München, 27.XII.1914.
Lieber Kurt Martens!
Mit wahrer Andacht habe ich soeben zum zweiten MalWedekinds erneute Lektüre des Gedichts „Das Grab in der Landschaft“ (siehe unten), das umfangreichste und letzte von sieben Gedichten in dem 15 Seiten umfassenden Lyrikbändchen „Verse“ (1914) von Kurt Martens, im Herbst als Heft 6 der Reihe „Münchner Liebhaber-Drucke“ im Verlag Heinrich F. S. Bachmair in München erschienen [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 81, Nr. 233, 7.10.1914, S. 7601], das auch die beiden anderen genannten Gedichte „Virago“ und „Lenia“ enthält, lässt vermuten, dass er das Heft zumindest schon einige Tage besaß (vielleicht war es ein Weihnachtsgeschenk). Es enthält den gedruckten Hinweis: „‚Verse‘ von Kurt Martens wurde als sechster der von Berthold Sutter herausgegebenen Münchner Liebhaberdrucke bei Poeschel & Trepte in der Goethefraktur gedruckt. Die Auflage beträgt 500 Exemplare. Erschienen 1914 im Verlag Heinrich F.S. Bachmair in München“ [Kurt Martens: Verse. München 1914 (= 6. Münchner Liebhaber-Druck), S. (16)]. das Gedicht „Das Grab in der
LandschaftDas Gedicht „Das Grab in der Landschaft“ aus dem Heft „Verse“ (siehe oben) bietet in traumartigen Sequenzen düstere Bilder, die Wedekind im vorliegenden Brief vor dem Hintergrund des Kriegsgeschehens deutet; die acht Strophen lauten: „Nach dieser letzten, namenlosen Qual / Zersprangen überhitzt mir die Gedanken / In eine Dämmerung, ungewiß und fahl, / Begann die Seele nun hinauszuwanken – / Und alsbald sah ich mich in einem Saal, / Durch dessen Fenster Abendschatten sanken. / Still wie in Grüften war es ringsumher, / Der Marmorboden kalt, die Wände leer. // Langsam verengten sich vor mir die Mauern, / Doch immer tiefer trieb es mich hinein; / In Sehnsucht ratlos und in Todesschauern / Wußt’ ich mich hier mit einem Ziel allein. / Jetzt war nicht mehr die Zeit, entnervt zu trauern; / Hier galt es Sucher und Entdecker sein! / Und gierig tastend mit angstvollen Händen / Schleppt’ ich mich vorwärts zwischen diesen Wänden. // Bis plötzlich ich gehemmt an weiteren Schritten: – / Ein hohes Bild trat aus dem Dunkel vor, / Stückwerk von Landschaft, wie herausgeschnitten / Aus der Natur, die jedes Band verlor. / Gleichwie ein Fetzen Welt stieg es inmitten / Von dieser Krypta klarer mir empor / Und war nichts anderes doch als ein Gemälde, das / Zum Schutz bedeckt mit einer Scheibe Glas. // Es überschatteten uralte Bäume / Mit ihren Zweigen ein verlass’nes Grab. / Dahinter zog in ungewisse Räume / Endlos sich eine Ebene hinab, / So mittagshell, gewiegt in Frühlingsträume, / Wie Gott sie uns im Paradiese gab, / Die seligsten der seligen Gefilde … ! / Doch schwer und finster blieb das Grab im Bilde. // Noch sann ich grübelnd vor das Glas gebannt, / Ob dieser Hügel Frieden wohl bedeute: / Als neben mir ein greiser Führer stand, / Der mir, wie wenn ihn meine Neugier freute, / Zunickte, grinste darauf meine Hand / Gewaltsam, weil sie die Berührung scheute, / Zum Rahmen zog und an die Scheibe stieß, / Daß dröhnendes Geklirr sich hören ließ. // Das Grab sprang auf. Es teilten sich die Schollen, / Verwesungs-Dunst stieg giftig grün empor; / Gleichwie Gewürm aus einem Sumpf, so quollen, / Greulich geballte Leichen draus hervor / Und drängten, wälzten sich in einer tollen / Flucht durch das geborstne, allzu enge Tor. / Dann aber, kaum befreit von ihren Banden, / Entschwebten sie nach jenen sel’gen Landen. – // Noch blickte ich dem Zuge schaudernd nach, / Als mich der Alte abermals berührte / Und schmeichelnd, überredend also sprach: / ‚Das Bild, vor welches dich dein Dämon führte, / Fand diesmal dich zum Werke noch sehr schwach; / Doch hättest du gewagt, wie sich’s gebührte, / Aus eigener Kraft die Toten zu befrein, / Du könntest leicht ein großer Zaubrer sein.‘ // Ich aber wandte mich von ihm und lief / Und lief, gejagt von Abscheu und von Grauen, / Dem Lichte zu, das mich von Ferne rief, / Das helle Leben wiederum zu schauen / Und jener Qual des Lebens jetzt, so tief / Sie auch verwundet, doch – stark im Vertrauen – / Zu trotzen und, statt Tote zu beschwören, / Gegen Verfall und Tod mich lebend zu empören.“ [Kurt Martens: Verse. München 1914 (= 6. Münchner Liebhaber-Druck), S. 13-15]“ gelesen. Dir Freundlichkeiten darüber zu sagen, liegt mir gänzlich
fern, nur feststellen möchte ich, was unumstößlich über jeden Zweifel erhaben
dasteht und Dir jeder bestätigen muß, der etwas davon versteht. Die Form des
Gedichtes ist einfach klassisch, nicht ein Wort, das ein schöneres oder
treffenderes zu wünschen übrig ließe. Dabei eine Einfachheit, eine
Selbstverständlichkeit, wie ich sie bei keinen anderen Octave-Rime„das auch Oktave (ital. Ottava rima) genannte epische Versmaß der Italiener, eine aus acht fünffüßigen Jamben bestehende Strophe, in der die Verse so verschlungen sind, daß der 1., 3. und 5., dann der 2., 4. und 6., endlich der 7. und 8. aufeinander reimen.“ [Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Aufl. Bd. 18. Leipzig, Wien 1907, S. 853] kenne. Mich
auf Vergleiche einzulassen, möchte ich vermeiden, denn was dem einen ein Ruhm
ist, braucht nicht immer für einen andern, der sich gerne mitfreuen würde, eine
Kränkung zu sein. Die Ueberzeugung aber steht fest in mir, daß Dein Gedicht
weder Tote noch Lebende zu scheuen hat.
Der Inhalt zeigt seinen Werth am stärksten dadurch, daß er bei gutem
Vortrag eine sehr weitgehende Wirkung ausüben wird. Manche Kriegsfeierlichkeit,
die unter gebildeten Menschen noch veranstaltet wird, kann sich Dein Gedicht
als Prolog mit sicherem Erfolg zu Nutze machen, während es für Dich
gleichzeitig immer und unangetastet durch die öffentliche Verwendung der Ertrag
jenes Erlebnisses ist, das viele mit Dir theilen und doch niemand künstlerisch
zu bändigen vermochte.
Also nochmals meine aufrichtigsten Glückwünsche zu diesem einzigen Werk
unserer Zeit.
Von den übrigen Gedichten gefielen mir besonders „Virago“ und
„Lenia“. Dir und Deinem VerlegerInhaber des Verlags Heinrich F. S. Bachmair in München (Horschellstraße 4) [vgl. Adreßbuch für München und Umgebung 1914, Teil I, S. 22, 729] war der Schriftsteller und Verleger Heinrich Franz Seraph Bachmair in Pasing (Planeggerstraße 5) [vgl. Adreßbuch für München und Umgebung 1914, Vororts-Adreßbuch für das Jahr 1914, S. 37]. wünsche ich die besten Erfolge des Buches.
Ueber michWedekind hat im Tagebuch vom 13. bis 23.12.1914 quer über die Seiten „krank“ geschrieben, der 25. bis 28.12.1914 enthält keine Einträge, am 29.12.1914 ist notiert: „Werde mit dem Sanitätswagen in die Klinik gebracht und operiert.“ [Tb] Er wurde in der Klinik von Dr. med. Friedrich Scanzoni von Lichtenfels, Spezialarzt für Chirurgie und Betreiber der Chirurgischen Privatheilanstalt (Werneckstraße 16) [vgl. Adreßbuch für München 1915, Teil I, S. 590], am Blinddarm operiert. kann ich Dir leider noch gar nichts Zuverlässiges schreiben,
deshalb wäre es mir auch peinlich, Menschen zu sehen. Grüße bitte Herrn Doctor
Friedenthal aufs Herzlichste von mir. Ebenso
Mühsam. Aber lies es ihm bitte
nicht aus diesem Briefe vor, ich möchte nicht kränken, wo ich freundlich sein
möchte. Wenn Deinem Verleger meine obigen Worte zu irgend etwas dienlich sein
können, so wird mir das die größte Freude sein.
Mit herzlichsten Grüßen auf baldiges Wiedersehen Dein alter
Frank Wedekind