Paris 4, rue Crébillon.
29.III.93.
Lieber
Herr Muth,
die
DurchreiseElias Tomarkin, mit Wedekind befreundeter Medizinstudent aus Zürich, hat ihn am 28.3.1893 auf seiner Rückreise von London nach Zürich in Paris besucht, nachdem er bereits auf der Hinreise bei ihm Station gemacht hatte (siehe unten). meines Freundes Tomarkin aus Zürich ließ mich Ihnen gesternam 28.3.1893, an dem vermutlich Carl Muths Postkarte oder Bildpostkarte aus Rom (siehe unten) bei Wedekind eintraf. nicht
sofort antworten. Herzlichen Dank für Ihre freundliche Cartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Carl Muth an Wedekind, 26.3.1893.. Kurz nach Ihrer
AbreiseCarl Muth ist nach dem 21.2.1893 von Paris abgereist – auf diesen Tag ist der letzte „Pariser Brief“ datiert, den er (jeweils gezeichnet „C. M.“) als Korrespondent für das „Mainzer Journal“ geschrieben hat (in der Ausgabe vom 25.2.1893); der erste „Römische Brief“ von ihm ist auf den 31.3.1893 datiert (in der Ausgabe vom 5.4.1893). besuchte mich Herr Mollder Psychiater und Sexualwissenschaftler Albert Moll, der mehrfach in Paris war. Wedekind las nachweislich sein Buch „Die konträre Sexualempfindung“ (1891, 2. Auflage 1893), denn er vermerkte in einem (verschollenen) Notizbuch „Albert Molls Werk ‚Konträre Sexualempfindungen‘“ [Kutscher 1, S. 337]; die Notiz „Conträre Sexualempf“ [Nb 67] ist auf einem losen Blatt erhalten (der Papiersorte zufolge wohl aus dem Jahr 1892 stammend)., den ich seither gelegentlich verschiedener
Begeg|nungen von Herzen schätzen gelernt habe. Henriette, wenn Sie trotz der
schönen Mädchen von Trastevere, um die ich Sie beneide, noch einiges Interesse
für sie bewahrt haben, ist todtWedekinds schwer kranke „Pariser Freundin Henriette Joli“ [KSA 1/II, S. 1184] hatte gewusst, sie würde bald sterben [vgl. Henriette Joli an Wedekind, 13.12.1892]; seine „Betroffenheit über ihren Tod äußert sich auch in Entwürfen zu einer Inschrift für ihr Grabdenkmal: ‚H.J. Neyant jamais vecu et mourant sans regrets‘ (H.J., die niemals lebte und ohne Reue starb) – ‚mourant sans regrets à l’âge de 26 ans et neyant jamais vecu H.J.‘ (Sie starb ohne Reue im Alter von 26 Jahren, ohne jemals gelebt zu haben. H.J. [...])“ [KSA 1/II, S. 1184f.]. Meine Gefühle können Sie sich vorstellen. Der
liebenswürdigen RachelWedekind lernte am 5.6.1892 im Bal Bullier in Paris Rachel Decoulange, „eine Pariser Kokotte, kennen. Die Beziehung mit ihr hielt er bis zu seiner Abreise [...] nach London aufrecht. Er schildert im Tagebuch ausführlich ihre soziale Herkunft und ihren Lebenswandel“ [KSA 5/III, S. 654]; er sah sie zeitweise fast täglich und nannte diese Pariser Freundin seine „Muse“ [Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 7.1.1893 und 24.1.1893]. schulde ich noch einen Louisumgangssprachlich wohl für eine Summe von 20 oder 40 Francs; „Louisdor (franz. meist nur Louis), eine unter Ludwig XIII. 1640 zuerst geprägte franz. Goldmünze [...]. Seit 1795 traten mit der neuen Frankenwährung an die Stelle der frühern französischen Goldmünzen die 20- und 40-Frankstücke.“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. Bd. 10. Leipzig 1888, S. 930]. Derselbe steht wie ein
Cerberusin der griechischen Mythologie mehrköpfiger Hund, der den Eingang zur Unterwelt bewacht. | zwischen mir und ihr. Wir grüßen uns schon kaum mehr. So bin
ich Witwerbezieht sich auf die verstorbene Henriette Joli (siehe oben). und geschiedener Mannbezieht sich auf Rachel Decoulange (siehe oben). Wedekind hatte über eine gemeinsam verbrachte Nacht mit ihr am 18.12.1892 einmal notiert, er sei eingeschlafen „mit einem Bon soir ma petite femme, das sie mit einem Bon soir mon mari erwidert“ [Tb 18.12.1892]. zugleich
Ich
lege Ihnen Cartenzwei Visitenkarten, eine davon überliefert [vgl. Wedekind an Karl Henckell, 29.3.1893], die andere nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Elias Tomarkin, 29.3.1893. an Tomarkin und Henckell bei für den Fall daß Sie Zürich besuchen.
Gehen Sie, da ich Henckells Adresse nicht genau weiß zuerst zu TomarkinCarl Muth dürfte dem Rat gefolgt sein und Elias Tomarkin in Zürich zuerst aufgesucht haben, denn die Visitenkarte an ihn (siehe oben) liegt dem Brief nicht mehr bei – anders als die Visitenkarte an Karl Henckell (die erhaltene Beilage zum vorliegenden Brief), den er insofern wohl nicht aufgesucht hat.. Er
würde Sie auch ohne die Carte auf das freundlichste empfangen. Er war auf
der | Durchreise nach EnglandElias Tomarkin hat Wedekind auf der Durchreise nach London in Paris am 18.3.1893 besucht [vgl. Frank Wedekind an Armin Wedekind, 20.3.1893]; er heiratete am 21.3.1893 in London die 25jährige Jeannette Althausen aus Wilna, am 6.4.1893 kam in London ein gemeinsamer Sohn zur Welt [vgl. Rogger/Herren 2021, S. 186]. zwei Tage hier und ich habe ihn auf Ihren
Besuch aufs beste vorbereitet. Sollten Sie die Züricher Gesellschaft etwas
schweigsam finden, so machen Sie meine Empfehlung nicht dafür verantwortlich.
Es liegt in der Luft. Die Herren verständigen sich unter einander schon fast nur
mehr vermittelst der Gebärdensprache. – Und nun noch einmal herzlichen Dank für
Ihre Liebenswürdigkeit. Viel Glück auf dem Weg und Herzenswärme für das sonnige
Italien.
Mit
herzlichem Gruß Ihr Fr. Wedekind
Vielleicht
schreiben Sie mir gelegentlich wieder, aus Zürich oder auch vorher, wenn Sie
eine freie Minute finden.
[Beilage:]
Paris
29.III.93.
Lieber
Carl,
ich
habe dir noch für dein BuchKarl Henckells neuer Lyrikband „Aus meinem Liederbuch“ (1892) war inzwischen bei Wedekind eingetroffen, der das Buch im letzten Brief an den Freund noch erwartet hatte [vgl. Wedekind an Karl Henckell, 9.1.1893]. nicht gedankt, so großen Genuß es mir bereitet. In
Herrn Carl Muth empfehle ich dir einen verständnißvollen VerehrerWedekind hat dagegen am 3.12.1892 über Carl Muths Verständnis von Karl Henckells Gedichtband „Diorama“ (1890) notiert: „In Henckells Diorama findet er nur diejenigen zwei Gedichte schön, auf die ich ihn zufällig aufmerksam gemacht habe.“ [Tb] Deiner
Dichtungen, einen lieben FreundWedekinds Charakterisierung seines Bekannten Carl Muth im Tagebuch, mit dem er lediglich verkehrte, da er nach der Abreise seines Freundes Hans Richard Weinhöppel von Paris Gesellschaft vermisste, spricht dagegen eine andere Sprache [vgl. Hay 1986, S. 224-234, 247f., 252]; so notierte er zum Beispiel am 3.12.1892 über den Antisemiten und dessen Neigung zum Opportunismus: „Er ekelt mich an, daß ich mich versucht fühle ihm den Laufpaß zu geben. [...] Ich sage ihm, ein anständiger Mensch sei kein Antisemit und ein Antisemit kein anständiger Mensch, worauf er seinen Antisemitismus einschränkt, behauptet, es sei eine Gefühlssache, der noch die richtige Bezeichnung fehle, er möchte es Nationalismus nennen.“ [Tb] Oder am 21.12.1892: „Ich gehe nach Hause um zu arbeiten, bald aber stellt sich Herr Muth ein. Nach einigen nichtssagenden Worten beißt er den Chauvinisten heraus und ich ereifre mich ihm gegenüber. Wir schließen mit einem inhaltslosen Zank über die Worte Sinnlich und Geil.“ [Tb] von mir und | zukünftigen RedacteurCarl Muth war zwar in Paris und Rom bereits Korrespondent für das „Mainzer Journal“ (siehe oben), er sollte aber nach einem Volontariat 1893 bei der katholischen Zeitung „Germania“ in Berlin 1894 Redakteur der Straßburger Tageszeitung „Der Elsässer“ werden, als solcher dann auch erstmals als Journalist in Neuburg bei Straßburg im Elsass bei Joseph Kürschner verzeichnet [vgl. Deutscher Litteratur-Kalender auf das Jahr 1995, Teil II, Sp. 863]., der
um seinen Beruf um so gewissenhafter erfüllen zu können, vorher noch einmal die
Welt durchwandertWedekind hat am 3.12.1892 in Paris über Reisen Carl Muths, der eigentlich Missionar werden wollte, notiert: „Er ist in den Niederlanden, in Spanien in Italien und Africa gewesen, ohne daß ihm was Bemerkenswerthes dabei aufgefallen wäre.“ [Tb]. – Bei Thomars BesuchElias Tomarkin hat Wedekind zweimal in Paris besucht (siehe oben). habe ich herzlich bedauert daß du nicht
mitgekommen. Mich zieht mein Herz jetzt nach EnglandWedekind reiste dann Monate später in der Tat nach England, am 23.1.1894 nach London [vgl. Tb], wo er etwa ein halbes Jahr blieb und dann nach Paris zurückkehrte.. – Mit den besten Grüßen
dein treuer Fr.W.
BENJ.
FRANK WEDEKIND
4, rue
Crébillon
[Kuvert:]
Italie adressé
Monsieur
Charles Muth.
Via Babuino 76. p. 2.
Roma.
Expedié
par(frz.) Abgesendet von. Fr. Wedekind
4, rue Crébillon.