Lenzburg d. 13.XI 89.
Lieber BabyKosename von Frank Wedekind (auch: Bebi).!
Schon längst
mal sagte mir Kosename von Erika Wedekind., ich möchte Dir doch schreiben, denn Du habest diesen
Wunsch in ihrem Briefenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Erika Wedekind, 5.10.1889. ausgesprochen u Du selbst laborirestmühst Dich ohne Erfolg. schon seit x Wochen an einem Brief für mich – hmhm – wahrscheinlich
findest Du nicht den richtigen Ton – denn da die Maus jüngstin ihrem letzten Brief [vgl. Minna von Greyerz an Wedekind, 17.8.1889]. aus einem andern
Loch pfiff – wenn auch noch lange nicht aus dem Letzten – so weißt Du vielleicht nicht, wo Du zuerst
verrammeln sollst u wartest wol auf ein drittes Zeichender vorliegende Brief, dem zwei unbeantwortete Schreiben vorangingen [vgl. Minna von Greyerz an Wedekind, 30.7.1889 und 17.8.1889]. ihrerseits. Sei dem wie
es wolle – mir ist es einerlei; denn im Grund | genommen steh ich Dir viel zu
schwesterlich nah, als daß ich mich vor Dir zu geniren brauchte – oder sollte
ich Dich u mich falsch taxireneinschätzen.? Ich ließ mich vor Dir gehen u schließlich doch
nur weil ich mir’s zu erlauben dürfen glaubte – drum lege mir mein Empfinden u
Gebahren nicht anders aus, treibe keinen Spott damit oder lege es nicht Andern
zur Unterhaltung vor – das würde mich verletzen. Teils haben meine Worte auch
Bezug auf meinen verrückten Brief von neulichvgl. Minna von Greyerz an Wedekind, 17.8.1889. u wenn Du ihn mir nicht
zurückschickst, was mir das Liebste wäre, so verbrenne ihn, wie es
solchem Spuck geziemt. Was ich Dir übrigens geschrieben, weiß ich nicht
mehr, nur noch ungefähr wie – weil mir die momentane Stimmung noch
un|gefähr zugegen ist. Mietze teilte mir mit, Du ließest mir sagen, ich sollte
mich schämen, auf eine Perle eifersüchtiggemeint ist die nicht näher identifizierte Margarita B. [vgl. Wedekind an Minna von Greyerz, 16.11.1889], von der Wedekind im Sommer geschrieben hatte [vgl. Wedekind an Minna von Greyerz, 26.7.1889]. Zu ihr äußerte sich Minna von Greyerz in ihren Antwortbriefen nicht, das Thema Eifersucht sprach sie im Zusammenhang mit Dora Sauer an [vgl. Minna von Greyerz an Wedekind, 30.7.1889]. zu sein oder zu beneiden,
das sei s/a/ls ob ich den blauen Himmel beneiden wollte. Ich bin mir
nicht bewußt irgend Jemand zu beneiden oder zu beeifersüchteln, schon aus dem
Grund, weil ich so harmlos oder altbacken zufrieden bin mit meinem Loos im
großen Ganzen; daß ich wenigstens nicht tauschen würde. Verzeih, daß ich nicht
verstehe was Du damit meinst, oder daß ich bereits vergeß was ich Dir damals
schrieb, als Du derartiges aus meinen Zeilen zu deuten suchtest. Ich hoffte Deine vetterliche
Verbindlichkeitbei einem Besuch in München. in Anspruch nehmen zu können – umsonst! – Ich habe nämlich
verschiedene Loosevon der Münchener Künstlergenossenschaft ausgegebene Lotterielose, die vom 12. bis 20.10.1889 neben der Lotterieteilnahme auch zum einmaligen Besuch der Münchener Jahresausstellung von Kunstwerken aller Nationen im Kgl. Glaspalaste berechtigten. „Dieselben behalten im übrigen ihre volle Gültigkeit und können bei der Ziehung mit jedem im Gewinnplan vorgesehenen Treffer herauskommen.“ [Münchener Kunst- und Theater-Anzeiger, Jg. 2, Nr. 629, 12.10.1889, S. 3] in der Münchner-Kunstaus|stellung gewonnen, hatte jedoch
kein [Zeichnung: Schwein] so wenig
wie in dieser herrlichen Zeichnung. GewönlichSchreibversehen, statt: Gewöhnlich. machen die Leute ein Geheimniß
aus solchen Dingen – ich sehe aber nicht ein warum. –– Es wäre mir sehr
interessant direct von Dir zu vernehmen, wie’s Dir geht etc. – Ob Du mir wol
glaubst, wenn ich Dir sage, daß ich seit Sommer Göthe zur Hand genommen habe u
„Wahrheit u Dichtung“ lese; leider komme ich nicht jeden Tag dazu u dann nur
sehr kurz aber es ist höchst interessant! Ich bin sehr auf den 19. Nov. gespannt – dann höre
ich Frau Wirz-Knispel und – Scheidemantel, in einem AbonnementsconzertAm 19.11.1889 wurden in Zürich die „Szenen aus Goethes Faust“ von Robert Schumann (Uraufführung 1862) aufgeführt. Die Sopranistin Louise Wirz sang die Partei des Gretchens, der Bariton Karl Scheidemantel die des Faust. Die Presse berichtete ausführlich über das Ereignis [vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 69, Nr. 328, 24.11.1889, Beilage, S. 1]. in
Zürich. KürzlichDas Konzert fand am 2.11.1889 statt: „Nächsten Samstag Abends 6 Uhr wird uns in der katholischen Kirche ein Konzert geboten werden, welches recht wohl zu der Stimmung passen wird, die an diesem Tage, dem Allerseelentag, doch immer uns Alle, Protestanten wie Katholiken, umfängt. [...] Ganz besonders aber dürfen wir auf Frau Müller-Bächi gespannt sein, die uns ein Sanctus von Cherubini und Anderes, was zu andächtiger Stimmung paßt, singen, und in einigen Nummern ihre prächtige Altstimme mit dem Sopran der Frau Höck zum Duett vereinigen wird. Den gewaltigen Hintergrund des Ganzen wird das Orgelspiel des Dresdner Organisten Hrn. Hans Fährmann bilden“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 69, Nr. 303, 30.10.1889, Erstes Blatt, S. (1)]. hörte ich Frau Müller-BächiDie Konzertsängerin Julie Bächi, Tochter des Großmünster-Organisten in Zürich, hatte nach dem Tod ihres ersten Ehemannes Kaspar Müller von 1884 bis 1886 zur Belebung ihrer Karriere für zwei Jahre das Dresdner Konservatorium besucht. „Schon während dieser Studienzeit hatte sie verschiedentlich in deutschen und Schweizer Städten öffentlich gesungen und immer begeisterte Aufnahme gefunden. 1889 verheirathete sie sich mit dem Komponisten und Orgelvirtuosen Hans Fährmann aus Dresden und lebt seitdem dort in reicher Lehrthätigkeit, konzertirt öfter mit ihrem Gatten, während zahlreiche Offerten sie allwinterlich nach den großen Städten Deutschlands und der Schweiz berufen.“ [Anna Morsch (Hg.): Deutschlands Tonkünstlerinnen. Biographische Skizzen aus der Gegenwart. Berlin 1893, S. 136] dasselbst u ihren jetzigen Mann
Organist Fährmann aus Dresden, mit dem sie hoffentlich besserDer erste Ehemann Julie Bächis, der Apotheker Kaspar Müller, hatte sie verlassen und wurde von den Justiz-Behörden gesucht: „Kaspar Müller von Elgg, Apotheker, geb. 1852, dessen gegenwärtiger Aufenthaltsort hierorts unbekannt ist, wird hiemit öffentlich aufgefordert, zu seiner Ehefrau Julie Müller, geb. Bächi, wohnhaft in Winterthur, binnen sechs Monaten von heute an zurückzukehren, unter der Androhung, daß wenn diese Aufforderung erfolglos bliebe, dem Scheidungsbegehren der Ehefrau Müller wegen böswilliger Verlassung Folge gegeben würde. Winterthur, den 30. Dezember 1881.“ [Amtsblatt des Kantons Zürich, Nr. 2, 6.1.1882, S. 27f.] fährt als mit
ihrem Ersten. Nach Schluß des sehr genußreichen Conzertes stieg ich auf die
Empore (der Augustinerkirche, welche gedrängt voll war) u fand eine köstliche
Begrüßung zwischen ihr u mir statt. Nächsten Sonntag, den 17. Nov. | findet unser
Cäcilienfest statt u wird es höchst fidel werden. Mama u Mietze haben sich auch
zur Beteiligung des Banketts auf der Liste unterschrieben. Frau Oschwald, JahnBertha Jahn, Inhaberin der Lenzburger Löwenapotheke, Schwester von Fanny Oschwald; Wedekinds ‚erotische Tante‘.
u Zweifel-Gd.Blanche Zweifel, geborene Gaudard, eine Schwester von Minna von Greyerz’ Freundin Mary Gaudard; sie war seit 1882 verheiratet mit dem Lenzburger Kolonialwarenhändler Adolf Zweifel.
haben ein flottes Ensemble fabrizirt, das in Scene gesetzt wird: die Geschichte führt ihren Mitschwestern P/M/usik
u Minne Bilder aus der Vergangenheit vor: PfahlbautzeitSchreibversehen, statt: Pfahlbauzeit (oder: Pfahlbautenzeit). – Helvetier u Z/R/ömerzeit
– altdeutsches Minneleben – Roccocozeit u das Bild der Gegenwarts
– ein Theil operSchreibversehen, statt: der Oper. LoreleyFelix Mendelssohns 1847 begonnene, unvollendet gebliebene Oper „Loreley“ (nach Emanuel Geibel). Im Druck erschienen waren drei Nummern: Nr. 1 Finale des 1. Aktes; Nr. 2 Ave Maria und Nr. 3 Winzerchor [vgl. Mendelssohns Werke. Serie 15. Grössere weltliche Gesangswerke. Nr. 123. Loreley. Unvollendete Oper. Op. 98. Leipzig 1877]. die wir im Concert singen, wird
dramatisch aufgeführt. Der Vorhang fällt während dem ganzen Stück nie, sondern
bloß die Waldscenerie wird während den Bildern auf u niedergelassen u zwischen
durch spielen sich gelungene Scenen der Gegenwart ab, wobei sich die
Geschichte Musik u Minne jeweils zurückziehten. Das Ganze ist höchst
amüsant u die Rollen der so vielen Beschäftigten günstig verteilt. Mietze wird
als Pfahlbäuerin einen Hymnus singen – ich als altdeutsche | Maid ein Duett mit
Otto Bertsch. aus Schumanns „Rose Pilgerfahrt“ mit andrem Text. Mietze wird
zum Schluß als Loreley glänzen – die Partiedie Sopranarie „Ave Maria“ mit Frauenchor (s. o.). liegt ihr famos. Neulich sang sie
auch in einem hiesigen Kirchenconzert, gegeben von einem Wiener „Organisten[“]
Töpfer, Schwindler ersten Ranges, u klang ihre Stimme prächtig – sie muß nur
noch mehr Ausdruck u Seele in ihren Vortrag legen – besonders in die
feinfühligen Compositionen eines Schumann u die ernsten Kirchenarien der
Klassiker. Die Loreley v. Mendelssohn paßt ihr famos, sie ist d/w/ie das
verköp/r/perte Märchen – Du würdest weg sein könntest Du sie sehen u
hören – überrasche sie doch zum Sonntagdem 17.11.1889, an dem das Cäcilienfest gefeiert wurde. Der Aufforderung zu einem Besuch in Lenzburg kam Wedekind nicht nach., das wäre auch wieder was! Die MinckinFräulein Mink, Konzertsängerin und Pensionsgast auf Schloss Lenzburg. umarmte
im Vorgefühl, daß Du diesen Winter mal kommen würdest bereits den
Schaukelstuhl, in dem sie Dich drin liegen wähnte. | Kurz vorher hatte sie sich
zwar gegen Dich ausgesprochen, wahrscheinlich um die Wirkungen, die ihre Worte
auf mich ausüben sollten, zu beobachten, doch blieb ich kühl bis an’s Herz
hinan. Vor 3 JahrenMinna von Greyerz hatte von September 1884 bis Frühjahr 1887 eine Gesangs- und Klavierausbildung am Konservatorium in Dresden absolviert. hieß es bei MehringsDie Sprachlehrerinnen Maria Magdalena und Emma Mehring, die mit ihrer Mutter, der Pastorenwitwe Louise Mehring (geb. König), in Dresden die Pension Mehring in der Struvestraße 16 (2. und 3. Stock) betrieben [vgl. Wohnungs- und Geschäfts-Handbuch der Königlichen Residenz- und Hauptstadt Dresden für das Jahr 1890, Teil I, S. 380, 1150], in der Minna von Greyerz seinerzeit vermutlich logierte; seit 1890 wohnte Erika Wedekind dort. sie habe sich für 29 Jahre alt
ausgegeben, dem widerspricht sie hjetzt u giebt sich für 25 – das stände
wenigstens im Verhältniß zu Dir, auch hatte sie eine reiche Großmutternicht identifiziert.,
die bald sterben wird, (sie ist schon 80 oder älter) u dann wird sie natürlich
ihren Erbteil bekommen – sie würde zu Dir passen, indem sie gleich Dir ein
famoses Maulwerk hat u die Streichhölzer links u rechts an Boden wirft.
Ueberleg Dir die Sache – sie ist nicht ohne!
Ich komme in
letzter Zeit sehr selten aufs Schloß, trotzdem wir einen | jourfixejour fixe (frz.) = regelmäßiges Treffen. haben, aber ich bin gegenwärtig wieder sehr von Unterricht
gebenSeit ihrer Rückkehr aus Dresden war Minna von Greyerz in Lenzburg als Klavierlehrerin tätig. in Anspruch genommen – 25 Stunden per Woche u habe sonst genügend innere
u äußere Abwechslung
u bin höchst fidel dabei.
Nächsten
Sonntagam 17.11.1889, im Rahmen des Cäcilienfestes. singe ich 3 Lieder im Conzert u Sonntags drauf debütire ich in Wohlen.
Vier Wochen eh KäslinEusebius Kaeslin, Dirigent, Komponist und Lenzburger Musikdirektor, der am 21.8.1889 in Aarau gestorben war. starb sang ich noch unter seiner Leitung in Aarau. Von
diesem Winter erwarte ich nicht viel – der SchönsteAnspielung auf den Winter 1888/89, als sich zwischen Wedekind und Minna von Greyerz eine kurze Liaison entwickelte. ist wol vorüber! Doch genug
– sonst liest z/D/u mein Gekritzel nicht einmal zu Ende, Du Schnödian. –
Herzlich grüßt
Dich
Deine tr. Cousine
Minna v. G.
[Kuvert:]
Herrn Franklin Wedekind
München
Akademiestrasse 21.
III. |
„bon jour!(frz.) Guten Tag!“