Berlin W.
Königin-Augustastr. 48pt.Adresse der Schriftstellerin Helene Völk in Berlin (Königin Augusta-Straße 48, Parterre) [vgl. Berliner Adreßbuch 1908, Teil I, S. 2707], die aus Hamburg stammte und 1905 nach Berlin gezogen ist, wo sie unter derselben Adresse seitdem als Schriftstellerin gemeldet war [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 2372].
20.I.08.
Sehr geehrter Herr Wedekind.
Durch Frau Generalin von IgelElisabeth von Igel (geb. Bronsart von Schellendorf), Schriftstellerin, die eine Verserzählung „Blaue Astern“ (1894) veröffentlicht hat [vgl. Sophie Pataky: Lexikon deutscher Frauen der Feder. Bd. 1. Berlin 1898, S. 390] und auch als Fotografin tätig war. Sie wohnte mit ihrem Gatten, dem General der Infanterie z.D. (zur Disposition seit 2.7.1898) Heinrich von Igel (am 4.4.1888 geadelt), den sie am 24.3.1894 in Schwerin geheiratet hat, seit 1898 in Berlin (Kurfürstenstraße 125, 3. Stock) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1899, Teil I, S. 635]; damit war sie die unmittelbare Wohnungsnachbarin (im 3. Stock links) [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil III, S. 429; Berliner Adreßbuch 1908, Teil III, S. 440] von Wedekind, der seit dem 31.8.1906 (siehe unten) in der Kurfürstenstraße 125 (3. Stock rechts) wohnte [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 2583; Berliner Adreßbuch 1908, Teil I, S. 2753]. ist Ihnen vor längerer Zeitwohl bald nach Wedekinds am 31.8.1906 notiertem „Umzug“ [Tb] in die neue Wohnung (Kurfürstenstraße 125, 3. Stock rechts); unmittelbare Wohnungsnachbarin war seitdem Elisabeth von Igel (siehe oben). ein Einakternicht ermittelt. Es dürfte sich um ein Manuskript gehandelt haben. von mir
überreicht wordenvermutlich bald nach Wedekinds Einzug in die Wohnung im 3. Stock im Haus Kurfürstenstraße 125 (siehe oben)., über den Sie sich sehr freundlich ausgesprochen haben – ich
kann Ihnen kaum sagen, was Ihre anerkennenden Worte damals für mich bedeuteten.
Sie waren auch in Ihrem Briefenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Elisabeth von Igel, 1.10.1906. Wedekind hat sich in diesem Brief über Helene Völks Einakter (siehe oben) geäußert und vermutlich angeboten, Ratschläge, wo er veröffentlicht werden könne, zu geben. damals, den Frau von Igel mich
lesen ließ, so gütig Ihren Rat anzubieten, auf welchem Wege vielleicht | die
Arbeit zu verwerten sei.
Indessen habe ich bereits
mehrere Arbeiten vollendetHelene Völk hatte noch in Hamburg eine Erzählskizze „Opfer...“ in einer Zeitung veröffentlicht [vgl. Belletristisch-Litterarische Beilage der Hamburger Nachrichten, Nr. 25, 21.6.1903, S. 1], im Verlag Continent in Berlin dann ihr vieraktiges Schauspiel „Irrlichter. Das Schicksal einer Frau“ (1906) [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 73, Nr. 95, 26.4.1906, S. 4168] und ihren Gedichtband „Erlösung“ (1906) [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 74, Nr. 27, 1.2.1907, S. 1228], der angezeigt war: „Soeben erschien: Erlösung [...]. Ein Kind unserer Stadt ist Helene Völk und man lauscht ihr gern, wenn sie das alte, nie ausgesungene Lied singt, das von Lenzes-Hoffnung, von Liebesglück- und Trauer kündet.“ [Hamburger Nachrichten, Jg. 115, Nr. 890, 19.12.1906, 2. Morgen-Ausgabe, S. (7)] Gabriele Reuter hat „diese beiden Erstlingsausgaben der jungen Verfasserin“ rezensiert, sie bedeuten ihr zufolge „nicht mehr als einen Beginn und – vielleicht – eine Verheißung.“ Bei den Gedichten im „Bändchen Verse“ gebe es kaum „persönlichere Töne“, das gelte „für die Schilderung ihrer sündigen Liebesgluthen. Da flammt es heißer und funkelnder aus den Strophen von Marie Madeleine. [...] Das Schauspiel ‚Irrlichter‘ zwar ist noch erfüllt von wüster Theatralik und Sensationenmacherei. Aber in der Art, wie die Menschen mit einander reden, offenbart sich doch mitunter ein nicht gewöhnlicher psychologischer Tiefblick, eine Unerschrockenheit, hinabzuleuchten in dunkle Abgründe menschlichen Gefühls, und eine frische Kraft der Charakteristik, die manches Gute hoffen lassen.“ [Die Zukunft, Jg. 15, Nr. 27, 6.4.1907, S. 32] Die Autorin selbst hat in Maximilian Hardens Wochenschrift „Die Zukunft“ ein Gedicht aus ihrem Lyrikband publiziert [vgl. Helene Völk: Die Verlorene. In: Die Zukunft, Jg. 15, Nr. 29, 20.4.1907, S. 104f.]. Ihr Schauspiel war, noch bevor es gedruckt vorlag, für eine Inszenierung in Hamburg akzeptiert worden: „‚Irrlichter‘ [...], vier Acte von Helene Völk, wurde von der neuen Direction des Carl Schultze-Theaters in Hamburg [...] zur Aufführung angenommen und wird dort bereits Ende September in Scene gehen.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 375, 12.8.1905, Morgen-Ausgabe, S. 5] Dann war angekündigt: „Die Direktion beabsichtigt vom letzten Sonnabend im Oktober ab literarische Sonnabend-Abende einzurichten, die mit Helene Völks ‚Irrlichter, das Schicksal einer Frau‘, eingeleitet werden.“ [Carl Schultze-Theater. In: General-Anzeiger für Hamburg-Altona, Jg. 18, Nr. 232, 3.10.1905, S. 3] Das wurde nicht realisiert, das Stück wurde erst am 11.8.1908 in Dresden aufgeführt [vgl. Neuer Theater-Almanach 1909, S. 78]. und bin zu der Überzeugung gekommen, daß es
notwendig für mich ist, aus der damenhaften Reserve herauszutreten – wenn ich
mir im Leben einen Platz erorbern will. Und das ist ein Muß für mich geworden, da ich nicht mehr allein für
mich stehe – (dann würde ich vielleicht das Verträumen vorziehen) sondern da
ich einen SohnPaul Franz-Josef Völk, am 23.1.1906 in Berlin geborenes Kind der „ledigen Schriftstellerin Helene Auguste Agnes Völk“ [Geburtsregister Berlin. Geburts-Nebenregister. Standesamt 3, 1906, Bd. 1, Nr. 83, Eintrag vom 24.1.1906]. Die Vaterschaft hat Dr. jur. Max Roosen, seinerzeit Rechtsanwalt in Hamburg (Kanzlei: Brandstwiete 7, Wohnung: Milchstraße 9) [vgl. Hamburger Adressbuch 1908, Teil II, S. 650], den Helene Völk 1913 in London heiratete, am 5.9.1914 anerkannt (eingetragen am 14.9.1914 in Berlin als Nachtrag im Geburtsregister). besitze, ein herrliches kleines Menschenkind, dessen einziger |
Schutz ich bin./,/ dem eine Zukunft zu schaffen nun das
einzige glühende Streben meines Lebens ist.
So habe ich den Mut, diese
Zeilen an Sie, verehrter Herr Wedekind zu richten. Vielleicht
haben Sie die große Güte, einer sehr Weltfremden die Wege zu
weisen, die sie vielleicht zu einem Ziele führen.
Schreiben Sie mir bitte, ob
Sie die Güte haben wollen mich zu diesem Zwecke zu empfangen.
Hochachtungsvoll Ihre sehr
ergebene
Helene Völk