Sehr geehrter Herr von FickerLudwig von Ficker, Herausgeber und Verleger der Zeitschrift „Der Brenner. Halbmonatsschrift für Kunst und Kultur“ (Innsbruck), die am 29.3.1913 in München den von Wedekind besuchten „Karl Kraus Vortrag“ [Tb] veranstaltet hat. Die Münchner illustrierte Wochenschrift „Zeit im Bild“ brachte dazu einen Schmähartikel „Karl Kraus“ mitsamt antisemitischer Karikatur [vgl. Zeit im Bild, Jg. 11, Nr. 15, 9.4.1913, S. 770; vgl. Ender/Fürhapter/Pfäfflin 2017, S. 57], auf den Ludwig von Ficker erst später aufmerksam wurde, wie er am 9.5.1913 an Karl Kraus schrieb: „Das Schändliche, das in ‚Zeit im Bild‘ über Sie zu lesen und zu sehen war [...] drängt mich zur Erfüllung einer Gewissenspflicht, [...] nämlich: durch eine Rundfrage das Urteil jener über Sie und Ihr Werk festzustellen, denen vielleicht weniger der innere Antrieb als vielmehr die äußere Gelegenheit fehlte, ihrer Stimme eine Geltung zu verschaffen, die nicht den Anschein allzupersönlicher Initiative erweckt.“ [Ender/Fürhapter/Pfäfflin 2017, S. 58] Er wandte sich „an eine Reihe namhafter Schriftsteller mit einem Rundschreiben [...], dessen Text verloren ist; Rückantwort erbittet er an den Brenner-Verlag.“ [Ender/Fürhapter/Pfäfflin 2017, S. 59] Die „Rundfrage über Karl Kraus“ erschien in drei Heften [vgl. Der Brenner, Jg. 3, Heft 18, 15.6.1913, S. 835-852; Heft 19, 1.7.1913, S. 898-900; Heft 20, 15.7.1913, S. 934-935], im ersten Teil ein „Vorwort des Herausgebers“, der darlegte: „Ein Vorleseabend von Karl Kraus [...] gab einer Münchner Wochenschrift, [...] ‚Zeit im Bild‘ betitelt, die anscheinend erwünschte Gelegenheit, nebst einer bildlichen Karikatur eine pseudonyme Würdigung des Genannten zu veröffentlichen, die an Niedrigkeit des kritischen Niveaus alles unterbietet, was nach jahrelangem Stillschweigen sich als Reaktion der Notwehr gegen die polemische Bedeutung dieses Schriftstellers zu erheben suchte. [...] Es schien uns daher dem Geiste dieser Zeitschrift nicht zu widerstreiten, wenn wir [...] uns dafür einsetzten, das Zeugnis Urteilsfähiger gegen einen Unfug aufzubieten, der seinen stärksten Ausdruck darin finden dürfte, daß der Name eines Schriftstellers, der das deutsche Schrifttum der Gegenwart in entscheidendster Weise bereichert und beeinflußt hat, [...] nicht [...] geziemend gewürdigt ist. [...] Und damit sei das Wort an jene abgetreten, die unserer Einladung gefolgt sind“ [Der Brenner, Jg. 3, Heft 18, 15.6.1913, S. 835-837]; das waren im ersten Teil der Umfrage in dieser Folge: Else Lasker-Schüler, Richard Dehmel, Frank Wedekind, Thomas Mann, Peter Altenberg, Georg Trakl, Otto Stoessl, Adolf Loos, Salomo Friedländer, Peter Baum, Carl Dallago, Arnold Schönberg, Ludwig Erik Tesar, Walter Otto, Karl Borromäus Heinrich, Karl Hauer, Robert Scheu, Albert Ehrenstein, Jörg Lanz von Liebenfels, Hermann Wagner, Hermann Broch, Stefan Zweig.!
in der Einlage beehre ich mich, Ihnen einige Zeilendas beiliegende Manuskript „Karl Kraus“, Wedekinds Beitrag zur „Rundfrage über Karl Kraus“ [vgl. KSA 5/II, S. 492; KSA 5/III, S. 711f.] in Ludwig von Fickers Zeitschrift „Der Brenner“ [vgl. Der Brenner, Jg. 3, Heft 18, 15.6.1913, S. 839]. über
Karl Kraus zu senden.
Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochschätzung
Ihr ergebener
Frank Wedekind.
München 3.6.13.
[Beilage:]
Karl Kraus,
der mutigste Kämpfer Österreichs, kämpft als Ethiker unter
den ersten Geistern der Welt für sittliche Werte, deren Verwirklichung uns das
nächste Jahrhundert bringen kann und die dann sicherlich zu den höchsten
Schätzen gezählt werden, die die Menschheit sich abgerungen. Seine
außerordentliche Begabung für das TheaterKarl Kraus, der als junger Mann schauspielerische Ambitionen verfolgt hatte und ein „Theatromane“ [Fischer 2020, S. 45] war, hatte die legendäre Wiener Premiere von Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ am 29.5.1905 organisiert, an der er auch als Conférencier, Schauspieler und Ko-Regisseur mitwirkte. Wedekind nannte sie „die erfolgreichste Aufführung meines Lebens“ [Wedekind an Karl Kraus, 22.12.1906]. ließ Karl Kraus bis jetzt leider fast
gänzlich brach liegen. Er wäre der erste, der dem Schauspieler den Weg zu der
DarstellungskunstWedekind schlägt hier ein Thema an, das er in seiner Broschüre „Schauspielkunst. Ein Glossarium“ (1910), in der Karl Kraus jedoch nicht erwähnt ist, für ein größeres Publikum entwickelt hatte. zeigen könnte, die unsere Zeit erfordert.
Daß er sich dieser großen Aufgabe nicht widmet, liegt einzig an ihm. Die Bühne
wartet nur darauf, ihn mit offenen Armen zu | bewillkommnen und sich sein
überlegenes Verständnis und sein praktisches Können zunutze zu machen.
Frank Wedekind.