Briefwechsel

von Gertrud Arnold und Frank Wedekind

Gertrud Arnold schrieb am 9. September 1905 in Berlin folgenden Brief
an Frank Wedekind

Lieber,

dieser Zeilen sollen Ihnen zuerst sagen, daß wir also unsern Bummel Ihrem Wunsch gemäßWedekind, der dem Tagebuch zufolge für die Proben zur „Hidalla“-Premiere am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) am 8.9.1905 in Berlin eingetroffen ist („fahre [...] nach Berlin. Gehe ins Kleine Theater, treffe Weinhöppel und verbringe den Abend mit Meßthaler Barnowsky Schaumberger und Welisch“) und wahrscheinlich Gertrud Arnold gleich kennenlernte, der gegenüber er sich mündlich geäußert haben dürfte (siehe unten), besuchte am 9.9.1905 vormittags die erste Probe („Um 10 Uhr Probe“) – ebenso wie Gertrud Arnold, die wie er selbst in seinem Stück eine Hauptrolle spielte (siehe unten). auf morgen, Sonntagder 10.9.1905, an dem das Treffen mit Gertrud Arnold stattgefunden haben dürfte (an diesem Tag keine Einträge im Tagebuch)., verlegen; da dürfen Sie uns aber nicht ausreißen! – –

Ich bin, wenn Sie dies lesen, in Ihrer unmittelbaren Nähe, u. käme gern selbst, um zu sehen, wie mein | Meister wohntWedekind hat sich am 9.9.1905 nach dem Mittagessen in der im 3. Stock gelegenen Pension von Johanna Nolte (Schiffbauerdamm 6/7) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 1598] eingemietet, wie er notierte: „Um 10 Uhr Probe. Diner [...] Darauf miethe ich mich Schiffbauerdamm No 6 ein.“ [Tb] Eigentümer des Hauses war das Neue Theater [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil III, S. 669]. „Seit Wedekind in Berlin wohnt, entwickelt sich zwischen der Schauspielerin Gertrud Arnold [...] und ihm eine aufreibende Beziehung“ [Vinçon 2014, S. 181], „eine intime Beziehung“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 229]., u. die Pläne für morgen gleich mit Ihnen zu bereden, – aber wer weiß ob HetmannKarl Hetmann, die männliche Hauptfigur in „Hidalla“ [vgl. KSA 6, S. 41], die Wedekind in der Berliner „Hidalla“-Inszenierung (Premiere: 26.9.1905, zuerst angekündigt für den 21.9.1905) am Kleinen Theater selbst spielte. Lust u. Zeit hätte mich zu empfangen – und ob nicht zu viel Augen in der Pension mich sehen? – Warum vollendeten Sie Ihren Satzwohl mündlich geäußert, vermutlich spät abends am 8.9.1905 (siehe oben).: „Ich werde morgen rekapitulieren, vielleicht kommst ... gute Nacht“ – – nicht? |

Für jetzt herzlichste Grüße! –

Die Lösung habe ich jetzt auch! Die Fanny läßt mich nicht los, – ich bin sieGertrud Arnold spielte in der Berliner „Hidalla“-Inszenierung unter der Regie von Victor Barnowsky die weibliche Hauptrolle der Fanny Kettler und unterschrieb ihre Briefe an Wedekind mit dem Namen Fanny; insofern „Gertrud alias Fanny“ [Vinçon 2014, S. 181]. Victor Barnowsky, nun Direktor und Oberregisseur am Kleinen Theater in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 277], der die Direktion am 1.9.1905 von Max Reinhardt übernommen hat [vgl. A.F.: Kehraus im Kleinen Theater. In: Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 444, 1.9.1905, Morgen-Ausgabe, S. (2)], hatte zur Saisoneröffnung am 15.9.1905 die zuvor am Deutschen Theater (Direktion: Paul Lindau) tätige Schauspielerin Gertrud Arnold [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 285] für sein Ensemble gewonnen, wie die Presse meldete: „Das Kleine Theater wird am 15. d. wieder eröffnet. [...] In jüngster Zeit hat Director Barnowsky auch noch einige in Berlin bereits wohlbekannte Kräfte engagirt: Frau Gertrud Arnold“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 411, 2.9.1905, Morgen-Ausgabe, S. 7]. – nur nicht so ein seltenes Exemplar!

Fanny.

Gertrud Arnold schrieb am 10. September 1905 in Charlottenburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Verehrtester,

ich vergaß Ihnen für den reizenden Nachmittag heutewohl der gemeinsame „Bummel“ [Gertrud Arnold an Wedekind, 9.9.1905] am 10.9.1905. Gertrud Arnold ist mit Wedekind „eine intime Beziehung“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 229] eingegangen. zu danken! Ich tue es hiermit, und gebe Ihnen die Versicherung, daß ich Alles weiß | was gesprochen, – und – es nicht vergesse! Der Mensch muß alles einmal durchmachen! Machts Ihnen Spaß zu wissen, daß sich Jemand schämt? – Dann freuen Sie sich! Es lebe der White | Stardie White Star Line oder „White Star-Linie [...], englische Dampferlinie zwischen Liverpool und New York“ [Meyers Großes Konversations-Lexikon. Bd. 20. Leipzig 1909, S. 582]. Gertrud Arnold plante ein Gastspiel am Irving Place Theatre in New York, wie dann auch die Presse berichtete: „Am Irving Place-Theater“ werde „Gertrud Arnold vier Monate lang spielen“ [Berliner Bühnenkünstler in New-York. In: Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 477, 19.9.1905, Morgen-Ausgabe, S. (3)]! –

Sie brauchen keine leidenschaftl. Frauen etc. – – –

Auch ne FannyGertrud Arnold unterschrieb ihre Briefe an Wedekind mit Fanny – in Anspielung auf die weibliche Hauptfigur Fanny Kettler in „Hidalla“, die sie in der Berliner „Hidalla“-Inszenierung am Kleinen Theater spielte (Premiere: 26.9.1905, zuerst angekündigt für den 21.9.1905).!


Den Gefallen können Sie mir wol noch tun diesen Brief zu zerreißen?

Gertrud Arnold schrieb am 16. September 1905 in Berlin folgenden Zettel
an Frank Wedekind

Postkarte


An
in
Wohnung (Straße und Hausnummer) |


Kleines Theater G.m.b.H.
zu Berlin
Direktion und Bureau: Unter den Linden 44.
Fernsprecher: I, 2371.


Wielandstr. 11Wohnadresse der Schauspielerin Gertrud Arnold in Charlottenburg (Wielandstraße 11) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 278]..


Frank, wie hast Du Dein Wort gehalten! Ich leide! Also heute Abend Punkt 9 UhrWedekind notierte am 16.9.1905: „Probe von 11-3. Ich gehe zu Heinrich Welti und kneipe bis 9 Uhr mit ihm. Abends mit Meßthaler und Barnowsky.“ [Tb] Nach der Probe von 11 bis 15 Uhr für die Berliner „Hidalla“-Premiere im Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) mit ihm und Gertrud Arnold in den Hauptrollen, bei der er den vorliegenden Zettel erhalten haben könnte, traf Wedekind sich bis 21 Uhr mit seinem alten Freund Heinrich Welti und könnte sich insofern pünktlich um 21 Uhr mit Gertrud Arnold getroffen haben (bei ihr, der angegeben Adresse zufolge), um den späteren Abend mit Emil Meßthaler und Victor Barnowsky zu verbringen (möglicherweise weiterhin im Beisein der Schauspielerin)., sonst – –
treulichst Fanny.

Gertrud Arnold schrieb am 26. September 1905 in Berlin folgenden Zettel
an Frank Wedekind

Lieber, – kommen Sie auf einen Augenblick bevor Sie sich schminken in meine Garderobe! Ich bin noch allein, u. spräche Sie gernGertrud Arnold, die Darstellerin der Fanny Kettler, wollte Wedekind, den Darsteller des Karl Hetmann, möglicherweise vor Beginn der Premierenvorstellung von „Hidalla“ am 26.9.1905 im Kleinen Theater in Berlin (Direktion: Victor Barnowsky) um 19.30 Uhr [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 490, 26.9.1905, Morgen-Ausgabe, 2. Beiblatt, S. (3)] noch sprechen. Sie war zunächst auf den 21.3.1905 angesetzt: „Im Kleinen Theater gelangt am Donnerstag, den 21. d. M., als erste der vom Director Barnowsky erworbenen Novitäten das fünfactige Schauspiel ‚Hidalla‘ von Frank Wedekind zur Aufführung. Die Hauptrolle (Karl Hetmann) spielt Wedekind selbst. Neben ihm sind in hervorragenden Rollen Gertrud Arnold, Ilka Grüning, Rudolf Klein-Rohden, Julius Geisendörfer, Hans Kuhnert, Edgar Licho und Erich Walter an der Darstellung betheiligt. Das Stück wird von Victor Barnowsky in Scene gesetzt.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 439, 19.9.1905, Morgen-Ausgabe, S. 8] Sie wurde dann verschoben, wie Wedekind am 19.9.1905 erfuhr: „Um 10 Uhr Probe. Hidalla wird verschoben“ [Tb]; es gab am 22.9.1905 noch eine „Probe“ [Tb], am 25.9.1905 die „Generalprobe“ [Tb] und schließlich fand am 26.9.1905 die erfolgreiche „Hidalla Premiere in Berlin“ [Tb] statt; das Schauspiel wurde ab da viele Wochen lang fast täglich gespielt. – bin ganz ruhigGertrud Arnold war eine erfahrene Schauspielerin; ihre Darstellung der Fanny Kettler in „Hidalla“ (ihr letzter Auftritt fand am 30.10.1905 statt, sie wurde von Tilly Newes abgelöst, die bereits am 27.10.1905 erstmals in der Rolle auftrat) wie Wedekinds Darstellung des Karl Hetmann wurde von der Theaterkritik fast einhellig sehr gelobt [vgl. KSA 6, S. 551-561], dabei „die Vertreterin der leidenschaftlichen ‚Fanny‘ (Gertrud Arnold)“ [KSA 6, S. 560] insbesondere für ihre „‚vornehme‘ Spielweise“ [KSA 6, S. 537].!

Gertrud Arnold schrieb am 3. Oktober 1905 in Berlin folgenden Zettel
an Frank Wedekind

Wollen wir 2 nur Wedekind und Gertrud Arnold; am Vorabend war man in größerer Runde zusammen, wie Wedekind am 2.10.1905 notierte: „Mit Schönau und Gertrud Arnold und Else von Ruttersheim und Albert Heine die Nacht durchgekneipt.“ [Tb]morgen um ¾ 6um 17.45 Uhr am 4.10.1905 vor der „Hidalla“-Vorstellung im Kleinen Theater, die um 20 Uhr begann [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 500, 1.10.1905, Sonntags-Ausgabe, 4. Beiblatt, S. (2)]. uns irgendwo treffen u. ein Stündchen plauschen ect. Café trinken? Magst Du (mögen Sie?) bei mirGertrud Arnold wohnte in Charlottenburg (Wielandstraße 11) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 278].? – Oder bei Fr. Schröder?nicht identifiziert; möglicherweise stand die Dame in Verbindung mit der Weinhandlung J. Schröder in Charlottenburg (Savignyplatz 13), eine Filiale der auch Ausschank anbietenden Weingroßhandlung Jacob Knoob Söhne [vgl. Berliner Adreßbuch 1905, Teil I, S. 1904], die direkt Ecke Bahnhof Savignyplatz lag [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil V, S. 86]. Dann ¾ 6 Bahnhof Savignyder 1896 eröffnete Bahnhof Savignyplatz der Berliner Stadtbahn in Charlottenburg. – Ausgang Savignyplatz!

Frank Wedekind schrieb am 9. Oktober 1905 in Berlin folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Gertrud Arnold

[Hinweis in Gertrud Arnolds Brief an Wedekind vom 10.10.1905 aus Charlottenburg:]


[...] ja – danke – sehr gern [...]

Gertrud Arnold schrieb am 10. Oktober 1905 in Charlottenburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Mann, dem ich persönlich nicht gefalle –

ja – danke – sehr gernHinweis auf eine nicht überlieferte Anfrage nach einer Verabredung; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Gertrud Arnold, 9.10.1905. – Wedekind war am 9.10.1905 abends zu Besuch in dem Haus, in dem Gertrud Arnold wohnte (Wielandstraße 11) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 278], bei dem Schriftsteller und Theaterkritiker Max Schönau in Charlottenburg (Wielandstraße 11) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 2022]: „Abends bei Schönau mit Albert Heine, Kurt Stieler und Frau.“ [Tb] Gertrud Arnold war den Abend davor nach der „Hidalla“-Vorstellung im Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in geselliger Runde mit Wedekind zusammen gewesen, wie Wedekind am 8.10.1905 notierte: „Hetmann [...]. Abends mit Schönau Barnowsky Arnold Donald“ [Tb]. – ist ja hübsch – aber wo? Ich bin von 4 Uhr16 Uhr. allein zu Hause! Warte um halb 617.30 Uhr.! Sollte Savignybhf. angenehmer seinGertrud Arnold hat den Bahnhof Savignyplatz der Berliner Stadtbahn schon einmal als Treffpunkt genannt, um sich vor der „Hidalla“-Vorstellung im Kleinen Theater, die jeweils um 20 Uhr begann, mit Wedekind zu treffen [vgl. Gertrud Arnold an Wedekind, 3.10.1905]., was ich nicht hoffe, dann muß ich also nach 4 Uhr antelephonirt oder | per Rohrpost verständigt werden, ja?

Sonst warte ich halb 6!

Herzel, alles schriftliche kaput machen, ja?

Ich Dich auch!

Fanny.

(Der Zank-Apfelumgangssprachlich der Gegenstand eines strittigen Themas, hier wohl ironisch sich selbst als einen solchen Zankapfel bezeichnend..)

Gertrud Arnold schrieb am 16. Oktober 1905 in Charlottenburg folgendes Telegramm
an Frank Wedekind

dringend = Mp =
wedekind
schiffbauerdamm 6 berlin
bei nolteWedekind wohnte in Berlin in der im 3. Stock gelegenen Pension von Johanna Nolte (Schiffbauerdamm 6/7) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 1598].


Telegraphie des Deutschen Reichs.
Berlin, Haupt-Telegraphenamt.


Telegramm aus Charlottenburgvon Gertrud Arnold aus ihrer Wohnung in Charlottenburg (Wielandstraße 11) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 278]. Sie spielte zusammen mit Wedekind die Hauptrollen in der „Hidalla“-Inszenierung am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin (sie als Fanny Kettler, er als Karl Hetmann) und traf sich am 16.10.1905 mittags mit ihm in der Berliner Weinstube Gebrüder Habel, wie er notierte: „Mittags bei Habel mit Plulle“ [Tb]. „Die Berliner Kollegen nannten sie ‚Plulle‘. Diese allgemeine Bezeichnung zeigt deutlich die innige Beziehung, die zwischen Gertrud Arnold und ihrem Kollegenkreis bestanden hat.“ [Deutsches Bühnen-Jahrbuch 1932, S. 99] Das Gespräch war offenbar verabredet und betraf die Umbesetzung der weiblichen Hauptrolle, die Gertrud Arnold zugunsten von Tilly Newes abgeben sollte [vgl. Gertrud Arnold an Wedekind, 17.10.1905]. [...]


aufstehenWedekind war Langschläfer und Gertrud Arnold fürchtete womöglich, er könnte zu dem angesetzten Gespräch (siehe oben) zu spät kommen.

Gertrud Arnold schrieb am 17. Oktober 1905 in Charlottenburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

L. H. W!

Eben klingelt B. an – er habe gestern noch auf mich gewartet, wie Alles gegangen sei! Ich antwortete sehr kühl – wir hätten nur wenig gesprochenWedekind notierte am 16.10.1905 mittags ein Treffen mit Gertrud Arnold in der Berliner Weinstube Gebrüder Habel – „Mittags bei Habel mit Plulle“ [Tb] – unter dem Spitznamen der Schauspielerin. „Die Berliner Kollegen nannten sie ‚Plulle‘. Diese allgemeine Bezeichnung zeigt deutlich die innige Beziehung, die zwischen Gertrud Arnold und ihrem Kollegenkreis bestanden hat.“ [Deutsches Bühnen-Jahrbuch 1932, S. 99] Bei dem Gespräch dürfte es um die Übergabe der bis dahin von Gertrud Arnold gespielten weiblichen Hauptrolle in der Berliner „Hidalla“-Inszenierung an Tilly Newes (siehe unten) gegangen sein., u. ich habe die Ansicht, daß Sie wohl für ErsatzGertrud Arnold spielte seit der Berliner Premiere von „Hidalla“ am 26.9.1905 im Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) erfolgreich die weiblichen Hauptrolle der Fanny Kettler (ihr Partner in der männlichen Hauptrolle Karl Hetmann war Wedekind, der mit ihr „eine intime Beziehung“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 229] eingegangen war), musste sie dann aber an Tilly Newes abgeben, was im Gespräch mit Wedekind am 16.10.1905 Thema gewesen sein dürfte (siehe oben) und am 17.10.1905, von Wedekind als „Skandal“ [Tb] notiert, in einem Gespräch um 17 Uhr (siehe unten) zwischen ihm, Gertrud Arnold und dem Direktor Victor Barnowsky wohl definitiv entschieden wurde. Tilly Newes traf dem Tagebuch zufolge am 18.10.1905 aus Frankfurt am Main in Berlin ein („Ankunft von Tilly Newes“) und trat am 27.10.1905 erstmals in der Rolle auf („Erstes Auftreten von Tilly Newes“), die zuvor Gertrud Arnold gespielt hatte – zuletzt am 30.10.1905 („Letztes Auftreten von Gertrud Arnold“), wobei allerdings klar war, dass sie diese Rolle ohnehin hätte aufgeben müssen, da sie zum 23.11.1905 ein Gastspiel in New York antrat, von dem die Presse schon Wochen zuvor berichtet hatte: „Am Irving Place-Theater“ werde „Gertrud Arnold vier Monate lang spielen“ [Berliner Bühnenkünstler in New-York. In: Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 477, 19.9.1905, Morgen-Ausgabe, S. (3)]. Gertrud Arnold trat insofern die weibliche Hauptrolle in „Hidalla“ lediglich verfrüht an Tilly Newes ab, was eine längere Vorgeschichte hatte. Wedekind, der seit der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ am 29.5.1905 mit Tilly Newes in der Hauptrolle starkes Interesse an ihr hatte, schrieb am 2.8.1904 einen „Brief an Barnowski über Tilly Newes“ [Tb], der antwortete, dass er „die Dame engagieren werde“ [Victor Barnowsky an Wedekind, 5.8.1905]. Wedekind wiederum schrieb ihr kurz nach der „Hidalla“-Premiere nach Frankfurt am Main, er könne sich „nichts sehnlicher wünschen als Dich für Hidalla hier zu haben“ [Frank Wedekind an Tilly Newes (Wedekind), 1.10.1905]. Die Entscheidung fiel, als Victor Barnowsky am 13.10.1905 Tilly Newes in Frankfurt am Main aufsuchte [vgl. Tilly Newes (Wedekind) an Frank Wedekind, 13.10.1905] und sie daraufhin an das Kleine Theater in Berlin engagierte. durch Frl. N. hätten sorgen wollen, nicht aber daran dächten, die Dame gleich spielen, also mich | durch sie quasi verdrängen zu lassen. Herr Dir B. fragte mich ob ich also glaube, er wünsche das, u. ich sagte „ja“! Darauf sagte er, daß Sie den Wunsch hätten die Dame solle schon Dienstagam 24.10.1905, an dem die 25. Vorstellung der Berliner „Hidalla“-Inszenierung stattfand: „25. Aufführung von Hidalla in Berlin. Ich gebe ein Banket im Restaurant Astoria. Nachher geht die ganze Gesellschaft zu Stallmann.“ [Tb] Die Rolle der Fanny Kettler spielte bei dieser Jubiläumsvorstellung noch Gertrud Arnold [vgl. Wedekind an Gertrud Arnold, 24.10.1905]; ihre Nachfolgerin trat erstmals am 27.10.1905 (Freitag) in der Rolle auf: „Erstes Auftreten von Tilly Newes“ [Tb]. spielen, es ginge so nicht weiter, er wolle nicht in der schiefen Lage bleiben, u. | wir müßten eine Aussprache zu dritt haben. Ich komme also um 5um 17 Uhr am 17.10.1905, ein Gespräch zwischen Wedekind, Gertrud Arnold und dem Direktor Victor Barnowsky im Kleinen Theater, rechtzeitig vor Beginn der „Hidalla“-Vorstellung um 20 Uhr, bei der Wedekind und Gertrud Arnold dann wieder wie seit Wochen fast allabendlich gemeinsam auf der Bühne standen. Dieses Gespräch, das die Übergabe der weiblichen Hauptrolle von Gertrud Arnold an Tilly Newes betraf (siehe oben), notierte Wedekind am 17.10.1905 unter dem Stichwort „Skandal“ [Tb]., u. werde als erstes sagen, daß ich Ihnen meine gestrige Unterredung mit H. B. ganz mitgeteilt, – trotzdem ich damit gestehe, daß ich arg indiskret gewesen! – Ich bin aber nur ein Weib, dem man ja so tausendmal schwereres angetan, | wie sich Jemand denken kann! Diesen Brief dürfte ich ja auch nicht an Sie schreiben; ich tue es, weil ich mich zitternd an meinen Glauben an Sie klammere – geht mir der heute Nachmittag verloren, dann werde ich sehr ruhig sein! Momentan bin ich wieder im Fieber; ich bin durch die gestrige Aufregungdas Gespräch Gertrud Arnolds mit Wedekind am 16.10.1905 (siehe oben). verfrüht krank geworden, u. fühle mich jammervoll |

[Seite 1 um 90 Grad gedreht am linken Seitenrand:]

Also – um 5 Uhr! Bis dahin D/I/hre Fanny.

Frank Wedekind schrieb am 17. Oktober 1905 in Berlin folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Gertrud Arnold

[Hinweis in Gertrud Arnolds Brief an Wedekind vom 18.10.1905 aus Charlottenburg:]


[...] Ihre Rosen von gestern u. die lieben Worte sind vor mir [...]

Gertrud Arnold schrieb am 18. Oktober 1905 in Charlottenburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Verehrter Herr Wedekind

ich kann nicht schlafen, – und will versuchen mir Ruhe zu schaffenGertrud Arnold, die seit der Premiere von „Hidalla“ am 26.9.1905 im Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin erfolgreich die weiblichen Hauptrolle der Fanny Kettler (ihr Partner in der männlichen Hauptrolle Karl Hetmann war Wedekind, der mit ihr „eine intime Beziehung“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 229] eingegangen war) spielte, hatte am 17.10.1905 um 17 Uhr [vgl. Gertrud Arnold an Wedekind, 17.10.1905], vor Beginn der „Hidalla“-Vorstellung um 20 Uhr, bei der sie mit Wedekind wieder gemeinsam auf der Bühne stand, ein aufreibendes Gespräch mit Wedekind und Victor Barnowsky geführt, bei dem sie akzeptieren musste, dass sie die Rolle der Fanny Kettler an Tilly Newes (mit der Wedekind dann eine Liebesbeziehung einging) abzugeben habe – Wedekind hat dieses Gespräch am 17.19.1905 unter dem Stichwort „Skandal“ [Tb] notiert., vielleicht geht es durch diesen Brief! – – Ich bitte Sie, ob wahr ist, was man mir gesagt, ob es nicht wahr ist – haben Sie soviel „Menschlichkeitsgefühl“ mit der Quälerei aufzuhören, die Sie seit einiger Zeit an mir verüben. – Wedekind weiß an | einem Tag nicht mehr was er am vorigen gewollt, – das sagte man mir gestern auch – das will ich auch noch für den Fall gelten lassen, der meinen armen Nerven in den letzten Tagen so mitgespielt; mir aber heute Beweise wirklicher Zärtlichkeit geben, um mich morgen mit Augen zu beobachten, die sich an der Qual weiden, die man der Person zufügt, die man gestern gelieb|kost – das kann ich nicht aushalten. – Sie nehmen vielleicht wirklich an, daß ich 100 oder noch mehr Liebhaber gehabt; – mir ist momentan verflucht ernst zu Mut, u. ich sage Ihnen Sie sind in einem großen Irrtum; ich bin das, was Sie gar nicht reizt, ein absolut anständiges Weib, das jämmerlich viel schweres hat durchmachen müssen, u. das seit fast 4 Wochenseit der Berliner Premiere von „Hidalla“ am Kleinen Theater am 26.9.1905 mit Wedekind in der Rolle des Karl Hetmann und Gertrud Arnold in der Rolle der Fanny Kettler, die seitdem fast jeden Abend zusammen auf der Bühne standen. sich nicht retten kann, u. Ihnen dadurch wahrscheinlich eine Quelle des Amu|sements gewesen! Lassen Sie es nun genug sein, ich bin vielen solchen Wandlungen, wie sie sich vom gestrigen zum heutigen TagBeruflich (als Schauspielerin musste sie eine erfolgreich gespielte Rolle aufgeben, die Tilly Newes übernahm) wie privat (ihre „Beziehung“ zu Wedekind endete durch die „neue Konkurrentin“ [Vinçon 2014, S. 181] Tilly Newes) war es für Gertrud Arnold vom 17. auf den 18.10.1905 zu einschneidenden Veränderungen gekommen, die am 17.10.1905 durch ein Gespräch definitiv geworden sind (siehe oben). vollzogen – nicht gewachsen – ich leide, u. das können Sie nicht wollen, denn ich habe Ihnen ja nichts getan, sondern fühle u. denke seit Wochen für Sie in Angst u. Freude, als ginge Alles mich selbst an! Sie haben mir so oft weh getan, u. konnten es durch zwei liebe Worte wieder gut machen, ich bin so ehrlich Ihnen | einzugestehen, daß ich glücklich war, wenn ich Gutes mit aus unseren Vorstellungen mit nach Hause nehmen konnte; ich habe Alles hundertfach genossen u gefühlt, und vergaß das Häßliche so schnell. – Heute ist mir zu viel geschehen, Sie hatten nach gestern kein Recht mich heute als Frau X oder Q. zu behandeln. Ich weiß nun, daß ich Ihnen gestern vielleicht ein bissl leid getan aus diesen u. jenen | Gründen, – also gut – ich muß mich damit abfinden und 8 AbendeGertrud Arnold spielte die Rolle der Fanny Kettler noch in acht „Hidalla“-Vorstellungen, vom 19. bis 21.10.1905, vom 23. bis 26.10.1905 und zuletzt am 30.10.1905: „Letztes Auftreten von Gertrud Arnold.“ [Tb] werde ich es ja ertragen; aber bitte spielen Sie nicht weiter mit mir, nehmen Sie mich nur einen Moment ernst; es dürfte sich mal an Ihnen rächen, ich bin ja wirklich kein „Mädel“! – trotz Ihrer Arbeit, die | Sie abhielt unsere Verabredung einzuhalten, da Sie bis 7 Uhrbis 19 Uhr; um 20 Uhr begann wie üblich auch am 18.10.1905 die „Hidalla“-Vorstellung am Kleinen Theater. zu arbeiten hatten, sprachen Sie Frl. N.Tilly Newes traf am 18.10.1905 „im Laufe des Tages“ [Tilly Wedekind (hier noch: Newes) an Frank Wedekind, 16.10.1905] in Berlin ein: „Ankunft von Tilly Newes“ [Tb]; sie dürfte abends im Kleinen Theater gewesen sein. lernten Sie Herrn MoissiAlexander Moissi, Schauspieler zunächst am Kleinen und Neuen Theater in Berlin (Direktion: Max Reinhardt) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 292], dann am Deutschen Theater (Direktion: Max Reinhardt) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1908, S. 259], wo er in den Kammerspielen am 20.11.1906 in der Uraufführung von „Frühlings Erwachen“ die Rolle des Moritz Stiefel spielte (kurzfristig mit ihm besetzt); im Zusammenhang der Probe vom 17.11.1906 erwähnt Wedekind ihn erstmals namentlich [vgl. Tb]. (oder wie der Kerl sich schreibt) kennen – Alles – während des nachsehens der Correcturbogendie Durchsicht der Korrekturbogen für die 2. Auflage von „Hidalla“ [vgl. KSA 6, S. 387].!?! – Ihre Rosen von gesternWedekind sandte Gertrud Arnold als Darstellerin der Fanny Kettler am Abend des 17.10.1905 nach der „Hidalla“-Vorstellung Rosen. u. die lieben Worte sind vor mirnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Gertrud Arnold, 17.10.1905. Es dürfte sich um ein Billett gehandelt haben, das Wedekind den Rosen beilegte, die Gertrud Arnold nach der „Hidalla“-Vorstellung am 17.10.1905 in Empfang nahm., u. ich möchte mir die Seele ausheulen! |

Seien Sie so gut diesen Brief zerrissen morgen in meine Garderobe am 19.10.1905 in Gertrud Arnolds Garderobe im Kleinen Theater, wo sie abends ebenso wie Wedekind in „Hidalla“ auftrat.zu schicken, oder nach HauseGertrud Arnold wohnte in Charlottenburg (Wielandstraße 11) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 278].! Ich bin von 2 – halb 5von 14 Uhr bis 16.30 Uhr am 19.10.1905. allein! Ich fürchte Papierkorb und Papierschnitzel, – wozu Andere auch noch kaput machen!

Einen Abend werde ich Sie doch noch bitten mit uns zu sein – vielleicht Sonnabendden 21.10.1905 (Samstag), an dem Wedekind nach der „Hidalla“-Vorstellung mit seinem Freund Hans Richard Weinhöppel den Rest des Abends verbrachte [vgl. Tb]. – ich bringe dann aber meine Freundinnicht sicher identifiziert; möglicherweise die Schauspielerin Grete Gallus [vgl. Gertrud Arnold an Wedekind, 4.11.1905]. mit! Ertragen wird auch das! Fanny. |


[um 180 Grad gedreht am Kopf der Seiten 5 und 8:]

Ich sende den Brief per Boten! Vielleicht sprechen wir uns | aus! M. geht halb 2 fortDer Schriftsteller und Theaterkritiker Max Schönau (Wielandstraße 11) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 2022] wohnte im selben Haus wie Gertrud Arnold, das er am 19.10.1905 um 13.30 Uhr verließ und Wedekind so nicht von ihm hätte gesehen werden können. Wedekind war mit ihm bekannt und notierte im Tagebuch Treffen mit ihm am 2.10.1905 („Mit Schönau und Gertrud Arnold und Else von Ruttersheim und Albert Heine die Nacht durchgekneipt“), 8.10.1905 („Abends mit Schönau Barnowsky Arnold Donald“), 9.10.1905 („Abends bei Schönau mit Albert Heine, Kurt Stieler und Frau“), 19.10.1905 („mit Schönau und Skowronek bei Stallmann“), 22.10.1905 („Um 3 Uhr treffe ich Schönau und Frau bei Stallmann“), 2.11.1905 („Bei Stallmann treffe ich Schönau, Schadt und Else v. Ruttersheim“) und zuletzt am 2.2.1906 („Mit Schönau und Kronheim bei Stallmann“).!

Gertrud Arnold schrieb am 19. Oktober 1905 in Berlin folgenden Zettel
an Frank Wedekind

Geehrter Herr W!

Ich muß Sie heuteam 19.10.1905. eine halbe Std. vor 7vor 19 Uhr, um 18.30 Uhr. Die „Hidalla“-Vorstellung am 19.10.1905, in der Wedekind und Gertrud Arnold gemeinsam auf der Bühne standen, begann um 20 Uhr. in m. Garderobe sprechen. Dringend! Bitte haben Sie keine Ausrede, es ist nötig! Und meinen Briefvgl. Gertrud Arnold an Wedekind, 18.10.1905. Wedekind sollte den Brief zerrissen in Gertrud Arnolds Garderobe schicken – und nun persönlich überbringen (was nicht geschah). nicht vergessen.


[oben links über der Anrede:]

dringend.


[oben rechts neben der Anrede:]

Bitte kommen Sie halb 7.


[links unter der Anrede:] |

Gruß G. Sch.Abkürzung unklar. Arnold. |


Postkarte


An
in
Wohnung (Straße und Hausnummer)


Es ist das letzte Mal, daß ich Sie in Anspruch nehme!

Frank Wedekind schrieb am 24. Oktober 1905 in Berlin folgende Widmung
an Gertrud Arnold

Gertrud Arnold
meiner verehrten FannyGertrud Arnold, die in der Berliner „Hidalla“-Inszenierung (Premiere: 26.9.1905) am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin die weibliche Hauptrolle der Fanny Kettler spielte (Wedekind spielte die männliche Hauptrolle des Karl Hetmann), unterschrieb ihre Briefe an Wedekind mit dem Namen Fanny. Sie wurde als Darstellerin der Fanny Kettler (ihr letzter Auftritt in der Rolle, die sie an Tilly Newes abgeben musste, fand am 30.10.1905 statt) von der Theaterkritik für ihre „‚vornehme‘ Spielweise gelobt“ [KSA 6, S. 537].,

zur 25 Aufführung von HidallaWedekind notierte am 24.10.1905 die Jubiläumsvorstellung der Berliner „Hidalla“-Inszenierung (siehe oben): „25. Aufführung von Hidalla in Berlin.“ [Tb].

in Dankbarkeit
Frank Wedekind.

Gertrud Arnold schrieb am 24. Oktober 1905 in Berlin
an Frank Wedekind

Als erstem Glücksboten für den Tag der 25. Hidalla-Aufführung!

24 Oct. 05Wedekind notierte am 24.10.1905 zur Jubiläumsvorstellung der Berliner „Hidalla“-Inszenierung (Premiere: 26.9.1905) am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin (er spielte die männliche Hauptrolle Karl Hetmann, Gertrud Arnold spielte die weibliche Hauptrolle Fanny Kettler): „25. Aufführung von Hidalla in Berlin.“ [Tb].

Gertrud Arnold schrieb am 30. Oktober 1905 in Berlin folgenden Zettel
an Frank Wedekind

PFDas Monogramm – ein grafisch in ein „P“ integriertes „F“ – ist nicht zweifelsfrei aufzulösen; das „F“ könnte für Fanny stehen (so nannte sich Gertrud Arnold zumindest gegenüber Wedekind), das „P“ für Plulle. „Die Berliner Kollegen nannten sie ‚Plulle‘. Diese allgemeine Bezeichnung zeigt deutlich die innige Beziehung, die zwischen Gertrud Arnold und ihrem Kollegenkreis bestanden hat.“ [Deutsches Bühnen-Jahrbuch 1932, S. 99]


Ich hab n’ SchwipsGertrud Arnold könnte zur Feier ihres letzten Auftritts als Fanny Kettler in der Berliner „Hidalla“-Inszenierung am 30.10.1905 – „Hidalla [...]. Letztes Auftreten von Gertrud Arnold“ [Tb] – Sekt getrunken und insofern leicht berauscht gewesen sein.,
und möchte Ihnen gern ‚Guten Abend‘ sagen! Ja! – Einen Moment kommen Sie bittein Gertrud Arnolds Garderobe im Kleinen Theater (Wedekind als Darsteller des Karl Hetmann in der Berliner „Hidalla“-Inszenierung war vor Ort).!

Wer war die verschleierte Dame!

Ich vergifteentweder ironisch oder melodramatisch gemeint. die 2. FannyTilly Newes, die Gertrud Arnold als Darstellerin der Fanny Kettler in der Berliner „Hidalla“-Inszenierung ablöste, spielte die Rolle erstmals am 27.10.1905: „Hidalla [...]. Erstes Auftreten von Tilly Newes“ [Tb]. ja doch noch!

Gertrud Arnold schrieb am 1. November 1905 in Hamburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Postkarte


An
in
Wohnung (Straße und Hausnummer)
|


Viele herzl. Grüße von der StrapazenreiseGertrud Arnold dürfte den Brief auf der Reise von Berlin nach Hamburg geschrieben haben, zu der sie morgens aufbrach (siehe unten).! – Wohl wars mir nicht an dem Morgen der Abreiseam 1.11.1905 – am Abend zuvor hatte sie in Berlin noch ihren Abschied gefeiert (siehe unten).! AchSeufzer, da Gertrud Arnold, in der Berliner „Hidalla“-Inszenierung am Kleinen Theater (Premiere am 26.9.1905) wochenlang erfolgreiche Darstellerin der Fanny Kettler (zuletzt am 30.10.1905), die Rolle an Tilly Newes abgeben musste., ich armes dummes Luder! Ich komme nächste Woche einen Abend hinter die Kulissenam 10.11.1905, an dem Gertrud Arnold nochmals in Berlin und im Kleinen Theater war, wo die 34. „Hidalla“-Vorstellung lief (nun mit Tilly Newes in der Rolle der Fanny Kettler), wie Wedekind notierte: „Hidalla 34. Gertrud Arnold erscheint hinter der Kulissen.“ [Tb] wenn Hidalla ist! Da sage ich Ihnen nochmals „Adieu!“Gertrud Arnold hatte am 31.10.1905 in Berlin ihren Abschied vom Kleinen Theater und von Berlin gefeiert (zugleich ein Abschied von Wedekind und von der weiblichen Hauptrolle in „Hidalla“), wie Wedekind festhielt: „Abschiedsabend von Gertrud Arnold“ [Tb] – nun sollte sie sich am 10.11.1905 nochmals verabschieden (siehe oben). Hierin Hamburg. komme ich nicht zur Besinnung, u. das ist mir für die nächste Zukunft auch das liebste! Denken Sie noch mal an mich? Gelt, nein?! Ihr BildWedekind hat Gertrud Arnold entweder ein Foto von sich überlassen oder er besaß ein Foto von ihr.!!! Alles Gute für SieIhre – Geweseneals Geliebte und als Schauspielerkollegin.!

Frank Wedekind schrieb am 2. November 1905 in Berlin folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Gertrud Arnold

[Hinweis in Gertrud Arnolds Brief an Wedekind vom 4.11.1905 aus Hamburg:]


[...] gestern Abend kam ich heim, u. dachte [...] wie nett es doch wäre, wenn ich wenigstens mal einen Gruß von Ihnen kriegte, u. wie ich Licht machte fielen mir die Karten in die Augen – 5 Worte fand ich zuerst – die Ihren [...]

Gertrud Arnold schrieb am 4. November 1905 in Hamburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

ColonnadenStraßenzug in Hamburg; unter der angegebenen Adresse (Colonnaden 44/46) ist der Reisende (Vertreter) Carl Springe gemeldet [vgl. Hamburger Adressbuch 1905, Teil II, S. 625; Teil IV, S. 138], bei dem Gertrud Arnold in Untermiete wohnte (wohl eine Privatpension, die in späteren Jahren als ein von Carl Springe betriebenes Hotel ausgewiesen ist). 44 – 46

b. Springe.


Lieber

gestern Abendam 3.11.1905. Gertrud Arnold feierte am 31.10.1905 in Berlin – „Abschiedsabend von Gertrud Arnold“ [Tb] – ihren Abschied vom Kleinen Theater, wo sie in der „Hidalla“-Inszenierung (Premiere: 26.9.1905) die Rolle der Fanny Kettler gespielt hat (zuletzt am 30.10.1905), und dürfte bald darauf nach Hamburg abgereist sein. kam ich heim, u. dachte auf der Treppe wie nett es doch wäre, wenn ich wenigstens mal einen Gruß von Ihnen kriegte, u. wie ich Licht machte fielen mir die Karten in die Augen – 5 Wortenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Gertrud Arnold, 2.11.1905. ‒ Es könnte sich bei dieser Postkarte (oder Bildpostkarte), eine der „Karten“, die Gertrud Arnold am 3.11.1905 vorfand, um eine spät abends in der Berliner Künstlerklause Carl Stallmann geschriebene Gruppenpostkarte gehandelt haben, die Wedekind mit einem Gruß von fünf Worten versah und mitunterzeichnete; er notierte am 2.11.1905: „Bei Stallmann treffe ich Schönau, Schadt und Else v. Ruttersheim.“ [Tb] Max Schönau, Schriftsteller und Theaterkritiker aus Charlottenburg (Wielandstraße 11) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 2022], der im selben Haus wohnte, in dem Gertrud Arnold gewohnt hatte [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 278], und Else von Ruttersheim, Schauspielerin am Trianon-Theater in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 284], waren auch bei einem langen Abend dabei gewesen, den Wedekind mit Gertrud Arnold verbracht hatte, wie er am 2.10.1905 notierte: „Mit Schönau und Gertrud Arnold und Else von Ruttersheim und Albert Heine die Nacht durchgekneipt.“ [Tb] fand ich zuerst – die Ihren – u. schlief in der Erinnerung an sie ein – träumte | wahrhaftig sogar unsere Fahrt zu Steinert u. Hansenzur Berliner Weinstube Steinert und Hansen (Albrechtstraße 24/25); im Tagebuch nicht notiert (insofern ist jener Abend nicht zu datieren). an jenem Abend in greifbarer Deutlichkeit, u. heute kommt ein Brief von m. Gretenicht überliefert; Verfasserin war wohl die Schauspielerin Grete Gallus, am Deutschen Theater Kollegin von Gertrud Arnold [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 285], die dann ein Gastspiel am Stadttheater in Frankfurt an der Oder hatte [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 380]. mit gelben Crysanthemenblättern drin!!! Lauter Erinnerungen, – wie schade, daß Alles vorbei, u. ich in das fremde LandGertrud Arnold war im Begriff, in die USA zu reisen, zu einem viermonatigen Gastspiel am Irving Place Theatre in New York, wie die Presse schon vor Wochen berichtet hatte: „Am Irving Place-Theater“ werde „Gertrud Arnold vier Monate lang spielen“ [Berliner Bühnenkünstler in New-York. In: Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 477, 19.9.1905, Morgen-Ausgabe, S. (3)]; Saisoneröffnung war am 23.11.1905 und Gertrud Arnold hatte dort am 1.12.1905 in einer Hauptrolle Premiere: „Das New-Yorker Irving Place-Theater, dessen neue Saison unter Heinrich Conrieds Leitung am 23. November eröffnet wurde, verfügt auch in diesem Jahre über eine größere Anzahl in Deutschland sehr bekannter Darsteller. So wirkten in einer am 1. December zur Aufführung gelangten Neustudirung von Wilbrandts ‚Arria und Messalina‘ in der Titelrolle Frau Gertrud Arnold [...] und als Marius Harry Walden mit.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 579, 10.12.1905, Morgen-Ausgabe, S. 16] muß; ich möchte in die Haut von Frl. N. schlüpfen, – ob es | mir in der wohl gut ginge? Was macht HidallaGertrud Arnold hatte seit der Premiere von „Hidalla“ am 26.9.1905 wochenlang am Berliner Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) erfolgreich die weibliche Hauptrolle der Fanny Kettler gespielt, die sie dann an Tilly Newes abgeben musste. denn für Geschäfte? Ich will Sie auf alle Fälle noch mal sehenGertrud Arnold war am 10.11.1905 nochmals in Berlin und im Theater, wo die 34. „Hidalla“-Vorstellung lief (nun mit Tilly Newes in der Rolle der Fanny Kettler), wie Wedekind notierte: „Hidalla 34. Gertrud Arnold erscheint hinter der Kulissen.“ [Tb], – vielleicht sind wir sogar noch mal einen Abend zusammen! – Unnütze Quälerei, aber ich hab doch Freude dran. – Wenn Sie mir übrigens zu Dienstagzum 7.11.1905, an dem Gertrud Arnold in einer Premiere am Hamburger Stadttheater auftrat. Die Presse meldete: „Viktor Hahns Schauspiel ‚Die Byzantiner‘ ging am gestrigen Dienstag im Hamburger Stadttheater zum erstenmal in Szene und erzielte bei vorzüglicher Darstellung durch [...] Gertrud Arnold einen unbestrittenen Erfolg.“ [Dresdner Journal, Nr. 260, 8.11.1905, S. 2064] „Ein Gast [...], Frau Gertrud Arnold, interessierte lebhaft durch ihr sehr nüanciertes Spiel, das in Verbindung mit einem sehr wohlklingenden, gut geschulten Organ eine sehr routinierte Schauspielerin erkennen ließ.“ [Altonaer Nachrichten, Jg. 56, Nr. 526, 8.11.1905, Abend-Ausgabe, S. (2)] Sie trat nur an diesem Abend als Gast auf, wie angekündigt war: „Dienstag Abend gelangt, vom Direktor-Stellvertreter Jelenko inszeniert, das Schauspiel ‚Die Byzantiner‘ von Viktor Hahn zur Uraufführung mit einer Gastin, Frau Gertrud Arnold, die [...] in Berlin in hervorragender Position glänzende Erfolge erzielt hat und hier die Rolle der Kaiserin-Mutter kreieren wird.“ [Hamburgischer Correspondent, Jg. 175, Nr. 565, 5.11.1905, Morgen-Ausgabe, 2. Beilage, S. 8], dem Tage meines Auftretens hier, eine | große Freude bereiten wollen, dann schreiben Sie mir zu dem Tag ein paar Zeilen, – so gräßlich schwer wirds Ihnen hoffentlich nicht; denken Sie an die Laune, wie mir damals weh getan war, die Sie veranlaßte zärtlich zu mir zu sein, – aus der Stimmung heraus bringen Sie auch einen Brief für mich zustande | ja? – Ach Gott, Sie sind doch ein gräßlicher Mensch, ich möchte so gern, daß Sie mir unausstehlich wären! Jeden Abend 5 Min vor ¼ 115 Minuten vor 22.45 Uhr – Anspielung auf die fast allabendlichen gemeinsamen „Hidalla“-Vorstellungen vom 26.9.1905 bis 30.10.1905 am Kleinen Theater in Berlin (Beginn jeweils 20 Uhr), bei denen Gertrud Arnold als Fanny Kettler und Wedekind als Karl Hetmann auf der Bühnen standen und um diese Uhrzeit etwa jeweils zu Ende gewesen sein dürften. fehlt mir ein Kuß!!!

Nicht bös sein über den FleckDer Briefbogen enthält auf der Innenseite einen Fleck nicht identifizierbarer Herkunft., ich weiß nicht wie er auf den | Bogen gekommen! – – Also – Dienstag ja? – Briefe werden nicht ins Zimmer gebracht, ich hole sie mir aus dem KastenBriefkasten in der Hamburger Pension (siehe oben). – nun seien Sie nett – Ekel, ja? Viele herzl. Grüße und – – was Sie sonst noch wollen,
doch Ihre treueste Fanny.