Briefwechsel

von Frank Wedekind und Hans Richard Weinhöppel

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 8. Mai 1892 in Paris folgenden Zettel
an Frank Wedekind

[ZeichnungDie von Hans Richard Weinhöppel signierte Zeichnung, die den schlafenden Wedekind porträtiert, könnte am 8.5.1892 gegen 13 Uhr entstanden sein: „Gegen ein’s kommt Weinhöppel zu mir, ich liege noch im Bett. Ich stehe langsam auf.“ [Tb]]

H. R. Weinhöppel

Frank Wedekind
Paris Mai 1892
hôtel CrébellonSchreibversehen, statt: Crébillon (Wedekinds Wohnung in Paris befand sich im Hôtel Crébillon in der Rue Crébillon 4).

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 1. Januar 1893 in New Orleans folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Henckell vom 9.1.1893 aus Paris:]


[...] wie man mir aus Amerika schreibt [...]. Mein treuer Genosse Weinhöppel ist [...] nach Amerika gegangen [...]

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 16. Januar 1897 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 17.1.1897 aus Berlin:]


Sie haben sich also wieder für mich geopfert und ich kann Ihnen nicht anders als mit Worten danken.

Frank Wedekind schrieb am 17. Januar 1897 in Berlin folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Berlin, 17.I.1897.


Lieber FreundHans Richard Weinhöppel, seit dem Vorjahr von seinem vierjährigen Aufenthalt in den USA zurück, lebte inzwischen als Musiklehrer in München (Corneliusstraße 4) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1897, Teil I, S. 542].,

Sie haben sich also wieder für mich geopfertHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreibens zur Geldsendung; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 16.1.1897. Wedekind hatte von dem Freund 30 Mark geschickt bekommen [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 20.1.1897]. und ich kann Ihnen nicht anders als mit Worten danken. Ich muß Sie immer noch vertrösten auf das große Ereignisdie geplante Uraufführung der Komödie „Die junge Welt“ (1897) in Berlin. Wedekind stand „in Verhandlungen mit Ludwig Fulda und Otto Erich Hartleben vom Vorstand der Berliner Dramatischen Gesellschaft, die das Stück am Berliner Residenztheater auf die Bühne bringen wollten.“ [KSA 2, S. 631]. Gott sei Dank rückt es näher, am 15. FebruarWedekind nahm an, seine Komödie „Die junge Welt“ (siehe oben) werde am 15.2.1897 durch die Dramatische Gesellschaft im Residenztheater (Direktion: Sigmund Lautenburg) uraufgeführt. Er hatte den Direktor am 13.1.1897 aufgesucht und dort Otto Erich Hartleben getroffen, wie dieser notierte: „bei Lautenburg wegen Contract mit der Dramatischen Gesellschaft. Dort Wedekind getroffen.“ [Tb Hartleben] Der Vertrag wurde am 15.1.1897 geschlossen, wie Otto Erich Hartleben festhielt: „Abschluß des Contracts mit Lautenburg“ [Tb Hartleben]. Die Aufführung kam nicht zustande [vgl. KSA 2, S. 631]. – Die Uraufführung von „Die junge Welt“ fand erst am 22.4.1908 am Münchner Schauspielhaus statt., wenn nichts dazwischen kommt, soll die Aufführung der „Jungen Welt“ sein. Wenn es schlecht geht, dann raffe ich hier so viel Geld als möglich zusammen und fahre aufs Gerathewol nach Paris, denn neue Glücksfälle abzuwarten hätte ich außer allem anderen auch nicht mehr die Geduld.

Ich lebe hier schlimmer als ich jemals in München gelebt, aber bitte sagen Sie niemandem was davon. Ich mache die bedenklichsten Salto Mortali, um nicht Hungers zu crepiren, da es mir schlechterdings unmöglich ist, etwas positives zu arbeiten. Ich schreibe Ihnen das nur, damit Sie meine Unerschütterlichkeit gegenüber meinen Münchner VerpflichtungenAnspielung auf seine Liebesbeziehung mit Frida Strindberg (siehe unten); zugleich hatte Wedekind noch finanzielle Verpflichtungen für seine Münchner Wohnung (siehe unten), die er im Brief anspricht. nicht mißverstehen. An Weiblichkeit cultivire ich einige schöne Exemplare aber – platonisch, wie es mir schlechterdings nicht anders möglich ist.

Das alles sind die Einleitungen zu dem Ereignisdie erwartete oder jedenfalls erhoffte Uraufführung seiner Komödie „Die junge Welt“ (siehe oben)., von dem ich einen Umschwung in meinem Leben erwarte. Es ist mir das vor einem bedeutenden Ereignis immer so gegangen. Wenn nur das Omen nicht täuscht.

Sie können sich denken, wie ich mich aus dieser Lebensführung nach Ihnen zurücksehne. Geht alles gut, dann kommen Sie mir vielleicht bis DresdenFrank Wedekind reiste vorerst nicht nach Dresden; er zog erst am 17.8.1897 von Berlin nach Dresden um [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 23.8.1897], wo seine Schwester Erika Wedekind, die erfolgreiche Hofopernsängerin, wohnte, nachdem alle Versuche, seine Stücke in Berlin auf die Bühne zu bringen, gescheitert waren. entgegen und wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Das ist das, was ich mir erträume. Ich schreibe es nicht, um Ihnen den Mund wässerig zu machen. Dann würden wir auch die Juncker wiedersehendie aus Dresden stammende Malerin Käthe Juncker, mit der Wedekind befreundet war und 1892 in Paris mit ihr eine Liebesaffäre hatte; im Pariser Tagebuch (er nannte sie dort überwiegend Katja) erwähnte er gemeinsame Treffen mit ihr und Hans Richard Weinhöppel [vgl. Tb 30.4.1892, 1.5.1892, 3.5.1892, 8.5.1892].. Das wäre nicht schlecht. Aber alles das sind vor der Hand nichts als Träume. Soviel ist gewiß, daß, wenn ich mit dem ersten Stück hier Glück habe, die beiden nächstendie Tragödie „Der Erdgeist“ (1895) und der noch ungedruckte Schwank „Der Liebestrank“ (1899) [vgl. Wedekind an Otto Erich Hartleben, 29.12.1896]; auch die Aufführungspläne für diese beiden Stücke wurden seinerzeit in Berlin nicht realisiert. sofort folgen werden, denn der Boden könnte gar nicht besser vorbereitet sein.

Frau Strindberg fragt michHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Frida Strindberg an Wedekind, 16.1.1897. Frida Strindberg, mit der Wedekind seit dem Vorjahr in München eine Liebesbeziehung hatte, dürfte ihre Ankunft in Berlin, wo sie Wedekind besuchte, angekündigt haben; sie traf wohl am 19.1.1897 am Anhalter Bahnhof in Berlin ein, wo Wedekind sie abholte [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 20.1.1897]., ob ich Ihnen erlaube auf meinem Zimmerin Wedekinds Wohnung in München (Türkenstraße 69, 2. Stock rechts) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1897, Teil I, S. 539; Teil II, S. 526], die er noch nicht aufgegeben hatte. Er war bis zum 25.1.1897 dort gemeldet [vgl. EWK/PMB Wedekind]. zu arbeiten. Das ist doch selbstverständlich. Arbeiten Sie, was und mit wem Sie wollen. Ich hoffe meiner WirthinAnna Mühlberger in München (Akademiestraße 21) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1897, Teil I, S. 332], Wedekinds Zimmerwirtin seiner Münchner Wohnung (siehe oben) [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 20.1.1897]. nun doch in den nächsten Tagen etwas schicken zu können, dann werde ich ihr das extra einschärfen, andernfalls haben Sie ja selber die nöthige Autorität. Irene hat mir hierhergeschriebenHinweis auf einen nicht überlieferten Brief; erschlossenes Korrespondenzstück: Irene Triesch an Wedekind, 18.12.1896. Irene Triesch, Schauspielerin in München (Goethestraße 38) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1897, Teil I, S. 517], war nach wie vor Mitglied im Ensemble des Deutschen Theaters in München [vgl. Neuer Theater-Almanach 1897, S. 444]., das gute Geschöpf, und ich habe ihr nicht geantwortet, es sind schon mehr als vier Wochen her. – –

Ich erscheine mir selber wie Jemand, der in Gesellschaft etwas sucht und bei dem es „heißer“ und „heißer“ wird. Bei mir ist es jetzt sehr heiß, und wenn ich es diesmal nicht finde, werde ich es niemals finden. Ich bitte Sie sich daraus meine Gemüthsverfassung und alles übrige zu erklären.

Ich schicke Ihnen die herzlichsten innigsten Wünsche und die besten Größe. Um mich her schwatzen mehrere abgeschmackte Schauspielerinnen, ich finde die Worte nicht. Aber vor allem seien Sie meines Dankes gewiß.

Ihr treuer
Frank Wedekind.

Frank Wedekind schrieb am 20. Januar 1897 in Berlin folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Berlin, 20.I.1897.


Lieber Freund,

reicher als von Ihnen kann ich von keinem Könige beschenktWedekind hat Geschenke von seinem Freund erhalten (Zigaretten, Zigarren, eine Flasche Wein), die Frida Strindberg wohl aus München mitbrachte (siehe unten). werden. Ihre Freundschaft zu mir wird für Sie zu einem theuren Luxus, so gerade umgekehrt wie ich es wünschte. Die 30 MkWedekind hatte die 30 Mark schon einige Tage früher erhalten [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 17.1.1897]. habe ich eingesteckt, ohne sie einmal umzudrehen, und fühlte dabei nur, daß es sehr schlimm mit mir stand. Und nun kommen Sie noch mit solchem Gefolgemit den wohl von Frida Strindberg mitgebrachten Geschenken; zugleich metaphorisch Fortführung der mit dem König zum Auftakt eingeführten höfisch zeremoniell imaginierten Bildwelt, die den Freund adelt.. Ich rauche Ihre Cigaretten, indem ich schreibe. Die VirginiasZigarren der Tabaksorte Virginia. habe ich schon gestern Abendam 19.1.1897, an dem Frida Strindberg am Anhalter Bahnhof in Berlin eingetroffen sein dürfte und Wedekind sie dort abgeholte hatte (siehe unten); im Gepäck hatte sie wohl die Geschenke seines Freundes für ihn aus München. angebrochen und die Flasche Graverecte: Graves. Wedekind hat eine Flasche französischen Wein erhalten – Graves sind „weiße und rote Bordeauxweine des Depart. Gironde. Sie sind körperreich und dauerhaft“ [Meyers Konversations-Lexikon. 5. Aufl. Bd. 7. Leipzig, Wien 1894, S. 892] wird heute auf Ihre Gesundheit und das Gelingen all Ihrer Plänenicht ermittelt (darunter Reisepläne). geleert.

Von dem Augenblick an, da ich den Anhalter Bahnhof betratWedekind dürfte Frida Strindberg, die ihn in Berlin besuchte, am 19.1.1897 am Anhalter Bahnhof, dem wichtigsten Berliner Fernbahnhof für Verbindungen aus Süddeutschland, abgeholt haben., fühlte ich thatsächlich ein neues Leben in mirmöglicherweise auch Anspielung auf die Schwangerschaft von Frida Strindberg; der gemeinsame uneheliche Sohn Friedrich Strindberg kam am 21.8.1897 auf die Welt. und heute bin ich ein neuer Mensch. Die liebe gute Frida! Es ist um ein großes Herz doch keine Kleinigkeit. Ich werde vielleicht meine ganze Weltanschauung ändern müssen.

Eh bien(frz.) Nun ja., ich habe doppelt doppelt so viel Vertrauen auf einen guten Erfolg meiner Reisenach Berlin, wohin Wedekind gereist war, um dort in Theaterkreisen Aufführungen seiner Stücke in die Wege zu leiten [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 17.1.1897]; seine Bemühungen waren letztlich nicht erfolgreich.. Wenn mir einer hundert Besuchebei Theaterleuten (siehe oben)., die einem solchen Ereignisdie geplante Uraufführung von Wedekinds Komödie „Die junge Welt“ durch die Dramatische Gesellschaft im Berliner Residenztheater [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 17.1.1897], die nicht zustande kam. vorausgehen, erleichtern kann, so ist es Frida. Wenn mir jemand aus meiner zehnjährigen Arbeit endlich blankes Gold münzen kann, so ist es Frida.

Und nun stellen Sie mir Ihre Reise nach Berlinnicht angetreten. noch in Aussicht. Das kann für Sie so entscheidend werden wie für mich, denn daß hier mehr Entgegenkommen, mehr Chance ist als in München, ist gar keine Frage. Vielleicht steigen wir wie Phönix aus der AscheRedewendung, um eine Neuanfang nach einer Niederlage zu beschreiben (nach dem antiken Mythos vom Vogel Phönix, der verbrennt und aus seiner Asche neu ersteht). als bessere und vollkommenere Menschen aus dieser allgemeinen Pleite empor. Das möge Gott walten.

Frida sagt mir, daß Sie mein – d.h. Ihr ZimmerHans Richard Weinhöppel nutzte Wedekinds Wohnung in München (Türkenstraße 69, 2. Stock rechts) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1897, Teil I, S. 539; Teil II, S. 526], um dort zu arbeiten [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 17.1.1897], nämlich wohl Dramaturgie zu unterrichten; er selbst wohnte in München (Corneliusstraße 4) verzeichnet als Musiklehrer [Adreßbuch von München für das Jahr 1897, Teil I, S. 542]. zu dramatischem Unterricht benützen. Ich habe der Mühlberger, die übrigens das unbegrenzteste Vertrauen in Sie setzt, geschrieben, daß sie Sie ja in Ihrem Vortrag nicht stören soll, indem eben alles Theater sei. Ich habe ihr geschriebenHinweis auf einen nicht überlieferten Brief; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Anna Mühlberger, 20.1.1897. Anna Mühlberger in München (Akademiestraße 21) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1897, Teil I, S. 332] war Wedekinds Zimmerwirtin seiner Münchner Wohnung in der Türkenstraße 69 (siehe oben), wo Wedekind vom 23.8.1896 bis 25.1.1897 gemeldet war [vgl. EWK/PMB Wedekind]. Sie hatte ihm früher Zimmer vermietet (in der Akademiestraße 21) [vgl. Wedekind an Anna Mühlberger, 14.8.1891]., daß Sie meistens in Gesellschaft kommen werden.

Auf baldiges Wiedersehn! Glück auf! Tausend Dank für Ihre Herzensgüte. Ihr getreuer
Frank.

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 28. Januar 1897 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Postkarte an Hans Richard Weinhöppel vom 29.1.1897 aus Berlin:]


[...] wie kommen Sie zu solchen, ich finde den Ausdruck nicht.


Frank Wedekind schrieb am 29. Januar 1897 in Berlin folgende Postkarte
an Hans Richard Weinhöppel

Berlin, 29.I.1897.


Lieber Richard,

wie kommen Sie zu solchenHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 28.1.1897., ich finde den Ausdruck nicht. Ich bin hier so wie so sehr klein geworden. Aber entweder geht es in die Höhe oder wir sehen uns vielleicht nicht wieder, weil ich so nicht länger mitmachen könnte.

Herzlichen Dank. Brief morgennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 30.1.1897..
Frank.

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 30. Januar 1897 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Postkarte an Hans Richard Weinhöppel vom 29.1.1897 aus Berlin:]


Brief morgen.

Hans Richard Weinhöppel, Anton Dreßler, Lotte Dreßler, Georg Stollberg, Ernst Welisch, Grete Stollberg, Julius Schaumberger, Julius Schaumberger, Julius Schaumberger, Julius Schaumberger, Julius Schaumberger, Julius Schaumberger, Julius Schaumberger, Julius Schaumberger, Julius Schaumberger, Julius Schaumberger und Julius Schaumberger schrieben am 15. März 1897 in München folgende Postkarte
an Frank Wedekind

Königreich Bayern.

POSTKARTE.


An
Herrn Frank Wedekind
in Berlin
Schiffbauerdamm 5/IISchreibversehen, statt: III. Wedekind wohnte nicht im 2. Stock, sondern im 3. Stock (siehe unten).
bei WallraffWedekind wohnte in Untermiete bei der Pensionswirtin Johanna Wallraff (geb. Müller), eine Buchhändlerwitwe und ehemalige Lehrerin, die am Schiffbauerdamm 5 (3. Stock) eine „Pension f. In- u. Ausländer“ [Adreßbuch für Berlin 1897, Teil I, S. 1371] betrieb.. |


Lieber Freund – Brief folgtnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 16.3.1897. Wedekind hat den Brief „unbeantwortet gelassen“ [Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 1.4.1897]. – näheres mündlich – tout à vous(frz.) ganz der Ihrige.: Richard.


Lieber Wedekind, wann werden wir wieder zusammen um 4 Uhrwohl eher 16 Uhr (nicht 4 Uhr früh). nach dem Bahnhofder Hauptbahnhof in München. Julius Schaumberger spielte damit ebenso wie Lotte Dreßler (siehe unten) auf die offenbar kollektive Verabschiedung Wedekinds bei seiner Abreise von München nach Berlin vor Mitte Dezember 1896 an. wandern? Bis dahin Gruß
von Ihrem Schaumbgr.


[um 90 Grad gedreht:]


Ob’s reg’nt, ob’s schneit,
Ob pfeift auch da Wind
Mir denk’n hall do
An Freund Wedekind.

Gruß StollbergGeorg Stollberg war seinerzeit noch Oberregisseur und Schauspieler am Deutschen Theater in der Schwanthaler Passage in München [vgl. Neuer Theater-Almanach 1897, S. 443].


„Schwer“ ist das Leben
nur GravesGraves sind „weiße und rote Bordeauxweine des Depart. Gironde. Sie sind körperreich und dauerhaft“ [Meyers Konversations-Lexikon. 5. Aufl. Bd. 7. Leipzig, Wien 1894, S. 892]; in Verbindung mit dem Leben, das ‚schwer‘ ist, in der Zeile darüber ergibt sich aus der Bezeichnung des Weins ein Wortspiel mit dem lateinischen Adjektiv ‚gravis‘ oder ‚grave‘ (= ernst, schwer). hilft.

Gruß Anton Dreßler


Als ächte BerlinerinGrete Stollberg (geb. Kramme), Schriftstellerin, insbesondere Lyrikerin, mit Georg Stollberg verheiratet (Heirat am 16.3.1896 in Berlin), Tochter des Berliner Fabrikbesitzers Christian Kramme und seiner Gattin Anna Malwine Kramme (geb. Heintze), ist in Berlin aufgewachsen.
wünsch ich mir:
Kommen’s recht
bald wieder dahier!

Grete Stollberg


Ich geh um 4 Uhr auch wieder mit auf den BahnhofLotte Dreßler spielt wie Julius Schaumberger auf die Verabschiedung Wedekinds von München an (siehe oben).. Lotte.


Grüße!
Ernst WelischErnst Welisch, seinerzeit noch Student der Philosophie in München [vgl. Amtliches Verzeichnis des Personals der Lehrer, Beamten und Studierenden an der königlich bayerischen Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Winter-Semester 1896/97. München 1896, S. 107], war im Vorjahr wie Hans Richard Weinhöppel (Pseudonym: Hans Richard) und Wedekind Mitarbeiter des „Mephisto. Wochen-Rundschau über das gesammte Münchener Theaterleben“, herausgegeben „von Julius Schaumberger unter ständiger Mitwirkung von Max Halbe, Wilhelm Hegeler, Oscar Panizza, Hans Richard, Georg Schaumberg, Frank Wedekind, Ernst Welisch“ [Mephisto, Jg. 1, Nr. 13, 19.12.1896, S. 1], wie es auf dem Titelblatt des möglicherweise zuletzt erschienenen Heftes heißt (mehr nicht nachweisbar).

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 16. März 1897 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[1. Hinweis in Hans Richard Weinhöppels Postkarte an Wedekind vom 15.3.1897 aus München:]


[...] Brief folgt [...]


[2. Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 1.4.1897 aus Berlin:]


Ich habe Ihren letzten lieben Brief unbeantwortet gelassen [...]

Hans Richard Weinhöppel, Marc Henry, Georg Schaumberg, Julius Schaumberger, Anton Dreßler, Lotte Dreßler und Wilhelm Hegeler schrieben am 28. März 1897 in München folgende Bildpostkarte
an Frank Wedekind , Frank Wedekind

Königreich Bayern.
POSTKARTE.


An
Herrn Frank Wedekind
Schriftsteller
in Berlin
Marien-Strasse 9 IIIWedekind wohnte in Untermiete bei der als Vermieterin oder gar „Zimmervermieterin“ [Adreßbuch für Berlin 1897, Teil I, S. 806] ausgewiesenen Witwe W. Marggraf (geb. Nethe) in der Marienstraße 9 (3. Stock) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1896, Teil I, S. 668; vgl. Adreßbuch für Berlin 1897, Teil III, S. 367], tatsächlich im 3. Stock angesiedelt: „Marienstr. 9 III“ [Adreßbuch für Berlin 1898, Teil I, S. 841]; gleichwohl wohnte Wedekind im 4. Stock [vgl. Wedekind an Wilhelm Bölsche, 30.4.1897]. |


La plus belle fille(frz.) Das schönste Mädchen der Welt kann nur das geben, was es hat. du monde ne peut donner que ce quʼelle a. – Richard.


Gruß Hegelerder Schriftsteller Wilhelm Hegeler, im Vorjahr wie Hans Richard Weinhöppel (Pseudonym: Hans Richard) und Wedekind Mitarbeiter des „Mephisto. Wochen-Rundschau über das gesammte Münchener Theaterleben“, herausgegeben „von Julius Schaumberger unter ständiger Mitwirkung von Max Halbe, Wilhelm Hegeler, Oscar Panizza, Hans Richard, Georg Schaumberg, Frank Wedekind, Ernst Welisch“ [Mephisto, Jg. 1, Nr. 13, 19.12.1896, S. 1], wie es auf dem Titelblatt des möglicherweise zuletzt erschienenen Heftes heißt (mehr nicht nachweisbar).


L’homme le plus fort(frz.) Der stärkste Mann kann seine Liebe nicht allen schönen Mädchen geben, die er liebt. ne peut donner son amour aux à toutes les belles filles qu’il aime.
Schmbgr.


Restaurant Hoftheater

München


J’arrive directement(frz.) Ich komme direkt aus Paris, um Herrn Bazalgette abzulösen, aber Sie sind nicht da. Singen wir das „De profundis“, während wir auf das „te deum“ warten. de Paris pour remplacer Herr BazalgetteLéon Bazalgette, französischer Schriftsteller und Übersetzer, der seit Anfang der 1890er Jahre Kontakte zu deutschsprachigen Schriftstellern knüpfte und in Zeitschriften der Münchner Moderne veröffentlicht hat, „ein junger Pariser Dichter“ [Donald Wedekind an Frank Wedekind, 8.8.1894], der in Zürich Wedekinds Adresse von dessen Bruder erhalten hatte., mais vous êtes absent. Chantons le „de ProfundisBibelanspielung: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“ (AT, Psalm 130); der Psalm 130, ein Bußpsalm und Totengebet, wird nach den lateinischen Anfangsworten („De profundis clamavi ad te Domine“) auch „De profundis“ genannt, hier metaphorisch eingesetzt – er sei zu singen, da Wedekind nicht vor Ort ist.“ en attendant le „te deumdas „Te Deum“, der feierliche christliche Lobgesang von „Te Deum laudamus“ (lat.) = ‚Dich, Gott, loben wir‘ (aufgegriffen etwa im Kirchenlied „Großer Gott, wir loben dich“), wiederum metaphorisch (siehe oben).“.
A. d’Ailly de VaucheretAchille George d’Ailly de Vaucheret (geboren: Achille Georges Thuret), französischer Journalist und Übersetzer, der später als Leiter des 1900 von ihm gegründeten Münchner Kabaretts Die Elf Scharfrichter unter dem Pseudonym Marc Henry bekannt war, zeichnete hier noch mit seinem eigentlichen Namen; er war im Begriff, von Paris nach München überzusiedeln.


Salue! Fromage de Brie!(frz.) Sei gegrüßt! Briekäse! Servus! Entschuldigen Sie mein schlechtes Fränzösisch es kommt von Herzen Schaumberg.


Bitte um Antwort ob Paket erhaltenHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zum Paket; erschlossenes Korrespondenzstück: Lotte Dreßler an Wedekind, 15.3.1897.. Lotte.


Gruß Anton Dreßler.

Frank Wedekind schrieb am 1. April 1897 in Berlin folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Berlin, 1.IV.1897.
Marienstraße 9 IV.lWedekind wohnte in Berlin in der Marienstraße 9 (4. Stock links) [vgl. Wedekind an Wilhelm Bölsche, 30.4.1897]..


Lieber Richard

voraussichtlich komme ich nächster TageWedekind blieb in Berlin und reiste nicht nach München. nach München zurück. Ich komme aber nur, wenn es anständiger Weise möglich ist. Sonst bleibe ich für diese Welt Ihr Schuldner. Die EntscheidungWedekind hatte ein Manuskript von „Bethel. Große Pantomime in vier Bildern“ [KSA 3/II, S. 91-141], ein Werk, das „als Auftragsarbeit für den Berliner Zirkus Renz entstand“ [KSA 3/II, S. 803], dem Direktor des Zirkus Renz übersandt [vgl. Wedekind an Franz Renz, 31.3.1897]; er erwartete darüber Nachricht, da er mit einer Aufführung seines Stücks im Zirkus Renz rechnete, die allerdings nicht zustande kam, da das Unternehmen in Konkurs ging. fällt morgen oder übermorgen. Wenn ich komme, dann bringe ich Ihnen etwas mit, meine Kaiserin v. Neufundland„Die Kaiserin von Neufundland. Große Pantomime in drei Bildern“ [KSA 3/I, S. 57-90], 1897 in der Sammlung „Die Fürstin Russalka“ (siehe unten) veröffentlicht. Wedekind hoffte, der Komponist Hans Richard Weinhöppel werde die Musik zu seiner Tanzpantomime komponieren., von der ich halbwegs sicher bin, daß sie Ihnen gefallen wird und daß Sie sie in Musik setzen. Wenn Sie sich dazu entschließen, so werde ich schon dafür sorgen, daß Sie es auch thun. Ich habe Ihren letzten lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 16.3.1897. unbeantwortet gelassen, aber es kann mir keine Genugthuung sein, Ihnen Unannehmlichkeiten zu schreiben, denen ich gerade ausgesetzt war. Ich will gerne alles Glück mit meinen Freunden theilen, aber in mein Mißgeschick haben Sie sich selber mehr hineingedrängt. Meines Dankes dafür sind Sie gewiß, aber ich sage ihn Ihnen mit tiefer Beschämung.

Für den Augenblick stehen meine Angelegenheiten nicht schlecht, das heißt voraussichtlich. Und ich werde nicht nach München zurückkommen, ehe ich die positive, klingende Gewißheit in der Tasche habe. In den nächsten Wochen erscheint bei Langen ein Buch von mirWedekinds Sammlung „Die Fürstin Russalka“ (1897), die im Sommer im Albert Langen Verlag in München erschien [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 133, 12.6.1897, S. 4287]., das jedenfalls Skandal machen wird. Außerdem habe ich die Kaiserin von Neufundland und die braune Traberstute Bethel„Bethel, die Traberstute“ [KSA 3/I, S. 98], „eine braune Traberstute“ [KSA 3/I, S. 98], Titelfigur von „Bethel. Große Pantomime in vier Bildern“ (1897), zu Wedekinds Lebzeiten unveröffentlicht [vgl. KSA 3/II, S. 803-807]., die mich vor der Hand pecuniär über Wasser halten muß.

Im übrigen, und das sage ich mit einem gewissen Stolz, ist im Augenblick kein Schriftstellername in Berlin verrufener als der meine. Wie das kommt, weiß ich nicht, da ich wenig in Gesellschaft war. Aber ich habe die Gewißheit, daß es wenig braucht, um meine Verrufenheit in das Gegenteil zu verwandeln.

Ich lege diesem Brief ein Billetnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Lotte Dreßler, 1.4.1897. Wedekind unterhielt seit etwa Ende 1896 eine Liebesbeziehung mit Lotte Dreßler (geb. Kray), der Frau des mit ihm befreundeten Gesangspädagogen Anton Dreßler, die er geheim hielt und mit der Geliebten über gemeinsame Bekannte und postlagernd [vgl. Lotte Dreßler an Wedekind, 15.4.1897] korrespondierte. bei, das ich Sie bitte schließen zu wollen und persönlich zu übergeben. Wenn Sie es nicht übergeben können, wenn ich Sie damit verletze, dann lassen Sie es ganz einfach und schreiben Sie es mir gelegentlich. Sie sehen daraus, daß ich ein doppeltes SpielAnspielung auf Wedekinds gleichzeitige Beziehung mit Lotte Dreßler und Frida Strindberg. spiele, aber wer von uns spielt das nicht. Ich habe keinen anderen sicheren Weg, um die Zeilen an ihre Adresse gelangen zu lassen. Aber mit Ihrer Freundschaft erkaufe ich mir die Gunst nicht. Das wäre zu theuer.

Und nun leben Sie wohl. Empfehlen Sie mich Miß B.„die Amerikanerin Stella Brokow“ [KSA 4, S. 662], die spätere erste Ehefrau von Hans Richard Weinhöppel (Heirat 1900 in London, Scheidung 1906), die er während seines Aufenthalts in den USA kennengelernt hatte und die 1896 mit ihm nach München gekommen war, wie Max Halbe sich erinnerte: „Als er zurückkam, brachte er sich von drüben eine Frau mit, die in unserem Kreise sehr bald als der Typus der Amerikanerin [...] galt. [...] die Ehe wurde [...] später geschieden.“ [Halbe 1935, S. 315] und richten Sie Ihrer Nuzzirecte (wahrscheinlich): Mizzi. Wedekind erwähnte später „Weinhöppel und seine Freundin Mizzi“ [Wedekind an Otto Julius Bierbaum, 28.8.1898]; das war Mizzi Ledermann, „deren Namen Fritz Strich – möglicherweise irrtümlich – als ‚Nuzzi‘ ediert hat.“ [KSA 4, S. 661] Wedekind hat in seinem Entwurf „Schema eines Dramas“ (1897) die Beziehung zwischen den Figuren „R.W.“ (= Richard Weinhöppel) und „M.L.“ (= Mizzi Ledermann) skizziert: „R.W. und M.L. – M.L. treibt die Künstlerschaft bis zur Hurerei.“ [KSA 4, S. 305] „R.W. und M.L. – R.W. hält um M.L.’s Hand an.“ [KSA 4, S. 306] meinen ergebensten und respectvollsten Gruß aus.

Mein Lebensglück hängt momentan in des Wortes verwegenster Bedeutung an einem PferdehaarAnspielung auf die Traberstute Bethel (siehe oben) und damit auf die Hoffnungen, die er an seine Pantomime „Bethel“ knüpfte.. Hoffentlich hält es.

In alter Treue Ihr
Frank.

Frank Wedekind schrieb am 30. Juni 1897 in Berlin folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Berlin, 30.VI.1897.


Lieber Freund,

ich wäre sehr glücklich, wenn ich etwas von Ihnen erfahren könnte, wie es Ihnen geht. Vor 14 Tagenam 16.6.1897, wobei Wedekinds Sammlung „Die Fürstin Russalka“ (1897) schon einige Tage zuvor im Albert Langen Verlag in München erschienen war [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 133, 12.6.1897, S. 4287]. ist meine Fürstin R. (Russalka)Ergänzung des Herausgebers im Erstdruck des Briefs. in München erschienen. Ich konnte Ihnen noch kein Exemplar zuschicken, weil ich infolge fortgesetzter DifferenzenWedekind dürfte Differenzen mit seinem Verleger Albert Langen gehabt haben, die das Honorar des Bandes „Die Fürsten Russalka“ (siehe oben) betrafen, über den ein Vertrag vorlag, den Albert Langen in München am 1.3.1897 und Wedekind in Berlin am 3.3.1897 unterzeichnet haben; darin heißt es: „Herr Langen zahlt Herrn Wedekind für die erste Auflage von zweitausend Exemplaren ein Honorar von M. 600– (sechshundert Mark). Die Auszahlung geschieht so, daß Herr Wedekind M. 200– (zweihundert Mark) sofort nach Unterzeichnung dieses Vertrages erhält, während der Rest von M. 400– (vierhundert Mark) als Ausgleich geleisteter Vorschüsse Herrn Langen verbleibt.“ [Aa, Wedekind-Archiv E, Mappe 5, Nr. 3] mit dem Verleger noch keine erhalten habe. Vielleicht haben Sie „Die Kaiserin„Die Kaiserin von Neufundland. Große Pantomime in drei Bildern“ [KSA 3/I, S. 57-90], 1897 in der Sammlung „Die Fürstin Russalka“ (siehe oben) veröffentlicht.(von Neufundland)Ergänzung des Herausgebers im Erstdruck des Briefs. darin schon gelesen, wie glücklich wäre ich jetzt mit Ihnen in München die CompositionWedekind ging davon aus, Hans Richard Weinhöppel werde die Musik zu seiner Tanzpantomime „Die Kaiserin von Neufundland“ (1897) komponieren [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 1.4.1897]. derselben besprechen zu können. Bitte schreiben Sie mir, ob Sie noch in München sind. Bis ich Ihren Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 14.7.1897. Wedekinds Freund hat sich in dem Brief wohl eher reserviert über eine von ihm auszuführende Komposition zu der Tanzpantomime „Die Kaiserin von Neufundland“ geäußert [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 15.7.1897]. erhalte, kann ich ihnen vielleicht mit einer sehr glücklichen NachrichtWedekind erwartete, der Zirkus Renz werde „Bethel. Große Pantomime in vier Bildern“ (1897), „als Auftragsarbeit für den Berliner Zirkus Renz“ [KSA 3/II, S. 803] entstanden, aufführen, was nicht geschah. „Wedekinds Hoffnungen auf eine Aufführung der Zirkus-Pantomime beim Berliner Zirkus Renz zerschlugen sich durch dessen Konkurs im Juli 1897.“ [KSA 3/II, S. 831] dienen; indessen verlassen Sie sich nicht darauf, denn die Wechselfälle des Schicksals sind unberechenbar. Ich habe seit zwei Monaten keinerlei Nachrichten aus München erhalten und seither sehr viel erlebt, was sich nicht schriftlich mittheilen läßt. Ich jage hier hinter einem Phantom her, an, das ich schon kaum mehr glauben kann, da es mir zu oft wieder entschwunden; an das ich aber glauben muß, da mir kein anderer Ausweg mehr bleibt. Unter uns gesagt: Aut Caesar aut nihil(lat.) Entweder Kaiser oder nichts (sprichwörtlich nach einem Zitat aus dem Wahlspruch des Renaissancefürsten Cesare Borgia); meint: Alles oder nichts.. – Grüßen Sie mir Frida, wenn sie noch da ist, und Herrn und Frau Dressler. Das Leben ist eine verdammte BestieWedekind formulierte später als Schlusssatz des „Marquis von Keith“ (1901) eine Variante: „Das Leben ist eine Rutschbahn...“ [KSA 4, S. 228], zuvor als Schlusssatz von „Ein gefallener Teufel“ (1899): „Das Leben ist eine Rutschbahn!“ [KSA 4, S. 148]. – Mit den besten Wünschen und herzlichsten Grüßen Ihr Frank Wedekind, Kurfürstenstr. 125 I. lWedekind war wieder umgezogen (Kurfürstenstraße 125, 1. Stock links) und wohnte nun in der Pension von S. Morgan, die als Inhaberin einer Pension ausgewiesen ist (Kurfürstenstraße 125) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1897, Teil I, S. 862], im selben Haus, in dem sein späterer Vermieter Wilhelm Hamann (Wedekind wohnte 1906 bis 1908 in seinem Haus) mit seinem Baugeschäft ansässig war (Kurfürstenstraße 125) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1897, Teil III, S. 305]..

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 14. Juli 1897 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[1. Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 30.6.1897 aus Berlin:]


Bis ich Ihren Brief erhalte [...]


[2. Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 15.7.1897 aus Berlin:]


[...] Ihre Aeußerungen betreffs der Kaiserin v. N. [...]


Frank Wedekind schrieb am 15. Juli 1897 in Berlin folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Berlin, 15.VII.1897.


Lieber Freund,

Meine Baßgeigenin Anlehnung an die Redewendung: Den Himmel voller Baßgeigen hängen sehen = sich am Ziel aller Wünsche glauben. sind wieder einmal unter Wimmern und Dröhnen vom Himmel gefallen. Vorderhand kann ich nicht daran denken, Berlin zu verlassen und nach München zurückzukehren. Was mir bleibt, ist immerhin eine feste Position zu 200 MkWedekinds „Einkommen“ bestand „in durchschnittlich Mk. 200 – per Monat resultirend aus literarischen Arbeiten“ [Wedekind an Gemeinde-Verwaltung Berlin, 12.8.1897]., aber das ist nicht mehr als das nackte Leben, große Sprünge kann ich mir noch nicht damit gestatten. Ich habe keine Ursache zu jammern, aber auch gar keine Ursache zur Freude, zu der in erster Linie unser Wiedersehen gehört hätte. Und nun eine praktische Frage, die sich mir mit jedem Tage mehr aufdrängt. Dürfte ich Sie bitten mir mitzutheilen, ob sich von meinen Sachen in München noch etwas erhalten hat. Ich weiß zu gut, daß sie alle verfallen sind, ausgenommen die Manuskripte, die schließlich für niemand Werth haben und für mich umso mehr. Ich habe meiner guten Wirthin, der Mühlberger, auf ihre unzähligen wohlgemeinten Briefenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück (davor eine nicht bestimmbare größere Anzahl weiterer verschollener Briefe): Anna Mühlberger an Wedekind, 14.7.1897. Die Zimmerwirtin Anna Mühlberger hatte Wedekind in München vom 23.8.1896 bis 25.1.1897 ein Zimmer (Türkenstraße 69, 2. Stock) vermietet [vgl. EWK/PMB Wedekind], das dann Hans Richard Weinhöppel nutzte [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 17.1.1897 und 20.1.1897]. Wedekind war unter derselben Adresse dann ab dem 14.7.1898 erneut bei ihr gemeldet [vgl. EWK/PMB Wedekind]. nicht geantwortet, weil ich ihr nie etwas zu antworten hatte. Jetzt habe ich auch nicht viel, aber ich könnte immerhin daran denken, ein Arrangement zu treffen. Ich wende mich an Sie mit der Bitte, mich über die Lage der Dinge orientiren zu wollen, wenn Sie etwas darüber wissen.

Ich hatte für den Circus Renz„Circus Renz“ [Adreßbuch für Berlin 1897, Übersichtspläne für Theater, Concertsäle etc., S. XV] in Berlin (Am Zirkus 1) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1897, Teil III, S. 96], Direktor: Franz Renz. eine große Pantomime„Bethel. Große Pantomime in vier Bildern“ (1897), als „Auftragsarbeit für den Berliner Zirkus Renz“ [KSA 3/II, S. 803] entstanden. geschrieben, die anfänglich sehr beifällig aufgenommen wurde. Dann wurde ich zwei Monate hingehaltenWedekind hatte „Bethel“ (siehe oben) dem Direktor des Zirkus Renz übersandt [vgl. Wedekind an Franz Renz, 31.3.1897], die Pantomime auf dessen Anregung hin wohl „noch einmal gründlich überarbeitet“ [KSA 3/II, S. 803] und ging davon aus, sie werde vom Zirkus Renz aufgeführt, was nicht geschah (siehe unten). und nun, vor vierzehn Tagenam 1.7.1897; an diesem Tag dürfte Wedekind vom Konkurs des Zirkus Renz gelesen haben, womit seine Aufführungspläne für „Bethel“ bei diesem Zirkus hinfällig waren. Das Unternehmen (mit den drei Häusern in Berlin, Breslau und Hamburg) ging am 31.7.1897 in den Konkurs, wie die Presse am 1.7.1897 ankündigte: „Wie uns aus zuverlässiger Quelle mitgetheilt wird, hat Direktor Franz Renz [...] gestern gegenüber allen seinen Angestellten von seinem Kündigungsrecht Gebrauch gemacht, so daß am 1. August die völlige Auflösung des Cirkus Renz erfolgen wird. Dieser Entschluß des Direktors, durch welchen die lange und ruhmreiche Geschichte des Cirkus Renz einen jähen Abschluß erfährt, dürfte wohl in erster Linie daraus zurückzuführen sein, daß die beiden letzten Berliner Saisons infolge der Konkurrenz des neuen Cirkus Busch dem Renzschen Etablissement erhebliche Verluste gebracht haben.“ [Die Auflösung des Cirkus Renz. In: Berliner Tageblatt, Jg. 26, Nr. 327, 1.7.1897, Morgen-Ausgabe, 1. Beiblatt, S. (2)], entschließt sich Renz, seinen hiesigen Circus aufzugeben. Das ist wirkliches Pech. Denn bei einem dreißig Jahre alten InstitutGründungsjahr des Zirkus Renz war 1842 oder 1846, den Namen trug der Zirkus seit 1850. konnte ich unmöglich mit der Eventualität rechnen, daß es plötzlich aufhört zu existiren.

Es bleibt mir nun nichts übrig als mich an seine Concurrenzan den „Circus Busch“ [Adreßbuch für Berlin 1897, Übersichtspläne für Theater, Concertsäle etc., S. XVI], das Konkurrenzunternehmen des Zirkus Renz, wie Wedekind aus der Presse wissen konnte (siehe oben). Ob Wedekind versuchte seine Pantomime „Bethel“ diesem „anderen Zirkusunternehmen anzubieten, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit bestätigen.“ [KSA 3/II, S. 831] zu wenden, und darüber kann wieder eine lange Zeit vergehen.

Mein Pech schmerzt mich nicht in letzter Linie um Fr. St’s (Frida Strindbergs)Ergänzung des Herausgebers im Erstdruck des Briefs. willen. Ich habe ihr gegenüber niemals Illusionen gehegt und hege sie auch jetzt nicht, aber umso eher würde ich ihr gerne in einer Lage beistehenAnspielung auf Frida Strindbergs Schwangerschaft; das gemeinsame Kind von ihr und Wedekind kam am 21.8.1897 zur Welt: Friedrich Strindberg., an der ich der Mitschuldige bin, wenn ich es nur könnte. Daß sie gegen mich die Beleidigte spielt, scheint mir angesichts der ernsten Situation kindisch, kann mich aber nach so vielem Kindischen nicht überraschen.

Auf Ihre Aeußerungennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 14.7.1897. Wedekinds Freund dürfte sich reserviert über seinen Wunsch geäußert haben, die Musik zu der Tanzpantomime „Die Kaiserin von Neufundland“ zu komponieren [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 30.6.1897]. betreffs der Kaiserin v. N. kann ich Ihnen schriftlich nicht antworten, da ich zu sehr das Bedürfnis fühle, mündlich mit Ihnen darüber zu verhandeln. Vielleicht trifft doch noch eine günstige Wendung ein. Es wäre die größte Freude, die mir widerfahren könnte.

Grüßen Sie Herrn und Frau DresslerHans Richard Weinhöppel war am 15.7.1897 gemeinsam mit Anton und Lotte Dreßler sowie mit Stella Brokow für zwei Monate nach Bruck bei München verreist [vgl. Lotte Dreßler an Wedekind, 11.7.1897]. bitte aufs herzlichste. Mit den besten Grüßen und Wünschen für Ihr Wohlergehen Ihr

Frank Wedekind.

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 6. Oktober 1897 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 8.10.1897 aus Dresden:]


[...] Ihres Briefes [...]


Hans Richard Weinhöppel schrieb am 6. Oktober 1897 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 8.10.1897 aus Dresden:]


[...] Ihrer Carte [...]


Frank Wedekind schrieb am 8. Oktober 1897 in Dresden folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Dresden, 8.X.1897.


Lieber Freund,

ich schreibe Ihnen in größter Eile. Ich bemerke es im Voraus, damit Sie trotz Ihres Briefesnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 6.10.1897. Wedekinds Freund dürfte noch nach Berlin geschrieben haben und seine Post Wedekind nach Dresden nachgesendet worden sein. und Ihrer Cartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 6.10.1897. mich nicht verurtheilenAnspielung auf Wedekinds Vaterschaft seines unehelichen Sohnes (Friedrich Strindberg) mit Frida Strindberg, der am 21.8.1897 geboren wurde. Wedekind war darauf in seinem letzten Brief zu sprechen gekommen [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 15.7.1897].. Ich liege gerade in den letzten Zügen mit einem EinacterWedekinds Einakter „Der Kammersänger“ (1899), im Manuskript noch unter dem ursprünglichen Titel „Das Gastspiel“ [vgl. KSA 4, S. 331], der erst anderthalb Jahre später im Albert Langen Verlag in München erschien [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 57, 10.3.1899, S. 1886]., den ich noch für so und so viel Geld, das ich in der Tasche habe, fertig stellen muß, da ich nachher keins mehr zu dem Zwecke bekomme. Aber in einigen Tagen bin ich frei. Es thut mir weh zu hören, daß es Ihnen nicht besser geht als mir. Lassen Sie aber doch den Muth nicht sinken. Ich denke sehr viel an Sie. Aber was soll ich thun, solange ich selber noch beide Hände gefesselt habe. Gegenwärtig esse ich nun das Gnadenbrodrecte: Gnadenbrot. Wedekind wurde von seiner Schwester (siehe unten) finanziell unterstützt [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 23.8.1897]. hier bei meiner SchwesterFrank Wedekind ist am 17.8.1897 von Berlin nach Dresden umgezogen und wohnte dort in der Walpurgisstraße 14 [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 23.8.1897], nicht in der Wohnung seiner Schwester Erika Wedekind (Struvestraße 34) [vgl. Adreßbuch für Dresden 1898, Teil I, S. 618].. Das hätte mich nicht gehindert, alles bei ihr einzusetzen, daß sie Ihre Lieder singtHans Richard Weinhöppel hoffte offenbar, Erika Wedekind werde Liedkompositionen von ihm singen, die sie dem vorliegenden Brief zufolge besaß., wenn Sie nur gekommen wärenWedekind hatte dem Freund ein Treffen in Dresden vorgeschlagen [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 17.1.1897], das nicht zustande kam.. Ich hatte mich wirklich sehr darauf gefreut. Aber auch so werde ich sie bei der ersten Gelegenheit bearbeiten, denn soviel ich weiß hat sie ja Ihre Lieder.

Nach München zu kommen ist mir jetzt im Augenblick ganz unmöglich. Aber schreiben Sie mir doch bald, was Sie auf dem Herzen haben. In 14 Tagen am 22.10.1897. Die Erstausgabe von Wedekinds Komödie „Die junge Welt“ (1897) bei W. Pauli’s Nachfolger (H. Jerosch) in Berlin [vgl. KSA 2, S. 646] war kurz darauf als erschienen angezeigt [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 248, 25.10.1897, S. 7743].kommt in Berlin eine Comödie von mir heraus, d.h. nur im Buchhandel. Und dann kommt der Einacter, das sind meine Hoffnungen. Aber wie tief ich wieder in WeiberconflictenAnspielung auf die Liaison mit Julia Rickelt (geb. Woelfle), verheiratet mit dem Berliner Regisseur Gustav Rickelt, ein heimliches Liebesverhältnis (siehe Wedekinds Korrespondenz mit Julia Rickelt vom 26.8.1897 bis 29.10.1897). Wedekind ist aufgrund des möglichen Skandals, der wegen dieser Affäre drohte, am 17.8.1897 von Berlin nach Dresden umgezogen [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 23.8.1897]. stecke, das kann ich Ihnen hier gar nicht so rasch auseinandersetzen. Also bitte schreiben Sie mir und seien Sie nicht böse Ihrem treuen Freund
Frank Wedekind.


Ich kann das leere Papier doch nicht unbeschrieben lassen. Was ist denn mit Athen?Zusammenhang nicht ermittelt. Wie ich Sie verstehe, ist nichts daraus geworden. Aber mir ist es ja mit all meinen Unternehmungen bisher nicht besser gegangen. Und dann höre ich, daß Sie wieder in Paris warennicht ermittelt; wann Hans Richard Weinhöppel im Sommer 1897 in Paris war (und ob überhaupt), ist unklar.. Lassen Sie nur um Gottes willen nicht wieder den Kopf sinken, wie in Amerikawährend Hans Richard Weinhöppels knapp vierjährigem Aufenthalt in den USA von Herbst 1892 bis Spätsommer 1896; er war als Kapellmeister an der Opéra Française in New Orleans engagiert [vgl. Kemp 2017, S. 174f.].. Vielleicht kommen Sie hierher. Zu Zweit läßt sich eventuell mehr machen; denken Sie an unsere glorreichen Tage in Münchendie gemeinsame Zeit in München unmittelbar nach Hans Richard Weinhöppels Rückkehr aus den USA im Spätsommer 1896, als am 26.9.1896 das Deutsche Theater (Direktion: Emil Meßthaler) in München (Schwanthalerpassage) eröffnete und am selben Tag das erste Heft der Münchner Wochenschrift „Mephisto“ erschien, an der sowohl Wedekind als auch Hans Richard Weinhöppel mitwirkten.. Und dann die Luftveränderung. Sie sind mir sehrwillkommen. Nur etwas: Geld kann ich Ihnen nicht anbieten, so sehr ich ihr Schuldner bin. Seien Sie durch meine Offenheit bitte nicht beleidigt. Sie wissen wie ich es meine. Es ist ja trauriger für mich als für Sie. Aber wenn ich Ihnen trotzdem etwas sein kann, dann kommen Sie. Auf jeden Fall würden wir uns gegenseitig auffrischen.

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 19. Dezember 1897 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[1. Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 23.12.1897 aus Leipzig:]


Ihr Brief hat mich mit großer Betrübnis erfüllt. [...] Ich habe, trotzdem mir Ihr Brief eine große Freude war, wie Sie sehen drei Tage gebraucht, um nur die Feder in die Hand zu nehmen.


[2. Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 4.2.1898 aus Leipzig:]


Ihren vorigen Brief hat sie selber aus meinen Papieren herausgeklaubt.


Frank Wedekind schrieb am 23. Dezember 1897 in Leipzig folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Leipzig, 23.XII.1897.


Lieber Freund,

Ihr Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 19.12.1897. Wedekind dürfte den Brief am 20.12.1897 erhalten haben, drei Tage, bevor er mit dem hier vorliegenden Brief antwortete. hat mich mit großer Betrübnis erfüllt. Ich bedaure, Ihnen vor der Hand nichts schreiben zu können, was geeignet wäre, Sie zu erheitern, denn mir geht es nicht viel besser und die trübe Stimmung ist immer die vorherrschende. Ich habe AussichtenWedekind hatte die Uraufführungen seiner Tragödie „Der Erdgeist“ (1895) und seiner Tanzpantomime „Die Kaiserin von Neufundland“ (1897) durch die Literarische Gesellschaft in Leipzig in Aussicht [vgl. Kurt Martens an Wedekind, 9.10.1897], wobei die dann nicht realisierte Aufführung der Tanzpantomime bereits vorbereitet wurde [vgl. Frank Wedekin an Emilie Wedekind, 10.12.1897], außerdem ein Engagement am Theater der Literarischen Gesellschaft, geleitet von Carl Heine (siehe unten)., aber das ist auch alles, und meine Energie ist so gut wie zum Teufel. Ich habe, trotzdem mir Ihr Brief eine große Freude war, wie Sie sehen drei Tage gebraucht, um nur die Feder in die Hand zu nehmen. Ich hörte von MorgensternDer mit Wedekind befreundete Varietékünstler Willy Rudinoff (Pseudonym von Wilhelm Morgenstern), der seit einiger Zeit im Leipziger Kristallpalast gastierte: „Im Variété-Theater des Krystall- Palastes sind bereits wieder neue Kräfte mit bestem Erfolge aufgetreten. [...] Aus dem früheren Ensemble sind in das neue mit eingetreten: Willy Rudinoff, Universalartist“ [Krystall-Palast. In: Leipziger Tageblatt, Jg. 91, Nr. 597, 23.11.1897, Morgen-Ausgabe, S. 8606], hatte Wedekinds Lesung am 26.11.1897 bei der Literarischen Gesellschaft in Leipzig besucht [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 2.12.1897]., daß Sie sehr krank waren; Ihnen fehlt auch nur das Eine, hinauszukommen in die Oeffentlichkeit und deshalb gratuliere ich Ihnen von Herzen zu der Aquisitionrecte: Akquisition. eines zahlenden Verlegersnicht identifiziert. Drucke von Kompositionen Hans Richard Weinhöppels sind erst 1902 im neu gegründeten Scharfrichter-Verlag in München (zunächst vom Musikalienverleger Wilhelm Salzer in Leipzig betrieben, dann vom Leipziger Verlag Friedrich Hofmeister übernommen) nachzuweisen.. Von mir kann ich Ihnen wirklich wenig anderes schreiben, als daß ich in ekelhafter Weise LohnsklavenarbeitWedekind schrieb Gedichte für Albert Langens Münchner Wochenschrift „Simplicissimus“ [vgl. KSA 1/II, S. 2235]. verrichte, dabei habe ich Aussichten auf alle möglichen Herrlichkeiten, doch wage ich kaum mehr davon zu sprechen. Ich glaube an nichts mehr, außer wenn es geschehen ist. Sie sehen der Brief wird sehr traurig. Sie haben wenigstens Frauen, die Ihnen gut sindAnspielung auf Sophie Schröter (siehe unten), die am 15.12.1897 in München auf einem Wohltätigkeitskonzert zwei Lieder des Komponisten Hans Richard Weinhöppel (Pseudonym: Hans Richard) gesungen hat. Die Presse berichtete: „Das Auftreten von Sophie Schröter im Kaimsaal am 15. ds. (großes Wohlthätigkeits-Konzert) bedeutete einen durchschlagenden Erfolg, den die Künstlerin in unserer Stadt errungen. [...] Die Begabung der [...] Künstlerin ist eine in eminentem Sinne dramatische. Ihr Organ ist ein mächtiger, umfangreicher, dabei den feinsten Schattierungen fähiger Mezzosopran; ihre Auffassung wird jeder Stilart gerecht, ihre Beherrschung des jeweiligen Gegenstandes ist eine vollkommene. [...] Nur in diesem Sinn ist es aufzufassen, daß die Künstlerin [...] ihr ganzes reichhaltiges Programm auswendig vortrug; kein Notenblatt kam in ihre Hand – sie lebte in ihren Liedern wie in ihrem vollständig assimilierten geistigen Eigentum. [...] Als Novität brachte die Sängerin zwei mit Genialität und feiner Empfindung komponierte Lieder von Hans Richard [...]. Es war ein Konzert-Abend seltener Art, und wir bezweifeln nicht, daß Sophie Schröter sich mit demselben bei unserem Konzert-Publikum Bahn gebrochen hat.“ [Konzert Sophie Schröter. In: Münchener Künstler-Theater-Anzeiger, Jg. 10, Nr. 3578, 21.12.1897, S. 1] Die beiden Lieder wurden auch genannt: „Zum Besten des hiesigen Arbeiterinnenheims veranstaltete die Konzertsängerin Fräulein Sophie Schröter gestern (Mittwoch) im sehr gut besuchten großen Kaimsaale [...] ein Konzert, das einen äußerst gelungenen Verlauf nahm. [...] Eine echt lyrische Begabung zeigen auch die beiden Lieder von Hans Richard: ‚Glückes genug‘ und ‚Schlummere Kind‘, welche alle Aussicht haben, populär zu werden.“ [Konzert Sophie Schröter. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 50, Nr. 58, 17.12.1897, Vorabendblatt, S. 3]. Grüßen Sie bitte Frl. S.Sophie Schröter, Konzertsängerin und Gesangslehrerin in München (Schönfeldstraße 17, 1. Stock rechts) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1897, Teil I, S. 457]. Eine ihrer Schülerinnen war Maria Biller (Maria Joséphine Billère), wie aus Münchner Pressenotizen hervorgeht: „Frl. Maria Biller, Schülerin des Frl. Sophie Schröter“ [Allgemeine Zeitung, Jg. 101, Nr. 19, 20.1.1898, 2. Morgenblatt, S. 6], später unter ihrem Pseudonym Marya Delvard der Star des Münchner Kabaretts Die Elf Scharfrichter (dort war Weinhöppel alias Hannes Ruch ihr Kollege). Sie erinnerte sich in einem Interview an ihre erste Münchner Zeit, als sie noch „Schülerin der Sophie Schröter“ [Rose Poor Lima: Besuch bei Marya Delvard. In: Neues Wiener Journal, Jg. 42, Nr. 14469, 4.3.1934, S. 12] war, außerdem an die Bekanntschaft ihrer Lehrerin mit Weinhöppel: „Gesang lernte ich bei Sophie Schröter, die Hauptinterpretin von Hans Richard Weinhöppel (später Hannes Ruch) war. Weinhöppel besuchte oft Sophie Schröter“ [Marya Delvard: Wie „Die toten Augen“ entstanden. In: Neues Wiener Abendblatt, Jg. 69, Nr. 348, 17.10.1935, S. 4]. herzlichst von mir, vielleicht komme ich gegen den Frühling nach München, vielleicht, vielleicht auch nicht. Weiß der Teufel, ich bin flügellahm von dem ewigen Reißen an meiner Kette; wer weiß, ob Sie mich überhaupt wiedererkennten; ich bin energielos, hart, zerschlagen. Wie gesagt, ich habe wieder einmal Aussicht aufgeführt zu werden, auch eine Stellung zu bekommenam Theater der Literarischen Gesellschaft (Direktion: Carl Heine) in Leipzig [vgl. Neuer Theater-Almanach 1898, S. 435], wo Wedekind bald darauf als Dramaturg und Schauspieler (unter dem Pseudonym Heinrich Kammerer) engagiert wurde [vgl. Neuer Theater-Almanach 1899, S. 408]., aber daran glauben kann ich noch nicht.

Kann ich Ihnen irgend etwas bei meiner Schwester helfenbei der Vermittlung von Hans Richard Weinhöppels Liedkompositionen an die erfolgreiche Dresdner Hofopernsängerin Erika Wedekind [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 8.10.1897]., für den Fall daß Ihre Sachen gedruckt sind, dann schreiben Sie es mir bitte.

Von Bierbaum hörte ichWedekind hatte Otto Julius Bierbaums Lesung am 17.12.1897 in Leipzig besucht (und mit ihm gesprochen), in der Presse angekündigt: „In der Literarischen Gesellschaft in Leipzig, deren zweiter Vortrags-Abend [...] heute Freitag 8 Uhr im oberen Saale des Hotel de Pologne stattfindet, wird [...] der Dichter Otto Julius Bierbaum eigene Gedichte und die lebendigsten Abschnitte aus seinem neuesten Roman ‚Stilpe‘ lesen.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 91, Nr. 642, 17.12.1897, Morgen-Ausgabe, 1. Beilage, S. 9353] allerhand über Dr. Conradüber Dr. phil. Michael Georg Conrad, Schriftsteller in München [vgl. Deutscher Litteratur-Kalender auf das Jahr 1898, Teil II, Sp. 207]; was genau Wedekind über ihn am 17.12.1897 von Otto Julius Bierbaum (siehe oben) hörte, ist nicht ermittelt. e. ct. Wenn Sie mir darüber schreiben wollen, dann schreiben Sie mir bitte aufrichtig. Wenn es sich in der That so verhält, dann kann ich ja nur zufrieden darüber sein.

Ich hoffe sehr darauf, daß uns das Schicksal bald wieder zusammenführt. Was mich betrifft, würde der erste freie Athemzug, den ich thun darf, dazu genügen.

Ich wünsche Ihnen gesundheitlich das allerbeste. Lassen Sie es sich nicht nahekommen, daß Sie auch körperlich leiden. Ihre Nerven sind vielleicht doch die Hauptschuld, und daran mag die versumpfte Luft in München und die Eintönigkeit der Menschen Ursache sein. Sie glücklicher, daß Sie wenigstens eine Frau haben, die mit Ihnen fühltwohl wiederum Anspielung auf Sophie Schröter (siehe oben).. Ich habe hier sehr liebe Leute gefundenLeute im Umkreis der Literarischen Gesellschaft in Leipzig, darunter der Vorsitzende Kurt Martens sowie Carl Heine und dessen Frau Beate Heine (geb. Wüerst), später Wedekind langjährige Brieffreundin (siehe Wedekinds Korrespondenz mit Beate Heine)., aber bis jetzt noch nichts vorsöhnendeswohl Überlieferungsfehler, statt: versöhnendes., nichts Weibliches. Lange werde ich nicht hier bleiben, vielleicht bis 1. März, dann gehe ich nach München oder nach Berlin zurück, oder auch sonst wohin. Ich sehne mich ungeheuer nach München, aber ich wage nicht hinzugehen, ohne das geringste erreicht zu haben, d.h. wagen würde ich es schon, aber ich mag das gleiche Hundeleben dort nicht von neuem beginnen, und doch habe ich seit MünchenWedekind hatte München vor gut einem Jahr Ende 1896 verlassen. so schöne Tage nicht mehr erlebt. Ich schicke Ihnen tausend herzliche Grüße und die besten Wünsche, auch für die Feiertage.

In alter Freundschaft Ihr
Frank Wedekind.

Frank Wedekind schrieb am 7. Januar 1898 in Leipzig folgende Postkarte
an Hans Richard Weinhöppel

Leipzig, 7.I.1898.


Lieber Richard,

eben habe ich Ihre FreundinSophie Schröter [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 23.12.1897]. kennen gelernt. Ich bin entzückt von ihr. Was mich betrifft verging mir der Tag wie eine Minute. Sie kennen meine Theorien über Frauen und ich brauche Ihnen eigentlich gar nicht zu schreiben, wie sehr sie mir gefällt. Sie hat mir sehr viel Liebes, Gutes und Interessantes von Ihnen erzählt. Diese Zeilen sind nur die Ankündigung eines sehr langen Briefesnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 8.1.1898., in dem ich Ihnen eine geschäftliche SacheZusammenhang nicht ermittelt. auseinander zu setzen habe.

Tausend Grüße Ihr alter Frank.


Wie die Dinge heute liegen, werden wir einander sehr bald wiedersehn. Alles wird Ihnen Frl. S.Sophie Schröter (siehe oben); die Münchner Konzertsängerin plante einen Gastauftritt in Leipzig, der dann für den 1.2.1898 angesetzt war [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 21.1.1898]. erzählen.

Frank Wedekind schrieb am 8. Januar 1898 in Leipzig folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Hans Richard Weinhöppel

[Hinweis in Wedekinds Postkarte an Hans Richard Weinhöppel vom 7.1.1898 aus Leipzig:]


Diese Zeilen sind nur die Ankündigung eines sehr langen Briefes [...]

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 20. Januar 1898 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 21.1.1898 aus Leipzig:]


Ihre Carte hat mir eine sehr große Freude bereitet.


Frank Wedekind schrieb am 21. Januar 1898 in Leipzig folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Leipzig, 21.I.1898.


Lieber Hans,

Ihre Cartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 20.1.1898. hat mir eine sehr große Freude bereitet. Kommen Sie doch bitte mit am 1. Febr.am 1.2.1898, an dem Sophie Schröter (siehe unten) in Leipzig ein Konzert gab, bei dem sie auch Lieder von Hans Richard Weinhöppel (Pseudonym: Hans Richard) sang, wie angekündigt war: „Alberthalle. Dienstag, den 1. Februar, Abends 7½ Uhr: VII. Philharmonisches Concert. Leitung: Hans Winterstein. Solisten: [...] Fräulein Sophie Schröter aus München (Gesang). [...] 4. Lieder: [...] c. Geheimnis, d. Schlummre, Kind, v. Hans Richard.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 53, 31.1.1898, Morgen-Ausgabe, S. 770] damit wir uns endlich wieder aussprechen können. Was soll ich Ihnen sonst noch schreiben? Worte, Aussichten, Versprechungen? Nach dem Fiasco vom letzten WinterWedekinds erfolglose Versuche Anfang 1897 in Berlin, seine noch nicht aufgeführten Stücke auf die Bühne zu bringen. ekelt mir davor. Frl. S.die Konzertsängerin Sophie Schröter aus München, eine Freundin von Hans Richard Weinhöppel [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 23.12.1897], die Wedekind am 7.1.1898 persönlich kennengelernt hat, als sie Leipzig besuchte [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 7.1.1898]. wird Ihnen alles erzählt haben und das finde ich viel hübscher als das entsetzliche Schreiben. Grüßen Sie Frl. S. herzlichst von mir und seien Sie lieb zu ihr, sonst bekommen Sie es mit mir zu thun. Eben bin ich im Begriff, in die zweite Probe von ErdgeistWedekinds Tragödie „Der Erdgeist“ (1895) wurde von der Literarischen Gesellschaft in Leipzig unter der Regie von Carl Heine an dessen neugegründetem Ibsen-Theater am 25.2.1898 im Theatersaal des Leipziger Kristallpalastes uraufgeführt (die erste Wedekind-Inszenierung überhaupt); angekündigt war: „Die Litterarische Gesellschaft veranstaltet Freitag den 25. Februar ihren fünften Theaterabend. Zur Aufführung gelangt: Der Erdgeist, eine Burleske von Frank Wedekind. Der Erdgeist, der an diesem Abend seine Première erlebt, stellt eine völlig neue Gattung der modernen Dramatik dar. Das Drama ist für seine hiesige Aufführung vom Dichter einer Umarbeitung unterworfen worden, die der Bühnenwirkung des Stückes zum Vortheil gereichen dürfte. Die Aufführung findet im Theatersaale des Krystall-Palastes statt und beginnt pünctlich um 8 Uhr.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 96, 23.2.1898, Morgen-Ausgabe, 5. Beilage, S. 1415] Weiter wurde erklärt: „Das zur Aufführung gelangende Stück ‚Der Erdgeist‘ von Frank Wedekind (Verlag von Albert Langen, München) giebt eine Mischung von schwerem Lebensernst und souveränem Humor. Die weibliche Hauptrolle liegt in den Händen von Leonie Taliansky. Die männliche Hauptrolle wird von Frank Wedekind gespielt, der längere Zeit hindurch in der Schweiz und in Paris an der Bühne thätig war und unter seinem Theaternamen Heinrich Kammerer in der Literarischen Gesellschaft in Leipzig gastiert.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 100, 25.2.1898, Morgen-Ausgabe, 4. Beilage, S. 1470] zu fahren. Ob etwas daraus wird? Ich habe aufgehört zu glauben, wenigstens glaube ich nur noch an das was geschehen istAnspielung auf eine nicht zustande gekommene Inszenierung, die bereits vorbereitete Uraufführung der Tanzpantomime „Die Kaiserin von Neufundland“ durch die literarische Gesellschaft in Leipzig, die nicht realisiert wurde [vgl. KSA 3/II, S. 794]., ebenso wie bei Frauen.

Sprechen Sie Frl. S. bitte auch meinerseits meinen Dank dafür aus, daß sie Ihre Lieder singtSophie Schröter sang bei dem Konzert am 1.2.1898 in Leipzig zwei von Hans Richard Weinhöppel komponierte Lieder: „Geheimniß“ und „Schlummre, Kind“ (siehe oben).. Unsereiner muß Glück haben, weil er nun einmal kein Streber ist. Und glauben Sie mir das eine, lieber Freund: Ihr Glück ist Frl. S. Seien Sie kein Kindskopf, der sein Leben verplempert. Nehmen Sie die Dinge ernst. Wir sind grade in den Jahren, wo es sich entscheidet, ob man zum Teufel geht oder ob man die Welt unterkriegt. Aus allem was ich aus Ihrer Vergangenheit kenne, glaube ich nicht, daß sich die günstige Stunde noch einmal für Sie wiederholt. Ebenso steht es augenblicklich mit mir.

Herzliche Grüße Ihr
Frank.


Auf Wiedersehn am 1. Febr!

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 31. Januar 1898 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 4.2.1898 aus Leipzig:]


Ihren letzten Brief an mich habe ich Gott sei Dank sofort nach Empfang zerrissen.

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 3. Februar 1898 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 4.2.1898 aus Leipzig:]


[...] warum haben Sie mir denn nicht gleich geschrieben [...]

Frank Wedekind schrieb am 4. Februar 1898 in Leipzig folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Leipzig, 4.II.1898.


Lieber Freund,

warum haben Sie mir denn nicht gleich geschriebenHinweis auf eine nicht überlieferte Mitteilung; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 3.2.1898. Hans Richard Weinhöppel dürfte seine Freundin Sophie Schröter als „vollständig verrückt“ beschrieben haben – und zwar nachdem sie am 1.2.1898 zu ihrem Gastauftritt in Leipzig war (siehe unten)., daß die Person vollständig verrückt ist. Ich hätte mich dann weiß Gott nicht in Ihre Angelegenheitendie Beziehung Hans Richard Weinhöppels zur Münchner Konzertsängerin Sophie Schröter [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 23.12.1897], die Wedekind befürwortet und zu intensivieren vorgeschlagen hat [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 21.1.1898]. gemischt. Ihren letzten Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 31.1.1898. Wedekinds Freund dürfte in diesem Brief seine Reise nach Leipzig zu dem Konzert am 1.2.1898 (siehe unten) krankheitsbedingt kurzfristig abgesagt haben; er enthielt womöglich intime Mitteilungen und die Bitte, ihn zu vernichten, da Wedekind ihn zerrissen hat. an mich habe ich Gott sei Dank sofort nach Empfang zerrissen. Ihren vorigen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 19.12.1897. Dieser Brief dürfte schwärmerische Äußerungen über Sophie Schröter enthalten haben, wie Wedekinds Antwort vermuten lässt [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 23.12.1897]. hat sie selber aus meinen Papieren herausgeklaubtSophie Schröter hat Wedekind also in seiner Wohnung besucht – wahrscheinlich am 7.1.1898 [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 7.1.1898]. Wedekind wohnte in Leipzig seinerzeit offenbar bei Kurt Martens in der Haydnstraße 1 (Parterre) [vgl. Frank Wedekind an Erika Wedekind, 5.1.1898].. Ich konnte sie mit aller Gewalt nicht daran hindern. Es fehlt nur sehr wenig daran, daß sie mich hier nicht vollkommen lächerlich gemacht hätte. Wenn sie mir erzählt, daß sie noch Jungfrau sei, so denke ich natürlich, sie thut es aus persönlicher Sympathie. Sie hat es aber jedem erzählt, der ihr in den Weg kam.

Ich habe mich sehr gefreut, Ihre Lieder im ConcertWedekind hat das Konzert am 1.2.1898 in der Alberthalle in Leipzig besucht, wo Sophie Schröter zwei Lieder von Hans Richard Weinhöppel (Pseudonym: Hans Richard) gesungen hat, wie angezeigt war: „Alberthalle. Dienstag, den 1. Februar, Abends 7½ Uhr: VII. Philharmonisches Concert. Leitung: Hans Winterstein. Solisten: [...] Fräulein Sophie Schröter aus München (Gesang). [...] 4. Lieder: [...] c. Geheimnis, d. Schlummre, Kind, v. Hans Richard.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 53, 31.1.1898, Morgen-Ausgabe, S. 770] Die Sängerin war angekündigt: „Fräulein Sophie Schröter aus München, eine zwar in Leipzig noch unbekannte, aber bedeutende, mit einer phänomenalen Stimme begabte Altistin, die erst kürzlich in einem in Berlin veranstalteten Brahms-Abend durch hinreißende Vorträge das Publicum begeisterte.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 46, 27.1.1898, Morgen-Ausgabe, S. 665] zu hören. Sie wirkten noch entschieden am besten von allem was gesungen wurdeSophie Schröter sang am 1.2.1898 in Leipzig (siehe oben) zwei von Wedekinds Freund komponierte Lieder, „‚Geheimniß‘ und ‚Schlummre, mein Kind‘ von Richard“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 59, 3.2.1898, Morgen-Ausgabe, S. 860] Ihr Gastauftritt ist kritisch besprochen worden: „Die Sängerin Fräulein Schröter hat weder in Beziehung auf Stimme und Methode, noch auf Vortragsmanier einen vortheilhaften Eindruck auf uns hervorgebracht, und namentlich waren uns das chronische Tremoliren und das öftere Schreien statt des Singens zuwider. Das Publicum zeigte sich der Dame günstiger gestimmt, denn es applaudirte nicht nur lebhaft und erging sich in Hervorrufen, sondern es setzte sogar auch noch das Spenden einer Zugabe durch. Die von Fräulein Schröter zu Gehör gebrachten Sachen hießen übrigens: Recitativ und Arie (‚Wohin, unglückliche Alveste‘ aus Gluck’s ‚Alceste‘) und die Lieder ‚Ruhe, meine Seele‘ und ‚All’ mein’ Gedanken‘ von Richard Strauß, ‚Geheimniß‘ und ‚Schlummre, Kind‘ von Hans Richard. Daß die Wahl dieser Lieder eine glückliche gewesen sei, möchten wir für unseren Theil nicht behaupten.“ [Signale für die Musikalische Welt, Jg. 56, Nr. 12, 8.2.1898, S. 179] „Frl. Schröter war bisher in Leipzig noch nicht aufgetreten. Sie führte sich mit Gluck’s ‚Ihr Götter ewiger Nacht‘ ein und sang später [...] am Flügel begleitete Lieder von Rich. Strauss ([...] zwei warm empfundene und musikalisch interessante Gesänge) und H. Richard (‚Geheimniss‘ und ‚Schlummre, Kind‘, eine dem künstlerischen Geschmack der Gastin keine besondere Ehre machende Wahl), denen sie eine uns unbekannte Zugabe folgen liess. Frl. Schröter schien nicht ganz im Besitz des ihrem Organ nach auswärtigen Berichten sonst eignenden Vollklangs zu sein, zeigte sich aber als intelligente und warmfühlende Künstlerin mit allerdings etwas eigenthümlichen äusserlichen Attitüden.“ [Musikalisches Wochenblatt, Jg. 29, Nr. 7, 10.2.1898, S. 100] „Die rücksichtslose Zeit ist an ihrem stimmlichen Material nicht spurlos vorübergegangen und hat ihm außer der Ausgeglichenheit der Register und der Leichtigkeit des Tonansatzes eigentlich nur noch im Forte einen als vortheilhaft zu bezeichnenden Klangcharakter belassen, während es im Mezzoforte und Piano des gesunden Timbres entbehrt, spröde, farblos und nicht tragfähig ist und durch ein beständiges Flackern der Töne noch ein Uebriges an Reiz verliert. Es ist das um so mehr zu bedauern, als die Sängerin mit Geschmack und Empfindung vorzutragen versteht und [...] Ausdrucksmomente zu verzeichnen hatte, die es einigermaßen erklärlich erscheinen ließen, daß der größere Theil des Publicums nicht mit Beifall kargte und eine – bereitwilligst gewährte – Zugabe begehrte.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 59, 3.2.1898, Morgen-Ausgabe, S. 860]. Ueber meinen Erdgeistdie anstehende Uraufführung von Wedekinds Tragödie „Der Erdgeist“ (1895) durch die Literarische Gesellschaft in Leipzig unter der Regie von Carl Heine am 25.2.1898 im Leipziger Kristallpalast, deren Proben Wedekind dem Freund gegenüber bereits erwähnt hatte [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 21.1.1898]. werden Sie alles von ihr erfahrenvon Sophie Schröter, von Leipzig zurück in München., vorausgesetzt daß sich bis München die Dinge in ihrem Kopf nicht völlig umgestaltet haben.

Mit großem Bedauern höre ichwohl wiederum von Sophie Schröter, die Wedekind von dem Befinden des Freundes berichtet haben dürfte., wie sehr Sie leidend sind. Sie sollten von München fort. Vielleicht kommen Sie wenigstens auf ein paar Tage hierher, um wieder etwas frischen Lebensmut zu schöpfen.

Meine Correspondenz mit der Damenicht überliefert (eine nicht bestimmbare Anzahl an Korrespondenzstücken); erschlossenes Korrespondenzstück (exemplarisch eines von mehreren): Wedekind an Sophie Schröter, 9.1.1898. werde ich einstellen, da sie mir zu gefährlich erscheint und ich keine Ursache habe, neues Gewölk über meinem Haupte zusammen zu ziehen. Zeigen Sie diese Zeilen bitte niemandem. Zerreißen Sie sie, denn sonst bekommt sie sie doch in die Hände.

In alter Freundschaft Ihr
Frank.

Frank Wedekind schrieb am 20. März 1898 in Lübeck folgende Postkarte
an Hans Richard Weinhöppel

LübeckStation der Gastspieltournee des Ibsen-Theaters (siehe unten); in Lübeck wurde Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“ aufgeführt [vgl. Ibsen-Theater. In: Lübecker Volksbote, Jg. 5, Nr. 65, 18.3.1898, S. (4)]., 20.III.1898.


Lieber Freund,

verzeihen Sie, daß ich Ihnen noch nicht geschrieben, aber seit meinem „ErfolgAnspielung auf die Uraufführung des „Erdgeist“ am 25.2.1898 im Kristallpalast in Leipzig, veranstaltet von der Literarischen Gesellschaft durch das Ibsen-Theater unter der Regie von Carl Heine mit Leonie Taliansky als Lulu und Wedekind in der Rolle des Dr. Schön [vgl. KSA 3/II, S. 1215-1217]; eine weitere „Erdgeist“-Vorstellung fand am 3.3.1898 statt, „da sich die Direktion entschlossen hat, den vielfach an sie gerichteten Wünschen nachzugeben und den in der ‚Literarischen Gesellschaft‘ mit so großem Beifall aufgenommenen ‚Erdgeist‘ von Frank Wedekind noch einmal zur öffentlichen Ausführung zu bringen.“ [Ibsen-Theater. In: Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 109, 2.3.1898, Morgen-Ausgabe, 5. Beilage, S. 1611] bin ich auf der TourneeWedekind war Ensemblemitglied des Ibsen-Theaters (Direktion: Carl Heine), das am 5.3.1898 von Leipzig zu einer Tournee aufgebrochen war. „Das Ibsen-Theater gastirte in den Städten: Braunschweig, Breslau, Halle a. S., Hamburg, Hannover, Leipzig, Lübeck, Lüneburg, Magdeburg, Stettin, Wien.“ [Neuer Theater-Almanach 1899, S. 408] „Carl Heine’s Ibsen-Theater hat in der kurzen Zeit seines Bestehens nicht weniger als 114 Aufführungen veranstaltet. Davon entfallen 25 Vorstellungen auf Leipzig. Ferner gab das Ibsen-Theater in Braunschweig 4, Breslau 16, Halle 7, Hamburg 7, Hannover 6, Lübeck 8, Lüneburg 3, Magdeburg 13, Stettin 15 und Wien 10 Vorstellungen. Auf dieser Tournée gelangten zur Aufführung: Nora 6 Mal, Gespenster 6 Mal, Volksfeind 18 Mal, Wildente 11 Mal, Rosmersholm 17 Mal, Frau vom Meere 18 Mal, Hedda Gabler 22 Mal und Frank Wedekind’s Erdgeist 10 Mal.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 92, Nr. 355, 16.7.1898, Morgen-Ausgabe, 3. Beilage, S. 5398]. Ich weiß noch nicht recht, ob es wirklich einer war, die nächsten Monate müssen es entscheiden. Ich schreibe Ihnen heute umgehend diese Carte, damit Sie nicht gänzlich an mir verzweifeln. Ich habe an niemanden geschrieben, auch an Halbe nicht.

Taedium vitae(lat.) Lebensekel, Lebensüberdruss.. Ich bin im Begriff nach HannoverWedekind, gerade im Aufbruch von Lübeck, war am 21.3.1898 in Hannover [vgl. Wedekind an Berthold Auerbach, 21.3.1898]. zu reisen, von dort nach Lüneburg, u.s.w. bis Ende Juni.

Frank Wedekind schrieb am 31. Oktober 1898 in Zürich folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Zürich, 31.X.1898.


Geliebter Freund, wie Du siehst ging alles gutWedekind ist am 30.10.1898 aus München nach Zürich geflohen (über Kufstein und Innsbruck), um seiner drohenden Verhaftung wegen Majestätsbeleidigung (in seinem Gedicht „Im Heiligen Land“ im „Simplicissimus“) zu entgehen; er traf am 31.10. 1898 morgens „um 8 Uhr“ [Wedekind an Beate Heine, 12.11.1898] in Zürich ein.. Heute schreibe ich nur der AdresseWedekind wohnte in Zürich (Leonhardstraße 12, 2. Stock) im Haus von Gertrud Schwann [vgl. Wedekind an Frida Strindberg, 4.11.1898], verzeichnet als Frau E. Schwann (Leonhardstraße 12) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich für 1899, Teil I, S. 502], Schriftstellerin und Gattin des Schriftstellers und Redakteurs Dr. phil. Mathieu Schwann in Niederhöchstadt bei Frankfurt am Main [vgl. Deutscher Litteratur-Kalender auf das Jahr 1899, Teil II, Sp. 1274], den Wedekind aus München als Mitglied der Gesellschaft für modernes Leben kannte [vgl. Anita Augspurg an Frank Wedekind, 30.4.1891], der „Frühlings Erwachen“ besprochen hat [vgl. Otto Julius Bierbaum an Wedekind, 27.3.1894] und für dessen Befinden in Zürich sich Wedekind interessierte [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 12.12.1893]. wegen Leonhardstraße 12II Zürich. Ich bitte dich, laß meine Sachen baldmöglichst expediren. Donald wird ja vermuthlich mein Zimmer nehmen. Ich schreibe heute oder morgenHinweis auf einen nicht überlieferten Brief; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 1.11.1898. noch ausführlich. Herzliche Grüße von deinem getreuen
F. W.

Frank Wedekind schrieb am 1. November 1898 in Zürich folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Hans Richard Weinhöppel

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 31.10.1898 aus Zürich:]


Ich schreibe heute oder morgen noch ausführlich.

Hans Richard Weinhöppel, Irene Triesch, Irene Triesch, Irene Triesch, Irene Triesch, Irene Triesch und Irene Triesch schrieben am 13. November 1898 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 14.11.1898 aus Zürich:]


Daß mir Dein Doppelbrief getheilte Empfindungen verursachte, kannst Du mir nicht verdenken. [...] Grüße Irene zehntausendmal, wenn Du sie wiedertriffst. Ich werde ihr auch jedenfalls schreiben.

Frank Wedekind schrieb am 14. November 1898 in Zürich folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Zürich, 14.XI.1898.


Lieber Schatz,

Du findest doch immer eine originelle Art und Weise einen zu überraschen. Daß mir Dein Doppelbriefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel, Irene Triesch an Wedekind, 13.11.1898. Der Inhalt des vorliegenden Briefes legt Irene Triesch (siehe unten) als Ko-Autorin des verschollenen Doppelbriefs (ein von zwei Personen verfasster Brief) nahe. getheilte Empfindungen verursachte, kannst Du mir nicht verdenken. Ich wollte ich hätte sie hier, die klassische Vorkämpferin unserer IdealeIrene Triesch, Schauspielerin am Stadttheater (Intendant: Emil Claar) in Frankfurt am Main [vgl. Neuer Theater-Almanach 1899, S. 340], davor am Münchner Schauspielhaus (Direktion: Emil Drach) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1898, S. 469], hätte gerne die Hauptrolle bei der Münchner „Erdgeist“-Premiere gespielt, woraus nichts wurde. Wedekind bedauerte das mit ihr, da sie „sich sehr auf die Lulu gefreut hatte, ist mit der Rolle nach Frankfurt gereist und will am dortigen Stadttheater dafür sprechen“ [Wedekind an Beate Heine, 14.8.1898]. Er und sein Freund Hans Richard Weinhöppel, die beide an der Münchner Wochenschrift „Mephisto“ mitgewirkt hatten („unter ständiger Mitwirkung von [...] Frank Wedekind, Hans Richard“), in der die junge Künstlerin gefeiert wurde [vgl. Irene Triesch. In: Mephisto, Jg. 1, Nr. 8, 14.11.1896, S. 1], waren mit ihr schon bekannt, als sie Schauspielerin am Münchner Deutschen Theater war [vgl. Neuer Theater-Almanach 1897, S. 444], wo sie dem Theaterzettel zufolge für die Eröffnung am 26.9.1896 unter der Direktion von Emil Meßthaler zu den neu engagierten Ensemblemitgliedern gehörte [vgl. Mephisto, Jg. 1, Nr. 1, 26.9.1896, S. 8], Mitglied war jenes „Theater der Modernen“ [Julius Schaumberger: Das „Deutsche Theater“ – ein „Theater der Modernen“. In: Mephisto, Jg. 1, Nr. 1, 26.9.1896, S. 1-2]., und Dich auch. Ueber meinen Gemüthszustand e. ct. e. ct. wirst Du von Frida erfahrenvgl. Wedekind an Frida Strindberg, 4.11.1898. haben. Ich gäbe viel darum, wenn ich hier wenigstensallein und einsam wäre, statt dessen habe ich das Vergnügen, Langen die Zeit zu vertreibenAlbert Langen, Verleger und Herausgeber des „Simplicissimus“, war wie Wedekind (siehe unten) ebenfalls aus München geflohen, um der Verhaftung wegen Majestätsbeleidigung zu entgehen [vgl. Abret/Keel 1987, S. 61-73]. Er traf am 2.11.1898 in Zürich ein [vgl. Wedekind an Beate Heine, 12.11.1898] und auf seinen Autor, der darunter litt, von seinem Verleger „nicht loskommen“ [Wedekind an Frida Strindberg, 4.11.1898] zu können, nun im Exil erst recht von ihm abhängig zu sein. und mir einen Schwarm von Schmeißfliegen (PreßbengelsJournalisten (abwertend). unterster Sorte) vom Leib zu halten.

Ich danke Dir sehr, daß Du mich über Stollberg orientirt hast. Was er Dir sagte ist einfach gelogen und gilt ihm zum Vorwand, den Posten nicht neu zu besetzenFrank Wedekinds Stellung als Dramaturg und Theatersekretär am Münchner Schauspielhaus (Direktion: Georg Stollberg) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1899, S. 443] sollte nach seiner Flucht sein Bruder Donald Wedekind übernehmen., sondern das Geld selber einzustecken. Seine Freundschaft kann mir gestohlen werden. Sehr besorgt bin ich bei alledem um Donald. Wenn Du mit ihm zusammenkommst, dann rüttle ihn bitte ein wenig auf, so in der Art, wie Du es seinerzeit mit mir gethan. Enervire ihn ein wenig zur Arbeit. Ich habe kein Talent zum Moralpredigen (womit ich nicht sagen will, daß du es in besonderem Maße hast) und dann fürchte ich, daß er mir auf die erste Ermahnung hin Krach macht. Ich möchte ihn auch nicht kränken. Ich sehe aber ein, daß ich jetzt nichts für ihn thun kann. Und dann frag die BeidenFrida Strindberg und Donald Wedekind, die nach Frank Wedekinds Flucht aus München eine Beziehung eingegangen waren [vgl. Buchmayr 2011, S. 202f.] bitte gelegentlich, ob sie nun endlich einmal meine Sachen expedirt haben. Es kostet sie ja nicht einen Pfennig. Ich bin heute seit 14 Tagen hierWedekind, aus München geflohen, um der Verhaftung wegen Majestätsbeleidigung (in seinem Gedicht „Im Heiligen Land“ im „Simplicissimus“) zu entgehen [vgl. KSA 1/II, S. 1710], traf am 31.10.1898 in Zürich ein [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 31.10.1898]. und gehe täglich in den gleichen Kleidern, die mir nachgerade in Fetzen vom Leibe hängen. Zehn Tage haben sie gebraucht, um mir zwei Manuscripte zu schickenHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zur Manuskriptsendung; erschlossenes Korrespondenzstück: Frida Strindberg an Wedekind, 13.11.1898. Wedekind hatte Frida Strindberg auch schriftlich nochmals gebeten, ihm die Manuskripte von „Der Liebestrank“, vermutlich unter dem Titel „Fritz Schwigerling“ [vgl. KSA 2, S. 1002-1004], und „Das Gastspiel“ (siehe unten) zu schicken [vgl. Wedekind an Frida Strindberg, 4.11.1898], die ihm nun vorlagen., um die ich sie bei meiner Abreise dringend bat.

Aber nun genug der Aufträge. Es handelt sich mir wirklich um ernstere Dinge. Momentweise erscheine ich mir von allen Seiten verraten und verkauft. Langen ist von überströmender Katzenfreundlichkeit. Dabei höre ich, daß er von München aus discreditirende Nachrichten über mich in die Presse schickt. Ich schreibe Dir das nur, um Dir meine hochgradig nervöse Stimmung zu erklären. Glaub bitte nicht, daß ich Dich einen Augenblick vergesse. Ich denke auch manchmal daran, daß Du auch nicht im Golde schwimmen wirst. Für mich giebt es keinen Aufenthalt mehr. Ich habe durch den Schlagsein Exil in der Schweiz nach der Flucht aus München, um der Verhaftung wegen Majestätsbeleidigung zu entgehen (siehe oben), die verlorene Stellung am Münchner Schauspielhaus mitsamt der damit gegebenen Wirkungsmöglichkeiten. so unendlich viel verloren, daß es mir gar nicht möglich ist zurückzublicken. Ich muß vorwärts, vorwärts, sonst werde ich verrückt.

Grüße IreneIrene Triesch (siehe oben). zehntausendmal, wenn Du sie wiedertriffst. Ich werde ihr auch jedenfalls schreiben. Wenn ich in nächster Zeit nach Luzern komme, was nicht ausgeschlossen ist, werde ich Miezerlnicht identifiziert (eine Frau, die vermutlich in München gelebt hatte und nun in Luzern war). besuchen. In einiger Zeit erscheint „Gastspiel„Das Gastspiel“, im Manuskript der Titel von Wedekinds Einakter „Der Kammersänger“ [vgl. KSA 4, S. 323, 331], der im Jahr darauf unter dem Titel „Der Kammersänger“ (1899) im Albert Langen Verlag in München erschien [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 57, 10.3.1899, S. 1886].“ im Druck. Du siehst, es ist mir nicht möglich, mit meinen Gedanken einen Moment bei den angenehmeren Seiten des Lebens zu bleiben. Wenn Du etwas Wesentliches über mich in München hörst, dann sei bitte so gut es mir mitzutheilen. Du erweist mir dadurch einen sehr großen Dienst. Ich danke Dir auch, daß Du Fridas Reiseprojecten entgegentrittst. Mir hat sie noch nichts davon verlauten lassen. Hoffentlich überrascht sie mich nicht eines Tages in Persona. Ich gestehe zu meiner Schande, daß ich sie auch Donalds wegen lieber in München weiß, abgesehen von allem anderen. Wenn doch Irene auf den Gedanken käme!

Lieber Schatz, verzeih mir meine anscheinende Kälte, aber was soll ich anders empfinden mit der SklavenketteMetapher für das als quälend empfundene Gedichteschreiben für Albert Langens „Simplicissimus“, auf das Wedekind jetzt wieder angewiesen war; er habe „alle acht Tage ein Gedicht zu machen“ [Wedekind an Beate Heine, 15.12.1898].Simplicissimus“ am Fuß. Ich war gerade im Begriff die Fessel zu durchbrechen, da falle ich von neuem in das Verließ zurück! Ich wüßte wirklich nicht, wo ich jetzt eine stimmungsvolle Minute hernehmen wollte. Dir geht es ja freilich nicht besser, aber Du hast ein glücklicheres Gemüth in solchen Dingen.

Mit tausend Grüßen und herzlichen Küssen bin ich Dein getreuer

Frank.


Meine aufrichtigsten besten Wünsche für Dein Wohlergehen.


Wenn dieser Brief einmal späteren Forschern in die Hände fällt, wird er für die Beurtheilung unseres Verhältnisses entscheidend sein. Viele werden sagen: Ich hab’s mir doch immer gedacht!

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 15. November 1898 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 29.11.1898 aus Zürich:]


Herzlichen Dank für deine beiden Briefe [...]


Hans Richard Weinhöppel schrieb am 22. November 1898 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 29.11.1898 aus Zürich:]


Herzlichen Dank für deine beiden Briefe [...]

Frank Wedekind schrieb am 29. November 1898 in Zürich folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Zürich, 29.XI.1898.


Lieber Freund,

Herzlichen Dank für deine beiden Briefenicht überliefert; erschlossene Korrespondenzstücke: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 15.11.1898 und 22.11.1898., die ich bis heute nicht beantwortete, weil ich täglich mit L.Wedekind traf sich in Zürich täglich mit seinem Verleger Albert Langen [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 14.11.1898].(angen)Ergänzung des Herausgebers im Erstdruck des Briefs. zusammen bin, der mich in der unerträglichsten Weise enervirt. Wenn das nicht wäre, ginge es mir ausgezeichnet. Voraussichtlich werde ich auch in einigen WochenWedekind reiste am 22.12.1898 von Zürich nach Paris [vgl. Wedekind an Beate Heine, 7.1.1899]. nach Paris verschwinden. Ganz unter uns, ich bitte dich es niemandem zu sagen, ich habe auf ein Jahr einen Vertrag mit ihmWedekind hat mit Albert Langen in Zürich am 18.11.1898 einen Vertrag geschlossen, in dem es heißt („§.1“): „Herr Langen garantirt Herrn Wedekind ein monatliches Fixum von M. 300,– für die Dauer eines Jahres beginnend ab 1. December 1898.“ [Mü, L 3477/38] zu M 300 monatlich. Dadurch bin ich gesichert und werde Donald auch eventuell helfen können.

Von Stollberg bekam ich eines Tages einen 10 Seiten langen ……Auslassung des Herausgebers im Erstdruck des Briefs. Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Georg Stollberg an Wedekind, 18.11.1898. Wedekind hat den Brief am 19.11.1898 erhalten [vgl. Wedekind an Max Halbe, 20.11.1898]., in dem er mir mit einer Gehässigkeit sonder gleichen die Mordgeschichteder Vorfall mit Donald Wedekind in München (siehe unten). erzählte. Ich antwortete ihm umgehend und zwar mit der einzigen Absicht, ihm für diese und jene Welt über den VorfallDonald Wedekind hat sich Georg Stollbergs Gattin Grete Stollberg gegenüber ungebührlich betragen (vermutlich ein verbaler oder tätlicher sexueller Übergriff) [vgl. Wedekind an Georg Stollberg, 21.11.1898], sie möglicherweise „sexuell belästigt“ [Buchmayr 2011, S. 202], ein Vorfall jedenfalls, der Georg Stollberg äußerst erzürnt und dazu veranlasst hat, die nach Frank Wedekinds Flucht nach Zürich frei gewordene Stelle als Theatersekretär am Münchner Schauspielhaus (Direktion: Georg Stollberg) nicht mit dem Bruder Donald Wedekind als Nachfolger zu besetzen [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 14.11.1898]. das Maul zu stopfen. In meiner Antwortvgl. Wedekind an Georg Stollberg, 21.11.1898. erwähnte ich die Thatsache, daß er in München nach meiner Abreise sehr nachtheilig über mich gesprochen habe, fügte aber ausdrücklich hinzu, daß ich die Nachricht weder von dirnoch von Donald erhalten habe. Von Frida habe ich seit drei Wochenseit dem 8.11.1898. Wedekind dürfte den letzten Brief Frida Strindbergs allerdings am 14.11.1898 erhalten haben [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 14.11.1898]. nichts mehr gehört. Ohne daß ich gerade untröstlich darüber wäre, durchkreuzen die sonderbarsten Vermuthungen meinen Kopf.

Ich freue mich darüber, daß du dich in der Münchner Gesellschaft entfaltest und beneide dich darum. Ich freue mich auch darüber, daß du Lanzen für mich gebrochen hast; mehr noch würde ich mich freuen, wenn du in dieser Gesellschaft Lanzen für dich selber brichst. Das Bild hinkt, denn ich meine nur die eine Lanze Hasta virilis(lat.) männliche Lanze (hier metaphorisch für: Penis, männliches Glied)., bei der man schließlich auch nicht von Brechen reden kann.

Paniza, der sehr nahe daran ist, seine letzte Unze Gehirn zu verlieren, ist vor 8 Tagenam 21.11.1898. Oskar Panizza, dem Wedekind bald nach seiner Ankunft in Zürich begegnet ist [vgl. Oskar Panizza, Wedekind an Carl Heine, 2.11.1898] und oft mit ihm zusammenkam [vgl. Wedekind an Frida Strindberg, 4.11.1898], erhielt den Ausweisungsbeschluss aus Zürich zwar bereits am 27.10.1898 (siehe unten), reiste aber erst knapp einen Monat später von Zürich nach Paris ab, wie er in seiner Darstellung des Falls erklärte: „Dann packte ich Ende November meine Penaten und ging nach Paris.“ [Zürcher Diskußionen, Jg. 1 (1897/98), Nr. 12, S. S. 11] nach Paris abgereist, nachdem es ihm hier mit Aufbietung seines ganzen Scharfsinnes gelungen war, ausgewiesen zu werdenOskar Panizza hatte am 27.10.1898 einen Ausweisungsbeschluss des Regierungsrates von Zürich erhalten, offiziell wegen seiner Kontakte zu einer minderjährigen Prostituierten, womöglich aber nur ein Verwand; die Ausweisung dürfte vielmehr im Zusammenhang mit den Maßnahmen gegen unliebsame Exilanten gestanden haben, welche die Schweizer Behörden nach dem tödlichen Attentat auf die österreichische Kaiserin Elisabeth (am 10.9.1898 in Genf) ergriffen [vgl. Bauer 1984, S. 198-200]. Panizza, der nach Paris gegangen ist, dokumentierte den Fall seiner Ausweisung aus Zürich und die Gerüchte darum ausführlich in seiner Zeitschrift, in der es heißt: „Der Herausgeber der ‚Zürcher Diskußionen‘ ist inzwischen aus Zürich ausgewiesen worden. [...] Hier die Tatsachen: Ende November oder Anfang Dezember des vorigen Jahres (1897) [...] traf ich in Zürich, wo den Sommer vorher die Prostituzion durch Volksbeschluß aufgehoben worden war, [...] wo auch das Ansprechen einer Dame im Sinne der freien Liebe bei Polizeibuße verboten ist, in der Dunkelheit der Bahnhofstraße zwei Damen, die mich ansprachen und einluden, ihnen in die Wohnung zu folgen. Da die Gegend, wohin sie mich einluden, [...] nicht gerade wolbeleumundet ist, [...] so folgte ich an diesem Abend der Einladung nicht, sondern frug die jüngere der beiden Damen [...] ob sie mich [...] in meiner Wohnung besuchen wolle; auf die bejahende Antwort übergab ich meine Karte und entfernte mich.“ Das Mädchen hat ihn aufgesucht, er habe „vier fotografische Akt-Aufnahmen“ von ihr gemacht und ihr „ein Exemplar“ geschenkt; er habe dann erfahren, sie sei gerade „15 Jahre alt geworden“ und merkte an: „Das Schweizer Gesetz schützt das Mädchen bis zum 15ten Lebensjahr.“ Er schilderte, von den Fotografien ausgehend, seine Verfolgung durch die Polizei bis zum Ausweisungsbeschluss, der in der Presse missverständlich begründet sei, worauf er reagierte: „Ich schrieb sofort [...] eine Notiz, ich sei formell wegen Uebertretung des Prostituzions-Gesetzes aus Zürich ausgewiesen, man dürfe aber getrost politische Motive als eigentliche Ursache annehmen. [...] Paris, rue des Abbesses, 13. Ende Dezember 1898. Oskar Panizza.“ [Zürcher Diskußionen, Jg. 1 (1897/98), Nr. 12, S. 6-11]. Ich habe die Ueberzeugung, daß ihm das Kunststück auch in Paris gelingen wird und er sein Ziel, berühmt zu werden, auf diese Weise endlich erreicht. Sobald L. von hier abgereist ist, werde ich Mizerlnicht identifiziert (eine Frau, die vermutlich in München gelebt hatte und nun in Luzern war). Wedekind hatte schon früher geplant, sie in Luzern zu besuchen [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 14.11.1898], was er nicht realisierte. in Luzern besuchen, wo ein großer Diplomatnicht sicher identifiziert; möglicherweise Ernst Normann-Schumann [vgl. Wedekind an Beate Heine, 12.11.1898], Journalist und ehemaliger Polizeiagent, der im Ruf stand, ein Hochstapler zu sein, in Preußen steckbrieflich „wegen wiederholter Majestätsbeleidigung“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 261, 25.6.1897, Morgen-Ausgabe, S. 10] gesucht wurde und inzwischen in Luzern lebte: „Normann-Schumann macht auch in Luzern einen großen Aufwand, bewohnt mit seiner Frau seine eigene, fürstlich eingerichtete Villa und prahlt noch immer mit seiner Kenntniß von allerlei Staatsgeheimnissen“ [Neues Wiener Journal, Nr. 1873, 19.8.1897, S. 4]. wohnt mit dem ich in Beziehungen treten werde.

An meinem Drama habe ich seit 14 Tagenseit dem 15.11.1898. Wedekind hat am 1.11.1898 in Zürich mit der „Niederschrift des vieraktig konzipierten Dramas ‚Ein Genußmensch‘“ [KSA 4, S. 411] begonnen (später in Paris neu konzipiert unter dem Titel „Ein gefallener Teufel“, dann: „Marquis von Keith“), das Fragment geblieben ist [vgl. KSA 4, S. 421]. keine Zeile mehr gearbeitet. Die Zeit ist verloren, alles in Folge des Umganges mit diesem Ungeheuer. Heute ist Gott sei Dank seine Frau eingetroffenDagny Langen (geb. Bjørnson), die Gattin Albert Langens, traf also am 29.11.1898 in Zürich ein. In München hatte sie zuletzt Besuch von Hedwig Pringsheim, die am 28.11.1898 „letzter Besuch bei Dagny“ [Tb Pringsheim] notierte und am 27.11.1898 „zu Dagny, wo alles in wilder Auflösung“ [Tb Pringsheim] festgehalten hatte. und ich habe für einige Tage Ruhe. Du mußt es dem Stil meines Briefes anmerken, in welch unbehaglicher Enervation ich mich befinde. N.B. haben wir in diesen 14 Tagen jeden Abend Champagner gekneipt, Austern gefressen und uns mit Weibern herumgetrieben. Welch eine Herrlichkeit hätte das für mich in anderer Gesellschaft sein können.

Ich bitte dich, lieber Richard, vergiß mich nicht. Schreib mir dann und wann wieder. Voraussichtlich ist ja jetzt der nächste Schauplatz unseres Wiedersehens Paris. Daß des Lebens ungetheilte Freude keinem Verfluchten zu theil wird, habe ich in diesen Tagen mehr denn je, erfahren.

Was Donald betrifft, so hat mich der Vorfall eigentlich mehr gefreut als geärgert. Wenn man dem Leben so völlig apathisch gegenübersteht, ist eine Unannehmlichkeit jedenfalls immer noch besser als wenn gar nichts geschieht. Ich danke dir sehr dafür, daß du für ihn eingestanden bist und bitte dich, ihn im Auge zu behalten. Daß es sehr schlimm mit ihm steht, habe ich auch gesehen. Langen will ihm UebersetzungenDonald Wedekind hat erst später die Skizzen „Flirt“ von Marcel Prévost übersetzt [vgl. Marcel Prévost: Flirt. Einzig autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von Donald Wedekind. München 1900], die im Albert Langen Verlag erschienen [vgl. Abret/Keel 1989, S. 200], wobei Korfiz Holm am 27.11.1900 gegenüber dem Verleger bemerkte, er mache in „seinen Übersetzungen [...] oft sehr grobe Böcke.“ [Abret/Keel 1989, S. 223] geben und hätte ihm schon zwei Bücher geschickt, wenn seine Unterhandlungen über dieselben nicht gescheitert wären.

Ich bin eben im Begriff meine Arbeitdie Arbeit an seinem geplanten Drama (siehe oben). wieder aufzunehmen und schrieb vorher an dich, um in gute Stimmung zu kommen. Ich fühle, daß das Mittel gewirkt hat und danke dir dafür.

Herzliche Grüße an Frida und Donald. Mit 1000 Grüßen und den besten Wünschen dein dir getreuer
Frank.

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 20. Dezember 1898 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 10.1.1899 aus Paris:]


Dein letzter Brief, den ich in Zürich erhielt [...]


Hans Richard Weinhöppel, Georg Schaumberg, Julius Schaumberger, Anton Dreßler, Lotte Dreßler und Max Halbe schrieben am 1. Januar 1899 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 10.1.1899 aus Paris:]


Ueber die Neujahrskarte habe ich mich herzlich gefreut, auch weil der Name ... daraufstand. [...] Grüße bitte alle die lieben Seelen, die mir geschrieben, Halbe, Schaumberger, Schaumberg, Dreßler.

Frank Wedekind schrieb am 10. Januar 1899 in Paris folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Paris, 10.I.1899.


Lieber Freund,

wenn Du wüßtest, wie wir Dich hierhersehnennach Paris. Wedekind ist am 22.12.1898 von Zürich nach Paris abgereist [vgl. Wedekind an Beate Heine, 7.1.1899]., BazalqetteLéon Bazalgette, Schriftsteller und Publizist in Paris, der Wedekind schon seit Jahren ein Begriff war [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 8.8.1894]., PanizzaOskar Panizza, mit dem Wedekind in Zürich oft zusammenkam [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 29.11.1898], war seit Ende des Vorjahres in Paris; seine Adresse ist der von ihm in Zürich herausgegebenen Zeitschrift zu entnehmen, die er in Paris fortführte: „Paris, rue des Abbesses, 13. [...] Oskar Panizza.“ [Zürcher Diskußionen, Jg. 1 (1897/98), Nr. 12, S. 11] und ich. Panizza schleppe ich mit übermenschlicher Anstrengung an die Orte unserer einstigen ThätigkeitLokale in Paris, die Wedekind und sein Freund während ihres gemeinsamen Aufenthalts in der Stadt im Frühjahr und Sommer 1892 aufgesucht hatten [vgl. Tb]. und erzähle ihm dort von Deinen Triumphen. Ueber die Neujahrskartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel, Anton Dreßler, Lotte Dreßler, Max Halbe, Georg Schaumberg, Julius Schaumberger an Wedekind, 1.1.1899. Der Name der Mitunterzeichnerin der Neujahrskarte ist im Erstdruck ausgelassen, die Mitunterzeichner sind unten im Brief namentlich genannt. habe ich mich herzlich gefreut, auch weil der Name ...Auslassung des Herausgebers im Erstdruck des Briefs; möglicherweise stand der Name Lotte Dreßler im Brief, da Wedekind unter den am Briefende genannten Unterzeichnern der Neujahrskarte ihren Mann Anton Dreßler aufführte, er früher vermittelt über den Freund mit ihr korrespondiert hat [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 1.4.1897] und er ihr auch später nach einer von ihr unterschriebenen Bildpostkarte Grüße bestellte [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 27.7.1899]. daraufstand. Wenn Du sie siehst, sag ihr bitte meine herzlichsten Grüße und ob es nicht möglich wäre, ihr ein offenes Wort zu schreiben, das sich keiner Zollrevision zu unterziehen braucht. Vielleicht hat sie irgend eine zuverlässige Freundin.

Wie geht es Dir? Dein letzter Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 20.12.1898. Wedekind hat den Brief noch in Zürich erhalten, also vor dem 22.12.1898 (siehe oben)., den ich in Zürich erhielt, strahlte von Lebensfreude. Sollte sich aber der Himmel in München trüben, dann komme hierher, mit oder ohne SchülerinnenWedekinds Freund Hans Richard Weinhöppel ist als Kapellmeister und Gesangspädagoge in München (Corneliusstraße 4, 1. Stock) [vgl. Adreßbuch von München auf das Jahr 1899, Teil II, S. 113] verzeichnet und gab privaten Musikunterricht.. Im schlimmsten Fall würdest Du ja auch hier welche finden, die besser bezahlen als die Münchnerinnen. Immerhin habe ich den Eindruck, daß sich Paris jetzt leichter erobern ließe als vor 6 Jahren1892 während Wedekinds und Hans Richard Weinhöppels gemeinsamen Aufenthalt in Paris [vgl. Tb]., für Dich vielleicht noch leichter als für mich. Wie ich geistig aufgeathmet habe vom ersten Schritt an, den ich auf Pariser Pflaster that, kann ich Dir nicht beschreiben. Meine erste Bekanntschaft war der Sohn des Impresarios der PattiDer in Paris tätige Impresario Robert Strakosch war der Sohn des am 10.10.1887 in Paris verstorbenen Maurice Strakosch (und dessen Frau, der Sängerin Amelia Patti), der als Impresario der berühmten Operndiva Adelina Patti bekannt gewesen ist (sie war seine Schwägerin). Wedekind kam am 23. oder 24.12.1898 mit Robert Strakosch zusammen., Strakosch, gleichfalls Impresario, auf den ich vorderhand noch große Hoffnungen setze. Das einzige, was mich hindert, meine Eroberungszüge sofort mit Entschlossenheit zu unternehmen, ist das verdammte DramaWedekinds bereits in Zürich unter dem Titel „Ein Genußmensch“ vieraktig konzipiertes Drama, mit dem er in Paris neu ansetzte, nun unter dem Titel „Ein gefallener Teufel“, dessen erste vollständige Fassung er am 23.2.1899 fertigstellte [vgl. KSA 4, S. 411-413]; später arbeitete er es zu dem Stück „Marquis von Keith“ (1901) um., das ich in Zürich begonnen und das mir viel Zeit raubt. Sowie man mit Schuldenzahlen sein Geld verplempert, hindert Einen die Arbeit nur daran Geld zu verdienen. Vorderhand soll es auch das letzte Mal sein, daß ich eine derartige Schinderei unternehme. Nächster Tage muß mein Gastspiel„Das Gastspiel“, im Manuskript der Titel von Wedekinds Einakter „Der Kammersänger“ [vgl. KSA 4, S. 323, 331], der unter dem Titel „Der Kammersänger“ (1899) im Albert Langen Verlag in München erschien [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 57, 10.3.1899, S. 1886]. in München erscheinen unter dem Titel „Der Kammersänger“. Auf jeden Fall bist Du sicher, sofort ein Exemplar zu erhalten.

Ich könnte Dir viel von einer kleinen Spanierin schreiben mit dem schönen Vornamen Pascalenicht identifiziert., aber das Schreiben über solche Dinge hat keinen Werth, wodurch ich Dich bei Leibe nicht davon abhalten möchte, mir Deine Erlebnisse mitzutheilen.

Wenn Du mir etwas über meinen BruderDonald Wedekind lebte nach wie vor in München. zu schreiben hast, dann thu es bitte und zwar ohne Rückhalt, Du bist schließlich der Einzige, von dem ich auf aufrichtige Nachrichten rechnen kann. Er hat mir soeben in sehr kurzer Zeit eine größere Arbeitnicht ermittelt. fertig gestellt, um die ich ihn gebeten, und ich hoffe daraus entnehmen zu können, daß es ihm besser geht, d.h. psychisch. Was das Pekuniäre betrifft, thue ich für ihn, was ich kann, aber auch in dieser Beziehung bin ich Dir dankbar, wenn Du mir ein offenes Wort schreibst. Bierbaums LobetanzOtto Julius Bierbaums „Lobetanz. Ein Singspiel“ (1895), erschienen im Verlag der Genossenschaft Pan in Berlin und in der dreiaktigen Opernvertonung durch den Komponisten Ludwig Thuille am 6.2.1898 am Hoftheater in Karlsruhe uraufgeführt, sollte am Théâtre de l’Opéra-Comique am Place de Châtelet [vgl. Paris-Adresses 1898, S. 1363, 1636] aufgeführt werden, was nicht realisiert wurde. hat Aussicht an der hiesigen Opéra Comique. Ich gönne es Bierbaum von ganzem Herzen, da ich immer nur das Gefühl der gegenseitigen Förderung und nie dasjenige des Brodneidesrecte: Brotneides. und der Concurrenz habe.

Grüße bitte alle die lieben SeelenWedekind nennt die Mitunterzeichner der oben im Brief erwähnten Neujahrskarte aus München: Max Halbe, Julius Schaumberger, Georg Schaumberg, Dreßler Anton – mitunterzeichnet hat vermutlich auch Lotte Dreßler (siehe oben)., die mir geschrieben, Halbe, Schaumberger, Schaumberg, Dreßler. Wenn mir hier nicht etwas Außerordentliches blüht, dann komme ich nach Deutschland und sitze meine Buße abWedekind überlegte, sich zu stellen und seine Haftstrafe wegen Majestätsbeleidigung zu verbüßen, verfolgte aber erst einmal, was in der Sache geschah (siehe unten); er stellte sich erst am 2.6.1899 in Leipzig den Behörden.. Und wenn es mir gut gehen sollte, dann thue ich es wahrscheinlich erst recht. Ich muß nur wissen, wie sich das Blatt wendetWedekind verfolgte, wie das Verfahren nach dem Prozess wegen Majestätsbeleidigung in der „Simplicissimus“-Affäre am 19.12.1898 in Leipzig sich entwickeln würde. Die Presse hatte berichtet: „(Der Majestätsbeleidigungsprozeß gegen den ‚Simplicissimus‘) findet [...] am Montag vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts zu Leipzig statt. Angeklagt sind 1. der Verlagsbuchhändler Albert Langen aus München, 2. der Schriftsteller, Schauspieler und Dramaturg des Münchner Schauspielhauses Frank Wedekind, 8. Der Karikaturenzeichner Thomas Theodor Heine aus München, 4. der Buchdruckereibesitzer Hesse aus Leipzig und 5. der Buchdruckereibesitzer Becker, ebenfalls aus Leipzig. Von diesen Personen erscheinen jedoch nur Heine, Hesse und Becker vor Gericht, während sich die Angeklagten Langen und Wedekind bekanntlich durch die Flucht nach der Schweiz ihrer Bestrafung entzogen haben. Durch die Flucht Langens als des verantwortlichen Verlegers wurden auf Grund des § 21 des Preßgesetzes die beiden Drucker des ‚Simplicissimus‘ Hesse und Becker in die Anklage mit einbezogen, so daß auch gegen sie erkannt werden wird, falls der Angeklagte Langen sich nicht noch im letzten Augenblick, wie vielfach vermuthet wird, dem Gericht freiwillig stellt.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 51, Nr. 585, 20.12.1898, Vorabendblatt, S. 2].

In einsamen Stunden oder Stunden der Trübseligkeit, wenn Du solche hast, mach Dich bitte mit dem Gedanken vertraut, nach Paris zu kommen. Ich glaube Dir versichern zu können, daß sich Paris über Dich freuen würde.

Sei 1000 Mal gegrüßt von Deinem alten Freund und Waffengefährten
Frank.

Frank Wedekind schrieb am 24. Februar 1899 in Paris folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Paris, 49 rue Bonaparte. 24.II.1899.


Lieber Freund,

gestern bin ich mit meiner gottverfluchten Arbeit fertig gewordenWedekind hat am 23.2.1899 in Paris die erste vollständige Fassung seines Dramas „Ein gefallener Teufel“ fertiggestellt [vgl. KSA 4, S. 413]; später arbeitete er es zu dem Stück „Marquis von Keith“ (1901) um.. Mein erstes ist es, Dir den Kammersänger zu schickenWedekind legte dem Brief die Erstausgabe seines Einakters „Der Kammersänger“ (1899) bei, die im Albert Langen Verlag in München gedruckt vorlag [vgl. KSA 4, S. 332], aber erst später als Neuerscheinung angezeigt war [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 57, 10.3.1899, S. 1886]. und Dich zu fragen, wie es Dir geht. In Gedanken bin ich sehr viel bei Dir in München und ich habe auch die Zuversicht, daß ich über kurz oder lang in Wirklichkeit wieder dort sein werde. Ich wohne hier in dem nämlichen Hotelim Hôtel Saint-Georges (Rue Bonaparte 49) [vgl. Paris-Adresses 1898, S. 1088], in dem seinerzeit Käthe Juncker (siehe unten) gewohnt hatte und nun Wedekind logierte., in dem wir im Jahre 91 oder 92 mehrmals bei Katharina Junkerbei der befreundeten Malerin Käthe Juncker, die Wedekind seinerzeit in Paris porträtiert hat [vgl. Wedekind an Käthe Juncker, 13.4.1891] (das 1891 in „Frühlings Erwachen“ abgebildete Porträt); im Pariser Tagebuch – er nannte sie dort überwiegend Katja und notierte zum Beispiel am 24.5.1892: „Am Nachmittag gehe ich in’s Hotel St. George finde Katja allein“ [Tb] – erwähnte er gemeinsame Treffen mit ihr und Hans Richard Weinhöppel [vgl. Tb 30.4.1892, 1.5.1892, 3.5.1892, 8.5.1892]. zum Kaffe waren, wenn Du Dich dessen noch erinnerst. Erlebt habe ich hier noch so gut wie gar nichts, habe aber das Gefühl, daß jetzt irgend etwas Großes geschehen wird, was, das kann ich mir noch nicht recht vorstellen.

Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief von Martensvgl. Kurt Martens an Wedekind, 5.2.1899. Kurt Martens teilte Wedekind nicht nur seine Verlobung mit Mary Fischer mit, sondern erwähnte auch, er habe Wedekinds Pariser Adresse am 4.2.1899 von Hans Richard Weinhöppel erhalten. mit seiner Verlobungsanzeige. Er ist entschieden ein netter lieber Bengel. Ich schloß daraus, daß ihr öfter zusammen seid. Ich werde ihm auch dieser Tage gratuliren, wenn es Gottes Wille ist. Panizza vervollkommnet sich hier mehr und mehr in seiner Verrücktheit. Vor mehreren Wochen hatte er eine überaus taktlose CarteDie Postkarte oder Bildpostkarte von Oskar Panizza an Hans Richard Weinhöppel ist nicht überliefert. an Dich fabricirt und forderte mich auf, meinen Namen darauf zu setzen. Ich konnte mich nicht dazu entschließen aus Furcht, Du möchtest denken, der Inhalt beruhe auf Klatschereien meinerseits. – Nach Frida und DonaldFrida Strindberg und Donald Wedekind waren „kurzfristig liiert“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 191]. frage ich Dich nicht mehr. Ich weiß wie die Sachen liegen und bedaure nur, daß Du für all Deine Herzensgüte ein so undankbares Absatzgebiet gefunden hast.

Ich hoffe, daß Du mir in München nicht untreu wirst. Grüße immerhin Halbe, Martens, Weber, OehlschlegerDr. phil. Hermann Oelschläger in München (Giselastraße 21), ausgewiesen als „Privatmann“ [Adreßbuch von München auf das Jahr 1899, Teil I, S. 388], Schriftsteller [vgl. Deutscher Litteratur-Kalender auf das Jahr 1899, Teil II, Sp. 991], der „seinen Aufenthalt wieder dauernd in München genommen“ [Paul Heyse: Das literarische München. 25 Porträtskizzen. München (1899), S. 4f.] hatte., wenn Du sie siehst, aufs herzlichste. Vor acht Tagenam 16.2.1899, an dem Wedekind gemeinsam mit Albert Langen, Willy Gretor und Robert Strakosch (siehe unten) das Casino de Paris (Rue de Clichy 16-18) [vgl. Paris-Adresses 1898, S. 1362] besuchte. war ich mit Langen, Grétor, und dem ehemaligen ImpresarioRobert Strakosch, der als Impresario der berühmten Operndiva Adelina Patti bekannt gewesen ist (sie war seine Schwägerin) [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 10.1.1899]. der Adeline Patti, Strakosch, im Casino de Paris. Welch eine tötlicherecte: tödliche. Langeweile im Vergleich zu jenen goldenen TagenWedekind hatte den Freund 1892 während ihres gemeinsamen Aufenthalts in Paris in das Casino de Paris (siehe oben), eine der ältesten und berühmtesten Konzerthallen der Stadt, eingeführt: „Ich führte ihn [...] ins Casino de Paris“ [Wedekind an Michael Georg Conrad, 13.5.1892]; sie haben das Etablissement dann wohl regelmäßig gemeinsam aufgesucht [vgl. Tb 13.6.1892]., da wir uns dort zusammen amüsirten.

Ich schreibe diese Zeilen bei offnem Fenster; draußen das herrlichste Frühlingswetter. In den Champs Elisées beginnen die Bäume Blätter zu bekommen und auch ich schlage an allen Enden und Ecken aus.

Und nun leb wohl, lieber Freund. Laß mir bald eine erfreuliche Nachricht von Dir zukommen, vielleicht auch eine VerlobungsanzeigeHans Richard Weinhöppel war mit der „Amerikanerin Stella Brokow“ [KSA 4, S. 662] liiert, seine spätere erste Ehefrau (Heirat 1900 in London, Scheidung 1906), die bei seiner Rückkehr aus den USA 1896 mit nach München kam, wie Max Halbe sich erinnerte: „Als er zurückkam, brachte er sich von drüben eine Frau mit, die in unserem Kreise sehr bald als der Typus der Amerikanerin [...] galt. [...] die Ehe wurde [...] später geschieden.“ [Halbe 1935, S. 315]. Vor allem bleib gesund und guten Muthes und sei aufs herzlichste gegrüßt von Deinem alten treuen

Frank.

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 26. Februar 1899 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 22.5.1899 aus Paris:]


[...] deshalb habe ich auch Deinen letzten Brief nicht beantwortet [...]

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 20. Mai 1899 in Cisano folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 22.5.1899 aus Paris:]


Deine Zeilen haben mich unendlich erfreut [...]

Frank Wedekind schrieb am 22. Mai 1899 in Paris folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Paris, 22.V.1899.


Lieber Richard,

Deine Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 20.5.1899. Der Freund hatte Wedekind wohl aus Cisano, einem unterhalb von Bardolino gelegenen Ort am Ostufer des Gardasees, geschrieben, wie aus dem vorliegenden Brief hervorgeht. haben mich unendlich erfreut, mehr als ich im stande bin, Dich mit Nachrichten zu beglücken. Sei aber überzeugt, daß ich mit voller Seele an Deinem Glück theilnehme und froh hin, daß Du in einer Deiner würdigen Umgebung Thätigkeit und Interesse gefunden, die Deiner würdig sind. Wie wenig hätte gefehlt und auch ich wäre letzten Herbst nach Italien gereist statt in dieses BabylonWedekind hatte Paris schon einmal als Babylon bezeichnet und damit auf den sprichwörtlichen Ruf der Stadt als ‚Sündenbabel‘ angespielt [vgl. Wedekind an Karl Henckell, 9.1.1893]., von dessen Babylonischen Reizen ich diesmal wenig, sehr wenig genossen.

Ich will vor allem Deine geschäftlichen Fragen beantworten. Frida ist hierFrida Strindberg und Donald Wedekind, die „kurzfristig liiert“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 191] waren, dürften kurz zuvor gemeinsam in Paris eingetroffen sein.. Ich fragte sie nach der englischen Opernicht ermittelt (ein Opernprojekt)., und sie sagt, Du habest ihr den Text öfter geben wollen, sie habe ihn aber nie erhalten. Deine Erzählungennicht ermittelt; seine „kleinen novellistischen Skizzen“ [Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 15.3.1905], die Hans Richard Weinhöppel in den Händen von Frida Strindberg wähnte. solle Donald unter seinen Sachen haben. Donald, der nämlich auch hier ist, will sie heraussuchen und sie, wenn er sie hat, Dir zuschicken. Du fragst auch mich nach der englischen Oper, aber ich habe sie thatsächlich nie in Händen gehabt. Es thut mir sehr leid daß ich Dir keine besseren Nachrichten geben kann.

Was mich betrifft, so habe ich – traurig aber wahr, bis jetzt an meinem Stück geschriebenWedekind hat die am 23.2.1899 fertigstellte erste vollständige Fassung seines Dramas „Ein gefallener Teufel“ [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 24.2.1899] einer „Überarbeitung“ [KSA 4, S. 413] unterzogen und das Manuskript [vgl. KSA 4, S. 422-424] in Paris zurückgelassen, als er nach Leipzig abreiste [vgl. KSA 4, S. 413]; ]; später arbeitete er es zu dem Stück „Marquis von Keith“ (1901) um.. Ich mußte die Arbeit vielfach unterbrechen und das Wetter war so schlecht als möglich. Unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit: In acht Tagenam 30.5.1899. Wedekind reiste erst kurz darauf von Paris ab und traf am 2.6.1899 abends in Leipzig ein, wo er sich den Behörden stellte, wie die Presse meldete: „Der s.[einer] Z.[eit] in die ‚Simplicissimus‘-Affäre verwickelte, wegen Majestätsbeleidigung verfolgte und flüchtig gewordene Franklin Wedekind hat sich heute Abend, direct aus Paris kommend, der hiesigen Polizeibehörde freiwillig gestellt.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 93, Nr. 277, 3.6.1899, Morgen-Ausgabe, 1. Beilage, S. 4365] Wedekind war zunächst in Leipzig in Untersuchungshaft, dann bis zum 3.2.1900 auf der Festung Königsstein inhaftiert. denke ich in Leipzig hinter Schloß und Riegel zu sitzen. Das ist der Grund, weshalb ich Dich nicht auffordern kann, nach Paris zu kommen. Ich kann mit der Ausführung meines Entschlusses unmöglich länger warten, da mir die Gerichtsferien in die Quere kommen. Aber sprich bitte nicht darüber, bevor ich den Entschluß thatsächlich ausgeführt habe.

Ich würde Dich um die Bekanntschaft der DameStella Brokow (siehe unten)., von der Du mir mit so großer Verehrung schreibst, beneiden, wenn ich nicht die Hoffnung hegte, daß mir auch noch einmal das Vergnügen zutheil wird, sie kennen zu lernen. Aber ich freue mich wie gesagt ungemein, daß Du auf dem Schloß am Gardaseeein Anwesen in Cisaro, das offenbar Stella Brokow gehörte (siehe unten). eine so anbetungswürdige gastfreundliche Freundin gefunden. Ebenso freue ich mich über das Opern Unternehmendie geplante ‚englische Oper‘ (siehe oben).. Wenn wir uns wiedersehen, sind wir vielleicht beide gemachte Männer. Dir wünsche ich es von ganzem Herzen und ich vertraue meinerseits auf mein neues Stück. Schade daß ich nun zuvor noch Buße thun muß, aber der Aufenthalt im Gefängnis wird im Sommer angenehmer sein als im Winter.

Donald und Frida, die hier gar nichts zu suchen haben und noch viel weniger zu hoffen, habe ich unter mütterliche Obhut nach ZürichWedekind kündigte seiner Mutter kurz darauf an: „Donald kommt in den nächsten Tagen nach Zürich“ [Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 25.5.1899]. dirigirt. Ich hoffe, daß sich die Sache macht und sie dort abwarten können bis ich wieder frei bin. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mit Donald in Zürich zusammenträfst. Seine Adresse erfährst Du dort sicher auf der Redactiondie Redaktion der „Züricher Post“ (oberer Mühlesteg 10) [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich für 1899, Teil I, S. 638], bei der Donald Wedekind „vorübergehend als Redakteur“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 192] gearbeitet hat. der „Züricher Post“. Du schreibst ja, daß Du eventuell durch die Schweiz zurückradelstmit dem Fahrrad vom Gardasee über Zürich zurück nach München..

Ich habe nun auch eine Bitte an Dich, die vielleicht ebenso erfolglos ist, wie Deine eigene. Hast Du Briefe von mir in VerwahrungHans Richard Weinhöppel hatte nach Wedekinds Flucht aus München am 30.10.1898 einen Koffer und eine Kiste Wedekinds in seinem Zimmer verwahrt, beides nicht geöffnet und Wedekind nach Zürich nachgeschickt [vgl. Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 20.7.1899].? In meiner Correspondenz fehlen mir sämtliche Briefe an LangenAbschriften Wedekinds von seinen Briefen an Albert Langen und den Albert Langen Verlag, die Wedekind für seine Verteidigung vor Gericht in Leipzig (siehe oben) auswerten wollte.. Es ist möglich, daß man sie in Lindau auf dem ZollamtEnde 1898 nach Wedekinds Flucht aus München nach Zürich, wohin er Nachsendungen erhielt, die in Lindau am Bodensee, dem Grenzort zur Schweiz, auf dem Zollamt kontrolliert wurden. konfiscirt hat, denn meine beiden Koffer kamen erbrochen in Zürich an. In diesem Falle brauchte ich Dich um nichts zu bitten. Andernfalls, wenn Du Correspondenz von mir in München hast, dann würde ich Dich bitten, mir  alles,ohne Ausnahme, nach Leipzig zu schicken, da in meiner Correspondenz meine hauptsächliche Verteidigung bestehen würde. Ich würde Dir von Leipzig aus schreiben.

Ich kann leider mit dem besten Willen nicht so jubeln wie Du. Ich bin geradezu müde von der mehrmonatlichen Arbeitan „Ein gefallener Teufel“ (siehe oben)., so daß mir jetzt das Denken unendlich schwer wird. Aber ich beneide Dich wie gesagt nicht, sondern freue mich mit Dir. Wenn Du mir einen Gefallen thun willst, so bitte ich Dich, mich der Schloßherrin auf Castello CizanoFritz Strich merkte im Erstdruck des vorliegenden Briefs zu dieser Stelle an: „Dort war Weinhöppel bei einer Amerikanerin zu Gaste.“ [GB 1, S. 358] Das war „die Amerikanerin Stella Brokow“ [KSA 4, S. 662], die spätere erste Ehefrau von Hans Richard Weinhöppel (Heirat im Juli 1900 in London, Scheidung 1906), die „mit all ihren Toiletten und Brillanten“ [Halbe 1935, S. 315], wie Max Halbe sich an sie erinnernd bemerkte, offenbar vermögend war und im Besitz eines Anwesens in Cisano am Gardasee (siehe oben) gewesen sein dürfte. ehrerbietigst zu empfehlen.

Ich gehe aus einer wenig erfreulichen Gegenwart einer noch düstereren Zukunft entgegen, aber die Seele muß bekanntlich geläutert werden, bis sie für die himmlische Glückseligkeit rein genug ist. Den Glauben an die Glückseligkeit habe ich bei alledem noch nicht verloren. Ich habe, seit ich hier bin, noch kein Theater und kein Tingeltangel gesehen; ich habe kein Interesse dafür. Ich habe Deutschland beinah lieben gelernt und hoffe, daß ich trotz Paris einen vertrauenerweckenden Eindruck in Leipzig machen werde. Ueber die Münchner Ereignisse bin ich durch die Zeitungen unterrichtet, sonst weiß ich nichts von der Welt.

Diese Zeilen sind thatsächlich, wie Du siehst, beinahe zur JeremiadeKlagelied, Jammerrede (nach dem biblischen Propheten Jeremia). geworden, aber deshalb habe ich auch Deinen letzten Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 26.2.1899. nicht beantwortet, weil mir das Jammern verhaßt ist wie der Tod. Sobald ich abgeurtheilt bin, falle die Strafe auch noch so grausam aus, werde ich ein glücklicherer Mensch sein.

Mit den herzlichsten Grüßen und auf baldiges Wiedersehen in Deutschland Dein alter treuer
Frank.


Hans Richard Weinhöppel schrieb am 20. Juli 1899 in München folgenden Brief
an Frank Wedekind

München den 20. Juli 1899


Mein lieber alter Frank!

Endlich, endlich komme ich dazu, Dir ein Lebenszeichen zu geben, – das erste seit meiner Rückkehr von ItalienWedekinds Freund hatte sich am Gardasee aufgehalten [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 22.5.1899].. Ich habe jeden Tag an Dich gedacht und wurde sogar einmal gewaltsam an Dich erinnert, u. zwar durch das Erscheinen eines PolizeicommissärsWann genau der Polizeikommissar Wedekinds Freund im Zuge der Strafverfolgung in der „Simplicissimus“-Affäre (siehe unten) in München aufsuchte, ist unklar., der mich einem Verhör unterstellte. Er wollte einige Details über das Schicksal Deiner KofferWedekind hatte den Freund nach darin befindlichen Briefen gefragt [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 22.5.1899]. erfahren, und | ich sagte ihm wahrheitsgetreu, daß ein Koffer und eine Kiste einige Zeit in meinem Zimmer uneröffnet lagerten, bis sie in demselben Zustande von einem Expreßcompagniemannein Mann von der Expreß-Compagnie in München (Fürstenfelderstraße 18) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Handels- und Gewerbe-Adreßbuch, S. 72], die dortige Niederlassung des 1864 in Dresden gegründeten Verbands der Dienstmann- und Packträger-Institute, die im Auftrag von Frida Strindberg den Versand von Wedekinds nach seiner Flucht in die Schweiz am 30.10.1898 in München hinterlassenem Gepäck übernahm. (oder ähnliches Institut) abgeholt wurden (er brachte einen ZettelDer Zettel von Frida Strindberg an Hans Richard Weinhöppel ist nicht überliefert. von Frida, in dem S/s/ie mich bat, dem Überbringer sofort besagte Effekten„Effekten (franz. effets), Habseligkeiten, Besitz an beweglichen Gütern, oder was jemand auf Reisen zu seinem Gebrauch mit sich führt“ [Meyers Konversations-Lexikon. 5. Aufl. Bd. 5. Leipzig, Wien 1894, S. 397]. zu überlassen) – und daß sie dann durch Frida oder Deinen Bruder zu Dir in die Schweiz geschickt wurden.

Ich wurde ferner einiges über Deine Persönlichkeit gefragt | und erklärte mich bereit, eidlich zu erhärten, daß ich Dich weder für einen Sozialisten, Niehilisten, Anarchisten, noch auch für einen persönlichen Feind oder Widersacher des deutschen Kaisers halte. (Und ich glaube es giebt niemand auf dieser Welt, der das von Dir behaupten könne)

Ich behauptete ferner, daß alles, was Du geschriebenWedekind hatte für den „Simplicissimus“ Gedichte geschrieben, seine nicht aus Überzeugung geschriebenen „politischen Lieder“ [Wedekind an Beate Heine, 12.11.1898], darunter die Wilhelm II. verspottenden satirischen Gedichte „Im heiligen Land“ und „Meerfahrt“, die ihm den Haftbefehl wegen Majestätsbeleidigung eintrugen [vgl. KSA 1/II, S. 1710]. in politischer Hinsicht, „der Noth gehorchendZitat des ersten Verses aus Friedrich Schillers Trauerspiel „Die Braut von Messina oder die feindlichen Brüder“ (1803): „Der Noth gehorchend, nicht dem eignen Trieb“ (zugleich ein geflügeltes Wort)., nicht dem eignen Triebe“ entstanden sei. –

Ich habe versucht, mich über die Art und Weise zu infor|mieren, wie Du als UntersuchungsgefangenerWedekind saß seit dem 2.6.1899 in Untersuchungshaft im Gefängnis in Leipzig; die Presse hatte gemeldet: „Der s.[einer] Z.[eit] in die ‚Simplicissimus‘-Affäre verwickelte, wegen Majestätsbeleidigung verfolgte und flüchtig gewordene Franklin Wedekind hat sich heute Abend, direct aus Paris kommend, der hiesigen Polizeibehörde freiwillig gestellt.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 93, Nr. 277, 3.6.1899, Morgen-Ausgabe, 1. Beilage, S. 4365] behandelt wirst, und nicht gerade das Erfreulichste gehört.

Dies thut mir in der Seele, und wenn es Dir ein kleiner Trost ist, sage ich Dir, daß ich mit Dir leide.

Du hast im Leben schlimmes genug ertragen, möge dies Jahrhundert all das verschlingen und eine neue, wirklich eine neue Zeit für uns beide heranbrechen.

Schön ist’s, als Märtyrer zu leiden, zu sterben, vielleicht, aber gräßlich muß es sein, für etwas | zu büßen, was man nicht mit seinem ganzen Wollen, mit seiner ganzen Überzeugung ausgesprochen hat. –

Wahrlich, manchmal überkommt’s mich, als müßt’ ich für einen guten Ausgang zu Gott beten, – verzeih’ die Sentimentalität, aber Du weißt wie sehr uns unser Leben, und unser Künstlertum genähret und verknüpft hat. –

Bitter laß mich umgehend hören wie Dir’s geht. Du darfst mir doch schreiben? | Oder sollten Dir diese Zeilen vorenthalten sein? Laß mich wenigstens durch ein paar Zeilen wissen, ob Du diesen Brief erhalten hast. Das darfst Du doch? –

– Ich habe momentan viel zu thun, bin den ganzen Tag beschäftigt, und versuche in dieser Fluth für die Ebbe vergangener Tage einzuholen.

Zum componieren komme ich fast | gar nicht.

Bitte schreib mir auch, ob ich irgend etwas für Dich thun kann. Brauchst Du Lectüre, Geld – alles was ich für Dich thun kann: mit vollem Herzen.

Max Halbe lebt mit Familie am StarnbergerseeMax Halbe und seine Familie wohnten im Landhaus des Schriftstellers Karl Tanera in Bernried bei Starnberg: „Den Sommer dieses Jahres 1899 verbrachte ich mit meiner Familie in Bernried am Starnberger See. [...] Ein Kreis von Freunden hatte sich uns angeschlossen. [...] Da war Karl Rößler [...], Julius Schaumberger [...] Heinz Kunolt [...] Irene Triesch [...] Lovis Corinth. [...] Wie wohnten im Taneraschen Hause (eines bekannten Jugendschriftstellers jener Tage). Unter uns wohnte Paul Cassirer [...], über uns Korfiz Holm und noch etwas höher hinauf Kurt Aram.“ [Halbe 1935, S. 266f.] (Bernried) – Die Andern sehe ich äußerst selten. – München gleicht zur Zeit litterarisch und musikalisch einem großen Saal nach einer RedouteBall, Tanzveranstaltung., ein ödes trauriges Bild. | Was wir nicht in uns selbst finden: außerhalb dürft’ es doppelt schwer fallen.

Lebewohl, mein Freund. Es drückt Dir herzlich die Hand

Dein
getreuer
Richard


P. S. Verzeih’ die Flüchtigkeit meiner Zeilen, ich bin überreizt und müde zugleich.

R.


Hans Richard Weinhöppel, Anton Dreßler, Julius Schaumberger, Max Halbe und Lotte Dreßler schrieben am 22. Juli 1899 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 27.7.1899 aus Leipzig:]


Grüße Max Halbe herzlich, ebenso Lotte, wenn Du so mit ihr stehst, wie ich aus eurer lieben Rathskellerkarte zu meiner Freude entnehmen zu dürfen glaube. Dann auch Anton und Schaumberger.

Frank Wedekind schrieb am 27. Juli 1899 in Leipzig folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Leipzig, 27.VII.1899.

(Untersuchungshaft)erläuternder Zusatz im Erstdruck des Briefs. Wedekind hatte sich am Abend des 2.6.1899 in Leipzig den Behörden gestellt, saß seitdem in Untersuchungshaft in der „Gefangen-Anstalt Leipzig“ [Leipziger Adreß-Buch für 1899, Teil II, S. 39] und wartete auf seine Verhandlung wegen Majestätsbeleidigung in der „Simplicissimus“-Affäre [vgl. KSA 1/II, S. 1710].


Lieber Richard,

mit dem besten Willen konnte ich Dir auf Deine erregten Zeilenvgl. Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 20.7.1899. nicht früher antworten. Allerdings hätte ich Dir früher einmal schreiben sollen, aber ich hoffte ja immer nur auf die Entscheidungin Wedekinds Strafverfahren wegen Majestätsbeleidigung (siehe unten)., die ich viel näher glaubte.

Zur Hauptsache: Zu Deiner Erregung hast Du nicht die geringste Ursache. Ich halte mich an Thatsachen:

Der Tag beginnt um 6 Uhr Morgens. Um 8 Uhr Kaffee | mit Semmel! 10–11 Aufenthalt im Freien. Um 12 Uhr ein gut bürgerliches Mittagsmahl aus dem nächsten Restaurant. Darauf eine delikate Habanakubanische Zigarre.! Um 7 Uhr Abendessen. Um 9 Uhr Schlafengehen. Mittags und Abends je eine Halbe Münchnerein halber Maßkrug Münchner Bier (etwa ein halber Liter).. Dabei „Leipziger Tageblatt“, die Erlaubnis, für mich zu schreiben, was mir einfällt und eine Menge Lectüre. Du siehst, es geht mir durchaus nicht schlecht; ich schrieb nur noch nicht, weil ich von Tag zu Tag die Verhandlung erwartete. Nun mußte aber mein VertheidigerKurt Hezel, der Wedekind freundschaftlich verbundene Rechtsanwalt in Leipzig [vgl. Wedekind an Beate Heine, 15.12.1898], hat ihn am 3.8.1899 in der Gerichtsverhandlung wegen Majestätsbeleidigung verteidigt [vgl. Wedekind an Beate Heine, 22.9.1899]. nothwendig die Festspiele in BayreuthDie Bayreuther Festspiele zum Werk des Komponisten Richard Wagner, die 1898 nicht stattgefunden hatten, wurden am 22.7.1899 eröffnet. besuchen und reichte eine Eingabe um Verschiebung der Verhandlung ein. Die Verhandlung findet heute in acht Tagen, nächsten Donnerstagder 3.8.1899, an dem Wedekinds Gerichtsverhandlung stattfand: „Am 3. d. M. stand der Schriftsteller Benjamin Franklin Wedekind aus Hannover wegen Majestätsbeleidigung vor der Strafkammer des Königlichen Landgerichts zu Leipzig. Das Leipziger Tageblatt berichtet darüber, wie folgt: Es handelte sich um die Veröffentlichung zweier die Palästinafahrt des Kaisers behandelnder Gedichte, deren Verfasser Wedekind ist. Diese wurden im Oktober 1898 unter dem Titel ‚Im heiligen Lande‘ und ‚Eine Palästinafahrt‘ in Nr. 31 und 32 der illustrierten Wochenschrift ‚Simplicissimus‘ veröffentlicht, deren Verleger, Albert Langen in München, nach Paris geflüchtet ist. Auch Wedekind, der zuletzt in München gelebt hat, zog es zunächst vor, sich durch die Flucht nach Paris der Bestrafung zu entziehen, ist aber vor kurzem zurückgekehrt und hat sich freiwillig der Staatsanwaltschaft gestellt. [...] Nach Feststellung der Personalien wurde auf Antrag des Oberstaatsanwalts die Oeffentlichkeit wegen Gefährdung der Staatssicherheit für die ganze Dauer der Sitzung ausgeschlossen. Das von dem Vorsitzenden Herrn Landgerichtsrat Adam verkündete Urteil lautete auf sieben Monate Gefängnis, wovon ein Monat auf die erlittene Untersuchungshaft in Anrechnung kam. Zu seinen Gunsten wurde seine bisherige Unbescholtenheit angenommen, zu Ungunsten Wedekinds, daß die Beleidigungen, die er geradezu geschäftsmäßig betrieben habe, sehr schwere seien“ [Zur Majestätsbeleidigung des Simplicissimus. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandels, Nr. 180, 5.8.1899, S. 5594]., statt. Denk ein klein wenig an mich; das wird mir Glück bringen.

Ich freue mich ungemein über Deine Unternehmungendas Komponieren von Opern.. Ich kenne keine der Opern, sehe aber aus allem, daß du in vollem Zug bist. Glück auf! Ich habe von hier aus nur mit Dr. Heine correspondirtWedekinds Korrespondenz mit Carl Heine ist nur teilweise überliefert, aus der Zeit der Untersuchungshaft nur zwei Briefe [vgl. Carl Heine an Wedekind, 26.6.1899; Carl Heine, Beate Heine an Wedekind, 21.7.1899]., der eventuell auch nach München kommt, das könnte für uns alle drei von großem Vortheil sein. Es ist, mag kommen was wolle, entschieden besser so, als wenn wir uns in Paris wiedergesehen hätten diesen Sommer. Ich war in Paris ein verhetzter, ungenießbarer Mensch. Es ist mir faktisch hier im Gefängnis noch nicht so trostlos zu Muthe gewesen wie während der Zeit in Zürich und ParisWedekinds Exilzeit seit dem 31.10.1898.. Außerdem ist Paris jetzt häßlich. Nach der AusstellungWedekind hat sich auch in einem anderen Brief über die das Stadtbild prägenden Vorbereitungen zur Weltausstellung in Paris, die vom 15.4.1900 bis 12.11.1900 stattfand, ein Großereignis mit Millionen Besuchern, kritisch geäußert [vgl. Wedekind an Beate Heine, 25.6.1899]. wird es wieder so sein wie wir es vor 10 Jahren gekannt.

Es geht mir also wie gesagt sehr  erträglich. Es wäre undankbar, wenn ich das nicht anerkennen wollte. Ich habe nur meine Correspondenznicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an „Simplicissimus“, 27.7.1899. mit dem Simplicissimus so eingerichtet, daß man dort überhaupt nichts | über mich zu sagen weiß, sonst geht die Renomistereirecte: Renommisterei (= Schaumschlägerei, Maulheldentum). wieder los. Ich wälze gegenwärtig einige ernste größere Charakterschilderungennicht ermittelt. zu Rezitationszwecken im Kopf herum, damit ich etwas zum Wiederanfangen habe, wenn ich herauskomme. Es ist mir bis jetzt aber noch nichts geglückt.

Grüße Max Halbe herzlich, ebenso Lotte, wenn Du so mit ihr stehst, wie ich aus eurer lieben Rathskellerkartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel, Max Halbe, Lotte Dreßler, Anton Dreßler, Julius Schaumberger an Wedekind, 22.7.1899. Die Postkarte oder Bildpostkarte wurde im Münchner Ratskeller geschrieben, nach dem letzten Brief des Freundes, der „erste seit meiner Rückkehr von Italien“ [Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 20.7.1899], und vielleicht zu Wedekinds 35. Geburtstag am 24.7.1899. zu meiner Freude entnehmen zu dürfen glaube. Dann auch Anton und Schaumberger.

Seit ich hier bin hatte ich nur einmal BesuchCarl Heine hat Wedekind an einem der ersten Tage nach dem 2.6.1899 im Gefängnis in Leipzig besucht; wann genau ist unklar. und zwar von Dr. Heine, der mich gleich in den ersten Tagen auf der Durchreise besuchte. Sonst herrscht natürlich etwas Eintönigkeit, aber es muß nun einmal überstanden werden. Gräme Dich nur nicht um mich, Du hast keine Ursache, dagegen danke ich Dir herzlich für Deine lieben Zeilen. Wenn Du nach der Entscheidung keine Nachricht von mir erhältst, dann schreibe mir bitte wieder gelegentlich.

Mit den besten Grüßen und Wünschen in alter Treue Dein

Frank.


Seit einigen Tagen bewohne ich auch eine luftigere Zelle, mit drei großen Fenstern, in der ich mich reichlich bewegen kann.

Hans Richard Weinhöppel und Stella Weinhöppel schrieben am 1. November 1899 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 2.11.1899 von der Festung Königstein:]


Ich danke Dir für Deine freundlichen Anerbietungen. [...] Sage Miß B. bitte, daß ich für die angenehmen freundlichen Worte herzlich danke [...]

Frank Wedekind schrieb am 2. November 1899 in Festung Königstein folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Festung KönigsteinWedekind, verurteilt wegen Majestätsbeleidigung in der „Simplicissimus“-Affäre, saß nicht mehr im Gefängnis in Leipzig, sondern war zu Festungshaft begnadigt worden und verbrachte seit dem 21.9.1899 den Rest seiner Haftstrafe auf der Festung Königstein [vgl. KSA 1/II, S. 1710]., 2.XI.1899.


Herzliebster Freund,

Dir geht es also ausgezeichnet. Das freut mich. Und nun klagst Du schon über beginnendes Philisteriumdas spätere Berufsleben eines Studenten mit seinen Bindungen und Zwängen, hier wohl: Verbürgerlichung.. Bis das bei Dir anbricht, kannst Du doch wol noch einige hundert Jahre warten.

Hier oben ist ein Wetter wie im siebten Himmel, eine Ruhe wie im Paradies und eine Küche, wie man sie in München nicht leicht findet. Dazu Bier, Wein, Schnaps, kurz und gut alles was ein moderner Mensch zum Leben braucht, bis auf das ewig Weibliche und den Tabak. Der Genuß des ersteren ist streng verboten, wenn Du mir aber zur Befriedigung des anderen Gelüstes die Hand bieten wolltest, dann bitte ich Dich, inliegenden Zetteldie Beilage, nur durch den Erstdruck des Briefs überliefert (die anliegende Wunschliste an Rauchwaren). zu einem Tabakladen zu bringen, der französische Zigaretten führt. Ein solcher ist in der KaufingerstraßeDie Kaufingerstraße verbindet „in westnordwestlicher Richtung den Marienplatz mit der Neuhauserstraße.“ [Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil II, S. 291] In der Neuhauserstraße, „die westliche Verlängerung der Kaufingerstraße bildend“ [Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil II, S. 414], lagen die „Pschorrbräu-Bierhallen“ [Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil II, S. 415] (Neuhauserstraße 11, Parterre). Nebenan (Neuhauserstraße 13, Parterre) befand sich das „Cigarrengeschäft“ [Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil II, S. 415] von Ignaz Brüll [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil I, S. 69]. neben dem Pschorrbräu und ein anderer gegenüber dem Hoftheater, neben dem Café HoftheaterDas Cigarren- und Tabakgeschäft Ferdinand Groß (Inhaber: Hugo Groß, k.b. Hoflieferant) hatte dieselbe Adresse (Residenzstraße 12, Parterre) und lag insofern direkt neben dem „Restaurant zum Hoftheater“ [Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil II, S. 481], dem Hoftheater-Restaurant, das zugleich ein Café war.. Wenn ich einmal mit einem der beiden in Verbindung bin, dann helfe ich mir schon selber.

Ich danke Dir für Deine freundlichen Anerbietungennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel, Stella Brokow an Wedekind, 1.11.1899. Stella Brokow dürfte dem vorliegenden Brief zufolge einige freundliche Zeilen (siehe unten) auf das verschollene Schreiben gesetzt haben.. Was Geld betrifft, steht es vor der Hand noch so gut mit mir, daß ich hoffe, mir einige, wenn auch nur kleine Ersparnisse zu machen. Ich danke dies in erster Linie Heine, der nach seiner Rückkehr nach MünchenThomas Theodor Heine, Zeichner des „Simplicissimus“ und wie Wedekind wegen Majestätsbeleidigung verurteilt (er hatte sich bereits am 2.11.1898 gestellt, war am 19.11.1898 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und dann zu Festungshaft begnadigt worden, die er am 29.3.1899 antrat), war bis zum 29.9.1899 (die letzten Tage in der Gesellschaft Wedekinds) auf der Festung Königstein inhaftiert [KSA 1/II, S. 1710]; er kehrte von dort nach München zurück und war nach wie vor für den „Simplicissimus“ tätig, wo er sich dafür einsetzte, dass Wedekind eine bis dahin verweigerte Zahlung endlich erhielt [vgl. Thomas Theodor Heine an Wedekind, 6. bis 9.10.1899]. meine Stellung zum Simpl.Wedekind, wegen der Strafverfolgung im Zuge der Majestätsbeleidigungsaffäre auf den „Simplicissimus“ und seinen Verleger Albert Langen nicht gut zu sprechen (und umgekehrt), hatte sein letztes Gedicht im „Simplicissimus“ am 14.3.1899 veröffentlicht [vgl. KSA 1/II, S. 2236], ein „vorläufiges Ende der Zusammenarbeit“ [KSA 1/II, S. 2238], die später sporadisch wieder aufgenommen wurde; er „lieferte [...] dem Blatt zwischen Oktober 1901 und März 1902 seine definitiv letzten fünf Gedichte“ [KSA 1/II, S. 2240]. wieder arrangirt hat.

Ueber die Klatschereiennicht ermittelt. von seiten des Simpl. über mich war ich wol unterrichtet. Ich habe den Leutenden Redakteuren des „Simplicissimus“ im Albert Langen Verlag. auch vor 4 Wochenam 5.10.1899. schon dringend gerathenHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Albert Langen Verlag, 5.10.1899., ihre Aussagen zu widerrufen, ich mag nur jetzt den Mund noch nicht zu weit aufthun, da ich immer noch pecuniär abhängig bin. Die Thatsache ist die, daß sich A. Langen mir gegenüber als ein – – – – – – – – – – – – – –Auslassung des Herausgebers im Erstdruck des Briefs. benommen hat. Das steht bombenfest und ist durch die Aussageeine Erklärung des „Justizrat Wilhelm Rosenthal, ein Münchner Rechtsanwalt, der Langen seit Gründung des ‚Simplicissimus‘ in Rechtsfragen beriet“ [Abret 2005, S. 45]; er habe Wedekind erklärt, er habe als Justitiar der Zeitschrift 14 Tage vor der Veröffentlichung des dann inkriminierten Gedichts „Im heiligen Land“ (1898) im „Simplicissimus“ davor gewarnt, „dass das betreffende Gedicht voraussichtlich zu einer Confiscation führen würde“ [Wedekind an Bjørnstjerne Bjørnson, 28.9.1899]. seines eigenen Rechtsanwalts Rosenthal bewiesen, so daß ich es jeden Tag öffentlich erklären kann. Aber ich fange wie gesagt vor derhand noch keinen Streit an. Wenn ich nach München zurückkomme, werde ich die Leute eventuell bitten, eine Erklärung zu meinen Gunsten zu erlassen, sonst ziehe ich Langen den letzten Fußbreit Boden weg, den er noch unter den Füßen hat.

Aber verzeih, daß ich Dich wieder mit meinen Conflicten behellige. Ich möchte nur nicht, daß Du etwa an mir zweifelst oder irre wirst.

Sage Miß B.„die Amerikanerin Stella Brokow“ [KSA 4, S. 662], die spätere erste Ehefrau von Hans Richard Weinhöppel (Heirat im Juli 1900 in London). bitte, daß ich für die angenehmen freundlichen Wortevon Stella Brokow wohl als Nachschrift zu dem nicht überlieferten Schreiben Hans Richard Weinhöppels an Wedekind gerichtet (siehe oben). herzlich danke und mich darauf freue, ihr in München meine Huldigung zu Füßen legen zu dürfen.

Was die Stimmung in München über mich betrifft, so erhielt ich vor acht Tagenam 25.10.1899. eine Carte aus der American Barnicht überliefert (eine Postkarte oder Bildpostkarte); erschlossenes Korrespondenzstück Otto Erich Hartleben, Max Bernstein, Thomas Theodor Heine an Wedekind, 24.10.1899., mitten darauf, möglichst groß, Otto Erich Hartleben, darüber Heine, darunter Dr. Bernstein, dann noch einige langweilige Zöpfe und Zubehör. Der ganze Ausgang der Campagnehier im Sinne von: Feldzug. hängt für mich von meiner Arbeit die Arbeit an seinem Dramas „Ein gefallener Teufel“ [vgl. KSA 4, S. 413], das dann zu dem Stück „Marquis von Keith“ (1901) umgearbeitet wurde.ab. Wenn die das wird, was sie werden soll, dann will ich alles alles alles segnen. Wenn nicht, dann habe ich eben wieder ein Jahr verplempert und dann ist es ja gleichgültig auf welche Weise.

Sei herzlich gegrüßt und im Voraus bedankt. Mit den besten Wünschen für Dein Wohlergehen bleibe ich Dein getreuer

Frank.


10 Päckchen französisch Cigaretten Caporal Élégantes roseseine französische Zigarettenmarke aus schwerem, dunklem Tabak (= Caporal); die blaue Papiersorte entsprach normaler, die rote gehobener Qualität..
3 Pakete guten feingeschnittenen Varinas-Kanasterbesonders feiner Rauchtabak, der ursprünglich aus der Region Varinas in Bolivien importiert wurde. für kurze Pfeife.
2. Bündel Oesterreichische Virginiadünne Zigarre aus Virginia-Tabak, in Österreich lange unter Monopol der Österreichischen Tabakregie hergestellt und vertrieben..
bitte gegen Nachnahme zu senden an
Herrn Frank Wedekind,
Festungsgefangener
Festung Königstein
Sachsen.


Hans Richard Weinhöppel schrieb am 3. November 1899 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 29.12.1899 von der Festung Königstein:]


Ich hätte Dir längst für die Sendung Tabak gedankt, die ich so wie gewünscht erhalten habe [...]

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 23. Dezember 1899 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 29.12.1899 von der Festung Königstein:]


Meinen besten Dank für das schöne Weihnachtsgeschenk und für Deine lieben Zeilen.


Frank Wedekind schrieb am 29. Dezember 1899 in Festung Königstein folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Festung Königstein, 29.XII.1899.


Lieber alter Freund,

meine herzlichsten Glückwünsche zum neuen Jahr an Dich und Miß B.Wedekind hat Hans Richard Weinhöppels Freundin (und spätere Ehefrau), die Amerikanerin Stella Brokow, bereits in einem früheren Brief als „Miß B.“ [Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 2.11.1899] bezeichnet. Meinen besten Dank für das schöne Weihnachtsgeschenk und für Deine lieben Zeilennicht überliefert (ein Begleitschreiben zu einem Weihnachtsgeschenk); erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 23.12.1899.. Ich freue mich ganz außerordentlich darüber, daß Du in voller Carrièrein voller Karriere = in schnellem Galopp, in voller Fahrt (redensartlich). bist, keinen freien Augenblick hast und dafür die Möglichkeit, Dich künstlerisch und menschlich in vollstem Maße auszuleben. Glaub mir, ich betrachte das quasi als einen eigenen Sieg, indem sich mein Glaube daran, daß Du jeder Zoll Künstler bist, bestätigt und ich in Folge dessen auch an Vertrauen zu mir selbst gewinne.

Ich hätte Dir längst für die Sendung TabakHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 3.11.1899. Wedekind hatte sich Zigaretten gewünscht [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 2.11.1899], die der Freund offenbar besorgt und ihm geschickt hat. gedankt, die ich so wie gewünscht erhalten habe, aber Du kennst meine Passion für schriftlichen Verkehr; manchmal hatte ich auch trübe Stunden durchzumachen und meine gute Laune verarbeitete ichWedekind arbeitete nach wie vor [vgl. KSA 4, S. 413] an seinem Stück „Marquis von Keith“ (1901), das im Jahr darauf in der Zeitschrift „Die Insel“ (siehe unten) vorabgedruckt wurde [vgl. Münchner Scenen. Nach dem Leben aufgezeichnet von Frank Wedekind. In: Die Insel, Jg. 1, 3. Quartal, Nr. 7, April 1900, S. 3-76, Nr. 8, Mai 1900, S. 166-198, Nr. 9, Juni 1900, S. 255-310]. nach Kräften zur Dramatik. Jetzt habe ich nur noch einen MonatWedekind, wegen Majestätsbeleidigung auf der Festung Königstein inhaftiert, hatte noch fünf Wochen Festungshaft vor sich, bevor er am 3.2.1900 aus ihr entlassen wurde. vor mir. Voraussichtlich komme ich wenige Tage nach meiner Entlassung nach MünchenWedekind verbrachte nach der Entlassung aus der Festungshaft am 3.2.1900 zunächst einige Tage in Dresden und anschließend in Leipzig, wo er bis zum 14. oder 15.2.1900 blieb [vgl. Wedekind an Beate Heine, 11.2.1900], und reiste von dort nach München, um sich eine Wohnung zu suchen. und werde dem dortigen GetratschWedekind hatte bereits in einem früheren Brief von „Klatschereien“ [Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 2.11.1899] über ihn gesprochen. Dazu bemerkte Fritz Strich: „Man warf Wedekind von seiten des Simplicissimus vor, dass er vor Gericht in Leipzig seine Schuld auf Albert Langen abzuwälzen versucht habe.“ [GB 2, S. 357] über mich ein jähes Ende bereiten. Vorläufig aber ist es besser, noch das Maul zu halten. Mit der „Insel“ stehe ich auf sehr gutem Fußmit der vor kurzem gegründeten Monatsschrift „Die Insel“, herausgegeben von Otto Julius Bierbaum, Alfred Walter Heymel und Rudolf Alexander Schröder, in der im Vorabdruck „Marquis von Keith“ erscheinen sollte (siehe oben), wie er bereits vereinbart hatte [vgl. Wedekind an Beate Heine, 28.12.1899].; Bierbaum scheint immer noch der alte liebe Kerl zu sein.

Neuigkeiten weiß ich natürlich keine. Dein Wunsch, ich möchte in München nicht von neuem in Geldverlegenheiten gerathen, scheint sich bestätigen zu wollen. Ich habe thatsächlich die besten AussichtenWedekinds Tante Auguste Bansen, die jüngste Schwester seines Vaters, war am 15.12.1899 in Hannover kinderlos gestorben, so dass die Neffen und Nichten auf ein Erbe hofften [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 199f.]. , soweit ich es ermessen kann. Im Sommer soll der Kammersänger in WienWedekinds Einakter „Der Kammersänger“ (1899), der am 10.12.1899 unter der Regie von Martin Zickel im Rahmen der Eröffnungsmatinee der Sezessionsbühne am Neuen Theater in Berlin uraufgeführt worden ist, hatte am 21.7.1900 am Theater in der Josefstadt in Wien Premiere, ein „Ensemble-Gastspiel der Berliner Secessionsbühne. Leitung: Paul Martin“ [Wiener Allgemeine Zeitung, Nr. 6710, 21.7.1900, S. 8]; weitere Vorstellungen fanden am 22. und 23.7.1900 statt. gegeben werden. Auf alle Fälle habe ich die Partie selbst studirtdie Titelrolle des Gerardo im Einakter „Der Kammersänger“, die in Wien (siehe oben) von Rudolf Christians gespielt wurde. Wedekind trat als Gerardo erstmals am 8.10.1900 im Rahmen des Gastspiels von Carl Heines Ibsen-Theater am Königlichen Schauspielhaus in Rotterdam auf.. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich über kurz oder lang wieder eine TournéeWedekind, der im Vorjahr als Ensemblemitglied mit Carl Heines Ibsen-Theater auf Tournee war (März bis Juni 1898), nahm an der nächsten Gastspielreise von Carl Heines Ensemble nicht teil, traf Carl Heine aber auf einer Station dieser Tournee in Leipzig [vgl. Wedekind an Beate Heine, 11.2.1900]. mit Dr. Heine mitmache.

Grüße Halbe, wenn Du ihn siehst. Mit Freude las ich vom Erfolg seiner HeimatlosenMax Halbes Drama „Die Heimatlosen“ (1899), am 22.2.1899 am Berliner Lessingtheater uraufgeführt, hatte am 27.12.1899 im Münchner Schauspielhaus Premiere [vgl. Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 52, Nr. 595, 26.12.1899, General-Anzeiger, S. 1] und „fand eine sehr beifällige Aufnahme“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 52, Nr. 597, 28.12.1899, Morgenblatt, S. 3], aber in der konservativen Theaterkritik auch eher Ablehnung [vgl. Allgemeine Zeitung, Jg. 102, Nr. 359, 28.12.1899, Abendblatt, S. 1]. Wedekind dürfte die ausführliche Besprechung von Edgar Steiger in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ gelesen haben (im Vorabendblatt vordatiert, am 28.12.1899 erschienen), deren Auftakt lautet: „Es gibt dramatische Dichtungen, in die man sich schon um des ersten Aktes willen verlieben könnte. [...] weil gleich das erste Bild, das der Dichter vor uns entrollt, in Zeichnung, Farbe und Perspektive so vollendet ist, daß wir uns am bloßen Anfang schon wie an einem abgeschlossenen Kunstwerk erbauen. Ich weiß nicht, ob es gestern, Mittwoch, im Münchner Schauspielhaus Anderen auch so ergangen ist wie mir. Aber von mir darf ich es ruhig sagen, daß mich selten im Theater eine so stille, ruhige Freude beherrschte, wie während der ersten Szenen von Halbes ‚Heimatlosen‘. Ich spürte, daß hier ein Dichter zu mir rede, der mit allen Mitteln moderner Technik gleichsam spielt, weil er ihre innersten Geheimnisse und ihre feinsten Wirkungen von vornherein kennt.“ [Edgar Steiger: Die Heimatlosen. Drama in fünf Aufzügen von Max Halbe. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 52, Nr. 598, 29.12.1899, Vorabendblatt, S. 2-3, hier S. 2]. Sei mir nicht böse, daß ich nicht mehr zu schreiben habe, meine geistigen Einnahmen beschränken sich auf die Zeitung. Ich freue mich auf die Freiheit, die mir jetzt jeden Tag näher rückt. Leider werde ich hier wieder dick. In Leipzigwährend der Haft im Gefängnis in Leipzig vom 2.6.1899 bis 21.9.1899, bevor Wedekind, zu Festungshaft begnadigt, auf die Festung Königstein überführt wurde. hatte ich mir eine Elfentaille zugelegt, mit der ich hoffte Eroberungen machen zu können. Aber das ist nun wieder Essig.

Mit den herzlichsten Grüßen und aufrichtigsten Wünschen bin ich Dein alter treuer
Frank.

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 30. Januar 1900 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 31.1.1900 von der Festung Königstein:]


Die Nachricht [...] ist mir ein wahres Labsal.

Frank Wedekind schrieb am 31. Januar 1900 in Festung Königstein folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Festung Königstein, 31.I.1900


Lieber alter Freund!

Ich muß Dir auch rasch noch eine Fountain pen(engl.) Füllfederhalter. voll schreiben. Zu Neujahr erhielt ich einen süßen Grußnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Siegmund von Hausegger an Wedekind, 31.12.1899. Der Korrespondenzpartner ist nicht sicher belegt; es könnte sich aber um den aus Graz stammenden jungen Komponisten und Dirigenten Siegmund von Hausegger gehandelt haben, der 1899 nach München berufen worden war, wo er als „Dirigent des Kaimorchesters“ [Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil I, S. 210] tätig war; die Grazer Presse zeigte sich stolz über die Leistungen „des Grazers Siegmund v. Hausegger“ [Grazer Tagblatt, Jg. 9, Nr. 355, 23.12.1899, Morgen-Ausgabe, S. 9] in München. Er dirigierte am 29.12.1899 in München noch ein Konzert [vgl. Münchner Konzertnotizen. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 52, Nr. 595, 26.12.1899, S. 5] und dürfte dann zum Jahreswechsel in seine Heimatstadt Graz gereist und Wedekind von dort vermutlich eine Postkarte geschrieben haben. von einem Deiner Schüler aus Graz zugeschickt. Ich habe dem Herrn nach Graz hin dafür gedanktHinweis auf die nicht überlieferte Antwort (siehe oben); erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Siegmund von Hausegger, 1.1.1900., bekam aber die Zeilen als unbestellbar zurück. Ich werde ihm nun wol meinen Dank mündlich abstattenSiegmund von Hausegger wohnte in München (Glückstraße 13) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil I, S. 210], wohin Wedekind bald nach seiner Entlassung aus der Festungshaft zu reisen vorhatte. können. Vorderhand bitte ich Dich, ihn bestens zu grüßen.

Nach München komme ich voraussichtlich in acht TagenDas wäre der 8.2.1900 gewesen. Wedekind, der am 3.2.1900 aus der Festungshaft entlassen wurde und von der Festung Königstein aus zunächst einige Tage im nahe gelegenen Dresden verbrachte, siedelte allerdings nicht von dort nach München über, sondern reiste zunächst noch nach Leipzig, wo er am 8.2.1900 abends eintraf und bis zum 14. oder 15.2.1900 blieb [vgl. Wedekind an Beate Heine, 11.2.1900]., vielleicht den 10. oder so, und dann wahrscheinlich nur auf kurze Zeit, da ich Dr. Heine wieder auf einer Tournee begleitenWedekind hat Carl Heine auf dessen Gastspielreise mit seinem Ensemble nicht begleitet; er hat ihn aber auf einer Station dieser Tournee – in Leipzig – am 8.2.1900 und in den Tagen darauf getroffen [vgl. Wedekind an Beate Heine, 11.2.1900]. werde. Selbstverständlich werde ich Dich benachrichtigen, auf jeden Fall wird mein erster Gang zu DirHans Richard Weinhöppel, verzeichnet als Kapellmeister und Gesangspädagoge, wohnte nach wie vor in München (Corneliusstraße 5) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil I, S. 620]. sein. An Geld wird es mir nicht fehlen; ich habe im Gegentheil die glänzendsten PerspectivenWedekinds Tante Auguste Bansen, die jüngste Schwester seines Vaters, war am 15.12.1899 in Hannover kinderlos gestorben, so dass die Neffen und Nichten auf ein Erbe hofften [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 199f.].. Wohnen werde ich für die kurze Zeit wahrscheinlich im Bamberger HofWedekind logierte in München zunächst im Bamberger Hof [vgl. Wedekind an Walther Oschwald, 4.3.1900], einem Gasthof (Neuhauserstraße 26) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Handels- und Gewerbe-Adreßbuch, S. 109], bevor er eine eigene Wohnung bezog.. Das einzige, was mich bedrückt, ist, daß meine ArbeitWedekind arbeitete an „Marquis von Keith“ (1901). noch nicht so weit gediehen, wie ich gewünscht hätte, sonst wäre ich jetzt vermuthlich in der goldensten Stimmung von der Welt.

Meine herzlichsten Empfehlungen an Miß E.wohl Überlieferungsfehler, statt: Miß B. – Wedekind hat Hans Richard Weinhöppels Freundin (und spätere Ehefrau), die Amerikanerin Stella Brokow, in früheren Briefen als „Miß B.“ [Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 2.11.1899 und 29.12.1899] bezeichnet., deren Bild, das sie so freundlich war mir zu schenken, die schönste Zierde meiner Gefangenenstube ist.

Wie gesagt weiß ich nicht, ob ich vor meiner Ankunft in München nicht noch einige Tage mit Dr. Heine verbringe. Die Nachrichtnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 30.1.1900. Das verschollene Schreiben enthielt eine Nachricht über Lotte Dreßler (siehe unten). von C. D.wohl Nachrichten von Lotte (Charlotte) Dreßler, Wedekinds mit seinem Freund Anton Dreßler verheiratete Freundin in München, mit der er Ende 1896 eine Liebesbeziehung begonnen hatte. Wedekind hatte schon früher durch Vermittlung Hans Richard Weinhöppels mit ihr korrespondiert [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 1.4.1897]. Fritz Strich schrieb dazu: „Eine Frau, zu der Wedekind sehr nahe Beziehungen hatte. Die Nachricht war, dass sie sich von ihrem Manne scheiden lassen wolle und Wedekind immer noch herzlich liebe.“ [GB 2, S. 358] ist mir ein wahres Labsal. Seit acht Monatenseit dem Beginn der Haft, nachdem Wedekind sich am 2.6.1899 in Leipzig den Behörden gestellt hatte und wegen Majestätsbeleidigung zunächst im Gefängnis in Leipzig einsaß, dann auf der Festung Königstein. schwelge ich in Gedanken bei ihr.

Lieber Freund, ich habe nicht viel mehr zu schreiben, als daß ich mich herzlich auf unser Wiedersehen freue. Ich werde auch nicht mehr so zerstreut sein, wie während meines letzten Aufenthaltes. Ich werde sehr lieb sein, Dich nicht kränken und das Leben von der behaglichsten Seite nehmen.

Mit herzlichen Grüßen Dein
Frank.


Frank Wedekind schrieb am 11. Februar 1905 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Hans Richard Weinhöppel

[Hinweis in Wedekinds Brief an Hans Richard Weinhöppel vom 11.1.1905 aus München:]


Ich war zwei mal bei Dir im Hotel. Das zweite Mal hinterließ ich eine Karte [...]


Frank Wedekind schrieb am 8. März 1905 in München folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

München, 8.III.1905.


Lieber alter Freund Richard!

Du hast mir die Freude nicht gegönnt, Dich hier in MünchenHans Richard Weinhöppel war mindestens die acht Tage vom 4. bis 11.2.1905 in München, nach den Notizen von Max Halbe (der seinerseits am 14.2.1905 von München abreiste), der ihn am 4.2.1905 sah (er kam zu einer Sitzung der Dramatischen Gesellschaft): „Abends Sitzung der Drama. Gesellsch, wo plötzlich Richard Weinhöppel auftaucht, nachher Torggel“ [Tb Halbe], am 5.2.1905 (mit Eduard von Keyserling und Adolf Dannegger): „Abends kleines Essen (Keys., Dannegger, Richard.)“ [Tb Halbe], am 9.2.1905: „Abends daheim, Richard zum Plaudern da, erzählt von seiner Ehe mit Stella“ [Tb Halbe], am 10.2.1905: „Gestrige Schilderung Richards von Stella sehr gut verwendbar. [...] Kegelbahn, nachher Dichtelei Keys., Richard und ich“ [Tb Halbe] und am 11.2.1905 (im Hoftheater-Restaurant): „Abends im H.-R. kommt die Nachricht, daß Hartleben gestorben ist! Seltsame tolle Stimmung überkam uns alle (Keys., Aram, Popp Dannegger, Richard)“ [Tb Halbe]. Wedekind reiste am 1.3.1905 nach Berlin und war am 6.3.1905 zurück in München [vgl. Tb]. zu sehen. Ich war zwei mal bei Dir im Hotel. Das zweite Mal hinterließ ich eine Karteeine nicht überlieferte Visitenkarte; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 11.2.1905., aber auch das war umsonst. Nun weiß ich ja allerdings ganz genau, welche Mächte zwischen uns stehenAnspielung auf die freundschaftlichen Beziehungen Hans Richard Weinhöppels zu Max Halbe (siehe oben), mit dem Wedekind sich im Vorjahr heftig zerstritten hatte (auch davor gab es immer wieder Konflikte). Spannungen zwischen Weinhöppel und Wedekind waren zwei Jahre zuvor deutlich geworden [vgl. Wedekind an Max Halbe, 30.5.1903] und hatten zu einer Entfremdung geführt, so dass von ihrer bis dahin engen Freundschaft keine Rede mehr sein konnte., und füge mich in das Unvermeidliche, und zwar in der festen Zuversicht, daß wir uns, sobald diese leidige Constellation sich geändert hat, unwillkürlich wieder einander nähern werden und dann in derselben Weise mit einander verkehren werden und uns gegenseitig genießen werden, wie das früher der Fall war. Der Platz, den Du in meinem Leben ausgefüllt hast, steht leer und wird kaum jemals von einem anderen ausgefüllt werden, und wenn ich nicht ein elender Stümper auf dem Gebiete der Menschenkenntnis bin, muß ich annehmen, daß es sich bei Dir ebenso verhält. Nun habe ich eine Bitte an Dich: Du hattest seinerzeit ein kleines Büchlein von mirdas nicht erhaltene Manuskript „Bucolica“ [vgl. KSA 1/II, S. 1547], eine blau eingebundene Gedichtsammlung Wedekinds, die 1881 auf Schloss Lenzburg entstanden ist [vgl. KSA 1/II, S. 1538-1542], „eine Reihe bukolischer Verse“ [KSA 1/II, S. 1538], die „Wedekind im November 1898 seinem Freund Richard Weinhöppel überließ und die dieser verlor“ [KSA 1/II, S. 1538]. Im Erstdruck des Fragments „Felix und Galathea“ (1908) erklärte Wedekind in der Vorbemerkung: „Das Heft, in dem das ganze Schäfergedicht enthalten war, hat in späteren Zeiten einmal ein Freund in Verwahrung genommen und verloren.“ [KSA 1/I, S. 566] In einer handschriftlichen Fassung der Vorbemerkung heißt es: „Das Heft [...] hat in gefahrvolleren Zeiten einmal ein Freund in Verwahrung genommen und als er selbst in Gefahr schwebte verloren.“ [KSA 1/II, S. 1545] Das war nach Wedekinds Flucht aus München am 30.10.1898 infolge des Haftbefehls wegen Majestätsbeleidigung in der „Simplicissimus“-Affäre, wie die Antwort des Freundes auf den vorliegenden Brief bestätigt [vgl. Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 15.3.1905]., betitelt Bucolica. Ich lasse das Büchlein mit Freuden in Deinen Händen, wenn Du es noch hast. Ich hätte aber gerne eine getreue Abschrift davon, | da ich einige Verse daraus nothwendig brauche. Willst Du mir diese Abschrift herstellen lassen? Oder willst Du mir das Manuscript herschicken, damit ich es abschreiben lassen kann? – Ich bitte Dich, mir diese Frage zu beantworten, denn es handelt sich schließlich doch um ein Manuscript, welches, sei es auch noch so unreif und schweinisch, für mich eine gewisse Bedeutung hat, die es für niemand anders haben kann. Vor einigen Tagen war ich bei BierbaumWedekind war bei Otto Julius Bierbaum am 24.2.1905 in München zum Mittagessen eingeladen [vgl. Otto Julius Bierbaum an Wedekind, 23.2.1905]., der mir mit großer Wärme von Deiner Arbeit vorschwärmte. In der Zuversicht, daß gemeinsames künstlerisches Schaffen doch ein stärkeres Bindemittel ist, als es Pfirsichbowle, Schweinssauerbraten und KegelbahnAnspielung auf die Unterströmung, Max Halbes Kegelrunde, die sich über viele Jahre in einem Münchner Lokal (Türkenstraße 33) in unmittelbarer Nähe zur Spielstätte der Elf Scharfrichter (Türkenstraße 28) traf [vgl. Kemp 2017, S. 29]. Hans Richard Weinhöppel war zuletzt am 10.2.1905 auf der „Kegelbahn“ [Tb Halbe] gewesen (siehe oben). jemals werden können, schöpfte ich gerade bei Bierbaum neue Hoffnung, daß die Wiederkehr der alten Zeit nicht mehr ferne liegt.

Mit herzlichsten Grüßen Dein alter
Frank.


Hans Richard Weinhöppel schrieb am 15. März 1905 in Rom folgenden Brief
an Frank Wedekind

Rom, 15.III 1905


Lieber Frank

Deine Zeilenvgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 8.3.1905. haben mich in doppelte Verlegenheit gebracht: Einmal, weil ich Deine Erörterungen in puncto Freundschaftdie zerrüttete Freundschaft betreffend, die Wedekind in ihrer früheren Qualität zu erneuern hoffte [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 8.3.1905]. Spannungen zwischen den Freunden waren zwei Jahre zuvor eingetreten [vgl. Wedekind an Max Halbe, 30.5.1903], Konflikte noch während der Zeit der Elf Scharfrichter (das Kabarett löste sich im Frühjahr 1904 auf), deren Hauskomponist und musikalischer Leiter Hans Richard Weinhöppel war [vgl. Kemp 2017, Anhang Ensemble, S. 41]. nicht in der Weise erwidern kann, wie ich gerne möchte, – denn ich bin krank, sehr krank, 2.) weil ich Dir betreff der „BucolicaWedekind hatte den Freund um die Zusendung seines 1881 entstandenen Manuskripts „Bucolica“ [vgl. KSA 1/II, S. 1547] gebeten [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 8.3.1905], „eine Reihe bukolischer Verse“ [KSA 1/II, S. 1538], die „Wedekind im November 1898 seinem Freund Richard Weinhöppel überließ und die dieser verlor“ [KSA 1/II, S. 1538]. Im Erstdruck des Fragments „Felix und Galathea“ (1908) erklärte Wedekind in der Vorbemerkung: „Das Heft, in dem das ganze Schäfergedicht enthalten war, hat in späteren Zeiten einmal ein Freund in Verwahrung genommen und verloren.“ [KSA 1/I, S. 566] In einer handschriftlichen Fassung der Vorbemerkung heißt es: „Das Heft [...] hat in gefahrvolleren Zeiten einmal ein Freund in Verwahrung genommen und als er selbst in Gefahr schwebte verloren.“ [KSA 1/II, S. 1545] Das war nach Wedekinds Flucht aus München am 30.10.1898 infolge des Haftbefehls wegen Majestätsbeleidigung in der „Simplicissimus“-Affäre, wie der Hinweis auf Frida Strindberg (siehe unten) bestätigt. für den Augenblick keine befriedigende Nachricht | geben kann. Ich habe nämlich meine Sachen nicht alle nach Italien mitgenommen, in der Hoffnung, bald wieder nach M. zurückkehrenHans Richard Weinhöppel war am 19.5.1905 zurück in München, wie Max Halbe notierte (er war mit ihm, Marc Henry, Marya Delvard, Eduard von Keyserling, Carl Rößler und Richard Du Moulin-Eckart im Hoftheater-Restaurant): „Richard aus Rom zurück. Bin abends mit ihm, Henry, M. Delvard, Keys., Ressner, Du Moulin i. H.R. zusammen.“ [Tb Halbe] Er hat ihn am 21.5.1905 besucht: „Abends kommt Richard.“ [Tb Halbe] Wedekind hat am 23.5.1905 die noch mit seinem Freund verheiratete Frau besucht: „Besuch bei Stella Weinhöppel. Sie zeigt mir Briefe von Richard über mich.“ [Tb] Den Freund traf er eher zufällig am 24.5.1905 – „Mittags treffe ich Weinhöppel und Muri bei Tisch“ [Tb] – und am 25.5.1905 nach einem erneuten Besuch bei der Gattin: „Nachmittags Kaffee bei Stella Weinhöppel. Abend treffe ich Weinhöppel Muri und Reßner in der Torggelstube.“ [Tb zu können. Nun ist die Zahl meiner Manuscripte u. ähnlicher chosen eine so ungeheuer große, daß ein fremder sich nie u. nimmer darin zurecht finden würde.

Ich weiß, daß ich ein solches (blaues) Büchlein hatte u. oft mit Interesse las, aber ich kann nicht schwören, ob nicht sei|nerzeit Frieda St.Frida Strindberg hatte sich nach Wedekinds Flucht aus München nach Zürich (siehe oben) um die Nachsendung der in München verbliebenen Habe Wedekinds in die Schweiz gekümmert [vgl. Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 20.7.1899]. dasselbe zugleich mit meinen kleinen novellistischen Skizzennicht ermittelt; es handelte sich um „Erzählungen“ [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 22.5.1899] von Wedekinds Freund, die verschollen sind. mitnahm. Ich mag mich sehr irren: gleichviel, – wenn sie es nicht hat, ist es wolbehalten in meinem Besitz, u. d/D/u bekommst es so bald wie nur irgend möglich. Ich hoffe nur, daß die Sache nicht allzusehr eilt, – es wäre mir furchtbar leid, Dir nicht sofort geben zu können, wozu ich ja verpflichtet bin. – –

Ganz ohne Zögern gestehe ich, daß die Lücke, D/d/ie Du in meinem Leben gelassen noch nicht | ausgefüllt ist u. auch wol nie auszufüllen sein wird. D.h. ich könnte den Begriff „eine Lücke lassen“ eigentlich sehr anzweifeln, denn – offen gestanden, – rechne ich mit Deiner Individualität, Deinem Künstlertum genau so, als ob wir persönlichen Contact hätten. Es ist also eigentlich mehr eine Lücke am Biertisch, was allerdings für manche identisch ist mit Todfeindschaft oder, – wenn es nur die Verhältnisse sind, – mit ewiglicher sentimentaler Trauer. – Den persönlichen Contact mit Dir vermißte | ich weniger von dem Tage an, wo Du mich in den Staub der Alltäglichkeit herabzogst, u. mit mir zu experimentieren wagtest, genau, wie mit einem HenryMarc Henry, Direktor der Elf Scharfrichter [vgl. Kemp 2017, Anhang Ensemble, S. 20]., einem LautensackHeinrich Lautensack, Sekretär der Elf Scharfrichter und „Henkersknecht“ [Kemp 2017, Anhang Ensemble, S. 30].! Meine Natur ist eine stolze, leidenschaftliche, u. vergißt eine Entwürdigung nicht so leicht. – Wohlan, laß jeden in seiner Façon selig werden, – oder zum Teufel gehen, – aber wir brauchen doch schließlich nicht auf Schritt und Tritt mitzugehen, weil wir „Freunde“ sind.

Ich bin vielleicht verdammt wenig, – so im | großen Ganzen, – aber für mich bin ich ein Künstler, u. vor allem ein Lebenskünstler. Ich genieße, selbst im Leib/d/en. Es ist nun für mich eine schwere, ernste Lebensfrage, ob derjenige, der meine Gefährte sein soll, – sei er sonst, wie er mag, – in sich keine Qualitäten und Gewohnheiten besitzt, die sich zu meinem Künstlerleben contrair verhalten.

Ich habe Dir einmal auf der Kegelbahnbei Treffen der Unterströmung, Max Halbes Kegelrunde, die sich über viele Jahre in einem Münchner Lokal (Türkenstraße 33) in unmittelbarer Nähe zur Spielstätte der Elf Scharfrichter (Türkenstraße 28) traf [vgl. Kemp 2017, S. 29]. irgend einen Vorwurf gemacht, Indiscretion betreffend; – darauf antwor|tetest Du ungefähr: „Sieh, lieber Richard, – Discretion ist doch dasjenige im Leben, womit man am wenigsten rechnen darf[“], – u. – Du hattest leider sehr Recht, besonders, was Deine Person betrifft.

Das aber paßte mir nicht.

Ich will nicht zum Spielzeug einer Zunge werden, (wenigstens keiner männlichen) – ich will nicht, was ich in stiller Plauderstunde als künstlerisches Geheimnis dem Freunde mitgeteilt habe, am nächsten Tage mit trivialen Worten breitge|treten haben, – weil eben jener Freund – keine Discrez/t/ion kennt! Ich kann ihn nicht dazu zwingen zu schweigen, – aber ich kann selbst schweigen. Ich habe geschwiegen, allerdings etwas spät.

Wenn aber einer mein ihm anvertrautes Gedanken- und Empfindungsleben, oder gar irgendwelche erotische Ereignisse, anderen preisgiebt, so will ich wenigstens den Rücken kehren. – Ein Verkehrsfreund aber kann derjenige, der mich wider meinen Wunsch preisgiebt, doch nie und nimmer sein.

Meine Auseinandersetzungen sind wol nicht so complet, wie ich wünschte, doch solltest Du wenigstens ein ungefähres Bild von meinem jetzigen Menschen haben.

Es grüßt Dich herzlich
Hans Richard

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 13. Juni 1905 in Berlin folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[1. Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 17.6.1905 in München:]


Ankunft in München. Brief von Weinhöppel in Berlin.


[2. Hinweis in Hans Richard Weinhöppels Brief an Wedekind vom 18.6.1905 aus Berlin:]


[...] als Du meinen Brief erhieltest [...]

Frank Wedekind schrieb am 17. Juni 1905 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Hans Richard Weinhöppel

[1. Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 17.6.1905 in München:]


Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 13.6.1905. von Weinhöppel in Berlin. Ich schicke ihm 100 Mark [...]


[2. Hinweis in Hans Richard Weinhöppels Brief an Wedekind vom 18.6.1905 aus Berlin:]


Du hast mir Geld geschickt – telegraphisch noch dazu!

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 18. Juni 1905 in Berlin folgenden Brief
an Frank Wedekind

BerlinHans Richard Weinhöppel war dann als Kapellmeister und Komponist in Berlin (Nachodstraße 24) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 2428] verzeichnet, dürfte zu diesem Zeitpunkt aber noch in einem Hotel oder einer Pension gewohnt haben., den 18. Juni 1905


Lieber Frank

Du hast mir Geld geschickt – telegraphischHinweis auf ein nicht überliefertes Begleittelegramm zur Geldsendung; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 17.6.1905. Wedekind hat am 17.6.1905 notiert: „Weinhöppel in Berlin. Ich schicke ihm 100 Mark“ [Tb]. noch dazu! Was soll ich Dir sagen? Dankschön? Das genügt nicht. Du hast in mir eine Welt von Gedanken, Wünschen, Träumen und Befürchtungen wachgerufen. Erlaß es mir, mich heute schon darüber auszusprechen. Hast Du auch nicht häßlich von mir gedacht, als Du meinen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 13.6.1905. Wedekind hat am 17.6.1905 den Empfang notiert: „Brief von Weinhöppel in Berlin.“ [Tb] erhieltest? Hast du nicht gelacht?

Ich weiß nicht mehr genau was ich Dir geschrieben habe. Es war ein plötzlicher Impuls. Ich schrieb in großer Hast u. brachte den Brief zur Post im Laufschritt, als fürchtete ich einen Umschlag meiner Stimmung u. somit meines Entschlusses. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, | als könnte ich Dir nichts lieberes schreiben, als – mir zu helfen. Ich war in schlimmer Lage. Du kennst dieses unheilvolle Labyrinth Berlin u. weißt, wie man sich in seinen tausend Wandelgängen von Hoffnungen und Gelegenheiten verirrt, zu Tode verirrt. Es wird nun ruhiger weiter gehen. Ich habe einen etwas en/er/höhten Punkt gefunden, von dem aus ich die Situation überblicken kann.

Neues kann ich Dir leider noch nicht berichten. Durch Empfehlungen Meister JoachimsProf. Dr. Joseph Joachim, Direktor der Königlichen akademischen Hochschule für Musik in Berlin (Kurfürstendamm 217) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 961], ein ungarischer Violinist, Komponist und einer der prominentesten Musiker der Epoche, der als Meister Joachim bezeichnet wurde, so zum Beispiel in einem Nachruf auf ihn: „Nun ist Meister Joachim tot“ [F.C. Lußtig: Josef Joachim. In: Das Vaterland. Zeitung für die österreichische Monarchie, Jg. 48, Nr. 224, 17.8.1907, Morgenblatt, S. 1]. werde ich schon langsam meinen Weg machenHans Richard Weinhöppel erhielt eine Anstellung am Stern’schen Konservatorium in Berlin [vgl. Kemp 2017, S. 175], wo er vom 1.9.1905 bis 31.8.1906 Gesang unterrichtete [vgl. Liste der Lehrenden des Stern’schen Konservatoriums (1850-1936), S. 66; https://www.udk-berlin.de/fileadmin/2_dezentral/FR_Musikwissenschaft/Dokumente/LehrendeSternKons.pdf]; zwischenzeitlich war er als Kapellmeister am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin tätig [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 277]., – nur ist der Sommer eine tote Zeit. Und heiß, – verdammt heiß.

Ich sitze in Unterhosen in einem unmöblierten Zimmer. | Ein Tisch, ein mit einem Teppich überdeckter Reisekorb, ein Stuhl, ein aufgespannter Regenschirm (dessen Knauf noch nicht wackelt) – voilà tout(frz.) Das ist alles..

Ich werde mir Möbel ausleihen. Man kommt schließlich billiger weg wie mit möblierten Zimmern. –

In München konnte ich nicht bleibenHans Richard Weinhöppel war knapp vier Wochen zuvor aus Italien in München eingetroffen, wie Max Halbe am 19.5.1905 notierte: „Richard aus Rom zurück.“ [Tb Halbe] Wedekind hat ihn am 24.5.1905 – „Mittags treffe ich Weinhöppel [...] bei Tisch“ [Tb] – und 25.5.1905 – „Abend treffe ich Weinhöppel [...] in der Torggelstube“ [Tb] – in München gesehen. Der Freund dürfte bald darauf nach Berlin abgereist sein.. Du kannst das nicht verstehen, denn Du bist in dieser Hinsicht wie eine Frau: der Wunsch, mit mir dort zu kneipen schlägt alle Erwägungen tot.

In mir sieht es wüst aus. Diese Frau StellaHans Richard Weinhöppel hatte fünf Jahre zuvor in London „die Amerikanerin Stella Brokow“ [KSA 4, S. 662] geheiratet, die mit ihm 1896 aus den USA nach München gekommen war. „Obwohl das Verhältnis bald durch Weinhöppels Liaison mit der Gesangsschülerin Mizzi Ledermann eine empfindliche Störung erlitt, bekräftigten sie ihre Verbindung im Juli 1900 durch die Eheschließung.“ [Kemp 2017, S. 178] Hans Richard Weinhöppel verließ im Vorjahr München und reiste für längere Zeit nach Italien, da die Trennung von seiner ersten Ehefrau beschlossen war, wie Max Halbe am 11.3.1904 von Max Langheinrich erfahren hat: „Gestern erzählte mir Lngheinr., daß Richard sich von Stella trennen will und deshalb durchgegangen ist.“ [Tb Halbe, 12.3.1904] Er hatte am 11.3.1904 von Hans Richard Weinhöppel selbst erfahren, dass dieser München verlasse: „Erf. v. Richard, daß er auf unbestimmte Zeit M. verläßt.“ [Tb Halbe] Die Ehe wurde im Februar 1906 geschieden [vgl. Kemp 2017, S. 178]. hat mir arg mitgespielt. Ich will nicht klagen; es ist doch alles meine Schuld. Daß Du dort verkehrstWedekind hat die noch mit seinem Freund verheiratete Stella Weinhöppel (siehe oben) in der unter dem Namen ihres Mannes verzeichneten ehelichen Wohnung (Adalbertstraße 10, 1. Stock) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1905, Teil I, S. 580] am 23.5.1905 – „Besuch bei Stella Weinhöppel. Sie zeigt mir Briefe von Richard über mich“ [Tb] – und 25.5.1905 – „Nachmittags Kaffee bei Stella Weinhöppel“ [Tb] – besucht., that mir recht weh. Jetzt denke ich ruhiger darüber. Es ist falsch wie ein bissiger Köter auf alle loszufahren, die anders empfinden und handeln wie wir. |

Ich bin mit allem absolut einverstanden.

Ich glaube, ich würde morgen vor dem Papst auf den Knien rutschen, um mich übermorgen beschneiden zu lassen.

Von Bekannten habe ich den SchaumbergerJulius Schaumberger in Charlottenburg (Leonhardstraße 17, Gartenhaus 3), ein Freund aus alten Münchner Tagen, war inzwischen als Dramaturg am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin tätig [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 278]. (eingetrocknet im Mumienzustand) und den WelischErnst Welisch in Charlottenburg (Kantstraße 41), ebenfalls ein Freund aus alten Münchner Tagen, war inzwischen als Oberregisseur am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin tätig [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 277]. (angeschwollen) aufgefunden. Beide sind recht liebe Menschen. Man trank Pilsener und sprach von Dir. Man spricht überhaupt immer von Dir. Ich werde mich zweier Dinge enthalten müssen hier in Berlin: 1.) nicht über S. M.nicht über Wilhelm II. (Seine Majestät, der Kaiser) – Anspielung auf Wedekinds Verurteilung wegen Majestätsbeleidigung in der „Simplicissimus“-Affäre [vgl. KSA 1/I, S. 1710]. zu sprechen. 2.) nicht mit Deiner Bekanntschaft zu renommieren. Für’s erste würde ich eingesperrt, für’s zweite für einen Lügner gehalten werden. Also Vorsicht!

Mahlzeit für heute! Die meine ist genommen: Lachsschinken, Grahambrotnach dem amerikanischen Prediger und Verfechter einer vegetarischen Reformdiät in den USA benanntes, 1829 von ihm entwickeltes Brot aus feinem Weizen-Vollkornschrot. mit Butter u. Himbeerwasser. – Vielen herzlichen Dank –

Dein alter Richard


Frank Wedekind schrieb am 19. Juni 1905 in München folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

München, undatiert. Etwa Mitte 1903ein irrtümliches Schreibdatum, wie der Briefinhalt belegt (siehe den Hinweis zur Datierung)..


Lieber Richard,

es hat mich sehr gefreut, daß ich Dir helfen konnteWedekind hat dem Freund am 17.6.1905 Geld geschickt: „Ich schicke ihm 100 Mark“ [Tb], woraufhin dieser sich sofort bedankte [vgl. Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 18.6.1905].. Ich glaube nur, daß Du augenblicklich zu hohe Ansprüche an Dich stellst. Du schreibstHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 13.6.1905., Du könntest nicht nach München zurückkehren ohne einen Erfolg als Componist erzielt zu haben. Aber so etwas läßt sich schließlich nicht erzwingen. Ich hatte den Eindruck, daß Du vor allem der Ruhe und Behaglichkeit bedarfst, und Du findest das schließlich nirgends leichter als hier in München. Ohne Humor läßt sich schließlich nicht arbeiten, und Humor ist ein Luxusgefühl. Wenn Du also Deine künstlerische Arbeit lieb hast, dann versöhne Dich mit ....Auslassung des Herausgebers im Erstdruck des Briefs; ausgelassen ist der Name von Stella Weinhöppel (siehe unten), der Gattin des Freundes, mit der zu versöhnen ihm Wedekind vorschlug., die es herzlich gut mit Dir meint und komm nach München. Ich glaube, daß Du gegenwärtig Deinen größten Feind in Deinem Mißtrauen hast.

Verzeih mir, daß ich es wage, Dir gute Rathschläge zu geben. Ich selber war nie dafür, die Rathschläge meiner Freunde zu befolgen, so gern ich auch immer ihre Hülfe annahm. Immerhin danke ich Dir, daß Du Dich an mich gewandt hast und bitte Dich, mir auch weiter zu vertrauen. Deine liebe Frau habe ich, seit Du hier warst, nicht mehr gesehenWedekind hatte, als sein Freund seit dem 19.5.1905 [vgl. Tb Halbe] in München war, dessen Gattin, von der er getrennt lebte, zweimal besucht, am 23.5.1905: „Besuch bei Stella Weinhöppel. Sie zeigt mir Briefe von Richard über mich“ [Tb], und am 25.5.1905: „Nachmittags Kaffee bei Stella Weinhöppel. Abend treffe ich Weinhöppel [...] in der Torggelstube“ [Tb]; an diesem Abend dürfte Wedekind dem Freund von den Besuchen erzählt haben, wovon dieser nicht begeistert gewesen sein dürfte..

Du schreibstvgl. Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 18.6.1905. selber, in Berlin sei jetzt tote ZeitZitat aus dem letzten Brief des Freundes: „eine tote Zeit“ [Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 18.6.1905].. Ließe sich diese Zeit nicht besser hier in München überstehen? Hier lebt man schließlich von der Luft und der guten Unterhaltung und ist sicher, wenigstens keine Kräfte dabei zu vergeuden. Also überleg es Dir!

Mit herzlichem Gruß Dein alter
Frank.

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 8. Oktober 1905 in Berlin folgenden Brief
an Frank Wedekind

BerlinHans Richard Weinhöppel war als Kapellmeister und Komponist in Berlin (Nachodstraße 24, 3. Stock, Gartenhaus) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 2428] verzeichnet., 8. Oktober 1905
W. 15, Nachodstr. 24/III
Gartenhs.


Lieber Frank,

Du wirst Dir vielleicht schon Gedanken gemacht haben, warum ich mich so selten sehen lasseWedekind traf am 8.9.1905 in Berlin ein: „Gehe ins Kleine Theater, treffe Weinhöppel und verbringe den Abend mit Meßthaler Barnowsky Schaumberger und Welisch.“ [Tb] Hans Richard Weinhöppel hat er danach am 18.9.1905 – „Mit Weinhöppel Welisch und Schaumberger im Löwenbräu“ [Tb] – und 4.10.1905 – „Abends mit Weinhöppel Donald“ [Tb] – getroffen. Das nächste Treffen fand erst am 29.11.1905 statt: „Abends mit Welti und Weinhöppel im Weihenstephan.“ [Tb] Danach war man wieder häufiger zusammen.. Ich spinne mich ein, weil es mir finanziell so schlecht geht, daß ich auch die kleinste Ausgabe vermeiden muß. Die letzten Tage waren besonders schlimm! Die Schulden, die ich während der toten SommersaisonWedekind Freund hatte bereits im Sommer, in Berlin auf der Suche der nach einer Stellung, finanzielle Probleme [vgl. Hans Richard Weinhöppel an Wedekind, 18.6.1905] machen mußte, brechen | wie Hochwasser über mich herein. Ich habe bis zum letzten Moment gewartet, an Dich zu schreiben und Dir meine Not zu klagen, da es schließlich doch aussehen könnte, als hätte ich mein Benehmen Dir gegenüberSpannungen zwischen den Freunden waren schon vor Wedekinds Ankunft in Berlin (siehe oben) manifest (siehe die vorangehende Korrespondenz seit dem 8.3.1905). nicht aus Überzeugung, sondern in dem Bewußtsein geändert, daß bei Dir „was zu holen“ sei. Ich gebe mich, was Deine momentane Situation betrifft, keinen allzu großen Illusionen hin. Ich betrachte Dich nicht | als den Hans im GlückAnspielung auf die Hauptfigur im Märchen „Hans im Glück“ (seit der 2. Auflage von 1819 in den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm)., der das große Loos gewonnen hat, und der angepumpt werden muß. Sicher ist nur, daß ich Hans im Unglück bin, und Hilfe brauche. Es sind mindestens 150 Mark nötig, um mich aus meiner peinlichen Lage zu befreien. Erlaube mir, Dir eine kleine Idee von meinen Ausgaben und Einkünften zu machen. Von Frl. F.nicht identifiziert (wohl eine private Musikschülerin). habe ich monatlich etwa 100 Mark zu erhalten, aber bereits 2 Monate voraus erhalten. | Im TheaterHans Richard Weinhöppel war als Kapellmeister am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin tätig [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 277]. verdiene ich nichts, da immer „HidallagespieltWedekinds „Hidalla“ (1904) wurde seit der der Premiere am 26.9.1905 im Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 277] mit Wedekind in der Hauptrolle des Karl Hetmann fast allabendlich gespielt. wird. (!) Im ConservatoriumHans Richard Weinhöppel hatte eine Anstellung am Stern’schen Konservatorium in Berlin [vgl. Kemp 2017, S. 175], wo er vom 1.9.1905 bis 31.8.1906 Gesang unterrichtete [vgl. Liste der Lehrenden des Stern’schen Konservatoriums (1850-1936), S. 66; https://www.udk-berlin.de/fileadmin/2_dezentral/FR_Musikwissenschaft/Dokumente/LehrendeSternKons.pdf]. habe ich bis heute 2 Stunden, á 3 Mark gegeben, habe also Ende dieses Monats nur 24 Mark zu erwarten. Was man in Berlin zum Leben braucht, weißt Du. Ich aber habe sonst keine Einkünfte, da mein anderer Zahlschüler Dr H.nicht identifiziert (wohl ein privater Musikschüler). selbst „dans la purée(frz.) in der Not (Redewendung).“ ist, u. jene andere Damenicht identifiziert (wohl eine private Musikschülerin). sich entschlossen hat, meine nolens volens(lat.) wohl oder übel. vorgeschlagene Honorarermäßigung anzunehmen.

Es geht mir also schlecht, – daran ist nicht | zu zweifeln. Und wenn Du mir gerne hilfst, und helfen kannst, so thu’ es, bitte. Betrachte mich als Sparkasse. Die Summe, die Du bei mir einbezahlst, wirst Du später, wenn Du sie benötigst, ohne Widerspruch erheben können. Ehrenschulden habe ich stets ohne Gerichtsvollzieher bezahlt, und ich weiß, daß Dein Geld redlich und nicht allzuleicht verdient ist. Ich fühle mich auch berechtigt, Schulden zu machen, da ich mit Bestimmtheit darauf rechnen | kann, hier in Berlin Carrière zu machen. Du selbst wirst kaum daran zweifeln. Ich aber zweifle nur daran, ob es mir gelingt, mich diese kommenden schweren Wochen mit ihren Sturmangriffen auf mein geknicktes Portemonneie zu behaupten.

Ich setze nur noch die Versicherung bei, daß eine Ablehnung meiner Bitte für Dich weitere Folgen (sic!) nicht haben wird, als daß ich nicht so bald mich werde sehen laßen. Du aber | wirst meine kostbare Freundschaft nicht verlieren; sondern verstehen, daß 1.) ein Hungernder keine Lust zum Trinken hat, 2.) Tram- und Stadtbahnen eminent kostspielig sind, 3.) chronischer Δάλληςaltgriechische Transliteration für: Dalles = Geldnot (umgangssprachlich, jiddischer Herkunft). den Humor beeinträchtigt, 4.) etc. etc.

Ich grüße Dich herzlich und bleibe wie immer
Dein
getreuer
Hans Richard


Hans Richard Weinhöppel, Marya Delvard, Egon Friedell, Marc Henry, Carl Leopold Hollitzer, Karl Kraus, Heinz Lebrun und Erich Mühsam schrieben am 27. März 1906 in Wien folgende Bildpostkarte
an Frank Wedekind

Postkarte – Carte postale
Correspondenzkarte – Levelezö-Lap
Weltpostverein – Union postale universelle
[...]


Nur für die Adresse


Herrn Frank Wedekind
Schriftsteller
Berlin
Schiffbauerdamm 6/III


Für briefliche Mitteilungen


Lieber Frank,

geliebtes Scheusal – Du schweigst – das ist nicht lieb! Trotzdem denk ich Dein und grüße Dich! RichardHans Richard Weinhöppel und die anderen Unterzeichner der Karte gehörten – mit Ausnahme des Schriftstellers Karl Kraus – zum Ensemble des Künstlerkabaretts Nachtlicht, das am 5.1.1906 im Etablissement Brady in Wien (I, Ballgasse 6) eröffnet worden war. Die künstlerische Leitung lag bei Marc Henry, die musikalische übernahm (unter seinem Pseudonym Hannes Ruch) Weinhöppel, der jedoch nur anfangs und im Frühjahr 1906 in Gastspielen persönlich an den Aufführungen mitwirkte. Das Nachtlicht sollte an die Erfolge der Elf Scharfrichter in München anknüpfen, zu dessen Stammbesetzung neben Marc Henry und seiner Lebensgefährtin, der Diseuse Marya Delvard, auch Wedekind und Weinhöppel gehört hatten. Die Bildpostkarte wurde – wie Weinhöppels Nachschrift auf der Bildseite nahelegt – im Casino de Paris in Wien (I, Am Petersplatz) geschrieben, einem bekannten Nachtlokal und Treffpunkt verschiedener Wiener Künstlerkreise..

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Je t’embrasse, mon vieux(frz.) Ich umarme dich, mein Alter.
MDelvard

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moi, Je t’emmerde(frz.) Ich scheiß dich an., M. Henry

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Prost!
Erich Mühsam

______________

Heinz Lebrun.

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Egon Friedell

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Allerherzlichst Kraus

CHollitzer |


Wien

K. K. Hofburg



Casino de Paris!Das Casino de Paris in Paris (Rue de Clichy 16), eine der ältesten und berühmtesten Konzerthallen der Stadt, gehörte zu den Etablissements, die Hans Richard Weinhöppel und Wedekind während ihres gemeinsamen Aufenthalts in der französischen Hauptstadt regelmäßig aufgesucht hatten [vgl. Tb 13.6.1892]. Weinhöppel bezieht sich hier zugleich auf das gleichnamige Wiener Nachtlokal, wo die Bildpostkarte geschrieben worden sein dürfte (siehe oben). Es weckt wehmütige Erinnerungen. Wien & Paris – Was liegt dazwischen! R.

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 24. August 1906 in Köln folgende Bildpostkarte
an Frank Wedekind

Carte postale – Postkarte – Cartolina postale
[...] Weltpostverein [...]


An
Herrn Frank Wedekind
Dichter
in Berlin
Wohnung (Straße und Hausnummer) |


CÖLNHans Richard Weinhöppel wohnte nun, verzeichnet als Gesangslehrer am Konservatorium, im Kölner Stadtteil Lindental (Bachemerstraße 231) [vgl. Greven’s Adreßbuch für Köln 1907, Teil II, S. 775]. Er war inzwischen als Lehrer am Konservatorium der Musik zu Köln tätig, an das er Anfang des Jahres berufen worden ist, wie die Presse berichtet hatte: „Herr Richard Weinhöppel ist soeben zum Nachfolger des verstorbenen Paul Haase als Gesanglehrer des hiesigen Konservatorium ernannt worden. Herr Weinhöppel, der gegen 40 Jahre alt ist, hat seine Gesangsstudien in Italien, Deutschland und Frankreich gemacht und war bisher zehn Jahre in München, zwei Jahre in Italien, zuletzt am Sternschen Konservatorium in Berlin als Gesangspädagoge tätig. Er beherrscht auch im Gesange neben dem Deutschen das Italienische, Französische und Englische und wird neben dem Gesange auch Mimik und Aesthetik der Gebärden an der hiesigen Musikanstalt lehren.“ [Kölnische Zeitung, Nr. 155, 12.2.1906, Mittags-Ausgabe, S. (2)] Er hat die Stelle am 1.4.1906 angetreten: „Am 1. April 1906 trat Herr Hans Richard Weinhöppel aus Berlin in das Lehrer-Kollegium als Nachfolger Paul Haases ein.“ [Kölnische Zeitung, Nr. 1355, 19.12.1906, 2. Morgen-Ausgabe, S. (2)]NEUES STADTTHEATER.


Lieber Frank, dies soll nur ein LebenszeichenWedekind hat den Freund zuletzt am 28.2.1906 in Berlin gesehen: „Im kleinen Theater treffe ich Weinhöppel und esse mit ihm bei Wedel.“ [Tb] Danach hat er noch eine Bildpostkarte aus Wien erhalten [vgl. Hans Richard Weinhöppel, Marya Delvard, Egon Friedell, Marc Henry, Carl Leopold Hollitzer, Karl Kraus, Heinz Lebrun, Erich Mühsam an Wedekind, 27.3.1906] und seither habe „Weinhöppel [...] nicht ein Wort von sich hören lassen“ [Wedekind an Otto Julius Bierbaum, 16.5.1906]. sein – ohne Dir nahetreten zu wollen.
Dein alter Richard. Gerne möchte ich auch Deiner Frau Grüße senden – wag’ es aber kaumwohl Anspielung auf Wedekinds Heirat mit Tilly Newes am 1.5.1906 in Berlin; sie bemerkte dazu erinnernd: „Mir tat es leid, daß Richard Weinhöppel nicht dabei war. Er hatte aus irgendeinem Grund Berlin noch vor unserer Hochzeit verlassen müssen. Es handelte sich wohl um etwas Berufliches. Möglicherweise ergab sich damals schon für ihn die Aussicht auf eine Professur am Kölner Konservatorium.“ [Wedekind 1969, S. 70].


Frank Wedekind, Tilly Wedekind und Adele Sandrock schrieben am 3. September 1906 in Berlin
an Hans Richard Weinhöppel

[Hinweis und Zitat in Hauswedell & Nolte: Auktion 255 (1984), Nr. 2428:]


Wedekind, Frank [...]. Eigenh. Postkarte mit Unterschrift. Berlin, 3.IX.1906 (Poststempel). [...] Mit Adresse. [...]

Grüße an seinen Freund Richard WeinhöppelWedekinds alter Freund Hans Richard Weinhöppel wohnte inzwischen, verzeichnet als Gesangslehrer am Konservatorium der Musik zu Köln, im Kölner Stadtteil Lindental (Bachemerstraße 231) [vgl. Greven’s Adreßbuch für Köln 1907, Teil II, S. 775].. – „Hast Du W. Bodeentweder Dr. phil. Wilhelm Bode, Schriftsteller und Goethe-Forscher aus Weimar [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1907, Teil II, Sp. 139], oder Dr. phil. Wilhelm Bode, Kunsthistoriker und Geheimer Regierungsrat aus Charlottenburg (Uhlandstraße 4/5), Direktor der Königlichen Museen in Berlin [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 201], dem Wedekind am 2.2.1906 auf einer Abendgesellschaft in Berlin begegnet ist (zu dieser Zeit wohnte Hans Richard Weinhöppel noch in Berlin), wie er notierte: „Geheimrat Bode.“ [Tb] Der Zusammenhang, in dem Hans Richard Weinhöppel den einen oder den anderen Wilhelm Bode kennengelernt haben könnte, ist nicht ermittelt. kennen gelernt?“. – Auch mit Unterschrift seiner Frau Tilly [...]. – Auf der Vorderseite: eigenh. Gruß mit Unterschrift von Adele Sandrock [...]

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 31. August 1907 in München folgende Visitenkarte
an Frank Wedekind

Herrn Frank Wedekind
MünchenBerlinWedekind wohnte noch in Berlin, hielt sich aber seit dem 19.7.1907 in München auf [vgl. Tb], wo er ein Gastspiel am Münchner Schauspielhaus gab, das am 27.8.1907 mit „Hidalla“ Premiere hatte [vgl. Tb]. Er hat sich wahrscheinlich nach dem Erhalt der ihm überbrachten Visitenkarte bald mit dem inzwischen in Köln lebenden Freund, den er lange nicht gesehen hat und der sich offenbar in München aufhielt, verabredet. Wedekind hat ihn dem Tagebuch zufolge dann in München in rascher Folge an vier Tagen getroffen – am 1.9.1907 („Weinhöppel trifft mich im Hofbräuhaus. Wir gehen in die Amer. Bar“), 3.9.1907 („Kammersänger. [...] Nachher mit Weinhöppel im Hofbräuhaus“), 4.9.1907 („Weinhöppel zeigt mir sein Geburtshaus. [...] Mit Tilly und Weinhöppel im Hofbräuhaus. Mit Weinhöppel in der American Bar“) und 5.9.1907 („Wir essen mit Weinhöppel im Hoftheater Restaurant“).


Hans Richard Weinhöppel
Lehrer am Kölner Conservatorium


Bachemerstr. 231/IHans Richard Weinhöppel, verzeichnet als Gesangslehrer am Konservatorium der Musik zu Köln, wohnte im Kölner Stadtteil Lindental (Bachemerstraße 231, 1. Stock) [vgl. Greven’s Adreßbuch für Köln 1907, Teil II, S. 775].
Lindenthal. |


Lieber Frank, mein Verlegerder als Mitinhaber der Firma Friedrich Hofmeister verzeichnete Musikalienverleger Carl Wilhelm Günther in Leipzig (Czermaks Garten 6) [vgl. Leipziger Adreßbuch 1907, Teil I, S. 206], der seit 1905 den Verlag Friedrich Hofmeister (siehe unten) leitete [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 72, Nr. 101, 3.5.1905, S. 4191]., Herr Friedrich Hofmeisterkein Herr, sondern die 1807 gegründete Musikalienhandlung Friedrich Hofmeister in Leipzig (Querstraße 13, 1. Stock) [vgl. Leipziger Adreßbuch 1907, Teil I, S. 269], ein traditionsreicher Musikverlag, der nach dem 1864 verstorbenen Verlagsgründer benannt ist. „Gegenwärtig [...] befindet sich die Firma im Besitz der verw. Frau Professor Hofmeister, des Professors Ganzenmüller und des Urenkels des Begründers Friedrich Hofmeister, Carl W. Günther, der seit zwei Jahren die Leitung übernommen hat. Somit ist das Geschäft Friedrich Hofmeister nun während hundert Jahre im Besitz der Familie Hofmeister verblieben. Der Verlag von Friedrich Hofmeister umfaßt jetzt nahezu 9000 Verlagswerke, die Kommissionsabteilung weist gegen 100 Kommittenten auf, darunter eine Anzahl der größten Musikalien-, Verlags- und Sortimentsfirmen des In- und Auslandes“ [Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 74, Nr. 64, 18.3.1907, S. 2965]., der sich mir als ganz außerordentlich rührig und coulant bewährt hat, möchte den Scharfrichter-Verlagseit 1902, dem Gründungsjahr, in Kommission zunächst des Musikalienverlegers Wilhelm Salzer in Leipzig (Verlagsadresse: Querstraße 13) [vgl. Leipziger Adreß-Buch für 1902, Teil I, S. 888], zeitweilig Inhaber und Geschäftsführer der Elf Scharfrichter [vgl. Kemp 2017, Anhang Ensemble, S. 37], dann des Musikalienverlags Friedrich Hofmeister (siehe oben). „Im April 1902 übernahm der Leipziger Musikverleger Wilhelm Salzer die Leitung der ‚Elf Scharfrichter‘ von Marc Henry und leitete damit vermutlich die Publikationen des Scharfrichter-Verlages ein. Im Herbst 1902 übernahm der Verleger Friedrich Hofmeister den Scharfrichter-Verlag von Salzer in Kommission. Im Oktober 1902 eröffneten die ‚Kompositionen von Hannes Ruch‘ das Verlagsprogramm im Scharfrichter-Verlag, der überwiegend Werke der Mitglieder der ‚Elf Scharfrichter‘ verlegte. Gedruckt lagen die ‚Balladen von Frank Wedekind‘, vier Lieder in Separatdrucken gleicher Aufmachung, spätestens im Frühjahr 1903 im Scharfrichter-Verlag vor“ [KSA 1/III, S. 332]; weitere Publikationen von Wedekind hat der Verlag nicht herausgebracht. Sein Freund erinnerte sich an die Elf Scharfrichter und den nach ihnen genannten Verlag: „Ein starker Beweis unseres Erfolges war die Tatsache, daß sich bald der Leipziger Verleger Salzer für die von uns aufgeführten Sachen interessierte und einiges in seinen Verlag nahm. Er gab dieser anwachsenden Sammlung den Titel ‚Scharfrichter Verlag‘. Waren es anfangs nur Kompositionen aus meiner Feder, so gesellten sich allmählich auch eine kleine Zahl von Kompositionen anderer Autoren hinzu.“ [R. Weinhöppel (Hannes Ruch): Das Gitarrenspiel bei den „Elf Scharfrichtern“. In: Musik im Haus, Jg. 6, Heft 2, 1.3.1927, S. 40]. weiter ausbauen und mit Dir in Unterhandlung treten, betreff weiterer Compositionen von Deiner Hand. Jedenfalls wird Herr HofmeisterCarl Wilhelm Günther (siehe oben). Dir schreiben und das weitere wird sich ja finden.

Herzlichst grüßt Dich

Dein getreuer Richard

Hans Richard Weinhöppel schrieb am 11. Juli 1914 in Köln folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Tilly Wedekinds erstem Brief an Frank Wedekind vom 12.7.1914 aus München:]


[...] anbei ein Telegramm, das noch gestern abends kam.

Frank Wedekind schrieb am 12. Juli 1914 in Paris folgenden Brief
an Hans Richard Weinhöppel

Paris, 12.VII.1914.


Lieber Richard!

Darf ich Dich bitten, Deiner verehrten Frau GemahlinAenne Weinhöppel (geb. Hackenberg) aus Elberfeld, die dritte Ehefrau von Hans Richard Weinhöppel (Heirat am 27.7.1911 [vgl. Kölnische Zeitung, Nr. 836, 28.7.1911, 1. Morgen-Ausgabe, S. (4)] in Elberfeld, die Verlobung war von den Schwiegereltern „Köln, Pfingsten 1911“ [Kölnische Zeitung, Nr. 629, 4.6.1911, Sonntags-Ausgabe, 1. Blatt, S. (3)] angezeigt), Konzertsängerin in Köln, seine ehemalige Schülerin, mit der er gemeinsam auftrat: „Die Schülerin des bekannten Gesangmeisters H. R. Weinhöppel, Frl. Anna Hackenberg, sang, von ihrem Lehrer am Klavier begleitet“ [Kölnische Zeitung, Nr. 1143, 25.10.1910, 1. Morgen-Ausgabe, S. (2)]. Wedekind hat sie am 14.8.1911 in München kennengelernt: „Im Hofgarten treffe ich Weinhöppel mit Frau [...] Rathskeller mit Weinhöppel und Frau“ [Tb]. meiner Frau und mein herzlichstes BeileidWedekind kondolierte zum Tod des Schwiegervaters seines Freundes, der im Alter von 80 Jahren gestorben ist, wie aus der Todesanzeige hervorgeht (mitunterzeichnet von „Aenne Weinhöppel geb. Hackenberg“ und „Hans Richard Weinhöppel“): „Heute nacht entschlief [...] Herr Ernst Hackenberg im 80. Lebensjahre. [...] Köln-Lindenthal, 7. Juli 1914.“ [Kölnische Zeitung, Nr. 778, 7.7.1914, Mittags-Ausgabe, S. (3)] Die Beerdigung fand am 9.7.1914 in Elberfeld statt. zu dem schweren Verlust zu übermitteln, von dem sie betroffen wurde.

Mit großer Freude hörte ich von Deiner Panizza-AusgabeWedekind dürfte in der Presse die Ankündigung des Bandes „Visionen der Dämmerung“ (1914) gelesen haben: „Oskar Panizza, einer der genialsten und einer der am meisten vergessenen Vorläufer unserer modernen Literaturbewegung, soll in die Erinnerung der Lebenden zurückgebracht werden. Dies bedeutet nicht etwa, daß Panizza gestorben ist; nein, er lebt noch, aber seit zehn Jahren ist er ins Irrenhaus gesperrt. Nun will ein mutiger Münchener Verlag (Georg Müller) diesen starken und wilden Poeten, der vor Frank Wedekind schon dessen Straße ahnte, mit einem seiner merkwürdigsten Werke vor die Leser bringen. [...] Nur Bücherliebhaber erstehen die selten gewordenen Exemplare seiner Bücher zu hohen Preisen. Der zweifellos bedeutende Wert seiner Schöpfung hat deshalb Anlaß dazu gegeben, daß Hanns Heinz Ewers sich bemühte, von der Familie des Dichters die Erlaubnis zur Veranstaltung einer Neuauflage der phantastischen Geschichten, die der kranke Dichter unter dem Einfluß Edgar Allan Poes geschrieben hat, zu erhalten, was schließlich nach vieler Mühe gelang. Das Buch wird nun unter dein Titel ‚Visionen der Dämmerung‘ erscheinen und mit einer Einleitung von Hannes Ruch, dem geistigen Vater der ‚Elf Scharfrichter‘, der dem Münchener Freundeskreis Panizzas angehörte, und mit einem Nachwort von Ewers versehen sein.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 43, Nr. 306, 19.6.1914, Abend-Ausgabe, S. (2)] Das Buch war mit dem Hinweis „Eingeleitet von Hannes Ruch und H. H. Ewers“ sowie „Mit Bildern von Paul Haase“ [Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 81, Nr. 144, 25.6.1914, S. 5649] angekündigt und kurz darauf im Georg Müller Verlag in München als erschienen angezeigt [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 81, Nr. 159, 13.7.1914, S. 6090]. Es erschien als Band 3 der von Hanns Heinz Ewers herausgegebenen Reihe „Galerie der Phantasten“ mit einer von Hannes Ruch (Pseudonym von Hans Richard Weinhöppel) gezeichneten und auf „Köln, 17. April 1914“ datierten Einleitung „Wer ist Oskar Panizza?“ [Oskar Panizza: Visionen der Dämmerung. Einleitung von Hannes Ruch und 16 Bildern von P. Haase. München, Leipzig 1914 (= Galerie der Phantasten. Bd. 3), S. VII-XV] sowie mit einer von Hanns Heinz Ewers gezeichneten, auf „Montevideo (Uruguay), Mai 1914“ datierten Nachbemerkung „Zum Epilog: ein paar Worte des Herausgebers“ [S. 375-380]. und freue mich besonders über Deine gemeinsame Arbeit mit Hans Heinz Ewers. Hoffentlich gehen noch weitere Schöpfungen aus dieser Verbindung hervor.

Dieser TageWedekind war seit dem 2.7.1914 in Paris: „Ankunft in Paris“ [Tb], wo er ein umfangreiches touristisches Programm absolvierte; von den im Brief genannten Örtlichkeiten hat er nur das Moulin Rouge notiert (siehe unten). besuchte ich hier wiederholt die Stätten unserer einstigen WirksamkeitAnspielung auf den gemeinsamen Aufenthalt der Freunde im Frühjahr und Sommer 1892 in Paris [vgl. Tb].. Moulin RougeBesuche Wedekinds im Cabaret Moulin Rouge auf dem Montmartre (Boulevard de Clichy) sind 1892 mit dem Freund häufig gewesen [vgl. Tb]. Wedekind hat es bei seinem aktuellen Aufenthalt in Paris am 5.7.1914 – „Moulin Rouge Revue Je cache mon nu“ [Tb] – und 10.7.1914 – „Moulin Rouge Revue Cache ton Nue“ [Tb] – besucht und dort an beiden Abenden die von ihm erwähnte Revue „Cache ton nu“ (in 40 Bildern gespielt) gesehen; eine Szene des Stücks hatte aktuell zu einer Anklage wegen Verstoßes gegen die Sittlichkeit gegen den Direktor des Moulin Rouge Jean Fabert und eine seiner Künstlerinnen geführt [vgl. Pousuites contre deux music-halls. In: Le Figaro, Jg. 60, Nr. 190, 9.7.1914, S. 5]., Café VetzelWedekinds Besuch seinerzeit mit dem Freund im Café Vetzel (Rue Auber 1) ist durch seine Notiz vom 13.6.1892 dokumentiert: „Um ein Uhr kommt Weinhöppel. [...] Bis drei Uhr bleiben wir im Café Vetzel hinter der Oper.“ [Tb], Rue de Provence, Rue Gonmartinrecte: Rue de Caumartin.. Morgenam 13.7.1914, an dem Wedekind notierte: „Abfahrt von Paris“ [Tb]. fahre ich nach München zurück. Es wäre sehr schön, wenn Ihr dorthin kämtWedekind hat den Freund erst am 5.10.1915 in München wiedergesehen: „Weinhöppel Friedenthal und Martens zum Abendessen bis zwei Uhr“ [Tb], gemeinsam mit seiner dritten Gattin erst am 8.9.1916: „Weinhöppel mit Frau zu Besuch.“ [Tb]. Sollte es der Fall sein, dann laß es mich bitte rechtzeitig wissen.

Mit der Bitte, Frau Aenne meine ergebenste Empfehlung auszusprechen, und herzlichen Grüßen, Dein alter
Frank.


Frank Wedekind schrieb am 10. Januar 1916 in Budapest folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Hans Richard Weinhöppel

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 10.1.1916 in Budapest:]


Kartevermutlich eine Bildpostkarte aus Budapest, wo Frank und Tilly Wedekind sich seit dem 29.12.1915 zu einem Gastspiel aufhielten (bis zum 17.1.1916); sie ist am 10.10.1916 wohl in der Weinstube „Boroso“ [Tb] geschrieben worden. an Weinhöppel.