Kennung: 5540

München, 27. November 1885 (Freitag), Brief

Autor*in

  • Wedekind, Frank

Adressat*in

  • Wedekind, Friedrich Wilhelm

Inhalt

Freitag 27.XI.84irrtümlich für „85“; später mit rotem Buntstift entsprechend korrigiert..


Lieber Papa,

seit fast einem MonateWedekind kehrte in der Nacht vom 2.11.1885 auf den 3.11.1885 von Lenzburg nach München zurück [vgl. Frank Wedekind an William Wedekind, 28.10.1885]. bin ich nun wieder in München und habe indessen hier genug gesehen und gehört, um einen Brief damit füllen zu können. Meine Reise ging sehr gut von s/S/tatten besonders die Nacht auf dem Bodensee war bezaubernd schön. Von Lindau hierher hat ich nur einen Taubstummen zum Gesellschafter, so daß es ruhig genug war im Coupé(frz.) Eisenbahnabteil., um bequem und fast ununterbrochen schlafen zu können. Mein altes Zimmer fand ich in der besten Ordnung wieder vor und befinde mich seither sehr wohl darin. Es heitzt sich gut | und sieht, wenn Abends die Lampe auf dem Tisch steht brennt, recht wöhnlich und anziehend aus. ––

Den ganzen Morgen habe ich mir mit CollegienVon den Vorlesungen der Juristischen Fakultät besuchte Wedekind demnach bei „Privatdozent K. Advokat Dr. Hellmann: [...] Pandektenrepetitorium, I. Teil, sechstündig wöchentlich, in noch zu vereinbarenden Stunden“, bei „Prof. Geheimer Rat Dr. v. Planck: Zivilprozessrecht in sieben wöchentlichen Stunden, von 9–10 Uhr und Samstags von 9–11 Uhr“ und bei „Prof. Dr. v. Holtzendorff: 1) Strafrecht, fünfmal von 10–11 Uhr; 2) allgemeines Staatsrecht, viermal von 11–12 Uhr“ [Verzeichnis der Vorlesungen an der königlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu München im Winter-Semester 1885/86. München [1885], S. 4]. ausgefüllt. Um Acht Uhr besuch’ ich ein sechsstündiges PandektenrepetitoriumWiederholungsveranstaltung zu den Pandekten, „Justinians Sammlung von Erörterungen, Aussprüchen und Gutachten altrömischer Rechtsgelehrten“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. 12. Bd. Leipzig 1888, S. 649]. Wedekind hatte im Sommersemester dazu bereits eine Veranstaltung besucht [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 27.4.1885]., um 9 Uhr das Civilprozeßrecht 7stündig, um 10 Uhr bei Prof. v. HoltzendorffFranz von Holtzendorff war seit 1872 Professor für Strafrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Strafrecht 5stündig und um 11 Uhr bei demselben allgemeines Staatsrecht, worin 4stündig, worin er ja eine bedeutende Autorität ist. Am Nachmittag gehe ich in einige Publiceöffentliche Vorlesungen an der Universität. Als öffentliche Veranstaltungen der juristischen Fakultät waren im Vorlesungsverzeichnis ausgewiesen: Isländisches Gerichtswesen (Maurer) und Eherecht (Berchtold) [vgl. Verzeichnis der Vorlesungen an der königlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu München im Winter-Semester 1885/86. München [1885], S. 4]; von den vielfältigen öffentlichen Nachmittagsangeboten der philosophischen Fakultät hat Wedekind möglicherweise die Veranstaltungen Shakespeare im Lichte der vergleichenden Literaturgeschichte (Carriere) oder die Hauptmeister der Renaissance (Muther) besucht [vgl. ebd., S. 12 und 16]. Unter den von Wedekind überlieferten Kollegheften trägt eines den Titel „Renaissance“ [vgl. Aa Wedekind-Archiv B 156]. juristischer und philosophischer Facultät. Die Stunde zu 4 Mark bin ich mit meinem Collegiengeld das an die Professoren für das Hören ihrer Veranstaltungen zu entrichtende Geld.gerade ausgekommen; wenn Du mir noch etwa 20 M für einige Bücher, die ich antiquarisch theils gekauft habe, theils noch kaufen muß beilegen wolltest, so wäre ich Dir sehr dankbar dafür. – Daneben hab’ ich mir eine | wundervolle Hose machen lassen, die mit bester Qualität einen sehr graciösen Schnitt und eine äußerst elegante Farbe verbindet; sie paßt besonders gut zu meinem dunkelblauen Rock, den ich des Sonntags zu tragen pflege. Mein krank gewesenes BeinWedekind hatte sich am 3.8.1885 beim Baden eine Rotlauf-Infektion am Bein zugezogen, aus der sich ein Abszess entwickelte, so dass er seit dem 5.8.1885 im Spital behandelt werden musste [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885]. hält sich indessen sehr gut. Die Wunde ist vollständig vernarbt und von der Narbe sieht man auch bald nichts mehr. Dabei ist die Schwäche, die ich in Lenzburg noch oft darin verspürte vollständig gewichen und ich spüre weder Folgen bei langem Gehen noch bei Witterungswechsel darin. Ich will auch hoffen daß es nun so bleibt und bei mir soll es an der nöthigen Sorgfalt nicht fehlen. Die Studentennicht identifiziert., die ich im Krankenhaus kennen lernte, seh ich nun täglich auf der Universität wieder und einmal traf ich auch wieder einen unserer ÄrzteIm Studentensaal des städtischen Krankenhauses links der Isar (Krankenhausstraße 1) war Wedekind während seines Aufenthalts von Prof. Dr. Johann Nepomuk Ritter von Nussbaum sowie den Ärzten Dr. Pfeiffer und Dr. Fessler behandelt worden [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885, 12. und 15.9.1885]. an; es war am ersten AbendWedekind beuchte am 3.11.1885 eine Konzertveranstaltung im Saal des Museums (im Palais Portia in der Promenadestraße 12); die Presse berichtete: „(Quartett-Soirée.) Der erste der von den HH. Walter, Ziegler, Thoms und Wihan veranstalteten Quartettabende fand gestern Abend im Museumssaale statt.“ [Neueste Nachrichten und Münchener Nachrichten, Jg. 38, Nr. 308, 4.11.1885, S. 3] Gespielt wurden Quartette von Haydn, Schumann und Beethoven. den ich in München zubrachte in einer klassischen Quartettsoiree, zu der ich zufällig ein Freibillet erhalten | hatte. – Seit geraumer Zeit tritt nun auch Frau Clara ZieglerDie ehemalige Münchner Hofschauspielerin (1868 bis 1874) war regelmäßig auf den Münchner Bühnen zu Gast. Wedekind hatte sie im Frühjahr mehrfach auf der Bühne gesehen [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 12.3.1885]. wieder auf. Ich habe sie aber noch nicht wieder gesehen. Wie ich hörte soll sie di/ab/er die Amazonenkönigin Penthesilea in der/m/ gleichnamigen Trauerspiel von H. v. Kleist spielen wollenAls Penthesilea war Clara Ziegler, die diese Rolle in der Uraufführung von Kleists Stück in Berlin am 25.4.1876 gespielt hatte, am Münchner Hoftheater erst am 15.6.1892 zu sehen. Ihr nächster Auftritt dort fand am 6.12.1885 in der Titelrolle von Georg Siegerts „Klytämnestra“ statt, gefolgt von zahlreichen Auftritten in verschiedenen weiteren Stücken im Januar und März 1886.. Das müßte allerdings großartig werden und ich würde nicht verfehlen, sie mir ’mal anzusehen. Auch Christine Nilsondie schwedische Sopranistin Christina Nilsson; ihr geplanter Auftritt in München am 5.12.1885 fand nicht statt: „(Christine Nilsson) sollte am vergangenen Samstag zu München im königlichen Odeon vor das Publikum treten. Noch in letzter Stunde wurde aber bekanntlich das Konzert angesagt wegen ‚plötzlicher Erkrankung‘ der gefeierten Sängerin. Hinterher erfährt man aus dem ‚Berl. Tagbl.‘, daß die Nilsson sich der besten Gesundheit erfreut und mit dem Expreßzug nach Paris gedampft ist, weil zu ihrem Münchener Konzert im Ganzen – zweiundzwanzig Billets abgesetzt wurden.“ [Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger, Jg. 38, Nr. 341, 7.12.1885, S. 3] wird nächstenSchreibversehen statt: nächstens, oder: nächsten Monat (oder Samstag). hierher kommen. Da ist aber wol die Kuriosität bedeutender als der wahre Kunstgenuß und die Preisen werden auch d/as/ie/ gewohnten TaxenGebühren; hier für: Eintrittspreise. in München bedeutend übersteigen. Im December wird der Ring des NibelungenRichard Wagners Operntetralogie wurde Mitte Dezember am Königlichen Hof- und National-Theater in München ausgeführt: „Das Rheingold“ am 13.12.1885, „Die Walküre“ am 14.12.1885, „Siegfried“ am 16.12.1885 und „Götterdämmerung“ am 18.12.1885. wieder aufgeführt; darauf freue ich mich recht. Ich werde nicht verfehlen mir dies oder jenes Stück der Trilogie wieder einmalAußer dem ersten Teil konnte Wedekind die Opern des „Ring des Nibelungen“ im März und April 1885 in München sehen [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 27.4.1885]. für ein kleines GeldDie günstigsten Plätze waren laut Theaterzettel die Rückplätze im IV. Rang für 1,50 Mark, die Parterre-Stehplätze für 1,40 Mark und die Galerie für 70 Pfennig. anzuhören. Übrigens werden für den nächsten Sommer auch schon wieder Festvorstellungen für BaireuthVon Ende Juli bis Ende August wurden neun Aufführungen von „Parsifal“ (Dirigat: Hermann Levi) gespielt und – erstmals in Bayreuth – „Tristan und Isolde“ (Dirigat: Felix Mottl) mit acht Aufführungen (zuerst am 25.7.1886) in einer Inszenierung von Cosima Wagner, die seit 1883 die Festspiele leitete. geplant. Sechs Wochen | lang sollen da vor einem internationalen Publicum abwechselnd „Tristan und Isolt“ und „Parsival“ aufgeführt werden. ––

Das/ß/ der König seine Glyptotekdie 1830 eröffnete Glyptothek, die Königliche Skulpturensammlung am Königsplatz in München. verkaufen wollte um seine Schulden zu zahlen muß eine EnteDie Presse berichtete: „Auswärtige Blätter, die sich zum Ablagerungsplatz des albernsten Klatsches hergeben, wenn es nur dabei gilt, Bayern herabzusetzen, fabeln davon, daß die kgl. Civilliste die alte Pinakothek und die Glyptothek, welche beide Eigenthum der Krone sind, an den Staat verkaufen wolle, um so das Geld zur Deckung der Schulden der Civilliste zu erhalten. Natürlich sind das bloß Gerüchte ohne jeden thatsächlichen Werth.“ [Fränkisches Volksblatt, Jg. 18, Nr. 240, 23.10.1885, S. (2)] gewesen sein. Man meint, er dürfte das doch nicht wagen, es würde allzu viel Scandal machen und Staub aufwerfen, zumal er sich sonst schon nicht keiner bedeutenden Beliebtheit erfreut. In der ersten Woche December November war seine Ankunft in München angesagtDie Presse hatte angekündigt an: „Nächsten Sonntag, den 1. Nov. beginnen für Se. Maj. den König, welcher Ende dieser Woche hier eintrifft, im k. Hof- und Nationaltheater die Separatvorstellungen, welche bis 12. Nov. dauern. Es gelangen u. A. zur Aufführung, ‚Urvasi‘, ‚Eine deutsche Fürstin‘, ‚Der Trompeter von Säckingen‘ und ‚Parsifal‘.“ [Augsburger Tagblatt, Jg. 56, Nr. 252, 29.10.1885, S. 3] und hatten dann hätten 7 SeparatvorstellungenLudwig II. nahm das Hoftheater mehrmals im Jahr für kostspielige Privatvorstellungen mit ihm als alleinigem Publikum in Anspruch, zuletzt vom 23.4.1885 bis 13.5.1885. Für die Inszenierungen gab er detaillierte Anweisungen zur aufwändigen Gestaltung der Bühnenbilder und Kostüme. Zwischen 1872 und 1885 veranstaltete er 209 solcher Separataufführungen. stattfinden sollen, während welcher Zeit das Theater für das Publicum geschlossen geblieben wäre. Die Hofkutschen fuhren demnach am Abend zur Stadt hinaus aufs freie Feld um dort während der Nacht den Extrazug des Königs zu erwarten. Aber sie warteten bis zum lichten Morgen und seine Majestät | kam nicht. Am/Des/ anderen Tages fuhren die Kutschen unverichteterSchreibversehen, statt: unverrichteter. Sache wieder in München ein. Bald darauf kam aber auch die NachrichtDie Meldung von der Absage der Separatvorstellungen verbreitete sich seit dem 3.11.1886: „München, 3. Nov. (Separatvorstellungen.) Wie wir hören, werden die für diese und die nächste Woche angesetzten Separatvorstellungen im Hoftheater auf allerhöchsten Befehl unterbleiben.“ [Allgemeine Zeitung für Franken und Thüringen, Nr. 258, 4.11.1885, S. (1)]., daß die Separatvorstellungen abgesagt seien. Man sprach nun natürlich sehr vieles und Verschiedenes über die Ursache dieser Vorgänge. Die Einen behaupteten, die TheaterintendanzGeneralintendant des Hoftheaters war Karl Freiherr von Perfall, der Leiter des Intendantur-Büros Intendanz-Rat Karl Stehle [vgl. Almanach des Königl. Hof- und National-Theaters und des Königl. Residenz-Theaters zu München für das Jahr 1885. Hg. von Anton Hagen. München 1886, S. 4]. habe den Ansprüchen des Königs an Scenerien und Costüme nicht genügen wollen; a/A/ndere sagten, die Cosima Wagner habe dem König ein Schreiben überreichen lassen darin sie ihn um eine Tantième für die bevorstehende Separatparsivalvorstellung ersucht, zu der er aber längst das Aufführungsrecht erworben hat, ersucht. Der König habe das Blatt zerissenSchreibversehen, statt: zerrissen. und es dem Überbringer vor die Füße geworfen. – Der wahrscheinlichste Grund bleibt immerhin der, daß ihm das nöthige Geld fehlte, daß er aber dennoch, um | den Schein zu wahren, die Vorstellungen hat ansagen lassen. Die Münchner waren herzlich froh über die günstige Wendung, die die Sache nahm.

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Nun aber leb wohl, lieber Papa. Empfange die herzlichsten Grüße, vor Allen an Dich, die Mama und an die Kleinendie auf Schloss Lenzburg lebenden jüngeren Geschwister Wedekinds: Erika, Emilie und Donald. von Deinem treuen Sohn Franklin.

Einzelstellenkommentare

Materialität des Dokuments

Bestehend aus 4 Blatt, davon 7 Seiten beschrieben

Schrift:
Kurrent.
Schreibwerkzeuge:
Feder. Tinte.
Schriftträger:
Papier. Doppelblatt. Seitenmaß 16,5 x 21 cm. Gelocht.
Schreibraum:
Im Hochformat beschrieben.
Sonstiges:
Die Jahreszahl des Datums („4“) wurde mit rotem Buntstift mit „5“ überschrieben.

Datum, Schreibort und Zustellweg

  • Schreibort

    München
    27. November 1885 (Freitag)
    Sicher

  • Absendeort

    München
    Datum unbekannt

  • Empfangsort

    Lenzburg
    Datum unbekannt

Erstdruck

Gesammelte Briefe. Erster Band

Autor:
Frank Wedekind
Herausgeber:
Fritz Strich
Ort der Herausgabe:
München
Verlag:
Georg Müller
Jahrgang:
1924
Seitenangabe:
119-122
Briefnummer:
37
Kommentar:
Neuedition: Vinçon 2021, Bd. 1, S. 115-117 (Nr. 53).
Status:
Sicher

Informationen zum Standort

Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

Maria-Theresia-Straße 23
81675 München
Deutschland
+49 (0)89 419472 13

Informationen zum Bestand

Name des Bestandes:
Nachlass Frank Wedekind
Signatur des Dokuments:
FW B 190
Standort:
Münchner Stadtbibliothek / Monacensia (München)

Danksagung

Wir danken der Münchner Stadtbibliothek / Monacensia für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe des Korrespondenzstücks.

Zitierempfehlung

Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 27.11.1885. Frank Wedekinds Korrespondenz digital. https://briefedition.wedekind.fernuni-hagen.de (03.04.2025).

Status der Bearbeitung

In Bearbeitung
Zum Prüfen bereit
Freigegeben

Erstellt von

Tilman Fischer

Zuletzt aktualisiert

14.02.2025 10:01