Kennung: 5823

München, 9. November 1885 (Montag), Brief

Autor*in

  • Wedekind, Frank

Adressat*in

  • Jahn, Bertha

Inhalt

München, 9. Nov. 85.


Meine liebe Hochverehrte!! Frau Tante,

Seit acht TagenWedekind kehrte vermutlich am 2.11.1885 zum Studium nach München zurück [vgl. Frank Wedekind an William Wedekind, 28.10.1885]. bin ich jetzt wieder hier und hatte derweil Zeit genug mich einzugewöhnen (das wird einem nicht so leicht wenn man von Lenzburg kommt) und mich häuslich einzurichten. Erlauben Sie mir nun [drei durchgestrichene Kreisevermutlich Chiffre für drei Küsse.] –– daß ich Ihnen etwas von dem erzähle, was ich seitdem erlebt habe. In Stein bei meiner philosophischen TanteOlga Plümacher, wohnhaft in Stein am Rhein, veröffentlichte philosophiehistorische Bücher zum Pessimismus. war ich nicht, denn ich t/w/ußte nicht, ob sie nicht noch in Berlin weilte und in Zürich bin ich auch nur einen Nachmittag geblieben. Die N nächtliche Fahrt über den BodenseeZwischen Romanshorn auf Schweizer Seite und Lindau verkehrte eine Fähre über den Bodensee. bei frischem Ostwind und sternenklarem Himmel war von Herzerhebender Schönheit. Eine junge Französinnicht identifiziert., die mit an Bord war und an der ich mein baufälliges Französisch wieder ein | wenig auffrischte, half mir den Schlaf überwinden. Von München Lindau bis München hatte ich einen sehr schweigsamen Herrnnicht identifiziert; über seinen Abteilgenossen in der Bahn berichtete Wedekind auch seinem Vater [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 27.11.1885]. zum vis à vis; erst kurz vor München, nachdem ich mehrere Versuche gemacht hatte, ihn zum Sprechen zu bewegen, merkte ich, daß er taubstumm war.

Die ersten Tage in München kamen mir schrecklich lang vor. Ich hatte Heimweh nach InenSchreibversehen, statt: Ihnen., liebe Tante und überhaupt nach Lenzburg. Theater und Concerte, die ich Abends besuchte vermochten kaum mich zu zerstreuen.

Im fliegenden HolländerDie Vorstellung von Richard Wagners Oper „Der fliegende Holländer“ fand am 5.11.1885 im Königlichen Hof- und Nationaltheater München statt und begann um 19 Uhr [vgl. Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 38, Nr. 308, 4.11.1885, Erstes Blatt, S. 3]. saß ich neben einer Musikschülerinnicht identifiziert., mit der ich per Zufall auch auf AngelikaVon Wedekind erfundene Münchner Geliebte, mit der er das bestehende erotische Verhältnis zu seiner Tante Bertha Jahn mithilfe dieses „fingierten Distanzierungs- und Täuschungsversuchs“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 120] aus der Ferne zu beenden suchte. Er widmete Angelika sogar Gedichte [vgl. KSA 1/I, S. 203f. und 1011f.]. Im Dezember 1885 ließ er sie sterben, nicht ohne noch angeblich an ihren offenen Sarg gereist zu sein [vgl. Wedekind an Bertha Jahn, 2. bis 30.12.1885]. zu sprechen kam. Sie kannte sie sehr gut, sagte aber, sie sei seit 14 Tagen verschwunden und niemand wisse wohin. Ich erschrak. Am folgenden Tage vernahm ich daß ihr Vater sie nach Passau zurückgerufen und daß ihre Tante mit gegangen sei. Meinen letzten Brief, der nach ihrer Abreise angelangt sei, habe man ihr nach geschickt. – Arme Angelika! Ich | konnte mich ihretwegen einer stillen Thräne nicht enthalten. –

Die Lilie schwanktWedekind zitiert hier den ersten Vers eines seiner Gedichte (ohne Titel) [vgl. KSA 1/I, S. 88 und Kommentar KSA 1/II, S. 1337f.] von 1882/83, das eine erloschene Liebe thematisiert. im Winde e. ct.

Heute Mittag w/st/and ich zum ersten Male wieder vor der MadonnaWelches Bild von Tizian Wedekind hier meint, ist unklar; in der Alten Pinakothek gab es drei Madonnengemälde von Tizian, in Schacks Gemälde-Galerie mindestens eines [vgl. München. Führer durch die Stadt und Umgebungen. München 1881, S. 38 und 64]. von Tizian, die ich seit vier Monaten, der Zeit, seitdem ich sie nichSchreibversehen, statt: nicht. gesehen, immer tr in treuer Verehrung im Herzen trug. Heute schien es mir aber, daß sie sich sehr zu ihrem Nachtheil verändert habe. Ich war unangenehm enttäuscht. Mein Geschmack ist seither offenbar ein anderer geworden.

Auf meiner Bude sieht es jetzt sehr gemüthlich aus, des Abends all’mal, wenn das Feuer im Ofen knistert und die Lampe ihren traulichen Schimmer über den Tisch breitet. Vor mir auf dem Tische steht die hl. MagdalenaDas Brustbild der büßenden Magdalena (Ölgemälde um 1753/55) von Graf Pietro Antonio Rotari hängt in der Gemälde-Galerie in Dresden [vgl. Karl Woermann: Katalog der königlichen Gemäldegalerie zu Dresden. Dresden 1892, S. 71] und war ein beliebtes Motiv für Reproduktionen und Postkarten. von Rotari, die Sie mir einst schenkten und erinnert mich mit ihrem süßen Sünderinnenantlitz immer an den unendlichen Vorzug in moralischer aber und besonders auch in ästhetischer Beziehung, den gewisse liebenswürdige Laster vor der strengen engen kleinlichen peinlichen Priester- und Philister-Tugend haben. Aber wie manchem/s/ Opfer wird noch fallen, wie mancher Märtyrer noch sterben müßen, bis die dünkelhafte tugend|stolze Menschheit auch in dieser Richtung ein mal christlich wird. Ein solches Opfer, eine solche Märtyrerin, eine Magdalena in des Wortes verwegenster Bedeutung ist auch jene Frau Ramlodie Schauspielerin und Schriftstellerin Marie Ramlo. Ihre Ehe mit dem Schriftsteller Ludwig Schneegans endete 1883 nach einer Affäre mit dem Schauspieldirektor Ernst Possart. Seit 1887 war sie in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller Michael Georg Conrad verheiratet und führte den Doppelnamen Marie Conrad-Ramlo. An der Münchner Hofbühne war sie seit 1868 engagiert; zu ihren Paraderollen zählte seit der deutschen Erstaufführung am 3.5.1880 in München die Titelrolle in Henrik Ibsens „Nora“., von der ich Ihnen einst erzählte und die Hammis geniale Hand so treffend scizzirt Armin Wedekinds Skizze ist nicht überliefert; Frank Wedekind hatte während des gemeinsamen Münchner Studiensemesters mit seinem Bruder Armin im Winter 1884/85 offenbar Theateraufführungen mit der Schauspielerin besucht. hat. Vorgestern AbendAusgehend vom Briefdatum wäre das der 7.11.1885; tatsächlich wurde Victorien Sardous Lustspiel „Cyprienne. (Divorçons!)“ am Sonntag, den 8.11.1885, am Münchner Residenztheater gespielt, Beginn war um 19 Uhr [vgl. Königliches Hof- und Nationaltheater München 1885 [Theaterzettel], S. (1562)]. sah ich sie wieder als Cyprienne in einem Familiendrama von Sardou, daß sich in einer reizenden liebeswürdigen äußerst graciösen Frivolität bewegt. Ich hab’ es bei der Gelegenheit durchgesetzt, daß S/s/ie einmal mehr vor die Rampe gerufen wurde; ihr Spiel war in der That unübertrefflich; kein Wunder, sie spielte nur sich selber.

Noch eins, liebe Tante; verzeihen Sie, daß ich in Lenzburg vergaß, Ihnen Ihre GedichteVon Bertha Jahn sind Gedichte in Abschriften von der Hand Wedekinds in zwei Sammlungen überliefert: „Gedichte von Erika“ [Aa, Wedekind-Archiv B, Nr. 26] und „Passionsblüthen von Erica“ [Aa, Wedekind-Archiv B, Nr. 29], die aus den Jahren 1882/83 stammen und alle an den verstorbenen Ehemann Bertha Jahns gerichtet gewesen sein dürften [vgl. KSA 1/I, S. 787f. und S. 988-990]. An Wedekind gerichtet waren dagegen die Verse „An mich“ vom 20.9.1884, vermutlich eine Replik auf Wedekinds Gedicht „Erika“ [vgl. KSA 1/I, S. 788]. Da die Gedichte dem Brief nicht mehr beiliegen, ließ sich nicht ermitteln, um welche Gedichte es sich handelte. zurückzugeben. Ich nehme mir die Freiheit, sie diesem Briefe beizulegen. Mögen diese reizenden Kinderchen ihre Frau Mutter recht gesunde zu Hause antreffen und durch den gefährlichen Umgang mit mir nicht zu viel gelitten haben! – Und nun leben Sie recht wohl, liebe Tante; t/T/ausend herzliche Grüße an Sie und die Ihrigen. Ich bin und bleibe mit Ihrer gütigen Erlaubniß Ihr ganz ergebenster Neffe
Franklin.

Einzelstellenkommentare

Materialität des Dokuments

Bestehend aus 2 Blatt, davon 4 Seiten beschrieben

Schrift:
Kurrent.
Schreibwerkzeuge:
Feder. Tinte.
Schriftträger:
Papier. Doppelblatt. Seitenmaß 16,5 x 21 cm. Gelocht.
Schreibraum:
Im Hochformat beschrieben.

Datum, Schreibort und Zustellweg

  • Schreibort

    München
    9. November 1885 (Montag)
    Sicher

  • Absendeort

    München
    Datum unbekannt

  • Empfangsort

    Lenzburg
    Datum unbekannt

Erstdruck

Gesammelte Briefe. Erster Band

(Band 1)

Autor:
Frank Wedekind
Herausgeber:
Fritz Strich
Ort der Herausgabe:
München
Verlag:
Georg Müller
Jahrgang:
1924
Seitenangabe:
117-119
Briefnummer:
36
Status:
Sicher

Informationen zum Standort

Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

Maria-Theresia-Straße 23
81675 München
Deutschland
+49 (0)89 419472 13

Informationen zum Bestand

Name des Bestandes:
Nachlass Frank Wedekind
Signatur des Dokuments:
FW B 197
Standort:
Münchner Stadtbibliothek / Monacensia (München)

Danksagung

Wir danken der Münchner Stadtbibliothek / Monacensia für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe des Korrespondenzstücks.

Zitierempfehlung

Frank Wedekind an Bertha Jahn, 9.11.1885. Frank Wedekinds Korrespondenz digital. https://briefedition.wedekind.fernuni-hagen.de (03.04.2025).

Status der Bearbeitung

In Bearbeitung
Zum Prüfen bereit
Freigegeben

Erstellt von

Tilman Fischer

Zuletzt aktualisiert

19.02.2025 09:59