Lieber Freund!
Besten Dank für Deine freundliche
Benachrichtigungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Kurt Martens an Wedekind, 24.5.1913. Kurt Martens hatte Wedekind offenbar am 24.5.1913 nachmittags (siehe unten) darüber benachrichtigt, dass er vom Drei Masken Verlag in München (Karlstraße 21) [vgl. Adreßbuch für München 1913, Teil I, S. 113], der die Bühnenvertriebsrechte für Wedekinds Dramen hatte, für die geschlossene „Lulu“-Vorstellung am 29.5.1913 im Münchner Künstlertheater noch keine Eintrittskarte erhalten habe. Er dürfte die Vorstellung aber besucht haben und war anschließend jedenfalls mit Wedekind (sowie Heinrich Michalski, Hans von Weber, Max Halbe und Efraim Frisch) in der geselligen Runde in der Torggelstube mit dabei, wie Wedekind am 29.5.1913 notierte: „Lulu Aufführung im Künstlertheater [...]. T.St. Michalski Martens Weber Halbe Frisch“ [Tb].. Ich ging damit sofort auf den Dreimaskenverlag und fand dort
einen Platz für Dich bereits vorgemerkt, den Du vielleicht schon erhalten hast.
Ich bestand darauf daß man Dir zwei Plätze überläßt. Morgen erkundige ich
mich ob man das geschehen ist und werde es sofort |
veranlassen.
Du beschämst mich tief durch Dein persönliches
VorgehenKurt Martens, stellvertretender Vorsitzender der am 7.3.1913 gegründeten Ortsgruppe München des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller (SDS), hat sich gegen das Zensurverbot der „Lulu“-Tragödie (eine fünfaktige Fassung der Doppeltragödie „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“) eingesetzt, die im Münchner Künstlertheater unter der Regie von František Zavřel aufgeführt werden sollte; „die öffentliche Aufführung von Wedekinds fünfaktigem Trauerspiel ‚Lulu‘ im Künstlertheater“ war „von der Zensurbehörde verboten worden“ [Wedekinds „Lulu“ im Künstlertheater verboten? In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 66, Nr. 250, 18.5.1913, Morgenblatt, S. 3], von den daraufhin beantragten zwei geschlossenen Vorstellungen wurde nur eine genehmigt (sie kam am 29.5.1913 zur Aufführung), gestützt auf das Votum des Münchner Zensurbeirates, zu dessen Mitgliedern Thomas Mann gehörte [vgl. KSA 3/II, S. 1207], den Kurt Martens um ein persönliches Gespräch gebeten hat, das am 24.5.1913 um „12 Uhr mittags im Café Luitpold“ [Wysling/Sprecher 1991, S. 195] stattfand, wie aus Thomas Manns Brief an Kurt Martens vom 23.5.1913 hervorgeht (Thomas Mann erklärte dem Münchner Polizeipräsidenten dann am 26.5.1913 seinen Austritt aus dem Zensurbeirat). Wedekind hat sich am 24.5.1913 morgens noch vor der Probe mit dem Regisseur František Zavřel, Kurt Martens und Joachim Friedenthal darüber beraten – „Conferenz bei mir mit Sgarvrel, Martens und Friedenthal. Prologprobe im Künstlertheater“ [Tb] – und gleichzeitig war in der Presse eine von Kurt Martens verantwortete Mitteilung des SDS veröffentlicht: „Der Schutzverband Deutscher Schriftsteller (Ortsgruppe München) teilt uns mit: ‚Wie wir erfahren, hat die Zensurbehörde auch eine neuerliche Umarbeitung der Lulu-Tragödie von Wedekind, die mit der Streichung der vielangefeindeten Jack-Szene den Ansprüchen der Polizeibehörde, anscheinend völlig Genüge tun sollte, jetzt endgültig verboten. Die Publizierung, insbesondere die Plakatierung, soll verhindert, jede Benachrichtigung durch die Presse verboten werden. Umsomehr hält es der Schutzverband für seine Pflicht, dieses öffentlich kundzugeben. Die geschlossene Vorstellung findet trotz all der in den Weg gelegten Schwierigkeiten am Donnerstag, den 29. Mai, abends 7½ Uhr, im Münchner Künstlertheater statt. [...] Regie: Franz Javrel. Den Prolog spricht Frank Wedekind. Nähere Auskunft in dieser Angelegenheit erteilt der zweite Vorsitzende des Schutzverbandes, Dr. Kurt Martens, Habsburgerstraße 3/3.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 66, Nr. 262, 25.5.1913, Morgenblatt, S. 3]. Ich habe es nicht verdient und kann nur hoffen es noch zu
verdienen.
Mit herzlichen Grüßen
Dein alter
Frank Wedekind.
München 25.5.13.