Sehr verehrter Herr SaltenFelix Salten (Pseudonym von Siegmund Salzmann), Schriftsteller in Wien (XVIII, Cottagegasse 37) und nach wie vor Redakteur der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1911, Teil VII, S. 1079].!
Sehr spät komme ich dazu, Ihnen für die flammende ZustimmungFelix Salten veröffentlichte in der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ einen programmatischen Aufsatz, der zum Auftakt auf Wedekind und seine Broschüre „Schauspielkunst“ (1910) verweist: „Hier ist doch wieder einmal so was wie Auflehnung. Hier ist doch endlich wieder eine Unzufriedenheit tapfer genug, laut herauszureden. Frank Wedekind. Der hat es übrigens nie verstanden, sich zu ducken, hat es auch nie gelernt; hat sich, wie oft schon, den Mund verbrannt, und kann, wenn ihn der Aerger packt, trotzdem nicht schweigen. Deshalb verfolgt und bewitzelt ihn denn auch die schreibende Krapüle, wo sie nur kann [...]. Wie wird sie nun die kleine Broschüre zerfetzen, die er jetzt erscheinen ließ. Er nennt sie ‚Schauspielkunst‘. Und redet darin von allerlei gefährlichen Dingen. [...] Frank Wedekind scheint für sich selbst zu kämpfen; aber er kämpft für uns alle. Denn da sind unter den schaffenden Schriftstellern von heute nicht zwei, die nicht sofort den Jammer unseres öffentlichen Geisteslebens besprechen, wenn sie irgendwo sich begegnen und beisammen sitzen. Seit Jahren geht der Verdruß und die Erbitterung in der Stille unter allen umher, geht geflüstert von Mund zu Mund. Frank Wedekind aber wagt es, ein lautes Wort zu sagen. Das müssen wir ihm danken. Müssen jetzt, da er sich allein auf die Straße traut, an seine Seite treten. [...] Mir flößt es immer Ehrfurcht ein. wenn, ein schaffender Künstler einmal zu reden anfängt und sich auflehnt [...]. Mir ist es immer ergreifend, wenn solch ein Künstler das duldende Schweigen bricht, das die Lippen aller Künstler versiegelt. Wie sollte man ihn nicht mit größter Aufmerksamkeit und Achtung anhören?“ [Felix Salten: Die Künstler sollen reden. In: Die Zeit, Jg. 9, Nr. 2784, 26.6.1910, Morgenblatt, S. 1-2, hier S. 1]
zu danken, die Sie meiner Broschüre in Ihrem interessanten Aufsatz in der Zeit
zutheil werden ließen. Ich muß Ihnen um so mehr dafür danken, da ich gerade die
öffentlichen Erörterungen meiner kleinen Schrift für die wichtigste und beste
Folge halte. Es kommt mir gar nicht darauf an, mit dem was ich sagte, Recht zu
haben oder zu behalten. Dagegen halte ich es für uns alle für vortheilhaft
wenn die Erörterung dieser Frage in der Schwebe bleibt, wenn sie von jedem bei
jeder Gele|genheit wieder aufgerollt werden kann, kurz und gut wenn wir das
Recht für uns in Anspruch nehmen und erkämpfen, uns selber vertheidigen zu dürfen.
Herr Albert HelmsAlbert Helms, Schriftsteller in Hamburg (Wagnerstraße 70) und Herausgeber der Halbmonatsschrift „Die Zeitschrift“ [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1911, Teil II, Sp. 658, 2056] im Verlag von Alfred Janssen in Hamburg – Heft 1 erschien am 8.10.1910. Beiträge Wedekinds sind in dieser Zeitschrift nicht veröffentlicht. in Hamburg, der sich jedenfalls auch an
Sie gewandtHinweis auf ein nicht überliefertes Anschreiben (durch das „auch“ im Hinweis auf das Schreiben an Felix Salten); erschlossenes Korrespondenzstück: Albert Helms an Wedekind, 25.7.1910. Albert Helms dürfte Wedekind um einen Beitrag in der Halbmonatsschrift „Die Zeitschrift“ (siehe unten) gebeten und zugleich darauf hingewiesen haben, dass er auch Felix Salten angeschrieben hat. hat gründet eine Revue in der ich Ihnen gerne auf Ihre Ausführungen
in der „Zeit“ antwortenWedekind hat keine Antwort auf Felix Saltens Artikel (siehe oben) veröffentlicht. würde.
Mit besten Grüßen
Ihr ergebener
Frank Wedekind.
München, 26.7.10.