München,
den 12.I.17
Sehr verehrter Herr Dr. MühsamDr. jur. Kurt Mühsam in Berlin (Kurfürstendamm 201), ausgewiesen als Direktor der „National-Zeitung“ sowie als Dramaturg des Komödienhauses und des Theaters in der Königgrätzer Straße [vgl. Berliner Adreßbuch 1917, Teil I, S. 1973].!
Mit verbindlichem Dank für Ihre auszeichnende Anfragenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Kurt Mühsam an Wedekind, 9.1.1917. Kurt Mühsam hat in dem von ihm unterzeichneten maschinenschriftlichen Brief an die Beiträger der Umfrage „Der Krieg und die deutsche Kunst“ (darunter Heinrich Mann, wohl gleichlautend so an alle Beiträger, darunter Wedekind) für eine „im Feuilletonteil der National-Zeitung“ zu veröffentlichende „Rundfrage an die hervorragendsten Führer des deutschen Volkes auf dem Gebiete der Literatur, Musik und bildenden Kunst“ darum gebeten, „uns gütigst die Frage beantworten zu wollen, an welchem grösseren Werk Sie augenblicklich arbeiten, und ob dieses Werk stofflich mit dem Krieg Berührungspunkte hat.“ [Heinrich Mann: Essays und Publizistik. Bd. 2. Oktober 1904 bis Oktober 1918. Hg. von Manfred Hahn. Bielefeld 2012, S. 684] Die Umfrage erschien in vier Folgen am 20. und 26.1.1917 sowie am 3. und 8.2.1917 in der Berliner „National-Zeitung“ (seit 1.7.1910 unter dem klein vorangestellten zusätzlichen Titel „8 Uhr-Abendblatt“), in der letzten Folge Wedekinds Beitrag (mit wenigen Varianten der erste Absatz des vorliegenden Briefs), wie alle Beiträge mit faksimilierter Unterschrift [vgl. 8 Uhr-Abendblatt. National-Zeitung, Jg. 70, Nr. 33, 8.2.1917, Bleiblatt, S. (1)]. Sein Beitrag wurde unter dem Titel „Der Krieg und die deutsche Kunst“ neu ediert [vgl. KSA 5/II, S. 557], als Antwort auf die Rundfrage ausgewiesen [vgl. KSA 5/III, S. 183f.], aber ohne Hinweis darauf, dass der Text dem vorliegenden Brief an Kurt Mühsam entnommen wurde. ‒ Wedekind dürfte bei seiner Antwort bewusst gewesen sein, dass Kurt Mühsam auch Dramaturg des Theaters in der Königgrätzer Straße (Direktion: Carl Meinhard und Rudolf Bernauer) [vgl. Deutsches Bühnen-Jahrbuch 1917, S. 281] war, dem er im vorliegenden Brief indirekt, ohne einen Titel zu nennen, sein entstehendes „Herakles“-Drama anbot, für das feststeht: „das Theater in der Königgrätzer Straße [...] bewarb sich um die Uraufführung“ [KSA 8, 871]. beehre
ich mich Ihnen mitzuteilen, dass ich mit einer Art Schicksalsdichtung
beschäftigt bin in der für die Geschicke unseres Vaterlandes und diejenigen der
Menschheit gleiche oder ähnliche Grundformen gesucht und gefunden werden
sollen. Der Stoff ist der alten Mythologie entnommenWedekinds entstehendem Versdrama „Herakles“ lagen verschiedene literarische Quellen von Aischylos, Sophokles und Euripides, aber auch zeitgenössische Bearbeitungen des Herakles-Stoffs und Fachliteratur zugrunde [vgl. KSA 8, S. 889-893].. Von den elf GesängenWedekinds Versdrama „Herakles“ (1917) hatte dann zwölf Bilder (in drei Akten). in
Wechselrede die das Werk umschließt sind sechs fertigWedekind war mit Bild I bis VI seines Versdramas „Herakles“ fertig und auch schon mit Bild VII, denn er notierte am 11.1.1917 zu Bild VII „Iole“ [KSA 8, S. 267-273]: „Während der Nacht schreibe ich Iole fertig“ [Tb]; und am 12.1.1917 zu Bild VIII „Prometheus“ [KSA 8, S. 273-278]: „Prometheus begonnen“ [Tb]..
Wollen Sie bitte das DiktatWedekind hat den von ihm unterschriebenen vorliegenden Brief seiner Frau diktiert (siehe die Hinweise zur Materialität). damit entschuldigen, dass ich
durch ein leichtes Unwohlsein ans Bett gefesseltWedekind lag vom 6. bis 31.1.1917 im Krankenhaus (seine 3. Operation – „Bruchoperation“ [Tb] – wurde am 8.1.1917 durchgeführt) und verfasste dort die Bilder VII, VIII und IX des „Herakles“-Dramas [vgl. KSA 8, S. 871]. bin.
Mit verbindlichen Grüßen und Empfehlungen
Ihr ergebener
Frank Wedekind.