Salzburg, 30. Mai 1915.
Mein lieber Frank!
Nicht wahr, Du zürnst mir nicht, wenn ich heute mit einer
aufgespeicherten Menge ungelöster Fragen komme, deren Lösung weder mich noch
kaum Dich befriedigen wird. Es handelt sich um das ebenso traurige wie freudige
Faktum der Einberufung der 97erdie Wehrpflichtigen des Geburtsjahrganges 1897, zu denen Friedrich Strindberg zählte.. Meine Zuständigkeit zum frwl. JungschützenkorpsFriedrich Strindberg hatte sich auf Anraten seines Cousins und Vormunds Cäsar Ritter von Weyr einem Jungschützenkorps angeschlossen, das sich die militärische Schulung von Jugendlichen zur Aufgabe machte [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 6.2.1915].
erlaubt mir allerdings, augenblicklich, ja sogar später der Musterung meines
Jahrganges fern zu bleiben. Da aber die Zeit, die ich im Dienste meines Corps
verbringe, ich für verlorene Zeit ansehe, bin ich gezwungen jetzt | schon
womöglich mein EinjährigesSchulabgänger der Mittelschule konnten nach bestandener Prüfung am Ende der 10. Klasse durch freiwillige Meldung als sogenannte Einjährig-Freiwillige ihre Militärzeit von drei Jahren auf ein Jahr verkürzen [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 24.4.1915]. Die Einheit, bei der sie für das Präsenzjahr einrückten, konnte in der Regel frei gewählt werden. Am Ende der Dienstzeit erhielten die Einjährig-Freiwilligen den Rang eines Unteroffiziers. zu machen. Bei einer guten Absolvierung meiner
Klasse ist dies möglich. Daß ich nun aber über Hals und Kopf lernen muß ist das
Gräßliche, mir wenigstens das Gräßlichste. Bis zur Prüfung, die zwischen Mitte
und Ende Juni fallen wird bin ich bei unserem Korps beurlaubt. Anstatt aber
dann meinen Dienst – das wäre Überwachung von Depots u. s. w. – antreten zu
wollen, gedenke ich mein Einjähriges beim Regimente meines VormundsCäsar Ritter von Weyr war Leutnant beim Landwehr-Infanterieregiment Nr. 4 Klagenfurt und dort dem Grenzschutzbataillon Nr. 6 zugeordnet. in
Klagenfurt zu machen. Und dies ist die unbefriedigende Lösung einer Frage, von
der ich Dich bitte mir zu verzeihen, daß sie mir am Herzen liegt: unser Wiedersehn,
das sich durch Deine neue OperationWedekind hatte sich nach seiner ersten Blinddarmoperation (29.12.1914) am 15.4.1915 einer zweiten „Operation“ [Tb] unterziehen müssen. Sein zweiter Klinikaufenthalt dauerte vom 14.4.1915 bis 9.6.1915. so verzögert hat. |
Hoffentlich hast Du die Operation recht gut überstanden
und ich bitte Dich meine besten Wünsche zu einer recht baldigen Genesung
entgegen zu nehmen! Du wirst mir nicht böse sein, wenn ich schon begierig bin
über Dein Befinden näheres zu erfahren. Auch daß ich mich um Deine
Genesung recht geängstigt bin, bitte ich Dich, mir nicht zu verargen. Ich
wünsche ja so sehr, daß diese böse Krankheit ohne Folgen für Deine Kunst und
die Bühne bleibe! Hoffentlich hat auch die Arbeit am „BismarkSchreibversehen, statt: Bismarck.“ nicht zu viel
Verzögerung bekommen. Mir war es leider bisher noch nicht möglich ihn in die
Hände zu bekommenDie Buchausgabe von Wedekinds Schauspiel „Bismarck“ wurde erst im Dezember 1915 ausgeliefert (vordatiert auf 1916). Vorab erschienen mit dem Untertitel „Bilder aus der deutschen Geschichte“ zwischen April und Dezember 1915 aus dem Drama sechs Bilder in der von Efraim Frisch herausgegebenen Münchner Monatsschrift „Der Neue Merkur“. Zum Schreibdatum des vorliegenden Briefs waren das 1. Bild „Bismarck und Karolyi. 24. November 1863“ [Der Neue Merkur, Jg. 2, Heft 1, April 1915, S. 1-12] und das 2. Bild „Die Londoner Konferenz. 17. Mai 1864“ [ebd., Heft 2, Mai 1915, S. 129-137] erschienen [vgl. KSA 8, S. 660f., 683f.]. Friedrich Strindberg bezieht sich hier also auf die beiden Zeitschriftendrucke., da ihn Herr Dr. Eckardt Herrn Professor Seipel
verliehen hat und i(hn) ich
ihn erst dann erhalte. |
Zu neuen Erlebnissen hatte ich wenig Gelegenheit, meine
NovelleVon dem Plan, seine „Leidensgeschichte“ „Das verlorene Herz“ an Franz Pfemfert zu schicken, berichtete Friedrich Strindberg in einem früheren Brief [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 24.4.1915]., die ich an die „Aktion“ sandte, lehnte Pfemfert zwar ab, mit dem
Hinweis, daß sie für die A. zu lang wäre, schickte mir aber zugleich ein paar nette BilderFranz Pfemfert hat Friedrich Strindberg zwei Bildpostkarten aus der Künstlerpostkarten-Serie der Zeitschrift „Die Aktion“ geschickt, die beide auch als Illustrationen in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift veröffentlicht worden waren, die eine mit dem Aufdruck „HEINRICH MANN / für die AKTION gezeichnet von MAX OPPENHEIMER“ [vgl. Max Oppenheimer: Bildnis des Heinrich Mann. In: Die Aktion, Jg. 2, Nr. 51, 18.12.1912, Sp. 1617f.], die andere ohne Beschriftung, wobei aber das Todesjahr des am 5.9.1914 bei Villeroy gefallenen französischen Schriftstellers Charles Péguy in das Porträt integriert ist, das in der Zeitschrift als Titelzeichnung reproduziert ist [vgl. Egon Schiele: Bildnis des gefallenen Dichters Charles Péguy. In: Die Aktion, Jg. 4, Nr. 42/43, 24.10.1914, Titelblatt] von Mann und Peguy mit der
freundl.
Einladung ihm anderes Kürzeres zu senden. Doch meine gänzliche
Erlebnislosigkeit hat mich zu gar nichts in der letzten Zeit angeregt. Ich
hoffe, daß mein Einjähriges mir wieder aushelfen wird.
Indem ich Dir nochmals alles Beste zu einer baldigen,
recht baldigen Genesung wünsche
grüßt Dich herzlichst
Dein
Friedrich Strindberg.