Kennung: 347

München, 19. September 1903 (Samstag), Brief

Autor*in

  • Wedekind, Frank

Adressat*in

  • Salten, Felix

Inhalt

Lieber Herr SaltenFelix Salten, Schriftsteller in Wien (IX, Porzellangasse 45) und inzwischen Redakteur der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1904, Teil VII, S. 1088].!

Besten Dank für Ihre liebenswürdige Aufforderungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Felix Salten an Wedekind, 18.9.1903. Felix Salten dürfte Wedekind um einen Beitrag für das von ihm geleitete Feuilleton der Zeitung „Die Zeit“ gebeten haben.. Mit Freuden nehme ich die Gelegenheit wahr, um Ihnen für die liebevolle BesprechungFelix Salten hatte die Wiener Premiere des „Marquis von Keith“ am 30.4.1903 im Theater in der Josefstadt (Direktion: Josef Jarno) äußerst lobend besprochen, nicht nur die Inszenierung, sondern auch das Stück selbst und den Stil des Verfassers, den er besonders hervorhob: „Frank Wedekind gefällt mir vor allem deshalb so sehr, weil er das Leben wie das Schaffen so gar nicht ‚literarisch‘ nimmt. So ganz ohne schulmäßige Voraussetzungen. Er faßt diese lebendige, drollige, erfreuliche und stets amüsante Welt nicht mit tintenbeklexten Fingern an, und er gibt sich nicht die lächerliche Mühe, sie in Manuscriptpapier einzuschlagen. Die Leute finden, das sei frivol von ihm. Mir scheint, als läge in diesem Vorwurf die hochmütige Pedanterie des Metiers. Er geht auch nicht umher und nimmt die Dinge wichtig. Er mißt überhaupt weder der Welt noch den Bemerkungen, die er selbst sich über diese Welt gestattet, irgendwelche Wichtigkeit bei. Er ist ganz und gar nicht feierlich, er ist niemals pathetisch, und es fällt ihm nicht ein, sentimental zu sein. Was er zu sagen hat, das wirft er so beiläufig hin, anscheinend harmlos, und mit einem kaum merkbaren, spöttischen Lächeln. Zuerst ist man über diese kunstlosen Selbstverständlichkeiten frappirt, dann aber merkt man, wie eine ungeheure Ironie in ihnen förmlich vibrirt. Zuerst stutzt man bei seinen scheinbaren Banalitäten, dann aber fühlt man, daß neue Tiefen darinnen erschlossen sind, aus deren unterstem Grund ein überwältigender Humor aufsteigt.“ [Felix Salten: „Marquis von Keith.“ (Schauspiel in fünf Acten von Frank Wedekind. Zum erstenmal am 30. April im Theater in der Josefstadt. – Literarischer Abend. In: Die Zeit, Jg. 2, Nr. 211, 1.5.1903, Morgenblatt, S. 4], die Sie dem Marquis v. Keith haben zu theil werden lassen, meinen aufrichtigen und herzlichen Dank zu sagen. Er kommt etwas spät aber meine Energielosigkeit und die Depression in der ich mich vergangenen Winter in Folge des allabendlichen öffentlichen AuftretensWedekind trat in der Wintersaison 1902/03 jeden Abend im Münchner Kabarett Die Elf Scharfrichter auf, mit dem er sich inzwischen überworfen hatte und nicht mehr Mitglied des Ensembles war. befand, können mich | vielleicht entschuldigen. Was mich neben der Rettung des Marquis an der Besprechung am meisten freute, war die klare brillante Art wie Sie geschrieben war. Indem ich das sage, fürchte ich nicht, abgeschmackt zu erscheinen, da ich voraussetze, daß Sie sich selber Ihrer Vorzüge bewußt sind und meiner Bestätigung dazu nicht bedürfen.

Mit Freuden hörte ich zu Anfang des Winters von Ihrem Erfolg in BerlinFelix Saltens Soldatendrama „Der Gemeine“ (1901) war am 25.11.1902 im Neuen Theater (Direktion: Paul Martin) in Berlin erfolgreich uraufgeführt worden (nachdem eine Aufführung des Stücks zuvor Ende 1901 in Österreich aufgrund seiner antimilitaristischen Tendenz von der Zensur verboten worden war); die Presse urteilte: „Wenn man dem lauten Beifall glauben will – und es scheint, man darf ihm dieses Mal wirklich glauben! – dann wurde gestern ein neuer Bühnenmann und ein neues Volksstück entdeckt. Der Bühnenmann wird bleiben; er hat alle Qualitäten dazu.“ [P.B.: Der Gemeine. Volksstück in drei Aufzügen von Felix Salten. Erstaufführung im Neuen Theater. In: Berliner Tageblatt, Jg. 31, Nr. 600, 26.11.1902, Morgen-Ausgabe, S. (2)] „Im Neuen Theater hat gestern wieder einmal etwas Wienerisches, das Volksstück ‚Der Gemeine‘ von Felix Salten, großen Erfolg gehabt.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 553, 26.11.1902, Morgen-Ausgabe, S. 7]. Zu meinem Bedauern bot sich mir noch keine Gelegenheit „Der Gemeine“ zu sehen, aber ich dachte damals viel an den Lieben AugustinAnspielung Wedekinds auf sein Gastspiel am Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin im Theater an der Wien unter der Leitung von Felix Salten [vgl. Wedekind an Felix Salten, 18.9.1901], das wenige Tage nach der Eröffnung am 16.11.1901 wieder schließen musste und seine vorerst letzte Vorstellung am 24.11.1901 hatte: „Das Jung-Wiener Theater scheiterte mit seinem Ueberbrettl-Programm so rasch und vollständig, daß es, wie bekannt, mit der heutigen Vorstellung seine Aufführungen vorläufig abbrechen muß. Das Publicum übte seine Censur in der radikalsten Weise, indem es nach den ersten Abenden dem Theater oder vielmehr dessen Kassen fernblieb. [...] Von Herrn Wedekind ist keine Rede mehr. Es ist eine Erleichterung daß dieser Schriftsteller, der durch seine Werke einen Namen erlangt hat, sich hier nicht mehr allabendlich in eine seiner unwürdige Situation bringt.“ [Neue Freie Presse, Nr. 13381, 24.11.1901, Morgenblatt, S. 7] Karl Kraus rechnete die „Durchfallskatastrophe“ [Die Fackel, Jg. 3, Nr. 87, Ende November 1901, S. 26] auch Felix Salten an; es habe „das allergeringste Verständnis für die Individualität Wedekind’s [...] Herr Salten bewiesen, indem er ihn vor ein zweitausendköpfiges Publicum hinausstellte, dessen Anblick den an intimen Kneipabenden Bewährten nach seinem eigenen, vor Wiener Freunden abgelegten Geständnis völlig aus der Fassung gebracht hat.“ [Die Fackel, Jg. 3, Nr. 86, Mitte November 1901, S. 20] zurück, bei dem ich Gelegenheit hatte, so bedauerlich | die Sache ausging, Sie als Künstler sowol wie als Menschen von der liebenswürdigsten Seite kennen zu lernen. Um nicht jetzt im Herbst schon wieder gezwungen zu sein, jeden Abend im Tingeltangel aufzutreten, bin ich augenblicklich mit einer TerminarbeitWedekind schrieb mit ähnlichen Worten an Karl Kraus, er „laborire [...] an einer Arbeit, die laut Contract bis 1. December fertig sein soll und die es mir [...] nicht erlaubt, große Seitensprünge zu machen“ [Wedekind an Karl Kraus, 29.9.1903]. Er hatte „eine neue Arbeit begonnen“ [Wedekind an Albert Langen, 1.9.1903], die er als ein Roman-Projekt mit dem Titel „Fanny Kettler“ bezeichnete, das mit der Terminarbeit gemeint sein könnte, oder aber das im selben Werkzusammenhang stehende Dramen-Projekt „Hidalla“ [vgl. KSA 6, S. 368-370, 373-376], dessen weibliche Hauptfigur Fanny Kettler heißt [vgl. KSA 6, S. 41]. Wedekind gab später im Kuvert „Was ich mir dabei dachte“ (1911/12) als Entstehungszeit für „Hidalla“ an: „Geschrieben Juli 1903 bis Februar 1904.“ [KSA 6, S. 373] beschäftigt, die mich auf zwei Monate frei hält, mir aber auch keine großen Seitensprünge erlaubt. Damit Sie trotzdem an meinem besten Willen nicht zweifeln, lege ich einige Versenicht eindeutig ermittelt; es könnte sich um die beiden Gedichte „Abschied“ [KSA 1/I, S. 527f.] und „Trost“ [KSA 1/I, S. 528] gehandelt haben, die Wedekind wenige Tage später Karl Kraus zur Veröffentlichung anbot [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 29.9.1903], der sie in der „Fackel“ druckte [vgl. Frank Wedekind: Zwei Gedichte. In: Die Fackel, Jg. 5, Nr. 143, 6.10.1903, S. 26-27]. In der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ ist nach dem vorliegenden Brief bis Ende 1903 nichts von Wedekind erschienen. bei, die mir in der Sommerfrische einfielen und noch nirgends gedruckt sind. Wollen Sie mich Ihrer geehrten Frau GemahlinOttilie Salten (geb. Metzeles), Schauspielerin (Pseudonym: Ottilie Metzl), Heirat mit Felix Salten am 13.4.1902 in Wien mit Arthur Schnitzler und Siegfried Trebitsch als Trauzeugen – „Saltens Hochzeit.– Trebitsch und ich die Zeugen.“ [Tb Schnitzler] Wedekind dürfte sie während seines Gastspiels am Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin (siehe oben) persönlich kennengelernt haben. | allerergebenst empfehlen. Obschon ich nicht glaube, daß ich diesen Winter nach Wien komme, hoffe ich doch bald das Vergnügen zu haben, Sie wiederzusehen. Bis dahin mit den herzlichsten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.

19 Sept. 03.

Einzelstellenkommentare

Materialität des Dokuments

Bestehend aus 2 Blatt, davon 4 Seiten beschrieben

Schrift:
Kurrent.
Schreibwerkzeuge:
Feder. Tinte.
Schriftträger:
Papier. Doppelblatt. Seitenmaß 14 x 22 cm.
Schreibraum:
Im Hochformat beschrieben.

Datum, Schreibort und Zustellweg

  • Schreibort

    München
    19. September 1903 (Samstag)
    Sicher

  • Absendeort

    München
    Datum unbekannt

  • Empfangsort

    Wien
    Datum unbekannt

Informationen zum Standort

Wienbibliothek im Rathaus

Felderstraße 1
1082 Wien
Österreich

Informationen zum Bestand

Name des Bestandes:
Nachlass Felix Salten
Signatur des Dokuments:
ZPH 1681
Standort:
Wienbibliothek im Rathaus (Wien)

Danksagung

Wir danken der Wienbibliothek im Rathaus für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe des Korrespondenzstückes.

Zitierempfehlung

Frank Wedekind an Felix Salten, 19.9.1903. Frank Wedekinds Korrespondenz digital. https://briefedition.wedekind.fernuni-hagen.de (03.04.2025).

Status der Bearbeitung

In Bearbeitung
Zum Prüfen bereit
Freigegeben

Erstellt von

Mirko Nottscheid

Überarbeitet von

Ariane Martin

Zuletzt aktualisiert

02.02.2025 15:09