Dr. Kurt HillerDr. jur. Kurt Hiller, Schriftsteller, der bei seiner Mutter, der Rentiere Ella Hiller (geb. Singer) in Berlin (Nollendorfstraße 34, 1. Stock) [vgl. Berliner Adreßbuch 1911, Teil I, S. 1066], wohnte, war Gründungsmitglied der im Vorjahr gegründeten Vereinigung Der Neue Club (siehe unten); sie war „anfänglich dominiert von Kurt Hiller“ [Wülfing/Bruns/Parr 1998, S. 352].
BERLIN W. 30,
Nollendorfstrasse 34.
21/IV 1910.
Hochverehrter Herr Wedekind!
Der Neue ClubDer Neue Club bestand von März 1909 bis Frühjahr 1914 als Vereinigung junger Berliner Intellektueller und Literaten, deren gemeinsame Basis das Interesse an einer ästhetisch-vitalistischen Erneuerung der Dichtung bildete. Initiativ bei der Gründung der Gruppe, die als eine der Keimzellen des literarischen Expressionismus gilt, waren Kurt Hiller, Erwin Loewenson und Jakob van Hoddis; später stießen unter anderen Georg Heym und Ernst Blass hinzu. An die Öffentlichkeit trat der Club ab Frühjahr 1910 durch Veranstaltung von Diskussionsabenden und Vorträgen. Größere Aufmerksamkeit erregten ab Juni 1910 die als Neopathetisches Cabaret angekündigten Vortrags- und Rezitationsabende des Clubs, an denen sich auch bekannte Gäste wie der Schriftsteller Max Brod, die Dichterin Else Lasker-Schüler und die Schauspielerin Tilla Durieux beteiligten. Diese Reihe wurde im April 1912 mit einem Gedenkabend für den früh verstorbenen Georg Heym beschlossen. Bereits zuvor hatten interne Konflikte zu einer Spaltung geführt, in deren Folge Kurt Hiller die Gruppe verließ und im Herbst 1911 mit Ernst Blass und dem Schauspieler Armin Wassermann das literarische Cabaret GNU gründete [vgl. Wülfing/Bruns/Parr 1998, S. 350-358]. ist eine Vereinigung, zu deren
vornehmsten Aufgaben es gehört, auf Denker und Künstler, die trotz hoher
kultureller Bedeutung nicht hinreichende Beachtung und angemessene Beurteilung in
der Presse und beim Publikum finden, durch öffentliche
Veranstaltungen mit Ernst hinzuweisen. Der Neue Club nun plant nun
für Mitte Mai einen Wedekind-AbendDie Mitglieder des Neuen Club hatten während eines Treffens am 4.4.1910 beschlossen, wie Erwin Loewenson in einem Brief vom 5.5.1910 an Erich Unger berichtete, „Ehrenhalber einen Demonstrations-Wedekind-Abend [zu] machen u[nd] zwar wahrscheinlich die Zeit (8–10 Mai sowas), wo er gerade in Berlin ist, (zur Aufführung zwei seiner Stücke von der Akademischen Bühne, wo er mitspielt). 1 bis 2 Vorträge (wahrscheinlich aber nur einer) und einiges von ihm selbst, vorzulesen – etwa von Tilla Durieux, Gertrud Eysoldt, Albert Bassermann, Albert Heine, zur Auswahl. Tilla Durieux ist bereits leidenschaftlich dafür [...] Die Namen brauchen wir [...], weil sie 1) das Publicum anlocken sollen u[nd] weil es 2) eine Ehrung sein soll (dem Publicum unter die Nase zu reiben).“ [Sheppard 1980, S. 299] Da Wedekind um Aufschub bat (siehe unten), wurde der Plan verschoben und es fanden Ersatzveranstaltungen mit Tilla Durieux (siehe unten) und Erwin Loewenson (siehe unten) statt; ein Abend mit Wedekind selbst kam nicht zustande. (eventuell auch Matinée); ein unserer
Gesellschaft angehörender junger LitteratErwin Loewenson, der seinem Freund Erich Unger am 5.4.1910 im Zusammenhang mit dem geplanten Wedekind-Abend schrieb: „Vortrag werde ich halten über Wedekind und Tragik.“ [Sheppard 1980, S. 300] Er hielt schließlich am 16.11.1910 unter seinem Pseudonym Golo Gangi bei einem internen Abend des Neuen Club den Vortrag „Das Thema von Wedekinds Theodizee“, in dessen Zentrum der Einakter „Die Zensur“ stand (Programm und Manuskript liegen gedruckt vor) [vgl. Sheppard 1980, S. 411-423, 448, 451], nachdem er Wedekind vergebens nochmals um Mitwirkung gebeten hatte [vgl. Erwin Loewenson an Wedekind, 30.9.1910] und ein Abend mit Wedekind selbst nicht zustande gekommen war. soll den einleitenden Vortrag halten,
und für die Rezitation aus Ihren Werken ist bisher Frau Tilla DurieuxDie Schauspielerin Tilla Durieux las auf dem zweiten vom Neuen Club veranstalteten Vortragsabend des Neopathetischen Cabarets am 6.7.1910 in Berlin eine Szene aus Wedekinds Einakter „In allen Wassern gewaschen“ [vgl. KSA 7/II, S. 878-880], als ein Abend mit Wedekind selbst nicht zustande gekommen war. gewonnen
worden. Wir möchten jedoch nicht eher an die | Verwirklichung des Planes herangehen, als
bis wir, sehr verehrter Herr Wedekind, im Besitze Ihrer ZustimmungDie Einladung Wedekinds zu dem geplanten Wedekind-Abend des Neuen Clubs übernahm Erwin Loewenson [vgl. Erwin Loewenson an Wedekind, 22.4.1910], dem Wedekind zwar dankte und das Vorhaben nachdrücklich begrüßte, zugleich aber aufgrund seiner andauernden Konflikte mit Bruno Cassirer um den Verlag seiner Bücher darum bat, „mit dem Vortragsabend warten zu wollen, bis die Verhandlungen einen Abschluß gefunden haben“ [Wedekind an Erwin Loewenson, 2.5.1910]. sind; auch würden
wir uns, was die Hinzuziehung weiterer rezitatorischer Kräfte anlangt, durchaus
nach Ihren Wünschen richten und bitten Sie insbesondere um Ihren
liebenswürdigen Rat betreffs der Auswahl der zu lesenden Stücke.
Gestatten Sie, verehrter Meister, dass ich Sie
dringend bitte, mir – wenn irgend möglich – umgehend
zu antworten, und empfangen Sie unsern
ehrfurchtsvollen Gruss.
Im Namen des Neuen Club:
Ganz ergebenst:
Kurt Hiller.