Sonntag den 28ten Mai 99
Lieber Herr Wedekind;
Warum sehe ich Sie nicht?Wedekind plante, Paris am 30. oder 31.5.1899 zu verlassen [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 25.5.1899] und sich in Leipzig den Behörden zu stellen, um seine im Zuge der Majestätsbeleidigungsaffäre um den „Simplicissimus“ [vgl. KSA 1/II, S. 1710] zu erwartende „Strafe abzusitzen“ [Wedekind an Georg Stollberg, 28.5.1899]. Habe ich Sie
ohne es zu ahnen in etwas verletzt? Das scheint mir unmöglich. Dazu
kommt, daß Sie in letzter Zeit Ueberraschungen gehabt haben, die Ihnen nichts
weniger als erfreulich gewesen sein können! – Das Alles seh u begreife ich aus
der Ferne u habe deshalb das Bedürfniß Sie zu sprechen. Wenn Sie Ihren
Bruder DonaldDonald Wedekind war kürzlich in Paris eingetroffen [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 22.5.1899], aber möglicherweise bereits nach Zürich abgereist oder im Begriff, dies zu tun [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 25.5.1899]. sehen, sagen Sie ihm, bitte, in seinem Interesse,
den Besuch bei H. Widorbei dem Komponisten („compositeur de musique“) Charles-Marie Widor in Paris (Passage de l’Abbaye 3-5) [vgl. Paris-Adresses 1898, S. 735], dem Hans Kaeslin (siehe unten) Deutschunterricht gab (was nun Donald Wedekind übernehmen sollte), wie er sich erinnerte: „Unter den Menschen, mit denen ich in Paris in Beziehung trat, muß ich den Komponisten Charles Marie Widor nennen [...]. Da er gelegentlich den Aufführungen seiner Werke in Deutschland beiwohnte, wünschte Widor ein wenig Deutsch zu lernen und wählte mich dazu, ihm die nötigen Stunden zu geben.“ [Kaeslin 1940, S. 72] nicht
auf die lange Bank zu schieben, da es mehr als wahrscheinlich, daß er die
verlassene Stelle dort wieder antreten kann. – Herr KäslinDr. phil. Hans Kaeslin, Lehrer, Übersetzer und Schriftsteller aus Aarau, erinnerte sich: „Als ich nach drei Jahren nochmals nach Paris kam, war Wedekind wieder da: er hatte wegen eines Spottgedichts auf Wilhelm II. [...] in die Schweiz flüchten müssen, um der Verhaftung zu entgehen. [...] Er sagte, es sei eine grosse Dummheit von ihm gewesen, sich dem auszusetzen in einem Zeitpunkte, da er sich durchzuringen im Begriffe stand. So beschloss er denn auch, sich den deutschen Behörden zu stellen. Ich verbrachte die Nacht bevor er abreiste, mit ihm [...] und [...] begleitete [...] ihn zur Bahn“ [Kaeslin 1940, S. 74]. Wedekind hatte ihn in Paris auch „bei Frau Emma Herwegh, der hochbetagten Gattin des revolutionären Dichters aus den vierziger Jahren des Jahrhunderts, eingeführt.“ [Kaeslin 1940, S. 75],
den ich vor wenigen Tagen | gesprochen, sagte mir, daß die Vormittagstunde von
11 – 12 bei genanntem Herrn ihm nicht convenirekonvenieren = zusagen, gefallen, passen, annehmbar sein., weil sie
ihm den ganzen Morgen abschneide – ein Umstand der Ihrem Bruder, der keine regelmäßige
Beschäftigung hat aber sucht, nur willkommen sein muß. Ist Ihre
Arbeit vollendetWedekind hat am 22.5.1899 in Paris die Überarbeitung seines Dramas „Ein gefallener Teufel“ (später: „Marquis von Keith“) abgeschlossen [vgl. KSA 4, S. 413]., so hoffe ich, bringen Sie mir dieselbe mit, im andern Fall
kommen Sie ohne
dieselbe. Mich dünkt an Stoff zur wirklichen Unterhaltung fehlt’s weder
Ihnen noch mir wenn Sie mir die Freude machen zu kommen.
Mit herzlichem Gruß
Ihre
alte Freundin
E. Herwegh. |
Vielleicht kommen Sie diesen Abend etwas vor, falls
diese Zeilen noch heute in Ihre Hände gelangen.