Kennung: 30

München, 26. Juli 1889 (Freitag), Brief

Autor*in

  • Wedekind, Frank

Adressat*in

  • Greyerz, Minna von

Inhalt

München 26.VII 89.


Liebe Mina,

warum schreibst du mir denn eigentlich nicht? Hab ich das um dich verdienst? Du weißt doch wie heißhungrig ich auf einen ausführlichen Brief von dir warte. Aber ich will nicht bitter werden. Aus deiner letzten Cartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Minna von Greyerz an Wedekind, 14.7.1889. seh ich daß du in Paris warst. Ich gratulire dir von ganzen Herzen. Ich wollte ich wäre auch in Paris. Dort könnte man die Zügel dem Gespann über den Kopf werfen und Hoiothoho rufen. Hast du ganz Paris gesehn? Bitte schreib mir nicht | alles sonderSchreibversehen, statt: sondern. lediglich das interessante, in erster Linie das was du niemand anderem schreibst. Aus MiezeKosenamen von Wedekinds Schwester Erika.s Briefvgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1889. erseh ich daß Frl. MinckUrlaubsgast auf Schloss Lenzburg; am 25.7.1889 notierte Wedekind im Tagebuch: „Frl. Mink ist zu Haus als Pensionarin“; nachweisen ließ sich eine Konzertsängerin dieses Namens [vgl. Hannoverscher Courier, Jg. 42, Nr. 19743, 22.10.1895, Abend-Ausgabe, S. 2]. bei uns ist. Wenn du sie siehst so melde ihr meine ganz ergebenste Empfehlung. Vielleicht hat sie dir etwas bemerkenswerthes über Frl. Sauerdie Sängerin und Schauspielerin Dora Sauer [vgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1889] aus Freiberg: „Die zur Sängerin am Kgl. Konservatorium in Dresden ausgebildete, [...] bekannte talentvolle Schülerin des Herrn Prof. Scharfe, Frl. Dora Sauer, welche sich bei den letzte Prüfungs-Aufführungen vorzüglich bewährte, ist vom 1. Oktober d. J. an auf 9 Jahre für das Kgl. Hoftheater in Kassel verpflichtet worden. Sie soll dort als Opernsoubrette und Schauspielerin thätig sein.“ [Freiberger Anzeiger und Tageblatt, Nr. 201, 31.8.1887, S. 4] zu erzählen. Bitte liebe Mina, theil es mir mit. Frl. Sauer gehört immer noch zu meinen IdealenDie Presse bescheinigte Dora Sauer „eine sehr anmuthige Erscheinung“ und „ein liebliches und gewinnendes Spiel“; daneben hob sie „die sehr angenehm berührenden Gesangsleistungen“ [Freiberger Anzeiger und Tageblatt, Nr. 267, 15.11.1888, S. 3] hervor.. Ich such alle BühnekalenderSchreibversehen, statt: Bühnenkalender. Im Neuen Theater-Almanach ist Dora Sauer erstmals 1909 für ein Berliner Ensemble verzeichnet [vgl. Neuer Theater-Almanach 1909, S. 307]. nach ohne eine Spur von ihr zu entdecken. Ein Wort über sie ist mir Manna, sei es vortheilhaft oder nicht, im Gegentheil. Was macht die kleine Perlenicht identifiziert; später spricht Wedekind von „M. B. [...] der kleinen Elfe mit dem blonden Haar [...] Margarita heißt auf deutsch Perle.“ [Wedekind an Minna von Greyerz, 16.11.1889], die hübsche Elfe, die mir das Herz erfrischt. Wenn du sie triffst dann richt ihr in Gedanken einen herzinnigen | Gruß von mir aus. Aber nur in Gedanken. Es wäre Sacrig/l/egium(lat.) Schändung (egtl.: Tempelraub)., wenn du da ihr gegenüber meiner mit einer Sylbe Erwähnung thun wolltest.

Denkst du noch zuweilen des vergangenen Winters? – Ich denke sehr oft zurück aber ich bekomme jedesmal Herzklopfen. Wenn ich einen Blick in meine unvollendete Predigtdas Fragment gebliebene Drama „Elins Erweckung“ [KSA 2, S. 45-505], das Wedekind im Winter 1888/89 begonnen hatte [vgl. KSA 2, S. 1135]. werfe so funkelt mir dein dunkles Auge aus den Zeilen entgegen. Du warst eben doch meine Muse. Dieser TageAm 24.7.1889 notierte Wedekind im Tagebuch: „Während der Arbeit grab ich Minnas, Anny Barks Oskar Schiblers und Moritz Sutermeisters Briefe aus, die mir einen genußreichen Tag verschaffen. Gegen Abend bin ich in Folge der Lectüre in einer ganz rührseligen Stimmung“. las ich deine BriefeWedekind ging am 1.5.1884 für ein Studiensemester der Literatur neuerer Sprachen an die Académie de Lausanne; aus diesem Zeitraum sind vier Briefe Minna von Greyerz’ überliefert [vgl. Minna von Greyerz an Wedekind, 8.5.1884, 2.6. – 5.6.1884, 2.7. – 3.7.1884 und 23.7.1884]. durch die du mir nach Lausanne geschrieben und dann unsere Correspondenz in Lenzburgdaraus sind zwischen dem 1.8.1882 und dem 30.4.1884 elf Korrespondenzstücke Minna von Greyerz’ und sechs von Frank Wedekind überliefert. auf dem GymnasiumWedekind besuchte seit 1879 das Gymnasium der Kantonsschule Aarau, wo er am 10.4.1884 sein Maturitätsexamen ablegte.. Mir scheint, mögen sich unsere Schicksale auch gestalten wie sie wollen, daß wir Beiden eben doch für Zeit und Ewigkeit mit ein|ander verbunden sind. Wie oft schon hab ich Heimweh nach deiner unbegrenzten Theilnahme gehabt, nach deinen unersättlichen Lippen und unvorhergesehenen Bemerkungen. Ich werde indiskret aber wir sind ja unter uns. Ich ergreife deine Hand und bedecke sie mit tausend heißen k/K/üssen. Darauf läßt du dich zu mir nieder; ich will dich umfangen, du springst auf, ich dir nach, du in niederschmetternd erhabener Bühnenpose. Ich suche die Thüre und du wirfst mir deinen Pantoffel an den Kopf. Das sind Momente die nicht wiederkehren.

Mein Leben ist eintönig. Ich habe eine Anzahl neuer Bekanntschaften gemacht, die vieles manches Anregende haben, Privatdocenten, Assessoren und anderes gelehrteSchreibversehen, statt: gelehrtes. Gelichter. Meine Zür|cher Freunde sind es eben doch nicht. Jeder sieht aus wie ein gedrucktes gebundenes Buch in SteretypausgabeSchreibversehen, statt: Stereotypausgabe; ein Buch, das gedruckt wurde mit Hilfe „von Metallplatten, welche eine genaue Kopie des zum Abdruck bestimmten, aus beweglichen Lettern zusammengesetzten Schriftsatzes darstellen, zum Zweck wiederholten Abdrucks und längerer Aufbewahrung der Form, ohne daß ein Neusatz oder das Brachlegen eines größern Letternvorraths nöthig wäre“ [Meyers Konversations-Lexikon. 3. Aufl. Bd. 14. Leipzig 1878, S. 920]; hier als Metapher für ununterscheidbare Gleichartigkeit.. Wo finde ich einen Menschen? Einen Menschen, der ein Mensch ist und menschliche Schwächen hat. Ich empfinde eine unbeschreibliche Sehnsucht nach menschlichen Schwächen. Sie machen den Menschen so reich, so umgänglich. Auch erweitern sie den Horizont, der meiner Ansicht nach nich nie weit genug sein kann.

Schreib mir recht bald liebe – liebe Minna. Du hast viel wieder gut zu machen. Aber ich will nicht unerbittlich sein. Schreib mir wie es zu Hause zugeht, ich meine die charakteristische Stimmung, vor allem wie sich Mama | bei der GeschichteNach dem Tod von Friedrich Wilhelm Wedekind am 11.10.1888 betrieb Emilie Wedekind seit dem Sommer 1889 „auf Schloss Lenzburg eine Pension für Feriengäste, um zusätzlich Einkünfte für sich und die Familie zu erzielen, solange das Schloss noch nicht verkauft war.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 136] Sie hatte dazu bei der Gemeinde Lenzburg die Bewilligung einer Sommerwirtschaft auf Schloss Lenzburg beantragt, die am 28.12.1888 genehmigt wurde [vgl. ebd.], und beherbergte nun Pensionsgäste. fühlt. Schreib mir was Herr PfarrerCarl Juchler, Pfarrer in Lenzburg, war mit Minna von Greyerz’ Schwester Clara Adele Molly verheiratet. Wedekind hatte ihm offenbar Teile seines im Entstehen begriffenen Dramas „Elins Erweckung“ zur Lektüre gegeben [vgl. KSA 2, S. 1136]. zu meinem Elaborat gesagt, wahrscheinlich nichts gutes, aber eben deshalb. Es wird mir für mich, für Herrn Pfarrer, für mein Elaborat und für die Welt im Allgemeinen interessant sein. Was macht Tante OschwaldFanny Oschwald, Mundart-Schriftstellerin und spätere Schwiegermutter von Wedekinds Schwester Erika. ? Was macht Tante Jahndie Apothekerswitwe Bertha Jahn, Schwester von Fanny Oschwald; Wedekind unterhielt zu ihr von 1884 bis 1887 eine enge, auch erotische Beziehung. ? – Schreib mir auch über Mieze, ich meine so wie sie sich zurechtfindetErika Wedekind, die eigentlich Sängerin werden wollte, unterstützte ihre Mutter zunächst in dem neu eingerichteten Pensionsbetrieb auf Schloss Lenzburg (s. o.). und sich fühlt.

Zum Schluß empfange die herzlichsten Grüße von deinem treuen
Franklin.


Akademiestrasse 21.III.
München.

Ich habe die Adresse gewechseltWedekind, der am 5.7.1889 in München angekommen war, bezog zunächst zur Zwischenmiete ein Zimmer in der Adalbertstraße 41 (4. Stock) [vgl. Tb], dann am 18.7.1889 ein Zimmer in der Akademiestraße 21 (3. Stock) bei Anna Mühlberger: „Ich ziehe bei Frau Mühlberger ein.“ [Tb]. Vielleicht bist du daher so freundlich sie obenbei der Familie auf Schloss Lenzburg. mitzutheilen.



Einzelstellenkommentare

Materialität des Dokuments

Bestehend aus 3 Blatt, davon 6 Seiten beschrieben

Schrift:
Kurrent.
Schreibwerkzeuge:
Feder. Tinte.
Schriftträger:
Papier. 14 x 22 cm.
Schreibraum:
Im Hochformat beschrieben.
Sonstiges:
Die Passage „nach deinen unersättlichen Lippen“ wurde mit Bleistift eingeklammert.

Datum, Schreibort und Zustellweg

  • Schreibort

    München
    26. Juli 1889 (Freitag)
    Sicher

  • Absendeort

    München
    Datum unbekannt

  • Empfangsort

    Lenzburg
    Datum unbekannt

Erstdruck

Pharus I. Frank Wedekind. Texte, Interviews, Studien

Titel des Aufsatzes:
Eine Lenzburger Jugendfreundschaft. Der Briefwechsel zwischen Frank Wedekind und Minna von Greyerz.
Autor:
Elke Austermühl
Herausgeber:
Elke Austermühl, Alfred Kessler, Hartmut Vinçon. Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind
Ort der Herausgabe:
Darmstadt
Verlag:
Verlag der Georg Büchner Buchhandlung
Seitenangabe:
401-403
Status:
Sicher

Informationen zum Standort

Historisches Museum Schloss Lenzburg

CH-5600 Lenzburg
Schweiz
Schloss Lenzburg

Informationen zum Bestand

Name des Bestandes:
Wedekind-Archiv
Signatur des Dokuments:
Zeigemappe VIII. D 535
Standort:
Historisches Museum Schloss Lenzburg (Lenzburg)

Danksagung

Wir danken dem Historischen Museum Schloss Lenzburg für die freundliche Genehmigung der Wiedergabe des Korrespondenzstücks.

Zitierempfehlung

Frank Wedekind an Minna von Greyerz, 26.7.1889. Frank Wedekinds Korrespondenz digital. https://briefedition.wedekind.fernuni-hagen.de (03.04.2025).

Status der Bearbeitung

In Bearbeitung
Zum Prüfen bereit
Freigegeben

Erstellt von

Tilman Fischer

Zuletzt aktualisiert

25.02.2025 11:38