Berlin 19.V.89.
Liebe Mama.
Nur
rasch einige Zeilen. Die Reise bis DarmstadtWedekind begleitete seine Schwester Emilie nach Darmstadt, wo sie das von Charlotte und Sophie Wider geführte Mädchenpensionat (Hügelstraße 6) [vgl. Adressbuch von Darmstadt 1890, S. 172] besuchen sollte. Von dort reiste er weiter nach Berlin. ging vorzüglich. In Darmstadt
erwartetenWelche der beiden Pensionsvorsteherinnen neben Wedekinds Cousine Anna von Wedekind am Bahnhof wartete, ist nicht ermittelt. und/s/ Frl. Widen/r/ und Anna v. Wedekind. Frl. Wider in einer Aufregung. Am Morgen sei bei ihr Scharlachbakterielle Infektionskrankheit durch Streptokokken. Vor der Behandlungsmöglichkeit mit Penicillin war Scharlach eine gefährliche Erkrankung, deren Ätiologie unklar war. „Das Krankheitsgift ist noch völlig unbekannt. Die Inkubationszeit des Scharlachfiebers, d. h. die Zeit, welche zwischen Ansteckung und dem Ausbruch der Krankheit vergeht, scheint etwa acht Tage zu betragen.“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. Bd. 14. Leipzig 1889, S. 405]
ausgebrochen. Sie habe das Kind sofort ins Spital bringen lassen, sei dann zu
Herrn v. W.
gelaufen ob Mati nicht einige Tage dort bleiben könne. Herr und Frau v. WedekindDer Hofgerichtsadvocat Dr. Georg Freiherr von Wedekind und seine Frau Henriette Magdalena (geb. Merck) (Casinostr. 2) [vgl. Adressbuch von Darmstadt 1890, S. 167], die Eltern von Anna von Wedekind. seien mit großer
Freundlichkeit darauf eingegangen. Mann empfing uns auch überaus
liebenswürdig und Mati wurde sofort als Kind des Hauses betrachtet. Ich blieb
dort bis Abend 5. Anna v. Wedekind ist ein mir sehr sympatischesSchreibversehen, statt: sympathisches. Wesen. Ebenso | ihre MuterSchreibversehen, statt: Mutter., die
noch sehr jung aussieht. Herrn v. Wedekind kennst du ja. Er erinnerte mich lebhaft an die Herren
ResidenzlerEine Residenzstadt mit ihren typischen Bewohnern liefert den Schauplatz von Wilhelm Hauffs Novelle „Othello“ (1826). in den Hauff’schen Novellen. Frl. Wider hab ich das Geld übergeben Mk. 300 – für Pension. Mk 70 – für Auslagen. Sie
will dir den Empfang bestätigen. Sie scheint mir eine zuverlässige Pen/r/son
zu sein, die die Sache gewissenhaft nimmt. Sie bittet mich, dich betreffs des
Scharlachfalls zu beruhigen. Da Mati nun also fürs erste bei Wedekinds bleibt,
so glaube ich auch in der That das nichtsSchreibversehen, statt: dass nichts. zu fürchten ist. In Berlin sucht ich
den ganzen Morgen nach Dr. R/H/artVermutlich Julius Hart, Kritiker bei der „Täglichen Rundschau“, dessen Kontakt Wedekind in Berlin suchte [vgl. Tb 24.5.1889] oder dessen Bruder Heinrich Hart, dessen Adresse Wedekind später notierte [vgl. Tb 30.6.1889]; beide waren nicht promoviert. ohne ihn zu finden. So blieb mir denn
nichts übrig als gegen Abend zu Emilie HerzogDie schweizerische Opern- und Konzertsängerin Emilie Herzog war seit März 1889 am Königlichen Hoftheater Berlin engagiert. zu fahren, wo ich richtig WeltiDer Theater-, Musik- und Literaturkritiker Dr. Heinrich Welti war ein Freund Armin Wedekinds aus der Aarauer Schulzeit, der Frank Wedekind in das kulturelle Angebot Münchens eingeführt hatte. Er war mit Emilie Herzog verlobt.
antraf. Er nahm sich meiner mit väterlicher Besorgtheit an. Half mir beim zimmersuchen,
doch hab ich diese Nacht noch im Hotel geschlafen. Emilie Herzog scheint sich sehr vervollkommnet zu
haben, Ich erinnere mich überhaupt nicht je eine solche Leistung gehört zu |
haben wie gestern Abendam 18.5.1889. Die Aufführung von Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ mit Emilie Herzog in der Rolle der Constanze fand im Königlichen Opernhaus Unter den Linden statt und begann um 19 Uhr [vgl. Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 229, 18.5.1889, Morgen-Ausgabe, IV. Beilage, S. (2)]. ihre Constanze in der Entführung. Sie versah mich
nämlich sofort mit einem Freif/b/illet. Von Berlin hab ich schon viel
kennen gelernt in 24 Stunden. Aber da ich noch kein Zimmer habe, so muß
kann ich mich einstweilen auch nicht dabei aufhalten. – Bitte, entschuldige mich bei MinnaWedekinds Cousine Minna von Greyerz, die Nichte Georg von Wedekinds., wegen
Mangels an Abschiedsbesuch. Dann hab ich auch ihren BriefDer Brief Minna von Greyerz' an Georg von Wedekind ging offenbar verloren [vgl. Minna von Greyerz an Wedekind, 28.5.1889]. nicht bestellen
können. Ich hab ihn nämlich eingepackt in den großen Koffer. Falls also nichts
pressantes(schweiz.) Dringendes. darin steht so soll sie sich nicht beunruhigen. Ich werde ihn sofort
nach Empfang des Koffers chargirt expedirenfeierlich zustellen.. Onkel Georges sagte mir nämlich
daß vermuthlich Geld drin sei.
Nun leb wohl, liebe Mama. Bleib gesund und überanstreng dich
nicht. In wenigen Tagen werd ich ausführlicher schreiben. Grüße an Mieze und
Willy. vod/r/ allem an dich von deinem treuen Sohn
Franklin. |
P. S. Eben fand ich eine angenehme geräumige Stube
Adresse:
GethinerstrasseSchreibversehen, statt: Genthinerstrasse.
28 IV
Berlin W.
Mieze möge die Expedition(frz.) Versand. der beiden HefteUm welche Hefte der 14-tägig erscheinenden Illustrierten Wedekind bat, ist nicht ermittelt, einschlägige Artikel ließen sich nicht identifizieren. „Illustrirte Welt“
nicht vergessen.