Berlin 26/8.97Wedekind hat den Brief vom 26.8.1897 in einem Entwurf zum 9. Auftritt des Einakters „Der Kammersänger“ als Quelle für einen Monolog Helene Marowas genutzt, auf dem er „Scene mit J.R.“ sowie „Aussprüche von J.R.“ notierte; einige davon sind dem vorliegenden Brief entnommen: „‚Ich [...] komme vor Sehnsucht um.‘ – ‚G. wird mißtrauisch [...]‘ – ‚Du mein Alles.‘“ [KSA 4, S. 331].
Lieber, lieber Frank!
Ich kann nicht anders, muss Dir so
schreiben, komme vor SehnsuchtWedekind, der mit Julia Rickelt (geb. Woelfle), seit dem 21.5.1891 verheiratet mit Gustav Rickelt [vgl. Wer ist’s? 1911, S. 1177], dem mit Wedekind befreundeten Schauspieler und Regisseur am Berliner Residenztheater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1898, S. 285], ein heimliches Liebesverhältnis hatte, ist am 17.8.1897 aufgrund des möglichen Skandals, der wegen dieser Affäre drohte, am 17.8.1897 von Berlin nach Dresden umgezogen [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 23.8.1897]. Kennengelernt hat er die junge Polin 1890 in München, Gustav Rickelt machte sie „mit Wedekind, Scharf, Rudinoff bekannt“ [Rickelt 1930, S. 167]. Die Liebesaffäre dürfte in Berlin begonnen haben, wo Julia Rickelt mit ihrem Mann wohnte (Lessingstraße 54) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1898, Teil I, S. 1084]. um. Wann kommst Du? Schreibe mir doch bitte p.A.
Magdeburger Str.Bei der Deckadresse handelte es sich offenbar um die Redaktion der „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus“, deren Chefredakteur ein befreundeter Schriftsteller war: „Verleger und verantwortlicher Redakteur: Ludwig Scharf, Magdeburgerstr. 13.“ [Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Jg. 7, Nr. 34, 21.8.1897, S. 272] Die Magdeburger Straße 13 war zugleich der Sitz des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, dessen Vorsitzender wiederum Gustav Rickelt war [vgl. Adreßbuch für Berlin 1898, Teil II, S. 155]. Julia Rickelt nennt in einem anderen Brief einen gewissen „S.“ [Julia Rickelt an Wedekind, 1.9.1897] als Kontaktperson ‒ Ludwig Scharf. Gustav Rickelt erzählte später von Ludwig Scharfs Antritt der Redakteursstelle; der Freund sei Ende 1896 nach Berlin gekommen, habe so schnell keine Wohnung gefunden, und so „hausten in meiner Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Lessingstraße: Ich, meine Frau und Tochter, Wedekind und Scharf mit Frau und zwei Kindern.“ [Rickelt 1930, S. 244] Es geht wirklich nicht, dass wir so gleichgiltig an uns denken
sollen, wenigstens ich nicht. Wenn Du also kannst, so komme doch so bald als möglich, und/b/edingt vor dem 1ten.
G. will auf drei Tage 1te 2te 3te in den | Harz mit mir.
Du könntest eventuell dann kommen, ich wäre untröstlich, vielleicht lässt aber
sich’s aber einrichten, dass Du
mitkommst. Ich kämpfe vergebens, um mich zu beruhigen G. wird
misstrauisch, vielleichSchreibversehen, statt: vielleicht. geht es besser, wenn ich Dich mal wiedersl/e/he.
Bitte bitte schreibe mir wenigstens Du mein Alles. Mit voller Liebe
immer
Die Deinige.