ebenso unten). mit Mdm. d. Warens gelebt und geliebt | hat. Es liegt tief in den Bergen drin in einem lieblichen Waldthal und überall waren wir freundlich aufgenommen und gastlich bewirthet, denn der Ruf seines Namens und seiner Geschicklichkeit übertönt das Rauschen und Brausen des weiten See’s und dringt bis weit/tief/ ins Land hinein auf französischer Seite. – In Saint Prex Ortschaft am Ufer der Genfer Sees, 15 Kilometer westlich von Lausanne.ist ein prachtvolles Gut am See mit herrlichen Stallungen, acht Luxuspferden, mit Reitbahn, und eigenem Dampfschiff. Hier residirt ein sehr freundlicher Herr, Mr. Bürki, dessen eines Wagenpferd wir schon zwei Mal besuchten. Er zeigte uns dabei sein ganzes Besitzthum und seine Frau Gemahlin seh servirte indessen einen kühlen Labetrunk. –– So haben wir noch manche schöne Thur Tour gemacht, denn ich dachte, so bald wirst du wol nicht wieder den Fuß in dieses Paradies setzen können | und da die schönen Tage jetzt so rasch zu Ende gehen, so suchte ich sie anzuwenden, so gut es möglich war. Auch nach TononThonon-les-bains, französischer Kurort am Südufer des Genfer Sees, gegenüber von Saint-Prex. Hier traf sich 1764 Jean-Jacques Rousseau mit seinen Freunden [vgl. Ferdinand Brockerkoff: Jean Jacques Rousseau: Sein Leben und seine Werke. Bd. 3, S. 253]. fuhren wir einmal herüber und erlebten dabei einen imposanten Sturm. Dort wohnte ja Rousseau lange zusammen mit Mdm. de Warens, und einige große Hotels abgerechnet, s/m/ag sich die ganze Gegend seit jener Zeit nicht sehr verändert haben. –– Unsere Abreise von hier ist auf den 16.tatsächlich brachen William und Frank Wedekind bereits am 15.8.1884 von Lausanne auf [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 16.8.1884]. festgesetzt. Wir können auch darum kaum einen Tag länger hier bleiben, weil Willy später vie keinen Urlaub mehr erhielte da Mr. RuffieuxWilliam Wedekinds Lehrherr in Lausanne. in Kriegsdienstdie verpflichtenden regelmäßigen Kurse für schweizerische Reservisten. muß. Ich habe demnach Mdm Gros durch ihren Herrn Gemahl kündigen lassen. Nächsten Sonntagam 10.8.1884. kommt sie wieder zurück mit sammt den Kindern. Ich werde also ihre angenehme Gesellschaft, ihre freundliche Unter|haltung und ihren hinreißenden Gesang noch volle 8 Tage lange genießen können. –– Nächsten Sonnabendam 9.8.1884. kommt also HammiArmin Wedekind resite von seinem Studienort Göttingen aus offenbar gemeinsam mit seinem Onkel Erich Wedekind und dessen 22-jähriger Tochter Helene aus Hannover nach Lenzburg. mit Onkel Erich und Cousine Lenchen bei euch an. O, wie freue ich mich, ihn wiederzusehen! Und dann erst noch Helene! Ich kenne sie ja zwar noch gar nicht weiter, als durch Hammis BriefeKorrespondenz zwischen Armin und Frank Wedekind vor dem Jahr 1885 ist nicht überliefert., aber desto größer wird die Überraschung, desto herzinniger die Freude sein. –– Von Minna habe ich auf einen langen Briefvgl. Wedekind an Minna von Greyerz, 24.7.1884. immer noch keine Antwort erhalten und muß fürchten, ihr darin nicht gefallen zu haben. Vermuthlich stimmte ich die Saiten meiner Laute um eine Oktave zu hoch, als ich eine feurige Apotheose der Freundschaft zwischen Minna und Blanch Z.Blanche Zweifel, geborene Gaudard, eine Schwester von Minna von Greyerz’ Freundin Mary Gaudard, seit 1882 verheiratet mit dem Lenzburger Kolonialwarenhändler Adolf Zweifel. intonirte. –– Doda gratulire ich zu seinem Avancement(frz.) Beförderung. „Wahrscheinlich handelt es sich um eine Beförderung des Bruders Donald im Lenzburger Kadettenkorps. Aufsteigen konnte man vom einfachen Soldaten zum Wachtmeister und dann zum Leutnant. Donald nahm 1885 am Kadettenfest in Baden teil“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 51]. und wünsche seiner militärischen Laufbahn mehr GlückFrank Wedekind war nach einer Reihe von Anschuldigungen „auf Gesuch der Lehrerschaft der Lenzburger Bezirksschule als Hauptmann des Lenzburger Kadettenkorps am 19.6.1878 zum einfachen Soldaten degradiert worden, vgl. Sitzungsprotokolle der Lenzburger Kadettenkommission, Stadtarchiv Lenzburg, Wedekind-Archiv, III LC1“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 51f.]. Daraufhin verfasste er das Spottgedicht „Hauptmann’s Leiden“ [KSA I/1, S. 33f. und I/2, S. 1648f.]. | und Segen, als ich seiner Zeit genossen habe. Was Du mir über die Besserung in Tante Jahns gefährlichem Zustand schreibstvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 24.7.1884., hat mich sehr beruhigt. Noch bei weitem mehr aber freute es mich, daß auch ihr, zu Haus, alle gesund und wohl seid, daß es euch gut ergeht und daß ihr die lachende Sommerszeit genießet. Und von ganzem Herzen wünsche ich, daß es füer/r/derhin so bleiben möge, und stets eine gütige Sonne ihre milden Strahlen auf euch herniedersende, wenn auch düstere Wetterwolken den klarblauen Himmel längst umschleiert haben, wenn tiefer Schnee das weite Land umher bedeckt und die rauhen Winterstürme heulen und toben um die alten Mauern und Thürme der/von/ von Lenzburg. –– Mit herzlichen Grüßen Dein treuer Sohn
Franklin.

Frank Wedekind schrieb am 16. August 1884 in Sankt Niklaus folgende Postkarte
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Postkarte.
Carte postale. – Cartolina postale.
         –––––––––


Herrn Dr. Wedekind
Schloss Lenzburg
(Ct. Aargau.) |

St. Nikolaus, 16.IIX.84.


Lieber Papa

die Fahrtvon Lausanne nach La Bouveret, wo die Rhone in den Genfer See mündet. auf dem Genfersee war prachtvoll und stimmte mich wehmüthig, da ich das Paradiesgärtlein sobald nicht wiedersehn werde. Die Begegnung zwischen Onkel Erich und seiner alten Freundinnicht identifiziert. war ergreifend und rührte mich fast zu Thränen. Gestern fuhren wir also das Rohnethal hinauf b und marschierten das/er/ Vispachgemeint ist die Vispa, ein Fluss, der von Süden her in Visp in die Rhone mündet. entlang bis nach St. Nikolausdie Ortschaft Sankt Niklaus (1120 m) im Mattertal im Kanton Wallis. Der Fußweg vom 16 Kilometer entfernten Visp dorthin beträgt 4 Stunden.. Abends d/a/cht Uhr fanden wir dort noch ein treffliches Quartier, in dem ich auch jetzt wieder sitze und schreibe. Heute morgen früh fuhren wir nach Zermatt und fanden einen herrlichen aber heißen Tag. Den Rüffelbergder Riffelberg (2582 m) bei Zermatt. erstiegen wir von 10 – 1 Uhr. Um 3 ungefähr standen wir am Fuße des Görnergradesder Gornergrat (3135 m) süd-östlich von Zermatt., A/r/ings um uns her die himmelhohe r/R/iesenmauer der beschneiten Bergzacken. Aber ganz hinaufgestiegen sind wir nicht, obschon uns eine englische Gesellschaft, alle auf ein Seil gezogen wie die Tauben] In der Geschichte des Freiherrn von Münchhausen fängt der Erzähler Enten (und nicht Tauben) ein; in der Fassung von Gottfried August Bürger heißt es: „Da besann ich mich auf ein Stückchen Schinkenspeck [...] Dieß befestigte ich an eine ziemlich lange Hundsleine, die ich aufdrehte, und so wenigstens noch um viermal verlängerte. Nun verbarg ich mich im Schildgesträuch am Ufer, warf meinen Speckbrocken aus und hatte das Vergnügen zu sehen, wie die nächste Ente hurtig herbeischwamm und ihn verschlang. Der ersten folgte bald alle übrigen nach, und da der glatte Brocken am Faden gar bald unverdauet hinten wieder herauskam, so verschlang ihn die nächste, und so immer weiter. Kurz der Brocken machte die Reise durch alle Enten sammt und sonders hindurch, ohne von seinem Faden loszureißen. So saßen sie denn alle daran, wie Perlen an der Schnur.“ [Des Freih. v. Münchhausen wunderbare Reisen und Abenteuer zu Wasser und zu Lande, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegte. Zuerst gesammelt und englisch herausgegeben vom R. E. Raspe. Uebersetzt und hier und da erweitert vom G. A. Bürger. Göttingen 1869, S. 12f.] des Freiherrn von Münchhausen, mit 6 Führern, mit gutem Beispiel voranging. Der Abweg war müsamSchreibversehen, statt: mühsam. aber, um Zeit und Geld zu gewinnen, fuhren wir sofort wieder hierher zurück. W/O/nkel Erich läßt Euch alle des Bestens grüßen. Ebenso die herzlichsten Grüße von Willi und mir. Morgen früh 5 Uhr brechen wir nach Visp auf. Auf recht baldiges glückliches Wiedersehn, euer treuer Franklin

Frank Wedekind schrieb am 18. Dezember 1884 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind , Friedrich Wilhelm Wedekind , Friedrich Wilhelm Wedekind , Friedrich Wilhelm Wedekind , Friedrich Wilhelm Wedekind , William Wedekind , Emilie (Mati) Wedekind , Donald (Doda) Wedekind , Erika (Mieze) Wedekind , William Wedekind , Emilie (Mati) Wedekind , Donald (Doda) Wedekind , Erika (Mieze) Wedekind , Emilie Wedekind

München, im December 1884.


Ihr Lieben,

ich wünsche e/E/uch allenDer Brief wendete sich an die Eltern und die zu Weihnachten auf Schloss Lenzburg versammelten Geschwister. eine recht fröhliche Weihnachtszeit und für die Zukunft alles Gute, das der Himmel beschehrenSchreibversehen, statt: bescheren. kann. Von den Herrlichkeiten Münchens wüßt’ ich Euch viel zu erzählen und wills auch thun in einem längeren Briefe so bald die FerienDie Weihnachtsferien der Ludwig-Maximilians-Universität dürften am Montag, den 22.12.1884 begonnen haben und dauerten bis zum 4.1.1885. begonnen haben. Beiliegend einstweilen einige Beispielewohl beigelegte Ansichtskarten oder Fotografien.. Doda möge seinen Schiller brav durchstudiren und zwar mit Maria Stuart anfangen und | Fiesko und die Räuber erst nach dem Wallenstein lesen.

Es ist dies das erste Mal, das ichSchreibversehen, statt: daß ich. Weihnachten in der Fremde zubringen und bin sehr darauf gespannt, wie mir das vorkommen wird. Hoffentlich denkt i/I/hr am Heiligen Abend an unsFrank und Armin Wedekind, die sich ein Zimmer in München (Türkenstraße 30, 1. Stock) teilten.; so wird uns der Verlust und das Heimweh leichter zu ertragen sein. Ich weiß noch nicht recht, ob wir hier in München auch einen Weihnachtsbaum bekommen, aber viel Rares wird wol schwerlich daran hängen und auch die Fröhlichkeit dabei wird nicht den heimischen Familien-Charakter tragen. Aber wenn mir dieses Jahr die Gunst versagt ist, Weihnachten in Euerm lieben Kreise zu feiern, | so weiß ich umso mehr das Glück zu schätzen, einen so herben Verlust schmerzlich empfinden zu können in der schönen Erinnerung an andere Jahre und in der Hoffnung Euch, meine Lieben froh und gesund einst wiederzufinden. –– Mit tausend herzlichen Grüßen an Euch alle zusammen und an den strahlenden Weihnachtsbaum verbleib’ ich in unvergänglicher Treue Euer Franklin.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 28. Dezember 1884 in Lenzburg folgenden Brief
an Armin (Hami) Wedekind , Frank Wedekind

Schloß Lenzburg, 28. December 1884.


An die Gebrüder Wedekind,
München.

Versprochenermaßen erfolgen anbei fr. 600 oder in bayerischen Staats-Obligationen-CouponsGutscheine über Zinszahlungen aus festverzinslichen Schuldverschreibungen; „Zinskoupon [...] Name der den Staats- und andern öffentlichen Papieren, Pfandbriefen, Prioritäten, Aktien etc. auf eine Reihe von Jahren behufs der Erhebung von Zinsen und Dividenden (bei Aktien) beigegebenen gedruckten Quittungen, welche zu der auf den einzelnen angegebenen Verfallzeit vom Kouponbogen (Zinsbogen) abgeschnitten und von bezeichneten Kassen gegen bar Geld eingelöst werden.“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. Bd. 10. Leipzig 1888, S. 128] 12 Stück à M 40 = M 480 und 1 Stück preußischer Staats-Obl.-Coupon à M 4, in Summa M 484. –

Die bayerischen Coupons waren zur einen Hälfte schon am 1. Juli 84 fällig und sind zur andern am 1. Januar 85 fällig; sie können, wie auch auf denselben angegeben ist, bei jeder kgl. bayerischen Staatskasse ohne allen Abzug gegen Gold oder Markscheine umgewechselt werden, was sofort zu bewerkstelligen ist und am besten in Markscheinen von fr. 20, weil diese weniger leicht verloren gehen als die kleinen Couponzettel.

Für den Fall des Verlorengehens auf der Post habe ich ein genaues Nummern-Verzeichniß angefertigt und eine Copie davon hier beigelegt, weil es vielleicht auch in München, wie hier in der Schweiz, Gebrauch ist, bei der Einlösung von Coupons ein Verzeichniß oder sog. Bordereau(frz.) Zettel; Verzeichnis. mit zu überreichen; deshalb ist solches bei dem Incassohier das Einlösen der Coupons. mitzunehmen, so wie auch wohl dieser Brief nebst Couvert, um sich nöthigenfalls ausweisen zu können.

Den preuß. Coupon wechselt jeder Geldwechsler gegen ein paar Pfennig Gebühr um. Der Erlös der anliegenden Coupons von M 484 ist für die Ausgaben während der zwei Monate vom 29. Dec. 84 bis 1. März 85 bestimmt, an welch’ letzterm Tage eine weitere Sendung von fr. 300 für den Monat März erfolgen wird.

In der Hoffnung, daß von dieser Geldsendung der richtige Gebrauch gemacht und damit ordentlich hausgehalten werde und mit der Bitte, mir den Empfang derselben umgehend bescheinigen zu wollen, grüßt der Absender.

Dr. Wedekind

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 1. Januar 1885 in Lenzburg folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind , Armin (Hami) Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekind Brief an Friedrich Wilhelm Wedekinds vom 19.2.1885 aus München:]


Deine freundliche Neujahrskarte giebt uns Muth [...]

Frank Wedekind und Armin (Hami) Wedekind schrieben am 19. Februar 1885 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

München, 19.II.84Das Datum des irrtümlich auf 1884 datierten Briefs wurde später mit blauem Buntstift auf 1885 korrigiert, was auch dem Briefkontext entspricht: das gemeinsame Studiensemester von Armin und Frank Wedekind in München im Wintersemester 1884/85..


Lieber Papa,

dürfen wirDer Brief wurde von Frank Wedekind als gemeinsames Schreiben von ihm und seinem Bruder Armin verfasst und unterzeichnet. es wagen, Dir zu Deinem GeburtstageFriedrich Wilhelm Wedekinds 69. Geburtstag am 21.2.1885. zu gratuliren und Dir Glück und alles Schöne und Gute zu wünschen? – Deine freundliche Neujahrskartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank und Armin Wedekind, 1.1.1885. giebt uns Muth dazu und zugleich die feste Zuversicht, Verzeihung von Dir erbitten zu können alles dessen wegen, was Unrechtes vor unserer AbreiseArmin und Frank Wedekind verließen spätestens Anfang November 1884 Lenzburg, um ihr Studium in München aufzunehmen (s. u.); Vorlesungsbeginn war der 2.11.1884. Anlässlich der Abreise war es offenbar zu Ermahnungen durch den Vater gekommen [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 12.11.1884]. zu Hause vorgefallen. Allerdings ist vieles darunter, was sich leichter ganz vergessen und als verzeihen ließe und trotzdem noch viel eher | zu verzeihen als zu begreifen ist. Aber, bitte, erlaß mir die peinliche Aufgabe, all’ das Traurige, Fall für Fall, zu recapituliren. Vergessen hab’ ich es wahrhaftig nicht; doch die Erwähnung könnte mehr verderben, als alle Reue gut zu machen im Stande ist. Und wie dankbar wären wir Dir, wenn Du es hingegen vergessen würdest, wie Du uns schon so vieles vergessen hast. Die damaligen VerhältnisseFrank und Armin Wedekind verbrachten die Zeit von Mitte August bis Ende Oktober 1884 in Lenzburg. Armin Wedekind hatte zwei Semester in Göttingen studiert und wechselte zum Wintersemester für sein Medizinstudium nach München. Frank Wedekind hatte ein Semester neuere Sprachen und Literatur in Lausanne studiert und nahm zum Winter ein Jurastudium in München auf., die vielen Besuche, das Wiedersehen alter Kameraden und das häufige Zusammentreffen mit ihnen waren ja gewiß nicht wenig schuld an unserem leichten Leben; und was außerdem noch geschehen ist, mögen wol großentheils traurige Folgen von diesem gewesen sein.

Wir verließen Lenzburg in der größten Bestürzung, da uns, | nachdem wir geraume Zeit, ohne zu fühlen, zu denken und umzublicken, in den Tag hinein gelebt hatten, plötzlich die ganze entsetzliche/s/te Situation in grellstem Lichte vor Augen getreten war. Die Reise nach München war schweigsam und trübselig, und seither wagte keiner von uns, mit dem anderen über dasjenige zu sprechen, was uns beiden doch am schwersten auf dem Herzen lag, was jeder als des anderen sehnlichstes Verlangen kannte.

Und so entstand auf unserer Seite ein neues Vergehen, schwerer und vielleicht verhängnißvoller als alle vorhergegangenen, daß nämlich Tage, Wochen und Monate verflossen, ohne daß wir Dir geschrieben hätten, uns/d/ daß wir Dich, statt gleich nach unserer Abreise, erst heute um Verzeihung bitten. Aber Lässigkeit oder gar Gleichgültigkeit | tragen gewiß keine Schuld daran, höchstens Mangel an Fassung und an gegenseitiger Offenheit und Aufrichtigkeit uns selbst gegenüber. ––

Nicht wahr, lieber Papa, du verzeihst uns auch diesen Fehler, du nennst uns wieder Deine lieben Kinder. Probier’ es nur noch ein Mal; an uns soll der gute Erfolg sicherlich nicht scheitern. Wenn wir durch unser Betragen das Vaterhaus entweiht haben, so waren wir freilich keiner besseren Entlassung daraus würdig. Aber die Menschen können sich ändern wie ihre Empfindungen, sie können sich bessern, zumal in der Fremde, wo sie mehr als zu Hause auf sich, auf ihre innere Welt, und ihren Seelenfrieden angewiesen sind. ––

Bitte, sende uns nur wenige | Zeilen, woraus wir Deine Gesinnung und – wir hoffen – Deine Verzeihung ersehen können. Dann werden wir sofort, wenn wir wissen, daß Du es lesen wirst, daß es Dich interessirt, Dir von allem ausführlich Rechenschaft geben, von unserem Leben und Treiben hier in München und von unseren StudienArmin Wedekind studierte seit dem 27.4.1881 Medizin, zunächst in Zürich, anschließend in Göttingen und seit dem Wintersemester 1884/85 in München; Frank Wedekind begann zu diesem Semester sein Jurastudium in München und teilte sich mit seinem Bruder ein Zimmer (Türkenstraße 30). „Er hatte drei Vorlesungen belegt: Deutsche Rechtsgeschichte bei v. Sicherer, Institutionen bei Hellmann und römische Rechtsgeschichte bei Löwenfeld“ [Kutscher 1, S. 114]. Gemäß dem Vorlesungsverzeichnis besuchte er demnach „Deutsche Rechtsgeschichte, wöchentlich fünfmal von 10–11 Uhr [...] Institutionen des römischen Privatrechts, fünfmal wöchentlich (excl. Samstag) von 8–9 Uhr [...] römische Rechtsgeschichte, viermal wöchentlich, Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 2–3 Uhr“ [Verzeichnis der Vorlesungen an der königlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu München im Winter-Semester 1884/85. München 1884, S. 4f.].. Armin ist den ganzen Tag über im Spital, so daß wir uns nur beim Mittagessen und Abends sehen. Die medicinische Facultät hat einen guten Ruf, und er ist mit seinen Professoren recht zufrieden. Auch ich fand die Jurisprudenz bedeutend fesselnder und weniger trocken, als ich erwartete. Daneben ließ ich allerdings auch anderes nicht aus dem Auge und hospitire in einigen literarischen und culturhistorischen Vorlesungennicht ermittelt..

Empfange noch einmal | unsere herzlichsten Glückwünsche zu Deinem Geburtstage, verzeih uns und vergiß nicht Deine treuen Söhne
Armin und Franklin


P. S.

Armin gab mir gestern 56 Mark von den 112 M. die Du ihm gütigst gesandt. Auch in seinem Namen danke ich Dir bestens dafür.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 22. Februar 1885 in Lenzburg folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind , Armin (Hami) Wedekind

[1. Hinweis in Erika Wedekinds Brief an Frank und Armin Wedekind vom 8.3.1885 aus Lenzburg:]


Eben wollte ich Euch noch von der Blatterngeschichte erzählen, aber da fällt mir ein daß Ihr sie wahrscheinlich aus Papas Brief schon kennt.


[2. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 12.3.1885 aus München:]


[...] Papa [...] daß er uns verzieh [...]

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 29. März 1885 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Schloß Lenzburg, 29. März 1885.


Meine l. Söhne!

Anliegend erfolgen für Euch beide zusammen M 240 in 12 Couponsdie Zinszahlungen aus festverzinsten Staatsanleihen. der preuß. consol.Konsolidierungsanleihen fassen die Verbindlichkeiten des Emittenden in einer Anleihe zusammen. 4%gen Staatsanleihe und zwar
für Dich, Armin, für den halben April . . .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   M. 67.
und als ReisegeldArmin Wedekind reiste zum Semesterende Mitte April von München nach Lenzburg, um sein Studium im kommenden Wintersemester in Zürich fortzusetzen. nach hier II. Cl. Schnellzug fr. 28; Kofferfracht
fr. 10 und Zehrung unterwegs fr. 10; zusammen fr. 48. =  .  .  .  .  .  .  "    39.
                                                                                                        –––––––––––
                                                                                                               M 106.
und für Dich, Franklin, für den Monat April   .    .    .    .    .    .    .    .  "   134.
                                                                                                        –––––––––––
Zugleich ersuche ich Dich, mir rechtzeitig zu schreiben,         Summa M 240.–
wie viel Du für Collegiengelderdas an die Professoren für das Hören ihrer Veranstaltungen zu entrichtende Geld. im nächsten Semester
in München nöthig hast, damit ich Dir den betreffenden
Betrag zugleich mit D. Wechsel pro Monat Mai zusende.

Seit mehreren Wochen tagtäglich mit einer Schaar Sträflingeaus der kantonalen Strafanstalt Lenzburg, „damals die fortschrittlichste schweizer. Vollzugsanstalt, in welcher die Prügelstrafe verboten war und ein Gefangenenlohn eingeführt wurde“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 65f.]. Friedrich Wilhelm Wedekinds Praxis, sich Sträflinge als Arbeitskräfte für Arbeiten rund um das Schloss zu mieten, beschrieb Frank Wedekind zu Beginn seiner Erzählung „Der Brand von Egliswyl“ [vgl. KSA 5/I, S. 172f.]. und zwei Arbeitern draußen beschäftigt bin ich müde und ist die Hand rauh und steif und zum Schreiben wenig geeignet. Deshalb schließe ich mit kurzem Gruß an Euch beide.

Euer Vater.

Frank Wedekind schrieb am 27. April 1885 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

München 27 IV.85.


Lieber Papa,

bitte verzeih mir, daß ich Dir nicht früher schreibe aber langwieriges Zahnweh ließ mich letzter Tage zu keiner rechten Sammlung kommen. Ich hatte mir zwei Backenzähne plombiren lassen, aber obwol sie nicht eben sehr stark angegangen waren, enstandSchreibversehen, statt: entstand. dennoch an beiden eine sehr heftige Wurzelentzündung, so daß ich sie mir nach einander ausreißen lassen mußte.

Die FerienDie Semesterferien an der Ludwig-Maximilians-Universität endeten am 14.4.1885. sind mir recht schnell vorübergegangen, zumal die erste Hälfte derselben, da Armin noch hierArmin Wedekind reiste spätestens am Samstag, den 11.4.1885 von München nach Lenzburg und verbrachte die letzte Woche der Semesterferien bei seinen Eltern, bevor er sein Studium in Zürich fortsetzte. | war. Ich hoffe daß er gesund und wohl bei Euch eingetroffen ist und e/E/uch alle zusammen ebenso angetroffen hat. In den letzten Tagen der Ferien sah ich mich ein wenig in der Umgebung der Stadt um. Sehr schön war sie zwar damals noch nicht, da erst seit drei Tagen, seit einem heftigen Gewitterregen überall das Grün an Baum und Strauch hervorgebrochen ist. So besuchte ich mehrere Schlösser, darunter Schleißheim, wo eine sehr reichhaltige Bildergallerie zu sehen ist. Ich kam mir anfangs recht dumm vor unter all den Kunstwerken in Malerei und Musik, die hier in München dem Neuling vor die Sinne treten. Aber durch den Umgang mit einigen S/s/achverständigen Leuten und auch durch einige gedruckte kleine Fingerzeige, so z. B. Mengs: Über den GeschmackDas 1762 in Zürich zunächst anonym erschienene Buch des klassizistischen Malers Anton Raphael Mengs „Gedanken über die Schönheit und über den Geschmak in der Malerey. Herrn Johann Winkelmann gewidmet von dem Verfasser. Herausgegeben von J. Caspar Füeßli“. Das Buch avancierte zum kunsttheoretischen Standardwerk, das auch im Unterricht der Kunstakademien Verwendung fand. in der Malerei e. ct. | hab/t/ sich mein Urtheil nach gerade allmählig so weit abgeklärt, daß, wenn ich auch noch nicht wagen kann selber mitzusprechen, ich doch wenigsten verstehe was a/A/ndere sagen und sagen wollen. Denn der naive Kunstgenuß wird d/h/eutzutage doch nur in den seltensten Fällen auf die eine richtige Ansicht führen. Hier ist dies gut, dort jenes, und da wieder etwas anders, was jeweilen den großen Meister macht, und wer nicht weiß, was er zu suchen hat, der wird auch das Richtige schwerlich finden können. Auf diesem Wege ist mir denn auch mit der Zeit das Verständniß von Richard Wagner aufgegangen. Das sind wirklich Kunstproduk/c/te, die genauer untersucht sein wollen und die dem n/U/ng/e/ingeweihten nicht viel mehr bieten, als recht viel lautes lärmendes Tschinpum und großartige Scenerien. Selbst das wenige Melodische wirklich Musika|lische in seiner Musik ist wenn auch imposant, doch so gesucht, so ausstudirt, daß es wol kaum jemals, wie die Musik der Italiener, Eigenthum der Drehorgeln und Gassenjungen werden wird. Es heißt der Musik ja gewiß eine hohe Aufgabe stellen, wenn sie Empfindungen und Gemüthszustände malen soll; ob sie es aber kann, ist eine andere Frage, und obsie dazu befähigt ist, Gedanken, ja sogar logische und philosophische Syst Operationen auszudrücken, daß/s/ möcht’ ich noch sehr bezweifeln und das ist auch meiner unmaßgeblichen Ansicht nach die Klippe, an der die ganze Wagnerei in kurzer Zeit zerschellen wird. In RienziRichard Wagners große tragische Oper „Rienzi, der Letzte der Tribunen“ (1842) wurde am Königlichen Hof- und National-Theater München am 30.11.1884 und am 22.2.1885 gegeben; welche Vorstellung Wedekind besuchte ist nicht ermittelt. treten diese specivischSchreibversehen, statt: specifisch. wagnerischen Eigenheiten noch nicht so frappant hervor, um so lebhafter erinnerte er mich an all’ das, was du uns eh’dem über | NiemannAlbert Niemann, Opernsänger (Tenor) und Wagner-Interpret; seit 1854 am Hoftheater in Hannover engagiert, wo er 1859 erstmals die Titelrolle in Wagners Oper „Rienzi“ sang; 1866 wechselte er nach Berlin. in Hannover erzählt hast. Auch hier machte sich die Schlacht- und Triumpfscenedie 10. Szene des III. Aktes von „Rienzi“, in der Rienzi sowie die Senatoren, Cecco und Baroncelli „ganz geharnischt und zu Pferd“ [Richard Wagner: Rienzi der Letzte der Tribunen. Große tragische Oper in 5 Akten. Berlin, Dresden 1875, S. 263] auftreten. mit dem stampfenden, schnaubenden Schimmel sehr imposant aber im Niebelungenring, zumal im Schluß desselben, in der GötterdämmerungWedekind besuchte aus Richard Wagners Opern-Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ die Oper „Die Walküre“ am 11.3.1885 im Königlichen Hof- und Nationaltheater München [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 12.3.1885]; im April wurden dort die Teile „Siegfried“ (am 10.4.1885) und „Götterdämmerung“ (am 14.4.1885) aufgeführt, die Wedekind vermutlich beide besuchte., kommen noch tollere Reiterstückchen auf die Bühne.

Vor acht TagenVorlesungsbeginn war offiziell am 15.4.1885 [vgl. Verzeichnis der Vorlesungen an der königlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu München im Sommersemester 1885. München 1885, S. 2]. haben hier die Collegien wieder begonnen und passen für mein Semester recht gut und fallen ganz angenehm. Ich belegte für jeden Morgen von 7 – 8 Erb- und FamilienrechtEine Veranstaltung zu diesem Thema ist im Vorlesungsverzeichnis nicht aufgeführt, zu der genannten Uhrzeit waren die Vorlesungen Deutsches Handels-, Wechsel und Seerecht (v. Sicherer) bzw. Deutsches Staatsrecht (Harburger) angekündigt [vgl. Verzeichnis der Vorlesungen an der königlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu München im Sommersemester 1885. München 1885, S. 4]. und von 8 – 10 Pandektendie Veranstaltung: Pandekten ohne Familien- und Erbrecht (Seuffert) [vgl. Verzeichnis der Vorlesungen an der königlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu München im Sommersemester 1885. München 1885, S. 4]. Als Pandektenrecht bezeichnete man im 19. Jahrhundert das Zivilrecht gemäß der von Friedrich Carl von Savigny begründeten historischen Rechtsschule, die sich auf die römischen Pandekten, „Justinians Sammlung von Erörterungen, Aussprüchen und Gutachten altrömischer Rechtsgelehrten“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. 12. Bd. Leipzig 1888, S. 649], stützte.. Von 10 – 11 liest Prof. Riel Culturgeschichte der RenaissanceEine Veranstaltung dieses Titels findet sich im Vorlesungsverzeichnis nicht. Der Kunsthistoriker Wilhelm Heinrich von Riehl, seit 1859 Professor für Kulturgeschichte und Statistik an dem Münchner Universität und seit 1885 Direktor des Bayerischen Nationalmuseums, bot demnach die vierstündige Vorlesung „Geschichte der deutschen und niederländischen Malerei von der van Eyk bis zum Ausgange der Rubenschen Schule“ an sowie als öffentliche Veranstaltung „Demonstrationen in der K. älteren Pinakothek, einstündig (publice).“ [Verzeichnis der Vorlesungen an der königlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu München im Sommersemester 1885. München 1885, S. 15] Unter den von Wedekind überlieferten Kollegheften trägt eines den Titel „Renaissance“ [vgl. Aa Wedekind-Archiv B 156], die ich besuchen kann auch ohne sie belegt zu haben. Die Stunde kostet hier 4 M so daß mich die Collegien auf 72 M kommen. Außerdem sollt ich mir aber allerdings noch ein Pandektenhandbuch anschaffen, das 19 M kostenSchreibversehen, statt: kostet., antiquarisch aber vielleicht | wol auch etwas billiger zu haben ist. Bei gegenwärtigem schönen Wetter ist es bedeutend angenehmer, als vergangenen Winter, früh m/M/ orgens ins Colleg zu gehen, und auch der Stoff, zumal die Pandecten sind nicht so schrecklich dürr, wie sie verschrieen sind.

Meine WirthinWedekind zog nach dem Studienortwechsel seines Bruders Armin nach Zürich von dem gemeinsamen Zimmer in der Türkenstraße 30, 1. Stock in die Schellingstraße 27, 3. Stock um. Unter dieser Adresse war die Privatierswitwe Maria Fischer verzeichnet [vgl. Adreßbuch von München 1885, Teil II, S. 407 und 1886, Teil II, S. 416]; das Haus mit der neuen Wohnung lag in unmittelbarer Nähe zu seinem alten Zimmer: „Zwischen 27 und 29 Türkenstrasse“ [ebd.]. gefällt mir sehr gut. Sie ist Wittwe und besorgt mir sehr pünktlich selber meine Wäsche und die Ausbesserung der Kleider. Ich wohne hier mit noch drei anderen StudentenIm 3. Stock der Schellingstraße rechts waren der Jurastudent Anton Graf und der Philosophiestudent Josef Nieberle, beide aus Neuburg an der Donau, verzeichnet, links wohnte der Philosophiestudent Anton Heeger aus Westheim [vgl. Amtliches Verzeichnis des Personals der Lehrer, Besamten und Studierenden an der königlich bayerischen Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Sommer-Semester 1885. München 1885, S. 47, 49 und 63]. zusammen, zwei Juristen darunter der eine in meinem Semester, und einem Philosophen. Alle drei sind sehr nette stille Leute, mit denen sich gut verkehren läßt. Wenn hier erst vor drei Tagen der Frühling begonnen hat, so wird er indeß bei Euch wol schon längst in voller Blüthe stehen und | dabei giebt es gewiß in Haus und Garten recht viel a/A/rbeit. An Armin hatt’ ich einen langen ausführlichen Brief nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Armin Wedekind, 17.4.1885.nach Lenzburg gesandt mit der Voraussetzung, daß er denselben Euch allen vorlest/e/n werde. Er scheint ihn aber erst in Zürich erhalten zu haben. Er schrieb mir darauf, daß es ihm gut gehe, und wenn auch Zürich nicht München sei, so werde er dort doch um so besser für sein Examen arbeiten können. – Und nun leb wohl, lieber Papa. Ich wünsche, daß es dir auch diesen Sommer recht gut ergehen möge, und bleibe mit herzlichsten Grüßen an Dich, an Mamma und die KleinenWedekinds auf Schloss Lenzburg wohnende jüngeren Geschwister Erika, Emilie und Donald. Dein treuer Sohn Franklin.

Schellingstraße 27 III.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 29. April 1885 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Schloß Lenzburg, 29. April 1885.


Lieber Franklin!

Gestern Nachmittagam 28.4.1885., als ich von einem Besuch der ethnologischen AusstellungFotoausstellung der Mittelschweizerischen Geographisch-Commerziellen Gesellschaft im Saalbau in Aarau vom 13. bis 30.4.1885 [vgl. Fernschau. Jahrbuch der Mittelschweizerischen Geographisch-Commerziellen Gesellschaft in Aarau. Bd. 1. Aarau 1886, S. XXX]. in Aarau zurückkam, übergab man mir auf der Post auch Deinen l. Brief von vorgestern, den ich und die Deinigen dann mit Interesse gelesen haben. Indem übermorgen schon der erste Mai ist und ich deshalb wegen der Kürze der Zeit mir vorbehalte, Dir demnächst ausführlicher zu schreiben, will ich nicht verfehlen, Dir gleich heute das für den Monat Mai nothwendige Geld zu senden. Demgemäß erfolgt anbei in verschiedenen Couponsdie Zinszahlungen aus festverzinsten Wertapieren. und ausges/l/oosten AntheilscheinenWertpapiere, die für einen bestimmten Zeitraum zu dem angegebenen Nennwert eingelöst werden können. und außerdem noch pr PostmandatFormular zur Einziehung von Geldbeträgen über Postämter. die Gesammtsumme von M 252; nämlich:

1. Zurück Dein Darlehen an Armin im Betrage von . . .  .  .  M 36.

2. Für Collegiadie an die Professoren zu entrichtenden Hörergelder für den Besuch der Vorlesungen. im Sommersemester 1885  .   .   .   .   .   .   .   .  "   72.

3. Für Bücher   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .  "   19.

4. Monatsgeld pro Mai fr 5. oder M 4 pro Tag  .   .  .  .  .  .  .  .  " 124.

5. Wechselgebühr an den Bankier   .   .   .   .   .  .  .  .  .  .  .  .  .   "     1.
                                                                                              ––––––––––
                                                                                                     M 252.

Von dieser Summe erfolgt hier anliegend einmal in 13 Stück verfallenefür: aufgeteilte. Coupons, wie solche auf dem dieselben enthaltenen Couvertnicht überliefert. näher bezeichnet,
der Betrag von   .   .   .   .   .   .   .   .   .    .    .    .    .   .    .    .    .    .    M. 110.25 ₰
und sodann, ebenfalls anbei, in 6 Stück Antheilscheinen des Her-
zogthums Sachsen Meiningen à fl. 7 oder 4 rh und zwar Serie 4890,
Nro 14; 22; 23; 24; 25; 31;, welche am 1. Febr. d. J. mit dem nie-
drigsten Betrag von je fl. 8 ausgeloost wurden und übermorgen, 1. Mai,
ausbezahlt werden, der Ertrag davon (6 × 8 fl = fl. 48 oder . . . . . . " 82.28
                                                                                      –––––––––––––––––
                                                                                           Summa M. 192.53 ₰

[um 90 Grad gedreht:]

2 –– 48 fl
7 = 4 rh
1 = 3 M
–––––––––
        12
–––––––––
7/576/82 + |

Der bayerische Staatsanleihe-Coupon von M 20 kann bei einer dortigen Staatskasse, die übrigen Coupons und Scheine aber nur bei einem Bankier eingelöst werden. Wechsle dieselbe sobald als möglich, verliere, weil einige davon sehr klein sind, keinen und gib Acht, daß Du vom Bankier auch die auf dem Coupon-Couvert, in welchem Du sie übergeben kannst, specificirten Einzelbeträge auch richtig überkommsterhältst..

Von der Gesammtsumme von M 252, die ich Dir zu senden habe, fehlen nun aber noch M 59.50 ₰ oder in Franken (M 100 = fr. 124) noch fr.  73.78, welche ich in einem Postmandat von rund fr. 74. ebenfalls heute gleichzeitig mit diesem Briefe an Dich der Post übergeben werde. Diesen Betrag etwa in Gold mit in den Brief einschließen ist nicht erlaubt, denn Metallgeld und Papiergeld dürfen nicht zusammen verpackt werden.

Hiermit wird nun wohl, was die Geldsendung anlangt, alles in Richtigkeit sein und erübrigt es nur noch, daß Du von diesem Geld den richtigen Gebrauch machst und dasselbe Dir für Deine Studien von Nutzen sein wird. Bedenke, daß die Zeit schnell verrinnt und Du den sechsten TheilFrank Wedekind befand sich am Beginn des zweiten Semesters seines Jurastudiums, der Vater ging also von einer Studienzeit von drei Jahren aus. Deiner Studienzeit auf der Universität schon hinter Dir hast. Deshalb sei fleißig!

Seit dem 1. März war ich hier immer draußen an der Arbeit, auf die verschiedenste Weise und gottlob immer bei günstigem, trocknen Wetter beschäftigt, hatte während fünf Wochen mit kurzen Unterbrechungen von 2 – 3 Tagen bald 8, bald 10 Sträflinge aus der kantonalen Strafanstalt Lenzburg, „damals die fortschrittlichste schweizer. Vollzugsanstalt, in welcher die Prügelstrafe verboten war und ein Gefangenenlohn eingeführt wurde“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 65f.]. Friedrich Wilhelm Wedekinds Praxis, sich Sträflinge als Arbeitskräfte für Arbeiten rund um das Schloss zu mieten, beschrieb Frank Wedekind zu Beginn seiner Erzählung „Der Brand von Egliswyl“ [vgl. KSA 5/I, S. 172f.].nebst den Rebleuten(schweiz.) Arbeiter im Weinbau, Winzer. und einigen andern Arbeitern, und nachdem das meiste beendigt ist, ist FischerBediensteter auf Schloss Lenzburg [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 68]. jetzt daran, auch den Hof und Garten vollends in Ordnung zu bringen. Seit Mitte März haben wir sehr wenig Regen gehabt, meist Ostwind, dabei aber gewöhnlich bedeckten Himmel, so daß, seitdem nun seit einigen Wochen auch die Wärme zugenommen hat, die Vegetation doch sichtlich vorwärts kam, die Obstbäume in strotzender Blüthe dastehen und die Reben sich sehr schön entwickeln. Am Tage des SechseläutensDas traditionelle Zürcher Frühlingsfest mit den Umzügen der Zünfte fand am 20.4.1885 statt., dem ich mit Doda bei|wohnte, hatten wir über 20° R.20 Grad Réaumur entsprechen 25 Grad Celsius. und haben seitdem immer noch von 13° bis 18° Rentspricht etwa 16 bis 22 Grad Celsius., deshalb auch nicht mehr eingeheizt; gestern und heute droht Gewitter.

Mati war seit dem 15. d. M., dem Tage nach ihrem Ferienanfang, eine ganze Woche lang an der Mundfäule krank, und ist eben im Begriff mit Mama nach Aarau zu fahren, um sich einen Backenzahn ausziehen zu lassen. Sie läßt Dich herzlich grüßen, ein gleiches thun auch die andern, mit Ausnahme von Doda, der schon seit sechs Tagen auf Schloß BruneggDas in Sichtweite von Schloss Lenzburg gelegene, rund 7 km entfernte Schloss Brunegg war 1815 von Friedrich Hünerwadel aus Lenzburg erworben worden. Donald Wedekind war dort häufiger zu Gast [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 17.8.1885]. zu Besuch ist, vor allen aber, indem er Dir zuruft, bleibe gesund und sei fleißig,
Dein treuer Papa.

Frank Wedekind schrieb am 29. Mai 1885 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

München, 29.V 85.


Lieber Papa,

Es ist wol nicht schön von mir, daß ich Dir erst jetzt für Deinen freundlichen Briefvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 29.4.1885. und das Geld danke, da ich wieder den Boden meiner Cassa sehe und um eine neue Sendung bitten muß. Aber wenn hier auch alle Tage viel Neues geschieht, wenn man jeden Morgen auch von der oder jener Nachricht überrascht wird, es langt doch nicht immer, einen Brief zu füllen und interessant zu machen. Das sind so viele Kleinigkeiten, die das Treiben der Großstadt illustriren, die die | Tage rascher, unbemerkter hingleiten lassen, aber doch innerhalb 24 Stunden wieder vergessen sind. Ich bescheinige Dir nun hiemit also mit herzlichem Dank den Empfang der 252 M. Ich habe s/d/ie Papiere, wie du mir schriebst, beim Banquiernicht identifiziert. gewechselt, der mir nur bemerkte, daß an den MeiningernAnteilscheine des Herzogtums Sachsen-Meiningen. viel verloren gienge. Der späte Schneefall und die klaren Nächte zu Pankraz und Servatiusdie Eisheiligen am 12. und 13.5.1885. müssen in der Ostschweiz schrecklich geschadet haben. Ich hoffe, daß es bei uns weniger erheblich ist, und jetzt währt ja schon seit mehreren Tagen das schönste Wetter, das wol Einiges wieder gut machen wird. –– Vor einigen Tagen erhielt ichDas Begleitschreiben zu der Sendung ist nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Theodor Wedekind an Frank Wedekind, 24.5.1885. ein gedrucktes FamiliencircularDas „Circular VI. Die Familie Wedekind Zur Horst in den Jahren 1880 – 1885“ erschien ohne Jahresangabe in Göttingen, das Nachwort von Theodor Wedekind ist auf Mai 1885 datiert. Die Sendschreiben (Circulare) enthielten die Fortschreibung von Stammtafel und Familienchronik, Nachrufe und Berichte über die Familientage. von Onkel TheodorLandgerichtsrat Theodor Wedekind, Bruder von Friedrich Wilhelm Wedekind, war der „Familiensyndikus u. Bearbeiter des 1880 gedruckten Werkes ‚Stammbaum der Familie Wedekind zur Horst‘. Er hatte ab 1870 als Familiensyndikus die Verwaltung der Familienstiftung, die Sorge für die Einberufung der Familientage und gemäß des Beschlusses auf dem 4. Wedekind’schen Familientag (1860) die Abfassung der Familiencirculare (Sendschreiben) zu verfassen.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 72]. Ich blätterte mit großem Interesse die statistischen Tabellen und das Familiengliederverzeichniß in chronologischer Reihenfolge durch und las das Vor- und Nachwort mit noch grö|ßerer Aufmerksamkeit, da alles das viel Neues für mich enthielt. Ich ersah daraus auch, daß und wie die Schauspielerin Ch. Wolter mit unserer Familie verwandt istDie Schauspielerin Charlotte Wolter findet in dem genannten Circular keine Erwähnung, ein Verwandtschaftsverhältnis zur Familie Wedekind ist nicht bekannt, möglicherweise eine Verwechslung Wedekinds mit „Charlotte W. zu Stade“ [Circular VI. Die Familie Wedekind Zur Horst in den Jahren 1880 – 1885. Göttingen o. J., S. 13]., und die jüngst hier in München mit wirkte in einer SeparatvorstellungDie Wiener Hofburgtheater-Schauspielerin Charlotte Wolter spielte am 9.5.1885 in der Separatvorstellung vor Ludwig II. die Marquise de Pompadour in Albert Emil Brachvogels Trauerspiel „Narziß“ und nicht in der Aufführung von Kalidasas „Urvasi“ am Tag zuvor [vgl. Karl von Perfall: Ein Beitrag zur Geschichte der königlichen Theater in München. 25. November 1867 – 25. November 1892. München 1894, S. 244]. Die Presse berichtete hingegen, Charlotte Wolter träte in der Separatvorstellung von Victorien Sardous „Theodora“ auf [vgl. Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger, Jg. 38, Nr. 118, 28.4.1885, S. 3]. des Königs von Kalidasas UrvasiDas indische Schauspiel „Urvasi“ von Kalidasa vom Anfang des 5. Jahrhunderts wurde in der Übersetzung von Edmund Lobedanz und mit Musik von Dr. Franz Grandaur am 8. und 12.5.1885 in Separatvorstellungen vor Ludwig II. aufgeführt, die erste öffentliche Aufführung fand am 18.12.1887 statt [vgl. Karl von Perfall: Ein Beitrag zur Geschichte der königlichen Theater in München. 25. November 1867 – 25. November 1892. München 1894, S. 187 und 244].. Leider hab’ ich sie selber nie gesehen, die schöne Dame, wol aber Herrn C. SonntagDer Königliche Hofschauspieler Karl Sontag aus Hannover war am Theater am Gärtnerplatz am 16., 17. und 24.4.1885 in den Einaktern „Ein Wort an den Minister“ von Anton Lange, „Die Frau im Hause“ von Pauline Raupach und „Die Unglücklichen“ von Louis Schneider (nach August Kotzebue) zu sehen, am 18., 19., 21., 23. und 29.4.1885 in „Kean oder Leidenschaft und Genie“ von Louis Schneider (nach Alexandre Dumas), am 22.4.1885 in „Der Sklave oder Ein lieber Schwiegervater“ von Gustav von Moser und „Dir wie mir oder Dem Herrn ein Glas Wasser“ von Roger (Anton Ascher), am 26. und 28.4.1885 sowie am 1., 8. und 13.5.1885 in Julius Rosens Schwank „Deficit“ und am 10., 11. und 15.5.1885 in „Richards Wanderleben oder Die reisenden Comödianten“ von Georg Kettel. Welche Aufführungen Wedekind besuchte, ist nicht ermittelt. , den Freund Onkel Theodors, der hier mehrere Wochen lang gastirte. Onkel Theodor dankte ich natürlich in einem längeren Briefenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Theodor Wedekind, 26.5.1885. für seine freundliche Zusendung und schrieb ihm dabei, was ich dachte, daß ihn, den ehemah/l/igen Münchner Studenten interessiren könnte. Es freute mich sehr, zu vernehmen, daß auch Dir die Verse, die ich Mama zum Geburs/t/stag sandtevgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 7.5.1885. Zum 45. Geburtstag seiner Mutter am 8.5.1885 hatte er ihr ein Briefgedicht geschickt., gefallen haben. Sie selber sprachEmilie Wedekinds Antwortbrief ist nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: 9.5.1885. sich besonders anerkennend über den Umfang des Poemas aus aber mit der Befürchtung, ob das nicht auch meine Studien zu sehr beansprucht hätte. Ich mag ihr nun natürlich nicht gern den Glau|ben nehmen, daß ich viel Fleiß und Zeit darauf verwendet habe; aber die Wahrheit ist doch, daß ich es erst Mittwoch n/N/achtden 6.5.1885. begann und sofort vollendete. Am Donnerstagden 7.5.1885. Morgen war ich um 7 Uhr wieder im Colleg, am Nachmittag schrieb ich es ab und legte den Brief bei und trug es noch vor 7 Uhr Abends auf den Bahnhof, in der Hoffnung, daß es Mamma demzufolge noch am Freitagam 8.5.1885. erhalten werde, was allerdings nicht zutrafDie Uhrzeit des Eingangsstempels in Lenzburg am 8.5.1885 ist 19 Uhr, eine Zustellung nach Schloss Lenzburg ist an diesem Tag demnach offenbar nicht mehr erfolgt.. Ich kann solche Sachen, wo der Stoff gegeben ist und die Gedanken von selbst dem Herzen entströmen und die Form das Schwierigste ist, nicht gut Tage lang herumschleppen und zusammenstudiren, sondern schreibe sie leichter in der Aufregung der Eile und in der flüchtigen Begeisterung des Augenblickes, was allerdings dann äußerlich an dem Opus seine auffallenden Spuren zurückläßt. Aber ich glaube, es hat Mama darum dennoch wohlgethan und nochmehr der Gedanke | an die Arbeit, die sie dahinter vermuthete und freilich ein wenig zu hoch anschlug. Ich schreibe dir dies aber nur deswegen, um Dich zu beruhigen, falls Du etwa auf ähnliche Befürchtungen, wie Mama wegen der Studien, verfallen sein solltest. –– Die Umgebung der Stadt ist jetzt schöner, als ich es mir je von München gedacht hätte. Überalle weite schattige Parkanlagen mit schönen Wegen und viel vornehmem Leben und Treiben darin, so daß man nie in Verlegenheit kommt, wenn man bei dem herrlichen Wetter eine Stunde spazieren gehn will. Von meiner Wohnung aus hab’ ich kaum fünf Minuten bis in den englischen Garten, wo weithin ununterbrochenes Grün das Auge erquickt, was man in der That bei den blendenden makadamisirten StraßenEin nach John Loudon MacAdam (1756–1836), dem „Erfinder einer Befestigung der Straßenfahrbahn, wonach dieselbe aus einer etwa 25 Centim. dicken Lage gleich großer, höchstens 1/6 Kilogr. schwerer Steine hergestellt wird“ [Meyers Konversations-Lexikon. 3. Aufl. Bd. 11. Leipzig 1877, S. 22], benanntes Straßenbauverfahren. und hohen weißen Häusern als eine große Wohlthat empfindet. Aber hoffentlich halten sich der Sonnenschein und die Wärme | auf einige Zeit, daß alles wohl gedeiht und möglichst wieder gut wird was der Schnee und der Regen verdorben haben. Mit herzlichen Grüßen und Küssen für AlleGemeint sind wohl Wedekinds Mutter und die auf Schloss Lenzburg lebenden jüngeren Geschwister Erika, Donald und Emilie. zusammen, ganz besonders für Dich, lieber Papa, bleib ich Dein treuer Sohn
Franklin


P. S. Ich erlaube mir, einen Brief an Mamavgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 29.5.1885. beizulegen, den ich ihr schon lange schulde. Ich glaube es geht noch unter einfachem Porto.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 22. Juli 1885 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Schloß Lenzburg, 22. Juli 1885.


Mein lieber Bebi!

Zunächst meinen besten und herzlichsten Glückwunsch zu Deinem GeburtstageWedekinds 21. Geburtstag am 24.7.1885., von welchem ich hoffe, daß Du ihn bei guter Gesundheit dort zubringen mögest. Durch constante Sorge für deren Erhaltung und fleißiges Schaffen in Deinem BerufsstudiumWedekind studierte im 2. Semester Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. kannst Du mir und den Deinigen, vor allen aber Dir selbst nun den besten Dienst und das größte Gefallen erzeigen und es dahin bringen, daß Du auch fürderhin und auf eine lange Reihe von Jahren hinaus Deinen Geburtstag frisch und gesund und zufrieden mit Deinem Geschick zu feiern im Stande sein wirst. Daß solches der Fall sein möge ist mein einziger und höchster Wunsch, den ich Dir heute darbringe.

Gleichzeitig mit diesem Briefe sende ich ein MandatPostmandat, Formular zur Einziehung von Geldbeträgen über Postämter. für M 20. als mein Geburtstagsgeschenk an Dich ab.

Da das jetzige Semester bald zu Ende geht und ich wünsche, daß Du das nächste zusammen mit Armin in ZürichNachdem Armin und Frank Wedekind das Wintersemester 1884/85 gemeinsam in München verbracht hatten, war Armin Wedekind für sein Medizinstudium bereits zum Sommersemester 1885 nach Zürich gewechselt; zum Wunsch des Vaters, Frank Wedekind möge nun nachfolgen, siehe auch Armin Wedekind an Frank Wedekind, 7.7.1885. zubringst, so schreibe mir umgehends, an welchem Datum Du von dort abzureisen gedenkst, wie viel Geld Du noch für dort für die Zeit vom 1. Aug. bis zum Tage Deiner Abreise und für Deine Reise hieher bedarfst, damit ich Dir den Betrag noch rechtzeitig bis zum 1. August zusenden kann.

Wenn Du mir einen Gefallen erzeigen willst, dann suche dort den Universitätsprofessor und berühmten Reisenden Moritz WagnerDer Naturforscher Moritz Wagner (Maximilianstraße 21, 1. Stock links) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1885, Teil I, S. 548] war seit 1862 Honorarprofessor für Ethnographie und Geographie an der Universität München und Direktor der ethnographischen Sammlungen. Friedrich Wilhelm Wedekind hatte ihn während seines Türkeiaufenthalts am 1.10.1843 in Samsun kennengelernt [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301]. auf, der aber Alters halber nicht mehr liest, und überbringe ihm einen freundlichen Gruß von mir, der ich im Jahr 1844 mit ihm und dem Dr. med. StollFranz Stoll hatte in Würzburg Medizin studiert und war als Arzt seit 1843 in Konstantinopel; seit 1846 leitete er dort das neu eröffnete erste deutsche Krankenhaus. Friedrich Wilhelm Wedekind hatte ihn während seines Türkeiaufenthalts gleich nach seiner Ankunft in Konstantinopel am 4.9.1843 kennengelernt [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301 und Friedrich Wilhelm Wedekind an Friederike Dorothee Wedekind. Diarbekir, 20.5. bis 7.6.1844; AfM Zürich, PN 169.1: 266]. in Constantinopel in demselben Hause wohnte und mit beiden eng befreundet war. Im Oktober desselben Jahres, als wir abends gerade vor einem Café auf dem Piccolo campoein im Stadtteil Pera in Istanbul gelegener, „sehr ausgedehnte[r] türkische[r] Begräbnisplatz mit riesenhaften Cypressen, in dessen Nähe mehrere Wirthschaften sind, in deren Gärten des Abends vielbesuchte Conzerte stattfinden“ [Johann Kränzle: Reise nach Jerusalem über Wien, Constantinopel, Aegypten und zurück über Damaskus, Neapel und Rom in Pilgerbriefen. Augsburg 1868, S. 23]. unsern Mokka einnahmen, ertönte plötzlich das Feuersignal, jankin warYangin var (türk.) = Feuer!, und obgleich der BrandausbruchFriedrich Wilhelm notierte am 2.10.1844 im Tagebuch: „Abends 9 Uhr bricht eine Feuersbrunst am kleinen Campo aus; ich habe aber Zeit genug, meine Effecten zu retten, als auch unser Haus in Flammen steht. Wir bivouakiren im Hofe der russischen Canzlei bis 5 Uhr morgens, wo dem Brande Einhalt gethan wird.“ Die Presse berichtete: „Konstantinopel, 9. Oct. In der Nacht vom 2 auf den 3. Oct. hat Pera, das oft und schwer heimgesuchte, wieder arge Feuersnoth erlitten. Um 8 Uhr Abends erscholl das gräßliche ‚Jangin war‘ der hier auch dem Muthigsten das Mark im Beine erschütternde Feuerruf, vom südlichen Theile der kleinen Friedhöfe. Das Feuer griff in dem völlig hölzernen Quartiere und bei dem, wenn auch nur mäßigen Südwinde in nördlicher und nordwestlicher Richtung mit großer Schnelligkeit um sich, und als man seiner nach achtstündigem Kampfe ganz Meister geworden, wobei die Hauptstraße Pera’s ihre Rettung großentheils nur der langen steinernen Mauer des russischen Kanzleigebäudes verdankt, war schon eine beträchtliche Zahl der zwischen letzterer und den Friedhöfen gelegenen Häuser bis auf den Grund niedergebrannt.“ [Allgemeine Zeitung, Nr. 298, 24.10.1844, S. 2384] | mehr als hundert Häuser von unserer Wohnung entfernt stattfand, eilten wir dennoch sofort heim, packten schleunigst unsere Koffer, ließen sie in den geräumigen Hof der russischen Gesandtschaft tragen und, die ganze Nacht auf ihnen sitzend, sahen wir von hier aus auch unser Haus in Flammen aufgehen. Professor Wagner ist besonders bekanntZu Moritz Wagners Publikationen zählten: „Reise nach dem Ararat und dem Hochlande Armenien“ (1848), „Reise nach Persien und dem Lande der Kurden“ (1852), „Republik Costa-Rica in Central-Amerika“ (1856), „Beiträge zur Meteorologie und Klimatologie von Mittel-Amerika“ (1864) und „Beiträge zu einer physisch-geographischen Skizze des Isthmus von Panama“ (1861). durch seine Reisen am Urmia und Sewan-SeeDer Urmiasee ist heute der größte See im Norden Irans, der Sewansee der größte See Armeniens. in ArmenienBergland in Vorderasien, das zeitgenössisch unter teils osmanischer, teils russischer Herrschaft stand. und später in Central-Amerika und besonders auf dem IsthmusLandenge, der engste Abschnitt einer Landbrücke. von Panama, von woher ihn auch der Nationalrath Dr. JoosWilhelm Joos bereiste seit 1848 mehrfach Süd- und Mittelamerika, seit 1863 war er Schweizer Nationalrat. „Als Antwort auf die ländl. Überbevölkerung und die Arbeitslosigkeit in der Schweiz propagierte J. nicht die Industrialisierung, sondern die geregelte Auswanderung nach Übersee. Er schloss 1860 einen Vorvertrag mit der Regierung von Costa Rica zwecks Übernahme von Regierungsland durch die Schweiz und versuchte vergeblich, die Schweiz. Gemeinnützige Gesellschaft für den Plan zu gewinnen.“ [Historisches Lexikon der Schweiz: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/004232/2008-02-04/. Zugriff am 8.10.2024]. kennt. Dieser besucht ihn von Zeit zu Zeit in München; von mir bringe ihm wenigstens einen Gruß, erzähle ihm von meinen Schicksalen seit jener Stambuler ZeitIn Istanbul (Konstantinopel) hielt sich Friedrich Wilhelm Wedekind vom 3. bis 29.9.1843 und vom 22.8.1844 bis zum 30.9.1845 auf [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301]. , die ihm schwerlich bekannt sind, und lade ihn ein, gelegentlich einer etwaigen Schweizerreise uns hier oben zu besuchen. Frage ihn auch, ob der Dr. Stoll noch lebtFranz Stoll war am 2.2.1882 in Konstantinopel gestorben. und wenn, wo er sich aufhält. –

Anny BarkAnny Barck aus Freiburg im Breisgau war Mitglied des im Herbst 1883 gegründeten Freundschaftsbundes „Fidelitas“. Wedekind hatte sie im Juli 1883 während ihres Besuchs (bei Minna von Greyerz) in Lenzburg kennengelernt. ist seit einigen Wochen mit einem H. Otto Petervermutlich der Straßburger Kaufmann und Inhaber eines Baumaterialien-Geschäfts Otto Peter (Weissenburgerstraße 5) [vgl. Adreßbuch der Stadt Straßburg. 1884–85, Teil I, S. 162]. in Straßburg verlobt. – Morgen früham 23.7.1885. denke ich auf einen Tag mit Doda nach Bern zu reisen, um ihm die Bundeshauptstadt zu zeigen und mit ihm das Eidgenössische SchützenfestDas 31. Eidgenössische Schützenfest war am 19.7.1885 in Bern eröffnet worden und dauerte bis zum 28.7.1885. Die Presse berichtete: „Der Einzug in das festlich geschmückte Bern war glänzend. Ueberhaupt spottet die Prachtentfaltung Bern’s jeglicher Beschreibung.“ [Walliser Bote, Jg. 28, Nr. 30, 25.7.1885, S. 3] zu besuchen, das diesmal sehr brillant sein soll.

Indem auch Doda und Mati Dir ihre herzlichen Glückwünsche senden empfange nochmals meine besten Grüße, der ich verbleibe stets
Dein treuer Papa

Frank Wedekind schrieb am 25. Juli 1885 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

[1. Entwurf:]


München 25.VII 85.


Lieber Papa

herzlichen Dank für Deinen freundliche Gratulation und besonders für Deine liebevollen Wünsche. Ich ehoffe; derselben würdig zu werden und deine Erwartungen nicht zu täuschen. Aber was mich auch zu weilen von der Arbeit abhalten ver mag – es ist gewiß nur Schönes und n/N/ützliches, was gewiß nich gar zu theuer mi bezaht ist mit der kurzen Augenblicken, die es mir raubt.

Gestern morgen erhielt ich auch das Mandat, wofür ich | dir ebenfalls Dank sage; ich werde es aufs Beste anzuwenden suchen. –– Das Semester schließt hier officiell mit dem 15. und die Juristen pflegen am längsten zu lesen, werden aber wahrscheinlich doch auch einige Tage früher schließen aufhören. So hoff’ ich denn am 15. oder 16. zu Hause bei Euch zu sein. Das Reisegeld beträgt im ganzen 11 bis 12 Mark, die Exmatricel 6 M. Wenn Du mir dies Beides also zur Hälfte des Monatsgeldes zulegen wolltes, so wär’ ich Dir sehr dankbar. dafür

Deinen Gruß an den Professor M.Wagner werde ich gern ausrichten. Es wird wird mir viele Freude bereiten, Deinen Auftrag möglichst großer Weitläufigkeit auszufüllen, und ich hoffe auch dir wiederauf/m/ wenn ich zu Hause bin recht viel von dem an/l/ten Herrn erzählen zu können. – Indeß verbleibe mit herzlichen Grüßen all an alle andern und m mit nochmaligem bestem Dank und innigstem Gruß an dich, lieber Papa, dein treuer Sohn Franklin.


[2. Abgesandter Brief:]


München 25.VII 85.


Lieber Papa,

herzlichen Dank für Deinen freundlichen Briefvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 22.7.1885. und für die liebevollen Glückwünschezu Wedekinds 21. Geburtstag am 24.7.1885.. Ich hoffe, derselben würdig zu werden und Deine Erwartungen nicht zu täuschen. Aber was mich auch zeitweilich/g/ von der Arbeit abhalten mag – es ist sicher nur Schönes und Nützliches, das sich gewiß nicht gar zu theuer bezahlt ist mit den kurzen Augenblicken, | die es in Anspruch nimmt. – Gestern Morgen erhielt ich auch das Mandatdas vom Vater veranlasste Postmandat, das Wedekind das Einziehen von Geld zu seinem Geburtstag ermöglichte., wofür ich Dir ebenfalls Dank sage; ich werde es aufs beste anzuwenden suchen. –– Das Semester schließt hier officiell mit dem 15mit dem 15.8.1885. und die Juristen pflegen am längsten zu lesen, werden aber wahrscheinlich doch ebenfalls einige Tage früher aufhören. So hoff’ ich denn am 15. oder 16. bei e/E/uch zu sein. Das Reisegeld beträgt im ganzen 11–12 Mark, die ExmatricelBescheinigung über das Verlassen der Hochschule. Wedekinds Vater wünschte, dass er sein Jurastudium in Zürich fortsetze. 6 M. Wenn Du mir dies beides also zur Hälfte des Monatsgeldes beilegen wolltest, so wäre ich Dir sehr dankbar dafür.

Deinen Grußvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 22.7.1885. an den Professor Wagner werd’ ich in den nächsten Tagen ausrichten. Es wird mir viele Freude bereiten, deinen Auftrag mit einiger | Weitläufigkeit zu erfüllen, und ich hoffe auch Dir wiederum recht viel von dem alten Herrn erzählen zu können.

Indeß verbleib’ ich mit herzlichen Grüßen an a/A/lle zusammen und mit nochmamiligemSchreibversehen, statt: nochmaligem. bestem Dank und innigstem Gruß an d/D/ich, lieber Papa, dein treuer Sohn Franklin.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 31. Juli 1885 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Schloss Lenzburg, 31. Juli 1885.


Lieber Bebi!

Anbei erfolgen M 80 in Würtembergischen Staatscouponseinlösbare Gutscheinen über die Zinsen aus einer festverzinsten Staatsanleihe., nämlich:

Wechsel für einen halben Monat fr 75 . . . . M 60.
Reisegeld . .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   = " 12.
ExmatriculationStreichung aus der Liste der Studierenden an einer Hochschule.   .   .   .   .  .  .   .   .   .   .   = " 6.
Plus   .    .    .    .    .    .    .    .    .   .    .   .   = " 2
                                                    –––––––––––––
                                                      Summa M. 80.

Die Coupons sind morgen fällig und kannst Du sie also sofort bei irgend einem Bankier gegen Banknoten auswechseln.

Wenn mein Fahrtenplan richtig ist – von München bis Lindau ist ja doch nicht viel zu sehen – und Du abends 8.10 von München abfährst, dann bist Du morgens 3.47 in Lindau und 6 Uhr in RomanshornEinreiseort am Ufer des Bodensees auf Schweizer Seite; zwischen Lindau und Romanshorn verkehrte eine Fähre.. Dann hast Du noch den ganzen Tag übrig um hieher oder wenigstens nach Zürich zu HammiArmin Wedekind studierte in Zürich Medizin. (Universitätsstr. 15) zu kommen und kannst Dich also noch ein wenig am Bodensee, etwa durch eine kleine Fahrt nach RorschachOrtschaft am südlichsten Punkt des Bodensees. und zurück, oder aber, falls Du gleich weiter gehst, in Zürich, wo Du schon um 9 Uhr morgens ankommst, den Tag über umsehen; der letzte Zug hieher, pr Wildeggvier Kilometer von Lenzburg entfernter Ort an der Bahnlinie Zürich – Aarau der Schweizerischen Nordostbahn., geht erst um 7.20. –

Wenn es nicht zu theuer ist, dann könntest Du Deinen Koffer als Personengepäck expedirenversenden, befördern., damit er gleichzeitig mit Dir geht und Du ihn selber bei der Ankunft in Romanshorn öffnen kannst. Ist der Koffer aber schwer, dann mußt Du es Dir schon gefallen lassen, daß die schw. Zollbehörden ihn öffnen. In der Erwartung, daß dieser Brief sammt Geld Dir richtig überkommtfür: Dich richtig erreicht. und daß Du Dich wohl befindest grüßt Dich in der Hoffnung auf ein baldiges frohes WidersehenSchreibversehen, statt: Wiedersehen.
Dein treuer Papa

Frank Wedekind schrieb am 12. August 1885 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

München, 12.VIII 85.


Lieber Papa,

empfange meinen besten Dank für Deine freundliche Sendungvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 31.7.1885. der 80 Mark, aber meine Heimreise wird leider durch einen unangenehmen Zwischenfall verzögert. Letzten Montag vor 8 Tagenam 3.8.1885. muß ich mich beim Baden erkältet haben; ich bekam einen leichten Rothlaufbakterielle Entzündung der oberen Hautschichten, auch: Wundrose oder Erysipel, „welche sich durch ihre Rosenröte, durch Schwellung und Schmerzhaftigkeit, durch ihr Fortschreiten oft über große Körperflächen auszeichnet und meist mit Fieber verbunden ist. [...] Im gewöhnlichen Verlauf steigert sich die Entzündung und das Fieber etwa 8–14 Tage lang, dann schwillt der kranke Teil ab. [...] Die besten Erfolge sieht man von zahlreichen Einstichen mit einem schmalen, scharfen Messer, welche in einer gewissen Entfernung von der roten Schwellung im Gesunden vorgenommen werden und nicht selten das Fortschreiten der Entzündung hindern. Sobald Eiterung oder Brand beginnt, müssen lange Einschnitte gemacht werden, kurz es treten dann alle Mittel der chirurgischen Behandlung ein, die nicht so selten in der Amputation ganzer Glieder ihren Abschluß findet.“ [Meyers Konversations-Lexikon 4. Aufl. Bd. 13. Leipzig 1889, S. 966] am linken Unterschenkel, und muß nun abwarten bis derselbe vorüber ist. Als ich am Dienstagden 4.8.1885. Morgen aufstand verspührt ich gelinden Schmerz beim Auftreten auf dem linken Bein. Am Nachmittag blieb ich zu Hause, aber am anderen MorgenMittwoch, der 5.8.1885. war der Schmerz so stark, daß ich gar nicht mehr | gehen konnte. Ich ließ mir sofort einen Fiakereine Pferdedroschke. besorgen, und mein Stubennachbarwelcher vom Wedekinds Mitbewohnern [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 27.4.1885] ihn begleitete, ist nicht ermittelt. geleitete mich die Treppe hinunter und ins SpitalWedekind lag im Studentensaal des städtischen Krankenhauses links der Isar (Krankenhausstraße 1) (zugleich Universitätsklinik)., wo man mir im Studentensaal sofort ein Bett anwies, und Geheimrath Dr v. Nußbaum der bald darauf hereingefahren wurdewohl im Rollstuhl; Johann Nepomuk von Nussbaum, seit 1860 Professor für Chirurgie an der Universitätsklinik in München, litt an starker Osteoporose., einen Rothlauf constarttirteIn einem Brief an Wedekinds Mutter schrieb Nussbaum über Wedekinds Erkrankung später: „Er hatte eine sogenannte Phlegmone oder Pseudoerysipelas, oder falsche Rose am Unterschenkel“ [Johann Nepomuk Nussbaum an Emilie Wedekind, 8.9.1885, Mü FW B 120], also keinen echten Rotlauf, gleichwohl sei er aber „ziemlich ernst krank“ gewesen.. Ich bekam einen Umschlag von Salicilwattemit Salicylsäure getränkte Watte als antiseptischer Verbandsstoff zur Schmerz- und Entzündungsbehandlung [vgl. Ernst Fischer: Handbuch der Verbandlehre. Stuttgart 1878, S. 150]. und GutaperchaVerbandsmaterial: „Die Guttapercha, 1843 nach Europa gebracht, ist der eingetrocknete Milchsaft eines ostindischen Baumes [...]. Sie besitzt hornartige Consistenz, wird beim Erwärmen weich und lässt sich dann in alle möglichen Formen bringen, welche sie nach dem Erkalten beibehält [...]. Die in feine papierdünne Platten ausgewalzte Guttapercha [...] ist eins der beliebten Wundverbanddeckmittel geworden, es ist impermeabel für die Wundsecrete, ist sehr bequem in der Handhabung und hält sich verhältnismässig lange.“ [Ernst Fischer: Handbuch der Verbandlehre. Stuttgart 1878, S. 45] um’s Bein gelegt und hatte die ersten zwei Tage auch ziemlich hohes Fieber. Jetzt aber geht es soweit ganz gut; die Entzündung hat an den meisten Stellen schon wieder nachgelassen und ich warte nur den regelrechten Verlauf ab. Dabei ist die Verpflegung, die wir hier genießen, sehr gut, und zu der guten Kost erhalte ich des überstandenen Fiebers wegen noch eine Extrazulage von Schinken. | ––– Gestern sagte mir der unserSchreibversehen, statt: mir unser (oder: mir der). behandelnder Artz/zt/Wedekind wurde außer von Prof. Dr. Johann Nepomuk Ritter von Nussbaum von den Ärzten Dr. Ludwig Pfeiffer und Julius Fessler behandelt [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12. und 15.9.1885]., in 8 oder 10 Tagen möchte ich vollständig genesen sein und wenn ich noch zwei Tage zum Packen zu rechne, so hoffe ich ungefähr am 23. bei Euch sein zu können. Ich werde mich natürlich noch sehr in Acht nehmen müssen um einen eventuellen Rückfall zu vermeiden. An GeltSchreibversehen, statt: Geld. brauche ich trotz des verlängerten Aufenthaltes nicht noch mehr, da die Verpflegung im Krankenhause vollständig frei ist. –– Und nun leb’ wol/h/l, lieber Papa, und ängstige dich meinetwegen g++u nicht. Wenn es e/E/uch Allen so gut geht wie mir, abgesehen von meinem kranken Bein, so kann ich darüber beruhigt sein. Meinen herzlichsten Dank an Mama für den lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1885., den sie mir zum Geburtstag schrieb. | Indessen verbleib ich mit den innigsten Grüßen, vor allem an Dich, lieber Papa, und an alle Anderengemeint sind wohl vor allem Wedekinds Mutter und die drei jüngeren Geschwister Erika, Donald und Emilie, die noch auf Schloss Lenzburg wohnten. Dein treuer Sohn
Franklin.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 16. August 1885 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

W


Schloß Lenzburg, 16. Aug. 85.


Mein lieber Bebi!

Letzte Woche machte ich einen dreitägigen Ausflug nach dem Bodensee. Am Mittwochden 13.8.1885. früh fuhr ich pr NationalbahnDie seit 1877 bestehende Strecke der Schweizerischen Nationalbahn führte von Zofingen über Lenzburg, Wettingen und Seebach vorbei an Zürich nach Winterthur und Singen bzw. Kreuzlingen am Bodensee. nach Zürich, kaufte mir hier ein Rundreisebillet, und dampfte um 10 Uhr weiter überdie Strecke der Schweizerischen Nordostbahn. Winterthur, Frauenfeld und Romanshorn nach Rorschach, wo ich um 1 Uhr ankam. Nachdem ich mich ein wenig restaurirt hatte schrieb ich zunächst eine PostkarteDie Postkarte Friedrich Wilhelm Wedekinds an Theodor Wedekind ist nicht überliefert. an m. Bruder Theodor, von dem ich zufällig im Wagen aus der Engadiner FremdenlisteVerzeichnis der Übernachtungsgäste in einem Ort oder Hotel, oft als Beilage in Zeitungen. eines Touristen erfahren hatte, daß er sich noch am 9. d. in Vulpera bei Taraspzwei benachbarte Kurorte mit Mineralwasserquellen im Unterengadin. zur Cur befand. Nach Expeditionhier: Versendung. dieser Karte stieg ich den Berg hinter der Stadt hinan zur „Villa Challanda“, deren | EigenthümerRichard Challandes, Kaufmann und gemeinsam mit den Brüdern Maggi seit 1870 Betreiber einer Handelsmühle in Zürich, Offizierslaufbahn zum Oberst. Die von seinem 1884 gestorbenen Vater Isidor Challandes zusammengetragene und von ihm fortgeführte Sammlung an Antiquitäten, Waffen und Büchern vermachte er 1899 dem Historischen Museum Bern. ein reichhaltiges Antiquitäten-Museum und wohl die bedeutendste Waffensammlung in der Schweiz besitzt. Sehr freundlich aufgenommen verweilte ich an zwei Stunden dort, nicht um etwas zu kaufen, sondern nur um mich zu instruiren, welchen Zweck ich denn auch durch die belehrende Redseligkeit des H. Challanda zu m. Zufriedenheit erreichte. Um halb fünf trollte ich wieder zum Hafen und Bahnhof hinunter, wo gleich darauf ein Zug von HeidenKurort 400 m oberhalb des Bodensees im Appenzeller Vorland. Zu den Kurgästen dort zählte auch der deutsche Kronprinz und spätere deutsche Kaiser Friedrich III. Seit 1875 verbindet eine rund 7 km lange Bergbahn Rorschach mit Heiden., worin sich sogar die Prinzessin Luise von Preußen befand, herunter kam. Auch ich hätte gern noch eine solche kleine Bergfahrt gemacht, aber es war leider schon zu spät und somit blieb mir nichts andres übrig, als den Abend noch dazu zu verwenden, den regen Fremdenverkehr mit den Zügen und den Dampfschiffen, die in steter Abwechselung auf einander folgten, des Näheren zu betrachten. Am Donnerstagden 14.8.1885. Morgen fuhr ich mit dem ersten Zug nach Constanz und verweilte hier von 8 bis 1 Uhr, in welcher Zeit ich den Dom, das großartige, aus einem frühern Kloster in schönster Weise umgewandelte „Insel-Hotel“ und den ConciliensaalDer Konziliumssaal befindet sich im Konzilgebäude (1388) in Konstanz am Ufer des Bodensees. Das ehemalige Handelshaus war 1417 während des Konstanzer Konzils Ort der Konklave zur Wahl von Papst Martin V. „Der Konziliumssaal [...] ist jetzt mit schönen Fresken auf Goldgrund von Friedrich Pecht und Fritz Schwoerer geschmückt aus der Geschichte von Konstanz.“ [Unser Deutsches Land und Volk. Vaterländische Bilder aus Natur, Geschichte, Industrie und Volksleben des Deutschen Reiches. 2. Aufl. Bd. 3. Leipzig 1880, S. 40] besichtigte und dann noch zwei Antiquare besuchte, bei deren einem ich 4 Sachen kaufte: 2 gravirte und gestanzte Teller von 1568 u 1619, einen Christus in Öl auf Kupfer und einen heil. Antonius auf eine Holztafel grap/v/irt oder radirt aus der Mitte des 15ten Jahrhderts. – Um 1 Uhr ging's weiter die Strecke der Schweizerischen Nationalbahn entlang dem Ufer des Bodensees.über Arenenberg, Steckborn, Mammern etc. nach Stein, wo ich nach 2 Uhr ausstieg, Frau PlümacherOlga Plümacher, geborene Hünerwadel, die ‚philosophische‘ Tante Frank Wedekinds und Jugendfreundin seiner Mutter, lebte nach einem vorübergehenden Ortswechsel nach Schaffhausen seit Herbst 1883 wieder in Stein am Rhein. einen Besuch machte, das KlosterDas Kloster St. Georgen, eine ehemalige Benediktinerabtei, war 1875 von dem protestantischen Pfarrer Ferdinand Vetter von der Stadt Schaffhausen erworben worden. besichtigte, dessen freundlicher Besitzer, Pfarrer Vetter mich freundlichst überall herumführte, dann noch bei dem Naturalisten SchenkBernhard Schenk, gelernter Gärtner, der als Autodidakt zu Mineralien, Pflanzen, Tieren der Umgebung forschte und in Stein am Rhein eine Naturalien- und Lehrmittelhandlung betrieb. und einem jungen Antiquar u Metzger, Fugnicht näher identifiziert., | verkehrte und schließlich im Schwanen an der Brücke einen Imbiß nahm. Um 6 Uhr fort war ich um halb 9 Uhr in Zürich, wo ich nach längeren Z/S/uchen in andern Hotels im „Gotthard“ Quartier fand. Am Freitagden 15.8.1885. war ich bis 5 Uhr nachm., dem Abgang der Nat.bahn in Zürich und sowohl nach Tisch als auch eine Stunde lang im Bahnhof mit Hammi zusammen. Beide meinten wir Du würdest wohl denselben Abend von München abreisen und also gestern Morgen 9 Uhr bei ihm eintreffen. Statt dessen brachte mir nun gestern um die selbe Zeit Fischerein „Bediensteter auf Schloss Lenzburg“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 68]. D. l. Brief vom 12.vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885., demzufolge Du krank im dortigen Studentenspital liegst. So betroffen ich im ersten Augenblick war, so erwünscht und beruhigend war mir zugleich Deine Versicherung, daß D. Krankheit bis auf einen unbedeutenden Rest auch bereits wieder verschwunden sei. Du hast den richtigen Weg eingeschlagen, gleich ins Spital zu gehen und wünsche ich Dir Glück, daß Du so schnell und so gut davon gekommen. Trotzdem Du nichts verlangst werde ich morgen ein MandatFormular zur Einziehung von Geld über die Postämter (Postmandat). für M 20 an Dich aufgeben, damit Du auf keinen Fall zu kurz kommst und um so bequemer reisen und Dich mehr schonen |


[auf Seite 1 unten:]

kannst; Hammi habe ich sofort geschrieben und erwartet |


[um 180 Grad gedreht auf Seite 1 oben:]

er Dich also nicht früher als am 23. Morgen u. übermorgen ist CadettenzusammenzugDas Kadettenfest des Kantons Aargau fand am 17. und 18.8.1885 in Baden statt, „mit folgendem Programm: Erster Tag: Fakultatives Preisschießen; Uebung in Bataillonsschule; Promenade militaire; gemeinschaftliche Abendunterhaltung; großer Zapfenstreich. Am zweiten Tage nach einem patriotischen Feierakte das Feldmanöver; nach demselben Feldverpflegung der Truppen auf dem Festplatze; Preisvertheilung an die besten Schützen; Schluß des Festes. Für unentgeltliche Einquartierung und Verpflegung des Kadettenkorps wird gesorgt.“ [Allgemeine Schweizerische Militärzeitung, Jg. 31, Nr. 28, 11.7.1885, S. 231; zum Programm vgl. ausführlich: Aargauisches Kadettenfest in Baden den 17. und 18. August 1885. Fest-Programm. [Zürich] 1885]. Die Schweizer Kadetten-Korps waren Jungendverbände männlicher Schüler im Alter von 10 bis 20 Jahren, die der militärischen Früherziehung dienten. in Baden, 1400 Mann, Manöver auf dem Wettinger Feldseinerzeit freies Gelände zwischen Wettingen und Baden rechts und links der Limmat.. Mit der |


[um 180 Grad gedreht auf Seite 4 oben:]

Bitte, Dich ja zu schonen, schließe ich u verbleibe stets
D. tr. Papa. |


[um 180 Grad gedreht auf Seite 1 oben:]

Schönsten Gruß von Fräul. Mathilde Drosselseit dem Schuljahr 1882/83 Schülerin am Lehrerinnenseminar in Aarau [vgl. Zehnter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1882/83, S. 4], das später auch Erika Wedekind besuchte. Mathilde Drossel verließ die Schule im August 1884 [vgl. Elfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau., Schuljahr 1884/85, S. 5] und heiratete 1888 den Arzt Hans Emil Siegrist aus Brugg., deren Mutter im Oct. ein PensionshausDie verwitwete Emilie Drossel (geb. Wyss) eröffnete eine Pension in der Plattenstraße 33 in Fluntern [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich 1887, Teil I, S. 79]. in Zürich etablirt. |

Postscriptum.

Mati läßt dich noch ganz extra grüßen und Dir baldige, vollständige Herstellung wünschen. – Anny BarkAnny Barck aus Freiburg im Breisgau war Mitglied des im Herbst 1883 gegründeten Freundschaftsbundes „Fidelitas“ und Korrespondenzpartnerin Wedekinds. Wedekind hatte sie im Juli 1883 während ihres Besuchs (bei Minna von Greyerz) in Lenzburg kennengelernt. ist seit Juli verlobt mit H. Otto Petervermutlich der Straßburger Baumaterialien-Händler Otto Peter (Weissenburgerstraße 5) [vgl. Adreßbuch der Stadt Straßburg. 1884–85, Teil I, S. 162]. in Straßburg. – Minna lebt noch immer in dulci jubilo(lat.) in süßer Freude., ist aber noch nicht verlobt, obgleich es ihr an reichlicher Gelegenheit dazu in Dresden„Minna von Greyerz hatte Ende August 1884 Lenzburg verlassen, um in Dresden am dortigen Konservatorium ein Gesangs- und Klavierstudium zu beginnen“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 80]. nicht fehlt. Morgen Mittag werde ich mit Mati und TillieWedekinds Cousine Tilly Kammerer aus New York, eine Tochter von Emilie Wedekinds Bruder Libert Kammerer, die in Lenzburg zu Besuch war. nach Baden fahren, um um 2 Uhr die große Paradedes Kadettenfestes des Kantons Aargau (s. o.). mit anzusehen. Die Cadetten von hier fahren früh 6 ½ Uhr pr Nat. Bahn bis Mellingen und marschiren von da zu FußVon Mellingen bis Baden sind es rund 8 km. nach Baden, wo bis 10 Uhr der Empfang der nach und nach ankommenden Corps statt findet. Von 10 – 12 ist Scheibenschießen, bei welchem aber die Lenzburger und andere, die es nicht verstehen, nicht mitmachen„Die Sektionen Zofingen, Lenzburg, Brugg und Frick betheiligten sich am Wettschießen nicht.“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 65, Nr. 231, 19.8.1885, 2. Blatt, S. (2)]; dann Mittagessen in den Quartieren, Doda mit andern Freunden auf Einladung von Eduard HünerwadelLenzburger Unternehmer, Miteigentümer der Spinnerei in Niederlenz. im „Ochsen“, die große Masse theils im Schulhaus, theils im Wettinger neuen Schulgebäude im Quartier. Um 2 ½ Uhr | Parade auf dem Schulhausplatz und Festzug durch die Stadt. AbendsWedekinds Vater gibt hier wieder, was auch in der Presse angekündigt worden war: „Abends Illuminatiun des Schlosses Stein und des Belvedere und ‚pyrotechnisches Bombardement‘ des Schartenfels.“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 65, Nr. 216, 4.8.1885, 1. Blatt, S. (2)], woran wir aber, die wir schon um 6 ½ fortfahren, nicht theilnehmen können: Illumination des Schlosses „Stein“Ruine auf dem Felsgrat des Schlossbergs oberhalb Badens., des „BelvedereGartenwirtschaft mit Aussichtpunkt oberhalb Badens. und anderer Lokalitäten und „Bombardement“ des Schartenfels1881 erbaute Sommerwirtschaft mit Rebhaus, Turm und Befestigungsmauer auf dem Längernfels bei Baden, die 1894 schlossähnlich ausgebaut wurde.. Zapfenstreich. Dienstagder 18.8.1885. Die Presse berichtete: „Der zweite Festtag des aargauischen Kadettenfestes in Baden verlief nicht weniger glänzend als der erste. Um 8 Uhr fand bataillonsweiser Aufmarsch der Kadetten auf dem Festplatze statt, dann folgten Absingung des Liedes ‚Trittst im Morgenroth daher‘ durch sämmtliche Festtheilnehmer und Ansprache des Erziehungsdirektors. Am Schlusse des feierlichen Weiheaktes ‚Rufst du mein Vaterland‘. Hierauf begaben sich die Korps zur Einleitung des Manövers in ihre Positionen. Höchtskommandirender war Oberstlieutenent Ringier. [...] Darauf gemeinschaftlicher Rückmarsch der Sieger und der Ueberwundenen in die Feststadt zum dampfenden ‚Spatz‘, der inzwischen in der Feldküche abgekocht worden war. / Um 4 Uhr wurden die Resultate des Wettschießens eröffnet. [...] Damit schloß der offizielle Theil des zweitägigen Festes. Baden wird nun das schmucke Festgewand wieder ablegen.“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 65, Nr. 231, 19.8.1885, 2. Blatt, S. (2)] Aufstellung bei der Schule, um 8 Uhr patriotischer Weiheakt, Gesang, Musik, Ansprache des ErziehungsdirektorsLudwig Karrer, Absolvent der Kantonsschule Aarau, Pfarrer und Religionslehrer, seit 1876 Regierungsrat in der Kantonsregierung, seit 1880 Erziehungsdirektor und Nationalrat. und Abmarsch zum Manöver auf dem Wettinger Feld. Um 1 Uhr Rückmarsch in die Stadt auf den Festplatz, wo gemeinschaftliches Mittagessen. (Feldverpflegung.) Oberkommandant Oberstlieuten. StRath RingierDer Jurist und Anwalt Gottlieb Ringier, Absolvent des Kantonsschule Aarau, war von 1869 bis 1877 Ständerat des Kantons Aarau und seit 1882 Schweizer Bundeskanzler. Seit 1875 hatte er den Rang eines Oberstleutnants im Generalstab.. 4 Uhr Prämienvertheilung, von 5 Uhr an Abmarsch der verschiedenen Corps in ihre Heimath. – H. KullFriedrich Kull betrieb seit einige Jahren die Sommerwirtschaft auf Schloss Lenzburg und warb dafür mit Annoncen: „Schloss Lenzburg. / Die Sommerwirthschaft auf Schloß Lenzburg ist seit April eröffnet. / Feine, sowie auch Landweine, Flaschen und offenes Bier zu gewöhnlichen Preisen werden servirt; gute Küche; höfliche Bedienung. / Ferner werden auf Bestellung kleinere und größere Gesellschaftsessen servirt. Ergebenst ladet ein / Friedrich Kull, Wirth.“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 61, Nr. 144, 25.5.1881, S (4) und Nr. 153, 3.6.1881, 1. Blatt, S. (4)] macht diesen Sommer ausgezeichnet Geschäfte, seit 1. Juni beständig das schönste Wetter, Sonntags 300, 400, 500, ja letzten Sonntag über 600 Gäste; es ist eine wahre Goldgrube für ihn. – In den Reben steht es seit 6 Jahren einmal wieder sehr schön und verspricht einen guten Ertrag. In der ganzen Schweiz strotzt es von Touristen. Demnächst neue RegierungsrathswahlenDie Wahl der Regierungsräte fand in der Sitzung des Großen Rates Aargaus am 21.8.1885 in zehn Walgängen statt; gewählt wurden Dr. Karl Fahrländer, Regierungsrat Dr. Gottlieb Käppeli, Fürsprech Peter Conrad, Oberst Adolf Fischer und Regierungsrat Arnold Ringier [vgl. Aargauer Nachrichten, Jg. 31, Nr. 198, 22.8.1885, S. (19)]., manche werden wohl nicht wiedergewähltDies waren Karl Friedrich Brentano, Franz Imhof und Ludwig Karrer.. – Von Willi lange nichts gehörtWilliam Wedekind absolvierte eine kaufmännische Ausbildung in Lausanne, die er im Herbst beendete., muß ihm schreiben. – Jetzt noch einmal, gehab Dich wohl – D. tr. P.

Frank Wedekind schrieb am 26. August 1885 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

München, 26 VIII 85


Lieber Papa,

tausend Dank für Deinen lieben großen Briefvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 16.8.1885. und auch für den von Mamanicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 16.8.1885. und von Hammivgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 17.8.1885.. Sie waren mir rechte Erquickung und Labsal, als ich im Bett lag, nicht wußte wann ich aufstehen könnte und mit niemanden hatte um ein trautes Wort mit ihm zu wechseln. Aber jetzt bin ich zum Glück wieder auf und bis auf Weniges ist die ganze Krankheit vorüber.

Die Heilung des Rothlaufeszu Wedekinds Erkrankung siehe die vorangegangene Korrespondenz. ging leider nicht so schnell vorüber, als die DoctorenWie die weitere Korrespondenz belegt, wurde Wedekind außer von Professor Nussbaum auch von den Assistenzärzten Ludwig Pfeiffer und Julius Fessler behandelt. vorausgesagt und hatten und ich hoffte. Die Anschwellung und Entzündung waren schon vom ganzen Bein verschwunden als sie sich auf einer kleinen Stelle auf der Innenseite hartnäckig erhielten. Obschon ich den fortwährend einen dicken Umschlag von Watte darum trug, war dennoch ein Absceß nicht zu vermeiden und ich mußte vor allen Dingen warten bis er zum Öffnen reif war. Nachdem Professor Nußbaum ihn aufgeschnitten und eine TrainageSchreibversehen, statt: Drainage. hineingelegt hatte wurde er nun alle drei Tage von Neuem mit Borwasserzur Wundreinigung: „Die Borsäure ist ein vortreffliches mildes Antisepticum, welches in der Form der Borsalbe, des Borlints und des Borwassers zur Verwendung kommt. [...] Das Borwasser [...] ist milde desinficirend“ [Gustav Wolzendorff: Handuch der kleinen Chirurgie für praktische Ärzte. 2. Aufl. Wien. Leipzig 1889, S. 242]. ausgespritzt und mit Salicilwattemit Salicylsäure getränkte Watte als antiseptischer Verbandsstoff zur Schmerz- und Entzündungsbehandlung [vgl. Ernst Fischer: Handbuch der Verbandlehre. Stuttgart 1878, S. 150]. und JodoformgasenSchreibversehen: statt: Jodoformgaze; antiseptisches Verbandsmaterial. verbunden; die TrenageSchreibversehen, statt: Drainage. wurde jedes mal um ein Stückchen verkürzt und bei einer ganz geringen Eiterbildung heilte die Wunde ziemlich rasch. Jetzt ist nur noch ein Stückchen von | dem äußeren Schnitt übrig, aber als ich gestern zum ersten Mal aufstand me merkteSchreibversehen, statt: merkte. ich erst wie schwach mein linker Fuß indessen geworden war. Daß/s/ ist nun allerdings recht mißlich, denn es wird mich wol noch einige Tage an den Krankensaal fesseln, aber heute kann ich doch schon um vieles leichter auftreten. Schmerzlich war die ganze Sache nicht mit Ausnahme des Tages vor und einiger StundenSchreibversehen, statt: einige Stunden. nach der Operation, und auch sonst bin ich wegen des Krankenhauses nicht sonderlich zu bedauern. Die Zeit vergeht wunderbar S/s/chnell, die Pflege ist äußerst liebevoll und auch die Gesellschaft recht angenehm. Aber wenn ich dann daran denke, daß ich nun bald schon seit drei WochenWedekind war seit dem 5.8.1885 im Krankenhaus [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885]. die freie Natur nicht gesehen habe und schon seit bald 14 Tagen zu bei Euch sein könnte, wenn sich die an und für sich geringfügige Krankheit nicht so lang hinaus gezogen hätte, so | könnte ich oft wirklich fast traurig werden, tröstete mich nicht der Gedanke daß ich Euch AlleAuf Schloss Lenzburg lebten außer Wedekinds Eltern noch seine jüngeren Geschwister Erika, Donald und Emilie. zusammen nun doch wol bald wiedersehen konnt werde.

Das wird nun freilich vor dem ersten IX. schwerlich der Fall sein, und so hab’ ich denn einen guten Theil meiner Ferien eingebüßt aber wenn ich nur wieder gehen kann; das ist mir jetzt die Hauptsache; und so wie die Sachen stehen, wird sich das auch bald finden. Im Übrigen bitte ich Euch, liebe Eltern, Euch nur meinetwegen nicht im Geringsten zu ängstigen. Ich verdien’ es auch gar nicht, denn ich bin ja sonst ganz gesund und nebenbei auch recht vergnügt und fidel, was ja auch zweifelsohne das r/R/ichtigste ist, und ganz gut angeht, da die übrigen Studenten, wie ich reconvalescirengenesen. und es ebenso machen.

Daß ich Euch so lange keine Nachricht von meinem Befinden gab, war | freilich nicht schön; aber im d/B/ette ließ n/s/ich auch nicht recht schreiben und gesterndem 25.8.1885. saß ich nur einige Stunden am Fenster und blickte in die nun schon welkenden Baumkronen hinein. Es war allerdings gerade die schönste Zeit, die ich versäumt habe.

Und nun lebt wohl! Noch einmal tausend Dank für die herzliche Theilnahme und viele innige Grüße an Alle zusammen und vor a/A/llen an Dich, lieber Papa. Mein nächster Brief wird dir den Tag meiner Ankunft melden. Indessen verbleib’ ich Dein treuer Sohn
Franklin.


Die 20 MarkFriedrich Wilhelm Wedekind hatte in seinem letzten Brief ein Postmandat über 20 Mark für den 17.8.1885 angekündigt [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 16.8.1885]. habe ich erhalten. Meinen besten Dank dafür. Ich werde sie zu verwenden suchen, wofür du sie bestimmt.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 27. August 1885 in Lenzburg folgende Postkarte
an Frank Wedekind

– Carte postale. –
Union postale universelle. – Weltpostverein. – Unione postale universale.

SUISSE. SCHWEIZ. SVIZZERA.


Herrn Stud. jur. Franklin Wedekind,
Königliches KrankenhausWedekind lag im Städtischen Krankenhaus links der Isar, zugleich Universitätsklinikum.,

München.
Königreich Bayern |

Schloß LenzbrgSchreibversehen, statt: Lenzburg., 27 Aug. 85.–

M. l. B.

D. heutiger Briefvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 26.8.1885; der Brief traf demnach am 27.8.1885 aus Schloss Lenzburg ein. hat mich insofern beunruhigt, als ich daraus ersehe, daß D. Krankheitzu Wedekinds Infektion am Bein siehe die vorangegangene Korrespondenz mit seinem Vater. doch ernster war, als Du sie früher beschrieben und Dich länger ans Bett fesselte, als Du vorausgesehen. Andererseits gibst Du ja aber nun die beruhigende Versicherung, daß außer der Absceßhöhle auch die Schnittwunde bis auf ein Minimum geheilt ist. Dieses Minimum ist aber wichtiger als die Schwäche im Bein und muß jedenfalls mehrere Tage gänzlich verschwunden sein, bis Du das Krankenhaus verläßt, denn beim geringsten Stoß könnte die Wunde wieder aufbrechen, sich in ein Geschwür verwandeln, dessen Heilung vielleicht langwierig würde. Nimm dich also in Acht u halte auch strenge Diät. Bist Du aber wieder völlig gesund, dann mache Dich sofort auf die Reise, wohl in II. Classe weil bequemer. Ist es bis hieher in einer Tour„Die Bayerische Allgäubahn mit Start in München endete in Lindau. Von dort aus ging es mit der Trajektfähre über den Bodensee nach Romanshorn und von dort aus über Winterthur mit der Schweizer Nordostbahn nach Zürich“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 83]. zu viel, dann übernachte in Lindau, das auf halbem Wege liegt – in dem Falle müßtest Du aber am Morgen von dort abreisen – und komme von Lindau direct, höchstens mit einem Aufenthalt von ein paar Stunden in Zürich, hieher, wo Du Dich pflegen kannst und Dich mit Ungeduld erwartet
D. tr. P.


Schreibe vorher Deine Reiseroute. –

Frank Wedekind schrieb am 4. September 1885 in München folgende Postkarte
an Friedrich Wilhelm Wedekind

[1. Entwurf:]


L. P.

Besten Dank für Deine liebe Carte aber den Tag meine Heimkehr kann ich Euch leider immer noch nicht anmelden. Der Abces war ja bis auf eine Kleinigkeit vollkommen geheilt, aber nur zu rasch wie der Doctor jetzt behauptet und. An der alten Stelle, oberhalb der Schnittwunde bildete sammelte sich dicht unter der Haut noch etwas ein wenig Eiter und Blut und das muß nun natürlich auch erst auslaufen und zuheilen. Das ist zwar ärgerlich aber ich weiß daß ich mich nun erst recht lange schonen muß, damit es damit endlich zu Ende geht. Meine Dabei/neb/en/ ist meine größte Sorge daß Ihr Euch zu Hause nicht ängstigt denn die Sache bedarf ja nur sehr gründlicher Sorgfalt, ist aber weiter nicht gefährlich. Mit tausend Grüßen an Alle bin ich Dein treuer Sohn Fr


[2. Abgesandte Karte:]


Königreich Bayern
Postkarte.

An Herrn Dr. Wedekind
Schloss Lenzburg
in
Schweiz. (Aargau) |


L. P.

Besten Dank für Deine liebe Cartevgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 27.8.1885.; aber meine Heimkehr kann ich Dir leider noch immer nicht anmelden. Der Absceß war ja bis auf eine Kleinigkeit vollkommen geheilt, aber nur zu rasch, wie der DoctorWedekind wurde außer von Geheimrat Prof. Dr. Johann Nepomuk Ritter von Nussbaum von den Assistenzärzten Dr. Ludwig Pfeiffer und Julius Fessler behandelt [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12. und 15.9.1885]. jetzt behauptet. An der alten Stelle, oberhalb der Schnittwunde, aber ganz dicht unter der Haut, sammelte sich nämlich noch ein wenig Eiter und Blut an, und daß/s/ muß natürlich auch erst auslaufen und zuheilen. Diese neue Verzögerung ist zwar ärgerlich, aber ich weiß sehr wol, daß ich mich nun erst recht noch schonen muß, auf daß die Sache damit ein Ende hat. Übrigens kann dem Bein die längere Ruhe auch nicht schaden, denn die Streckmuskeln zur Ferse waren durch die große AbceßhöhleSchreibversehen, statt: Absceßhöhle. unendlich schwach geworden; wenn ich jetzt das Krankenhaus verlasse, werde ich umso besser gehen können. – Daneben ist meine drückendste Sorge, daß Du und Mama Euch meinetwegen nicht zu sehr ängstigt, denn meine Lage bedarf ja nur sehr peinlicher Sorgfalt und ist weiter aber nicht gefährlich, zumal hier, wo man täglich drei ärztliche Besuche, zuerst vom Assistenzarzt bekommt, dann vom Geheimrath und Nachmittags noch von einem Unterassistenten, und wo man immer der/ie/ genauesten Verhaltungsanweisungen erhält. – Ich bleibe mit 1000 Grüßen an Alle zusammenaußer Wedekinds Mutter wohl vor allem die jüngeren Geschwister Erika, Donald und Emilie, die auf Schloss Lenzburg lebten. dein treuer
Sohn Fr.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 7. September 1885 in Lenzburg folgende Postkarte
an Frank Wedekind

– Carte postale. –
Union postale universelle. – Weltpostverein. – Unione postale universale.

SUISSE. SCHWEIZ. SVIZZERA.

Herrn Franklin Wedekind, stud. iur.
Königliches Krankenhaus, Studentenabtheilung
München.
Königreich Bayern |


Schloß Lenzburg, Montag, 7 Sept. 85. – M. l. B!. Deine l. Kartevgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 4.9.1885. vom 4. d. vorgestern erhalten, aber nach neuntägigem Intervallzum letzten Brief; vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 26.8.1885. Stillschweigen, und statt der Nachricht D. Genesung diejenige eines neuen Zwischenfalls. Nach einem Absceß kommt allerdings eine solche Eitersammlung unter der Haut öfter vor, aber damit sollte es nun auch ein Ende haben. Die genaue Stelle, des AbscecßesSchreibversehen, statt: Absceßes. hast Du nie angegeben, zwar daß er auf der innern Seite, aber ich möchte auch wissen, wie viel Zoll über dem Knöchel oder unter der Kniescheibe und wie weit seitwerts vom Schienbeinrand. Schreibe das u schicke wenigstens jeden dritten Tag ein mir einSchreibversehen, statt: mir ein. paarzeiliges BulletinBericht.. Am 26 Aug. schriebst Du, daß Du wieder aufgestanden, aber das Gehen noch beschwerlich; neun Tage später, am 4 Sept., erwähnst Du nichts mehr davon ob, ob Du wieder im Bett, oder, wenn nicht, wie das Auftreten geht. Beantworte das. – So lange Du nicht vollständig geheilt bist, kannst Du, wie Du selbst auch meinst, nirgends besser aufgehoben sein als dort im Spital; sobald Du aber vollständig geheilt und reisefähig bist, dann mache Dich sofort auf den Weg und dann bist Du hier besser aufgehoben, wo die Luft reiner ist und Du andern Krankheiten weniger ausgesetzt bist als dort. Halte Diät, strenge Dich ja nicht an und nimm zum Packen Deines Koffers einen Freund oder einen Dienstmann. Am Nachmittag vor D. Abreise, etwa 3 Uhr, telegraphire hieher „Reise morgen früh sieben“ und fahre dort morgens, 7.25, mit dem Eilzug und in II Classe ab und würde ich Dich dann am Nachm. 2½ Uhr in RomanshornOrt der Einreise in die Schweiz am Westufer des Bodensees bei Anreise mit der Fähre von Lindau. in Empfang nehmen und hieher begleiten. – Wie heißt der AssistentWedekind wurde von den Assistenzärzten Dr. Ludwig Pfeiffer und Julius Fessler behandelt. der Studenten-Abtheilung, kennt ihn Hammivon seinem Münchner Studiensemester 1884/85 als Medizinstudent.? – Mit dem innigsten Wunsche, daß du bald geheilt bist u kommst, D. tr. Papa

Frank Wedekind schrieb am 9. September 1885 in München folgende Postkarte
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Königreich Bayern.

Postkarte.


An

Herrn Dr. Wedekind,
Schloss Lenzburg
in Schweiz
(Aargau) |


L. P.

Vorgesternam 7.9.1885. schrieb ich einen längeren Brief an Mamavgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 7.9.1885., den sie, so hoffe ich, glücklich erhalten hat. Gesternam 8.9.1885. bekam ich Deine liebe Cartevgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 7.9.1885. und melde Dir meinen besten Dank dafür. – Die Lage meines Abscesses, nach der Du fragst, war in gleicher Flucht mit dem Knöchel, d. h. gerade auf der Höhe der rechten Seite des linken u/U/nterschenkels, nahe an der inneren Kante des Schienbeines, aber ohne damit in Berührung zu kommen. Vom Knöchel war die Höhle etwa 3 Zoll und von der unteren Grenze des Kniees ebenso weit entfernt. Am Tage, da die Eiterstelle geöffnet wurde, blieb ich im Bette, obschon mir der Doctor das Aufstehn erlaubt hatte. Aber ich fühlte mit/ch/ wegen etwas erhöhter Temperatur nicht ganz wohl. Am folgenden Tag erhob ich mich wieder und bin seither täglich von Morgens 8 Uhr bis dunkelwerden aufgeblieben. Dabei sitze ich meistens auf in einem Lehnsessel und halte den Fuß auf einem Polsterstuhl vor mir. Das Gehen geht zwar schon ganz bequem, aber bis die Wunde geschlossen ist, ist mir noch Ruhe anempfohlen. Der Arzt der mich jetzt behandelt, ist ein Dr. Ne/Pf/eiferLudwig Pfeiffer, Assistenzarzt im Krankenhaus links der Isar und praktischer Arzt (Krankenhausstraße 1) [vgl. Adressbuch von München für das Jahr 1885, Teil I, S. 378]., ein Neffe von Prf. Nußbaum, dabei ein äußerst freundlicher Mann. HammiArmin Wedekind studierte im Wintersemester 1885/85 in München Medizin und verbrachte dabei viel Zeit in der Universitätsklinik [vgl. Frank Wedekind an Frie.drich Wilhelm Wedekind, 19.2.1885], die im Krankenhaus links der Isar angesiedelt war. wird ihn wohl von der Klinik her kennen. Mit dem innigen Wunsch, daß diese Carte Euch AlleNeben Wedekinds Eltern sind wohl vor allem die jüngeren Geschwister Erika, Donald und Emilie gemeint, die auf Schloss Lenzburg lebten. gesund und wohl antreffe grüßt Dich dein treuer Sohn Franklin.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 9. September 1885 in Lenzburg folgende Postkarte
an Frank Wedekind

– Carte postale. –
Union postale universelle. – Weltpostverein. – Unione postale universale.

SUISSE. SCHWEIZ. SVIZZERA.

Herrn Franklin Wedekind, stud. iur.
Königliches Krankenhaus, Studentenabtheilung
München.
Kgrch. Bayern. |


SchlßSchreibversehen, statt: Schloß. Lenzburg, 9. Sept. 85. – M. l. B! Deinen l. Brief an Mamavgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 7.9.1885. haben wir gesternam 8.9.1885. Nachmittag bekommen und ich aus demselben ersehen, daß Deine Herstellung nun wirklich vorschreitet und D. baldige Abreise in Aussicht steht, die natürlich erst nach vollständiger Heilung der afficirten Stelle vor sich gehen kann. Nun möchte ich Dich noch bitten, einmal daß Du Dir alle die Medikamente, die Dir gut gethan haben, genau in Bezug auf Quantität und Mischung aufschreibst oder besser noch Dir die betr. Recepte von den H. AssistentenWedekind wurde von den Assistenzärzten Julius Feßler und Dr. Ludwig Pfeiffer behandelt. aufschreiben läßt, damit, wenn die Wunde wider alles Erwarten mal wieder aufbrechen sollte, wir mit der ganz gleichen Behandlung fortfahren können; und sodann versäume keinenfalls, bevor Du das Spital verlässest und ebenso für die Reise Deinen Unterschenkel mit einer solchen Binde oder Strumpf zu versehen, die denselben gegen jedes Scheuern der Hose und jede Beschädigung schützen und nicht herunter fallen können. Telegraphire am Nachmittag vorher den Zeitpunkt D. Abreise und falls ich wegen Krankheit oder sonstwegen nicht in RomanshornOrt der Einreise in die Schweiz am Westufer des Bodensees bei Anreise mit der Fähre von Lindau. sein sollte, so reise gleich allein weiter und von Zürich aus um 5.05 pr NationalbahnDie seit 1877 bestehende Schweizerische Nationalbahn führte von Seebach bei Zürich über Lenzburg bis Zofingen. hieher, wo Du um 7.20 ankommst. Besten Gruß von Allen, D. tr. P.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 11. September 1885 in Lenzburg folgende Postkarte
an Frank Wedekind

– Carte postale. –
Union postale universelle. – Weltpostverein. – Unione postale universale.

SUISSE. SCHWEIZ. SVIZZERA.

Herrn Franklin Wedekind, Stud. iur.,
im Königlichen Krankenhaus, Studentenabtheilung
München.
Kgrch Bayern. |


Freitag, 11 Sept., morgens. – L. B!. Eben bringt mir FischerAngestellter auf Schloss Lenzburg. D. l. Karte von vorgesternvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 9.9.1885. und freue ich mich, daß D. Zustand sich sichtlich bessert. Vorgestern erhielten wir einen herzigen Brief von H. GR. NußbaumWedekinds Mutter hatte sich offenbar bei dem behandelnden Arzt nach dem Gesundheitszustand ihres Sohnes erkundigt. Der Antwortbrief ist überliefert; darin heißt es: „Verehrte Frau! Herzlich gerne antworte ich Ihnen selbst mit der aufrichtigsten Wahrheit. / Alles was Ihr lieber Herr Sohn Franklin schrieb, ist wahr. Er hatte eine sogenannte Phlegmone oder Pseudoerysipelas, oder falsche Rose am Unterschenkel; wahrscheinlich durch Erkältung zugezogen, war ziemlich ernst krank. Zweimal musste dem angesammelt Eiter mit Drainagerohren ein Weg nach Außen gebahnt werden. Jetzt ist Herr Franklin aber ganz fieberlos, schläft u ißt sehr gut, u wird in kurzer Zeit ganz genesen sein. / Ich halte es für ganz überflüssig, daß Jemand zum Einpacken kommt etc obwohl eine befreundete Reisebegleitung immer recht angenehm ist, besonders wenn man es mit der Douane zu thun hat. / Wir haben Ihren liebenswürdigen gebildeten Sohn alle sehr liebgewonnen u freuen uns daß er aller Gefahr guth entronnen = der gänzlh Genesung nahe ist.“ [Johann Nepomuk Nussbaum an Emilie Wedekind, 8.9.1885, Mü FW B 120] , der uns ebenfalls die beruhigendsten Versicherungen ertheilte. Erstatte bei erster Gelegenheit unsern verbindlichsten Dank, so wie Du solches auch für Dich bei D. Weggange thun wirst. „Wir alle haben den liebenswürdigen, jungen Mann recht lieb gewonnen“, so schrieb er und so liebenswürdig wirst Du Dich ihm gegenüber auch später zeigen. – Auf m. letzten Kartenvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 27.8.1885 sowie 7. und 9.9.1885. gab ich Dir einige Verhaltungsmaßregeln und sage Dir auch heute, verlasse das Krankenhaus nicht eher, als bis die wunde Stelle wieder gut und derb überhäutet ist und keine Gefahr eines Wiederaufbruchs mehr existirt. Wäre letzteres der Fall, so würde ein Wiedereintritt ins Krknhaus schon schwieriger sein, und die Sache zu unbedeutend, die aber trotzdem recht langwierig werden könnte. Bist Du entlassen, dann laufe nicht viel in den Straßen herum, weil Du des Gehens und der Luft entwöhnt bist und Dich bei schlechtem Wetter, wie wir es schon seit 14 Tagen haben, leicht erkälten kannst. Bleibe daheim, laß Deine Sachen packen und wähle Dir dann für die Reise wo möglich einen günstigen Tag, was Du ja am Barometer u Wind am Tag vorher ermessen kannst. Dann telegraphire mir nachmittags, daß Du am andern Morgen, 7 Uhr abreist, damit auch ich um dieselbe Zeit Dir entgegenfahren kann. Heute regnet u stürmt es unaufhörlich und wäre kein Tag zum Reisen. Besten Gruß von D. tr. P.


Kleide Dich nicht zu kalt, aber auch nicht zu warm, verbinde das Bein gut.

Frank Wedekind schrieb am 12. September 1885 in München folgende Postkarte
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Königreich Bayern.
Postkarte.

An Herrn Dr. Wedekind.
Schloss Lenzburg
in Schweiz
(Aargau) |


L. P.

Meine Cartevgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 9.9.1885. wirst Du erhalten haben; ich hoffe daß sie Euch AlleGemeint sind wohl Wedekinds Eltern und die auf Schloss Lenzburg lebenden jüngeren Geschwister Erika, Donald und Emilie. gesund und wohl angetroffen hat. Meine Wunde heilt zwar langsam, aber in sehr gesunder Weise zu. Ein schnelleres Heilen kann ich mir kaum denken, da bei jeder Verbanderneuerung wieder ein Stück JodoformbouchéeSchreibversehen, statt: Jodoformbougie (von franz.: bougie = Kerze). Das zur Wunddesinfektion in die Wundhöhle eingebrachte Jodoform, konnte außer als Pulver oder auf einem Gazestreifen auch in Form von „Stäbchen, welche aus Jodoform und Gelatine zu gleichen Theilen in verschiedener Dicke gegossen werden, sogenannte Jodoformbougies“ [Heinrich Helferich: Ueber das Jodoform als Verbandmittel. München 1882, S. 8], zur Anwendung kommen. hineingesteckt wird. Anstelle des Dr PeifferSchreibversehen, statt: Pfeiffer. behandelt mich jetzt wieder der aus dem Urlaub zurückgekehrte Dr. FeßlerDer Assistenzarzt Julius Fessler (Krankenhausstraße 1) [vgl. Adreßbuch für München für das Jahr 1886, Teil I, S. 120] hatte 1885 sein Medizinstudium in München beendet (Promotion am 6.3.1886) und war bis 1890 Assistent an der chirurgischen Poliklinik im Krankenhaus links der Isar, zunächst bei Heinrich Helferich, dann bei Johann Nepomuk von Nussbaum.. Er verbindet äußerst sorgfältig ist überhaupt sehr gewissenhaft und dabei doch recht freundlich. Mit dem Gehen geht es immer besser. Nur im Vorderfuß verspührSchreibversehen, statt: verspür. ich noch einige Schwäche und dabei fehlt allerdings noch alle Elasticität. Aber das wird mit der Übung wiederkommen. – Gestern bekam ich einen lieben Brief von Mamanicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 10.9.1885.; ich lasse ihr aufs herzlichste dafür danken. Mit 1000 Grüßen besonders an Dich, lieber Papa, und an alle Anderen bin ich dein treuer Sohn Franklin.

Frank Wedekind schrieb am 15. September 1885 in München folgende Postkarte
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Königreich Bayern.
Postkarte.

An Herrn Dr. Wedekind
Schloss Lenzburg
in Schweiz
(Aargau) |


L. P.

Deine beiden Cartenvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 9. und 11.9.1885. habe ich erhalten und werde keinen der darauf enthaltenen Rathschläge außer Acht lassen. Die erste derselben kam etwas zu spät an, als daß ich sie schon das letzte Mal hätte beantworten können. Es wäre auf der Post kein Irrthum möglich wenn du statt kgl. Krankenhaus e. ct. nur Krankenhaus links d. Isar schreiben würdest, denn es sind zwei Krankenhäuser vorhanden, obschon nur eines eine Studentenabtheilung hat. Meine Wunde ist im besten Heilen. Gestern und heute ging ich bei wunderschönem Wetter im Garten spaziren. Das Aufziehen der Ferse beim Gehen wird mir immer noch wegen Schwäche im Vorderfuß schwer. Aber auch das wird mit von Tag zu Tag besser. – Also dann, auf baldiges Wiedersehn grüßt Alle zusammenGemeint sind wohl Wedekinds Eltern und die auf Schloss Lenzburg lebenden jüngeren Geschwister Erika, Donald und Emilie. von ganzem Herzen Dein treuer Sohn Franklin. ––

Frank Wedekind schrieb am 18. September 1885 in München folgende Postkarte
an Friedrich Wilhelm Wedekind

WELTPOSTVEREIN. (UNION POSTALE UNIVERSELLE.)
POSTKARTE AUS DEUTSCHLAND.

BAYERN.
(ALLEMAGNE – BAVIÈRE.)


An Herrn Dr. Wedekind
Schloss Lenzburg
Schweiz.
(Aargau) |


L. P.

Heute Mittag bin ich aus dem KrkHaus entlassen. Morgenam 19.9.1885. werde ich packen und übermorgenam 20.9.1885. früh (Sonntag) hier abreisen. Ich befinde mich sehr wohl und habe nur eine ganz kleine Tasche als Gepäck. Sollte d/D/ir die Reise also nicht ganz gelegen kommen, so erwarte ich Dich nicht in RomanshornOrt der Einreise in die Schweiz am Westufer des Bodensees mit einer Fährverbindung nach Lindau.. Mit 1000 herzlichen Grüssen auch an Tante P.Vermutlich hatte Wedekind aus dem nicht überlieferten Brief seiner Mutter [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 10.9.1885] erfahren, dass Olga Plümacher zu Besuch in Lenzburg war. Dein treuer Sohn Fr.

Frank Wedekind schrieb am 27. November 1885 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Freitag 27.XI.84irrtümlich für „85“; später mit rotem Buntstift entsprechend korrigiert..


Lieber Papa,

seit fast einem MonateWedekind kehrte in der Nacht vom 2.11.1885 auf den 3.11.1885 von Lenzburg nach München zurück [vgl. Frank Wedekind an William Wedekind, 28.10.1885]. bin ich nun wieder in München und habe indessen hier genug gesehen und gehört, um einen Brief damit füllen zu können. Meine Reise ging sehr gut von s/S/tatten besonders die Nacht auf dem Bodensee war bezaubernd schön. Von Lindau hierher hat ich nur einen Taubstummen zum Gesellschafter, so daß es ruhig genug war im Coupé(frz.) Eisenbahnabteil., um bequem und fast ununterbrochen schlafen zu können. Mein altes Zimmer fand ich in der besten Ordnung wieder vor und befinde mich seither sehr wohl darin. Es heitzt sich gut | und sieht, wenn Abends die Lampe auf dem Tisch steht brennt, recht wöhnlich und anziehend aus. ––

Den ganzen Morgen habe ich mir mit CollegienVon den Vorlesungen der Juristischen Fakultät besuchte Wedekind demnach bei „Privatdozent K. Advokat Dr. Hellmann: [...] Pandektenrepetitorium, I. Teil, sechstündig wöchentlich, in noch zu vereinbarenden Stunden“, bei „Prof. Geheimer Rat Dr. v. Planck: Zivilprozessrecht in sieben wöchentlichen Stunden, von 9–10 Uhr und Samstags von 9–11 Uhr“ und bei „Prof. Dr. v. Holtzendorff: 1) Strafrecht, fünfmal von 10–11 Uhr; 2) allgemeines Staatsrecht, viermal von 11–12 Uhr“ [Verzeichnis der Vorlesungen an der königlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu München im Winter-Semester 1885/86. München [1885], S. 4]. ausgefüllt. Um Acht Uhr besuch’ ich ein sechsstündiges PandektenrepetitoriumWiederholungsveranstaltung zu den Pandekten, „Justinians Sammlung von Erörterungen, Aussprüchen und Gutachten altrömischer Rechtsgelehrten“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. 12. Bd. Leipzig 1888, S. 649]. Wedekind hatte im Sommersemester dazu bereits eine Veranstaltung besucht [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 27.4.1885]., um 9 Uhr das Civilprozeßrecht 7stündig, um 10 Uhr bei Prof. v. HoltzendorffFranz von Holtzendorff war seit 1872 Professor für Strafrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Strafrecht 5stündig und um 11 Uhr bei demselben allgemeines Staatsrecht, worin 4stündig, worin er ja eine bedeutende Autorität ist. Am Nachmittag gehe ich in einige Publiceöffentliche Vorlesungen an der Universität. Als öffentliche Veranstaltungen der juristischen Fakultät waren im Vorlesungsverzeichnis ausgewiesen: Isländisches Gerichtswesen (Maurer) und Eherecht (Berchtold) [vgl. Verzeichnis der Vorlesungen an der königlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu München im Winter-Semester 1885/86. München [1885], S. 4]; von den vielfältigen öffentlichen Nachmittagsangeboten der philosophischen Fakultät hat Wedekind möglicherweise die Veranstaltungen Shakespeare im Lichte der vergleichenden Literaturgeschichte (Carriere) oder die Hauptmeister der Renaissance (Muther) besucht [vgl. ebd., S. 12 und 16]. Unter den von Wedekind überlieferten Kollegheften trägt eines den Titel „Renaissance“ [vgl. Aa Wedekind-Archiv B 156]. juristischer und philosophischer Facultät. Die Stunde zu 4 Mark bin ich mit meinem Collegiengeld das an die Professoren für das Hören ihrer Veranstaltungen zu entrichtende Geld.gerade ausgekommen; wenn Du mir noch etwa 20 M für einige Bücher, die ich antiquarisch theils gekauft habe, theils noch kaufen muß beilegen wolltest, so wäre ich Dir sehr dankbar dafür. – Daneben hab’ ich mir eine | wundervolle Hose machen lassen, die mit bester Qualität einen sehr graciösen Schnitt und eine äußerst elegante Farbe verbindet; sie paßt besonders gut zu meinem dunkelblauen Rock, den ich des Sonntags zu tragen pflege. Mein krank gewesenes BeinWedekind hatte sich am 3.8.1885 beim Baden eine Rotlauf-Infektion am Bein zugezogen, aus der sich ein Abszess entwickelte, so dass er seit dem 5.8.1885 im Spital behandelt werden musste [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885]. hält sich indessen sehr gut. Die Wunde ist vollständig vernarbt und von der Narbe sieht man auch bald nichts mehr. Dabei ist die Schwäche, die ich in Lenzburg noch oft darin verspürte vollständig gewichen und ich spüre weder Folgen bei langem Gehen noch bei Witterungswechsel darin. Ich will auch hoffen daß es nun so bleibt und bei mir soll es an der nöthigen Sorgfalt nicht fehlen. Die Studentennicht identifiziert., die ich im Krankenhaus kennen lernte, seh ich nun täglich auf der Universität wieder und einmal traf ich auch wieder einen unserer ÄrzteIm Studentensaal des städtischen Krankenhauses links der Isar (Krankenhausstraße 1) war Wedekind während seines Aufenthalts von Prof. Dr. Johann Nepomuk Ritter von Nussbaum sowie den Ärzten Dr. Pfeiffer und Dr. Fessler behandelt worden [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885, 12. und 15.9.1885]. an; es war am ersten AbendWedekind beuchte am 3.11.1885 eine Konzertveranstaltung im Saal des Museums (im Palais Portia in der Promenadestraße 12); die Presse berichtete: „(Quartett-Soirée.) Der erste der von den HH. Walter, Ziegler, Thoms und Wihan veranstalteten Quartettabende fand gestern Abend im Museumssaale statt.“ [Neueste Nachrichten und Münchener Nachrichten, Jg. 38, Nr. 308, 4.11.1885, S. 3] Gespielt wurden Quartette von Haydn, Schumann und Beethoven. den ich in München zubrachte in einer klassischen Quartettsoiree, zu der ich zufällig ein Freibillet erhalten | hatte. – Seit geraumer Zeit tritt nun auch Frau Clara ZieglerDie ehemalige Münchner Hofschauspielerin (1868 bis 1874) war regelmäßig auf den Münchner Bühnen zu Gast. Wedekind hatte sie im Frühjahr mehrfach auf der Bühne gesehen [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 12.3.1885]. wieder auf. Ich habe sie aber noch nicht wieder gesehen. Wie ich hörte soll sie di/ab/er die Amazonenkönigin Penthesilea in der/m/ gleichnamigen Trauerspiel von H. v. Kleist spielen wollenAls Penthesilea war Clara Ziegler, die diese Rolle in der Uraufführung von Kleists Stück in Berlin am 25.4.1876 gespielt hatte, am Münchner Hoftheater erst am 15.6.1892 zu sehen. Ihr nächster Auftritt dort fand am 6.12.1885 in der Titelrolle von Georg Siegerts „Klytämnestra“ statt, gefolgt von zahlreichen Auftritten in verschiedenen weiteren Stücken im Januar und März 1886.. Das müßte allerdings großartig werden und ich würde nicht verfehlen, sie mir ’mal anzusehen. Auch Christine Nilsondie schwedische Sopranistin Christina Nilsson; ihr geplanter Auftritt in München am 5.12.1885 fand nicht statt: „(Christine Nilsson) sollte am vergangenen Samstag zu München im königlichen Odeon vor das Publikum treten. Noch in letzter Stunde wurde aber bekanntlich das Konzert angesagt wegen ‚plötzlicher Erkrankung‘ der gefeierten Sängerin. Hinterher erfährt man aus dem ‚Berl. Tagbl.‘, daß die Nilsson sich der besten Gesundheit erfreut und mit dem Expreßzug nach Paris gedampft ist, weil zu ihrem Münchener Konzert im Ganzen – zweiundzwanzig Billets abgesetzt wurden.“ [Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger, Jg. 38, Nr. 341, 7.12.1885, S. 3] wird nächstenSchreibversehen statt: nächstens, oder: nächsten Monat (oder Samstag). hierher kommen. Da ist aber wol die Kuriosität bedeutender als der wahre Kunstgenuß und die Preisen werden auch d/as/ie/ gewohnten TaxenGebühren; hier für: Eintrittspreise. in München bedeutend übersteigen. Im December wird der Ring des NibelungenRichard Wagners Operntetralogie wurde Mitte Dezember am Königlichen Hof- und National-Theater in München ausgeführt: „Das Rheingold“ am 13.12.1885, „Die Walküre“ am 14.12.1885, „Siegfried“ am 16.12.1885 und „Götterdämmerung“ am 18.12.1885. wieder aufgeführt; darauf freue ich mich recht. Ich werde nicht verfehlen mir dies oder jenes Stück der Trilogie wieder einmalAußer dem ersten Teil konnte Wedekind die Opern des „Ring des Nibelungen“ im März und April 1885 in München sehen [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 27.4.1885]. für ein kleines GeldDie günstigsten Plätze waren laut Theaterzettel die Rückplätze im IV. Rang für 1,50 Mark, die Parterre-Stehplätze für 1,40 Mark und die Galerie für 70 Pfennig. anzuhören. Übrigens werden für den nächsten Sommer auch schon wieder Festvorstellungen für BaireuthVon Ende Juli bis Ende August wurden neun Aufführungen von „Parsifal“ (Dirigat: Hermann Levi) gespielt und – erstmals in Bayreuth – „Tristan und Isolde“ (Dirigat: Felix Mottl) mit acht Aufführungen (zuerst am 25.7.1886) in einer Inszenierung von Cosima Wagner, die seit 1883 die Festspiele leitete. geplant. Sechs Wochen | lang sollen da vor einem internationalen Publicum abwechselnd „Tristan und Isolt“ und „Parsival“ aufgeführt werden. ––

Das/ß/ der König seine Glyptotekdie 1830 eröffnete Glyptothek, die Königliche Skulpturensammlung am Königsplatz in München. verkaufen wollte um seine Schulden zu zahlen muß eine EnteDie Presse berichtete: „Auswärtige Blätter, die sich zum Ablagerungsplatz des albernsten Klatsches hergeben, wenn es nur dabei gilt, Bayern herabzusetzen, fabeln davon, daß die kgl. Civilliste die alte Pinakothek und die Glyptothek, welche beide Eigenthum der Krone sind, an den Staat verkaufen wolle, um so das Geld zur Deckung der Schulden der Civilliste zu erhalten. Natürlich sind das bloß Gerüchte ohne jeden thatsächlichen Werth.“ [Fränkisches Volksblatt, Jg. 18, Nr. 240, 23.10.1885, S. (2)] gewesen sein. Man meint, er dürfte das doch nicht wagen, es würde allzu viel Scandal machen und Staub aufwerfen, zumal er sich sonst schon nicht keiner bedeutenden Beliebtheit erfreut. In der ersten Woche December November war seine Ankunft in München angesagtDie Presse hatte angekündigt an: „Nächsten Sonntag, den 1. Nov. beginnen für Se. Maj. den König, welcher Ende dieser Woche hier eintrifft, im k. Hof- und Nationaltheater die Separatvorstellungen, welche bis 12. Nov. dauern. Es gelangen u. A. zur Aufführung, ‚Urvasi‘, ‚Eine deutsche Fürstin‘, ‚Der Trompeter von Säckingen‘ und ‚Parsifal‘.“ [Augsburger Tagblatt, Jg. 56, Nr. 252, 29.10.1885, S. 3] und hatten dann hätten 7 SeparatvorstellungenLudwig II. nahm das Hoftheater mehrmals im Jahr für kostspielige Privatvorstellungen mit ihm als alleinigem Publikum in Anspruch, zuletzt vom 23.4.1885 bis 13.5.1885. Für die Inszenierungen gab er detaillierte Anweisungen zur aufwändigen Gestaltung der Bühnenbilder und Kostüme. Zwischen 1872 und 1885 veranstaltete er 209 solcher Separataufführungen. stattfinden sollen, während welcher Zeit das Theater für das Publicum geschlossen geblieben wäre. Die Hofkutschen fuhren demnach am Abend zur Stadt hinaus aufs freie Feld um dort während der Nacht den Extrazug des Königs zu erwarten. Aber sie warteten bis zum lichten Morgen und seine Majestät | kam nicht. Am/Des/ anderen Tages fuhren die Kutschen unverichteterSchreibversehen, statt: unverrichteter. Sache wieder in München ein. Bald darauf kam aber auch die NachrichtDie Meldung von der Absage der Separatvorstellungen verbreitete sich seit dem 3.11.1886: „München, 3. Nov. (Separatvorstellungen.) Wie wir hören, werden die für diese und die nächste Woche angesetzten Separatvorstellungen im Hoftheater auf allerhöchsten Befehl unterbleiben.“ [Allgemeine Zeitung für Franken und Thüringen, Nr. 258, 4.11.1885, S. (1)]., daß die Separatvorstellungen abgesagt seien. Man sprach nun natürlich sehr vieles und Verschiedenes über die Ursache dieser Vorgänge. Die Einen behaupteten, die TheaterintendanzGeneralintendant des Hoftheaters war Karl Freiherr von Perfall, der Leiter des Intendantur-Büros Intendanz-Rat Karl Stehle [vgl. Almanach des Königl. Hof- und National-Theaters und des Königl. Residenz-Theaters zu München für das Jahr 1885. Hg. von Anton Hagen. München 1886, S. 4]. habe den Ansprüchen des Königs an Scenerien und Costüme nicht genügen wollen; a/A/ndere sagten, die Cosima Wagner habe dem König ein Schreiben überreichen lassen darin sie ihn um eine Tantième für die bevorstehende Separatparsivalvorstellung ersucht, zu der er aber längst das Aufführungsrecht erworben hat, ersucht. Der König habe das Blatt zerissenSchreibversehen, statt: zerrissen. und es dem Überbringer vor die Füße geworfen. – Der wahrscheinlichste Grund bleibt immerhin der, daß ihm das nöthige Geld fehlte, daß er aber dennoch, um | den Schein zu wahren, die Vorstellungen hat ansagen lassen. Die Münchner waren herzlich froh über die günstige Wendung, die die Sache nahm.

––––––––––

Nun aber leb wohl, lieber Papa. Empfange die herzlichsten Grüße, vor Allen an Dich, die Mama und an die Kleinendie auf Schloss Lenzburg lebenden jüngeren Geschwister Wedekinds: Erika, Emilie und Donald. von Deinem treuen Sohn Franklin.

Frank Wedekind schrieb am 21. Dezember 1885 in München folgenden Brief
an Emilie Wedekind , Friedrich Wilhelm Wedekind

Montag 21. December 1885.


Liebe Eltern,

empfanget meine herzlichsten Wünsche zu den bevorstehenden Feiertagen und dazu eine Kleinigkeit auf den Weihnachtstisch. Die beiden Klavierauszügevermutlich zu Opern von Mozart, aus denen Emilie Wedekind selbst früher Arien gesungen hatte; um welche es sich dabei handelte, ist nicht ermittelt. hab’ ich in einem musikalischen Antiquariat ausgewählt und ich hoffe, sie werden Dir, liebe Mama, eine schöne Erinnerung sein. Ein Pendant zu MozhartSchreibversehen, statt: Mozart. in der Musik ist wol Rafael in der Malerei und die Madonna della Sediahäufig reproduziertes Rundgemälde (1513/14) des italienischen Renaissancemalers Raffael da Urbino; es zeigt die sitzende Maria mit dem Christuskind auf dem Schoß, neben ihr Johannes als Knabe mit Kreuzstab., mit einigen Oblatenfarbige Glanzbilder zur Dekoration. auf einen weißen Carton geheftet, wird vielleicht, lieber Papa, einen bescheidenen Platz unter in Deiner | GallerieSchreibversehen, statt: Galerie. finden. – Für Deinen lieben Briefvgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind 1.12.1885; überliefert ist nur ein Briefzitat., l. Mama, bin ich Dir noch herzlichsten Dank schuldig. Verzeih mir, daß ich Dich so lange auf eine Antwort warten ließ. Aber ich kann doch nicht immer nur über allfällige(schweiz.) eventuelle, etwaige. Kunstgenüsse schreiben und im Übrigen sind mir die letzten zwei Monate ziemlich eintönig verlaufen. Meine alten Bekannten traf ich alle wieder recht wohl und gesund an und hab’ außerdem noch einige neue Bekanntschaften gemacht. Herr Dr. WeltiHeinrich Welti, ein Freund Armin Wedekinds aus der Aarauer Schulzeit, arbeitete als Theater-, Musik- und Literaturkritiker für die „Münchner Neuesten Nachrichten“ und hatte 1882 mit einem Kapitel aus seiner Arbeit zur „Geschichte des Sonettes in der deutschen Dichtung“ promoviert, die 1884 vollständig erschien. Er trat in der Folgezeit mit Ausgaben zu Ludwig Tieck und Jean Racine (1886) als Herausgeber und einer Biographie zu Christoph Willibald Gluck (1887) als Buchautor in Erscheinung. hat seine Theaterkritik an den Nagel gehängt und arbeitet nun mit allem Fleiße daran, sich einen Namen zu machen und eine sicheres Einkommen zu finden um dann seine geliebte Emiliedie Schweizer Opernsängerin Emilie Herzog, die seit 1880 an der Münchner Hofoper engagiert war. Heinrich Welti heiratete sie 1890. heimführen zu können. Ich selber habe ihm sehr vieles zu danken. Half er mir | doch mit liebevoller Geduld mich in dem großen Chaos von Eindrücken jeder Art hier in München mich zurechtzufinden, so daß ich jetzt auf jedem Gebiete der Kunst auf dem besten Wege zu einem gesunden Urtheil bin. –– Seitdem ich nicht mehr so viel ins Theater gehe ist mir meine Bude umso wöhnlicher geworden. Ich habe sie durch einige Photographien nach alten Meistern um vieles veredelt und fühle mich in ihren vier Wänden in Gesellschaft meiner Bücher nicht minder in einem geheiligten Tempel, als wenn ich im Parterre des Hoftheaters oder an eine Korinthische Säule gelehnt im ConcertsaalDer Konzertsaal im Odeon war links und rechts von doppelreihigen Kolonaden umgeben, im Parkett mit toskanischen, im Galeriegeschoß mit ionischen Säulen. stehe. Der Musik bin ich in letzter Zeit etwas mehr nachgelaufen, als letztes Jahr. So hört’ ich einige reizende Quartt/e/tteDen genannten Komponisten zufolge besuchte Wedekind von den drei Soiréen des Walter-Quartetts die erste am 3.11.1885 und die dritte am 15.12.1885 (s. u.). Am 3.11.1885 wurden von Joseph Haydn das D-Dur Quartett op. 20 Nr. 4, von Robert Schumann das a-Moll Quartett op. 41 Nr. 1 und von Ludwig van Beethoven das C-Dur Quartett, op. 59 Nr. 3 gespielt [vgl. Allgemeine Zeitung, Nr. 308, 6.11.1885, 2. Beilage, S. 2]. Ob Wedekind auch die zweite Soirée am 30.11.1885 besuchte, ist ungewiss; auf dem Programm standen dabei Ludwig van Beethovens Serenade D-Dur op. 8, Anton Dvořáks Quartett Es-Dur op. 51 und Franz Schuberts d-Moll-Quartett aus dem Nachlass [vgl. Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger, Jg. 38, Nr. 335, 1.12.1885, 1. Blatt, S. 3]. , ganz mit Virtuosen besetzt. Sie spielten Haydn, Bethohven, SchumanSchreibversehen, statt: Beethoven, Schumann. e. ct. Zu/In/ der | letzten derartigen Soiréeam 15.12.1885. Die Presse kündigte an: „Die HH. Benno Walter, Ziegler, Thoms und Wihan geben in Verbindung mit den HH. Karl Hieber, Ebner, Closner und Perles am Dienstag den 15. d. M. im großen Saale des Museums ihre dritte und letzte Quartett-Soirée mit folgendem Programm: Joseph Haydn, op. 64 Nr. 1, Quartett in D-dur; L. van Beethoven, op. 95, Quartett in F-moll; Ludwig Spohr, op. 65, Doppelquartett für zwei Violinen, zwei Bratschen und zwei Violoncells.“ [Allgemeine Zeitung, Nr. 345, 13.12.1885, 2. Beilage, S. 3] wurde ein Doppelquartett von Spohr aufgeführt. Ich war mit einem alten weißlockigen Professor vom Conservatoriumnicht identifiziert. dort, der eine reinzendeSchreibversehen, statt: reizende. blonde Tochternicht identifiziert. hat. Besonders das Andantegemeint ist der 3. Satz des Doppelquartetts, ein Larghetto. war so elegisch, so mährchenhaft, wie ich noch kein Musikstück gehört habe; es erinnerte mich an eine StelleWedekind verschmilzt hier verschiedene Schilderungen von Kindheitserinnerungen bei Heine. In den „Florentinischen Nächten“ heißt es: „Bilder aus der Kindheit zogen mir dämmernd durch den Sinn, ich dachte an das Schloß meiner Mutter, an den wüsten Garten dort, an die schöne Marmorstatue, die im grünen Grase lag…“ [Heinrich Heine: Sämmtliche Werke. Bd. 4: Novellistische Fragmente. Hamburg 1876, S. 189] Eine zweite Passage findet sich in „Die Stadt Lucca“: „Ich erinnere mich noch ganz genau jener kleinen Zeit, wo ich mich eines frühen Morgens von Hause wegstahl und nach dem Hofgarten eilte […] Ich aber setzte mich auf eine alte mosige Steinbank in der sogenannten Seufzerallee unfern des Wasserfalls […] Es war ein trüber Tag, häßliche Nebelwolken zogen dem grauen Himmel entlang, die gelben Blätter fielen schmerzlich von den Bäumen, schwere Thränentropfen hingen an den letzten Blumen, die gar traurig welk die sterbenden Köpfchen senkten, die Nachtigallen waren längst verschollen, von allen Seiten starrte mich an das Bild der Vergänglichkeit“ [Heinrich Heine: Reisebilder. 2.Teil. Hamburg 1876, S. 406-409] Und in „Die Götter im Exil“ findet sich eine analoge Passage: „Andre Säulen, darunter manche von rosigem Marmor, lägen gebrochen auf dem Boden, und das Gras wuchere über die kostbaren Knäufe […] vielfach zerstört von der Witterung oder überwachsen von Moos und Epheu.“ [Heinrich Heine: Sämmtliche Werke. Bd. 4. Deutschland II. Hamburg 1876, S. 187] aus Heines Reisebildern, wo der Verfasser in einem etwas verkommenen Park aus der Rococozeit spazieren geht; es ist trübes Wetter und im hohen feuchten Gras liegen, halb überwachsen, umgeworfene Marmorstatuen, denen Moos in den Augen grünt. Nach beendeter Soiree ließ mich Frl. Herzog fragen, warum ich sie denn fortwährend angesehn hätte. Sie hatte sich geirrt; meine Aufmerksamkeit galt der/m/ schönen Töchter|lein des Musikproffessors, der/ie/ in der nämlichen Richtung aber bedeutend weiter zurück im Saal Platz genommen hatte. Am Abend des Weihnachtstages höre ich eine Symphonie von BethovenDie Presse kündigte für den 25.12.1885 an: „(Die Musikalische Akademie) bringt in ihrem, am ersten Weihnachtstag – Freitag – im kgl. Odeon Abends 7 Uhr stattfindenden letzten Abonnements-Konzert folgendes Programm: Sinfonie Nr. 4 B-dur, op. 60 von Beethoven; [Nils Gades] Frühlingsfantasie op. 23 für vier Solostimmen, Pianoforte und Orchester, vorgetragen von Frl. Herzog und Blank, den Herrn Mikorey und Fuchs […]; Wald-Horn-Konzert Nr. 4, Es-dur von Mozart […] und der Huldigungsmarsch von Rich. Wagner.“ [Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger, Jg. 38, Nr. 357, 23.12.1885, 1. Blatt, S. 10], gewiß nicht die ungeeignetste Art, dieses Fest andächtig zu begehen.

Um den Glanz eines Weihnachtsbaumes zu genießen, werd ich mich auch dieses Jahr wieder im Geist in vergangene Zeiten der Kindheit oder in eine Gegenwart, wie sie zu Hause sich gestaltet, versetzen müssen. Mög euch a/A/llen auch der diesjährige Heilige Abend wieder recht viele goldene Freude bringen! Laßt euch im Geiste umarmen, Mieze, Doda und Du, liebes Mati; denket daran, das ihr nicht ewig jung und sorglos bleibet und danket unserm lieben, guten Papa aufs herzlichste dafür, daß | da er uns so herrliche Augenblicke, so sch glückliche Tage und so herrliche schöne Erinnerungen für’s ganze Leben bereitet. – Und nun lebt wohl, Alle zusammen; im Geiste bin ich bei euch und wünsche euch Gesundheit und frohen Sinn für die kommenden Tage und Glück und Zufriedenheit für alle Zeiten. Mit tausend Grüßen bin ich euer treuer DankbarerSchreibversehen, statt: dankbarer. Sohn und Bruder
Franklin.


Der schlechten Schrift wegen bitte ich um Verzeihung. Ich mußte mich beeilen, damit das Paket noch zu BahnSchreibversehen, statt: zur Bahn. kommt.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 23. Dezember 1885 in Lenzburg folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Friedrich Wilhelm Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 31.12.1885 aus Schloss Lenzburg:]


Meine Weihnachts-Geldsendung und mein Paquet wirst Du erhalten haben.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 31. Dezember 1885 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Schloß Lenzburg, 31. December 1885.


Mein lieber Bebifamilieninterner Kosename für Frank Wedekind.!

Zunächst entbiete ich Dir meinen innigsten, aufrichtigsten und väterlichsten Glückwunsch zum Neuen Jahr und hoffe, daß Du dasselbe froh, munter und gesund und mit den besten Vorsätzen in Betreff Deiner Zukunft antreten wirst. Nachdem Dein FußleidenWedekind hatte sich am 3.8.1885 eine Rotlaufinfektion am linken Unterschenkel zugezogen, die längere Zeit im Krankenhaus behandelt werden musste. Er unterrichtete seinen Vater darüber erstmals Mitte August [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885]. nun wohl vollkommen geheilt sein wird und keine nachtheiligen Folgen davon mehr zu befürchten sind, möchte ich Dich nur noch auf den Zustand Deiner Zähne aufmerksam machen, denn alle meine Wünsche für Dein zukünftiges Wohlbefinden nützen nichts, wenn Du selbst nicht auch die nöthige Sorge trägst, Deine Gesundheit zu erhalten. Und da möchte ich Dir einen guten Rath geben, nämlich einen zuverlässigen Arzt oder Apotheker zu consultiren, damit er Dir ein Mundwasser verschreibt oder gibt, das der Zahnkaries so viel als möglich Einhalt thut, und womit Du etwa dreimal täglich, namentlich nach dem Essen, den Mund ausspülst. Wie Du weißt existiren bei jedem Menschen in der Mundhöhle, vorzugsweise am Zahnfleisch und in etwaigen hohlen Zähnen eine ganze Menge von Pilzen und die müssen vertilgt oder wenigstens auf ein Minimum reducirt werden, will man nicht den gänzlichen Verlust seiner Zähne riskiren. So oft ich mich rasire, wasche ich den mit Seifenschaum getränkten Pinsel in meinem Glas Mundwasser aus, gieße einige Tropfen Brantwein hinzu und spüle mir dann damit den Mund aus. Es ist dies außerordentlich erfrischend, beseitigt nicht nur die meisten gewöhnlichen Mund-Unreinigkeiten und schwemmt viele Bakterien mit hinweg, sondern tötet vielleicht auch diejenigen, welche sich in den Vertiefungen der Zähne festgesetzt haben. Bis Du ein besseres Mundwasser hast, mache Dir selbst ein solches, indem Du in einem Schoppen Brantwein etwa ein Nußgroßes Stück Seife, welches Du aber vorher mit dem Messer dünn schaben mußt, auflösest, dann in eine keineSchreibversehen, statt: kleine. Flasche thust und von diesem Seifenspiritus jeden Morgen, oder auch mehrere Male am Tage, etwa einen halben Theelöffel voll in Dein Mundwasser tropfest und sodann den Mund damit ausspülst. Was die Seife im Munde nicht auflöst und beseitigt, das thut der Spiritus und weil erstere doch auch Kali enthält, so dient dies Mundwasser theilweise auch | zur Beseitigung der Dir angebornen Säure im Mund und Magen. Es versteht sich von selbst, daß vor dem Gebrauch, also dem Eintröpfeln in das Glas Wasser, Du diesen Seifen-Brantwein immer gehörig in der Flasche schütteln mußt, damit sich Seife und Brantwein um so inniger mischen. Du wirst mich entschuldigen, wenn ich gleich nach meinenSchreibversehen, statt: meinem. Neujahrswunsche mit Recepten für Erhaltung Deiner Zähne komme, aber wenn ich wie heute, wie an d/D/einer Geschwister so auch an Deine Zukunft und Euer Wohlergehen denke, so ist nichts natürlicher, als daß ich auch auf dessen Erhaltung bedacht bin. Es sollte mir nämlich unendlich leidthun, wenn Du durch den allmähligen Verlust Deiner Zähne auch allmählig Deine bis jetzt nicht nur ganz tadellose, sondern sogar sehr schöne Aussprache einbüßen solltest, auf welche wir alle stolz sind und die von Vielen gerühmt wird, und welche vorzugsweise dazu dienen muß, Dir demnächst im Leben mit fortzuhelfen; das bedenke, lieber Bebi. – Besten Dank für d. schöne Weihnachtsbescheerung, womit Du mich bedacht hast, ich werde das Bildeine Reproduktion des Rundgemäldes der „Madonna della Sedia“ von Raffael [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm und Emilie Wedekind, 21.12.1885]. hoch ehren und baldigst mit Glas und Rahmen versehen; Appenzeller in Zürichdie Kunst- und Schreibmaterialienhandlung von Heinrich Appenzeller in Zürich (Rathausplatz 26) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich für 1886, Teil I, S. 19]. hat solche italienischen photographischen Reproductionen hervorragender Gemälde öfters im Fenster und jedesmal betrachte ich sie mit besonderm Interesse. Weil Du Dich nun aber mit diesem und dem andern für Mama bestimmten GeschenkKlavierauszüge, vermutlich zu Opern von Mozart [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm und Emilie Wedekind, 21.12.1885]. in Unkosten gesetzt hast, so halte ich es für meine Pflicht, Dir solche zu remboursirenzu begleichen, zurückzuerstatten. und lege Deinem heutigen Monatsgeld von fr. 150 noch weitere fr. 12 bei. Es erfolgen demnach hier anliegend in Couvert:
1, 3 bayerische Staatsobl. Couponsdie Zinszahlungen aus festverzinsten Staatsanleihen. pro(lat.) für. 1. Juli 85 und zwar Ser. 1628; No 40677; Ser.
1707, No 42653 u Ser. 1991, No 49755 à M 40 = . .    .    .    .    .    M. 120.

2, 1 preuß. Staatsobl. Coupon pro 2 Jan. 1886; No 300574 à . . . . . .  "    10
                                                                                                             M 130. .

welche Du schon übermorgen einlösen kannst, und zwar die bayerischen bei irgend einer Staatskasse, den preußischen aber bei einem Bankier. Thue das aber sofort, damit mitSchreibversehen, statt: damit. Du nicht so leicht diese Coupons, die doch so klein sind, verlierst.

Mama und die Anderen werden Dir wohl alle Neuigkeiten von hier mitgetheilt habenüberliefert sind Briefe der Mutter und von Wedekinds Schwester Emilie (Mati) [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind 23.12.1885 und 30.12.1885; Emilie (Mati) Wedekind an Frank Wedekind, 19.12.1885 und 31.12.1885]., deshalb beschränke ich, zumal ich am Jahresschluß noch viel anderes zu schreiben habe, mich auf diesen halben Bogen und rufe Dir nur nochmals ein herzliches Glückauf zum Neuen Jahr zu.

Dein immerfort treuer Papa


NB. Ich meinte oben ein Wallnuß großes Stück Seife, denn die Flüssigkeit muß ziemlich consistent sein. Meine Weihnachts-GeldsendungHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 23.12.1885. und mein Paquet wirst Du erhalten haben.

Frank Wedekind schrieb am 25. Januar 1886 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

I. Januar 86.


Lieber Papa,

verzeih, daß ich Dir so spät auf deinen freundlichen Neujahrsbriefvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 31.12.1885. antworte und für die liebe Weinachtsbescheerung danke. Bald nach Neujahr bekam ich nähmlich wahrscheinlich in Folge des starken Wetterwechsels ein sehr hartnäckiges Zahnweh, das mich vierzehn Tage lang nicht verließ, obschon ich fast jeden dritten Tag zum Zahnarztnicht ermittelt. ging. Zuweilen hatt’ ich auch Ohrenreißen und Rheumatismus nur in der ganzen linken Kopfhälfte bis sich die Erkältung endlich auf eine Wurzelentzündung conzentrirte und ich | mir durch Zahnausreißen Ruhe verschaffen konnte. Nachher hatt’ ich noch dies und jenes N/n/achzuholen, wo zu allerdings auch in erster Linie eine Antwort auf Deinen freundlichen Brief gehört hätte, für den ich Dir, lieber Papa, meinen wärmsten Dank sage. Das Mittel zur Conservirung meiner Zähne hab’ ich mir nach Deiner Anweisungvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 31.12.1885. selber bereitet und hoffe davon den besten Erfolg. Die fünfundzwanzig Markwohl „die Weihnachts-Geldsendung“ [Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 31.12.1885]. hab’ ich aufs beste verwendenSchreibversehen, statt: verwendet.. Unter anderem kauft’ ich mir auch zwei BilderDie hier im Folgenden genannten Künstler – Michelangelo, Tizian und Rubens – zählten, neben Hans Makart, auch später zu Wedekinds besonders geschätzten Kunstrichtungen, wie er in einem Fragebogen Maximilian Hardens angab [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 10.9.1913]. davon, um meine Stube zu schmücken; das eine La bella di TizianoDas Frauenporträt Tizians von 1536 zeigt eine unbekannte Frau im blauen Kleid, heute im Palazzo Pitti in Florenz. das andere den Moses von Michel AngeloMichelangelos monumentale Moses-Statue (1512 bis 1515) steht in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom auf dem Grab von Papst Julius II.. Auch für die beiden PhotographienEine der beiden Photographien zeigte offenbar das in der Königlichen Gemälde-Galerie Dresden befindliche Bild „Das Weltgericht (jüngstes Gericht)“ [Wilhelm Schäfer: Führer in der Königlichen Gemälde-Gallerie zu Dresden. 2. Aufl. Dresden o. J. (1869), S. 107] von Peter Paul Rubens, eine „Meisterskizze von hohem Werte [...] Nach seiner Gewohnheit, oft mehrere Farbenskizzen zu einem Bilde zu fertigen, hat er auch dieses Sujet zwei Male skizzirt, die zweite Skizze ist jetzt in der münchener Pinakothek, wo auch die Ausführung, die aber von Diepenbeek gemalt und von Rubens blos retouchirt zu sein scheint, sich befindet.“ [Ebd.] Das Motiv der zweiten Photographie ist nicht ermittelt., von Rubens meinen besten Dank. Sie sind zwar beide aus der Dresdener Gallerie, aber DennochSchreibversehen, statt: dennoch. kenne ich das eine Original sehr gut, da eine vergrößerte Copie | des jüngsten Gerichtesdas Ölgemälde „Das Große Jüngste Gericht“ (1617) von Peter Paul Rubens in der Alten Pinakothek in München. von Rubens selber in der hiesigen alten Pinakotek hängt. Am Weihnachtsabend hatt’ ich einige gute Freunde zu einer Punschbowle und zu den Güzis(schweiz.) Plätzchen, Süßigkeiten. von Mama auf meine Bude geladen. Wir waren sehr vergnügt bis gegen Mitternacht und gingen dann zusammen in die Hofkirche wo eine wunderschöne Mozartsche MesseDas in der Presse angekündigte Programm für Heilig Abend lautete: „In der heil. Christnacht findet in der Allerheiligen-Hofkirche Nachts Christmette statt. Bei dem darauffolgenden, um Mitternacht beginnenden feierlichen Hochamt bringt die königliche Hofcapelle unter Direction des kgl. Hofcapellmeisters Professors Joseph Rheinberger eine Messe in Es für Frauenstimmen, Harfe, Orgel, Violoncell und Contrabaß von Kaspar Aiblinger, Graduale ‚Puer natus‘ von Joseph Rheinberger, Offertorium ‚O salutaris hostias‘ von Caspar Aiblinger zur Aufführung.“ Eine Mozart-Messe wurde erst am 26.12.1885 gegeben: „Am St. Stephanstag, Vormittag 11 Uhr: Messe in D für Soli, Chor und Orchester, von W. A. Mozart“ [Allgemeine Zeitung, Nr. 356, 24.12.1885, 2. Beilage, S. 2]. aufgeführt wurde. Am folgenden Abend, den 25. besucht’ ich das letzte AbonnementsconcertDie Presse kündigte an: „(Die Musikalische Akademie) bringt in ihrem, zum ersten Weihnachtstag – Freitag – im kgl. Odeon Abends 7 Uhr stattfindenden letzten Abonnements-Konzert folgendes Programm: Sinfonie Nr. 4 B-Dur, op. 60 von Beethoven; Frühlingsfantasie op. 23 für vier Solostimmen, Pianoforte und Orchester, vorgetragen von Frl. Herzog und Blank, den Herren Mikorey und Fuchs, Klavier: Professor Giehrl; Wald-Horn-Konzert Nr. 4, Es-dur von Mozart (Herr Kammermusiker Reiter) und Huldigungsmarsch von Rich. Wagner.“ [Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger, Jg. 38, Nr. 357, 23.12.1885, 1. Blatt, S. 10] denn von Neujahr an bis Ende der FastenSchreibversehen, statt: Ende der Fastenzeit. werden hier keine F/C/oncerte mehr abgehalten.

Seit ungefähr vierzehn Tagen herrscht hier wieder eine ganz annehmbare KälteDauerfrost herrschte den Wetterberichten in den Zeitungen zufolge in München spätestens ab dem 12.1.1886.. Man kann Schlittschuhlaufen und Schlittenfahren und ist vor Erkältungen sicherer als zuvor. Diese Woche besuchte mich Leopold FröhlichLeopold Frölich aus Brugg, ein ehemaliger Mitschüler Armin Wedekinds, machte 1881 das Abitur an der Kantonsschule Aarau und studierte anschließend Medizin in Genf und wurde Psychiater. von Brugg der auf der Durchreise nach Berlin die hiesigen Kliniken | besichtigen wollte. An einem freien Nachmittage begleitete ich ihn dann in die Irrenklinik, was mir um so interessanter war, da sich L. F. speciell mit Psychiatrie beschäftigt und mir vieles zu erklären wußte. In’s Theater bin ich in letzter Zeit sehr wenig gekommen, da nichts Neues von Bedeutung gegeben wurde. Mati schreibt mirvgl. Emilie (Mati) Wedekind und Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 20.1.1886. Die dort erwähnte Sorge des Vaters um Frank Wedekinds Gesundheit findet sich allerdings in der Briefpassage der Mutter. in ihrem letzten lieben Briefe, Du seist um meine krank gewesenes BeinWedekind hatte sich am 3.8.1885 eine Rotlaufinfektion am linken Unterschenkel zugezogen, die längere Zeit im Krankenhaus behandelt werden musste. Er unterrichtete seinen Vater darüber erstmals Mitte August [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885]. in Besorgniß. Ich danke Dir, lieber Papa; M mein Bein verhält sich sehr gut und auch sonst bin ich gesund und wohl. Mit der Hoffnung dieser Zeilen mögen Dich ebentsoSchreibversehen, statt: ebenso. wohl auch antreffen bin ich Dein treuer Sohn
Franklin.


P. S. Die 130 M. hab ich richtig erhaltenWedekinds Mutter hatte ihn zuletzt aufgefordert, dem Vater den Eingang des Geldes zu bestätigen [vgl. Emilie (Mati) Wedekind und Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 20.1.1886], das er seiner Silvesterpost beigelegt hatte [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 31.12.1885].. Besten Dank dafür!

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 31. Januar 1886 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Schloß Lenzburg, 31. Januar 1886.


Lieber Bebiinnerfamiliärer Kosename Frank Wedekinds.!

Anbei erfolgt ein CouvertDas beiliegende Kuvert ist nicht überliefert. mit drei Stück bayerischen Staatsschulden-Couponsdie Zinszahlungen aus festverzinsten Staatsanleihen., die schon am letzten 1. Juli fällig waren, von je M 40, nämlich Ser. 1991; No 49756; 49757 und 49758, also im Ganzen M 120 oder Fr. 150, die Du am besten sofort bei einer dortigen kgl. Casse in Markscheine umwechseln wirst, um damit Deine Ausgaben im Februar zu bestreiten.

Deinen l. Brief vom 25.vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 25.1.1886. Vermutlich nennt Wedekinds Vater hier das Datum des Postausgangsstempels, zugleich das wahrscheinliche Schreibdatum, da der Brief kein Tagesdatum trägt. d. habe ich erhalten und mit Interesse gelesen und nur bedauert, daß Deine Zähne Dir wieder soviel haben zu schaffen machen. Mir scheint Du sitzest zu viel im Hause und machst Dir zu wenig Bewegung oder erkältest Dir die Füße im nassen Schnee, welch’ letzteres die häufigste Ursache von Zahnweh ist. In einer der letzten Nummern der Leipziger Illustr. Zeitung sah ich drei AbbildungenDie beschriebenen Abbildungen ließen sich in der „Illustrirten Zeitung“ aus Leipzig nicht nachweisen, finden sich aber in der Wochenschrift „Ueber Land und Meer. Allgemeine Illustrierte Zeitschrift“, die in Stuttgart erschien. Die einseitige Abbildung ist in drei Bereiche untergliedert und trägt den Titel: „Münchens Eisbahnen. Originalzeichnung von G. Franz“, die Bildbereiche sind erläutert als: „1. Badenburg im Nymphenburger Schloßgarten; Schlittschuhbahn der Prinzen und Prinzessinnen etc. – 2. Kleinhessloher See im englischen Garten. – 3. Künstliche Eisbahn am Isarquai.“ [Ueber Land und Meer, Jg. 28. Bd. 55, Nr. 17 (24.1.1886), S. 380] von Münchener Eisbahnen: im Schloßgarten von Nymphenburg, dann in der Nähe der Isar und zuletzt auf einem Punkte inmitten der StadtIn dem zu der Abbildung gehörenden Text heißt es dazu: „Weniger aristokratisch ist seiner Anlage nach die Wörleinsche Eisbahn nächst der Isar, welche in der bessern Jahreszeit von den Radfahrern als Uebungsplatz und zu Wettfahrten benützt wird. Ihr ist auf unserem Bilde der weitaus größte Raum gewidmet und sie erfreut sich bei den in den südlichen Stadtteilen wohnenden Schlittschuhfahrern großer Beliebtheit.“ [Ueber Land und Meer, Jg. 28. Bd. 55, Nr. 17 (24.1.1886), S. 371] Die Wörleinsche Eisbahn befand sich in der Auenstraße bei der Wittelsbacherbrücke [vgl. Bayerischer Landbote, Jg. 57, Nr. 213, 21.9.1881, S. (3)]., anscheinend auf einer künstlichen Eisbahn. Auf letzterer tummelten sich die meisten Läufer herum, aber vergebens habe ich darunter nach Dir gesucht. Eine solche MotionBewegung. und Dein JägerhemdReformkleidung zum Unterziehen oder als Oberbekleidung, die nach den Ideen Gustav Jägers nur aus Wolle bestehen durfte. sollten Dich doch vor allen Anfechtungen seitens der winterlichen Witterung schützen. Schon in der ersten Woche d. Jahres hatten wir einigen Schnee, den aber schon nach zwei Tagen ein anhaltender Regensturm wieder fortspülte, seit dem 8. Januar aber bedeckt eine beträchtliche Schneedecke überall Berg und Thal, so daß man in den letzten Wochen fast nur noch Schlitten herumfahren sah. Mit Ausnahme von einer oder der andern Nacht, in welcher das Thermometer mal auf 6 – 7° Kälte fiel, stand dasselbe in der letzten Zeit nachts etwas unter und tags etwas über Null, bis zu 1 – 2 Grad, so daß wir am Tage, namentlich an sonnigen Stellen und unten in der Stadt im quatschigen Schnee herumwaten, dagegen frühmorgens vor den vielen mit Glatteis bedeckten Stellen auf unserer Hut sein müssen. | Eine rechte, andauernde Eisbahn ist diesen Winter gar nicht aufgekommen; bis Neujahr hatten wir kaum Frost u seitdem fror das Wasser nur ganz langsam, bedeckte sich das Eis mit Schnee oder überlief in der mittägigen Wärme gleich wieder mit Wasser. Solcher Weise war man hier nur 3 bis 4 Tage auf dem Eisweiher. – Gleich nach Neujahr fing ich an, ein InventarVon den Inventaren Friedrich Wilhelm Wedekinds überliefert ist der in Lenzburg ohne Jahresangabe erschienene „Gesammt-Katalog der Kunst- und Antiquitäten-Sammlungen von Dr. Fr. Wedekind auf Schloss Lenzburg (Ct. Aargau, Schweiz)“, klassifiziert nach I. Gemälde, II. Miniaturen, Glasbilder und Medaillons, III. Kupferstiche, Handzeichnungen, Aquarelle etc., IV. Elfenbein-, Holz- und Steinschnitzereien, V. Pfahlbauten- und römische Funde, Sonstige Antiquitäten auf insgesamt 15 Druckseiten. Das Bücherverzeichnis ist verschollen. von den Sachen von Dauer zu machen, die ich während der dreizehn Jahre unseres HierseinsFriedrich Wilhelm Wedekind hatte am 1.9.1872 Schloss Lenzburg gekauft und war am 20.9.1872 mit seiner Familie dort eingezogen [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 273]. gekauft, um neben dem alten, bei unserer Ankunft hier angefertigten, ein zweites zu haben, damit sie mir jeder Zeit zu Dienste stehen. Ebenso verfaßte ich auch einen Catalog der hier gekauften Bücher und habe beide Arbeiten gestern beendet. Fehlt nur noch der Münz-Catalog, der aber mehr Zeit beanspruchen wird. – Vorgesternam 29.1.1886. war ich in Zürich und feierte mit Hammi seinen 23sten Geburtstag, indem wir mittags im „ZimmerleutenDas Café Restaurant Zimmerleuten (Rathausquai 10) [vgl. Adreßbuch der Stadt Zürich 1886, Teil I, S. 338] im Zunfthaus zur Zimmerleuten. und abends im Bahnhof einige Stunden gemüthlich beisammen saßen. Von Vdem, was verschiedene Eurer Schulkameraden machen, wird dir der Dr. L. FröhlichLeopold Frölich aus Brugg, ein ehemaliger Mitschüler Armin Wedekinds, machte 1881 das Abitur an der Kantonsschule Aarau und studierte anschließend Medizin in Genf und wurde Psychiater. Er hatte Frank Wedekind kurz zuvor in München besucht [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 25.1.1886]. wohl erzählt haben. Gestern vor acht Tagenam Samstag, den 23.1.1886. war in Aarau das SchülerfestÜber den „Kantonsschüler-Abend“ berichtete die Presse: „Am letzten Samstag Abend ½ 8 Uhr vereinigte der geräumige Festsaal die Zöglinge der Kantonsschule und des Lehrerinnenseminars nebst der Großzahl des Lehrpersonals. Auch ein weiteres Publikum hatte Zutritt und hatte sich ziemlich zahlreich eingefunden. […] Der von einem Schüler ebenso schön verfaßte als vorgetragene Prolog erntete rauschenden Applaus, sowie auch alle übrigen Leistungen des Abends“ [Aargauer Nachrichten, Jg. 32, Nr. 20, 25.1.1886, S. (2)]. Das Programm des Abends war zuvor in der Presse annonciert worden [vgl. Aargauer Nachrichten, Jg. 32, Nr. 17, 21.1.1886, S. (4)]. Es war die dritte Veranstaltung dieser Art, bei der ersten im Jahr 1884 hatte Frank Wedekind den Prolog gehalten [vgl. Sauerländers Verlagsbuchhandlung an Wedekind, 13.2.1884]., bei welchem BlattnerHermann Blattner aus Brugg beuchte die Abschlussklasse des Aargauer Gymnasiums; Auszüge seines Prologs sind abgedruckt bei Hans Kaeslin: Schülerabend-Prologe. In: Aargauer Neujahrsblätter, Jg. 18, 1944, S. 31-32. aus Brugg einen sehr gelungenen Prolog sprach und Mieze den ersten Concerterfolg hatte, indem es in einer Recensiondie Zeitung ist in Deutschland archivalisch nicht verfügbar. des Aarauer Tagblattes, unterzeichnet A. N. (Nickle)Arnold Niggli, Stadtschreiber Aaraus und Musikkritiker. hieß: „und da ertönte aus dem Chor (in Gluck’s OrpheusErika Wedekind trat demnach zu dem Programmpunkt 7 der „Musikalisch-deklamatorischen Abend-Unterhaltung der Kantonsschüler“ auf: „Chöre und Soli aus Orpheus, von Gluck“ [Aargauer Nachrichten, Jg. 32, Nr. 17, 21.1.1886, S. (4)].) eine liebliche Stimme voll Wohllaut und Kraft, welche, wenn sie gehörig gehandhabt wird, später von sich hören machen wird.“ – Heute Nachmittag singt die Frau JoachimDie Opernsängerin Amalie Joachim, geb. Schneeweiß, bis 1884 verheiratet mit dem Geiger Joseph Joachim, trat regelmäßig als Konzert- und Liedersängerin auf. in einem Concertam 31.1.1886 um 15.30 Uhr im Musiksaal in Aarau gemeinsam mit der königlich sächsischen Kammervirtuosin Laura Rappoldi aus Dresden am Klavier; auf dem Programm standen Lieder von Schumann, Schubert, Brahms, Weber und Bohm sowie Klavierstücke von Mendelssohn, Henselt, Scarlatti, Drobisch, Liszt und Chopin [vgl. Aargauer Nachrichten, Jg. 32, Nr. 25, 30.1.1886, S. (4)]. Die Presse resümierte: „Das Conzert der Frau Joachim und Frau Rappoldi muß ohne Zweifel zu den bedeutendsten Erscheinungen und zu den unvergeßbaren Genüssen des hiesigen Konzertlebens gezählt werden.“ [Aargauer Nachrichten, Jg. 32, Nr. 27, 2.2.1886, S. (2)] im Aarauer Saalbau, welchem Mama und Mieze beiwohnen werden. – H. Landolt NiggDer Fabrikant und Sänger Karl Friedrich Landolt-Nigg war vier Jahre im Stadtrat von Aarau vertreten und hatte sich u. a. für den Festsaalbau und die Errichtung einer neuen Orgel eingesetzt. Er hat für „den Orgelbaufonds […] 5000 Fr., für den Saalbau 3000 Fr.“ persönlich beigesteuert. „ohne triftige Gründe und zur allgemeinen Verblüffung der Einwohnerschaft wurde Landolt bei der periodischen Neuwahl des Gemeinderathes bei 200 Stimmen Minderheit übergangen und nicht mehr in denselben gewählt.“ [Franz August Stocker: Karl Friedrich Landolt von Aarau. Ein Lebensbild. Basel 1887, S. 108] Der Fabrikant und Sänger Karl Friedrich Landolt-Nigg war vier Jahre im Stadtrat von Aarau vertreten und hatte sich u. a. für den Festsaalbau und die Errichtung einer neuen Orgel eingesetzt. Er hat für „den Orgelbaufonds […] 5000 Fr., für den Saalbau 3000 Fr.“ persönlich beigesteuert. „ohne triftige Gründe und zur allgemeinen Verblüffung der Einwohnerschaft wurde Landolt bei der periodischen Neuwahl des Gemeinderathes bei 200 Stimmen Minderheit übergangen und nicht mehr in denselben gewählt.“ [Franz August Stocker: Karl Friedrich Landolt von Aarau. Ein Lebensbild. Basel 1887, S. 108] singt nicht mehr, seitdem die Aarauer ihn nicht mehr zum Stadtrath gewählt haben, während er doch fr. 5000 zum SaalbauDer Festsaal des am 16.12.1883 eröffneten Saalbaus in Aarau fasste 650 Sitzplätze und 150 Plätze auf dem Podium, der kleine Saal 400 Sitzplätze [vgl. Oskar Bucher: 100 Jahre städtischer Saalbau Aarau. In: Aarauer Neujahrsblätter, Jg. 58, 1984, S. 24]. geschenkt und noch viel mehr dafür gesammelt hat; dagegen ist er seit zwei Monaten wieder verheirathetNach seiner Ehe mit Reine Nigg (seit 16.7.1855), die am 16.10.1883 gestorben war, heiratete Karl Friedrich Landolt am 24.11.1885 die verwitwete Barbara Salomea (Selma) Hirzel (geb. Thommen). mit einer ältern DameBarbara Salome (Selma) Thommen ging 1877 gemeinsam mit ihrer älteren Schwester nach Buenos Aires und heiratete dort am 8.7.1880 den Winterthurer Kaufmann Heinrich August Albert Hirzel, der am 28.10.1883 verstarb. Selma Hirzel war bereits am 11.5.1883 in die Schweiz zurückgekehrt [vgl. Franz August Stocker: Karl Friedrich Landolt von Aarau. Ein Lebensbild. Basel 1887, S. 180-182]., die 6 Jahre in Buenos-ayres war. – Willi wird noch etwa 2 Monate in SaronnoWilliam Wedekind besuchte seit Oktober 1885 das Institut von Prof. Giovanni Battista Torretta im italienischen Saronno: „In demselben wird jungen In- und Ausländern kaufmännischer und technischer Unterricht ertheilt. Nach gegenseitiger Uebereinkunft wird den jungen Leuten auch praktischer Unterricht in der italienischen, deutschen, französischen, russischen und englischen Sprache ertheilt. Außerdem steht das Institut im Rufe einer vorzüglichen Pension […] Prof. Dr. G. B. Torretta. Pensionspreis, Alles inbegriffen, monatlich Fr. 90.“ [Der Bund, Jg. 32, Nr. 227, 18.8.1881, S. (8)]. Später firmierte die Schule nur mehr als „Internationales Unterrichts-Institut Torretta, Saronno bei Mailand (in der Nähe der Eisenbahnstation), für Ausländer, welche die italienische Sprache in wenigen Monaten lernen wollen.“ [Der Bund, Jg. 39, Nr. 245, 4.9.1888, S. (6)] bleiben und hoffentlich dann irgendwo eine Stelle finden. Gelegentlich forsche doch mal nach dem Photographen Karl StürenburgDr. phil. Dietrich Karl Stürenburg besaß eine photographische Kunstanstalt in der Lindwurmstraße 69 in München [vgl. Adreßbuch von München 1886, Teil I, S. 523], „die er 1874 von dem Photographen und Chemiker Conrad Palm übernommen hatte. [...] Wilhelm Wedekind kannte die in Aurich bzw. Esens ansässige Stammfamilie Stürenburg.“ [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 93], der wahrscheinlich mit einem andern dort associiert ist; brauchst ihn nicht gleich zu besuchen, sondern schaue erst mal nach was er macht. Vergiß auch meinen Gruß nicht an den alten Professor Moritz WagnerDer Naturforscher Moritz Wagner (Maximilianstraße 21, 1. Stock links) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1885, Teil I, S. 548] war seit 1862 Honorarprofessor für Ethnographie und Geographie an der Universität München und Direktor der ethnographischen Sammlungen. Friedrich Wilhelm Wedekind hatte ihn während seines Türkeiaufenthalts am 1.10.1843 in Samsun kennengelernt [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301].. Mit den besten Grüßen von uns allen, die wir uns ganz wohl befinden, ruft Dir ein freundliches „Gehab Dich wohl“ zu
Dein treuer Papa

Frank Wedekind schrieb am 20. Februar 1886 in München folgendes Briefgedicht
an Friedrich Wilhelm Wedekind

UNSERM LIEBEN VATER

DR.. F. W. WEDEKIND


zum siebzigsten Geburtstage
DEN 21. FEBR. 1886.


seine SöhneWie aus dem Briefwechsel mit seinen Brüdern Armin und William hervorgeht, war Frank Wedekind der alleinige Verfasser des Briefgedichts, an dem er seit Anfang Februar arbeitete [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 1.2.1886]. Am Geburtstag des Vaters trug Armin Wedekind das Gedicht auf Schloss Lenzburg vor [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 25.2.1886].:
A. Wedekind.
B. Franklin
William. L. |


Innig geliebter Vater!


Heut schlug ein Ehrentag, ein Tag der Freude,
Die dunkeln Wimpern auf zum Sonnenlicht;
Er steht geschmückt im festlichen Sonntagskleide,
Lieb’ und Verehrung im leuchtenden Angesicht.
Und wir begrüßen ihn mit herzlichem Frohlocken,
Von unsern Lippen tönt der Weihgesang;
Und tief im Städtchen unten die Kirchenglockender 21.2.1886 war ein Sonntag.
Begleiten uns mit mächtigem Feierklang.


Denn siebzig Mal erneute sich der Lauf
Des vollen Jahr’s mit seinen bunten Gaben,
Denn siebzig holde Lenze blühten auf,
Und siebzig Herbste hat der Schnee begraben,
Seit sich dein Aug’, o Vater, dem Licht erschloß,
Seit Du begonnen hast in edlem Streben.
Heut’ blickst als Sieger Du auf ein reiches Leben,
Das stürmisch wogend an Dir vorüber floß. |


Und aufrecht in der Würde Deiner Jahre,
Noch immer kraftvoll thätig ohne Rast,
Trägst Du den heil’gen Schmuck der weißen Haare
Und der DecennienJahrzehnte. hochgethürmte Last.
Und Deine Kinder blicken mit frommen Gebärden
Empor an ihres Vaters hehrem Bild;
In Thun und Wandel einst ihm gleich zu werden,
Das ist der Stolz, der ihre Brust erfüllt. ––


Früh zogst hinaus du in die Weite
Mit frischem Muth und freiem Sinn;
Und treulich gab dir das Geleite
Die Kunst, die edle Helferin.


Viel fremde Länder, fremde Sitten
Hast Du gesehn auf langer Fahrt.
Oft wandelte dein Fuß inmitten
Von Heidenzeit und Gegenwart.


Nun blickst du von erhab’ner Warte
Weit über Welt und Jahre hin,
Und über Deines Glücks Standarte
Siehst du die ewgen Sterne ziehn.


Verklärt erscheinet dir das Leben,
Das du ergriffen kühn und t jung;
Und längst entschwund’ne Bilder schweben
In traulicher ErinnerungWedekind dürfte die Vita des Vaters aus dessen Erzählungen gekannt haben und rekonstruierte sie hier für das Briefgedicht aus dem Gedächtnis, wie er später schrieb [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 26.2.1886].. |


Die naht sich nun auf leichten Schwingen
Mit zaubervollem Lautenklang
Und hebt begeistert an zu singen
Von deinem ganzen Lebensgang:


Viel freie Geister hatten schon gesprochen,
Als ein Jahrhundert in die Grube sank,
Als noch der Despotismus nicht gebrochen,
Der siech das Blut aus tausend Herzen trank.
Schwer lagen noch die Ketten auf dem Volke,
Groll und Entrüstung wälzten sich zu Hauf,
Am Horizont stieg die GewitterwolkeSinnbild der Französischen Revolution.,
Ein Blitz – und alles ging in Flammen auf.


Da scholl von Westen her durch alle Lande
Der Weckruf, der in jede Seele drang:
Zerbrich, o Menschheit, die verhaßten Bande!
Zertritt den alten morsch geword’nen Zwang!
Dies Flammenwort befeuerte Millionen
Verzweifelter zu wilder Kampfbegier,
Und auf den Trümmern von zerschellten Thronen
Hob sich der Freiheit leuchtendes PanierBanner, Fahne..


Umstrahlt vom Glanze seines hehren Lichts,
Ein Bringergemeint ist Napoleon Bonaparte, der die Ideen der Französischen Revolution in Europa verbreitete. längstvergeßner MenschenrechteDie Französische Nationalversammlung verabschiedete am 26.8.1789 die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte.,
So zog der Racheengel des Gerichts
Im Siegeslauf durch Schlachten und Gefechte. |
Und Jung und Alt, durchglüht von Dankbarkeit,
Folgt dem Erob’rer durch Europas Grenzen,
Das neue Schwert dem neuen Kampf geweiht,
Die Stirn’ des großen Völkerherrn zu kränzen. ––


Weh ihm, daß auf dem Gipfel seines Glückes
Der Siegestaumel seinen Geist berauscht,
Daß er das Amt als Rächer des Geschickes
Mit des Tyrannen Scepterstab vertauscht;
Daß er, vergessend seiner ed’len Sendung,
Erneute Fesseln um die Völker wand. ––
Er ward gestürzt vor seines Werks Vollendung,
Gebrochen, in die Einsamkeit gebanntNapoleon verbrachte vom 3.5.1814 bis zum 1.3.1815 im Exil auf der Insel Elba..


Noch einmalgemeint ist die Herrschaft der Hundert Tage (vom 1.3. bis 22.6.1815) nach Napoleons Rückkehr aus dem Exil bis zur Schlacht von Waterloo. zwar erhob der stolze AarAdler [vgl. DWB 1, Sp. 5].
Zum Siegesfluge die gestärkten Schwingen.
Noch einmal zog die kampfbewährte Schaar
Durch Meer und Land zu n/he/ißem Todesringen;
Bei WaterlooDorf 15 Kilometer südlich von Brüssel, bei dem am 18.6.1815 Napoleons Armee von den Briten und Preußen vernichtend geschlagen wurde., bei TolentinoIn der Nähe der italienischen Stadt Tolentino fand am 2. und 3.5.1815 die entscheidende Schlacht zwischen Österreich und dem napoleonischen Königreich Neapel statt, die von Österreich gewonnen wurde. klang
Das Schwanenlied der wilden Kriegstrompeten;
Und, heldenmüthig noch im Untergang,
Ward seine Weltmacht in den Staub getreten.


Auf einem Felsen weit im Oceandie Insel St. Helena im Südatlantik, auf die Napoleon verbannt wurde.,
Ringsum vom kalten Wellengrab umfriedet,
Ward der PrometeusIn der griechischen Mythologie wurde Prometheus zur Strafe dafür, dass er den Menschen das Feuer brachte, an den Kaukasus geschmiedet. auf der Feinde Plan
In feiger Furcht auf ewig festgeschmiedet.
Am Horizont manch weißes Segel blinkt
Und zieht gen Osten durch die blauen Fluthen; |
Doch keines naht, das ihm Erlösung bringt,
Und qualvoll muß das stolze Herz verbluten. ––


Neun MondeNapoleons Deportation begann am 15.7.1815, am 15.10.1815 traf er in St. Helena ein. Wedekinds Vater wurde gut vier Monate später, am 21.2.1816 geboren. waren noch nicht hingegangen,
Seitdem Napoleon, auf britt/s/chem Schiff gefangen,
Die nackten Felsen von St. Helena
Drohend empor aus dem Meere steigen sah,
Als Du, o Vater die schöne Welt begrüßt.
Froh wuchsest Du heran und kamst zu Jahren;
Die gold’nen Tage Deiner Kindheit waren
Durch sorgende Mutterliebe reich versüßt. ––


Kommt ein dunkler Mannnicht identifiziert. in’s Städtchen,
In den Ohren trägt er Ringe.
Neubegierig Knaben, Mädchen
Forschen, was er ihnen bringe.


Mit der regungslosen Würde
Schwerbelasteter Naturen
Trägt er auf dem Haupt die Bürde
Vieler blanker Gypsfiguren.


Da war Schiller, da war Göthe,
Waren Byrons edle z/Z/üge;
Seine Halscravatte wehte
Gleich als ob die Luft sie trüge.


Da war BlücherGebhard Leberecht Fürst Blücher von Wahlstatt war ein preußischer Generalfeldmarschall, der durch den Sieg über Napoleon in der Schlacht bei Waterloo berühmt wurde., war auch ZiethenHans Ernst Karl von Zieten war ein preußischer Generalfeldmarschall, der in der Schlacht bei Waterloo dem Herzog von Wellington zu Hilfe kam.;
Alle schauten unterthänig |
Auf den CzaarZar Alexander I., von 1801 bis 1825 Kaiser von Russland. der MoscowitenEinwohner Moskaus, hier stellvertretend für Russen.,
Auf den stolzen PreußenkönigFriedrich Wilhelm III., von 1797 bis 1840 König von Preußen..

„Kaufet, kaufet Gypsfiguren!“
Ruft der dunkle Träger heiser.
„Kauft die herrlichsten Sculpturen,
„Kaufet Könige und Kaiser!“


Mitten auf dem Traggerüste,
Ach, auf einem schwachen Thron,
Steht die lebensgroße Büste
Von dem Held Napoleon;


Stand die lebensgroße Büste
Von Napoleon, der eben,
Fern der heimatlichen Küste,
Sterbend sich dem Tod ergebenNapoleon starb am 5.5.1821 auf St. Helena.;


Stand des großen Kaisers Büste
Der noch jüngst Europa schreckte
Und vom BeltMeerenge in Dänemark zwischen Jütland und Fünen, die zugleich die Seegrenze des Herzogtums Schleswig markierte. bis in die Wüste
Lybiens seine Macht erstreckte.


„Kaufet, kaufet Gypsfiguren!“
Rief der dunkle Träger heiser.
„Kauft die herrlichsten Sculpturen!
„Kaufet Kön’ge, kauft den Kaiser!“


„Ha der Kaiser, der Dictator!“
Ruft nun einer von den Knaben. |
„Laßt den todten Imperator,
Laßt ihn würdig uns begraben!


„Auf St. Helena, dem Felsen,
Wo die Britten ihn bewachten;
Wird er sich im Grabe wälzen
Und umsonst nach Ruhe schmachten.


„Lasset uns den großen Todten,
Der so schwer gebüßt die Sünden,
Laßt ihn uns in würd’gem Boden
Ehrenvolle Ruhe finden. –


„Hier sind dreißig Silberlingeder Lohn, den Judas im Neuen Testament der Bibel für den Verrat Jesu erhielt [vgl. Matthäus 26,15].,
Den Verrathnen zu erlösen.
Was man auch für Gründe bringe,
Er ist doch ein Held gewesen.


„Er ein Held, emporgetragen
Durch der Götter Huld und Gunst
Leitete den Sonnenwagen
In entflammter Kriegesbrunst.


„Jäh vom wilden Sonnenwagen
Stürzt’ der stolze Phaeton.
So, von eig’ner Wucht erschlagen,
Stürzt’ und fiel Napoleon. –“


Und der Träger nimmt vom Scheitel
Drauf den weißen Held herunter;
Streicht die Groschen in den Beutel.
Weiterwandernd ruft er munter: |


„Gypsfiguren, Gypsfiguren!
Kaufet Feldherrn, kaufet Dichter!
Nach den herrlichsten Sculpturen
Sind gebildet die Gesichter!“


Aber tief im stillen Garten,
Wo des Lenzes erste Gaben
Sich in lausch’gem Frieden schaarten,
Ward indeß ein Grab gegraben.


Fest mit Steinen ausgemauert,
Wurden Seiten, ward der Boden,
Und die junge Schaar betrauert
Emsig ihren großen Todten.


Frische Blumen, Rosen, Flieder
Himmelsschlüssel, Veilchen senken
In das kalte Grab sich nieder,
Es mit süßem Duft zu tränken.


Und die Knaben Paar um Paare
Bilden eine Procession;
Eine schwarzbehengte BaareSchreibversehen, statt: schwarzbehängte Bahre.
Trägt den Held Napoleon.


Seine stolze Stirne krönte
Jetzt ein LorberSchreibversehen, statt: Lorbeer. frisch und grün;
Seines Ruhmes Preis ertönte
Dumpf in Trauermelodien. |


Und wie nun am stillen Orte
Alle um die Baare traten,
Priesen eines Knaben Worte
Des Gekrönten Heldenthaten.


Seine Züge, seine Kriege,
Die den Menschen Freiheit brachten,
Seine heißerkämpften Siege
In den wilden Völkerschlachten.


Als dann senkten sie ihn nieder
In die blumenreiche Gruft,
Und die leisen Klagelieder
Wehten durch die Abendluft.


Eine schwere Steinplatt deckte
Die geweihte Kammer zu,
Daß kein Feind den Todten weckte
Aus der langersehnten Ruh.


Und den Stein deckt frische Erde,
Deckt des alten Rasens Flor;
Und die Sonne sprach: „Es werde!“
Blumen sproßten draus hervor.


Als der Sommer hingegangen,
Welkten auch die Blumen ab;
Als die Lerchen wieder sangen,
Schmückten sie erneut das Grab. |


So vergingen viele Jahre.
O wie längst zogst du vorbei,
Engelskind im Lockenhaare,
Goldne Jugendschwärmerei!


Deine Sonnen, Deine Wonnen,
Alles, alles floh dahin.
Nur Dein Bild ist nicht zerronnen,
Traumhaft lebt es noch im Sinn.


Sein gedenken meine Thränen,
Und mein Aug’ blickt heimatwärts,
Und ein heißes, heißes Sehnen
Füllt das kampfbewährte Herz. ––


Und Zeiten kommen, Zeiten fliehn
An dir vorbei mit leichtem Schritt,
Und drüber her die Wolken ziehn
Und bringen Glück und Unheil mit.
Ein harter Winter geht zu Rande,
Der Frühling sprengt des Eises Bande.


Und überall, auf Berg und Flur,
Im Hain und auf dem Wiesenplan
Erwacht die schlummernde Natur,
Mit Brautgewändern angethan
Vom warmen Sonnenstrahl getroffen
Lebt auf das Herz in neuem Hoffen. |


Da regt sichAnspielung auf die schwere Sturmflut an der gesamten Nordseeküste am 3. und 4.2.1825 mit rund 800 Todesopfern, von der auch der Wohnort von Wedekinds Vater, das ostfriesische Esens, betroffen war. weit im wilden Meer
Des Unglücks schadenfrohe Hand.
Sie wälzt gethürmte Wogen her
Und wirft sie höhnend an den Strand. ––
Weh, wenn die Küsten, trotz den Dämmen,
Die wachsende Gewalt nicht hemmen.


Und Angst ergreift ein jedes Herz,
Es schwillt die Angst, es schwillt die Fluth;
Sie bäumt sich heulend himmelwärts.
Umsonst, umsonst ist ihre Wuth:
Land auf, Land ab, an allen Orten
Tobt sie vor festverschloß’nen Pforten. ––


Doch schwächlich Menschenhandwerk! – Wer
Könnt hinter Dir geborgen sein!
Der Damm zerreißt, da stürzt das Meer
Verschlingend übers Land herein;
Und über Noth und Jammer nieder
Senkt sich der tiefsten Nacht Gefieder.


Es saust und brauset nah und fern;
Des Mondes Scheibe leuchtet nicht,
Am ganzen Himmel blinkt kein Stern,
In Haus und Hütte brennt kein Licht.
Und furchtbar hört der Mensch mit Zagen
Die Fluth an Thür und Fenster schlagen.


Da stürzt das Thor mit Schlag und Krach,
Im Hause wogt ein wildes Meer; |
Die Menschen flüchten sich aufs Dach,
Die Wasser steigen hinter her;
Und dumpf verschlingt ihr lautes Tosen
Das Wehgeschrei der Rettungslosen.


Kein Land, soweit das Auge dringt;
Kein Licht in grauser Dunkelheit;
Kein Nachen, der Erlösung bringt,
So laut die Stimm’ um Hülfe schreit. –
Schon gierig leckend auf und nieder
Umspült die Fluth die starren Glieder.


Da wurde wol zum schönsten Fest
Dem Sensenmann das Wellengrab.
Der Sturmwind die Posaune bläßt
Und peitscht die Zagenden hinab.
Und Noth und Tod und Sterbgewimmer,
Sie dauern bis zum Morgenschimmer. –


Und als der Morgen brach heran,
Stellt sich das ganze Elend dar.
Da zog man aus mit Schiff und Kahn,
Zu retten was noch übrig war.
Auch du, o Vater, noch ein KnabeFriedrich Wilhelm Wedekind war zu Zeitpunkt der Sturmflut noch keine neun Jahre alt. ,
Standst schaudernd an dem Wellengrabe.


Das Wasser sank. Der heiße Lauf
Des Sommers brachte neue Noth;
Denn aus dem feuchten Boden auf
Stieg gifterSchreibversehen, statt: gift’ger. Dunst und Fiebertod. |
Die Zeiten kommen und enteilen;
So laßt uns hier nicht länger weilen! ––


Herangereift an Leib und Geist
In heimischen Gefilden,
Bist, Vater, Du dann abgereist,
Dich weiter auszubilden.


Ein Tag und eine Nacht ging um,
Da warst du schon zur Stelle.
Ein treffliches GymnasiumFriedrich Wilhelm Wedekind besuchte von 1830 bis 1835 das Gymnasium in Celle.
Zog damals dich nach Celle.


Da wurde mensa(lat.) Tisch. declinirt
Und ihm kein Fleiß verweigert.
Amare(lat.) lieben. wurde conjugirt
Und bonus(lat.) gut. ward gesteigert.


Die Lehrer sprachen: „Optime!(lat.) bestens, großartig.
Es ist dir gut gelungen.“
Verdeutschtest du die Lalage„Geliebte des Horaz“ [Meyers Konversations-Lexikon, 4. Aufl. Bd. 10, Leipzig, Wien 1890, S. 417], die mehrfach in seinen Oden (Carmina) vorkommt, so zum Beispiel in der 22. Ode des 1. Buches.
Die einst Horaz besungen.


Doch auch der wackre Cizero,
Mit seinen schönen Sätzen,
Er konnte Dich fast ebenso
Begeistern und ergötzen. |


Man las den Kampf um IliumDa Wedekind hier den Schulstoff im Lateinunterricht seines Vaters abhandelt, dürfte nicht Homers „Ilias“, sondern die „Ephemeris belli Troiani“ gemeint sein, eine lateinischer Roman über den Trojanischen Krieg, der im 4. Jahrhundert unter dem Pseudonym Dictyis Cretensis erschienen war.
Von Paris bis Eumäusstellvertretend für Anfang und Ende des Trojanischen Krieges. Paris, der Sohn Hekabes und des trojanischen Königs Priamos löste mit der Entführung Helenas den Trojanischen Krieg aus. Der Schweinhirte Eumaios war der erste, den Odysseus nach seinen Irrfahrten nach dem Krieg auf Ithaka aufsuchte.,
Zuvor das Evangelium
Des heiligen Mathäus.


Nun kam das Griechisch an die Reih,
Das war schon etwas schwerer.
Von παις(griech.) Kind, Sklave, Diener. und δοςακιζομαιunklar; vermutlich Schreibversehen, statt: θωρακίζομαι = (griech.) ich panzere mich. Wilhelm Papes „Griechisch-Deutsches Handwörterbuch“ (Braunschweig 1849) gibt für das Wort eine Belegstelle in Xenophons „Cyropaedie“ an [vgl. Bd. 1, S. 838], ein Text der zur Schullektüre zählte [vgl. Moritz Dürr an Wedekind, 31.12.1880].
Erzählten da die Lehrer.


Und was auf Erden war geschehn,
Ward von den ersten Sagen
Bis zu der Völker Untergehn
Getreulich vorgetragen.


Allein auch die Realiahier die naturwissenschaftlichen Schulfächer.,
Sie fanden guten Boden:
Der strengen Mathematika
Exempel und Methoden.


So mußte man ohn’ Unterlaß
Gar viele Stunden widmen
Dem Lehrsatz des Pytagorasmathematischer Grundsatz der euklydischen Geometrie, der die Seitenlängenverhältnisse in rechtwinkligen Dreiecken beschreibt (a2 + b2 = c2).
Und Vega’s Logarithmendie von dem Krainer Mathematiker Georg von Vega herausgegebenen Logarithmentafeln: „Logarithmische, trigonometrische, und andere zum Gebrauche der Mathematik eingerichtete Tafeln und Formeln“ (Wien 1783).. ––


Die Luft indeß war schwer und schwül,
Schon regt es sich im OstenAnspielung auf den polnischen Novemberaufstand von 1830/31, der die Unabhängigkeit vom zaristischen Russland zum Ziel hatte.
Wie Rebellion und Kampfgewühl
Und ferne Donner tosten. |


Die Luft war schwül, die Luft war schwer;
Es zitterte fern im WestenAnspielung auf die französische Julirevolution 1830.
Ein junger Thron von Ungefähr
In seinen tiefsten Vesten.


Und ach, im großen deutschen Reich,
Von Trug und Haß umlagert,
Wie war die Freiheit blaß und bleich
Und gänzlich abgemagert.


Die heiße Julisonne läßt
Die Gluth zum höchsten steigen;
Da lodert’s auf in Ost und West
In wildem Todesreigen.


Es lodert auf und kracht und fällt
Ein stolzer ThronMit der Julirevolution endetet die Herrschaft der Bourbonen in Frankreich. zusammen.
Drauf steht die ganze weite Welt
In lichterlohen Flammen.


Werft ab, werft ab das alte Joch,
Das euch so lang gekettet!
So habt ein Vaterland ihr noch
Und Polen ist gerettet.


Da gab es heißen Todeskampf;
Es schmettern die Trompeten
Durch Mordgewühl und Pulverdampf
Und frommer Streiter Beten. –


Triumph, Triumph! Das Land ist freiAm 25.1.1831 wurde in Polen der russische Zar Nikolaus I. für abgesetzt erklärt, im Herbst jedoch unterlagen die Aufständischen den russischen Truppen.,
Brennt auch die Todeswunde. |
Laut stimmten in das Siegsgeschrei
Die Völker in der Runde.


Und freudig opfertAnspielung auf die in Deutschland verbreiteten Unterstützungsvereine für den polnischen Freiheitskampf und die geflüchteten Aufständischen. Alt und Jung
Zur Linderung der Schmerzen.
Da zog auch die Begeisterung
In eure junge Herzen.


Und wenn der Tag vollendet war,
Der Abend sank hernieder, –
Durch’s Städtchen tönten hell und klar
Die stolzen PolenliederNeben den Liedern, die die geflüchteten polnischen Aufständischen Ende 1831 mit nach Deutschland brachten, dichtete auch eine Vielzahl deutschsprachiger Autoren Polenlieder, darunter Adelbert von Chamisso, Emanuel Geibel, Franz Grillparzer, Anastasius Grün, Friedrich Hebbel, Georg Herwegh, Karl von Holtei, Justinus Kerner, Nikolaus Lenau, Ernst Ortlepp, August von Platen, Gustav Schwab, Karl Simrock, Ludwig Uhland oder Karl Heinrich Wilhelm Wackernagel..


Da ward wol in der jungen Brust
Erweckt ein süßes Ahnen:
Wann werden wir mit Lieb und Lust
Erheben unsre Fahnen?


Geduld, Geduld! Es bringt die Zeit
Uns Kraft und Männerstärke.
Dann bin auch ich zum Kampf bereit
Und zum Erlösungswerke. ––


O, armes Polen! Fürchterlich
Naht dir DieSchreibversehen, statt: Naht Dir die. Todesstunde.
Der Feind fällt würgend über dich
Und blutend klafft die Wunde.
Dein letzter Lebenssaft entquillt;
Zerbrochen ward Dein Wappenschild,
Um noch im Sterbestöhnen
Dein brechend Aug’ zu höhnen. –– |


Nun ging’s zur UniversitätWedekinds Vater studierte von 1835 bis 1839 in Göttingen und Würzburg Medizin.
Mit frischem Muth und leichtem Sinn,
Und hoch an deinem Himmel steht
Der lichte Stern der Medicin;
Ihr willst du dich ergeben
Mit Fleiß und ernstem Streben;
Sie soll dich über Stürme hin
Und Menschenschicksal heben.


Des Menschenleibes Schwächlichkeit,
Das ewig alte Weh und Ach,
Verletzung und Gebrechlichkeit,
Dem allem forscht das Auge nach.
Docirt auch vom Katheder
Dasselbe nicht ein Jeder,
So sucht man eben selbst die Sach
Mit Messer und mit Feder.


Da sproßt denn auch die Fröhlichkeit
Zur allerhöchsten Blüthe.
Das Herz ist kühn, die Brust ist weit,
Das stolze Auge glühte.
Weh jedem, der den BurschenFriedrich Wilhelm Wedekind war in Göttingen in der Studentenverbindung „Corps der Ostfriesen aktiv und holte sich auf der Mensur die nötigen Schmisse“ [Kutscher 1, S. 3]. Zwei Tage nach seiner Ankunft in Göttingen notierte er am 29.8.1835: „Aufnahme als Fuchs in das Corps der Ostfriesen.“ [Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301] reizt!
Ihm wird gehörig eingeheitzt;
Auf seiner Wange schmerzen
Die Quarten und die TerzenHiebe beim Säbelfechten..


Auf Brüder! Auf! die Ehre ruft.
Vertheidigt eure Farben!
Die Schläger sausen durch die Luft
Wol auf die alten Narben. |
Und als vorüber die Mensur,
Schallt Gaudeamus igitur!(lat.) Lasst uns also fröhlich sein! Anfang eines weit verbreiteten lateinischen Studentenliedes.
Es klingen die Pokale
Im lichterhellten Saale. ––


Mit s/S/iebenmeilenstiefeln trabt
Die gold’ne Zeit hinunter.
Ihr Lieben, nun ade! Begrabt
Den ganzen schönen Plunder
Nur diese Mütze, dieses Band,
Das einst so stolz die Brust umwand,
Sie will ich treu bewahren
In Freuden und Gefahren.


Am Horizont, sieh da, sieh da!
Schon steigen auf und walten
Der nahenden Examina
Gespenstische Gestalten.
Da zogst du aus voll Muth und Kraft,
Gepanzert durch die Wissenschaft,
Mit chapeau claque(frz.) Klappzylinder. und Degen
Dem Teufelsspukgemeint ist die Abschlussprüfung; am 22.3.1839 notierte Friedrich Wilhelm Wedekind: „Mein mündliches Doctorexamen gemacht.“ [Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301] entgegen.


Vertrauend auf des Wissens Hort
Trittst frank du in die Schranken
Und fochtest kühn mit klugem Wort
Für Thesen und Gedanken.
Und als zu End’ des Kampfes Wuth,
Da krönte Dich ein DoctorhutFriedrich Wilhelm Wedekind wurde am 10.8.1839 mit der Dissertation „Die Schnellgeburt“ an der Universität Würzburg zum Doktor der Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe promoviert [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301].,
Da führten seine Sterne
Den Sieger in die Ferne. –– |


Die Kaiserstadt, das lust’ge Wien
Mit seinem schönen Prater,
Es ward, eh’ zwei JahrzehnteIrrtum Wedekinds, gemeint sind die neun Jahre zwischen 1839 und 1848 (s. u.). fliehn,
Des Aufstands FeuerkraterAm 13.3.1848 kam es in Wien zu Demonstrationen und Tumulten, die zur Abdankung des Staatskanzlers Clemens Fürst von Metternich führten, wenige Tage später kam es auch in Berlin zu revolutionären Unruhen. Die Metapher eines Vulkanausbruchs für die Revolution war ein verbreiteter Topos..


JetztFriedrich Wilhelm Wedekind traf am 27.8.1839 in Wien ein [Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301], „wo er vom September 39 bis April 40 Kliniken besuchte, italienischen Unterricht nahm und eifrig ins Theater ging.“ [Kutscher 1, S. 3] aber nahm es liebevoll
Dich auf in seinen Mauern;
Sein lebensfrohes Herze schwoll
Noch nicht von Todesschauern.


Und ungestört in Deiner Ruh’,
Zumeist in den Spitälern,
Erforschtest und studirtest du
Den Mensch mit seinen Fehlern.


Dann zog’s Dich weiter nach ByzanzAm 21.7.1843 startete Friedrich Wilhelm Wedekind in Triest per Segelschiff nach Konstantinopel, wo er am 3.9.1843 eintraf [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301].
Entlang dem Donaustrome;
Bald strahlte Dir der Kuppelglanz
Von St. Sophiens Domedie im 6. Jahrhundert erbaute Kuppelkirche Hagia Sophia, die seit 1453 als Moschee genutzt wurde..


Seit einstDie Truppen von Sultan Mehmed II. eroberten am 29.5.1453 Konstantinopel. dem Volk des Muhamet
Die schöne Stadt verfallen,
Spricht nun der Türke sein Gebet
Durch die geweihten Hallen.


Constantinopel, wie bewegt
Sahst du die Zeiten schwinden!
Wer hat den Grundstein Dir gelegt?
Wer will die Namen künden? –
Den Jammer und den Klageton,
Der einst erscholl in Ilion,
Wie oft hat ihn beklommen
Seither Dein Ohr vernommen! |


Du wohntest, Vater, im Quartier
Der vielverhaßten Franken„Zwischen Top-Hane, Galata und Kassim-Pascha, über diesen Vorstädten auf der Höhe des Hügels liegt Pera, das eigentliche Franken- und Fremdenquartier.“ [Brockhaus’ Konversations-Lexikon. 14. Aufl. Bd. 10. Berlin, Wien 1894, S. 587] Dass er dort Quartier nahm, schrieb Friedrich Wilhelm Wedekind auch seiner Mutter [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Friederike Dorothee Wedekind. Diarbekir, 20.5. bis 7.6.1844; AfM Zürich, PN 169.1: 266]..
Da trat einmal ein MannIn Konstantinopel lernte Wedekinds Vater, wie er in einem Brief an seine Mutter berichtete, am 4.8.1843 den „Bergverwalter Braun aus Brixlegg in Tyrol“ [Friedrich Wilhelm Wedekind an Friederike Dorothee Wedekind. Diarbekir, 20.5. bis 7.6.1844; AfM Zürich, PN 169.1: 266] kennen, der sich dort aufhielt, um für den Sultan „die türkischen Bergwerke zu inspiciren und einen Bericht darüber abzustatten, in welcher Weise zweckdienliche Veränderungen mit denselben vorgenommen werden könnten“ und aktuell die Aufgabe hatte, „in Kiebar- und Argana-Maden, jenes am Euphrat, dieses am Tigris, dort eine Silberhütte, hier eine Kupferhütte nach europäischer Weise zu erbauen“. Er soll Friedrich Wilhelm Wedekind den „Vorschlag, mit ihm nach Kiebar-Maden zu reisen um dort die Stelle eines Bergwerks-Arztes zu übernehmen“, gemacht haben. Im Tagebuch notierte er am 11.8.1843 hingegen: „Bergrath Pauliny macht mir den Vorschlag, als Arzt eine Expedition ins Innere Kleinasien mitzumachen.“ [Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301] zu dir,
Versunken in Gedanken.
Der sprach: „Die Jugendzeit ist schön.
Verlangen Sie die Welt zu sehn,
So können ohne Weilen
Sie unsre Reise theilen.


„Es führet nämlich uns der Plan
Der/s/ z/Z/uges tief in’s Inn’re,
Durch Turkistan, Beludschistan,
So viel ich mich erinn’re.
Der SultanSeit dem 1.7.1839 war Abdülmecid I. Sultan des Osmanischen Reichs und führte die von seinem Vater Mahmud II. begonnen Bemühungen zur Verbesserung der türkischen Bergwerke fort. zahlt die ganze Reis’
Und bietet jedem MonatweisSchreibversehen, statt: monatweis.
Vierhundert StaatspiasterSeiner Mutter schrieb Friedrich Wilhelm Wedekind: „Die von der türkischen Regierung bewilligten Bedingungen seien ein monatlicher Gehalt von 600 P. (40 rh. Pr.) freier Wohnung, Feuerung und Licht, und freier Hin- und Rückreise.“ [Friedrich Wilhelm Wedekind an Friederike Dorothee Wedekind. Diarbekir, 20.5. bis 7.6.1844; AfM Zürich, PN 169.1: 266],
PilavReisgericht. und Pfeifenknaster.“ –


Du sprachst: „Wolan, mein Genius
Ermahnt mich, einzuschlagen;
Und Ihrem Freund, dem Sultanus,
Dem mögen Sie das sagen!“. ––
Den Pact schrieb man mit einem RohrSchreibrohr oder Rohrfeder; im Nahen Osten verbreitetes Schreibgerät.
Und legt’ ihn dem Beherrscher vor;
Der stieg zur Toilette
Soeben aus dem Bette.


In Schlafrock und Pantoffeln fand
Der Sultan es nicht übel
Und langte mit der ganzen Hand
In einen Tintenkübel, |
Drückt sie dann aufs Papier recht breit,
Nun wurde Goldsand drauf gestreut.
Die Hand wusch ihm dann eine
Der Dienerinnen reine. ––


Hin durchs Gebirg, durch Flur und Hain,
Von Ort zu OrtWedekinds Vater reiste von Konstantinopel über Samsun, Tokat und Sivas nach Kjebar Maden in Anatolien, wo er am 18.10.1843 eintraf und bis zum 1.5.1844 blieb. Anschließend reiste er in zwei Tagen über „die westliche Tigrisquelle nach Argana Maden“ [Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301] und hielt sich dann ab dem 9.5.1844 in Diyarbakir auf. Am 10.6.1844 reiste er von dort zurück über Argana Maden nach Torkat, wo er bis zum 9.8.1844 blieb, ab dem 22.8.1844 war er wieder in Konstantinopel. und einsam durch die Wüsten,
Vom Morgengraun im hellsten Sonnenschein
Bis AbensSchreibversehen, statt: Abends. mild die lieben Sterne grüßten,
Zog eine Carawane durch das Land;
Und wo sich irgend wo ein Bergwerk fand,
Da ward besichtigt, inspiciert,
Ob alles auch im Sinn des Sultans gehe,
Bis daß das Ziel die Carawane weiter führt,
Daß sie wo anders nach demselben sähe.


Den ganzen Tag, von Morgen bis zur Nacht,
Ward fortgeritten und kein Halt gemacht.
Doch wenn der milde Abend kam heran,
Da schickt man einen Dragoman(arab.) Dolmetscher.
In’s nächste Städtchen stracks zum Bürgermeister;
Der fragt: „Des Ortes reichster Herr, wie heißt er?
Er muß sofort mit Weib und Kind,
Mit seinem ganzen IngesindDienerschaft, Dienstboten.
Sein Haus verlassen. Nur er selbst bleibt drin,
Um gastlich zu bewirthen unsre Leute,
Bis daß wir aus dem Städtchen ziehn
Durch Wald und Steppen in die Weite. –
Von Widerrede nichts! Er muß sich fügen.
Der Sultan will’s. Das soll dem Herrn genügen!“


So ging’s zwei JahreFriedrich Wilhelm Wedekind war am 29.9.1843 mit dem Schiff zu der „Bergwerks-Expedition“ [Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301] aufgebrochen und kehrte am 22.8.1844 nach Konstantinopel zurück. Dort brach er am 30.9.1845 Richtung Griechenland und Sizilien auf. und noch mehr |
Durch ganz Kleinasien hin und her,
Wo Cyrus einstWedekind referiert mit seiner Namensreihung gängigen Schulstoff über die antiken Herrscher und Eroberer in Kleinasien zwischen dem 7. und 4. Jahrhundert v. Chr., vom athenischen Gesetzgeber Solon, der größere Reisen durch Ägypten und Kleinasien unternommen hatte und dem lydischen König Krösus bis zu den Perserkönigen Kyros und Dareius, der von Alexander dem Großen 333 v. Chr. bei Issos besiegt wurde., wo Alexander stritt,
Wo Krösus häufte seine Schätze,
Solon studirte die Gesetze,
Und wo Dareios Codomannos litt.
Manch’ schöner Stein und manche MünzeFriedrich Wilhelm Wedekind „legte eine bedeutende Sammlung von Münzen und Waffen“ [Kutscher I, S. 4] auf seiner Reise durch Anatolien an. zeugen
Von der dahingeschwund’nen Heidenzeit;
Und aus dem Schutt gefallner Tempel steigen
Die Schattengeister alter Herrlichkeit.


Durch SyrienDass Wedekinds Vater die genannten Stationen, namentlich die Landschaft des antiken Babyloniens (heute: Irak), besucht hat, ist unwahrscheinlich. Im Brief an seine Mutter schrieb er am 7.6.1844, er wisse nicht, „ob wir noch weiter nach Mossul, zu den Ruinen von Ninive gehen“ [Friedrich Wilhelm Wedekind an Friederike Dorothee Wedekind. Diarbekir, 20.5. bis 7.6.1844; AfM Zürich, PN 169.1: 266]. Drei Tage später verließ er Diyarbakir Richtung Norden, wäre demnach über Anatolien nicht hinausgekommen. ging’s in’s stromumfloßne Land,
Wo ehedem das stolze Babel stand,
Und wo man, um den Himmel zu erstürmen,
Ohn’ Unterlaß durch manches Jahr
Ließ Steine sich auf SteineAnspielung auf die Erzählung des Turmbaus zu Babel im Alten Testament der Bibel [vgl. Genesis 11,1–9]. thürmen,
Bis man den Wolken nahe war.
Weh, da verwirrten sich die Sprachen,
Daß keiner mehr des andern Wort verstand;
Umsonst, daß sie die Köpfe sich zerbrachen;
Der Geist war stumm, unthätig blieb die Hand. ––
So ist es allen noch ergangen,
Sei’s Philosoph, Titanin der griechischen Mythologie Riesen in Menschengestalt., AëronautLuftschiffer.,
Die ihrer eignen Kraft zu viel vertraut
Und sich des Himmelstürmens unterfangen:
Die große Sphinx will nicht enträthselt sein. ––


Der Euphrat und der Tigris schließen
Das schöne Land von beiden Seiten ein,
Und ihre majestät’schen Wogen fließen
In stolzer, ewig gleicher Ruh
Dem fernen Golf an Persiens Küsten zu. |
Einst hörten sie, in längstvergangnen Tagen
Den tiefen Jammer und die KlagenAnspielung auf das in Psalm 137 des Alten Testaments der Bibel thematisierte babylonische Exil der Juden: „An den Strömen von Babel, da saßen wir und wir weinten, wenn wir Zions gedachten. An die Weiden in seiner Mitte hängten wir unsere Leiern. Denn dort verlangten, die uns gefangen hielten, Lieder von uns, unsere Peiniger forderten Jubel: Singt für uns eines der Lieder Zions!“ [Psalm 137,1-3]
Gefang’ner Kinder Israel.
Sie sangen trauernd ihre Leiden,
Die Harfen hängend an die Trauerweiden,
Bis daß der Herr durch DanielAnspielung auf Kapitel 9 des Buchs Daniel im Alten Testament der Bibel: „Während ich noch redete und betete, meine Sünden und die Sünden meines Volkes Israel bekannte und meine Bitte für den heiligen Berg meines Gottes vor den HERRN, meinen Gott, brachte, während ich also noch mein Gebet sprach, da kam im Flug der Mann Gabriel, den ich früher in der Vision gesehen hatte; er kam um die Zeit des Abendopfers zu mir, redete mit mir und sagte: Daniel, ich bin ausgezogen, um dir klare Einsicht zu geben. Schon zu Beginn deines Gebetes erging ein Gotteswort und ich bin gekommen, um es dir zu verkünden; denn du bist geliebt. Achte also auf das Wort und begreife die Vision! Siebzig Wochen sind für dein Volk und für deine heilige Stadt bestimmt, bis der Frevel beendet ist, bis die Sünde versiegelt und für die Schuld Versöhnung erwirkt ist, bis ewige Gerechtigkeit gebracht wird, bis Visionen und Weissagungen besiegelt werden und das Allerheiligste gesalbt wird.“ [Daniel 9,20-24],
Nachdem gebüßt die aufgehäuften Sünden,
Die Stunde der Erlösung ließ verkünden. ––


Auch, Vater, du, zogst aus dem schönen Land,
Wo CyrusDie Truppen des Perserkönigs Kyros II. eroberten am 6.10.539 v. Chr. Babylon und besiegten damit den babylonischen König Nabonid, den Vater des Kronprinzen Belsazars. den Belsazar überwunden,
Wo Alexander einst sein CapuaDas antike Capua galt als „die üppige Hauptstadt Kampaniens, die an Größe und Pracht mit Karthago und Rom wetteiferte“ [Meyers Konversations-Lexikon. 3. Aufl. Bd. 4. Leipzig 1875, S. 150]; es diente Wedekind hier als Vergleichsgröße für das reiche Babylon, das Alexander der Große 331 v. Chr. mit dem Sieg über Dareios eroberte. gefunden,
Und der verlor’ne SohnAnspielung auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn im Neuen Testament der Bibel [vgl. Lukas 15,11-32]; dort heißt es allerdings lediglich, der Sohn sei in „ein fernes Land“ gezogen und dort „aufs Feld zum Schweinehüten“ gegangen. in niedern Diensten stand.
An Seltenheiten reich und Schätzen,
Die sonderlich des Forschers Aug’ ergötzen,
Warst du gesund auf deinem treuen PferdWedekinds Vater erreichte Konstantinopel am 22.8.1844 nicht auf dem Pferd, sondern mit dem Dampfschiff, das er am 13.8.1844 in Trabzon am Schwarzen Meer bestiegen hatte [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301].
Nach Constantinopel kaum zurückgekehrt,
So traf s/d/ich dort der Zorn des Muhamet:
Es faßte Dich ein wildes FieberAm 30.8.1844 notierte Friedrich Wilhelm Wedekind erstmals: „Verfalle in eine langwierige Krankheit (typhoises Fieber). Falle auf der Straße nieder; Erbrechen; Fieber.“ Am 26.10.1844 heißt es: „Das Fieber bricht wieder aus, daneben Erbrechen und Diarroe.“ Am 6.1.1845 erneut: „In den folgenden Tagen entwickelt sich ein typhoises Fieber“ und am 19.1.1845: „Es stellen sich Delirien ein und halten mehrere Tage an“. Am 18. und 19.2.1845 notierte er: „Der fatale Husten fängt an nachzulassen, auch stellt sich der Appetit ein wenig wieder ein, nachdem ich gut 5 Wochen nur von warmer Milch gelebt.“ Erst am 25.3.1845 der Eintrag: „Zum ersten Male wieder an die freie Luft gegangenen [...], nachdem ich seit dem 4ten Jan. also 82 Tage das Zimmer gehütet.“ [Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301],
Die Tage wurden trüb und trüber;
Lang lagst Du einsam auf dem Krankenbett.
In fremdem Land, verlassen und allein,
Trat keine Menschenseele bei Dir ein,
Als Morgens früh, sobald der Tag erwachte,
Ein Muselmann, der Dir den Frühtrunk brachte. –
Und als du so gelitten lange Wochen
Und endlich die Gesundheit kehrte zurück,
Hat der Genuß von einem Melonenstück
Zum zweiten Mal die Kräfte dir gebrochen. |


Wohl jedem, dem in schweren Stunden
Ein reicher Geist das Herz erhebt,
Und über Schmerzen, über Wunden
Erhabene Gedanken webt.


Der einsam Kranke muß verzagen,
Wenn ihn nicht inn’re Stärke hält,
Wenn ihn nicht Geistesschwingen tragen
In eine schmerzenlose Welt.


So träumt er unter Qual und Leiden
Von hohem, längstersehntem Glück,
Indeß die finstern Mächte scheiden,
Und die Gesundheit kehrt zurück. ––


Ein schnelles Schiff mit günst’gem Wind
Trug dich entlang an Ioniens Küstendie Westküste Kleinasiens (Türkei). Hier hatte Friedrich Wilhelm Wedekind vom 2.10.1845 bis 29.11.1845 einen längeren Aufenthalt in Smyrna (heute: Izmir) [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301].,
Wo Städte dich und Inseln grüßten,
Vertraut, wie Jugendfreunde sind.
Hier hatte ja dein Geist gewandelt,
Als er im Dienst der Schule war;
Und was er fleißig sich erhandelt,
Nun wird es erst lebendig klar:
Hier lebten Perser, lebten Griechen,
Der Römerherrschaft Glanz und Ruhm,
Das Christenvolk mit seinen Flüchen
Aufs alte schöne Heidenthum.
Und wie die Tage schnell enteilen,
So liegt die schönste Perle nah, |
Dort glänzt mit den gebroch’nen Säulen
AthenFriedrich Wilhelm Wedekind notierte am 30.11.1845, nachdem sein Schiff in Piräus angelegt hatte: „Ausflug nach Athen.“ [Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301] im freundlichen Attika.


Empor, empor zur lichten Höhe,
Zur herrlichen Akropolis,
Daß ich die heil’gen Trümmer sehe! –
O Wonneblick voll Bitterniß!


Ihr Leichensteine ew’ger Geister,
Zu stummer Trauer nun verdammt,
Warum zerschlug der hohe Meisterunklar; Wedekind beklagt hier wohl die Ikonoklasmen an der Athener Akropolis seit der byzantinischen Christianisierung im 6. Jahrhundert und der muslimischen Vereinnahmung durch die Türken 1456.
Die stolze Pracht, der ihr entstammt?


Warum, warum seid ihr gefallen
Von teuflischer Barbarenhand,
Ihr Menschenbilder, Säulenhallen,
Darin die Gottheit selberIm Parthenon der Akropolis befand sich bis ins 5. Jahrhundert ein rund 12 Meter großes Standbild der Athena Parthenos. stand?


Noch lacht euch ja der gleiche Himmel,
Noch glänzet euch das gleiche Meer.
Der Schiffe liebliches Gewimmel,
Noch spielt es um die Küsten her.


Noch hegt das Menschenherz das gleiche
Verlangen nach Erhabenheit. –
Warum verlor es jene reiche
Unwiederbringlich gold’ne Zeit?


Wie würde sie die Welt jetzt trösten,
Die Welt, die so gelähmt und krank, |
Die die Propheten nicht erlösten
Durch Dogmentrug und blut’gen TrankAnspielung auf das Neue Testament der Bibel: „Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.“ [Johannes 6,53-56]. ––


Du große Gottheit, Gott des Schönen,
Verlaß mich nicht, ich bin dir treu.
Laß mir dein Zauberlied ertönen,
Wie auch die Welt gealtert sei!


Laß mich im wüsten Weltgewimmel
Nicht stürzen von der lichten Höh!
Thu auf dich, blauer Griechenhimmel,
Daß ich dein strahlend Auge seh’! ––


So scholl aus Deinem Herz vereinet,
Was still darin geborgen war.
Sieh da! Vor Deinem Blick erscheinet
Ein Jüngling schön und wunderbar.


Wie? Ist es Wahrheit, ist es Lüge? –
Du fragst, und seine Lippe spricht!
Erkennst Du diese reinen Züge?
Kennst Du den Götterboten nicht?


Blickst so freundlich forschend hernieder, Hermes,
Schöner Gott; bin ich des bewegten Auges
Sehnsucht? – Mir dem Sterblichen bringst Du Botschaft
Hoch vom Olymp her? – |


Manches Liebeswörtchen hat unter Göttern
Deines Fußes Fittig dahingetragen.
Gerne sahn dich alle. – Wardst darum, Hermes,
Schön wie der Tag du? –


Herrlich ging das Weib aus Prometeus HändenIn Ovids „Metamorphosen“ (1,76-88) formt Prometheus die Menschen nach dem Bild der Götter aus Erde und Regenwasser.,
Aber Deiner Schönheit erhabne Züge
Trägt es nicht. – Was haben die ewgen Götter
Mir zu verkünden? –


„Ew’ge Jugend aus des Olympos Höhen
Sollte dir, dem Sterblichen HermesSchreibversehen, statt: dem Sterblichen, Hermes. bringen,
Als Geschenk unsterblicher Griechengötter
Goldene Jugend.


„Aber Deines Geistes gewalt’ge Schwingen
Leih’n Dir höh’res Gut: Statt in leichtem Tändeln
Wirst im Kampf und Sieg über Jahre stets du
Stark Dich erhalten.


„Bunt mit Blumen schmückt sich die munt’re Jugend.
Aber wer als Mann sich die Welt erobert,
Dem kränzt Hermes preisend mit ewig grünem
LorberSchreibversehen, statt: Lorbeer. die Schläfen.“ –– |


In Malta eine lange Quarantaine
Hielt Deinen raschen Wanderflug zurück.
Da schlug die lange Weile die scharfen Zähne
Tief in das angefesselte Lebensglück.
Heiß war der Tag in jenen kahlen Räumen,
Ganz angethan zum Schlafen und zum Träumen.
Allein die Nächte waren erquickend frisch;
Da saß’st du dann, dein Sattel war dir Tisch,
Und schriebest Briefe an die fernen Lieben,
An Freunde und Verwandte Brief um Brief,
Bis daß der Hahn die Morgenstunde rief,
Und andere Leute sich die Augen rieben.


Wie jauchztest du, als wieder freie Luft
Auf schwankem Schiffe kühlend Dich umwehte,
Als drauf, erwacht im Strahl der Morgenröthe
Phaeton Dich in seine Mauern ruft.
Ehrwürdgen Alters ist die Stadt und prächtig
Mit Kirchen und Capellen wol beschert,
Und über alles hebt sich drohend mächtig
Des Ätnas himmelhoher Feuerheerd.
Ein schöner Tag„Auf den Aetna (monti rossi)“ [Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301] notierte Friedrich Wilhelm Wedekind in einem ergänzenden Nachtrag in seinem Tagebuch. Den Ausflug zu den „Monti rossi“ datierte er auf den 14.3.1846. bringt seine schönen Freuden,
Und Herrn und Damen schwingen sich zu Roß,
Und auf zum Krater klimmt der ganze Troß,
Das Aug’ am Wunder der Natur zu weiden.


Im Rücken raucht der finstre Höllenschlund,
Doch vor Dir liegt Sicilien ausgebreitet, |
Glänzt Meer und Land so sonnig warm, so bunt,
Und hoch sich drüber her der Äther weitet.
Und wie Dein Aug’ jetzt durch die Ferne schweift,
Unstet umher, in freudigem Erwarten,
So hast gar bald Du hoch zu Roß durchstreift
Den ganzen reichen Paradiesesgarten.


Die Monde fliehn. Mit Klang und Jubelschall
Im Schellenkleide naht Prinz CarnevalDer Rosenmontag fiel auf den 23.2.1846, also noch in die Zeit von Friedrich Wilhelm Wedekinds Aufenthalt in Palermo..
Da faßt der Dämon der Verneinung
Das ganze Volk und stellt es auf den Kopf;
Was man nicht ist, bringt jeder zur Erscheinung,
Vernunft und Thorheit sind der gleichen Meinung
Und alles tanzt um seinen eignen Zopf.
Der Geist der Ausgelassenheit
Wälzt sich bacchantisch durch die bunten Mengen,
Und unter Pracht und jubelnden Gesängen
Rast schnell vorbei die wilde Zeit. ––
Ein junger Türke, heißt’s, sei auch dabei gewesen,
Das goldgestickte Fez im Lockenhaar,
In silberschwerem Kleid. – Doch wer der Türke war,
Steht leider nicht in diesem Buch zu lesen.


Wie bald starbst du dahin, Du leichtes Ding,
Du Carneval, Du schillernder Schmetterling.
Es blüht der Lust kein dauerndes Verweilen,
Und ihren Grabstein schmücken diese Zeilen: |


Wärmender Wonne wiegende Welle
Weilt nicht gewärtig der wohligen Ruh.
Fern den Gestaden in wogender Schnelle
Wallt sie den tosenden Tiefen zu,
Stürzt über Felsen mit jauchzendem Jagen
Jählings hinab in den schäumenden Schlund:
Glizernde Perlen, in Lüften getragen,
Geben ihr seliges Sterben uns kund. ––


Über NeapelAm 19.3.1846 notierte Friedrich Wilhelm Wedekind: „Gegen Mittag Ankunft im Hafen von Neapel.“ [Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301] Am 29.3.1846 verließ er Neapel mit „Extrapost […] über Capua und Gaeta nach Terracina“ [ebd.]. an dunkelblauer Bucht,
Gekrönt von des Vesuves rauchendem Kegel,
Trägt Dich das schnelle Schiff mit blinkendem Segel.
Und Deines Wagens vielverzögerte Flucht
Führt dich durch der Campagna dunstige Haide
In schnellem Trab. Da schwillt Dein Herz vor Freude
Denn vor dir steigt empor mit dem Petersdom
Das ewige RomFriedrich Wilhelm Wedekind kam am 30.3.1846 in Rom an: „Weiter über Velletri und Albano nach Rom. Herrliche Aussicht von der Höhe von Albero auf die Stadt.“ [Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301].
Die Stadt die zweimalzur Zeit des Römischen Reiches und zur Zeit der Renaissance. sich die Welt gewann,
Die zweimal Fesseln schlug um alle Lande,
Einst durch des Schwertes EisengefügteSchreibversehen, statt: eisengefügte. Bande
Jetzt durch des Geistes fester geschlung’nen Bann;
Die Stadt die selber zweimal zu stolzer Pracht,
Gleich wie der Phönix aus den Flammen,
Aus Brand und Schutt und Trümmern ist erwacht
Und zwei Jahrtausende hält in sich zusammen.


Doch hängt Dein Blick nicht einzig an den Trümmern
Aus glänzender Cäsarenzeit, |
Die düster jetzt im Abendgolde schimmern,
Obwohl sie blinkend einst das Aug’ erfreut.
Die stolzen Bauten sind gebrochen,
Den lichten Tempeln hoch und hehr
Hat man die Augen ausgestochen:
Sie hegen keine Götter mehr.


Allein das Göttliche stirbt nie;
Aus Plünderung und Feuersbrünsten
Hebt sich unsterblich Poesie,
Hebt sich der Geist in edlen Künsten.


Und eine neue Ära bricht heran
Im späten Morgenroth in ros’ger Ferne:
Die Sonne zieht verjüngt die hohe Bahn
Und durch das Dunkel blinken neue Sterne.


Und Kirchen und Paläste füllen sich
Mit Lieblichkeit und Pracht durch neue Meister,
Und über alles hebt sich königlich
Der weite Dom, der Glaubenshort der Geister.


Da malt ein Raphael auf blasse Wanddie von Raffael gemalten Fresken (1509 bis 1517) in den Wohnräumen (Stanzen) von Papst Julius II. im Apostolischen Palast des Vatikans. In der Auflistung seines Besichtigungsprogramms im April 1846 notierte Friedrich Wilhelm Wedekind lediglich: „Besichtigung der Sammlungen des Vaticans“ [Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301].
Des Menschenherzens tiefste Regung,
Und Harmonie schließt jegliche Bewegung
Der Form in ein erquickend süßes Band.


Aus Marmor, ungestalt und stumpf
Hebt Michel Angelo des Gottes Stärke; |
So ward sein MosesbildnißMichelangelos monumentale Moses-Statue (1512 bis 1515) steht in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom auf dem Grab von Papst Julius II. In der Auflistung seines Besichtigungsprogramms im April 1846 nennt Friedrich Wilhelm Wedekind die Statue nicht. Frank Wedekind hatte kurz zuvor ein Bild der Statue erworben [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 25.1.1886]. zum Triumph
Der Phantasie, zur Krone seiner Werke.


Sind es der Blicke tiefe Feuerflammen? –
Sind es die Linien, die den Körper weben? –
Dein Aug’ sieht furchtsam und mit leisem Beben
Macht, Größe, Herrlichkeit so eng beisammen.


Das sind nicht Formen, die vom Menschen stammen;
Es ist des Höchsten allgewalt’ges Leben,
Das schaffend sich dem todten Stein ergeben,
Im Richten streng und furchtbar im Verdammen.


Und ewig waltet in Bestehn und Werden
Sein eisernes Gesetz mit Lohn und Strafen.
Weh solchen, die des Himmels Blitze trafen!


Sie sehn erwacht mit teuflischen Gebärden
Die Furien, die im stillsten Frevel schlafen,
Und athmen keinen Frieden mehr auf Erden. ––


Der schöne Frühling kam heran. Da ließ
Dein Wandertrieb dich länger nicht im Süden.
Der nächste Winter fand dich in ParisFriedrich Wilhelm Wedekind traf am 17.5.1846 in Paris ein [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301].,
Noch immer von der Heimat weit geschieden. |
Und was in der Türkei, in Griechenland,
Und in Italien Interessantes Du gefunden,
Das wurde nun in fleißigen Mußestunden
Erforscht, ergründet und erkannt.
Da saßest du geschäftig in den Sälen
Der BibliotekSchreibversehen, statt: Bibliothek. in der Gelehrtenschaar,
Die Herrscher, die Jahrhunderte zu zählen,
Darunter einst das Silber geschlagenAnspielung auf die umfangreiche Münzsammlung, die Wedekinds Vater während seiner Reisen im Osmanischen Reich angelegt hatte (s. o.). war.


Doch auch die vielen Wunderdinge der Kunst,
Die in Paris in den Museen,
In Galerien und Palästen sind zu sehen,
Erwarben bald sich deine Gunst.
Wer kennt es nicht, das unvergleichliche Weibdie 1820 auf der Kykladeninsel Milos gefundene und im Pariser Louvre ausgestellte Skulptur der Venus von Milo aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.,
Das armberaubt auf Melos man gefunden!
Wer kennt nicht diesen marmorkalten Leib,
Dem dennoch sich das wärmste Leben verbunden!
Wer kennt Frau Venus nicht, die schon im Alterthum
So manches stolze Männerherz berückt,
Und die im Mittelalter noch die Blume
Der deutschen Ritterschaft beglückt! –
TannhäuserWedekind kannte den mittelalterlichen Stoff aus Richard Wagners Verarbeitung in der Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg. Große romantische Oper in drei Akten“ (Dresden 1845), deren Textbuch er gelesen hatte [vgl. Olga Plümacher an Wedekind, 20.1.1884]., der geprüfte Held, vertraute
Mir seine ganze Liebesgeschichte an
Und sang zum Saitenspiele seiner Laute
Ein LiedWedekind hatte für Blanche Zweifel ein Gedicht mit dem Titel „Frau Venus“ verfasst und mit „Tannhäuser“ unterzeichnet [vgl. KSA 1/I, S. 111 und S. 934-938]., das ihm die Holde einst abgewann;
Damals trug sie den Schleier um die Lenden,
In griechischem Knoten trug sie ihr reiches Haar,
Und wußte sich nicht d/z/u drehen, nicht zu wenden,
Daß sie nicht immer wieder noch schöner war: |


O Du liebes, schönes Frauenbild,
Cypriarömischer Alternativname der Venus. Ob sich Wedekind hier auf ein reales Bild bezieht, ist unklar, die geschilderte Szene ist ein häufig vorkommendes Bildmotiv., dem leichten Schaum entstiegen!
Tändelnd Dir um Brust und Wangen schwingen
Amoretten sich, gewaffnet, wild. –
Vor den Kleinen wahret dich kein Schild;
Ihre giftgetränkten Pfeile siegen,
Endlich muß der Stärkste unterliegen. ––


Doch fort vom süßen Minnespiele,
Von leichter Liebeständelei! –
Den Mann begeistern andre Ziele:
Das Volk steht aufAnfangsworte von Theodor Körners Gedicht: „Männer und Buben“: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los;“ [Theodor Körner, Leyer und Schwert. 2. Aufl. Berlin 1814, S. 78]; hier in Anspielung auf die 1848er Revolution., das Land wird frei.


So ist denn doch die Zeit gekommen,
Da sich der deutsche Geist erhebt,
Und da die alte Gluth entglommen,
Die längst in a/A/ller Adern lebt.


Nun redet offen, ihr Gewissen!
Nun wall empor Du starke Fluth! ––
Die engen Bande sind zerrissen,
In denen ihr so lang geruht.


In Wort und blutgen Kämpfen streben
Die Völker nach entbehrtem Glück.
Die Throne zittern und erbeben,
Die Söldner weichen scheu zurück. |


Die alte Größe will man wieder,
Die einst so stolz das Volk umwand;
Für freigeborne, deutsche Brüder
Ein ein’ges, freies Vaterland.


Nicht mehr in sechs und dreißig Staatendie Mitgliedstaaten des 1815 begründeten Deutschen Bundes. Die tatsächliche Anzahl der beteiligten Staaten und freien Städte schwankte bis zu seiner Auflösung 1866 zwischen 35 und 39.
Die leidige Zersplitterung,
Und sechs und dreißig Potentaten
Anbeten in Erniedrigung. –


Es will das Volk sich selbst regiren,
Und die, so es dazu ernannt,
Sie sollen die Gesetze führen
Mit klugen SinnSchreibversehen, statt: Mit klugem Sinn. und starker Hand.


Drum werden Männer ausgesendet,
Soweit die deutsche Sprache klingt,
Daß das Erlösungswerk, vollendet,
Den Völkern Glück und Friede bringt.


Am Main, dem stolzen deutschen Strome,
Da steht die alte KrönungsstadtFrankfurt am Main war seit 1562 der Ort der Kaiserkrönungen im Heiligen Römischen Reich..
Da traten in St. Paulus Dome
Zusammen sie zu Rath und That.


Da klingen würd’ger Männer Namen,
In allen Gauen hochverehrt.
Aus Süden wie aus Norden kamen
Sie zu der Freiheit Feuerherd. |


Auch duFriedrich Wilhelm Wedekind begleitete Ende Mai 1848 seinen Vetter Eduard Wedekind, „der als Abgeordneter an der ersten deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche teilnahm“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 98], nach Frankfurt, „wo er als Korrespondent verschiedener Zeitungen (Reichzeitung u. a.) an den Verhandlungen teilnahm“ [Kutscher 1, S. 5]. standst, Vater, in den Reihen,
Das Herz erfüllt von reiner Gluth
Dem heil’gen Kampfe dich zu weihen
Für Menschenrecht und höchstes Gut.


Und dieses Gut, das jedem theuer,
Das jedem in der Seele brennt,
Vertei/fo/chtest du mit heil’gem Feuer
Im ersten Deutschen Parlament.


Doch wenn verrauscht, des Kampfes Wogen,
So tönen Sang und BeckerklangSchreibversehen, statt: Becherklang.;
Da ist man wol hinausgezogen
Dem schönen, blauen Rhein entlang.


Von Ort zu Ort, von Stadt zu Städtchen
Fuhrt ihr in lustgem Zuge hin,
Da kamen Frauen, kamen Mädchen,
Voran die Bürgermeisterinnicht identifiziert.;


Sie haben ihre Freiheitsboten
Ins traute Städtchen eingeführt
Und ihnen Speis und Trank geboten.
Drauf ward gejubelt, banquettirt. –


Der Morgen führt die Freunde weiter,
Und über Beg/r/g und Thal umher
Lacht Sonn’ und Himmel freundlich heiter;
Allein das Herz ist trüb und schwer. |


„O könnt’ ich ewig bei Dir weilen,
Du blonde Maid am blauen Rhein!
So aber müssen diese Zeilen
Dir einzig Angedenken sein.


„Und was uns beide stolz belebet,
Die hohe Gluth fürs Vaterland,
Ihr bleibe treu, die dich umschwebet,
In der sich Herz zum Herzen fand.“ –


Ein letzter Blick. Da rollt der Wagen,
Es wehen Tücher hier und dort.
Im Morgenwind hinaus getragen,
Verhallt das letzte Abschiedswort. ––


Als glorreich manDiese und die beiden folgenden Strophen hat Wedekind später in überarbeiteter Form in sein Gedicht „Ein politisch Lied. Von Germanias Ehestand“ (1897) übernommen [vgl. KSA 1/I, S. 469-472]. das große Werk begonnen,
Da hoffeSchreibversehen, statt: hoffte. jeder auf ein glücklich End’. ––
Wie schaarten sich des Vaterlandes Sonnen
Zum Strahlenkranz im ersten Parlament!
Die Furcht entfloh, Muth und Betheurung blieben,
Nicht ferner mehr zu beugen das Genick. –
Wie herrlich schoß empor in jungen Trieben
Der starke Keim der deutschen Republik!


Doch als nunmehr vom Kampfe der Gedanken
Des stolzen Domes Wölbung wiederklang, |
Als Aller Herzensgluth in heil’gen Schranken
Nach des Gesetzes weiser Fassung rang,
Da fiel ergrimmter Feinde kaltes Wüthen,
Fiel nah und fern der Freunde Mißgeschick,
Wie Reif im Frühling, auf die ersten Blüthen
Am Lebensbaum der deutschen Republik. –


Und als ein volles Jahr dahingegangen,
Da sank die letzte Hoffnung in den Sand:
Das Volk erdrückt, verzagt in Angst und Bangen!
Und all’ die Besten aus dem Vaterland,
Sie legten trauernd im erwachten Lenze
Den welken Traum, mit thränenvollem Blick,
Und der Verbannung düstre Dornenkränze
Auf’s junge Grab der Deutschen Republik. ––


Nächtlich durch die stillen Fluthen
Zieht ein Dunkles Schiff daher.
Spiegelnd der Gestirne Gluthen
Sprüht und glüht das weite Meer.


Während Wind und Wellen schliefen,
Lehnt ein Mann sich über Bord; |
Mit dem Murmeln in den Tiefen
Tauscht er sinnend Wort um Wort.


„Geister, euer leises Künden
Trifft in Räthseln nur mein Ohr. –
Werde je ich wiederfinden,
Was ich, ach, so früh verlor?


„Finsterniß ließ ich im Rücken;
Und entflohn der düstern Zeit,
Dehnt sich neu vor meinen Blicken
Ungewisse Dunkelheit.“ –


Aus den Tiefen murmelnd rauschet
Auf und nieder süßer Klang;
Und der müde Pilger lauschet
Und vernimmt den Geistersang:


„Hast die Heimat auch verloren,
Zittre nicht, du starker Held!
Aus den Stürmen neugeboren,
Nimmt dich auf die neue Welt.


„Neue Freuden, neue Leiden
Bringt die künft’ge Zeit daher.
Und dereinst wird auch das Scheiden
Von der neuen Welt dir schwer.


„Doch Du siehst die Heimat wieder,
Und der herbe Schmerz entwich;
Und die alten Kampfesbrüder
Segnen und umarmen Dich.“ –– |


In leichtem Kahne geht die lust’ge Fahrt
Den Fluß hinauf durch Urwald„Nach dem Scheitern der 1848-Revolution wanderte Wilhelm Wedekind 1849 wie viele andere enttäuschte Republikaner nach Amerika aus. Er trat seine erste Amerikareise von Paris aus am 12.3.1849 an. Abfahrt von Southhampton am 17.3.1849 nach Aspinwall (Panama). An der Ostküste Panamas angelangt, durchquerte er, eine Eisenbahnlinie zum Pazifik war noch nicht gebaut, die Urwälder des Isthmus von Panama per Fluss- und Landreise, um nach längerem Aufenthalt in Panama-Stadt von dort aus per Schiff nach San Francisco weiterzureisen, wo er am 5.9.1849 ankam“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 98; vgl. Kieser 1990, S. 31, Bertschinger 2001, S. 91 f., Parker 2020, S. 25, Anm. 25]. viele Tage.
Zwei Neger, unbekleidet und krausbehaart,
Bewegen Das Ruderpaar in gleichem Schlage.
Auf beiden Ufern niedere Dörfer stehn,
Und Indianermädchen, schlank und schön,
Ruhn unten am Fluß, die bunten Gewänder zu waschen.
Allein sobald die Kähne sie überraschen,
Fliehn sie leichtfüßig hinauf mit ängstlichen Schritten
Und bergen sich in den traulichen Bambushütten. ––


Zu Land und wieder in Kähnen gelangtet ihr dann
Nach langer Fahrt an den stillen Ocean,
Worauf ein starkes Schiff in schnellem Flug
Dich durch das goldene Thordas „Golden Gate“, die Meerenge, zwischen der Bucht von San Francisco und dem Pazifik. in’s neuentdeckte,
In’s glückverheißende Californien trug,
Das manchem schon vergoldete Hoffnung weckte.


Dort in der neuen Heimat fing
Für dich ein neues Dasein an.
In Fleiß und steter Arbeit ging
Das Leben langsam seine Bahn.


Da ward gar manchen Trost und Heil,
In kluger Menschenfreundlichkeit,
Durch deine sich’re Kunst zu Theil,
Die gern zum Helfen stets bereit. |


Die Stadt vor frecher Mordbegier
Zu retten, schwangst du dich zu Pferd,
Hieltst Wachegemeint ist vermutlich das San Francisco Committee of Vigilance, eine 1851 und 1856 für jeweils drei Monate ins Leben gerufene Bürgermiliz zur Bekämpfung der wachsenden Kriminalität. Das Komitee war für mehrere Hinrichtungen und Deportationen verantwortlich. Eine Mitgliedschaft Friedrich Wilhelm Wedekinds „hat sich bisher nicht nachweisen lassen“ [Parker 2020, S. 32]. vor der Kerkerthür,
In starker Faust das blanke Schwert.

Am Abend wurden sie gebracht,
Die Geisterstunde sprach Gericht.
Und als der junge Tag erwacht,
Da hingen sie im Morgenlicht. –

Drauf wieder froh und ungetrübt,
Gemessen Jahr um Jahr verstrich.
Geehrt von Allen und geliebt,
Belasten stolze Würden Dich.

Am hohen Schillerfeste„Wilhelm Wedekind gehörte zu den Mitorganisatoren der Feier zum 100. Geburtstag Friedrich Schillers in San Francisco am 10. November 1859, zu der er einen ‚Californischen Festgesang zu Schiller’s Jubelfeier‘ beisteuerte“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 99; der Text ist abgedruckt ebd. S. 270-272]. sang
Die Muse dir ein rauschend Lied,
Das hell in tausend Stimmen klang
Und tausend Herzen wild durchglüht.

Es glüht das Herz, es schallt das Lied
Wol durch der Freunde traute Reih’n,
Und in des Dichters Seele zieht
Ein niegeahntes Sehnen ein.

Und mächtig, mächtig schwillt sein Herz,
Umsonst sucht es das Losungswort.
Das Aug’ blickt fragend himmelwärts
Und findet keine Tröstung dort.

Da flammt es auf in wilder Pracht,
Da plötzlich wird ihm sonnenklar,
Daß es der Liebe Zaubermacht,
Daß es der Liebe Leiden war.

So sank der Flor, da sprach der Mund;
Da war ein liebend Jadie Zustimmung von Wedekinds Mutter, seinen Vater zu heiraten. Friedrich Wilhelm Wedekind notierte am 13.5.1862 in seinem Kalifornischen Tagebuch: „Das Wort ist ausgesprochen. [...] Wir sind einig. [...] Wir werden uns niemals trennen, wir werden immer beisammen bleiben, um ganz Eines für das Andere zu leben.“ [Parker 2020, S. 211] Die Eheschließung fand am 28.3.1863 in Oakland statt. bereit,
Da ward ein fester Seelenbund
Geschlossen für die Ewigkeit. |

Und wurden später dir auch zu theil
Im Glück noch leidige Schmerzen,
So wünschen heute dir Freud und Heil
Sechs frohe Kinderherzen.

Und beten, daß sie noch manches Jahr
Dies schöne Fest erleben,
Und daß der Friede mög’ immerdar
Ob deinem Haupte schweben.

Und daß am Himmel, ob deinem Haupt
Des Glückes Sonne glänze;

Daß Dich, mit heiterem Grün belaubt,
Noch mancher Frühling kränze.

Uns aber laßt streben im Verein,
Getreu Ge und ohne Wanken,
Des edlen Vaters werth zu sein,
Dem wir die Welt verdanken.

Und laßt uns wallen durch die Welt
Am starken Wanderstabe
Der Freiheit, den er uns gesellt
Als höchste Gottesgabe.

Mit freiem, unbefangnem Sinn
Geweiht dem Großen, Hohen,
So gingst du durch die Jahre hin;
Die Dir vorüberflohen.

Vorüber flohen siebzig Jahr
In Freud’ und redlichem Ringen.
So laß dir, Vater, Du Jubilar,
Durch Deiner Kinder beglückte Schaar
Ein dreifaches Vivat! bringen! –– |


II. Mos. 20. 12. Hinweis auf das 2. Buch Moses im Alten Testament der Bibel: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt!“ Der Vermerk befindet sich am unteren Rand von S. 47.––

Frank Wedekind schrieb am 26. März 1886 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

München, 26.III.86.


Lieber Papa,

herzlichen Dank für die liebevolle Freundlichkeit, mit der Du meinem PoemaWedekinds Briefgedicht „UNSERM LIEBEN VATER DR.. F. WEDEKIND zum siebzigsten Geburtstage“ [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 20.3.1886 und KSA 1/I, S. 205-235 sowie KSA 1/II, S. 2109-2122], das die Biographie des Vaters bis zu seiner Heirat nacherzählt. entgegengekommen bistHinweis auf ein nicht überliefertes Antwortschreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 24.3.1886.. Ich weiß sehr wol, daß es stellenweise nur allzusehr derselben bedarf. Es fehlte mir eben zu Beginn vollständig das Augenmaß und indem ich dann den Stoff unter meinen Händen über Berechnung hin anwachsen sah, mußt ich manches stehen lassen, was ich gerne schöner und treffender gesagt hätte. Doch tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß | ja diese einmalige Behandlung des so hochpoetischen Stoffes eine zweite vollkommenere ja durchaus nicht ausschließt und daß das Motiv, deine Pilgerfahrt durchs Leben, ja so ungemein reich an den buntesten Momenten ist, daß es bei sorgfältiger Bearbeitung leicht auch für einen allgemeineren Leserkreis Interesse gewinnen würde. – Auch für mein erstes Honorar sag ich dir meinen besten Dank; ich hab’ es auf das würdigste verwendet und angelegt, und wag’ es noch nebenbei als eine recht schöne Vorbedeutung für spätere Zeiten zu nehmen. Auch die beiden PhotographienDie dem Brief beigelegten Kunst-Photographien sind nicht überliefert. haben mir große Freude bereitenSchreibversehen, statt: bereitet.. Nicht weniger die von Julio Romano als die von | Titian. Wenn ich überdenke was ich an alten und neuen Bildern seit meinem AustritSchreibversehen, statt: Austritt. in die Welt nun alles gesehen habe, so sind doch die Schöpfungen TitiansReproduktionen von Bildern Tizians hatte Wedekind auch selbst erworben und seinem Vater davon berichtet [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 9.1.1886]. diejenigen, bei denen ich im Geist am liebsten verharreweile. Diese herrliche Lebensfülle, verbunden mit der hohen und zugleich lieblichen Schönheit und vor allem die tiefe wunderbare Farbenpracht, sind so bestrickende Vorzüge, daß sie den Blick sich nicht abwenden lassen.

Über alledem hab’ ich bis jetzt noch ganz vergessen, Dir, lieber Papa, für dein eigenes BildDas Bild des Vaters, vermutlich eine Photographie, lag wahrscheinlich dem Brief des Vaters von Ende Januar bei [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 31.1.1886]. zu danken; und doch stand dasselbe während der ganzen ZeitWedekind arbeitete spätestens seit Anfang Februar an dem Geburtstagsgedicht für den Vater [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 1.2.1886]., da ich b/a/bends an dem Festpoema arbeitete, vor mir auf dem Tisch und half mir in liebevollster Weise überall wieder auf die Spur | wo mich mein GedächtnißWedekind dürfte die Biographie des Vaters aus dessen Erzählungen gekannt haben. zufällig zu verlassen drohte.

Vor ungefähr einem Monat fragt ich bei H. Professor WagnerWedekinds Vater hatte seinem Sohn wiederholt aufgetragen, „Professor Moritz Wagner“ [Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 31.1.1886] zu grüßen [vgl. zuerst: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 22.7.1885], der seit 1862 Honorarprofessor für Ethnographie und Geographie an der Universität München und Direktor der ethnographischen Sammlungen war, wohnhaft Maximilianstraße 21, 1. Stock links [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1885, Teil I, S. 548]. Friedrich Wilhelm Wedekind hatte ihn während seines Türkeiaufenthalts am 1.10.1843 in Samsun kennengelernt [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind: Tagebuch 1835 – 1847. AfM Zürich, PN 169.1: 301]. in einem kurzen höflichen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Moritz Wagner, 24.2.1886. , worin ich mich ihm vorstellte, an, wann ich ihm meine Aufwartung machen dürfe. Er schrieb mir darauf ein sehr freundliches Billetvgl. Moritz Wagner an Wedekind, 25.2.1886., worin er bedauerte, mich nicht empfangen zu können, da er schon seit Wochen an einer Bronchitis leide und der Arzt ihm das Sprechen strengstens untersagt habe. Er bittet mich, Dir für Deine freundliche Erinnerung seinen Dank auszusprechen und Dich/r/ ihn bestens zu empfehlen. Seither hab ich nichts mehr von ihm vernommen.

Die Fleischmannsche AusstellungGemäldeausstellung der Hof-, Buch- und Kunsthandlung E. A. Fleischmann (Inhaber: Albert Riegner) (Maximilianstraße 1) [vgl. Adreßbuch von München 1886, Teil I, S. 126] im Münchener Odeon: „(Kgl. Odeon.) Im Laufe dieser Woche eröffnet die E. A. Fleischmann’sche Hofkunsthandlung in ihrem eigenen Parterre-Lokale, sowie in zweien besonders hiezu arrangirten Sälen des ersten Stockes eine größere Kunstausstellung. Wie wir vernehmen gelangt eine größere Anzahl neuer Werke hiesiger Künstler zur Ausstellung, worunter das soeben vollendete Werk von Professor Gabriel Max ‚Die Himmelskönigin.‘ Die Ausstellung enthält u. a. noch die bekannten Abundantiabilder von Hans Makart, sowie das Colossalgemälde von George Rochegrosse ‚Bauernaufstand‘, welches in der diesjährigen Salonausstellung in Paris großes Aufsehen erregte.“ [Bayerischer Landbote, Jg. 61, Nr. 162, 22.7.1885, S. (3)]. Die Ausstellung wurde auch an anderen Orten gezeigt, so im „Ausstellungssaal von Rudolf Bangel in Frankfurt a. M.“ mit dem Bild von Rochegrosse sowie „Werken der hervorragendsten modernen deutschen Meister, wie A. Achenbach, Brandt, Defregger, Diez, Hugo Kauffmann, Herm. und Fritz Aug. Kaulbach, Gabriel Max, Klaus Meyer, Pilow, Schreyer, Voltz u. a.“ [Illustrirte Zeitung, Bd. 86, Nr. 2220, 16.1.1886, S. 65] sah ich schon vor geraumer Zeit | hier in München. Sie enthielt damals ein großes Historienbild„La Jacquerie“ (Bauernaufstand) von Georges-Antoine Rochegrosse wurde erstmals 1885 auf der Ausstellung im Pariser Salon gezeigt, anschließend in München, Frankfurt am Main, Leipzig und Wien. Es zeigt eine Szene aus dem französischen Bauernaufstand von 1358. Die Presse schrieb: „Dieses Bild des Eindringens eines wütenden Bauernhaufens in das Innere eines mittelalterlichen Schlosses, wo sie die Familie des eben ermordeten Schloßherren in Todesangst zusammengedrängt finden und ihr dessen Haupt sowie sein Herz auf Piken gesteckt zeigen, spricht ein hervorragendes dramatisches Talent aus. Besonders die Großmutter, welche sich schützend vor ihre Tochter und deren Kinder stellt, eine glücklich erfundene, imponierende Gestalt, und auch die entsetzt die Eindringenden anstarrenden Kinder sind im Ganzen gut geschildert. Weit weniger wird man sich mit den mehr wie die Insassen eines Irrenhauses als wie Bauern aussehenden Aufständischen befreunden können. Hier wie beim ganzen Bild hat der Maler ganz offenbar seine Erinnerungen an die Commune in Paris und die Schreckensszenen jener furchtbaren Zeit verwertet, und dadurch allerdings seiner Darstellung eine gewisse packende, unmittelbare Wahrheit gegeben, die freilich mehr zurückstoßender, ja entsetzender, als eigentlich tragischer Art ist.“ [Friedrich Pecht: Unsere Bilder. In: Die Kunst für Alle. Jg. 1, Heft 3, 1.11.1885, S. 42] von dem jungen Franzosen Rochgrosse, das durch seinem/n/ hochdramatischen EfectSchreibversehen, satt: Effect. und besonders durch die fast ins Abstoßende getriebene Realistik meine Aufmerksamkeit erregte. Die neuen Gemälde haben allerdings alle beinahe ohne alle Kritik einen ung/v/erhältnißmäßig hohen Preis und es giebt wol kaum eine Waare, die im Werthe mit dem Alter so schnell und so tief herabsinkt, wenige Meisterleistungen von unbestrittener Schönheit natürlich ausgenommen. Schon aus diesem Grunde ist wol das Princip, von dem Du Dich beim Sammeln von Kunstwerken leiten läßt, das U untrüglichste, und ich freue mich darauf, bei meiner Rückkehr die Stücke sehen zu dürfen, | mit denen Du neuerdings Deine Gallerie beschenkt hast.

Im nächsten Semester würd ich sehr gerne noch hier in München bleibenWedekinds Vater hatte bereits im Sommer 1885 einen gemeinsamen Studienortwechsel von Armin und Frank Wedekind nach Zürich gewünscht [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 22.7.1885]. Frank Wedekind blieb jedoch in München, brach sein Studium dort aber im Sommer 1886 ab.. Es währt ja nur drei Monate lang und die Zeit die ich zur Reise und zum Einwohnen in einem Anderen Ort brauchen würde, kann ich hier besser verwenden. Um die Welt ist es mir auch einstweilen noch nicht sehr zu thun. Später wenn ich erst etwas gelernt habe und an ein g/b/estimmtes Ziel gelangt bin, hoff’ ich sie mir noch in aller Muße n/b/etrachten zu können.

Von der großen RaufereiDie Presse berichtete: „(Schlägerei.) Der Polizeibericht meldet: ‚In der Nacht von Samstag auf Sonntag kam es in einer Wirthschaft an der Blüthenstraße zwischen deutschen und griechischen Akademikern und Studenten zu einem größeren Raufexceß, in dessen Verlauf ein Bildhauer aus Schlesien eine gefährliche Stichwunde erhielt. Derselbe wurde in das allgemeine Krankenhaus verbracht.‘ [...] Namentlich sollen die Griechen den Gesang der deutschen Nationalhymne durch Spottlieder unterbrochen haben.“ [Allgemeine Zeitung Nr. 82, 23.3.1886, 2. Beilage, S. (1)] die hier, dicht in meiner Nähe, zwischen Griechen und Norddeutschen stattfand, wirst du vielleicht in der Zeitung etwas gelesen haben. Gleich tags darauf sprach ich zufällig | einen von den Ärzten, die man in der Schreckensnacht herbeigerufen hatte. Von den zwei schwerverwundeten Norddeutschen soll bereits der Eine im Spital gestorben sein.

Ich g/b/in glücklicherweise in letzter Zeit sehr wohl gewesen. Deine Mahnungvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 31.1.1886. betreffs Schlittschuhlaufens nahm ich mir zu Herzen und nützte die anhaltende Kälte der letzten Wochen noch nach Kräften aus. Plötzlich schlug dann das Wetter um und seit einigen Tagen haben wir eine schwühle drückende Hitze. Übrigens hat es jetzt allen Anschein, als will es Regen geben und im April und Mai wird sich wol auch der Schnee wieder einstellen. Ich hoffe, lieber Papa, daß auch Dich dieser Brief recht wohl antreffen möge. Mama laß ich aufs herzlichste für ihre lieben Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 15.3.1886. danken und | werde sie bei nächster Gelegenheit beantworten. Mit den herzlichsten Grüßen vor allem an Dich, lieber Papa, wie auch an die a/A/nderen, bin ich dein dankbarer Sohn Franklin.


P. S. Es war mir nicht möglich die BranntweinschenkeEine Abbildung des Ölgemäldes „In der Branntweinschänke“ (1883) des Münchner Genremalers Eduard Grützner (Praterstraße 7) [vgl. Adreßbuch von München 1886, Teil I, S. 168] findet sich in den jüngst vergangenen Ausgaben der „Illustrirten Zeitung“ nicht. Von seinen beliebten Trinkbildern war zuletzt eine Reproduktion von „In der Klosterschäfflerei“ (1883) abgedruckt [vgl. Illustrirte Zeitung, Bd. 85, Nr. 2209, 31.10.1885, S. (19)]. in ei/de/r illustr. Zeitung zu finden und somit liegt hier die Photographie beiDie beigelegte Photographie des Bildes ist nicht überliefert.. Grützners neustes Werk ist der Auerbachs Keller1885 entstandenes Gemälde von Eduard Grützner nach einer Szene in Goethes Tragödie „Faust“. Die Presse urteilte: „Die meisten Figuren dieses Bildes sind in Bezug auf Lebendigkeit und Schärfe der Individualisierung, in Bezug auf die Beredsamkeit des Ausdrucks wahre Kabinettstücke.“ Das Bild sei „bis zum geringsten Detail mit gleichmäßiger Sorgfalt und mit blendender Wirklichkeitstreue gemalt [...] Ohne Frage kann man ‚Auerbachs Keller‘ von Ed. Grützner den bedeutendsten Kunst-Schöpfungen desselben beizählen.“ [Die Kunst für Alle, Jg. 1, Heft 5, 1.12.1885, S. 73] aus dem Faust, der mir aber nicht sonderlich imponirt. Es scheint mir eben nur die Kneiperei wiedergegeben, ohne den Goetheschen Geist der dieselbe belebt.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 20. April 1886 in Lenzburg
an Frank Wedekind

[1. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind, 26.4.1886 aus München:]


[...] herzlichen Dank für Deinen lieben Brief [...]


[2. Notiz zum Kontext, Hinweis und Zitat in Kutscher 1, S. 140:]


[...] in Lenzburg [...] im April 86 [...] zu Besuch [...]. Karl Henckell hatte [...] mit Hermann Conradi die Einleitung der 1885 von Wilhelm Arent herausgegebenen Anthologie „Moderne Dichtercharaktere“ geschrieben, in der er auch mit Gedichten vertreten war. Wedekinds Vater berichtet nach München: „Sie wollen mit noch einigen anderen die ganze Lyrik reformieren, das Ideale, dessen sich Schiller und Goethe schuldig gemacht haben, ganz und gar verbannen und die Lyrik mehr dem jetzigen alltäglichen, realistischen Leben anpassen, wie es Zola in seinen Romanen getan hat.“

Frank Wedekind schrieb am 26. April 1886 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

München, Ostermontagder 26.4.1886., 86.


Lieber Papa,

herzlichen Dank für Deinen lieben Briefvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 20.4.1886 (Briefzitat). und für das MonatsgeldWedekind erhielt von seinem Vater als Student 120 Mark pro Monat [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 31.1.1886].. Die Ferien sind mir hier ziemlich eintönig vorübergegangen, indem ich keine weiteren Ausflüge unternommen habe. Das war auch wegen der im höchsten Grade unbeständigen Witterung gän fast unmöglich. Indessen hab ich mich die ganze Zeit über ernstlich beschäftigt und dabei doch nicht unterlassen auf vielen Spaziergängen | in die nächst UmgebungSchreibversehen, statt: nächste Umgebung. den aufkeimenden Frühling zu beobachten. Heute hat nun das neue Semester begonnen aber die Vorlesungen werden erst während des Laufes dieser Woche wieder aufgenommen. Das Semester dauert nur 3 ½ Monat und darum gedenk ich nicht viel zu belegen; ich habe immerhin Gelegenheit nebenher noch einige Publiceöffentliche Vorlesungen. zu besuchen und anderweitig zu hospitiren. Ich höre 5stündig Deutsches Handels Wechsel und Seerecht, fünfstündig Kirchenrecht und vierstündig System der Staatswissenschaft und Politik, zusammen 14 Stunden à 4 Mark 56 M = 70 Fr. dazu 6 M für | Umschreiben der Matrikel.

Was Du mir über die beiden jungen Hannoveranerdie Brüder Gustav Henckell, seit 1886 Konservenfabrikant in Lenzburg (Henckell, Zeiler und Cie, später Hero), und Karl Henckell, Schriftsteller, der aufgrund von politischer Verfolgung im Deutschen Reich im April 1886 nach Lenzburg gekommen war. in Lenzburg schriebst hat mich sehr interessirt und ich bin gespannt, die Herren nächsten Sommer k/s/elber kennen zu lernen. Von dem UnglückMoritz Dürr war bei einer Wanderung in den Schweizer Bergen tödlich verunglückt. Wedekind hatte Meldungen dazu aus nicht näher identifizierten Zeitungen ausgeschnitten und aufbewahrt [vgl. Mü FW B 35]; darin hieß es: „Soeben vernehmen wir die Trauerbotschaft, daß letzten Sonntag den 18. dieß der 23jährige talentvolle Kunstschüler der Akademie von München, Moriz Dürr von Burgdorf, Großsohn des Med. Dr. Häusler sel. und ehemaliger Schüler der Lenzburger Bezirksschule am großen Mythen bei Schwyz verunglückt ist.“ Über den Unfallhergang hieß es in einer anderen Meldung: „Vier Mann suchten ihn […] und folgten den Spuren seiner Fußtritte im Schnee. […] in die Kehlen gegen Zwischen-Mythen war aus dem Mythenwege eine große Schneemasse abgestürzt; sie ist unter Dürr’s Schritten, trotz dessen Vorsicht, gewichen, so daß der unglückliche Mann mit der Lawine unrettbar die fürchterliche Fahrt in die Tiefe machen mußte.“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 26, Nr. 116, 27.4.1886, Erstes Blatt, S. 2] Schließlich meldete die Presse den Fund des Leichnams: „Die Leiche des Malers Dürr von Burgdorf, welcher trotz allseitiger Abmahnung den Mythen bestieg und verunglückte, ist laut ‚Luz. Tagbl.‘ letzten Samstag Abends im tiefen Schnee am Fuße des Kegels im sogenannten ‚Wannenweidli‘ ziemlich verstümmelt aufgefunden und am Montag nach Burgdorf überführt worden.“ [Der Bund, Jg. 37, Nr. 116, 28.4.1886, S. (4)] Wedekind ging später davon aus, dass Moritz Dürr mit dieser Wanderung „planmäßig an die Ausführung seines Selbstmordgedankens“ [Josef M. Jurinek: Frank Wedekinds literarische Anfänge. Unveröffentlichte Bekenntnisse des Dichters, in: Neues Wiener Journal, Jg. 24, Nr. 8215, 12.9.1916, S. 5] gegangen sei. was meinen Freund MDürMoritz Dürr hatte bis zum Sommer 1878 gemeinsam mit Wedekind die Bezirksschule Lenzburg besucht. Wedekind schrieb seinen Namen in ein chronologisches Verzeichnis am Ende seines Münchner Tagebuchs: „1877 Moritz Dür“ [Tb, nach 22.10.1890 (S. 114)]. Nach seinem Studium in Paris 1884/85 immatrikulierte er sich am 24.11.1885 an der Akademie der Bildenden Künste in München für das Fach Druckgraphik [vgl. Akademie der Bildenden Künste München, Matrikelbuch 3, 1884-1920, https://matrikel.adbk.de/matrikel/mb_1884-1920/jahr_1885/matrikel-00227, Zugriff am 29.8.2024]. betroffen, wirst Du wol auch gehört haben. Es ist das ein unendlich trauriges Geschick und doch nur der/ie/ Au Unterbrechung eines beinah ebenso traurigen Lebenspfp/a/des. Er war eben bei aller Herzensgüte mit einem e/s/ehr unglücklichen Naturel(frz.) Naturell. begabt und dazu hatten ihm die zwei Jahre in Paris allen Idealismus und alle Liebe zu seinem Beruf genommen, der ja an und für sich schon ein halbes Märtyrerthum ist. | Als er letzten Herbst hierher kame, nahm ich ihn in alter Freundschaft auf und führte ihn auch in meinen Bekanntenkreis ein. Aber schon bald nach Neujahr begann er mich, ich weiß nicht warum, zu meiden und wenn ich ihn aufsuchte, ging er mir aus dem Weg. Ich hatte ihn schon drei Wochen lang nicht mehr gesehen, als ich eines Tages von seinen Collegen erfuhr er sei seit acht Tagen verreist und zwar nach Nürenberg und müsse in den nächsten Tagen wieder zurückkommen. J/U/m die selbe Zeit will ihm aber eine Damenicht identifiziert. die ihn genau kannte hier in München auf der Straße begegnet sein. Zwei Tage drauf kam einer S/s/einer Pariser Mitschülernicht identifiziert. mit der Trauerbotschaft zu | mir aufs Zimmer, daß er auf den MythenBergmassiv in den Schwyzer Alpen mit zwei Gipfeln, dem Grossen Mythen (1898 m) und dem Kleinen Mythen (1811 m). gestiegen und nicht wieder heruntergekommen sei. Wir hofften noch Alle zusammen, es mit einem Irrthum oder einer MystificationTäuschung. seinerseits zu thun zu haben, bis uns endlich ein ausführlicherer Briefnicht überliefert; wer der Absender dieses Briefes war und an wen aus der Studentengruppe er adressiert war, ist nicht ermittelt, möglicherweise stammte er von dem Freund, den Moritz Dürr den Zeitungsmeldungen zufolge in Schwyz besucht haben soll [vgl. Mü FW B 35]. und die officielle Anzeigevgl. Ludwig Dürr-Heusler an Wedekind, 25.4.1886. außer allen Zweifel setzte. In den nächsten Tagen wird nun wol sein Vater hierherkommen, der sich meine Adresse hat mittheilen lassen. Seine Effectenbeweglicher Besitz. sind noch sämmtlich hier in München auf seiner Stube; seiner Wirthin„Frau Knapp“ [Ludwig Dürr-Heusler an Wedekind, 29.6.1886]; vermutlich Therese Knapp, geborene Ostler, seit 1886 Ehefrau des Kunstmalers Gottlieb Knapp, Rambergstraße 1, 2. Stock; in unmittelbarer Nähe der Akademie der Künste, an der Moritz Dürr studierte [vgl. Münchner Adressbuch 1886, Teil I, S. 256 und Teil II, S. 381 sowie: Das geistige Deutschland am Ende des XIX. Jahrhunderts. Bd. 1. Die bildenden Künstler. Leipzig 1898= https://wbis.degruyter.com/biographic-document/D469-285-7/images/1]. aber hat er von Schwyz aus ein Billet geschrieben, daß er bald wieder zurückkommen werde. – |

In der Charwoche hab ich fast alle Tage Kirchenmusik gehört, darunter sehr alte von Palästrina. Da nicht geläutet werden durfte, so wurde ähnlich wie auf den türkischen Minarets mit Hülfe einer Klappermaschinedie Karfreitagsratschen, mit denen in katholischen Gegenden von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag statt des Glockenläutens zum Gottesdienst gerufen wird. zur Kirche gerufen. Am Ostermorgen brachte mir meiner Wirthin Töchterleinnicht identifiziert; Wedekind wohnte im 3. Stock der Schellingstraße 27, vermutlich bei der Privatierswitwe Maria Fischer [vgl. Adreßbuch von München 1885, Teil II, S. 407 und 1886, Teil II, S. 416]. einen halben Osterfladen, zwei harte Eier, einigen Schinken, einen Rettig und Salz, alles kirchlich geweiht und gesegnet, zum FrühstückBeim Osterfrühstück werden in katholischen Gegenden traditionell Speisen verzehrt, die im Osterweihkorb mit zu einer der Ostermessen gebracht und gesegnet wurden.. Es ist das hier eine uralte Sitte die halb im Christenthum halb im Judenthum und sogar ein wenig auch im altgermanischen Heidenthum wurzelt. |

Am Nachmittag war ich im Nymphenburger Park und habe einiges gezeichnet. Am Abend ging ich ins ConcertWelches der zahlreichen Münchner Osterkonzerte Wedekind besuchte, ist nicht ermittelt; im Königlichen Odeon fand am 25.4.1886 ein Konzert der Musikalischen Akademie statt mit Werken von Lachner, Brahms und Beethoven [vgl. Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 39, Nr. 114 u. 115, 24.4.1886, 1. Blatt, S. 12]. und nachher traf ich eine Gesellschaft Musiker mit ihren Frauen. Einer war darunter, der, aus Nürenberg gebürtig Bürgerder Cellist Friedrich Hilpert (Theresienstraße 7) [vgl. Adreßbuch von München 1886, Teil I, S. 205]; er war 1865 Mitbegründer des Florentiner Quartetts von Jean Becker, dem er bis 1875 angehörte. Als Solist war er an der k. & k. Hofoper Wien, an der Meininger Hofkapelle sowie der königlichen Hofkapelle in München tätig; seit 1884 auch als Lehrer an der königlichen Musikschule in München. In der Namensliste am Ende seines Münchner Tagebuchs notierte Wedekind 1890: „Fritz Hilpert, Cellist mit Frau“ [Tb, S. 56]. der Stadt Zürich ist. Er ist seiner Zeit mit einem florentiner Quartett in der ganzen Schweiz herumgekommen. Mit WagnerRichard Wagner lebte von 1849 bis 1858 als politischer Flüchtling in Zürich, von 1866 bis 1872 bewohnte er das Tribschener Landhaus am Vierwaldstättersee. war er zuerst in Zürich, später am Vierwaldstättersee. Von Zürich aus ist er in Gesellschaft Wagners oft nach Bendlikon gekommen zum Grafen PlaterDer polnisch-litauische Graf Władysław Plater, seit dem 13.4.1844 verheiratet mit der Schauspielerin Karoline Bauer, lebte seit 1863 in Kilchberg bei Zürich. und dessen Frau; dann auch zu einem gewissen Herrn Obristvermutlich der Arzt Kaspar Obrist aus Kilchberg, der half, Richard Wagners Hund einzuschläfern: „Ich miethete mir einen Kahn, und fuhr eine Stunde weit auf dem See zu einem mir bekannten jungen Arzte, dem Dr. Obrist, von dem ich wusste, dass er mit einer Dorfapotheke verschiedene Gifte acquirirt hatte.“ [Richard Wagner: Mein Leben. Dritter Teil: 1850 – 1861. München 1911, S. 625], der damals in ganz Zürich was Musik anbelangt tonangebend gewesen sein soll. Ich müßte mich sehr irren, wenn du uns nicht bei unserem Aufenthalt | in BendlikonIn Bendlikon am Zürichsee hielt sich die Familie Wedekind erstmals im Sommer 1865 auf, gemeint ist aber wohl die gemeinsame Reise des Vaters mit seinen Söhnen Armin und Frank im Sommer 1872. öfters von dem Herrn Obrist erzählt hast. – Die FrauDie Wienerin Wilhelmine Romano hatte Friedrich Hilpert am 20.6.1870 geheiratet. Sie wird von Wedekind in seinem Münchner Tagebuch mehrfach erwähnt: „Ich breche eine Lanze für Frau Hilpert.“ [Tb, 4.2.1890] dieses Herren ist eine Wienerin, sehr fein gebildet, etwas excentrisch und sehr lustig. Ich hab mich recht gut mit ihr unterhalten.

Jetzt leb wol, lieber Papa; Herzlichste Grüße an Mama und an die Kleinen. Vor allem an Dich selber von Deinem treuen Sohn Franklin.


P. S. Das Collegiengelddas an die Professoren für das Hören ihrer Veranstaltungen zu entrichtende Geld. pressirteilt. gar nicht. Es macht nichts aus, wenn ich es auch erst nächsten Monat erhalte.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 27. April 1886 in Lenzburg folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[1. Hinweis in Wedekinds Brief an Bertha Jahn vom 1.5.1886 aus München:]


Sie haben am Krankenbette meines Vaters gesessen [...] Er nennt Sie seinen rettenden Engel [...]


[2. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 6.5.1886 aus München:]


[...] Papa’s Brief [...] Der liebe Brief [...] aus Papa seinem Schreiben [...] Papa schrieb mir [...]


[3. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 28.5.1886 aus München:]


[...] herzlichsten Dank für Deinen großen interessanten Brief [...]


[4. Hinweis in Friedrich Wilhelm Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 31.5.1886 aus Lenzburg:]


[...] wirst Du Dich erinnern, daß ich Dir vor einem Monat M 49 schuldig blieb [...] Als ich Dir in meinem letzten Briefe von der Anthologie der neuen Dichterschule sprach [...]


Frank Wedekind schrieb am 28. Mai 1886 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

München 28.V.86.


Lieber Papa,

herzlichsten Dank für Deinen großen interessanten Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 27.4.1886. , in dem du mich, nachdem du dich kaum vom Krankenlager erhoben, so genau über alle heimischen Verhältnisse unterrichtest. Mama schrieb mirnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 18.5.1886. dann vom 18., daß du wieder ausgehest und dich des schönen Wetters erfreutest und ich hoffe, daß du dich seither immer mehr erholt | hast. Freilich hattest du dir bei Gelegenheit von Willis AbreiseWilliam Wedekind, von seinem Vater und seinem Bruder Donald bis nach Basel begleitet und nach Paris weiterreisend, wie aus einem Brief von Wedekinds Schwester Emilie hervorgeht [vgl. Emilie (Mati) Wedekind an Frank Wedekind, 23.4.1886], schiffte sich am 24.4.1886 in Le Havre nach New York ein. so viele Strapazen zugemuthet, daß sich die schlimmen Folgen wol erklären lassen. Willis Abreise nach Amerika war es natürlich was mich darnach am meisten in Deinem Briefe interessirte. Diese Nachricht kam mir freilich sehr unerwartet und ich hätte ihn gerne vorher noch einmal gesehen und von ihm Abschied genommen. Nun darf ich wol erwarten, aus Deinen nächsten Zeilenvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 31.5.1886. etwas über seine glückliche Landung in der neuen Welt zu vernehmen. Nebenbei erfreute es mich auch sehr, zu hören, wie mannigfaltig | sich das geistige Leben Lenzburgs im Ausgange des letzten Winters gestaltet hat, und ich bin sehr gespannt darauf, die verschiedenen neuen Elemente darin kennen zu lernen. Zwei neue Dichter haben sich also eingestellt, ein schwedischerDer schwedische Schriftsteller Verner von Heidenstam ließ sich zusammen mit seiner Frau 1884 in der Schweiz nieder, zunächst in Appenzell, dann im Aargau. Im Winter 1885 quartierten sie sich im Haus Thalgarten in der Ammerswilerstraße in Lenzburg ein, seit dem 1.5.1886 auf dem benachbarten Schloss Brunegg, das Marie Hünerwadel vermietete [vgl. Edward Attendorf: Strindberg und Heidenstam begegnen sich auf Schloss Brunegg. In: Lenzburger Neujahrsblätter 1949, Jg. 19, S. 27ff. und ders.: Von den Dichtern Heidenstam und Strindberg und König Gustav IV. von Schweden (1792–1809), der als Oberst Gustavson in Lenzburg lebte. In: Lenzburger Neujahrsblätter, Jg. 29, 1958, S. 3f.] und einer von der neuen deutschen Dichterschule. Was den letzteren, den Herrn Henckel anbetrifft, so thut es mir eigendlichSchreibversehen, statt: eigentlich. leid um ihn, daß er so schmählich unter die Philister gerathen ist; denn Dr. WeltiDer Theater-, Musik- und Literaturkritiker Dr. Heinrich Welti war ein Freund Armin Wedekinds aus der Aarauer Schulzeit, der Frank Wedekind in das kulturelle Angebot Münchens einführte., der jene Ges/d/ichtsammlungdie von Wilhelm Arent herausgegebene Anthologie „Moderne Dichter-Charaktere“ (1885), über die sich Wedekinds Vater zuletzt kritisch geäußert hatte [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 20.4.1886]. Karl Henckell hatte darin neben Hermann Conradis Einleitung ein Vorwort mit dem Titel „Die neue Lyrik“ beigesteuert und war mit 20 Gedichten vertreten. genau kennt, sagt mir, daß seine Gedichte sehr hübsch, ansprechend seien und bedeutend mehr reine Poesie enthielten, als die Werke der anderen Sänger. | Übrigens wird die Anschauung der ungekünstelten Natur, wie sie ihm ja zu Hause entgegentritt, wol auch ein wenig läuternd auf seine Ideen einwirken, und du selber, der du ja über die Zeitströmungen hinaus den weiten Horizont des allgemein-menschlich Schönen mit dem geistigen Auge übersiehst, vermagst durch Würde und einigen Humor dem jungen Mann wol am besten auf die Einseitigkeit seiner Bestrebungen klarzulegen. Es sind das ja gewöhnlich nur, zumal bei so jungen Leuten momentane verirrungenSchreibversehen, statt: Verirrungen., die die überflüssige Begeisterung an den Mann bringen und gerade unsere größten Dichter haben ja ohne Ausnahme | ihre Sturm- und Drangperiode gehabt wo sie sich mit fast kindlicher naiver Freude an den blendenden Unflätigkeiten des Realismus ergötzten und sich selber für Cyniker ausgaben während ihnen indessen nichts mehr fehlte als die Hauptbedingung dazu, die Objectivität.

Über München liegt gegenwärtig eine ziemlich drückende Schwüle. Jeden Tag liest man neue Geschichten über die Verhältnisse des Königsgemeint sind die anwachsenden Schulden des Königs durch seine Bauprojekte, insbesondere von Schloss Neuschwanstein, und die drohende Zahlungsunfähigkeit der Kabinetskasse. Diese sogenannte ‚Königskrise‘ führte schließlich zur Entmündigung und Absetzung des Königs. Zunächst berichtete vor allem die auswärtige Presse darüber: „(Dementi.) Die Mittheilung auswärtiger Blätter, daß ‚nach Beschluß des Staatsrathes Sr. Maj. der König ersucht werden solle, die Bauten einzustellen und in München Residenz zu nehmen‘, beruht nach eingezogener Erkundigung vollständig auf Erfindung.“ [Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 39, Nr. 103, 13.4.1886, 1. Blatt, S. 2] Seit Anfang Mai berichtete dann jedoch auch verstärkt die bayerische Presse: „Wenn neuerdings die Angelegenheiten der königlichen Kabinetskasse häufiger und offener in Zeitungen besprochen werden, so sind zwei Umstände daran schuld: die von Gläubigern der Civilliste gegen dieselbe eingereichten Klagen bei den hiesigen Gerichten und die zwar amtlich nicht, aber durch sichere private Mittheilungen über allen Zweifel festgesetzte Thatsache, daß Verhandlungen des Ministeriums mit der Landesvertretung über die Lage der Kabinetskasse stattfinden.“ [Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 39, Nr. 121, 1.5.1886, 2. Blatt, S. 1], die dann des Abends aufs weitläufigste von den Bierpolitikern discurrirt und meistens am andern Morgen wieder offiziell widerrufen werden. Indessen werden schon überall Vorbereitungen für die „Centenarfeierdas Fest zum 100. Geburtstag von König Ludwig I. von Bayern in München vom 8. bis 10.7.1886. Die Presse berichtete am Tag von Wedekinds Brief über die Vorbereitungen: „Je näher das Fest rückt, von dem uns jetzt noch sechs Wochen trennen, desto mehr befestigt sich die Ueberzeugung, daß die Tage vom 8., 9. und 10. Juli in München eine Prunkentfaltung sehen werden, wie kaum je zuvor. [...] Die Sammlungen nehmen einen erfreulichen Fortgang, wenn auch zu wünschen wäre, daß das Tempo des Eingangs ein etwas rascheres wäre, damit das Finanzkomité seine Einzelpläne genau feststellen kann.“ [Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 39, Nr. 148, 28.5.1886, S. (1)]“ des | alten Ludwig getroffen, aber das Publicum verhält sich ziemlich kühl dem gegenüber. Man spottet allgemein darüber, daß bei jedem Ladenfenster „Sammelstelle für die Ludwigsfeier“ angeschrieben steht; die Beiträge fließen nur äußerst S/s/pärlich und von Begeisterung ist natürlich keine Rede. Zudem fürchtet man bei dieser Gelegenheit allgemein Demonstrationen von Seiten der Socialisten und die bevorstehenden Landtagswahlen werden wol nicht unbeeinflußt bleiben von dem Wechsels des Ministeriumsdie Landesregierung des Königreichs Bayern, bestehend aus dem vom König berufenen Ministerrat unter Vorsitz von Johann von Lutz., der wol in nächster Zeit erfolgen wird. Denn die AddresseSchreibversehen, statt: Adresse. Das bayerische Staatsministerium hatte „sich unter dem 6. d. M. veranlaßt gesehen, sich mit einer die beklagenswerthen Mißstände der k. Kabinetskasse und deren unabwendbare Folgen offen darlegenden Eingabe an Se. Maj. den König zu wenden und demselben ehrfurchtsvoll anheimzugeben, die unhaltbar gewordenen Zustände der k. Kabinetskasse durch ein Abkommen mit den dringendsten Gläubigern und weise Sparsamkeit – Einstellung der kostspieligen Bauten, Beschränkung der Hofstäbe u. s. w. – aus eigener allerhöchster Initiative zu saniren. ‚Eine Antwort Sr. Majestät auf diese ebenso ehrfurchtsvolle als entschieden freimüthige Vorstellung des Gesammtstaatsministeriums ist, soviel wir vernehmen, bis zur Stunde (gestern Nachmittag) noch nicht eingetroffen“ [Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 39, Nr. 131, 11.5.1886, S. 1]., die dasselbe an den König gerichtet hat, wird jedenfalls einfach unbeantwortet | bleiben. Schon seit länger als einem Jahr ist der K. jetzt nicht mehr hier in München gewesen, während er doch die Verpflichtung hat, sich so und so lang im Lauf des Jahres hier aufzuhalten. Das Theater ist freilich herzlich froh darüber; es gibt keine SeparatvorstellungenDie Presse berichtete: „(Privatvorstellungen für Se. Maj. den König) werden, wie wir soeben vernehmen, nach neuester Bestimmung nicht stattfinden. Daß diese Aufführungen im hiesigen Hoftheater vor ich gegangen wären, erwähnen wir nur deßhalb, weil ein hiesiges Blatt als Schauplatz für dieselben gestern das neue Schloß ‚Schwanstein‘ bezeichnet hat.“ [Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 39, Nr. 126, 6.5.1886, S. 2], die oft bis Morgens um vier dauerten. Im Orchester machte Einer dem/n/ Vorschlag, wenn er wiederkäme, so wolle man ihm eine Kamusikwohl Wortspiel aus k. Musik (für königliche Musik) und Katzenmusik. bringen. Aber die Entscheidung rückt in dessen immer näher und endlich muß es doch zu einem Ausbruch kommen; darüber sind sich Alle klar. ––

Schließlich bleibt es mir noch übrig, d/D/ir für das Geld zu | DankenSchreibversehen, statt: danken., das ich richtig erhalten habe. Ich bin so frei und lege hier einige Zeilen an Matinicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Emilie (Mati) Wedekind, 28.5.1886. bei, die mir schon so oft geschrieben hat. An Mama meinen herzlichen Dank für ihren lieben Brief. Mit tausend Grüßen vor allem an Dich, lieber Papa, und auch an die Anderen bin ich Dein treuer Sohn
Franklin.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 31. Mai 1886 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Schloß Lenzburg, 31. Mai 1886.


Lieber Franklin!

Um das Geschäftliche zuerst und schnell abzumachen, wirst Du Dich erinnern, daß ich Dir vor einem MonatHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 27.4.1886. M 49 schuldig blieb; dazu fr. 150 oder M 121 für den Monat Juni, das macht M 170, welche anbei in 3 Reichsmarkscheinen à M 50 und 1 bayerischen Staatscoupon à M 20 = M 170 erfolgen. –

Deinen l. Brief vom Freitagvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 28.5.1886. Der Brief traf demnach am 30.5.1886 auf Schloss Lenzburg ein. erhielt ich gestern nach der Kirche zugleich mit der Einlagenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Emilie (Mati) Wedekind, 28.5.1886. an unsere gute Mati; sie war ganz entzückt, als ich ihr den Brief an sie einhändigte und hat der Inhalt sie und uns alle eben sosehr erfreut; ich soll Dir auch herzlich für denselben danken. In Bezug auf unser geistiges Leben hat sich die hiesige Dichterzahl schon wieder um einen vermehrt und zwar abermals um einen tapfern SchwedenAugust Strindberg, „der sich im Mai 1886 in der 4 km von Lenzburg entfernten Gemeinde Othmarsingen mit seiner Familie aufhielt. Von dort aus besuchte er mehrmals den auf dem im Besitz der Familie Hünerwadel sich befindenden Schloss Brunegg seit 1885 vorübergehend einquartierten schwed. Dichter Verner von Heidenstam“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 106]., der in Othmarsingen im RößliIm Gasthof zum Rößli in Othmarsingen logierte August Strindberg – nach einem Aufenthalt in Brunegg –, seit dem 17.5.1886, wie ein Brief an Verner von Heidenstam belegt [in: Karin Naumann. Utopien von Freiheit. Die Schweiz im Spiegel schwedischer Literatur. Basel, Frankfurt a. M. 1994, S. 99]. sein Quartier aufgeschlagen und pr Telephon mit seinem Landsmann auf BruneggVerner von Heidenstam wohnte mit seiner Frau seit dem 1.5.1886 zur Miete auf Schloss Brunegg [vgl. Edward Attendorf: Von den Dichtern Heidenstam und Strindberg und König Gustav IV. von Schweden (1792–1809), der als Oberst Gustavson in Lenzburg lebte. In: Lenzburger Neujahrsblätter, Jg. 29, 1958, S. 3f.]. seine Gedanken auswechselt; vor einigen Tagen soll er in Stockholm ein BuchDie Fortsetzung von August Strindbergs Erzählungssammlung „Giftas“ (‚Heiraten‘) mit weiteren 18 ‚Ehegeschichten‘ erschien bei Kungsholms bokhandel in Stockholm in der ersten Jahreshälfte 1886. Der erste Band von „Giftas“ (1884) mit 12 Geschichten hatte einen Prozess wegen Gotteslästerung zur Folge, bei dem Strindberg jedoch freigesprochen wurde. Die von Wedekinds Vater angegebene Honorarhöhe ließ sich nicht belegen, wohl irrtümlich für 2000 francs [vgl. Göran Hägg: Sanningen är alltid oförskämd. En biografi över August Strindberg. Stockholm 2016]. herausgegeben haben, das ihm fr. 20000 an Honorar, wie man erzählt, eingetragen hat. Als ich Dir in meinem letzten Briefenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 27.4.1886. von der Anthologiedie von Wilhelm Arent herausgegebene und von Hermann Conradi und Karl Henckell mit Einleitungen versehene, im Selbstverlag publizierte frühnaturalistische Lyrik-Anthologie „Moderne Dichter-Charaktere“ (1885). der neuen Dichterschule sprach, kannte ich sie noch nicht; gleich darauf hat mir Mama dieselbe zum Lesen gegeben und nachdem ich darin herumgeblättert, fand ich meist nur unreifes Zeug und confusen Schafmist, zwei Gedichte aber, eines à la Makartdas Gedicht „À la Makart“ von Wilhelm Arent [in: Moderne Dichter-Charaktere. Hg. von Wilhelm Arent. Berlin 1885, S. 18f.], das einen Liebesakt schildert. Der Stil des Malers Hans Makart gehörte – neben Michelangelo, Tizian und Rubens – zu Wedekinds geschätzten Kunstrichtungen, wie er später in einem Fragebogen Maximilian Hardens angab [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 10.9.1913]. betitelt, und das anderedas Gedicht „Das verlorene Paradies“ von Hermann Conradi [in: Moderne Dichter-Charaktere. Hg. von Wilhelm Arent. Berlin 1885, S. 98f.]., seine Lustnacht im Bordell beschreibend, von CorradiSchreibversehen (durchgängig), statt: Conradi., sind unfläthig im höchsten Grade und habe ich darum Mama veranlaßt, sofort H. Henckell das Buch wieder zurückzugeben, denn dasselbe paßt nicht auf einen anständigen Tisch. Wenn dieser H. Corradi solche Erlebnisse, über die man doch kaum redet, poetisch beschreibt und verherrlicht, dann wird, um den Realismus noch weiter zu treiben, das nächste sein, daß er auch etwa den Vorgang des Stuhlganges mit allen seinen Details in wohlgesetzten Versen zum Besten gibt, wie wir es ja einmal gelesen haben in Prosa in einer Correspondenzin der sechsbändigen Ausgabe (1867-1881) der „Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans. Aus den Jahren 1676 bis 1722“, hg. v. Wilhelm Ludwig Holland. Auf welchen der Briefe Wedekinds Vater hier anspielt, ist nicht ermittelt; Verdauungsprobleme sind wiederholt Gegenstand der Korrespondenz. über die Wonne des AufdemAbtrittsitzens zwischen der Her|zogin von Orléans, geb. Pfalzgräfin bei Rhein und ihrer Schwesterdie Kurfürstin Sophie von Hannover, eine Adressatin der „Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans“ war nicht die Schwester, sondern die Tante von Elisabeth Charlotte und hatte sich in ihrer Kindheit um sie gekümmert. , der genialen Kurfürstin Sophie von Hannover, der Freundin des großen LeibnitzGottfried Wilhelm Leibniz war seit 1676 Hofbibliothekar in Hannover, seit 1691 auch in Wolfenbüttel, und Gesprächs- und Korrespondenzpartner der Kurfürstin.. Wollen die HH. Corradi und Consorten solche Themata bearbeiten, dann können sie ihre Gedichte auch à la Fritz Mauthner überschreiben: „Nach berühmten Mustern1878 erstmals bei Speemann in Stuttgart erschienene und in der Folge erweiterte, auflagenstarke Sammlung mit Parodien zu bekannten zeitgenössischen Autoren von Fritz Mauthner.“. In meinen Augen sind oben erwähnte Corradi’sche Produkte und noch einige andere in der Anthologie enthaltene die reinste oder vielmehr unreinste Dreckpoesie und es ist SchadeSchreibversehen, statt: schade., daß H. Henckell sich in einer so unsaubern Gesellschaft befindet. Was er dazu geliefertKarl Henckell hat zu der Anthologie „Moderne Dichter-Charaktere“ ein Vorwort („Die neue Lyrik“) beigesteuert sowie 20 Gedichte, von denen 11 als Originalbeiträge gekennzeichnet sind. sind 4 oder 5 kleine, harmlose Gedichte und ein größeres „das Nachtleben“ in BerlinKarl Henckells Gedicht „Berliner Abendbild“ [in: Moderne Dichter-Charaktere. Hg. von Wilhelm Arent. Berlin 1885, S. 278-280], zuerst erschienen in seiner Gedichtsammlung „Poetisches Skizzenbuch“ vom gleichen Jahr.“, in welcher Reichshauptstadt, wie es in seiner kurzen BiographieDort hieß es: „Nach halbjährigem Aufenthalte an der Berliner Universität, der H. indeß mehr zur Erkenntniß modernen Lebens und Treibens förderlich war, als daß er seinen philologischen Fachstudien in besonderem Maße gedient hätte, wurde H. im Frühjahr 1884 in seiner Vaterstadt von einer schweren Krankheit, vorzugsweise des Kopfnervensystems, ergriffen, von der er nach überstandener Krisis in der herrlichen Umgebung Heidelbergs Genesung suchte und ganz allmählich fand.“ [Moderne Dichter-Charaktere. Hg. von Wilhelm Arent. Berlin 1885, S. 297] in der Anthologie heißt, er sich weniger mit der Betrachtung des Ganges der Wissenschaften als der Beobachtung des großstädtischen Lebens wie bei Tag so auch bei Nacht beschäftigt hat. Schön, und geradezu rührend ist ein kleines Gedicht von ihm an seine Mutterdas Gedicht „Meiner Mutter“ [in: Moderne Dichter-Charaktere. Hg. von Wilhelm Arent. Berlin 1885, S. 287f.]., als sie ihn, der geistig erkrankt und fast übergeschnappt war, in Heidelberg längere Zeit gepflegt hatte. So etwas paßt nun am allerwenigsten in die Sudelpoesie, die die Anthologie vielfach enthält und das sieht H. Henckell auch uns gegenüber ein, die wir ihm jederzeit, so oft er kommt und er kommt jede Woche, ganz reinen Wein einschenken, sowohl von unserm Eigengewächs als auch von unsern Ansichten über die „Neue Poesiewohl in Anspielung auf Karl Henckells Vorwort „Die neue Lyrik“ in Wilhelm Arents Anthologie [vgl. Moderne Dichter-Charaktere. Hg. von Wilhelm Arent. Berlin 1885, S. V-VII].“. In bezug auf diese hat Mama ihm sogar Dein derbes Urtheil aus Deinem letzten Briefe an sievgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 6.5.1886. vorgelesen und hat H. Henckell dasselbe ganz gutmüthig aufgenommen. Du siehst also, an einer gewissen Einwirkung, wie Du sie in Deinem letzten Briefe meinerseitsvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 28.5.1886. wünschest, hat es bisher schon nicht gemangelt und wird dieselbe auch hoffentlich ihre Früchte tragen. Sobald Du hieher kommst, kannst Du Dich dieser Aufgabe selber unterziehen und wirst dabei vielleicht noch von dem Papa Henckell, der auch im Sommer zu kommen versprochen hat, nach Kräften unterstützt werden. An den FinanzswulitätenSchreibversehen statt: Finanzschwulitäten; Schwulität = Verlegenheit, Bedrängnis [vgl. DWB 15, Sp. 2750]. des Bayernkönigs nimm Dir ein abschreckendes Beispiel und suche stets mit Deinem Wechsel auszukommen, time Manichaeos!(lat.) fürchte die Manichäer; im Sinne von: fürchte die Abweichler. | Indem mich Deine brüderliche Theilnahme, wie Du sie in Deinem gestrigen Briefevgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 28.5.1886; der Brief traf demnach am 30.5.1886 in Lenzburg ein. beurkundest, herzlich freut, will ich nicht verfehlen, Dir nun auch über Willis weiteres SchicksalWilliam Wedekind war Ende April nach Amerika aufgebrochen und blieb dort drei Jahre lang. zu berichten: Als Doda und ich, wie Du aus meinem letzten Briefenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 27.4.1886. ersehen, ihm die Sehenswürdigkeiten Basels, wo er noch nicht gewesen, gezeigt hatten, kehrten wir gegen 5 Uhr alle drei in das am Bahnhofplatz gelegene Auswanderer-Hotel, „du JuraDas Hôtel Jura am Basler Bahnhofsplatz galt als Hotel „III. Ranges“ [Führer durch Basel und Umgebung. Würzburg, Wien 1885, S. 5]., zurück und fanden daselbst im Wirthszimmer Frau Schöpf inmitten einer Schaar Auswanderer auf der Bank sitzen. Nachdem wir uns zu ihr gesetzt erschien bald darauf auch H. Schöpf mit einem andern jüngern Herrn, den er uns als einen H. Furk vorstellte, der lange Jahre in Denver, der Hptstadt Colorado’s, gewesen u daselbst eine Wirtschaft betrieben, vor einem Jahr aber von Amerika zurückgekehrt, in Lenzburg die Bäckerei und Wirthschaft von Rubli übernommen hatte, was wir weder wußten noch auch den Herrn früher kannten. Als es nun zum Abschied kam empfahl ich nochmals dringend unsern Willi der Obhut von H. Schöpf und bat ihn, wenn Willi irgend etwas zustoßen sollte, ihm als Freund beizustehen, zu helfen und mich sofort zu benachrichtigen, indem ich, zu H. Furk gewandt, auch diesem sagte: „Nicht wahr, als Lenzburger darf ich auch Sie wohl bitten m/s/ich meines Sohnes im Fall der Noth anzunehmen“, was er denn auch bejahte. Gleich drauf begleiteten Willi und H. Schöpf uns nach dem Bahnhof und fuhren Doda und ich, nachdem wir uns verabschiedet, nach Lenzburg zurück. Das war am Ch/G/ründonnerstagder 22.4.1886. und sollte Willi am andern Morgen, Charfreitag, früh 6 Uhr von Basel und am Tag daraufam 24.4.1886. nachmittags von Havre abfahren, was denn auch geschehen ist. Eine Woche später, am 1. oder 2. Mai ist das Schiff, die sehr schnell fahrende „Normandie“ in Newyork angekommenDie „Normandie“ traf am 3.5.1886 in New York ein., und, weil ich Willi gebeten, täglich an Bord einige Zeilen an uns zu schreiben und sie dann gleich nach der Ankunft in Newyork auf die Post zu geben, so warteten wir vom 15. Mai an tagtäglich auf diesen Brief von Willi, aber immer vergebens. Da endlich am 22. Mai, Sonnabend, wird mir nachmittags auf der Post ein Brief aus Newyork eingehändigt mit einer Adresse von mir ganz unbekannter Hand. | Ohne ihn zu öffnen und von bangen Ahnungen ergriffen schleppte ich mich den Berg hinauf und bat, oben angekommen, Mama mich auf mein Zimmer zu begleiten+. Hier erbrach ich das Couvert und nachdem ich aus der Unterschrift ersehen, daß sie von H. Furk war, fing ich an den Brief vorzulesen. Gleich der erste Satz, wo von der „schmerzlich Pflicht“ die Rede war, stimmte Mama und mich ganz traurig, und als dann weiter die Stelle kam, wo es heißt: „daß Willi gleich am dritten Tage nach der Abfahrt auf dem Verdeck ausgeglitten und so unglücklich gefallen sei“, da überfiel uns beide im ersten Augenblick ein wahrer Schrecken, indem wir das Schlimmste befürchteten. Glücklicher Weise aber war das nicht eingetreten, sondern hat Willi das Fußgelenk – welcher Seite ist nicht gesagt –, bei seinem Falle ausgerenkt, ist dann, als nach 10 Minuten der Fuß arg anschwoll und stark zu schmerzen anfing, aber von H. Furk ins SchiffslarethSchreibversehen, statt: Schiffslazarett. getragen worden, wo er unglücklicher Weise in die Hände eines so schlechten Arztesnicht identifiziert. fiel, daß dieser das Gelenk nicht gleich wieder ordentlich einzurichten verstand. So „klagte Willi immer über Schmerzen, doch sein guter Humor ließ ihn dieselben überwinden. In Newyork angekommen brachte ich ihn zu einer Tante, deren Adresse er hatte, Mrs KammererElizabeth Kammerer, geb. Engel, Schwägerin von Wedekinds Mutter, die am 17.1.1869 Wedekinds Onkel Libert Kammerer geheiratet hatte, der 1865 nach Amerika ausgewandert war und vermutlich 1885 verstarb.“ (der Wittwe Liberts) „bei der er momentan liegt. Es wurde ein hiesiger Arztnicht identifiziert. beigezogen, indem die Geschwulst nicht nachließ, und dieser erklärte, daß das Gelenk frisch eingerichtet werden müsse, was auch unter Schmerzen geschah. Jetzt“ (der Brief ist vom 8. Mai, also eine Woche nach der Ankunft in Newyork) „befindet er sich besser und die Geschwulst hat nachgelassen, mir sagt der Arzt, daß es immerhin noch 3 – 4 Wochen dauern werde, ehe er gehen könne. Mrs Kammerer thut alles, was in ihren Kräften steht, indem sie 6 Kinder hat, ihr Mann todt ist und sie wäscht und bügelt. Ihr Sohn, dem die Zeit im Bett zu liegen zu lang wird, weigerte sich zu schreiben, bis er gehen könne, um Ihnen Kummer und Sorge zu ersparen. Doch ich hielt es für meine Pflicht. Herr Schöpf und Frau sind schon am Dienstag, dem zweiten Tag nach der Ankunft in Newyork, weiter auf ihre Farm gereist.“ So schreibt H. Furk. | Indem wir Gott aufs innigste danken müssen, daß Willi nichts Schlimmeres widerfahren ist, hat dieser unglückliche Zwischenfall wahrscheinlich den ganzen Plan, den wir für dort miteinander verabredet, zu nichte gemacht und besteht, so lange wir keine bessern Nachrichten haben, noch immer die Befürchtung, daß diese LuxationVerrenkung. ihn dauernd schädigen, ja gar zum Krüppel machen kann. Das Richtigste wäre gewesen, Willi sofort nach seiner Ankunft in Newyork in das dortige deutschedas 1857 gegründete German Hospital and Dispensary of New York, seit 1884 in der 2nd Avenue in der Lower East Side von Manhattan. oder ein amerikanische Hospital zu bringen, wo er jedenfalls in die Hände eines wirklichen Chirurgen gekommen wäre, der Verband von geübter Hand gemacht und ihm die richtige Lagerstätte zu Theil geworden sein würde. Statt dessen lag er oder liegt vielleicht noch in einem engen Logis, wo kaum B/P/latz für die eigenen Bewohner, in beständigenSchreibversehen, statt: in beständigem. Kohlendunst des Glätteeisens, in sonst schlechter Luft bei ungenügender Kost und in einem zu warmen Bett, welches ihm das Blut in den kranken Fuß treibt. Nach nunmehr weitern 9 Tage Wartens noch immer kein Brief von Willi selbst, auch nicht von Mrs Kammerer oder der TillyWedekinds Cousine Tilly Kammerer, Tochter von Elizabeth Kammerer, die im Jahr zuvor in Lenzburg zu Besuch gewesen war [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 17.8.1885]., deren heilige Pflicht es doch gewesen wäre, uns gleich zu schreiben, als Willi in ihr Logis gebracht worden war, auch nichts von H. Schöpf, der mir doch fest versprochen hatte, bei irgend einem Unfall sofort zu schreiben. Hätte H. Furk dieses nun nicht gethan, dann hätten wir gar nichts erfahren. Eine Stunde nach Ankunft seines Briefes schrieb Mama sogleich an ihre Schwägerin und Willi in zwei gesonderten Briefendie Korrespondenzen der Mutter sind nicht überliefert. und ich am nächsten Tage an H. Furk, um ihm zu danken und zu bitten, sich auch fernerhin Willis anzunehmen. Diese drei Briefe müssen in 8 Tagen von jetzt an drüben sein und können wir um Johannider Johannistag am 24.6.1886. die Antwort darauf haben. Das sind noch drei Wochen ängstlichen Harrens, welches mir viel Sorgen machen wird, denn die Möglichkeit existirt immer noch, daß sich nicht alles so verhält, wie H. Furk geschrieben, daß Willi an Bord vielleicht in die Hände von Spielern gefallen ist, diese ihm sein Geld abgeschwindelt und ihn schließlich noch malträtirtmisshandelt. haben. Wann wird die Sorge um ihn endlich mal aufhören? | Meine eigene ReconvalescenzGenesung. schritt langsam voran und spüre ich noch immer die f/F/olgen meiner Krankheit, indem ein leichter Bronchialkatarrh noch immer vorhanden ist und es mir wegen Luftbeklemmung schwer wird bergan zu steigen. Am 1ten Mai ging ich zuerst wieder in den Hof und spielte an den folgenden, warmen Tagen öfters mit den KindernEmilie (Mati) und Donald Wedekind, 10 und 14 Jahre alt. croquetteCroquet, „ein aus England herübergekommenes, jetzt in Deutschland sehr beliebtes Gesellschaftsspiel, das auf einem kurz gemähten Rasenplatz oder auf einem andern ebenen Platz gespielt wird. Man treibt in der Mitte eines solchen Platzes 8–10 eiserne Bogen so in die Erde, daß sei ein Kreuz, ein Achteck oder auch eine andre Figur bilden [...] die Aufgabe ist nun, die hölzernen Spielbälle mittels der ebenfalls hölzernen Hämmer [...] an langem Stiel durch sämtliche Bogen zu treiben“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. Band 3. Leipzig 1886, S. 347].. Am 17. Mai nahm ich mich zusammen und ging die Höhle hinunter und die Othmarsinger Straße hinaus zu den zwei Buchen, wo ich den Oberstennicht sicher identifiziert, möglicherweise der Vater von Minna von Greyerz, Oberst Walo von Greyerz, Forstverwalter von Lenzburg, oder der Vater von Sophie Haemmerli-Marti, Oberst Franz Marti aus Othmarsingen, Bezirksamtmann in Lenzburg. traf und mit ihm durch den Wald und über die SchützenmatteFestwiese in Lenzburg. heimkehrte. Seitdem bin ich fast täglich in die Stadt, einmal nach Aarau zur KunstausstellungDie allgemeine schweizerische Kunstausstellung war eine Wanderausstellung, die vom 9. bis 30. Mai in Aarau zu sehen war [vgl. Der Bund. Jg. 37, Nr. 35, 5.2.1886, S. (3)]. Die Presse berichtete ausführlich über die gezeigten Bilder [vgl. Aargauer Nachrichten, Jg. 32, Nr. 116, 18.5.1886, S. (2-3) und Nr. 117, 19.5.1886, S. (2)]. und zweimal nach Zürich. Als ich das letzte Mal, am Donnerstagden 27.5.1886., Abend von da heimkam der, fand ich den armen Hermann Plümacher vor, der drei Stunden vorher von GersauHermann Plümacher, der Sohn von Wedekinds Tante Olga Plümacher, war wegen eines Lungenleidens seit dem 20.3.1886 zur Erholung in Gersau gewesen [vgl. Olga Plümacher an Frank Wedekind, 2.5.1886]. angekommen war. Er sieht besser aus, als wir erwarteten, und scheint es ihm hier bei dem schönen warmen Wetter gut zu thun; er läßt Dich grüßen und wird Dir von hier aus bald auf Deinen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Hermann Plümacher, 3.4.1886. antworten. – Hammi ist seit einigen Wochen Assistent beim Bezirksarzt Dr. Frey in Hottingen, der sehr viel zu thun hat und auch viel verstehen soll. Hammi hat seine Kost bei ihm und wohnt in einem Haus gegenüber, beides auf Rechnung von Dr. Frey; dabei kann er seine Collegien wie gewöhnlich besuchen, wird aber erst im Oktober sein ExamenArmin Wedekind fiel Anfang 1887 beim ersten Versuch, sein Medizinexamen zu absolvieren, durch, bestand aber dann am Ende des Jahres und verließ am 15.12.1887 die Universität Zürich mit Zeugnis [vgl. Matrikeledition der Universität Zürich, Nr. 6136; https://www.matrikel.uzh.ch]. machen. MinnaMinna von Greyerz absolvierte seit Ende August 1884 am Königlichen Conservatorium für Musik in Dresden eine Klavier- und Gesangsausbildung und kehrte im Frühjahr 1887 nach Lenzburg zurück, „wo sie als Klavier- und Gesangslehrerin tätig blieb.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 120] hat es von ihrem Papa erlangt, daß sie noch ein Jahr länger in Dresden bleibt, worauf sie dann ein regelrechtes Diplom als Gesangslehrerin erhalten wird. – Der selige Scheffel hat im J. 1863 ein Jahr lang im SternenViktor von Scheffel wohnte in der Lenzburg benachbarten Ortschaft Seon nicht 1863 im Gasthof „Sternen“, sondern erst von 1864 bis 1865 „in dem auf dem Seoner Berg gelegenen Landhaus des mit ihm befreundeten Literaten und Oberrichters Johann Eduard Dössekel“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 112]. in Seon gewohnt, gleich nach seiner VerheirathungViktor von Scheffel heiratete am 22.8.1864 in Karlsruhe Caroline Freiin von Malsen, die Tochter des bayerischen Gesandten am badischen Hof. Das Paar trennte sich noch vor der Geburt des gemeinsamen Sohnes am 20.5.1867, ohne sich jedoch scheiden zu lassen. und weil er damals schon zu oft selighier im Sinne von betrunken; Viktor Scheffel war als Dichter von Studentenliedern bekannt. war, so fand bald die Scheidung statt. Der „Erratische Block„Der erratische Block“ (1864), Gedicht von Viktor Scheffel, dessen vorletzte Strophe lautet: „Dies Lied ist zwei Forschern gelungen / Im Gau zwischen Aare und Reuß. / Das Wirthshaus, in dem sie es sungen, / War ganz von erratischem Gneus.“ [Joseph Viktor Scheffel: Gaudeamus! Lieder aus dem Engeren und Weiteren. Stuttgart 1868, S. 17]“ entstand im Wirtshaus zu Birmensstorfdie 15 km von Lenzburg entfernte Ortschaft Birmenstorf, an der Reuss gelegen, die gemeinsam mit der Aare das Birrfeld einschließt., im Birrfeld, und soll der zweite Dichter desselben der PapaJakob Schibler, von 1855 bis 1872 Chemielehrer an der Kantonsschule Aarau. von m/D/einem Freund l/S/chibler gewesen sein, der damals Naturgeschichte in Aarau lehrte. – Jetzt, lieber Bebiinnerfamiliärer Kosename Frank Wedekinds., lebe wohl, halte Dich gut und bleibe gesund und paße auf, daß es Dir nicht wieder wie im letzten JahrWedekind hatte sich am 3.8.1885 einen Rotlauf am linken Unterschenkel zugezogen, der im Krankenhaus behandelt werden musste und über den er seinen Vater Mitte August erstmals unterrichtete [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885]. geht. Alle lassen Dich herzlich grüßen und ganz besonders thut dies
Dein treuer Papa

Frank Wedekind schrieb am 27. Juni 1886 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

München 27. Juni 86.


Lieber Papa,

HerzlichenSchreibversehen, statt: herzlichen. Danh/k/ für Deinen lieben großen Briefvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 31.5.1886. und für die 170 M. die Du ihm beil/g/elegt hast. Ich erschrak nicht weniger als ihr bei der Nachricht von Willys unglücklicher Überfahrt und Du wirst bis jetzt wol noch kaum neue Nachrichten aus Amerika erhalten haben. Ich wünsche Willy von ganzem Herzen, daß ihm der Sturz keine entstellenden Folgen zurückläßt. Seinem Gemüth wird der HerbeSchreibversehen, statt: herbe. Zwischenfall jedenfalls Anlaß zu größerer Besonnenheit geben; aber dieser Vortheil hätte sich doch wol auch auf billigerem Wege erringen lassen – Es freute mich zu hören, daß Hammi | eine Assistentenstelle angenommen hat. Das wird ihm nun auch noch mehr Mühen zu seinen theoretischen Studien geben.

Über das traurige Dramadie Entmündigung und Absetzung König Ludwig II. am 9. und 10.6.1886. Am 13.6.1886 ertranken Ludwig II. und der Psychiater Bernhard von Gudden im Starnberger See. Die näheren Umstände sind bis heute ungeklärt., das sich seit meinem letzten Briefvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 28.5.1886. hier bei uns abgespielt hat wirst du dich wol aus den Zeitungen ziemlich orientirt haben. Wir erwarteten alle schon seit Wochen, daß eine Veränderung in den Verhältnissen eintreten werde, aber so kurz und gewaltsam hat es sich doch niemand vorgestellt. Als am 10. Juni Morgens die Allg. Ztng. die Einsetzung einer RegentschaftDie Regentschaft übernahm als Prinzregent Luitpold von Bayern. In einem „Extra-Blatt“ proklamierte er: „Unser königliches Haus und Bayerns treubewährtes Volk ist nach Gottes unerforschlichem Rathschlusse von dem erschütternden Ereignisse betroffen worden, daß Unser vielgeliebter Neffe, der Allerdurchlauchtigste, Großmächtigste König und Herr, Seine Majestät König Ludwig II., an einem schweren Leiden erkrankt sind, welches Allerhöchstdieselben an der Ausübung der Regierung auf längere Zeit [...] hindert. / Da seine Majestät der König für diesen Fall Allerhöchstselbst weder Vorsehung getroffen haben, noch dermalen treffen können, und da ferner über Unsern vielgeliebten Neffen, Seine Königliche Hoheit den Prinzen Otto von Bayern, ein schon länger andauerndes Leiden verhängt ist, welches Ihm die Uebernahme der Regentschaft unmöglich macht, so legen Uns die Bestimmungen der Verfassungs-Urkunde als nächstberufenem Agnaten die traurige Pflicht auf, die Reichsverwesung zu übernehmen.“ [Allgemeine Zeitung, Nr. 160, 10.6.1886, Extra-Blatt, S. (1)] proclamirte wußte kein Mensch was er sagen sollte. Das Publicum hatte so wenig Anhaltspunkte, daß es nicht weit davon entfernt war über das Ereigniß zu lächeln. Aber die Aufregung begann mit den Nachrichten von den Erlebnissen der CommissionDie vom Kabinett eingesetzte Commission hatte nach der beschlossenen Entmündigung des Königs die Aufgabe, „dem erkrankten Monarchen von den nothwendig gewordenen Schritten förmlich Mittheilung zu machen und zugleich die ärztliche Behandlung eintreten zu lassen, welche der Krankheitszustand deselben erfordert.“ [Allgemeine Zeitung, Nr. 163, 13.6.1886, Zweite Beilage, S. (1)] Dazu sollte Ludwig II. zunächst in Neuschwanstein aufgegriffen und in Hohenschwangau festgesetzt werden, um anschließend nach Schloss Berg am Würmsee (heute: Starnberger See) verlegt zu werden, was zunächst jedoch nicht gelang. Die Presse berichtete unter der Überschrift „Authentische Darlegung der Vorgänge in Hohenschwangau und Bericht über die Reise des Königs nach Schloss Berg“ ausführlich darüber [vgl. ebd.]. in Hohenschwangau und Schwan|stein. Man erwartete allgemein, der König werde seinen Wächtern entfliehen und nach München kommen, wo er jedenfalls mit lautem Jubel empfangen worden wäre, und als ich am Montagden 14.6.1886. Morgen von Placaten an den Straßenecken hörte, glaubte ich nicht anders als, daß dieser Fall nun eingetreten und der Kampf beginnen werde. Die Bestürzung über die Todesnachricht war eine furchtbare, man glaubte nirgends mehr an die Geistesstörung des Königs, man sprach von List, Gewalt und Mord. Man wähnte den besten Beweis zu haben, daß der König bei gesundem Verstand gewesen sei indem er eingesehen habe, daß gegen das diplomatische Gewebe ihm kein anderer ehrenvoller Ausweg mehr offen bleibe. Aber trotz alledem blieb das Volk vollständig passiv. Mehrere Personen, die auf der Straße den Mund zu weit aufgethan wurden verhaftet und von der Gensdarmerie durch die dichten | Massen geführt, ohne daß sich irgend jemand widersetzt hätte. Dabei schimpfte aber alles darauf, daß so etwas nur in dem Bierstaate Bayern möglich sei, aber das war auch alles. Freilich hatte man seit frühem Morgen Truppen mit aufgepflanztem Seitengewehr durch die Straßen ziehen sehen. Gegen Mittag wurden die Pauker und TrompeterIn der Königlichen Hof-Kapelle spielten Ludwig Mayer und Joseph Mühlbauer Pauke sowie August Gothe, Albert Meichelt, Johann Neupert und Karl Vollendorf Trompete [vgl. Almanach des Königl. Hof- und National-Theaters und des Königl. Residenz-Theaters zu München für das Jahr 1886. Hg. v. Anton Hagen. Jg. 16. München 1887, S. 18f.] Den Trompeter Johann Neupert hat Wedekind in der Namensliste seiner Bekannten im Münchner Tagebuch aufgeführt: „Neubert Trompeter“ [Tb München, S. 57]. der kgl. Hofk/c/apelle zur Proclamation des Königs Otto I. costümirt und, da noch keiner von ihnen im Leben auf einem Gaul gesessen hatte, so wurde in der ReitschuleDie Hofreitschule und der Marstallplatz befanden sich im Osten der Münchner Residenz. Probe gehalten. Am Nachmittag waren die Hauptstraßen wiederum gedrängt voll von Publicum und alles erwarteteDie Presse berichtete: „Vor der kgl. Residenz standen den ganzen Tag Gruppen von Menschen, welche offenbar der Meinung waren, die Thronfolge S. K. H. des Prinzen Otto werde durch Herolde ausgerufen werden. Die Polizeiorgane schritten gegen die Ansammlungen erst gegen 6 Uhr Abends ein, nachdem die Proklamation mittelst öffentlichem Plakatanschlag erfolgt war und die Anhäufung der Neugierigen den allgemeinen Verkehr zu hemmen drohte. Die Räumung der Residenzstraße und der Residenz konnte Dank der entsprechenden Haltung des Publikums in aller Ruhe vollzogen werden.“ [Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger, Jg. 39, Nr. 166, 15.6.1886, S. (3)]. den feierlichen Aufzug. Er wurde aber abgesagt aus Rücksicht auf die Persönlichkeit des neuen Königs, und die Leute f gingen zwar unzufrieden aber doch ganz ruhig wieder nach Haus. Ich hatte demnach auch nichts dabei verloren, daß ich mir dies | interessante Schauspiel versagt hatte. Ich war nämlich gleich nach Tisch nach Starenberg hinüber gefahren. Dort traf ich einen Professornicht identifiziert; in seiner Liste mit Bekannten im Münchner Tagebuch notierte Wedekind den Cellisten Friedrich Hilpert, Solist in der königlichen Hof-Kapelle und seit 1884 Lehrer an der königlichen Musikschule, den österreichischen Komponisten Ludwig Thuille, der seit 1883 an der Münchner Musikschule unterrichtete und den Pianisten Heinrich Schwartz, ebenfalls Professor am Konservatorium [vgl. Tb München, S. 56-58]. der hiesigen Musikschule, einen hiesigen Kritikernicht identifiziert. und zwei Hofmusikernicht identifiziert; zu den Bekannten Wedekinds aus der Münchner Hof-Kapelle siehe die Namensliste in seinem Münchner Tagebuch [vgl. Tb, S. 56f.].. Mit ihnen fuhr ich in einem Boot nach LeoniOrt am Ostufer des Starnberger Sees, an dem die Schiffe aus Starnberg anlegen. und dann von dort aus zurück nach Schloß Bergdie Sommerresidenz Ludwig II. in der Ortschaft Berg am Starnberger See. Von hier aus brach der König am 13.6.1886 zusammen mit dem Arzt Bernhard von Gudden zu dem Spaziergang auf, bei dem beide im See ertranken.. Ehe wir landeten besichtigten wir die Stelle wo das Unglück geschehen war. Es r/s/taken bunte Stangen im Wasser um den Ort zu bezeichnen. Im Grund sahen wir noch deutlich die gewaltigen Spuren des KampfesDie Presse schrieb: „Etwa 10 bis 15 Schritte vom Ufer entfernt, läßt sich [...] im Lettenboden, und zwar in einer Tiefe von nicht ganz 4 Fuß, deutlich erkennen, daß die beiden Männer, deren Spuren bis zu diesem Punkte hingehen, Halt gemacht und eine Zeit lang gerungen haben müssen.“ [Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 39, Nr. 166, 15.6.1886, S. (1)]. Der See war ruhig und klar, so daß wir die Schritte des Königs bis weit hinaus verfolgen konnten. Das Schloß Berg ist nicht reich, nicht groß aber sehr geschmackvoll eingerichtet In einem der unteren Gemächer lag der König aufgebaart. Den ganzen TagLudwig II. war am 14.6.1886 in Schloss Berg aufgebahrt, in der Nacht zum 15.6.1886 wurde der Leichnam nach München überführt. Die Öffentlichkeit hatte nur wenige Stunden am Nachmittag Zugang: „Schloß Berg, 14. Juni. [...] Von heute Mittags 3 Uhr war das Schloß [...] dem Zutritt geöffnet. In dichten Schaaren zogen von allen Seiten die Bewohner der benachbarten Orte herbei, um von dem geliebten Fürsten den letzten Abschied zu nehmen; auch zahlreiche Münchener, welche die Pfingstfeiertage nach Starnberg gelockt hatten, fanden sich ein. Gendarmerie und Feuerwehr waren im Vorhof aufgestellt und gestatteten dem Publikum, in Gruppen bis zu 30 Personen, das Schloß zu betreten.“ [Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 39, Nr. 166, 15.6.1886, S. (1)] über waren Landleute aus der Umgegend herbeigeströmt, um ihn noch einmal zu sehen. Als wir eintraten standen Allen die hellen Thränen in den Augen. Auch die wachthabende Gensdarmerie konnte sich derselben kaum enthalten. | Das Antlitz des Königs war ruhig und zeigte nicht die geringste Entstellung. Das wahrhaft königliche Aussehen, was man immer an ihm gerühmt hatte, war freilich mit dem Blick verloren gegangen. Auf Im Zimmer nes/b/enan„In einem nebenan befindlichen Zimmer ruhte die Leiche des unglücklichen Obermedizinalrathes Dr. v. Gudden, der in seinem Berufe thätig den Tod in den Wellen fand, denen er seinen König entreißen wollte.“ [Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 39, Nr. 166, 15.6.1886, S. (1)] lag Professor GuddenDer Obermedizinalrat Bernhard von Gudden war seit 1873 Universitätsprofessor für Psychiatrie und Direktor und erster Oberarzt der Kreisirrenanstalt München (Auerfeldstraße 6) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1886, Teil III, S. 18 u. 63]. Er verfasste auf der Grundlage von Aktenbefunden das Gutachten über den Geisteszustand Ludwigs II., das dessen Absetzung legitimierte [vgl. https://www.bavarikon.de/object/bav:GDA-OBJ-00000BAV80035140; Zugriff am 9.9.24] in nicht minder geschmackvoller Umgebung. Auch diesen Mann hab ich letzten WinterWedekind besuchte im Januar 1886 gemeinsam mit Leopold Frölich die Irrenanstalt in München [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 25.1.1886] und dürfte dabei Bernhard von Gudden kennengelernt haben. in der Irrenklinik noch bei Lebzeiten gesehen. Er hat mir damals einen sehr bedeutenden Eindruck hinterlassen und ich konnte in Folge dessen durchaus nicht in die allgemeine Erbitterung einstimmen, die bei Hoch und niedrig gegen ihn herrscht. Alles erlaubt sich kurzweg über sein Handeln abzuurtheilen und dennoch bin ich der festen Überzeugung, daß gerade ein weniger geistvoller Mann wol kaum seinen Fehler begangen haben würde. Allerdings läßt es das Volk ihn jetzt auch noch entgelten, daß er der erste wah/r/, der die Geisteszerrüttung des Königs zu constatiren wagte. Auf dem Heimwege fielen natürlich allerlei ConjecturenVermutungen. über den eigent|lichen Hergang der Sache. Nach dem was ich in Berg gesehen und später noch gehört habe muß derselbe Vorgan folgender gewesen sein: Nachdem der König, der den Park genau kannte, den Arzt veranlaßt hatte, die Wächter fortzuschicken, ist er unter dem Vorwand eines Bedürfnisses auf die Seite gegangen, drang durch das dichte Gebüsch durch an den See, und als ihn der Arzt hineinspringen hörte, ging er ihm gleich von seinem Platz aus nach. Im Wasser trafen sie sich. Der König hat den Arzt untergetaucht, bis er sich seiner entledigt hatte, und ist dann weiter hinaus gegangen. In München angelangt fanden wir an den Straßenecken die gedruckte p/P/roclamation Ottos I. nebst mehreren Befehlen des Prinzregenten; in der Nacht auf den Dienstagden 15.6.1886. langten die beiden Leichen hier an. Der Zudrang des Publicums zum Paradebette„ein mit schwarzem Stoff behängtes Gerüst, auf dem der Sarg mit der Leiche eines Vornehmen öffentlich zur Schau ausgestellt wird.“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. Bd. 12. Leipzig 1888, S. 697] des Königs war kolossal und dabei die polizeiliche Anordnung an den Thoren der Residenz so schlecht, daß allerhand Unglücksfälle nicht zu vermeiden waren. Am ersten TageLudwig II. war seit Mittwoch, den 16.6.1886 in der alten Hofkapelle der Münchner Residenz für die Öffentlichkeit aufgebahrt [vgl. Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 39, Nr. 166, 15.6.1886, S. 2]. | sollen acht Kinder besinnungslos vom Platze getragen worden sein. Am zweiten Tageam 17.6.1886. war auch die neunzehnjährige hübsche Tochter meiner Wirthinnicht identifiziert; Wedekind wohnte im 3. Stock der Schellingstraße 27, vermutlich bei der Privatierswitwe Maria Fischer [vgl. Adreßbuch von München 1885, Teil II, S. 407 und 1886, Teil II, S. 416]. dort. Als die Thür sich öffnete, stolperte sie im Gedräng und fiel mit der Brust auf einen Prellstein. Die hinter ihr stehenden Leute wurden von der Masse über sie hinweggeschoben. Der Polizist, den sie in ihrer Verzweiflung anrief, konnte ihr nur mit dem einen Arm zu Hülfe kommen, da er im andern schon eine ohnmächtig gewordene Dame hielt. Endlich war es ihr möglich, sich zu erhebendSchreibversehen, statt: zu erheben. und nun wollte sie das alles auch nicht umsonst ausgestanden haben und ließ sich also dadurch den Anblick des Königs nicht rauben. Glücklicherweise ist sie mit einigen blauen Flecken davongekommen. – Am Samstagden 19.6.1886. war der Leichenzug. Am Abend vorherden 18.6.1886. hatte das Hoforchester die Erlaubniß erhalten, in aller Ruhe den König noch einmal sehen zu dürfen, während das große Publicum schon | seit Mittag keinen Zutritt mehr hatte. Einige Herren, die ich auf der Straße antraf, luden mich ein, sie zu begleiten, und ich folgte gerne, da ich mich in dem/as/ Gedränge der übrigen Leute nicht hineingewagt hatte. Als wir an den hohen Thoren der Residenz vorbeikamen standen die L/M/enschen noch immer in dichten Massen davor und erwarteten daß ihnen geöffnet werde. Auf der Bühne des Hoftheaters versammelten wir uns; es war indessen bereits halbzehn geworden. Viele der Musiker hatten auch ihre Frauen und Töchter mitgebracht, so daß wir in dem großen dunkeln Raum eine recht ansehnliche Gesellschaft bildeten. Darauf führte man unr/s/ durch dunkle Gänge, weite Sääle, Treppe auf Treppe ab durch die ganze Residenz bis wir endlich auf diesem langen Umweg zur Hofcapelle gelangten. Ich hatte indessen unter den Anwesenden eine mir bekannte junge Dame getroffen, Amerikanerin aus Bostonmöglicherweise die 20jährige Edla Isabel Coeurn, die Wedekind in einem späteren Brief mit dieser Herkunftsbezeichnung erwähnte [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 13.9.1891]., 17 Jahr alt, die hier bei einem Concertmeisternicht identifiziert. in Pension ist und sich trotz der vielen Menschen in den großen ungewohnten | Räumen eines leisen Schauers nicht erwehren konnte. Trotz der vielen Kerzen war die weite Capelle nur matt erleuchtet. Zu beiden Seiten des S/B/ettes, das unter hohem schwarzem Baldachin stand n/h/ielten kgl. Leibgardisten und Ritter vom hlg. GeorgTräger des Ritterordens vom Heiligen Georg, dem Hausorden der bayerischen Kurfürsten, deren Großmeister Ludwig II. war. Wache. Der König, bei dem indessen die SectionLeichenschau, Obduktion (von lat. sectio = Schnitt). stattgefunden hatte trug über dem Gesicht einen leichten Wachsüberzug und sah infolge dessen sehr jung aus; doch vermißte man alle charakteristischen Züge, was sich auch auf dem von Coppayder seit 1884 in München tätige österreichische Maler Josef Arpád Koppay; die Presse berichtete: „Herr Maler Koppay hat vorgestern Nacht zwischen 10 und 4 Uhr, autorisirt vom Oberhofmeisteramt, den König auf dem Paradebett in Pastell gemalt; ausgestellt ist das treffliche Bildniß in der Kunsthandlung von Neumann in der Maximilianstraße; später wird es auch in anderen Städten ausgestellt. Das Antlitz des Königs, in sprechender Aehnlichkeit, erscheint verklärt. Namentlich bei abendlicher Beleuchtung ist der Eindruck ein ergreifender. Herr Koppay hat sich übrigens bei der anstrengenden nächtlichen Arbeit eine Augenentzündung zugezogen.“ [Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 39, Nr. 169, 18.6.1886, S. (1)] in einer Nacht für 5000 M gezeichneten Pastellbild zeigt. Wir gingen unten und auf der Emporkirche„galerieartiges, zum innenraum hin offenes obergeschoß in kirchen.“ [DWB 8, Sp. 1283], die ganz im Dunkel lag, rings um die Leiche herum und durften und/s/ eine volle halbe Stunde an dem/s/ feierlichen Eindruckes erfreuen. Als wir aus der Residenz traten sahen wir den ganzen Flügel, den/r/ gegen den Hofgarten liegt erleuchtet. Dort liegen die Gemächer die einst für den König eingerichtet worden waren, als er mit der jetzigen Herzogin von AlançonLudwig II. verlobte sich am 22.1.1867 mit der Herzogin Sophie Charlotte in Bayern, einer Schwester von Kaiserin Elisabeth von Österreich. Die Verlobung wurde am 7.10.1867 wieder gelöst. Am 28.9.1868 heiratete sie Herzog Ferdinand von Alençon. verlobt war. Jetzt aber bewohnte sie der deutsche KronprinzFriedrich Wilhelm Nikolaus Karl von Preußen, seit 1861 preußischer und seit 1871 deutscher Kronprinz, der am 9.3.1888 zum preußischen König und deutschen Kaiser Friedrich III. wurde. | der am gleichen Abend zur Leichenfeierlichkeit hier eingetroffen war. Am Tag darauf sah ich ihn im Zuge vom Dach eines Fiakers aus. Alle Straßen waren wiederum gedrängt voll Menschen. Der Zug war sehr lang und langweilig. Nur die Gruppen um den Wagen, worauf die Bischöfe des LandesVon den bayerischen Bischöfen nahmen an der Beisetzung teil der Bischof aus Regensburg Ignatius von Senestrey, der Bamberger Erzbischof Friedrich von Schreiber, der Bischof von Eichstätt Franz Leopold Freiherr von Leonrod, der Bischof von Speyer Joseph Georg Ehler sowie der Erzbischof von München und Freising Anton Steichele. Die Bischöfe von Augsburg, Würzburg und Passau hatten ihre Teilnahme abgesagt., hinterher die hohen Gäste, der PrinzregentLuitpold Karl Joseph Wilhelm von Bayern, der Onkel von Ludwig II., übernahm bis zu seinem Tod am 12.12.1912 die Prinzregentschaft nach dessen Absetzung und Tod stellvertretend für den regierungsunfähigen Thronfolger Otto I. von Bayern. und die PrinzenDa Ludwig II. und Otto I. von Bayern kinderlos waren, sind hier wohl die drei Söhne des Prinzregenten Luitpold und deren männliche Nachkommen gemeint. hatten einiges Interesse. Seit mehreren Tagen ist nun schon die KammerVon den beiden Kammern des bayerischen Landtags ist hier die Kammer der Abgeordneten gemeint; die Presse berichtete: „München, 17. Juni. 192. Sitzung der Abgeordnetenkammer. Anwesend sind die sämmtlichen kgl. Minister und 156 Abgeordnete. Die Tribünen sind dicht besetzt.“ [Allgemeine Zeitung, Nr. 167, 18.6.1886, S. 2447] eröffnet. Das alte Ministeriumdas Kabinett der bayerischen Regierung mit den vom König berufenen Ministern unter dem Ministerratsvorsitzenden Johann Freiherr von Lutz, das die Absetzung Ludwigs II. veranlasst hatte. hat einen harten Kampf gegen die AnfeinddungenSchreibversehen, statt: Anfeindungen. der Ultramontanendie konservative katholische Opposition. In der bayerischen Abgeordnetenkammer, in der sie die Mehrheit innehatte, war sie vertreten durch die Bayerische Patriotenpartei. Über „das Gebahren der bayerischen Ultramontanen“ berichtete die Presse. „Es ist ein erstaunliches Schauspiel, welches dem deutschen Volke seit der Unglückskatastrophe vom 13. Juni durch die ultramontane Presse geboten wird. In den ersten Tagen nach der betäubenden Nachricht stellt sich diese Presse ungläubig, als wolle sie bewirken, daß die Beweise vom Wahnsinn des tief bemitleidenswerthen Königs in vollem Maße an das Licht gebracht werden. Seitdem diese Beweise in nur allzu reichlichem Umfang vorliegen, stürmt die ultramontane Presse plötzlich mit Anklagen gegen das Ministerium Lutz hervor. [...] Das unsinnige Gebäude der ultramontanen Anklage legt indeß Allen, die in Deutschland offene Augen haben, eine Thatsache vor die Sinne: die Thatsache, daß der Ultramontanismus den alleräußersten Werth auf den sofortigen Gewinn der Regierung in Bayern legt.“ [Allgemeine Zeitung, Nr. 73, 24.6.1886, Beilage, S. 2533]. Doch steht zu hoffen, daß es sich halten kann. Unter dem Volk in Stadt und Land glaubt noch immer niemand an die Geistesstörung des Königs und dieser Fall hat zu alledem noch sehr viel alten Schlamm von neuem aufgewirbelt. Man erinnert sich daran, daß der König Max an einem NadelstichKönig Maximilian II. Joseph von Bayern starb am 10.3.1864 an den Folgen einer Rotlauferkrankung, die durch eine Verletzung und Infektion der oberen Hautschichten entsteht. gestorben ist und daß schon damals alles behauptete, die Nadel sei vergiftet gewesen. Andere sagen er sei überhaupt nicht gestorben und seine Gruft in der St. CajetanskircheDie Theatinerkirche (eigentlich: St. Kajetan und Adelheid) am Odeonsplatz. sei leer. Man ha Ihn aber habe man nach Italien transportirt, wo er elend verhungert sei. Sogar | die Verrücktheit des neuen KönigstSchreibversehen, statt: König. stellt man ernstlich in Abrede. Wenn es aber wahr sei so hätte ihn nur seine Umgebung und seine lange Gefangenschaft dazu gemacht. Am schlechtesten bei alledem kommt Richard Wagner weg. Ihm wird jetzt alles in die Schuhe geschobenDie großzügige Unterstützung Richard Wagners durch den jungen Ludwig II. hatte 1865 bereits zu Protesten geführt, die Wagner zwangen, München zu verlassen. und die Wagnerianer wissen sich kaum mehr zu wehren. „Wagner ist nicht daran schuld!“ behaupten sie „die Musik RichhardSchreibversehen, statt: Richard. Wagners führt zum Guten!“ – „Allerdings führt sie zum Gudden“ entgegnen die Andern „Das hat man an unserm König gesehen!“ ––

Nun, lieber Papa, hab ich dir, glaub ich, alles erzählt, was ich hier erlebt und wovon ich voraussetzen kann, das/ß/ es nicht in den Zeitungen steht. Meine herzlichsten Grüße an euch Alle, zumal auch an Hermann, dem ich von Herzen gute Unterhaltung und wackere GenesungHermann Plümacher, der Sohn von Wedekinds ‚philosophischer Tante‘ Olga Plümacher, litt an einer Lungenkrankheit und hielt sich zur Erholung längere Zeit in Gersau auf. wünsche. Es freute mich auch sehr, zu vernehmen, daß Du selber Dich von Deinem Unwohlsein wieder erholt hast. Indessen bin ich Dein DankbarerSchreibversehen, statt. dankbarer. Sohn Franklin.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 23. Juli 1886 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Mein lieber Franklin!

Indem ich Dir meinen besten, väterlichen Glückwunsch zu Deinem morgigen GeburtstageFrank Wedekinds 22. Geburtstag am 24.7.1886. sende, erfolgt anbei eine kleine Erfrischung in Form eines preußischen Staats-Coupons, der 4 % Anleihe, Reihe I No 9; Nro 300572 pro 1. Juli 86 im Betrage von 10 Mark, welchen Du bei einem dortigen Bankier einlösen kannst. Mit großer Freude haben wir alle, auch viele Hiesige u Aarauer, den Lobspruch gelesen, welcher Dir aus Anlaß der dortigen Sem|pachfeierFür die Münchner Festveranstaltung zum 500-jährigen Jubiläum der Schlacht bei Sempach am 3.7.1886 verfasste Wedekind den „Prolog zum Winkelriedcommers in Muenchen. 3 Juli 1886“ [vgl. KSA 1/I, S. 238ff. u. KSA 1/II, S. 1977f.] Die Schweizer Presse berichtete: „Letzten Samstag den 3. Juli feierten die Schweizer in München, etwa 150 Mann (Künstler, Gewerbetreibende und Studirende), im festlich geschmückten Saale des Café Viktoria das fünfhundertjährige Jubiläum der Schlacht bei Sempach. Unter dem Ehrenpräsidium des schweiz. Konsuls Fischer und unter der trefflichen Leitung des cand. med. Vogelsang gestaltete sich die Feier zu einer erhebenden Kundgebung der Vaterlandsliebe und des Opfersinns der Schweizer im Ausland. Reden, Toaste, musikalische und Gesangsvorträge in Solo, Quartett und Gesammtchor: alles half in seltener Harmonie dazu, die an sich einfache Festlichkeit in schönster Weise vor sich gehen zu lassen. [...] Cand. jur. Wedekind erntete mit seinem in feurigem Vortrag gesprochenen selbstgedichteten Prolog einen rauschenden Beifall und damit die verdiente Anerkennung seines eminenten dichterischen Talentes.“ [Neue Zürcher-Zeitung, Jg. 66, Nr. 188, 8.7.1886, Erstes Blatt, S. (2)]. in einem betreffenden Artikel die N. Zürcher Zeitung gespendet hat. Da die Ferien für Dich wohl in den nächsten Wochen beginnen werden, so wirst Du mir wohl rechtzeitig Nachricht geben, wie viel Geld Du noch zur Reise hieherWedekind kündigte seine Ankunft in Lenzburg für den 16.8.1886 an [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 11.8.1886]. Mit dem Ende des Sommersemesters brach er sein Jurastudium in München ab. bedarfst.

Mit dem herzlichsten Gruße
Dein treuer Papa

Schloß Lenzburg, 23 Juli 86.

Frank Wedekind schrieb am 27. Juli 1886 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

München 27. Juli 86.


Lieber Papa,

Herzlichen Dank für Deinen lieben Glückwunschvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1886.; ebenso für die angenehme ExtrabeilageWedekinds Vater hatte ihm zum Geburtstag Staats-Coupons im Wert von 10 Mark geschickt [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1886]., an der ich mich sehr erfreut habe. Auch Mama und Doda und Mati ihre WünscheVon den Gratulationsbriefen zu Wedekinds Geburtstag sind die beiden Briefe der Geschwister Donald und Emilie (Mati) überliefert [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1886 und Emilie (Mati) Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1886], der Brief der Mutter ist verschollen; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1886. Die Briefe dürften dem Schreiben des Vaters [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1886] beigelegen haben. haben mir wohl gethan und ich lasse aufs beste dafür danken. Am ersten August schließt die Universität, aber wenn es Dir recht ist, so würde ich gerne noch etwa vierzehn Tage hier bleiben. Für diesen Fall wär ich dir sehr dankbar | wenn Du mir das halbe Monatsgeld mit 25 frs. für Reise Exmatrikel und andere kleine Ausgaben senden wolltest. Das M/m/achte zusammen 100 frs. = 80 Mk. München ist indessen um vieles stiller geworden wozu die Hitze der letzten Tage nicht wenig beiträgt. Der Kaiser war auf seiner DurchreiseKaiser Wilhelm I. passierte auf seiner Reise durch Bayern am 19.7.1886 München; die Presse berichtete: „Bei dem gestrigen Dejeuner im Centralbahnhof München ist ein Toast auf den Kaiser nicht ausgebracht worden; der Prinz-Regent erhob nur sein Glas und trank dem Kaiser zu, welchem Beispiele die andern anwesenden Fürstlichkeiten folgten.“ Wilhelm I. „zeigte sich sehr befriedigt über den Empfang in München“ und lud die bayerischen Minister zu einer kurzen Unterredung „in den Salon [...] ehe der Kaiser Abschied vom Perron nahm […] Der greise Monarch schwenkte längere Zeit ein weißes Tuch zum Coupéfenster hinaus.“ [Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger, Jg. 39, Nr. 201, 20.7.1886, S. 2] nach Berl/Gast/ein hier, aber ohne sich öffentlich sehen zu lassen. Jetzt wird mit einiger Spannung Bismark erwartetOtto von Bismarck traf am Abend des 31.7.1886 in München ein und blieb bis zum Morgen des 2.8.1886 [vgl. Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger, Jg. 39, Nr. 213, 1.8.1886, S. 1 und Nr. 214, 2.8.1886, S. 2].. Unser Prinzregent ist für das Land ein großer Segen. Er scheint ein sehr einfacher ruhiger Mann zu sein, der zwar keine Laternen anzündet aber auch keine einwirft.

Diesen Monat über bin ich öfters | zum Baden gegangen. Bei den pompösen EinrichtungenIn Schwabing standen Wedekind das Germaniabad (Biederstein 7), das Bad Georgenschwaige (Riesenfeld 2), Huber (Riesenfeld 3) und Ungerer (Am Kanal 1) sowie das Prinzenbad (Prinzenstr. 2) und das Ludwigsbad (Am Kanal 4) als Bademöglichkeiten zu Verfügung [vgl. Adreßbuch für München 1885, Teil IV, S. 14]. , die wir zu diesem Zweck in Schwabing, eine halbe Stunde von meiner Wohnung, haben, ish/t/ die Versuchung sehr groß. Gestern bekam ich einen sehr lieben Brief von Miezevgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1886. Die genannte Photographie liegt dem Brief nicht mehr bei. mit einer Photographie die mir sehr gefällt. Wie ich aus euern Briefen schließen kann seid ihr Alle gesund, und so hoffe ich d/e/uch auch in vierzehn Tagen anzutreffen. Also auf Wiedersehn, lieber Papa! Es grüßt dich herzlich Dein dankbaren/r/ Sohn
Franklin.

Frank Wedekind schrieb am 11. August 1886 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

12/1/.VIII.86.


Lieber Papa.

Leider bin ich mit meinem Gelde nicht ausgekommen und bitte Dich deshalb noch um dreißig Mark. Ich würde früher kommen, aber ich muß noch packen und Sonnabend und Sonntag scheinen mir keine passenden Tage zur Reise. Darum gedenk ich Sonntag Abendden 15.8.1886. 7 Uhr hier fort zu fahren, um am am/Mo/ntag Morgenden 16.8.1886. gegen 10 Uhr in Zürich zu sein. In der freudigen Erwartung des Wiedersehens und in der Hoffnung Dich und die ÜbrigenIn Lenzburg dürften sich die Mutter Wedekinds und die Geschwister Donald, Emilie und Erika aufgehalten haben. gesund und wohl anzutreffen grüßt Dich herzlich dein treuer Sohn Franklin.

Frank Wedekind schrieb am 19. September 1887 in Zürich folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Herrn Dr. Wedekind auf Schloss Lenzburg

in Hochachtung und Ehrerbietung

sein Sohn Franklin.


Für den Anzug und die Stiefel bitte ich Dich, meinen Dank hinzunehmen. Ich brauchte beides sehr nothwendig; aber die Mittel fehlten mir, um es mir selber anzuschaffen. Dein Mitleid giebt mir den Muth, Dir das zu schreiben, Dir überhaupt zu schreiben. Ob dieser Schluß nicht dennoch voreilig ist, kann ich nicht wissen. Trotzdem will ich es wagen. Wenn Du mir diese Zeilen zurückschickst, so werde ich dein Geschenk als ein Almosen hinnehmen müssen und habe dabei nicht das Recht, mich über irgend etwas zu beklagen.

Seit drei Tagen denke üb/ich/ über diesen Brief nach. Ich darf Dich nicht Vater nennen; ich habe jeden | Anspruch darauf verloren. Ich hätte auch niemals gehofft, daß du mir verzeihen würdest. Solltest Du es nun trotz allem thun, so glaube mir, daß ich Deine unendliche Güte heilig zu halten weiß.

Bevor ich mir Deine theure Verzeihung erbitte, sollte ich etwas zu meiner Entschuldigung anführen. Aber was kann mich entschuldigen? – Das einzige wäre der Umstand, daß sich meine Aufregung damalsim Herbst 1886: „Am 16.8.1886 kehrte Wedekind nach Lenzburg heim und gestand nach insistierendem Nachfragen seitens seines Vaters in den folgenden Wochen seinen Eltern, sein Jura-Studium vernachlässigt zu haben. Die Kunde davon, dass er an einem Drama schreibe, war zuvor längst nach Lenzburg gedrungen. Es kam zum Streit und Bruch mit dem Vater, der ihm jede finanzielle Unterstützung verweigerte.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 116f.] von Tag zu Tag gesteigert hatte, daß ich alles in mir verschloß, bis ich meiner S/s/elbst nicht mehr mächtig war. Ich ersuche Dich inständig, mein VerbrechenArtur Kutscher berichtete, Wedekind habe sich „in seiner Erbitterung und Verzweiflung [...] zu einem tätlichen Angriff hinreißen“ lassen, was „auf lange Zeit alle Beziehungen“ zum Vater „vernichtete“ [Kutscher 1, S. 144]. von dieser Seite zu betrachten. Du mußt mich sonst für so entsetzlich schlecht halten, daß Du Dich nie anders als mit dem größten Abscheu meiner erinnern könntest

Und nun laß mich bitten, daß Du mir verzeihen mögest, daß Du Dir Mühe geben mögest meiner greulichen Unthat nicht mehr zu gedenken. Es ist eine übermenschliche Wohlthat, die Du mir dadurch erweisen würdest und ich bin der Unwürdigste, sie zu empfangen. Ich habe Dir nichts dafür als geringstes Entgelt zu bieten. Es wäre nichts als reine, große Güte von Dir. Ich verdiene sie nicht. Ich habe alle Aussicht darauf verscherzt. Ich kann | nur bitten, Dich flehentlich darum bitten. Wenn Du mich abweist so darf ich nicht murren, und wenn Du mich aufnimmst, so werd ich das Bewußtsein meiner Schuld noch furchtbarer empfinden, als es bis jetzt der Fall war. Ich habe mich in einer Weise vergangen, die mich Dir gegenüber zum allerelendesten Menschen macht.

Ich habe im verflossenen Jahr Zeit genug zur Reue gehabt und werde noch mein ganzes Leben Zeit dazu haben. Vielleicht würde es Dir leichter, mir zu vergeben, wenn Du wüßtest, was ich letzten Herbst und diesen Sommer darunter gelitten haben. Möglich auch, daß ich mich indessen zum guten geändert habe. Ich weiß es nicht aber ich hoffe es. Wenn Du auch das in Betracht ziehen wolltest, würde es vielleicht Deine Güte vor Dir selber rechtfertigen helfen.

Wenn Du mir verzeihen willst, so bitte ich Dich noch darum, Dich in nächster Zeit hier oder in Lenzburg sehen, und dann meine Bitte mündlich wiederholen zu dürfen. Ich weiß zwar noch nicht, woher ich, trotz einer Erlaubniß von Deiner Seite, den Muth dazu nehmen soll. Ich weiß, daß Dir mit meinem Anblick der schreckliche Moment wieder deutlich vor die Seele | treten wird. Ich werde Dir nicht in’s Auge sehen können und Du wirst von neuem den gerechtesten Abscheu empfinden. Wenn Du meinst, Du könnest mich noch nicht sehen, dann bitte, laß es mich wissen. Ich muß mit allem Z/z/ufrieden sein.

Und nun noch einmal, bitte, verzeih mir. Ich wußte nicht was ich that; ich war verblendet, verwirrt und aufs äußerste aufgeregt. Wenn du mich von Dir stößt, so hab’ ich nichts mehr zu verlieren. Von Jahr zu Jahr würd’ ich schwerer daran tragen. Mein ganzes Leben wäre in scheußlichster Weise besudelt und verflucht. Nimm im Voraus meinen innigsten herzlichsten Dank dafür hin und verzeih Deinem in Ergebenheit und Ehrfurcht harrenden Sohn
Franklin.


Zürich 19.IX 87.

Schönbühlstraße 10.


[Kuvert:]


Herrn Dr. Wedekind.

Schloss Lenzburg.

fr.Der Hinweis ‚franco‘ (frei) verweist darauf, dass Frank Wedekind das Briefporto bezahlt hat.

Frank Wedekind schrieb am 26. September 1887 in Zürich folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Herrn Dr. Wedekind auf
Schloss Lenzburg.


Unterzeichneter giebt sich die Ehre, ganz ergebenst anfragen zu dürfen, ob seine am 19. Ds. geschriebenen und unter gleichem Datum von hier abgegangenen Zeilenvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 19.9.1887. indessen in Lenzburg eingetroffenDie Nachricht, dass sein Brief angekommen war [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 25.9.1887], erreichte Wedekind dem Posteingangsstempel zu Folge erst nach Absendung des vorliegenden Briefes am 27.9.1887. und an die ihnen bestimmte Adresse gelangt sind, um, nichtigen Falls, eine Copie ab nachschicken oder dann anderweitige Vorkehrungen zur Sicherung seiner miserabeln Existenz treffen zu können.

In vollkommenster Hochachtung

Zürich, 26. IX 87.
Fr. Wedekind
Schönbühlstrass/ß/e 10.


[Kuvert:]


Abs: Fr. Wedekind.

Herrn Dr. Wedekind,
Schloss Lenzburg.
Ct. Aargau.

fr.Der Hinweis ‚franco‘ (frei) verweist darauf, dass Frank Wedekind das Briefporto bezahlt hat.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 29. September 1887 in Lenzburg folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Kutscher 1, S. 174:]


Die Mutter, die erst jetztdurch den Brief Frank Wedekinds [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 28.9.1887], der wahrscheinlich am 29.9.1887 in Lenzburg eintraf. erfuhr, daß sie der eigentliche Anlaß des Streites gewesen war, ruhte nicht bis der Vater nachgab. Er zeigte sofort telegraphisch seine Ankunft zu einer Besprechung an [...]

Frank Wedekind schrieb am 17. November 1887 in Zürich folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Zürich, 17.XI.87.


Lieber Papa,

erlaube mir, daß ich, eh ich meiner Bitte Erwähnung thue Dir einige Rechenschaft über mich ablege. Nachdem mich Doda vor einem MonatDonald Wedekind hatte Ende September bei seinem Bruder angefragt, ob er ihn Ende September, Anfang Oktober für eine Woche besuchen könne [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 26.9.1887] und war demnach in der zweiten Oktoberwoche bei ihm in Hottingen. verlassen hatte, nahm ich eine größere Arbeitdie Überarbeitung bzw. Neufassung des bereits Ende 1885 begonnenen Stücks „Der Schnellmaler oder Kunst und Mammon“, eine „Große tragikomische Originalcharakterposse in drei Aufzügen“ [vgl. KSA 2, S. 545-547], das 1889 erschien. In einem Notizbuch von 1910 vermerkte Wedekind später: „Herbst 1887 [...] Donald wohnt bei mir. Schreibe Schnellmaler. Bis in Früling 1888.“ [Nb 63, S. 73r]. an die Hand, die ich seither zum Drittel vollendete. Außerdem hab ich täglich CollegienVorlesungen an der Universität Zürich; als Jurastudent eingeschrieben war Wedekind allerdings erst ab dem Sommersemester 1888 [vgl. Matrikeledition der Universität Zürich 1833-1924; https://www.matrikel.uzh.ch/active/static/23375.htm]., meistens historischen InhaltsWelche Veranstaltungen Wedekind besucht hat, ist nicht ermittelt. Laut Vorlesungsverzeichnis waren folgenden Vorlesungen der philosophischen Fakultät für die Öffentlichkeit zugelassen: „System der Philosophie im Umriss, zweimal wöchentlich, Mittwoch und Samstag von 11–12 Uhr“ bei Prof. Dr. Frohschammer, „Shakespeare im Licht der vergleichenden Literaturgeschichte, Mittwoch von 4–5 Uhr“ bei Prof. Dr. Carriere, „Interpretation von Molière’s Tartufe, zweimal, im Seminar“ bei Prof. Dr. Breymann, „über Wissenschaft und Religion, einstündig von 5–6 Uhr“ bei Privatdozent Dr. Güttler und „Geschichte Alexander d. Gr., mit besonderer Rücksicht auf die Geographie des Orients, zweimal“ bei Privatdozent Dr. Oberhummer [vgl. Verzeichnis der Vorlesungen an der königlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu München im Winter-Semester 1887/77. München 1887, S. 11-17]. besucht. Das Honorar, das ich indessen derweil für | frühere ArbeitenIn der „Neuen Zürcher Zeitung“ war kurz zuvor Wedekinds Charakterskizze „Gährung“ [KSA 5/I, S. 21-36] in mehreren Teilen erschienen [vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 67, Nr. 285, 13.10.1887, 1. Blatt, S. 1f.; Nr. 286, 14.10.1887, 1. Blatt, S. 1f.; Nr. 287, 15.10.1887, S. 1f. und Nr. 290, 18.10.1887, 1. Blatt, S. 1f.]. Bereits im Mai war an drei aufeinanderfolgenden Tagen vom 4. bis 6.5.1887 dort Wedekinds Essay „Der Witz und seine Sippe“ [KSA 5/II, S. 82-93] erschienen [vgl. vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 67, Nr. 123, 4.5.1887, 2. Blatt, S. (1-2), Nr. 124, 5.5.1887, 2. Blatt, S. (1-2), Nr. 125, 6.5.1887, 2. Blatt, S. (1-2); KSA 5/III, S. 206], sowie Ende Juli sein Essay „Zirkusgedanken“ [KSA 5/II, S. 94-106; vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 67, Nr. 209, 29.7.1887, 1. Blatt, S. (1-2), 2. Blatt, S. (1-2), Nr. 210, 30.7.1887, S. (1-2); KSA 5/III, S. 902]. „Um welche Arbeiten von Basel es sich handelt, konnte bislang nicht eruiert werden.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 129] Mit den beiden Essays aus Zürich hatte sich Wedekind im Sommer bei den „Basler Nachrichten“ beworben [vgl. Wedekind an Emanuel Wackernagel, 5.8.1887]. von Basel und der N. Z. Ztg. erhielt, konnte ich leider nur ei/zu/ einem geringen Theil für mich verwenden. Wenn ich indessen fortgefahren hätte für den Tag zu arbeiten so wär ich natürlich keineswegs in Verlegenheit gekommen. Aber wie gesagt, ich widmete meine Zeit einer Arbeit, von der ich einen bedeutenderen Erfolg erwarte, als man aus Zeitungsartikeln hoffen erndten kann. Vor dr acht Tagen nun, als ich mit meinem Gelde zu Rande war, hab ich doch gleich | wieder eine kürzere ErzählungDie Erzählung „Ein böser Dämon“ [KSA 5/I, S. 77-93 u. S. 524f.], die zu Wedekinds Lebzeiten jedoch nicht gedruckt wurde. geschrieben. Die Bis sie aber gedruckt ist mag es noch einige Zeit gehen. Ich schrieb sie in 5 Tagen und sie ist mindestenSchreibversehen, statt: mindestens. dreimal besser als die vorigevermutlich die Charakterskizze „Gährung“ (s. o.). Die Erzählung „Marianne. Eine Lebensgeschichte“ [KSA 5/I, S. 37-76] war im Juni 1887 von mehreren Zeitungen abgelehnt und zuvor bereits von Wedekinds Mutter einer ausführlichen Kritik unterzogen worden [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 10.5.1887].. Du wirst das selber am besten beurtheilen können. Aber wenn Du siehst, das ichSchreibversehen, statt: dass ich. Fortschritte mache, dann bitte las michSchreibversehen, statt: laß mich. nur noch kurze Zeit in dieser Weise arbeiten.

Worum ich Dich bitten wollte ist eine Erhöhung meines Monatsgeldes von 100 auf 125 Frs. Ich bezahle 75 Frs. für Kost und Logis und wenn ich dann | noch 10 frs. für Feuerung, 8 für Ausbesserung meines Winterüberziehers 3 für Wäsche rechne so ist der Rest durch Schreibmaterialien Tabak und etwaiges Bier rasch aufgezehrt.

Ich bitte dich noch einige Geduld mit mir zu haben. Sehr gute Schüler die ein Jahr vor mir die Maturität absolvirt haben, wie mein Freund Ernst ZschokkeErnst Heinrich Zschokke, Wedekinds Mitschüler an der Kantonsschule Aarau, promovierte 1889 an der Universität Zürich; in der Vita zu dieser Arbeit schrieb er: „Nach zwei Jahren des Progymnasiums und vier Jahren Gymnasium in Aarau bestand ich 1883 die Maturitätsprüfung und wandte mich nach Genf, wo ich dem Studium der französischen Sprache und Litteratur oblag. Die germanistische Philologie, der ich mich widmen wollte, führte mich nach München [...] von da kam ich nach Leipzig [...] und dann nach Berlin [...]. Von Berlin kehrte ich in die Schweiz zurück und ließ mich im Frühjahr 1886 an der hiesigen Universität inscribieren, wo ich bis heute verblieb (mit Ausnahme des Sommersemesters 1887, das ich, beurlaubt, im Militärdienst zubrachte).“ [Ernst Zschokke: Der Toggenburger Epigrammatiker Johannes Grob (1643-1697). Aarau 1889, o. S.] und andere, haben seither noch nicht einmal einen philosophischen Doctor gemacht. Anderen gelingt es freilich schneller Ich hoff es aber doch im Leben | auch ein wenig weiter zu bringen als bis zum aargauischen Regierungsrath oder was dergleichen. Ich mag mich s/j/a selbst überschätzen. Aber bis jetzt hab’ ich noch keinen Beweis dafür. Sind meine Gedichte auch nicht ganz so schön wie die von Carl Henkell so hab ich doch auch manches ganz hübsche gemacht. Indessen hab’ ich meine Zeit darauf verwendet andere Gebiete der Poesie zu erobern. Meine j/d/emnächst erscheinende ErzählungDie zu Lebzeiten Wedekinds unpubliziert gebliebene Erzählung „Ein böser Dämon“ (s. o.). muß Dir zeigen daß ich etwas gelernt habe. Und so gut wie ich dies erlernt habe | hoffe ich auch noch anderes erlernen zu können. Ich glaube nicht daß es mir an Talent fehlt und an ernstem Fleiß soll es mir auch nicht fehlen. Außerdem trau’ ich mir auch den praktischen Sinn zu, um zu wissen, auf welchem Wege etwas zu auch in pecuniärer Beziehungauf Geld bezogen, in finanzieller Hinsicht. zu erreichen ist. Novellen schreiben möcht ich mein Leben lang ebenso wenig wie Steine klopfen. Aber man muß es können und verstehen damit man sich nicht von jedem Gartenlaubenschmieraxabfällig für die Autoren und Autorinnen von Unterhaltungsliteratur in der populären Zeitschrift „Die Gartenlaube. Illustriertes Familienblatt“. braucht über die Achsel ansehen zu lassen. |

Wenn Du mir noch für den Rest dieses Monats 25 frs zukommen lassen wolltest, so wäre ich Dir sehr dankbar.

Mit herzlichem Gruß Dein
Dankbarer Sohn
Franklin

Schönbühlstraße 10.


[Kuvert:]


Herrn Dr. Wedekind.
Schloss Lenzburg.
(Aargau.)

Frank Wedekind schrieb am 20. Februar 1888 in Zürich folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Zürich 20.II.88.


Lieber Papa,

von ganzem Herzen gratulire ich Dir zu Deinem zwei- und siebzigsten Geburtstageam 21.2.1888.. Er trifft Dich zwar offenbar nicht so wohl an, wie wir alle es wünschen. Ich schließe das daraus, daß Du noch immer nicht wieder hierher gekommen bist. Aber die wärmeren Tage des nahendenSchreibversehen (Auslassung), zu ergänzen ist wohl: Frühling. | werden Dich auch noch die letzten Folgen des strengen Winters mit Leichtigkeit überwinden lassen.

Was mich demnächst am meisten bedrückt, ist das Bewußtsein, daß Du Dir meinethalben Sorgen machst. Die Zeit, die Du mir frei zu stellen die Güte hattest, ist jetzt binnen MonatsfristBis zur Wiederaufnahme des im Herbst 1886 abgebrochenen Jursastudiums zum Sommersemester 1888 in Zürich hatte Wedekinds Vater von Oktober 1887 bis März 1888 Frank Wedekind offenbar für ein halbes Jahr finanzielle Unterstützung zugesagt, damit er seiner schriftstellerischen Tätigkeit nachgehen konnte. um. Du wirst sehen, daß ich sie nicht verloren habe. Ich hatte Gelegenheit, mich unbekümmert um alles andere auf meine Arbeit zu | concentriren und dafür bin ich Dir unendlich dankbar. Auf Rechnung dessen mußt Du es freilich auch schreiben, daß Du binnen der letzten Monate nichts mehr von mir gelesen hast. Also bitte, habe noch eine kurze Weile Geduld mit mir. Als Zeitungsschreiber komme ich immer noch an, aber wenn, ich es einmal bin, so wird es weniger leicht sein, sich darüber hinaus zu arbeiten. Ich würde das nicht schreiben, wenn ich es nicht von denen gehört hätte, die ich hier in Zürich als solche kenne, und zwar gerade anläßlich dessen was ich geschrieben, | indem man mich um die Sache selbst wie um die Gelegenheit dazu beneidete. Es ist mir hier ja aber nur um die Rechtfertigung dieses halben Jahres zu thun. Nachher bin ja auch ich gerne bereit, den normalen Weg zu betreten.

Und nun noch einmal meine besten Glückwünsche zum morgigen Tage. Möge sich das Fest noch recht oft wiederholen, und zwar unter befriedigerenden Verhältnissen als gerade dieses Jahr. – Indessen verbleib ich mit herzlichsten Grüßen Dein treuer und dankbarer
Sohn
Franklin.

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 1. März 1888 in Lenzburg folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 12.3.1888 aus Zürich:]


Herzlichen Dank für deine freundliche Karte und für die Geldsendung.

Frank Wedekind schrieb am 12. März 1888 in Zürich folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Zürich 12 III.88.


Lieber Papa,

HerzlichenSchreibversehen, statt: herzlichen. Dank für deine freundliche Kartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 1.3.1888. und für die Geldsendung. Als ich heute morgen zum Essen ging begegnete mir Herr WalkerEmil Walker, wohnhaft in Fluntern (Zürichbergstraße 16), betrieb ein Büro für Bankgeschäfte, Inkasso und Kommissiongeschäfte sowie Geldwechseln in Zürich (Poststraße 5, Centralhof) [vgl. Adreßbuch der Stadt Zürich 1887, Teil I, S. 351 u. Teil II, S. 396, 416].. Er erkundigte sich nach Dir, worauf ich ihm sagte, daß Du um Weihnachten unwohl geworden seist und Dich noch nicht ganz wieder erholt habest; Du | werdest übrigens jedenfalls binnen der nächsten acht oder vierzehn Tage nach Zürich kommen. Herr Walker meinte darauf, daß es ungeachtet dessen möglich wäre, daß Du ihn nicht anträfest, da er sein Geschäft aufgebe und, wenn ich mich recht erinnre, in acht Tagen verreisen werde. Da er nun noch Papiere von Dir in Händen habe, so möchte ich Dir schreiben, ob Du erlaubst, daß ich dieselben in Empfang nähme. Du wissest schon, was es sei; er hätte Dir bereits deß/s/wegen | geschrieben. Falls Du also damit einverstanden sein solltest, so, bitte, benachrichtige mich durch wenige Zeilen, damit ich weiß was ich thun darf.

Armin war heute Abend bei mir und überbrachte mir die frs. 25 –, wofür ich Dir bestens Dank sage. Er erzählte mir über seinen Besuch zu Hause, und daß Du Dich leider noch immer nicht völlig wohl befindest.

Indem ich Dir nun von ganzem Herzen rasche und vollständige Besserung wünsche, verbleib | ich mit besten Grüßen Dein
treuer Sohn
Franklin.


[Kuvert:]


Herrn Dr. Wedekind.
Schloss Lenzburg.
(Aargau.)

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 14. März 1888 in Lenzburg folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 17.3.1888 aus Zürich:]


[...] herzlichen Dank für Deine freundliche Carte.

Frank Wedekind schrieb am 17. März 1888 in Zürich folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Zürich 17.III 88.


Lieber Papa,

herzlichen Dank für Deine freundliche Cartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 14.3.1888.. Gestern begegnete ich Herrn Walker nachdem ich vorher in seiner WohnungDer Bankier und Wertpapierhändler Emil Walker wohnte in Fluntern in der Zürichbergstraße 16, 2. Stock [vgl. Adreßbuch der Stadt Zürich 1887, Teil I, S. 351]. gewesen war und ihn verfehlt hatte, und fragte ihn, wann er zu treffen sei. Er fragte mich darauf nach | einer Quittung die er Dir für den Empfang der ObligationDer Bankier und Wertpapierhändler Emil Walker wohnte in Fluntern in der Zürichbergstraße 16, 2. Stock [vgl. Adreßbuch der Stadt Zürich 1887, Teil I, S. 351]. ausgestellt, und ob du mir dieselbe nicht geschikt habest. Ich zeigte ihm darauf Deine Carte. Er meinte ich solle Dir wegen der Quittung noch schreiben. Die Sache habe übrigens keine so große Eile, da er noch bis Ende des Monats hierbleibe. Falls Du ihn nun so wie so noch zu treffen gedenkst, so ist | meine Vermittlung vielleicht überflüssig. Andernfalls wärest Du vielleicht so freundlich, mir das nothwendige zukommen zu lassen.

Gestern Abend um sechs Uhr zog das erste Gewitter über den Ütlider 870 m hohe Hausberg Zürichs.. Es hätte im Hochsommer nicht heftiger blitzen können. Heute haben wir düstres Regenwetter.

Deiner eventuellen weiteren Weisung gewärtig mit herzlichem Gruß Dein treuer Sohn
Franklin.


[Kuvert:]


Herrn Dr. Wedekind.
Schloss Lenzburg.
(Aargau.)

Frank Wedekind schrieb am 6. April 1888 in Zürich folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Zürich 6.IV. 88.


Lieber Papa,

wenn ich mich recht erinnere hast Du mir letzten Montag vor acht Tagenam 26.3.1888. nichts positives versprochen, nachdem Du mir am Morgen erklärt hattest, ich werde kein Geld mehrWie aus der vorangegangenen Korrespondenz hervorgeht [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 20.2.1888], hatte Friedrich Wilhelm Wedekind seinem Sohn von Oktober 1887 bis März 1888 für sechs Monate den Lebensunterhalt finanziert, damit er seiner schriftstellerischen Tätigkeit nachgehen konnte. von Dir erhalten. Als wir uns trennten sagtest Du, Du werdest diese Woche wiederkommen. Dieselbe Versicherung brachte mir | dann auch am Dienstagdem 3.4.1888. Carl Henkell und Armin, der erst gesternam 5.4.1888. zu mir kam. Du begreifst, daß ich mich nun in großer Ungewißheit befinde, da ich meine beiden WirthinnenUnter Wedekinds Wohnadresse in der Schönbühlstraße 10 in Hottingen war die Witwe Meyer-Girsberger als Logisgeberin mit einer Pension verzeichnet [vgl. Adreßbuch für die Stadt Zürich 1889, Teil I, S. 213 und Teil II, S. 402], die sie möglicherweise zusammen mit ihrer Tochter betrieb. von Tag zu Tag auf vertrösten muß und sie doch nicht mit Bestimmtheit versichern kann, daß das Geld kommen werde.

Ich bitte um Entschuldigung. Es ist mir unmöglich weiterzuschreiben. Ich habe dank diesem verfluchten Hundewetter das schauderhafteste Zahnweh, nun schon seit drei Wochen mit wenigen Unterbrechungen. | Ich bin schon mehrere Mal beim Zahnarzt gewesen aber es fängt immer wieder wo anders an. Und ich kann mir doch nicht schließlich jeden Tag einen Zahn reißen lassen.

Ich bitte dich nur um Gewißheit in wenigen Zeilen. Der Erste ist zwar bald acht Tage vorbei aber meine Wirthinnen werden mit sich reden lassen. Bin ich ja doch sogar letzten FrühlingZu diesem Zeitpunkt wohnte Wedekind allerdings noch in der Plattenstraße 35 in Fluntern, wahrscheinlich in der Pension von Marianne Ganz (geb. Döbeli) [vgl. Adreßbuch für die Stadt Zürich 1889, Teil I, S. 102 und Teil II, S. 402]; in die Schönbühlstraße 10 in Hottingen zog er im September 1887 um [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 121]., wo ich meine ReclamenWedekind war von November 1886 bis Anfang April 1887 als „Vorsteher des Reclame- und Preßbureaus“ [Wedekind an Jaroslav Kvapil, 24.4.1901] der Firma Maggi und Co. in Kemptthal bei Zürich fest angestellt und unter anderem für das Verfassen von Reklametexten und Annoncen zuständig. Nach Auflösung des Vertrags war er noch bis Juli 1887 auf Honorarbasis als Texter für Maggi tätig [vgl. Frank Wedekind an Julius Maggi & Co., 13.4.1887; Vinçon 1992, 121]. per Stück verkaufte, ein pünktlicher Zahler gewesen. Wie gesagt, ich ersuche Dich nur um bestimmte Auskunft, darüber damit ich | weiß ob ich mit gutem Gewissen an meiner Arbeit bleiben darf oder mich wieder der hochedeln Reclameschreiberei zuzuwenden habe.

Nochmals Verzeihung wegen der Unterbrechung. Mit herzlichem Gruß Dein treuer Sohn
Franklin.


[Kuvert:]


Herrn Dr. Wedekind.
Schloss Lenzburg.
(Ct. Aargau)

Frank Wedekind schrieb am 4. Mai 1888 in Zürich folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind

Zürich 4. Mai 88.


Lieber Papa,

seit Montagden 30.4.1888. besuche ich die Collegien. Heute Morgen war ImmatriculationZum Sommersemester 1888 setzte Frank Wedekind sein in München begonnenes, für anderthalb Jahre unterbrochenes Jurastudium in Zürich fort, wo er mit der Nummer 8245 immatrikuliert war [vgl. Matrikeledition der Universität Zürich 1833-1924; https://www.matrikel.uzh.ch/active/static/23375.htm].. Ich hätte Dir schon vorher geschrieben wenn ich nicht noch über ein Colleg im Unklaren gewesen wäre, ob es mir verständlich sein würde nach dem was ich in München gehört habe. Ich habe mich gemäß den Forderungen des Studiums | und dem, was ich bis jetzt gehört, zu folgenden CollegienWedekind besuchte demnach die Veranstaltungen Strafrecht, besonderer Teil (Dienstag bis Donnerstag 7–8 Uhr) und Theorie des deutschen Strafprozessrechtes (Dienstag bis Freitag 8–9 Uhr) – beide bei Carl von Lilienthal, Allgemeines Staatsrecht (Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag 9–10 Uhr) bei Gustav Vogt, Grundlehren der Nationalökonomie (Montag und Donnerstag 10–11 Uhr) bei Gustav Heinrich Schmidt, Deutsches Privatrecht (mit Ausschluss des Handels- und Lehensrechtes) (Montag bis Samstag 11–12 Uhr) und Evangelisches und katholisches Kirchenrecht mit besonderer Rücksicht auf die Schweiz (Dienstag, Donnerstag, Freitag 16–17 Uhr) – beide bei Aloys von Orelli [vgl. Verzeichniss der Vorlesungen an der Hochschule Zürich im Sommersemester 1888. https://histvv.uzh.ch/vv/1888s.html. Zugriff am 27.9.24] Zu den besuchten juristischen Veranstaltungen sind 18 Kolleghefte Wedekinds erhalten mit den Themen Kirchenrecht, Staatsrecht, Strafrecht, Strafprozess, Patentrecht und Privatrecht [vgl. Aa Wedekind-Nachlass B 151]. entschlossen:

Strafrecht            3 Stunden

Strafproceßrecht    4      "

Staatsrecht             4      "

Nationalökonomie 2      "

Privatrecht             6       "

Kirchenrecht          3       "

Summe 22 Stunden. Ich besuche außerdem noch verschiedene GratiscollegiaWelche der im Vorlesungsverzeichnis als kostenfrei ausgewiesenen Veranstaltungen Wedekind besuchte, ist nicht ermittelt.. Die Stunde kostetDie Gebühr für das Hören von Veranstaltungen an der Universität war stundenweise an die Professoren zu entrichten. 5 fr. und die Matrikel sammt Jahresbeitrag und Krankengeld 16 fr. macht 126 fr. Ich habe mich behufs der Wahl meiner Collegien | mit älteren Juristen gründlich besprochen, ebenso mit Professor VogtGustav Vogt war seit 1870 Professor für Staatsrecht an der Universität Zürich., bei dem ich Staatsrecht höre.

Es bleibt mir dies Semester außerdem noch übrig, meine Münchner Collegien zu Hause zu repetiren. Auch gedenk ich dann in den Ferien noch vieles nachzuholen.

Mit herzlichem Dank Dein treuer Sohn
Franklin.


[Kuvert:]


Herrn Dr. Wedekind.
Schloss Lenzburg.
(Aargau)

Friedrich Wilhelm Wedekind schrieb am 13. September 1888 in Luzern folgende Postkarte
an Frank Wedekind

Postkarte.
Carte postale
. Cartolina postale


Herr Franklin Wedekind
Schloss Lenzburg.
Ct. Aargau. |


Luzern, Cheval blancDas Hotel „Cheval Blanc“ (weisses Rössli) befand sich in der Rössligasse 175 in Luzern [vgl. Adressen-Kalender für den KANTON LUZERN von 1880 u. 1881. Mit Führer durch die Stadt Luzern, S. 152]., 13 Sept. 88.


L. B.

Entweder Du kommst oder FischerBediensteter auf Schloss Lenzburg [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 68]. soll mich Samstag Abendden 15.9.1888., 5.36 vom Bahnhof Lenzburg abholen. Mit bestem Gruß
D. tr. P.