[1. Briefentwurf:]
Sehr verehrter Herr Sa
Eben lese ich mit großem Interesse Ihren
Aufsatz Burgtheaterprobleme. Dieses Die Lösung dieses Problems
liegt für mich seit Schlenthers Weggang darin
daß Sie v. Hand
Direktor des Burgtheaters werden in Ihrer Benennung zum Direktor. Dieser Überzeugung hätte ich längst | öffentlich
Ausdruck gegeben wenn ich nicht fürchten müßte Ihrer Ernennung dadurch zu
schaden.
Trotzdem glaube ich daß heute vielleicht eine von
mir unterzeichnete Anregung nützlich sein könnte besonders wenn sie an einer so
weit entfernten Stelle wie d im B.T. erschiene.
Um der Sache aber | auf keinen Fall zu schaden beeinträchtigen möchte ich die Anregung nicht ohne ihr vollkommenes
Einverständnis geben. Um es kurz zu sagen: Wenn Sie mir 40 – 60 Zeilen (auch mehr,
wenn es praktisch erscheint) senden wollen unter die ich nur meinen Namen zu
setzen brauche, | so würde ich das nach vollzogener Abschrift gerne thun und
die Anregung an die von Ihnen zur in Aussicht genommene Zeitung
senden. So sehr gut hoch ich über
Ihre literarischen Verdienste Bescheid zu wissen glaube schätze fürchte | ich eben doch, wenn ich die
Anregung selbst abfasse aus Mangel an Sachkenntnis irgend eine Dummheit zu
begehen. Sie sind an Ort und Stelle und wissen was notthut, was erwartet wird.
Sie würden mich mit dieser kleinen | Hilfe einfach aus einer Verlegenheit
befreien. Ich möchte gerne wirken öffentlich wirken aber es müßte
auch zweckmäßig geschehen.
In Erwartung Ihrer geschätzten Nachricht Mit
herzlichen Grüßen
Ihr ergebener
FrW
[2. Abgesandter Brief:]
Sehr verehrter Herr Salten!
Eben lese ich mit großer Freude Ihren AufsatzFelix Salten hat im „Berliner Tageblatt“ einen Artikel veröffentlicht, der an die aktuelle Diskussion um die Nachfolge des verstorbenen Alfred von Berger (siehe unten) als Direktor des Wiener Hofburgtheaters anknüpft; darin heißt es: „Die Not des Burgtheaters [...] liegt darin, daß es [...] keinen Direktor finden kann. Die Not liegt darin, daß es keinen Direktor gibt, der dem Burgtheater zu helfen vermöchte. Und darin, daß man trotzdem von jedem neuen Direktor verlangen wird, er solle ein Helfer, ein Retter, ein Erlöser sein. [...] Ein unmögliches und törichtes Verlangen. [...] Man kann auf den frischen Berliner Boden ein Theater hinsetzen, und es hat dann die Physiognomie, hat das Schicksal des Mannes, durch dessen Willen es entstanden, durch dessen Wesen es zur Entwicklung gelangt ist. Wie das Theater von Otto Brahm oder das Theater Max Reinhardts Schöpfungen je einer bestimmten Persönlichkeit sind. Aber es ist unverständig, zu glauben, daß [...] eine Bühne wie das Burgtheater sich mit ihrem Schicksal voraussetzungslos den Fähigkeiten eines einzelnen Mannes verknüpfen läßt. [...] In Berlin wurden von Henrik Ibsen bis zu Bernard Shaw, von Maeterlinck bis Oskar Wilde neue dichterische Werte erkannt und aufgeschlossen; in Berlin wurden der Schauspielkunst neue Ausdrucksmittel gefunden. Die Menschenmassen, die hier unaufhörlich zusammenströmten, [...] waren keiner Jahrhunderte alten Tradition [...] verpflichtet. [...] Es hat sich [...] gezeigt, daß eine ungeheure Kraft in diesem Zustand lag. Die Kraft zur Gegenwart. Vor diesen Menschen war das Neue möglich, weil es neu [...]. Vor diesen Menschen, die kein Gestern aneinander gekettet hielt, sondern die sich für das ewig Künftige vereinigt hatten, wurde das Heute nicht mit dem Gedächtnis gewesener Dinge erschlagen. [...] Wie das Burgtheater jetzt ums Dasein kämpft, ist sicherlich sehr edel, aber ebenso gewiß auch hoffnungslos. Es ringt um den alten Platz, den es früher einmal innegehabt, ringt um eine Stellung, die früher einmal festgegründet war [...]. Das Burgtheater hat seine historische Bestimmung eingebüßt, nicht durch eigene Schuld, auch nicht durch das Verschulden seiner Direktoren. Sondern kraft einer Entwickelung, die gewaltiger war, als es jemals die Entwickelung eines Theaters sein kann. [...] ich vertraue der Zukunft [...]. Ich glaube an die Entwicklung und an die Zukunft des Burgtheaters, wenn auch nicht an die von morgen und übermorgen. Aber: übermorgen ist ja noch nicht aller Tage Abend.“ [Felix Salten: Das Burgtheaterproblem. Beiläufige Anmerkungen. In: Berliner Tageblatt, Jg. 44, Nr. 449, 3.9.1912, Abend-Ausgabe, S. (1-2)] Felix Salten ging auf die Berufung Hugo Thimigs zum provisorischen Direktor des Burgtheaters (siehe unten) nicht ein.
„Burgtheaterprobleme“. Die Lösung dieses Problemsdie Besetzung der Direktion des Wiener Burgtheaters nach dem Tod des am 24.8.1912 verstorbenen Direktors Alfred von Berger, gerade zum Beginn der Theatersaison am 1.9.1912 ein Problem. Die Presse fragte: „Wer aber wird dieser neue Mann sein? Darüber herrscht dermalen vollkommenes Dunkel, so viele Namen auch genannt werden. Vorläufig wird wieder ein provisorischer Zustand in der Leitung des Burgtheaters eintreten.“ [Zur Wiedereröffnung des Burgtheaters. In: Neuigkeits-Welt-Blatt, Jg. 39, Nr. 199, 1.9.1912, S. 10] Der Hofschauspieler und Regisseur Hugo Thimig ist zum 1.9.1912 zum provisorischen Direktor des Burgtheaters bestellt worden [vgl. Hugo Thimig – provisorischer Leiter des Burgtheaters. In: Neues Wiener Journal, Jg. 20, Nr. 6773, 1.9.1912, S. 14] und hatte dazu am 2.9.1912 vormittags auf einer Pressekonferenz eine Erklärung abgegeben über „die schwere Aufgabe, die ihm bevorstehe“ [Die provisorische Leitung des Burgtheaters. Erklärung Hugo Thimigs. In: Neues Wiener Tagblatt, Jg. 46, Nr. 240, 2.9.1912, S. 12]; seine definitive Berufung erfolgte am 12.4.1914, war aber von Anfang an absehbar, Arthur Schnitzlers Notiz vom 25.9.1912 zufolge: „Burgtheater [...] Thimig [...], der wohl definitiv wird“ [Tb Schnitzler]. liegt für mich seit
Schlenthers WeggangDr. phil. Paul Schlenther, pensionierter Direktor des Wiener Hofburgtheaters und inzwischen ständiger Mitarbeiter des „Berliner Tageblatt“ in Berlin-Wilmersdorf (Kaiserplatz 14) [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1913, Teil II, Sp. 1502], war 1898 Direktor des Burgtheaters geworden, reichte nach einem Theaterskandal 1909 seine Demission ein und schied zum 28.2.1910 aus dem Amt. Sein Nachfolger wurde der nun verstorbene Alfred von Berger (siehe oben). in Ihrer BerufungFelix Salten, nach dem Tod Alfred von Bergers nicht unter den zahlreichen möglichen Kandidaten, die in der Öffentlichkeit für das Amt des Burgtheaterdirektors erwogen wurden, von Wedekind hier explizit vorgeschlagen, hatte wohl selbst Ambitionen, wie Arthur Schnitzlers Notiz vom 14.3.1913 nahelegt (die Fürstin Elisabeth Marie von Windisch-Graetz, geborene Erzherzogin von Österreich, und die Gräfin Karoline von Hadik-Futak würden ihn unterstützen, seine jüdische Konfession sei aber ein Hindernis): „Salten’s angebliche Burgdirectorschancen. Fürstin Windischgrätz, Gräfin Hadik, die ihn fördern wollen. Glaubt er’s selbst? Nur die Religion Schwierigkeiten. Schon nach Schlenthers Tod wäre einer aus dem Obersthofmeisteramt bei ihm gewesen ... ob er sich – für die Direktorchance ev. taufen ließe. Als ers strict ablehnte, habe jener Emissär geantwortet: ‚Vielleicht nützt Ihnen gerade das ...‘“ [Tb Schnitzler]. zum Direktor. Dieser Überzeugung hätte
ich längst öffentlich Ausdruck gegeben, wenn ich nicht fürchten müßte, meinen den Zweck damit zu verfehlen. Trotzdem glaube ich, daß
heute vielleicht eine von mir unterzeichnete AnregungEine Erklärung Wedekinds, die für Felix Salten als Direktor des Wiener Burgtheaters plädiert, ist weder im „Berliner Tageblatt“ noch, soweit ermittelt, in einer anderen Zeitung erschienen. nützlich sein könnte,
besonders wenn sie an einer so | weit entfernten Stelle wie im Berliner
Tageblatt zuerst erschiene. Um den Erfolg aber auf keinen Fall zu beeinträchtigen,
möchte ich die Anregung nicht ohne Ihr vollkommenes Einverständnis geben. Um es
kurz zu sagen, verehrter Herr Salten, wenn Sie mir 40 – 60 Zeilen (auch mehr, wenn es praktisch erscheint) senden wollten, unter die ich nur meinen
Namen zu setzen brauche, so würde ich n/d/as nach vollzogener
Abschrift gerne thun und die Anregung an die von Ihnen in Aussicht genommene
Zeitung senden. So sehr ich Ihre Kunst verehre, | fürchte ich eben doch, wenn
ich die Anregung selbst abfasse, aus Mangel an Sachkenntnis irgend eine
Dummheit zu schreiben. Sie sind an Ort und Stelle und wissen, worauf es
ankommt, was nottut, was erwartet wird. Sie würden mich mit dieser kleinen
Hülfe einfach aus einer Verlegenheit befreien. Ich möchte gerne öffentlich
wirken, aber auch zweckmäßig wirken. Deshalb wende ich mich an Sie. Sollten Sie
aber jetzt eine Aktion nicht für zweckmäßig halten, dann würde ich mich sehr
freuen, wenn Sie später gelegentlich darauf zurückkommen wollten.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr ergebener
Frank Wedekind.
München, Prinzregentenstraße 50.
4.9.12.