Lenzburg 30.Das Tagesdatum wurde nachträglich mit Bleistift eingefügt. Im Tagebuch notierte Wedekind am 31.7.1889: „Brief von Minna. Tuschel hat ihr den meinigen ins Bett gelegt und sie die ganze Nacht darauf geschlafen.“ Juli 1889.
Geliebter BabyKosename von Frank Wedekind (auch: Bebi).!
Dein Briefvgl. Wedekind an Minna von Greyerz, 26.7.1889. hat mich elektrisirt, er ist mir ein Labsal; ich
küsse Dich dafür. Stelle Dir vor, er lag in meinem Bett, ohne mein Wissen, Tüschelvermutlich Spitzname von Clara Krapp, einer Freundin von Minna von Greyerz [vgl. Clara Krapp an Wedekind, 27.7.1887], die sie auch auf ihrer Parisreise begleitete (s. u.).
hatte ihn hineingelegt, da ich derweil an Willys HochzeitWilliam Wedekind heiratete seine Cousine Anna Wilhelmine Kammerer aus New York am 25.7.1889 in Zürich. war. Ich merkte die
ganze Nacht nichts davon u lag doch darauf. Sonderbar ists aber doch, daß ich
gerade mehr als je wieder an Dich denken mußte – zuweilen verdreht es mir Herz
u Sinne, ich möchte mich dann selbst wegfwerfen, Dir Alles sein u doch
Alles von mir reißen – ein teuflischer | Zustand, o Satan! Ich bin aber noch
nicht unglücklich, im Gegenteil recht fidel, ich genieße so gut ich kann u
danke dem Bewußten oder Unbewußten, so oft es mir einfällt für meine Gesundheit, denn so lang mir die
bleibt, suche ich mich mit Frohmut selbst in’s Unangenehme hinein zu finden; auch eine
philosophische Arbeitdie Passage wohl in ironischer Anspielung auf Olga Plümacher, Wedekinds ‚philosophische Tante‘, und ihre Publikationen zum Pessimismus [vgl. auch Minna von Greyerz an Wedekind, 2.6.1884]. u zuweilen keine GeringeSchreibversehen, statt: geringe.! Also – ich erwachte –, Dein
gedachte SatanellaSelbstbezeichnung Minna von Greyerz’ [vgl. ebenso Minna von Greyerz, 17.8.1889]; das Rollenspiel als Gattin des ‚Satans’ Frank Wedekind auch in Minna von Greyerz’ Gedichten „Vesuv“ (vom 17.1.1889) [Mü L 3476/8; abgedruckt in: Austermühl 1989, S. 398-399] und „Satanella’s Bitte“ (von Wedekind auf 1889 datiert) [Mü L 3476/11; abgedruckt in: Austermühl 1989, S. 407]. Der Name Satanella findet sich häufiger für Titelfiguren in der zeitgenössischen Opern- und Ballettliteratur, so bei Joseph Mazilier/Henri Reber/François Benoist: „Le Diable amoureux“ (auch: „Satanella ou Amour et Enfer“) (1840), Paul Taglioni/Cesare Pugni/Peter Ludwig Hertel: „Satanella oder Metamorphosen“ (1852), Michael William Balfe/Edmund Falconer: „Satanella“ (1858) sowie Emil Nikolaus von Reznicek/Jaroslav Vrchlitzky: „Satanella“ (1888). Die Figur eines weiblichen Teufels (als Mephistola) auch bei Heinrich Heine in seinem Tanzpoem „Der Doktor Faust“ (1851). – u just wie ich die Strümpfe anzieh’n will, find’
ich Deinen Brief – es war zu merkwürdig u ich weiß nicht wie oft ich Deinen
Namen vor mich hinjubelte; ich verschlang Deine Zeilen, empfand einiges
Unbehagen bei Erwähnung Deines sauern IdealsAnspielung auf Wedekinds Bewunderung der Sängerin und Schauspielerin Dora Sauer [vgl. Wedekind an Minna von Greyerz, 26.7.1889 und Erika Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1889]., war es etwas Eifersucht?
empfand große Wohltat bei den Stellen die von Dir und auch von mir handelten,
freute mich überhaupt, daß Du Dir Zeit genommen, mir | zu schreiben; las ihn
gleich noch ein Mal, fing dann an ihn geis zu cecirenSchreibversehen, statt: seciren; hier für: in allen Einzelheiten untersuchen., dachte an Deine
öde Langeweile, daß sie Dir vielleicht den Brief dictirt, daß Du meine
Correspondenz wol gar nicht mehr habest, geschweige dieselbe mitgenommen oder
gar gelesen habest und dennoch – hilf Himmel der menschl. Schwäche – warf
ich mich in’s
Kissen zurück, umklammerte dasselbe, im Gedanken, daß ich Dich so hielte; doch
nein, nachher kam mir zum Bewußtsein, daß das Kissen doch besser, angenehmer
als Du, weil weicher u saubrer. Lieber Baby, ich weiß wahrhaftig nicht, ist
es eine Stärke oder eine Schwäche, daß ich Dir so schreibe, daß ich so
unbefangen Dir Alles sagen kann, ich untersuche es nicht näher, denn ich finde
es so natürlich u das genügt mir. Wie viel großartiger ist wäre das Leben, wenn | man immer u überall sich natürlich geben
könnte u dürfte, oder doch nicht. Denn mit der Zwangsjacke förmlicher
Etiquette wird gerade m/M/anches verhüllt u dadurch nur pikanter
gemacht, die Seltenheit reizt. Ich kann die Formmenschen auch nicht leiden, umsoweniger, wenn man denkt
wie viel Unwahrheit, durch die Unnatur in ihnen steckt; um so amüsanter wenn
bei Gelegenheit ihre Maske fällt. Wie z. B. Mutter und Tochter Hafnernicht näher identifiziert.
(geschiedene Pfarrsfrau) bei der ich in Paris logirteMinna von Greyerz hatte Anfang des Monats für zwei Wochen Paris besucht.: wir sahen in d. grß. opéra „la tempêteAmbroise Thomas ‚ballet fantastique‘ „La tempête“ (nach William Shakespeares Schauspiel „The Tempest“) wurde am 26.6.1889 an der Opéra de Paris uraufgeführt und anschließend entsprechend häufig gegeben. Minna von Greyerz besuchte die Aufführung des Ballets am 5. oder am 13.7.1889.“ v. Thomas,
ein flottes Ballet – sie schauten, schauten immer, machten aber dabei Bemerkungen,
wie wenn als ob sie was UnschiklichesSchreibversehen, statt: Unschickliches.
betrachteten. Ich verhielt mich erst ganz ruhig, fing dann mit der Tochter, (ein Frl. v. 30 Jahren) mit
sonst sehr selbständigen Ansichten) ein Gespräch darüber an u das Endresultat
war, daß sie’s
eigentlich auch sehr gerne sieht; ihre Mutter deßgleichen; nur dürfe es ihre
Schwester nie erfahren. Und nun bin ich wieder in Paris – o ich möchte gleich
wieder hin – es war halt herrlich. | Ich möchte Dich eine Zeit lang dort
wissen, mein Baby. Am liebsten würde ich mit Dir
ein wenig dort herum bummeln. Ich finde es sehr großartig u bin ganz benommen
von dem was ich dort sah u hörte. Ich war bloß 14 Tage, habe aber sehr
profitirt. Morgens
nach d. Frühstück,
schrieb ich immer in’s
TagebuchMinna von Greyerz’ Tagebuch ist nicht überliefert. (welches ich seit 1. Mai, angesteckt von Dir, führe) dann besuchte ich
nicht bloß die kollossaleSchreibversehen, statt: kolossale. Ausstellung, sondern auch viele Kirchen: notre dame, Panthéon, Invalidendom u KapelleDas Grab Napoleon Bonapartes befindet sich seit 1861 in der Krypta des Invalidendoms, zuvor (seit 1840) lag er in der Chapelle Saint-Jérôme, einer Seitenkapelle des Invalidendoms. wo
Napoleon liegt, Letztere prachtvoll, in der St. Sulpicekirche1736 fertiggestellte katholische Pfarrkirche im Pariser Quartier de l’Odéon.
wohnte ich einer großartigen Leichenfeier bei, MadelaineLa Madeleine, 1845 geweihte Pfarrkirche im 8. Arrondissement von Paris.
u d. reformirte
Kirchewohl das 1745 fertiggestellte Oratoire de Louvre, das 1811 von Napeloen Bonaparte der protestantischen Gemeinde von St. Louis du Louvre als Kirche übergeben wurde. u. Versailles. Die Schlösser sind dasselbst
inwendig lange nicht so großartig wie diejenigen von Potsdam u Charlottenburg.
Auch nach St. CloudVorort von Paris, rund 10 Kilometer westlich des Zentrums. bin ich gefahren mit d. Schiff u beinah
noch nach HavreLe Havre liegt am Ärmelkanal, rund 200 Kilometer nordwestlich von Paris und galt als Kur- und Erholungsort.; ich war dann als zum Ersatz doch sur
la Bade de Havre(frz.) über dem Bad von Havre., wenn
auch nur im transatlantischen Panoramadas anlässlich der Pariser Weltausstellung 1889 am Ufer der Seine errichtete, von Théophile Poilpot gemalte Panorama der transatlantischen Gesellschaft: „Der Zuschauer befand sich auf der Brücke eines Schiffes, der Vorder- und Rücktheil desselben verschwand in den Fresken der Wände und ringsherum sah der Zuschauer nur Meer, besät mit Schiffen aller Grössen und in der Ferne taucht der Hafen von Havre und die schöne normannische Küste auf.“ [Allgemeine Bauzeitung, Jg. 55, Wien 1890, S. 37]. Auch die enormen |Magazine v. Louvredie Grands Magasins du Louvre, ein 1855 eröffnetes Warenhaus im ehemaligen Grand Hotel du Louvre in der Rue Rivoli: „In Paris bewährt die Rue Rivoli noch jetzt ihren alten Ruhm glänzender Läden. Es sei darunter nur das ‚Louvre‘ hier erwähnt, so genannt nach dem naheliegenden Schloß Louvre. – Zusammenhängende, endlos scheinende Salons und Galerien, in welchen Alles, was der verwöhnteste Sterbliche zur Bekleidung und zum Schmuck seiner selbst und seiner Behausung wünschen kann, aufgehäuft ist!“ [Bischoff u. a.: Das Manufakturwaarengeschäft. Fabrikation und Vertrieb. 2. Aufl. Leipzig 1869, S. 469]. u bon
marchéLe Bon Marché, das 1838 im 7. Arrondissement von Paris gegründete Kaufhaus gilt als das erste seiner Art. nahm ich in
Augenschein, es ist fabelhaft wie splendidprächtig, kostbar. diese Geschäfte sind! Louvre allein hat bloß für die Exposition 3 Schiffe,
reizende kl.
vergoldete Dampfer bauen lassen u jeder der bis zu 5 Frs. kauft, bekommt ein retourbillet aufs Schiff, eau de cologne(frz.) Kölnisch Wasser; seit dem 18. Jahrhundert in ganz Europa verbreitetes Parfüm. fließt umsonst für Jedermann,
ein Diener hat den ganzen Tag weiter nichts zu tun, als Leute, denen es beliebt
zu wissen wie schwer sie sind, zu wiegen, Lesesalon, Conversations- u
Schreibsaal, auch ein Büffet mit delikaten Syrups
u Bonbons stehen unentgeldlich zur
Verfügung, auch Solchen die nichts kaufen. Einen ganzen Nachmittag verbrachte
ich im Louvre-Museum u hatte viel Genuß an den
herrlichen Gemälden u Sculpturen. Mit Eduard Burkhard war ich in
einem prächtigen Concert | der FinnländerDie beiden finnischen Chor-Konzerte im Palais du Trocadéro fanden am 6. und am 8.7.1889 statt [vgl. Annegret Fauser: Musical Encounters at the 1889 Paris World’s Fair. Rochester 2005, S. 322-324]; die Presse berichtete: „‘Die munteren Musikanten‘ so nennt sich, wie man aus Paris schreibt, eine Gesellschaft von 28 Studenten, Doktoren, renommirten Industriellen etc. aus Finnland, die sämmtlich an der Universität Helsingfors studirt haben und nun auf eigene Kosten nach Paris gegangen sind, um die Ausstellung zu besichtigen und im Trocadero-Palaste einige Konzerte zu geben. Es sind meist junge Leute und ganz bemerkenswerthe Künstler, die vom russischen Kaiserpaar und vom dänischen Hofe oft zu Konzerten herangezogen werden. Ihr Gesang ist ganz eigenartig; auf ein Zeichen des Dirigenten setzt der Chor in den schwierigsten Akkorden mit verblüffender Sicherheit ein und die Gesellschaft exekutirt sodann die mysteriösen norwegischen, finnländischen und schwedischen Gesänge und Melodien mit unvergleichlichem Reize.“ [Neuigkeits-Welt-Blatt, Nr. 160, 14.7.1889, 3. Bogen, S. 1] Da Minna von Greyerz am 6.7.1889 in der Oper war (s. u.), besuchte sie das Konzert am 8.7.1889. u zwar in dem größten Saal des TrocadéroDas zur Pariser Weltausstellung 1878 errichtete Palais du Trocadéro gegenüber dem Eiffelturm fasste in seinem größten Saal rund 5000 Besucherinnen und Besucher. Das Gebäude wurde 1937 abgetragen.. Mit ihm sah ich die
Oper „FaustCharles Gounods überaus erfolgreiche Oper „Faust“ (Libretto: Jules Barbier und Michel Carré) war am 19.3.1859 in Paris uraufgeführt worden. Die einzige Aufführung während Minna von Greyerz’ Parisaufenhalts im Juli fand am 6.7.1889 statt.“ in d. gr. Oper, ging dann um
12 noch auf d. Boulevards wo wir noch Bock(frz.) (Bock-)Bier. tranken. Dort sah ich z. 1. Mal des eigentliche nächtliche Pariserleben, ich
sah die schönsten Damen, die auserwähltesten d. h. extravagantesten u
distinguirtesten, geschmackvollsten u absurdesten Toilletten.
Sie gingen je 2 zu 2 – es waren, Du weißt es schon, jene unanständigen
Frauenzimmer, die sich Jedem antragen, wegen denen sich so mancher junge Mann
demoralisiren läßt u schließlich die wilde Ehe für die beste hält. Hmhmhmder letzte Buchstabe geht in einen langen, nach unten gezogenen Strich über. Ich hatte nun ein sehr intimes
Gespräch mit Ed. Er ist ein sehr ernster junger
Mann, mit soliden Grundsätzen, doch glaube ich nicht daß Ihr
Euch goutiren würdet.,
kamen, dann noch auf die Religion zu reden, kurz bin ihm viel näher
getreten als ich je gedacht hätte, worüber sich Tüschel sehr freut. Die Beiden
passen ausgezeichnet zusammen | ich habe noch nie ein besser passendes
LiebespaarDer „Kaufmann Eduard Burkhard u. Klara Krapp (Küßnach, Schweiz)“ [Saale-Zeitung, Nr. 16, 19.1.1890, 4. Beilage, S. 4] gaben am 19.1.1890 ihre Vermählung bekannt. gesehen. Verzeih, wenn ich Dir wahrscheinlich zu langweilig erzähle
– es ist dies mein steter Fehler, schon Mutterli sagte mir’s immer. Gleichwol habe
ich dagegen ein feines Ohr in der Beziehung für Andre u gerade weil mir’s
mangelt, empfinde ich’s
umsomehr wenn ein Andrer fesselnd schreibt od. spricht. Du giebst Dir doch
sicherlich keine Mühe, wenn Du uns nach Lenzburg schreibst, Du setzst hinSchreibversehen, statt: setzt Dich hin. u
schmierst schnell hin was Dir durch den Kopf geht – aber es ist sicherlich
keine Einbildung von mir, wenn ich sage, daß der einfachste Satz von Dir packt,
er packt in seiner treffenden Ausdruckweise, er packt mit seiner Kürze – oder
hältst Du dies für ein bloßes Compliment? O ja Du bist eitel – aber auch dafür
mußt Du gleich noch einen Kuß haben – ich erwärme mich oft mehr an
Schwachheiten als an Tugenden. Sofie MartiSophie Marti, eine Jugendfreundin Erika Wedekinds und Klassenkameradin im Lehrerinnenseminar Aarau, war nach ihrem Abschluss im Sommer 1887 als Hauslehrerin für eine nicht näher identifizierte Familie in Paris tätig [vgl. Bertha Jahn an Wedekind, 22.6.19887], ehe sie in Thalheim und Oetlikon Lehrerin wurde. findet Paris gar nicht so besonders
großartig und war | erstaunt über mein Erstaunen dieserSchreibversehen, statt: Erstaunen angesichts (oder: in) dieser. Großstadt, fand den
prächtigen place de la
concorde, den sie seiner
Zeit auch in Beleuchtung gesehen am 14. Juli „ganz nett, aber wieter nüt(schweiz.) weiter nichts [vgl. Schweizerisches Idiotikon 16, Sp. 2302 und 4, Sp. 868].“, ich
wunderte mich über
ihre Blasirtheit – ich bin eben doch noch ein Kind. Und die Pariser – die sind
allemiteinander Kinder – o wie habe ich mich am 14. Juli Nachts amüsirt bis ½ 3
immer in den Straßen geschwetzt(schweiz.) geschwatzt [vgl. Schweizerisches Idiotikon 9, Sp. 2250]., gelacht, gesungen u getanzt (mit Ed.) u Alles schien eitel
Vergnügen! Es macht mir viel Spaß, daß ich nun ein Tagebuch führe, man lebt
noch mehr; und es wenn es doch gelebt sein soll, will ich auch ganz
leben. Carl hat Deine Ausarbeitungdas Fragment gebliebene Drama „Elins Erweckung“ [KSA 2, S. 45-505], das Wedekind im Winter 1888/89 begonnen und durch Minna von Greyerz ihrem Schwager, dem Pfarrer Carl Juchler, offenbar zur Lektüre gegeben hatte. immer noch nicht gelesen. Ich wünschte so sehr, Du würdest Deinen
SchnellmalerWedekinds 1886 entstandenes Lustspiel „Der Schnellmaler“ war nach mehrfacher Überarbeitung im April 1889 als Buch erschienen [vgl. KSA 2, S. 545-552]; die Uraufführung fand erst am 29.7.1916 statt. nach Dresden an’s
ResidenzteaterSchreibversehen, statt: Residenztheater. schicken, dort werden solche Stücke gegebenMinna von Greyerz hatte von September 1884 bis Frühjahr 1887 eine Gesangs- und Klavierausbildung am Konservatorium in Dresden absolviert und kannte daher die dortigen Verhältnisse. Die Direktion des Dresdner Residenztheaters hatte seit 1879 Engelbert Karl inne [vgl. Neuer Theater-Almanach 1890, S. 68]; ob Wedekind sein Stück nach Dresden sandte, ist nicht bekannt.. Bitte, versuch’s doch! Tante Oschwald
habe ich nicht mehr gesehen, dagegen Tante Jahn, doch weiß ich nichts über sie
zu sagen. Frl.
Mink läßt sich Dir ebenfalls wieder bestens empfehlen u | wenn sie auch etwas
über Dora Sauer wüßte, würde sie es für Dich doch nicht sagen, da Du hierin
einen so verdorbenen Geschmack entwickeltest. Wie es aber zuweilen bei der
Inconsequenz des weiblichen Geschlechts zu gehen pflegt, erzählte sie mir
hernach auf meine weitern Fragen, daß sie ihres Wissens nach Metz oder
Straßburg gekommen sei, vielleicht sei sie auch schon gestorben od. verdorben,
denn sie habe sehr gehustet, auch seien ihre Tantennicht ermittelt. an Brustkrebs gestorben. Damit wollte Frl.
M. wol
sagen, daß Sauraverballhornende Namensverschmelzung aus Dora Sauer. auch den Krebsgang nehmen werde. Du würdest Dich famos mit der
Mink kampeln(schweiz.) zanken [vgl. Schweizerisches Idiotikon 3, Sp. 298]. können, sie ist ein sonderliches Frauenzimmer, wenn Du es
wünschest, schreib ich Dir mehr über sie, trotzdem sie mir gar nicht sympatisch
ist. MietzeKosename von Wedekinds Schwester Erika; in wen sie sich verliebt hatte, ist nicht sicher ermittelt, die Verbindung mit Wedekinds früherem Mitschüler Walther Oschwald, den sie 1898 heiratete, wurde erst im nächsten Jahr bekannt [vgl. Tb, 2.9.1890]. liebt. Sie wird es Dir wahrscheinlich schon selbst geschrieben
haben. Sie „hübschet“ immer noch u hat sich mir sehr angeschlossen u erzählt
mir Alles, trotzdem ich ihr nicht die mindesten Avancen mache. Tschining
nicht näher identifiziert, wohl Spitzname für eine Angestellte auf Schloss Lenzburg.befindet sich wohl, hatte bloß von der Hochzeit Kopfschmerzen. Dieselbe verlief
recht gemütlich, familiär, ich platzte als die Dreizehnte auch noch hinein;/./
Es wurde alles gar schnellAm 25.7.1889, dem Tag der Hochzeit, hatte Wedekind noch irrtümlich angenommen: „Willi will nächste Woche Hochzeit halten.“ [Tb] von heut auf Morgen arrangirt. Ich freue mich bis Du
mir wieder schreibst, tue es, bitte, so bald als möglich. Anna sah ganz
entzückend aus u als sie später noch in offnen Haaren tanzte sah sie wie im
Märchen aus d. h. nicht à
la GräffGustav Graefs Ölgemälde „Das Märchen“ zeigt eine nackte junge Frau mit langem, offenem Haar am Ufer eines Teichs, in der Hand die eben abgestreifte Fischhaut, auf die sich ein Rabe stürzt. Im Jahr 1885 war es vor dem Landgericht Berlin zu seinem Prozess gegen den Maler gekommen, der eine sexuelle Beziehung zu dem minderjährigen Modell seines Bildes, Bertha Rother, unter Eid bestritten hatte. Da im Zuge der Verhandlung auch grundsätzliche Fragen wie das Verhältnis von Sinnlichkeit, Sittlichkeit und Kunst verhandelt wurden, fand der Prozeß in der Presse entsprechende Resonanz: „Die ausführlichen Zeitungsberichte, die den Verhandlungen Schritt auf Schritt gefolgt und in gekürzter Fassung durch den Draht in alle Windrichtungen hin verbreitet, sind wahrhaft verschlungen worden.“ [Paul Lindau: Idealismus und Naturalismus in Berlin. Proceß Gräf. In: Nord und Süd, Jg. 35, 1885, H. 104, S. 205]., aber à la Ludwig RichterDer Maler und Zeichner Ludwig Richter hatte unter anderem die von Johann Karl Musäus und Julius Ludwig Klee herausgegebenen „Volksmährchen der Deutschen“ (1842) illustriert sowie etliche Holzschnitte zu den Märchen der Brüder Grimm angefertigt. Richters biedermeierliche Genreszenen dienten Minna von Greyerz hier als Gegenpol zu dem erotisch aufgeladenen Bild von Graef.. Ich fürchte sie ist nicht stark; habe sie
sehr lieb gewonnen. Deine Mama ist sehr zufrieden mit ihren EinrichtungenEmilie Wedekind hatte zum Sommer einen Pensionsbetrieb auf Schloss Lenzburg begonnen, bei dem sie von ihrer Tochter Erika unterstützt wurde. u
verkündete mir strahlend, daß das Geschäft jetzt bereits blühe. Mietze findet
sich auch bewundrungswürdig hinein – es scheint auch Alles gut zu gehen. Die
schönen Tage des letzten Winters sind vorbei für immer; auch Gustavder Lenzburger Konservenfabrikant Gustav Henckell, Bruder des mit Wedekind befreundeten Schriftstellers Karl Henckell, der zum Freundeskreis Minna von Greyerz und der Familie Wedekind gehörte [vgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 16.10.1889]. bedauert
es. Du würdest Dich auch nicht mehr heimisch fühlen, glaube ich.
[um 180 Grad gedreht unten
auf Seite 1:]
Zu Deinem letzten GeburtstagWedekind hatte am 24.7.1889 seinen 25. Geburtstag. spreche ich Dir noch
nachträglich meine innigste Teilnahme aus.
[um 90 Grad gedreht am
linken Rand und quer über die Anrede auf Seite 1:]
Bei Dir, mein lieber, herzensguter Baby
ist neben aller Wahrheit doch immer viel Dichtung, aber ich will nicht sondirenuntersuchen, nachforschen.
– denn auch ich fühle oft, wie es mich dünkt, gerade so wie Du. Mag’s kommen wie’s
will, eine Verbindung bleibt stets zwischen uns u würde auch schließlich nur
eine Art Geschwisterliebe uns zusammen halten, wie ich sie oft schon als Kind
für Dich ganz eigenartig empfand. O
Baby, schreib mir gleich
wieder, ich sehne mich so sehr nach –– Es grüßt Dich
Deine Minna.