Herrn
Dr. Franz ServaesDr. phil. Franz Servaes in Weidlingau bei Wien (Laudonstraße 26), Feuilletonredakteur der „Neuen Freien Presse“ [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1911, Teil II, Sp. 1593], der Wedekind von der Redaktionsadresse in Wien geschrieben haben dürfte (siehe unten). Wedekind hat ihn zuletzt am 18.3.1909 in Wien gesehen: „Große Versammlung im Ratskeller Franz-Servies“ [Tb].
tit. Redaktion der
Neuen Freien Presse
Wien Fichtegasse
Sehr verehrter Herr Servaes!
Herzlichsten Dank für Ihre liebenswürdigen Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Franz Servaes an Wedekind, 23.1.1911.. Ich stehe
noch so in Ihrer SchuldWedekinds Dank bezieht sich wohl auf die zustimmende Besprechung der Uraufführung von „Der Stein der Weisen“ an der Kleinen Bühne in Wien am 23.1.1911 (siehe unten) in der „Neuen Freien Presse“ (Feuilletonchef: Franz Servaes): „In den reizenden Räumen der Kleinen Bühne eröffnete heute Frank Wedekind ein kurzes Gastspiel [...]. ‚Der Stein der Weisen‘, eine Geisterbeschwörung, heißt diese jüngste, die mit allen ihren Lastern und Schönheiten ein echtestes Produkt der grüblerischen, frechen und doch manchmal auch so frommen und tiefen Phantasie des Dichters ist. Wer Wedekind haßt, wird in diesem Werke eine Menge trefflicher Angriffspunkte finden, wer ihn liebt, hier des Merkwürdigen und Wundervollen genug finden. Widerspruchsvoll wie der Charakter, wie die Phantasie dieses Dichters ist auch seine Sprache. Man hörte Verse, die weich und voll klangen, und dann wieder Grobes und Unflätiges, im Stil derbster mittelalterlicher Schwänke. Wedekind hat eben diesmal das Kostüm des Mittelalters [...] angelegt. Er erscheint in der Maske eines jener dämonischen Zauberer dieser Zeit, eines faustischen Alchymisten. [...] Wedekind spielte den Zauberer Basislius mit jenem Ernst, der hinter den Grimassen seiner grotesken Kunst verborgen liegt. Die Gestalten seiner Zauberkunst wurden von seiner Gattin Tilly Wedekind verkörpert. Die knabenhaft schlanke Dame sah als Famulus, als junger Ritter und als Harlekin wunderhübsch aus.“ [M.M.: Gastspiel Frank und Tilly Wedekind. In: Neue Freie Presse, Nr. 16676, 24.1.1911, Morgenblatt, S. 12] Bei dem mit „M.M.“ zeichnenden Verfasser der Kritik könnte es sich um Max Milrath gehandelt haben, der dieses Kürzel später im Feuilleton der Wiener Tageszeitung „Der Abend“ benutzte [vgl. Früh 1997, S. 49].. Komme morgen auf die Redaktiondie Redaktion der großen Tageszeitung „Neue Freie Presse“ in Wien (I, Fichtegasse 11) [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1911, Teil V, S. 1585], der Franz Servaes seit 1899 angehörte und dort seit 1904 das Feuilleton leitete.. Abends sind wir |
voraussichtlich die nächsten TageFrank und Tilly Wedekind gaben vom 23. bis 29.1.1911 an der Kleinen Bühne in Wien (siehe unten) ein Gastspiel, bei dem „Der Stein der Weisen“ am 23.1.1911 uraufgeführt wurde (anschließend sechs weitere Vorstellungen), zunächst bis zum 27.1.1911 vorgesehen, dann verlängert, wie Wedekind am 26.1.1911 notierte: „Wir verlängern das Gastspiel um zwei Tage.“ [Tb] nach 10 Uhrnach 22 Uhr. immer in dem RestaurantKleine Bühne, „Wollzeile 34 (Souterrain). Den ganzen Tag geöffnet. Vorzügliche Küche, Getränke. Sehr zivile Preise.“ [Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1911, Teil IV, S. 1529] Wedekind hat das Restaurant im Souterrain des gleichnamigen Theaters (siehe unten) dem Tagebuch zufolge zuerst am 23.1.1911 nach der Gastspielpremiere (siehe oben) aufgesucht („Um 8 Uhr Vorstellung. [...] Uraufführung von Stein der Weisen. Starker Beifall Nachher mit Verwandten und Bekannten im Restaurant der Kleinen Bühne“), dann nochmals am 24.1.1911 („2. Vorstellung. Das Haus ist leer Nachher im Restaurant“), 25.1.1911 („3. Vorstellung. [...] ins Restaurant“), 26.1.1911 („4. Vorstellung. [...] im Restaurant“) und 29.1.1911 („7. Vorstellung. Nachher [...] im Restaurant“). der
„Kleinen BühneDie Kleine Bühne (Direktion: Friederike Gutmann-Umlauft) in Wien (I, Wollzeile 34) [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1911, S. 45] mit einem im Jugendstil ausgestatteten Theatersaal mit 400 Plätzen hatte erst am 4.10.1910 eröffnet – „Josef Josephi und Frau Gutmann-Umlauft haben mit der Kleinen Bühne eine neue Theaterform nach Wien gebracht. Sie will ein Theatertypus für den modernen Großstädter sein: auf der Bühne ein leichtes literarisches Genre [...] und in einem ganz intimen Zuschauerraum Bequemlichkeiten, die über jene, die das landläufige Theaterparkett zu bieten vermag, hinausgehen. [...] Frau Friederike Umlauft hatte den Ruf, der ihr als Diseuse, insbesondere als Interpretin moderner Autoren aus München voranging, in Wien zu bewähren. Sie sang Wedekinds feine Ballade ‚Das blinde Kind‘“ [Wiener Allgemeine Zeitung, Nr. 9755, 6.10.1910, S. 4]“ – und schloss schon bald wieder (im Sommer 1911 Konkurs).“. Wenn Sie einen Abend dort hinkommenFranz Servaes scheint nicht gekommen zu sein. Wedekind notierte ein Treffen mit ihm erst wieder am 3.3.1912 [vgl. Tb]. wollten, könnten wir uns
ausgiebiger aussprechen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie sehr ich mich
darüber freuen würde.
Mit herzlichsten Grüßen
Ihr ergebener Frank Wedekind.