München, Türkenstraße 69. IIWedekind war seit dem 14.7.1898 wieder unter der früheren Adresse in München (Türkenstraße 69, 2. Stock) gemeldet [vgl. EWK/PMB Wedekind].. – 28. August 1898.
Lieber Herr Bierbaum,
Ihre VerlegerRichard Schuster und Ludwig Loeffler, Inhaber des Verlags Schuster & Loeffler in Berlin (Luckenwalderstraße 1) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1899, Teil I, S. 1382], der Ende 1895 gegründet wurde [vgl. Kuhbandner 2008, S. 138] und 1896 den Münchner Verlag Dr. E. Albert & Co. übernommen hatte [vgl. Kuhbandner 2008, S. 291], in dem 1892 und 1893 die beiden zustande gekommenen Bände des von Otto Julius Bierbaum herausgegebenen „Modernen Musen-Almanach“ herausgekommen sind (im zweiten Band Wedekinds Fragment „Elin’s Erweckung). Otto Julius Bierbaums Werke erschienen inzwischen bei dem Verlag Schuster & Loeffler, bei dem später die beiden ersten Jahrgänge (1899 und 1900) der Zeitschrift „Die Insel“ (mitherausgegeben von Otto Julius Bierbaum) in Kommission verlegte waren [vgl. Kuhbandner 2008, S. 125]., die Herren Schuster und Löffler wollen mich
wegen eineSchreibversehen, statt: einer. zwei Jahre alten Schuld1896 hatte Wedekind offenbar von Schuster & Loeffler 100 Mark für seine dann in dem Sammelband „Die Fürstin Russalka“ (1897) im Albert Langen Verlag erschienenen Erzählungen erhalten und als Pfand ein „Mine-Haha“-Manuskript hinterlegt (siehe unten). von Mk. 100 verklagenHinweis auf die Klageandrohung durch den Berliner Rechtsanwalt Paul Jonas (siehe unten)., wenn
sie es nicht schon gethan haben. In einem ausführlichen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Schuster & Loeffler (Verlag), 25.8.1898. suchte ich den
Herren klar zu machen, daß ein solchen Vorgehen in diesem Moment I
ihnen eventuell wenig Nutzen, mir dagegen unverhältnißmäßig großen Schaden
bringen kann. Außer meinem Schuldschein haben die Herren ein allerdings
unvollendetes RomanmanuscriptWedekinds Romanfragment „Mine-Haha“ [KSA 5/I, S. 839-883], das als Vorabdruck dann in drei Folgen von April bis Juni 1901 in der von Schuster & Loeffler in Kommission verlegten Zeitschrift „Die Insel“ (herausgegeben von Otto Julius Bierbaum, Alfred Walter Heymel und Rudolf Alexander Schröder) erschien [vgl. KSA 1/I, S. 1061]. Der „Insel“-Mitherausgeber Rudolf Alexander Schröder erinnerte sich später [vgl. KSA 5/I, S. 1055] an einen Besuch bei den Verlegern: „man saß zu dritt im Berliner Büro von Schuster und Loeffler, den Verlegern Bierbaums, Liliencrons und Dehmels, die auch unsern Verlag betreuen sollten [...]. Ich erinnere mich noch des Augenblicks, in dem einer der beiden Herren uns aus einem Geldschrank das Fragment der ‚Mine-Haha‘ von Frank Wedekind hervorlangte, das als Pfand für eine Schuld dort aufbewahrt lag“ [Rudolf Alexander Schröder: Aus Kindheit und Jugend. Erinnerungen und Erzählungen. Hamburg 1935, S. 176]. von mir in einziger Abschrift
in Händen, daßSchreibversehen, statt: das. ich um keinen Preis der Welt verloren geben möchte | und welches
einzulösen ich nur den ersten günstigen Moment abwarte. Ich habe seit zwei
Jahren selten oder nie mehr als 50 Mk auf einmal in Händen gehabt und ein Blick
auf mein Äußeres genügt jedem vernünftigen Menschen um mir das
anzusehen. Nun bin ich aber wie Sie wissen im Begriff meine Dramen zu verwerthen
und kann über kurz oder lang wirklich größere Einkünfte erzielen. Das alles
schrieb ich den Herrenin dem nicht überlieferten Brief an Schuster & Loeffler (siehe oben). und erhielt eine Antwortnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Schuster & Löffler (Verlag) an Wedekind, 26.8.1898. in
verächtlichstem Ton darauf, daß meine Dramen und meine Schauspielerei IhnenSchreibversehen, statt: ihnen.
vollkommen Wurst seien e. ct. e. ct. Die Herren haben mir die Mk.
100 seinerzeit auf die Novellen in der Fürstin RussalkaWedekinds offenbar zunächst für eine Veröffentlichung bei Schuster & Löffler in Berlin vorgesehene acht Erzählungen, die dann unter dem Titel „Seelenergüsse“ im Sammelband „Die Fürstin Russalka“ (1897) im Albert Langen Verlag in München erschienen sind [vgl. KSA 5/I, S. 600-602, 604]. gegeben, wollten
dieselben aber nachdem sie erfahren daß ich mit Langen im Streit | lag nicht
drucken um ihr gutes Einvernehmen mit Langen nicht zu trüben. Ich haben
Ihnen seither alles was ich geschrieben zur Einsicht vorgelegt ohne daß etwas
ihre Billigung gefunden. Vor wenigen Tagen erhalte ich nun unter Androhung der
Klage einen Zahlungsbefehlnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Paul Jonas an Wedekind, 23.8.1898. Paul Jonas in Berlin (Steglitzer Straße 66) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1898, Teil I, S. 581] war als Rechtsanwalt für Schuster & Loeffler tätig [vgl. Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Jg. 39, Nr. 69, 23.3.1900, S. 5]. von ihrem Advocaten Jonas in Berlin. Es erinnert
mich das vollkommen an die Geschichte von dem ℔Pfundzeichen (1 Pfund = ½ Kilo). Fleisch das Shilock dem AntonioAnspielung auf den Preis des Darlehens, das der Geldverleiher Shylock dem Kaufmann Antonio in William Shakespeares Drama „Der Kaufmann von Venedig“ („The Merchant of Venice“) gewährt; werde es nicht rechtzeitig zurückgezahlt, dürfe der Gläubiger dem Schuldner ein Stück Fleisch aus dessen Körper herausschneiden: „Laßt uns ein volles Pfund von Eurem Fleisch / Zur Buße setzen, das ich schneiden dürfe / Aus welchem Teil von Eurem Leib ich will.“ (Shylock zu Antonio, Szene I/8)
aus den Rippen schneiden will, denn bei dem Stand meiner Habe
ist eine PfändungWortspiel in Anknüpfung auf die vorangehende Shakespeare-Anspielung (siehe oben) durch die Wortähnlichkeit zwischen ‚Pfund‘ und ‚Pfand‘ (das bei Schuster & Loeffler hinterlegte Manuskript von „Mine-Haha“). bei mir für die Herren absolut aussichtslos, wogegen mir der
Skandal meine ganze Position hier in MünchenWedekind war seit dem 21.8.1898 als Dramaturg und Schauspieler am Münchner Schauspielhaus (Direktion: Georg Stollberg) engagiert [vgl. Wedekind an Beate Heine, 25.8.1898]. wieder ruiniren kann. Insofern
ist es thatsächlich ein lebendiges Stück Fleisch, was man mir aus den Rippen
schneiden will.
Ich glaube nichts Unpassendes zu thun, wenn | ich Sie bitte,
lieber Herr Bierbaum, Ihren Einfluß bei den Herren zu meinen Gunsten geltend zu
machen. Vor einigen Tagen erhielt ich eine Anfragenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wilhelm Rocholl an Wedekind, 19.8.1898. Der Autor ist ungesichert, war aber wohl ein für Schuster & Loeffler tätiger Rechtsanwalt in Bonn (siehe unten). von IhremSchreibversehen, statt: ihrem. Rechtsanwalt in Bonnmöglicherweise der Rechtsanwalt Wilhelm Rocholl in Bonn (Meckenheimerstraße 59) [vgl. Adress-Buch der Stadt Bonn 1898, S. 214], der in Verbindung mit dem Verlag Schuster & Löffler gestanden haben könnte, welcher die Werke von Detlev von Liliencron und Richard Dehmel verlegte. Detlev von Liliencron schrieb über ihn am 3.1.1897 an Richard Dehmel: „Herrn Rechtsanwalt W. Rocholl in Bonn. Er ist der größte Kenner und Liebhaber der neusten deutschen Litteratur.“ [Detlev von Liliencron: Ausgewählte Briefe. Hg. von Richard Dehmel. Bd. 2. Berlin 1910, S. 84] Wilhelm Rocholl war der Mitteilung des Amtsgerichts Bonn zufolge ab dem 29.9.1898 dort nicht mehr als Rechtsanwalt tätig: „Der zur Rechtsanwaltschaft bei dem hiesigen Amtsgerichte zugelassene Rechtsanwalt Rocholl in Bonn ist heute in der Rechtsanwaltsliste des Amtsgerichts auf seinen Antrag gelöscht.“ [Deutscher Reichs-Anzeiger, Nr. 234, 3.10.1898, abends, 4. Beilage, S. (3) S. (17)] Er zog von Bonn nach Dortmund, wo er im Alter von 37 Jahren an Influenza starb.,
die ich ebenfalls sofort nach Empfang meinem besten Wissen entsprechend
beantworteteHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Wilhelm Rocholl, 20.8.1898. Der Empfänger ist ungesichert, war aber wohl ein für Schuster & Loeffler tätiger Rechtsanwalt in Bonn (siehe oben).. Was mich an der Sache am meisten ärgert ist das Unlogische, das Widersinnige in dem Vorgehen der Herren. Ich habe Schuldner
Gläubiger in ziemlicher Anzahl, meistens weniger gut situirt als die Herren
Schuster und Löffler, die aber sämmtlich ruhig abwarten in der einfachen
Erwägung, daß es der schlechteste Weg ist zu ihrem Gelde zu kommen, wenn sie mich/r/
jetzt gerade wo ich die erste Sprosse erklommen, mit ihren Forderungen den
weiteren Aufstieg erschweren oder unmöglich machen. Die Mahnung der Herren
Schuster und Löffler ist thatsächlich die erste und einzige, die ich überhaupt
in diesem Leben erhalten. Mit den herzlichsten Grüßen an Ihre verehrte Frau
GemahlinAugusta Bierbaum (geb. Rathgeber), Otto Julius Bierbaums erste Ehefrau, die mit ihm auf Schloss Englar in Eppan bei Bozen lebte. und Sie Ihr ergebener Frank Wedekind.
WeinhöppelHans Richard Weinhöppel, Kapellmeister und Gesangspädagoge in München (Corneliusstraße 4, 1. Stock) [vgl. Adreßbuch von München auf das Jahr 1899, Teil II, S. 113], der Wedekinds Bekanntschaft „im Hochsommer 1890 in einem Münchner Bierkeller“ [Hans Richard Weinhöppel: Erinnerungen an Frank Wedekind. In: Kölnische Zeitung, Nr. 179, 31.3.1931, Abend-Ausgabe, Unterhaltungsblatt, S. (1)] gemacht hatte, seit der gemeinsamen Zeit 1892 in Paris mit ihm befreundet war [vgl. Tb] und nach einigen Jahren in New Orleans „Ende 1896 wieder in München auftauchte“ [Halbe 1935, S. 314], eher im Sommer 1896, war mit Wedekind seitdem wieder in engem Kontakt. und seine Freundin MizziMizzi Ledermann, jene „Freundin Weinhöppels mit dem Namen Mizzi“ [KSA 4, S. 661], der Wedekind im Vorjahr Grüße ausgerichtet hat [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 1.4.1897]. Wedekind hat in seinem Entwurf „Schema eines Dramas“ (1897) die Beziehung zwischen den Figuren „R.W.“ (= Richard Weinhöppel) und „M.L.“ (= Mizzi Ledermann) skizziert: „R.W. und M.L. – M.L. treibt die Künstlerschaft bis zur Hurerei.“ [KSA 4, S. 305] „R.W. und M.L. – R.W. hält um M.L.’s Hand an.“ [KSA 4, S. 306] bitten mich, Ihnen und
Ihrer Frau Gemahlin die besten Grüße zu melden.