Frank Wedekind.
MÜNCHEN, den 1.
Nov. 1900.
Franz Josefstr. 42/II
Mein lieber Freund,
verzeihen Sie, daß ich
heute erst dazu komme Ihre liebenswürdigen Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Otto Eisenschitz an Wedekind, 10.10.1900. Otto Eisenschitz hatte Wedekind angeboten, den „Kammersänger“ zu übersetzen und dessen Autorisation dazu erbeten (siehe unten). zu beantworten. Ich habe nämlich
die letzten schönen TageWedekind unternahm mit Max Halbe Radtouren [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 10.10.1900]. des Jahres dazu benutzt, mir die Berge noch einmal von
der Nähe anzusehen. Ihr freundliches Anerbieten ist mir sehr willkommen. Ich
schicke Ihnen hiemit also die formelle Autorisationentweder der vorliegende Brief – oder die Autorisation Wedekinds zu einer Übersetzung des „Kammersänger“ durch Otto Eisenschitz (siehe unten) war in einer nicht überlieferten Beilage formuliert. vo/zur/ ÜbersetzungEine Übersetzung von Wedekinds Einakter „Der Kammersänger“ (1899) in das Französische oder Italienische durch Otto Eisenschitz, der aus beiden Sprachen Stücke für das Theater in der Josefstadt übertrug, ist nicht ermittelt. Im Theater in der Josefstadt hatte am 9.10.1900 der von Otto Eisenschütz aus dem Französischen übersetzte Schwank „Der schönste Zeitvertreib“ (nach dem Vaudeville „Joli Sport“ von Paul Dehère und Maurice Froyez) Premiere gehabt, von da ab ein Repertoirestück des Theaters; das von ihm aus dem Italienischen übersetzte Lustspiel „Er, sie und er“ (nach einem Stück von Roberto Bracco) stand seit der Premiere am 23.2.1900 auf dem Spielplan. des
„Kammersänger“ und unter Theilung der Tantiemen zu gleichen Theilen
zwischen Ihnen und mir. | Ihre Aufführung in WienOtto Eisenschitz war Dramaturg am Theater in der Josefstadt (Direktion: Josef Jarno) in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1901, S. 550], wo am 26.10.1900 Wedekinds Einakter „Der Kammersänger“ Premiere hatte – im Rahmen eines Einakter-Abends, an dem Wedekinds Stück zwischen dem Lustspiel „Sommerregen“ (von Heinrich Vollrat Schumacher aus dem Französischen übersetzt) und der Operette „Madame Ledig“ (von Carl Henop und Benjamin Schier sen. mit Musik von Eduard Kremser) aufgeführt und danach in das Repertoire des Theaters aufgenommen wurde (die nächsten Vorstellungen fanden am 27., 28. und 30.10.1900 statt). Den Gerardo spielte Josef Jarno, den Professor Dühring Fritz Straßny (siehe unten). muß eine geradezu glänzende
gewesen sein. Ich konnte das aus den KritikenDie Wiener Presse besprach die „Kammersänger“-Premiere im Theater in der Josefstadt (siehe oben) recht anerkennend: „Diese Bühne hatte gestern einen glücklichen Abend.“ Man habe bereits das Berliner Gastspiel im Sommer am Theater in der Josefstadt gelobt, aber die „Wirkung war gestern größer. Die Darstellung stand […] hoch über die der Berliner. Director Jarno in der Titelrolle errang einen großen Erfolg. Er hat eine so glänzende Leistung noch nicht in Wien geboten. Mit jedem Blick, mit jedem Satz, mit jeder Geberde zündete er. Herr Straßny spielte den alten Componisten zu polternd, nicht einfach genug, aber immerhin acceptabel.“ [Neues Wiener Journal, Jg. 8, Nr. 2518, 27.10.1900, S. 8] Das Stück sei „bald komisch, bald rührend, dann gar tragisch, und zum Schlusse wieder possenhaft. […] Herr Jarno spielte den Kammersänger in einer wirkungsvollen Weise, obwohl er, wie es schien, gegen eine Unpäßlichkeit anzukämpfen hatte, der es vielleicht zuzuschreiben war, daß er oft in einen zu ernsten Ton verfiel. Herr Straßny holte sich lebhaften Beifall in der Rolle des Professors Dühring“ [Neues Wiener Tagblatt, Jg. 34, Nr. 295, 27.10.1900, S. 7f.]. „Herr Jarno spielte den Kammersänger mit elegantem Pathos, Herr Straßny versuchte dem alten Komponisten nicht ohne Glück einige tragische Momente abzugewinnen.“ [Neue Freie Presse, Nr. 12995, 27.10.1900, Morgenblatt, S. 6] „Wenn auch die gestrige Aufführung nicht an die der Berliner hinanreichte, so war sie doch im ganzen gut, insbesondere war Herr Jarno als Kammersänger von jener trockenen und sicheren Komik, die diese Rolle erfordert.“ [Arbeiter-Zeitung, Jg. 12, Nr. 295, 27.10.1900, Morgenblatt, S. 6] „Doch nicht die äußere Handlung des Stückes, so geschickt sie aufgebaut ist, bildet den Reiz des Stückes, sondern die zahllosen geistreichen Aperçues über die Künstler und ihre Beziehungen zum Publikum, die gestern sehr häufig mit demonstrativem Beifalle aufgenommen wurden. Herr Jarno schuf aus dem Kammersänger ein schauspielerisches Cabinetstück, das gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Neben ihm“ sei „in höchst angenehmer Weise Herr Straßny“ aufgefallen [Deutsches Volksblatt, Jg. 12, Nr. 4245, 27.10.1900, Morgen-Ausgabe, S. 9]. sehr wol heraus lesen. Der
Professor DühringFritz Straßny, Schauspieler am Theater in der Josefstadt in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1901, S. 550], spielte in der Wiener „Kammersänger“-Inszenierung von der Presse durchaus verhalten gelobt die Rolle des Professor Dühring (siehe oben). so vorzüglich er gewesen sein mag, muß Herrn Jarno gegenüber
einen schweren Stand gehabt haben. Das will um so mehr heißen, da die Rolle des
GerardoJosef Jarno, Direktor des Theaters in der Josefstadt in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1901, S. 550], spielte in der Wiener „Kammersänger“-Inszenierung von der Presse gelobt die Titelrolle des Gerardo (siehe oben). doch nicht so dankbar ist wie die des alten Musikers. Wollen Sie bitte
den Herren meinen aufrichtigen herzlichen Dank für das glückliche Gelingen des Unternehmens
sagen. Besonders Herrn Jarno fühle ich mich für die Riesen-Anstrengung, die die
Rolle des Gerardo | beansprucht
und die er in für mich so glücklicher Weise überwunden, verpflichtet.
Es ist sehr wol möglich, daß ich im Laufe dieses Winters
einmal nach Wien kommeWedekind reiste im Winter nicht nach Wien.; es wird mir dann eine große Freude sein, Sie
wiederzusehen und Ihren schönen erfreulichen Wirkungskreis kennen zu lernen.
Indessen verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen als ganz der Ihre
Frank Wedekind.
Ein Exemplar Marquis v Keith werde ich morgen an Sie
abgehenHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreibens zur Buchsendung; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Otto Eisenschitz, 2.11.1900. Otto Eisenschitz erhielt ein Exemplar der ersten Buchausgabe des „Marquis von Keith. (Münchener Scenen)“ (1901), die im Albert Langen Verlag in München [vgl. KSA 4, S. 425] vordatiert bereits erschienen war [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 252, 29.10.1900, S. 8812]. lassen.
[Druck:]
München, den 1. November
1900.
Mein lieber Freund,
verzeihen Sie, daß ich heute erst dazu komme, Ihre liebenswürdigen Zeilen zu
beantworten. Ich habe nämlich die letzten schönen Tage des Jahres dazu benutzt,
mir die Berge noch einmal von der Nähe anzusehen. Die Aufführung des „Kammersänger“
in Wien muß eine geradezu glänzende gewesen sein. Ich konnte dies aus den
Kritiken sehr wohl heraus lesen. Der Professor Dühring, so vorzüglich er
gewesen sein mag, muß Herrn Jarno gegenüber einen schweren Stand gehabt haben.
Das will um so mehr heißen, da die Rolle des Gerardo doch nicht so dankbar ist
wie die des alten Musikers. Wollen Sie bitte den Herren meinen aufrichtigen
herzlichen Dank für das glückliche Gelingen des Unternehmens sagen. Besonders
Herrn Jarno fühle ich mich für die Riesenanstrengung, die die Rolle des Gerardo
beansprucht und die er in für mich so glücklicher Weise überwunden,
verpflichtet.
Es ist sehr wohl möglich, daß ich im Laufe dieses Winters
einmal nach Wien komme; es wird mir dann eine große Freude sein, Sie wieder zu
sehen und Ihren schönen erfreulichen Wirkungskreis kennen zu lernen. Indessen
verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen als ganz der Ihre Frank Wedekind.
Ein Exemplar Marquis v. Keith werde ich morgen an Sie
abgehen lassen.