Briefwechsel

von Ottilie Weißhappel und Frank Wedekind

Ottilie Weißhappel schrieb am 7. Juni 1905 in Wien folgenden Brief
an Frank Wedekind

Sehr geehrter Herr!

Da meine Schwester Berta ausser stande ist selbst zu schreiben, erwächst mir die Aufgabe Ihnen zu sagen, wie sehr sie sich über Ihre letzten Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Berthe Marie Denk, 31.5.1905 (oder ein späterer nicht überlieferter Brief). gefreut hat und daß sie Ihren nächsten Brief in ihrer EinsamkeitBerthe Marie Denk befand sich vermutlich in dem Wiener Sanatorium Dr. Anton Loew (Wien IX, Marianengasse 20), in dem sie auch Anfang 1906 behandelt wurde (siehe die Korrespondenz Berthe Marie Denks mit Wedekind aus dieser Zeit). mit Sehnsucht erwartet.

Hochachtungsvoll
Otti Weisshappel-Denk


Wien, 7. Juni 1905.

Frank Wedekind schrieb am 14. Januar 1906 in Berlin folgendes Telegramm
an Ottilie Weißhappel

Frau Ottilie Denk
Margarethenstrasse 88
Wien


Holt Bertha morgen frühOttilie Weißhappel empfing ihre schwer erkrankte Schwester Berthe Marie Denk, die mit dem Nachtzug aus Berlin ankam, am 15.1.1906 morgens um 7.30 Uhr am Nordwestbahnhof (Wien XX, Ecke Taborstraße/Nordwestbahnstraße). Ebenfalls am Nordwestbahnhof war die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft, um die Erkrankte in ihre Wohnung zu transportieren [vgl. Wedekind an Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft, 14.1.1906].Nordwestbahnhof ab. Richtet alles her da selbe sehr krankWedekind hat Berthe Marie Denk bei seiner Rückkehr nach Berlin am 14.1.1906 schwer krank vorgefunden: „Ich finde Bertha Maria sterbenskrank. Sie will durchaus nach Wien. Ich bringe Sie zum Bahnhof“ [Tb]. Er organisierte die Reise seiner erkrankten Geliebten mit dem Nachtzug von Berlin nach Wien, wie der vorliegende Telegrammentwurf an deren Schwester und ein weiterer Telegrammentwurf [vgl. Wedekind an Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft, 14.1.1906] dokumentiert.. Professor Telephoniert sofort ProfessorDer Arzt, der Berthe Marie Denk in Wien behandelte und am 15.1.1906 um 8.30 Uhr in ihrer Wohnung (Wien V, Kettenbrückengasse 21) sein sollte, ist nicht identifiziert., soll unbedingt halb neun Uhr Wohnung sein.

Ottilie Weißhappel schrieb am 15. Januar 1906 in Wien folgendes Telegramm
an Frank Wedekind

herrn wedekind schiffbauerdamm 6
berlin =


Telegraphie des Deutschen Reichs.
Berlin, Haupt-Telegraphenamt.


Telegramm [...] wien


befinden schlechtOttilie Weißhappel informiert Wedekind über das Befinden ihrer schwer erkrankten Schwester Berthe Marie Denk (sie war nicht mehr in der Lage, selbst zu telegrafieren), die morgens mit dem Zug von Berlin in Wien eingetroffen ist, was Wedekind organisiert hatte [vgl. Wedekind an Ottilie Weißhappel, 14.1.1906; Wedekind an Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft, 14.1.1906]. Wedekind hatte Berthe Marie Denk, der es schon vor seiner Abreise von Berlin am 12.1.1906 gesundheitlich nicht gut ging, wie er am 11.1.1906 im Tagebuch festhielt („Sie fühlt sich sehr elend“), nach seiner Rückkehr nach Berlin am 14.1.1906 in noch schlechterem Zustand vorgefunden, weshalb sie zurück nach Wien fuhr („Ich finde Bertha Maria sterbenskrank. Sie will durchaus nach Wien. Ich bringe Sie zum Bahnhof“). Ihre Erkrankung wurde „als eine schwere Bauchfellentzündung diagnostiziert“ [Vinçon 2014, S. 186], was Ottilie Weißhappel nach der Kurzinformation in vorliegendem Telegramm dann ausführlich in einem Brief schrieb [vgl. Ottilie Weißhappel an Wedekind, 16.1.1906]. musste sanatorium gebracht werden

Ottilie Weißhappel schrieb am 16. Januar 1906 in Wien folgenden Brief
an Frank Wedekind

Wien, 16/1 1906Wedekind hat den Empfang des am 16.1.1906 in Wien geschriebenen Briefs am 17.1.1906 in Berlin notiert: „Brief von Frau Weishappel Denk.“ [Tb].


OW


Sehr geehrter Herr!

Sie können sich unseren Schrecken vorstellen als Bertha so krank in Wien ankamBerthe Marie Denk traf am 15.1.1906 morgens um 7.30 Uhr mit dem Nachtzug von Berlin am Nordwestbahnhof ein und wurde dort von ihrer Schwester Ottilie Weißhappel [vgl. Wedekind an Ottilie Weißhappel, 14.1.1906] sowie vom Sanitätsdienst der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft [vgl. Wedekind an Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft, 14.1.1906] empfangen, der sie zunächst in ihre Wohnung (Wien V, Kettenbrückengasse 21) transportierte., daß sie das CoupeEisenbahncoupé (Berthe Marie Denk reiste also in einem Einzelabteil des Zuges). nicht mehr verlassen konnte. Die Rettungsgesellschaft brachte sie vom Bahnhof in ihre Wohnung, der Arztnicht identifiziert. hat aber g/d/ann ihre Ueberführung ins Sanatorium LöwWedekind wurde bereits am Vortag telegrafisch darüber informiert, dass Berthe Marie Denk von ihrer Wohnung in das Wiener Sanatorium Dr. Anton Loew (Wien IX, Mariannengasse 20) gebracht worden ist [vgl. Ottilie Weißhappel an Wedekind, 15.1.1906]. veranlaßt, weil er fürchtete daß sie später den Transport nicht mehr verträgt und sie immer unter ärztlicher Aufsicht sein soll. Sie hat eine arge Bauchfellentzündung die so um sich gegriffen hat, weil sie doch tagelang in Berlin fast ohne Hilfe gelegen ist u. dann noch die | anstrengende Reise unternommen hat. Das arme Ding muß so viel leiden, wenn sie nur wieder gesund wird, aber wir sind ganz mutlos wenn wir sehen wie sehr der Arzt in Sorgen um sie ist. Gründlich untersuchen kann er sie noch gar nicht, denn die geringste Berührung verursacht ihr gräßliche Schmerzen. Bertha läßt Sie vielmals u. herzlich grüßen. Sie hat mir erzählt wie aufopfernd Sie sich um sie bemüht haben u. daß sie ohne Ihre HilfeWedekind in Berlin hat die Reise der schwer kranken Berthe Marie Denk von Berlin nach Wien organisiert, auch ihren Transport vom Wiener Nordwestbahnhof in ihre Wohnung [vgl. Wedekind an Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft, 14.1.1906]. die Reise hätte gar nicht unternehmen können. Ich danke Ihnen vielmals, mein Herr, für alle Ihre Mühe! Gebe der Himmel daß es mir noch vergönnt ist Ihnen erfreulichere Nachrichten über unsere arme Kranke senden zu können. Bestens grüßt
Hochachtungsvoll
Otti Weishappel-Denk


V. Margaretenstr. 88.

Ottilie Weißhappel schrieb am 23. Januar 1906 in Wien folgende Postkarte
an Frank Wedekind

Absender:


Korrespondenz-Karte.


Hochwolgeboren
An Herrn
Frank Wedekind
in Berlin
Schiffbauerdamm 6. |


23/1 1906.


Sehr geehrter Herr!

Berta ist noch nicht ganz außer Gefahr, der Arztnicht identifiziert. ist aber mit dem Verlauf der KrankheitBerthe Maria Denk war schwer erkrankt und lag im Wiener Sanatorium Dr. Anton Loew (Wien IX, Marianengasse 20) – darüber hat ihre Schwester Ottilie Weißhappel Wedekind informiert [vgl. Ottilie Weißhappel an Wedekind, 16.1.1906]. ganz zufrieden. Sie selbst zweifelt daran daß sie jemals wieder gesund wird u. klagt, daß ihre Schmerzen gar nicht abnehmen wollen. Wäre sie nur schon so weit, daß wir sie aus dem Sanatorium fort u. nach Hause bringen könnten, die gewohnte Umgebung würde gewiß ihre Nerven beruhigen u. viel zu ihrer Genesung beitragen. Ich soll Sie herzlich von ihr grüßen.

Hochachtungsvoll
O. Weisshappel

Ottilie Weißhappel schrieb am 24. Januar 1906 in Wien folgende Postkarte
an Frank Wedekind

Absender:


Korrespondenz-Karte.


An Hochwolgeboren
Herrn Frank Wedekind
in Berlin
Schiffbauerdamm 6. |


Sehr geehrter Herr!

Ich bin so glücklich Ihnen mitteilen zu können, daß es Berta seit gestern am 23.1.1906.bedeutend besser gehtBerthe Maria Denk war schwer erkrankt (siehe die vorangehende Korrespondenz ihrer Schwester Ottilie Weißhappel mit Wedekind)..

Hochachtend
OWeisshappel


24/1 1906.

Ottilie Weißhappel schrieb am 28. Januar 1906 in Wien folgende Postkarte
an Frank Wedekind

Absender:


Korrespondenz-Karte.


An Hochwolgeboren
Herrn Frank Wedekind
in Berlin,
Schiffbauerdamm 6. |


Sehr geehrter Herr!

Berta schreitet in ihrer GenesungBerthe Maria Denk war schwer erkrankt (siehe die vorangehende Korrespondenz ihrer Schwester Ottilie Weißhappel mit Wedekind). täglich ein wenig vor. Da sich nun auch wieder etwas Appetit eingestellt hat, wird sie wol bald so weit sein daß wir sie in ihre WohnungBerthe Marie Denk wohnte Wien V, Kettenbrückengasse 21. transportieren können denn sie will ihre Rekonvaleszenz durchaus nicht im SanatoriumBerthe Marie Denk ist im Wiener Sanatorium Dr. Anton Loew (Wien IX, Mariannengasse 20) behandelt worden. erleben.

Alle Aerzte wundern sich über die unerwartete Wendung, die wirklich plötzlich, über Nacht, eingetreten ist.

Ich habe Ihnen herzliche Grüße von ihr zu bestellen, sie freute sich immer über Ihre Teilnahme.

Mit freundlichem Gruss
Hochachtungsvoll
OWeisshappel


Wien, 28/1 1906.

Ottilie Weißhappel schrieb am 12. Februar 1906 in Wien folgende Kartenbrief
an Frank Wedekind

Hochwolgeboren
Herrn
Frank Wedekind
Berlin,
Schiffbauerdamm 6 |


Wien, 12/II 1906.


Sehr geehrter Herr!

Seit 8 Tagenseit dem 4.2.1906, genau gerechnet. Berthe Marie Denk ist im Wiener Sanatorium Dr. Anton Loew (Wien IX, Mariannengasse 20) behandelt worden. ist Berta wieder daheim. Freilich ist sie noch lange nicht gesund, denn das ExulatSchreibversehen, statt: Exsudat (= Wundabsonderung durch Entzündung). verursacht ihr große Schmerzen und es ist noch gar nicht vorauszusagen wann sie das Krankenbett wird verlassen können. Aber glücklich sind wir doch, daß wir vom Sanatorium nichts mehr sehen und aus | unserer eigene Küche essen.

Bitte wollen Sie so gütig sein und dem Frl. Adele Sandrock in Berta’s Namen für die überaus herzliche Teilnahme danken, die sie ihr während ihrer Krankheit entgegenbrachte; sie hat sich unendlich darüber gefreut.

Berta wäre es auch sehr lieb wenn Sie ihr baldigst die vergessene Blouse u. den Gürtel nachschickenBerthe Marie Denk bat Wedekind vier Tage später, ihr eine Taille und einen Gürtel zu schicken [vgl. Berthe Marie Denk an Wedekind, 16.2.1906]. wollten. Hoffentlich ist sie bald so weit um selbst schreiben zu können; heute sendet sie Ihnen noch durch mich die herzlichsten Grüße.

Hochachtungsvoll
O. Weisshappel