Lenzburg d. 28.V.89.
Lieber BabySpitzname Frank Wedekinds (auch: Bebi).!
Jetzt bist Du allerdings mal grausam gestraft für Deine
unverantwortliche Nachlässigkeit, Deine bodenlose Unordentlichkeit –, es
schwindelt mir wenn ich an Dich und Deine Fehler und Gebrechen denke! Oder
sollte es Dir nicht einmal unangenehm sein, wenn ich Dir melde, daß nicht
weniger als 500 Frs in einer Banknote in meinem BriefeDer Brief Minna von Greyerz an ihren Onkel Georg von Wedekind in Darmstadt, dessen Adresse Minna von Greyerz am Seitenrand von Seite 1 notierte, sollte von Frank Wedekind überbracht werden [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 19.5.1889], ging jedoch offenbar verloren. Wedekind machte auf seiner Reise nach Berlin Zwischenstation in Darmstadt und brachte seine Schwester Emilie (Mati), die dort ein Mädchenpensionat besuchen sollte, zu Verwandten. lagen und dieselbe nun flöten
gingen? – – | Spaß bei Seite und ärgre dich nicht allzusehr über meine faden
Witze. Ich hatte kein Geld eingelegt, sonst hätte ich Dir’s vorher gesagt,
damit Du Dich besser in Acht nehmen sollst, auch waren die wenigen Zeilen an
meine LenchentanteMagdalena Henriette von Wedekind, Ehefrau von Georg von Wedekind und Tante von Minna von Greyerz. so unbedeutend, daß also nichts oder nur eine kl. Aufmerksamkeit von uns verloren ging. Ich will Dir also
verzeihen; ich tue dies ja um so lieber, als ich dadurch einen kl. Brief von Dirnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Minna von Greyerz, 26.5.1889. bekommen
habe, den ich sonst wol vergebens ersehnt hätte. Letzten Sonntagden 26.5.1889. frug
ichdurch Ausreißen der Blütenblätter, die für verschiedene Antworten stehen. eine Gänselblume, ob ich einen Brf. von Dir bekomme, die Antwort „ja“ beglückte mich dermaßen, daß ich
mich vor Jubel in’s Gras warf u in den Maihimmel hinauf träumte u der
Blumenantwort keinen Glauben schenken wollte. Lache mich aus, ich weiß
ja wol, daß ich ein Schaf, eine Gans, ein Kameel in Deinen Augen bin und daß
ich mit Dir als Rinoceros | keine Gemeinschaft habe. Prr, wie kann man nur so
absurde Vergleiche anstellen! Angenehm berührt es mich, daß Du Dich überall, wo
Du Gemütlichkeit triffst, wohl befindest. Ich kann mir nicht leicht denken, daß
es Dir z. B. in Amerika behagen würde, wenigstens nicht auf diSchreibversehen, statt: die. Dauer, trotzdem
DodaWedekinds Bruder Donald war im Februar 1889 zu Verwandten seiner Mutter in die USA gereist. Über seinen Reiseweg von Paris über New York, St. Louis, Kansas City und Santa Fé bis San Francisco berichtete er am 17.11.1889 in einem Brief an seine Schwester Emilie (Mati) [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 138]. Er korrespondierte von dort unter anderem auch mit seiner Cousine Minna von Greyerz [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 2.4.1889]. Dich dorthin wünscht. Das Jagen u Treiben nach Geld, das wenig
künstlerische Leben dasselbst, (denn die Kunst wird doch mehr um bloßes Furore
machen u weniger um ihrer selbst willen getrieben) würde Dir nimmer genügen,
dann rathe ich Dir eher für ein dolce
far niente(ital.) süßes Nichtstun. in Italien.
Unsinn, es geht mich ja nichts an – trotzdem es mich stets kümmern od. doch interessiren wird,
wo Du weilst u was Du treibst. | Also immer um 5 Uhr ist der Herzogindie Schweizer Opernsängerin Emilie Herzog, Verlobte von Heinrich Welti, mit der Wedekind in München und Berlin verkehrte [vgl. Tb, Mai 1889]. ihre
Theestunde; mir ist als könne ich heimlich Euch belauschen u mitschlürfen von
Eurem freien Künstlerleben, on zuweilen packt mich ein ganzes Fieber. –
Ich bin so froh für Dich, daß Du gerade in Berlin bistWedekind hielt sich vom 18.5. bis 4.7.1889 in Berlin auf. u wünsche von ganzem
Herzen, daß es Dir dasselbst mit der Zeit immer besser gefallen möge; daß Du
das findest, wonach Du suchst. Mit großem Amüsement lese ich jetzt immer die
Episteln v. Hans
TunichtgutUnter dem Pseudonym Hans Thunichtgut schrieb der Berliner Journalist Hugo Herold regelmäßig im Feuilleton der „Neuen Zürcher Zeitung“, darunter seit 1880 seine Serie „Berliner Streifzüge“ [zuletzt: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 69, Nr. 93, 3.4.1889, Erstes Blatt, S. 1-2]. in d.
neuen Zürcherzeitung über Berlin u auch Skizzen von ParisFür „die Pariserbilder und die Pariser Theaterchronik“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 68, Nr. 366, 31.12.1888, Zweites Blatt, S. 2] in der „Neuen Zürcher Zeitung“ war Ernest Leblanc verantwortlich; zuletzt war der Beitrag „Auf dem Eiffelturm“ erschienen [vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 69, Nr. 137, 17.5.1889, S. 1]., wohin ich also im
Juli, (vielleicht schon in d. 1. Hälfte) z. l00jährigen RevolutionsfeierZum 100jährigen Jubiläum der Französischen Revolution fand vom 6.5. bis 31.10.1889 in Paris die Weltausstellung statt, für die der Eiffelturm errichtet worden war. Der 14.7. war in Erinnerung an das Föderationsfest vom 14.7.1790 bereits am 6.7.1880 zu Nationalfeiertag erklärt worden. reise. Willy weilt wo weiland Du wohntestWedekinds Zimmer auf dem Lenzburger Schloss..
Er wollte erst nicht als Mama Da Minna von Greyerz’ Mutter Sophie von Greyerz am 17.3.1887 gestorben war, ist hier Wedekinds Mutter Emilie Wedekind gemeint. ihm Deine Bude anwies u meinte sogar er wolle
wieder verreisen, worauf ihmSchreibversehen, statt: ihn. Tschiningnicht näher identifiziert, wohl Spitzname für eine Angestellte auf Schloss Lenzburg. bat zu bleiben, wo er sei, auch könne er
snoch 6 andre Zimmer dazu haben und – Willy zog denn ganz gut in Deine
Stube. Na dieser Unterschied, man kennt das Zimmer | nicht wieder. Alles gute
Möbelfür: Lauter gute Möbel. stehen drin, Bilder an den Wänden, allerlei Siebensachen auf dem
wohlgeordneten Schreibtisch, w ein Zeichen daß eben nicht
geschriftstellert wird, Alles ordentlich, merkwürdig ordentlich, noch dazu für einen Bruder jüngern Datums von
Dir; selbst Blumen standen in einer WassergefülltenSchreibversehen, statt: wassergefüllten. Vase vor dem Bild seiner
BrautWilliam Wedekind heiratete seine Cousine Anna Wilhelmine Kammerer aus New York am 25.7.1889 in Zürich., welcher er jedoch seit seinem Hiersein noch nie geschrieben habe, dafür
eine eifrige Correspondenz mit E/e/iner Andernnicht ermittelt. führe, welche ihm aus
Hamburg u jetzt als aus Zittau schreibt. Mietze ist darüber scheinbar empört u wollte
ihm heute keinen Kuß geben, als sie um 10 Uhr verreiste, um in Basel ihre JosiJosephine Brunnckow aus Stettin, eine Bekannte Erika Wedekinds, die sie 1887 während ihres halbjährigen Aufenthalts im Lausanner Pensionat Duplan kennengelernt und im Winter 1888/89 in Stettin besucht hatte [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 139; 319]. Wedekind ließ ihr während ihres Lenzburger Aufenthalts Grüße bestellen [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 11.6.1889]. abzuholen. Sonst
aber wandelt sie mit ihm | Arm in Arm u geben die Beiden in ihrer zusammen passenden Größe ein nettes Paar. –
Du mußt nun aber nicht glauben, daß mir das Willyzimmer mehr
imponirte als das/die/ frühere Babybude. Ich war allerdings erstaunt
über den kollossalen Schreibversehen, statt: kolossalen.Unterschied, der meinem Ordnungssinn um so auffallender war, als ich mich manchmal
über Deine Wüstenei entsetzte. Aber – ich vermißte sie und eine
sonderbare Wehmut durchschauerte mich, währenddem ich die neue Einrichtung von
Willy bewunderte. Willy hat mir gleich seinen Schwestern 2 Straußenfedern
geschenkt, weßhalb ich mir einen neuen, weißen Hut machen ließ; Willy u Mietze
gefällt er, mir dagegen nicht, es ist der reinste Turm v. Babelals Beispiel für übermäßige Höhe (nach dem Alten Testament der Bibel, Genesis 11, 1-9).; dagegen habe ich mir macht mir soeben d. Schneiderinnicht ermittelt. ein neues
Waschkleidein Kleid, das gewaschen werden kann. rothbraun mit gelben Streifen was sehr hübsch wird, ich habe eine
viel hübschere | Taille darin
als in den Andern, schade daß das Kleid u ich alt sind, wenn Du wieder kommst.
Also wir werden uns dann nicht umhin eines Lächelns enthalten können, wenn wir
uns nicht wieder sehen. Hoffentlich lächeln, wir, es
kommt nur drauf an mit was für Gefühlen od. Gesinnungen. Wenn Du mir nicht der Frühling warst,
so warst Du mir doch ein köstlicher Sommertag; den Herbst werde ich allein
zubringen u vor dem kalten Winter wird mein heißes Herz davon fliegen; larifarieigentlich: nachlässig, unordentlich; hier wohl im Sinne von: schwuppdiwupp. habt ihr mich gesehn, – wenngleich Du mir weder Revolver
noch Cyankalium sich durch Erschießen oder Vergiften umzubringen. gegeben. – Letzten Sonntagam 26.5.1889. Abend war ich bei Euch obenauf Schloss Lenzburg. und da war
ich erst recht froh, daß Du fort warst, trotzdem Du mir fehltest. ++++durch massive Streichung und Überschreibungen unleserlich gemachte Passage. ++++
++++ ++++. Ich bewunderte Mietze, die drüben zum Tanz aufspielte. Willy drehte
sich mit | einem Nähmädchen der Firma Stolznicht näher identifiziert. im Reigen, eine Frl. Zimmermann, sehr
hübsch, welche schon GugelEugen Gugel, Cellist und Pianist aus München, war Musiklehrer in Lenzburg Musiklehrer und leitete von 1883 bis 1888 den Lenzburger Musikverein [vgl. KSA 1/II, S. 2165]. s.
Z. verehrte. Mietze sah reizend aus
in einem neuen Waschkleid u war froh daß ich gekommen. Sie ging mit mir hernach
in HofSchreibversehen, statt: in den Hof. u erzählte mir sehr viel aus vergangenen Zeiten bis gegen 10 Uhr.
Endlich kam Tschining u ich las noch Briefe von ihren Kindern. Willy war mit
Frl. Z.
hinunter, kam vor 12 nicht wieder. Mama gab mir um ½ 11 noch das Geleite,
trotzdem ich allein gehen wollte. Gestern Abend seist Willy erst um 2
zurück gekommen, da er noch mit Hans Ringier ein Ständchen der Schönen
gebracht. Ich schlug TanteEmilie Wedekind, die Tante Minna von Greyerz’ und Mutter von William und Frank Wedekind, die sie im vorliegenden Brief auch mehrfach Mama nennt. vor Willy als Gastwirt etc. einzulernen; doch will W. erst noch in Afrika
spekuliren – fallirenscheitern, in Konkurs gehen. od. reüssirenscheitern, in Konkurs gehen.? So, mein lieber Baber,
jetzt hast Du wol mehr als genug von dem Gemurmel des Wüstenquells, trotzdem er
noch lange mit seinem Geschwätz aufwarten könnte. Lebwohl!
Dein MinkelSpitzname von Minna von Greyerz..
[auf Seite 1 am linken
Seitenrand um 90 Grad gedreht:]
Adresse: Freyherr Dr.
Georg von Wedekind
Casinostr. 2.
Darmstadt. |