Briefwechsel

von Max Martersteig und Frank Wedekind

Max Martersteig schrieb am 28. März 1905 in Köln folgenden Brief
an Frank Wedekind

DIE DIREKTIONMax Martersteig hat die Direktion der Vereinigten Stadttheater in Köln – das Alte Stadttheater (Glockengasse 17-23) und das Neue Stadttheater (Habsburgerring 9) – zum 1.1.1905 übernommen. Sein Weggang aus Berlin hatte sich erst gegen Ende des vorangegangenen Jahres abgezeichnet. So meldete die Berliner Presse: „Max Martersteig, zur Zeit Regisseur am Neuen Theater, wird uns als der kommende Intendant der vereinigten Theater in Köln bezeichnet. Die Verhandlungen sollen dem Abschluß nahe sein; die Kölner hätten alle Ursache, sich mit dieser Wahl zufrieden zu erklären.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 33, Nr. 616, 3.12.1904, Abend-Ausgabe, S. (2)] Zu Weihnachten 1904 war klar: „Max Martersteig [...] ist zum Director der Vereinigten Stadttheater in Köln gewählt worden.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 603, 24.12.1904, Morgen-Ausgabe, S. 8]
DER
VEREINIGTEN STADTTHEATER
CÖLN


28.3.05.


Verehrter Herr Wedekind,

es hat mir aufrichtig leid getan, daß ich in Berlin sein mußte, während Sie hier im Litter. VereinWedekind ist von der Literarischen Gesellschaft in Köln zum Vortrag eingeladen worden, deren Vorsitzender Johannes Fastenrath war [vgl. Greven’s Adreßbuch für Köln 1905, Teil I, S. 108], wobei dessen Gattin Louise Fastenrath die Einladung an Wedekind übernommen hat [vgl. Wedekind an Johannes Fastenrath, 14.3.1905]. VortragWedekind hat am 16.3.1905 seine „Abreise nach Köln“ [Tb] festgehalten und am 17.3.1905 notiert: „Vortrag in Köln. Abends bei Johannes Fastenrath. 12 Uhr Nachts Rückreise nach München. Eingenommen. M.300.“ [Tb] Er las im Kölner Gürzenich Szenen aus „So ist das Leben“, die Erzählung „Rabbi Esra“ sowie die Gedichte „Das Lied vom armen Kind“, „Sommer 1898“ und „Der blinde Knabe“ [vgl. KSA 1/II, S. 1155f.]. Die Lesung war erfolgreich: „Ein zahlreiches Publikum füllte gestern den großen Saal des Gürzenichs, wo im Auftrage der Literarischen Gesellschaft zu Köln der Dichter Frank Wedekind aus München eigene Dichtungen vortrug“, wobei die „überwiegende Mehrheit des Publikums [...] mit einer deutlichen Ahnung von dem Wesen des genialen Bohêmedichters gekommen war [...], und am Schlusse, wie nach jedem einzelnen Stück wurde Wedekind durch stürmischen Beifall ausgezeichnet.“ [Städtische Nachrichten. In: Kölnische Zeitung, Nr. 285, 18.3.1905, Mittags-Ausgabe, S. (2)] hatten. Ich hätte mich eines persönlichen Zusammentreffens sehr gefreut. ‒

Nun interessiert mich Ihre HidallaDie von Max Martersteig erwogene Inszenierung von „Hidalla“ in Köln kam nicht zustande. sehr – und noch mehr Ihre Absicht, selbst darin zu spielenWedekind hat bei der Uraufführung von „Hidalla“ am 18.2.1905 am Münchner Schauspielhaus unter der Regie von Georg Stollberg mit großem Erfolg die Hauptrolle des Karl Hetmann gespielt, ebenso bei der Premiere des Stücks am 25.3.1905 am Intimen Theater in Nürnberg unter der Leitung von Emil Meßthaler [vgl. KSA 6, S. 536]..

Aber wie?

Eine Einstudierung mit unseren Leuten ist ein großes Opfer an Zeit und Kraft, das nur zu bringen ist, wenn wir mindestens 4 Vorstellungen geben können.

Etwas anderes wäre es, wenn Sie ein Ensemble mitbrächten. Dann wäre die Sache sehr einfach. Ich proponierte Ihnen für diesen Fall 60 % der Bruttoeinnahme im Alten Haus. Das wäre, bei dem enormen Interesse, das hier für Sie ist, wahrscheinlich ein glänzendes Geschäft, jedenfalls aber kein schlechtes. Je nach dem Erfolg | würde man dann noch einen zweiten Abend in Aussicht nehmen können.

Zeit: Woche nach Ostern.

Haben Sie die Güte, mir Ihre Dispositionen mitzuteilen; ich will mein Möglichstes tun, daß der Gedanke zur Tat wird.

Ihr in aufrichtigster Wertschätzung
ergebener
Max Martersteig.

Frank Wedekind schrieb am 20. März 1913 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Max Martersteig

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 20.3.1913 in München:]


Regieexemplare fertig gestellt und nach Leipzig geschicktWedekind schickte für sein Gastspiel vom 14. bis 18.4.1913 am Alten Theater in Leipzig mit einem Begleitschreiben Regieexemplare seiner Stücke „Marquis von Keith“ und „Hidalla“, die dort gespielt wurden [vgl. Tb], an Max Martersteig, den Intendanten der Städtischen Theater Leipzig [vgl. Neuer Theater-Almanach 1913, S. 510]..

Max Martersteig schrieb am 1. April 1913 in Leipzig folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Max Martersteigs Brief an Wedekind vom 4.4.1913 aus Leipzig:]


Besten Dank für Ihre freundliche Antwort.

Frank Wedekind schrieb am 2. April 1913 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Max Martersteig

[Hinweis in Max Martersteigs Brief an Wedekind vom 4.4.1913 aus Leipzig:]


Besten Dank für Ihre freundliche Antwort.

Max Martersteig schrieb am 4. April 1913 in Leipzig folgenden Brief
an Frank Wedekind

Der IntendantIntendant der Städtischen Theater Leipzig ‒ das Alte Stadttheater (Theaterplatz 2, dann: Richard-Wagner-Platz 2) und das Neue Stadttheater (Augustusplatz 3b) ‒ war seit dem 1.4.1912 Max Martersteig; er war bis 1911 Direktor der Vereinigten Stadttheater Köln und ist Ende 1910 nach Leipzig berufen worden: „In der gestrigen Stadtverordnetensitzung zu Leipzig teilte Oberbürgermeister Dr. Dittrich mit, daß der Theaterausschuß beschlossen hat, die städtischen Theater vom 1. April 1912 ab in eigene Regie zu nehmen. Als Intendant wurde einstimmig Direktor Max Martersteig ‒ Köln gewählt.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 194, Nr. 319, 10.11.1910, Morgen-Ausgabe, S. (1)]
der Städtischen Theater
in Leipzig

Leipzig am 4. April 1913.


Sehr verehrter Herr Wedekind!

Besten Dank für Ihre freundliche Antwortnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Max Martersteig, 2.4.1913. Die Antwort ist auf eine ebenfalls nicht überlieferte Anfrage erfolgt; erschlossenes Korrespondenzstück: Max Martersteig an Wedekind, 1.4.1913.. Der Hermann KasimirDie Hosenrolle des jungen Hermann Casimir spielte in der Leipziger Inszenierung des „Marquis von Keith“ (siehe unten) Ella Lorant, Schauspielerin am Städtischen Theater in Leipzig [vgl. Neuer Theater-Almanach 1914, S. 522]. ist Ihrem Wunsch entsprechend besetzt und probiert. Wir haben mit eignem Personal Marquis v. Keith am 10. AprilWedekinds Schauspiel „Der Marquis von Keith“, inszeniert vom Dramaturgen Paul Prina, hatte im Alten Stadttheater in Leipzig am 10.4.1913 um 20 Uhr Premiere [vgl. Leipziger Volkszeitung, Jg. 20, Nr. 81, 10.4.1913, S. (8)]. Die nächste Vorstellung fand am 14.4.1913 mit Frank und Tilly Wedekind in den Hauptrollen statt.. Es würde also meines Erachtens genügen, wenn Sie am SonntagFrank und Tilly Wedekind reisten, von Frankfurt am Main kommend, am 12.4.1913 (Samstag) nach Leipzig: „Fahrt nach Leipzig [...]. Abendessen im Hotel“ [Tb], am 13.4.1913 (Sonntag) vormittags war „Probe von Keith“ [Tb], ebenso am 14.4.1913 (Montag): „Probe von Keith.“ [Tb] mit Ihrer Frau Gemahlin eine Probe mitmachen, die dann freilich um 9 oder 9½ beginnen müßte, denn wir haben eine NachmittagsvorstellungDas Alte Theater in Leipzig gab am Sonntag, den 13.4.1913 „nachmittags ½ 3 Uhr“ als Vereinsvorstellung des Arbeiterbildungsinstituts „Die versunkene Glocke“ [vgl. Leipziger Volkszeitung, Jg. 20, Nr. 83, 12.4.1913, S. (24)].

Mehr Sorge habe ich für Hidalla, daß da in den Vorproben nicht genügend Gerippe geschaffen werden kann. Wenn | Sie aber der Meinung sind, daß Sie Hidalla in den zwei Proben am Dienstag und MittwochWedekind notierte am 15.4.1913 (Dienstag): „Probe Hidalla [...] Nachmittag geschlafen“ und „Abends Probe Hidalla“ [Tb], am 16.4.1913 (Mittwoch): „Probe von Hidalla“ sowie „Hidallavorstellung“ [Tb]. Die Premiere von „Hidalla“ am 16.4.1913 (inszeniert vom Oberregisseur Adolf Winds) um 20 Uhr war das zweite „Gastspiel Frank Wedekind und Tilly Wedekind“ [vgl. Leipziger Volkszeitung, Jg. 20, Nr. 86, 16.4.1913, S. (8)] am Alten Theater während Wedekinds Gastspielaufenthalt in Leipzig vom 12. bis 19.4.1913. Frank Wedekind spielte in „Hidalla“ den Karl Hetmann, Tilly Wedekind die Fanny Kettler. (15. u. 16.) in façon(frz.) Form. bringen, soll unsrerseits vorher das Möglichste geschehen. Eventuell könnte ja aber eine Szenenprobe unter Ihrer Aufsicht am 14. stattfinden, falls diese Sie für die Abendvorstellung des KeithDas während Wedekinds Gastspielaufenthalt in Leipzig vom 12. bis 19.4.1913 erste „Gastspiel Frank Wedekind und Tilly Wedekind“ [Leipziger Volkszeitung, Jg. 20, Nr. 84, 14.4.1913, S. (14)] am 14.4.1913 um 20 Uhr war die zweite Vorstellung des „Marquis von Keith“ im Alten Theater in Leipzig. Frank Wedekind war in der Titelrolle, Tilly Wedekind als Gräfin Werdenfels zu sehen; Ella Lorant spielte wieder den Hermann Casimir (siehe oben). Ende der Vorstellung war etwa 23 Uhr. Wedekind notierte am 14.4.1913 „Keithvorstellung. Weinkeller am Markt mit Martersteig“ [Tb] (mit dabei waren außerdem Kurt Pinthus, Walter Hasenclever und Franz Werfel). nicht zu sehr irritiert.

Mit verehrungsvollem Gruß
Ihr ergebener
Max Martersteig.

Frank Wedekind schrieb am 18. April 1914 in Stuttgart folgendes Telegramm
an Max Martersteig

geheimrat max martersteig

stadttheater leipzigDie Adresse der Intendanz der Städtischen Theater Leipzig (Altes und Neues Stadttheater) war zugleich die Adresse des Neuen Stadttheaters: Augustusplatz 3b [vgl. Leipziger Adreßbuch 1913, Teil II, S. 15].= Leipzig.


Telegraphie des Deutschen Reiches.
Leipzig Telegraphenamt.


Telegramm aus stuttgart [...]


bitte an kundgebungWedekind dürfte auf den soeben publik gewordenen Plan einer Vertrauenskundgebung für Max Martersteig reagiert haben: „Geheimrat Max Martersteig, der Intendant der Leipziger Stadttheater, ist bekanntlich in der letzten Zeit vielfach wegen seiner Direktionsführung angegriffen worden. Besonderes Aufsehen haben die Debatten beim Theater-Etat im Leipziger Stadtparlament erregt, die zum Ausbruch einer bisher noch nicht gelösten Intendantenkrise führten. Wie wir nun erfahren, plant eine Gruppe führender deutscher dramatischer Schriftsteller, um deren Förderung sich Geheimrat Martersteig besonders verdient gemacht hat, eine Vertrauenskundgebung für ihn. An der Spitze dieser Kundgebung stehen die Namen Herbert Eulenbergs, Ernst Hardts, Karl Sternheims, Wilhelm Schmidtbonns und Wilhelm v. Scholz’.“ [B.T.K.: Eine Vertrauenskundgebung für Martersteig. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 67, Nr. 195, 17.4.1914, Vorabendblatt, S. 2] der aus vollem herzen zustimme mich mit unterschrift beteiligen zu duerfen ergebenst grueszend = frank wedekind.

Max Martersteig schrieb am 24. Juli 1914 in Leipzig
an Frank Wedekind

[Notiz zum Kontext und Zitat in Kutscher 3, S. 178:]


[Zum 50. Geburtstag Wedekinds kamen Glückwünsche aus] Leipzig [...], wo Martersteig [...] in „Dankbarkeit und Verehrung“ auch telegraphisch huldigte „dem unerschrockenen Vorkämpfer für die Wiedergeburt der Seele und ihre Befreiung aus jeder Art Verheuchelung herrschender Mächte“.