Meine liebe Mieze,
mein hiesiger RechtsanwaltDer Münchner Rechtsanwalt Hugo Wolff hatte seine Kanzlei in der Pfandhausstraße 3 [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil I, S. 645]., Dr Hugo Wolff giebt
mir die Versicherung, daß Du, wenn Du die Liebenswürdigkeit und Gefälligkeit
haben würdest, Dir meinen Antheil an der ErbschaftEine Tante (Friedrich Wilhelm Wedekinds jüngste Schwester Auguste Bansen) „hinterließ ein reiches Erbe, das an ihre Nichten und Neffen fiel, pro Erbe und Erbin eine Summe von 5000 bis 6000 Mark“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 199]. Es kam aber zu keiner raschen Auszahlung, da die Erbangelegenheit, in der Wedekind von seinem Schwager vertreten wurde (siehe seine Korrespondenz mit Walther Oschwald), kompliziert war und sich über viele Monate hinzog [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 199f.]. urkundlich cedieren „einem etwas abtreten, ein Forderungsrecht überlassen“ [Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Aufl. Bd. 20. Leipzig, Wien 1909, S. 861].zu
lassen, um mir dafür eine Summe zu meiner Installation vorzustrecken, mit
dieser Gefälligkeit nicht das geringste pekuniäre Risico laufen würdest.
Ich bitte Dich nun, die Sachlage nicht so
verstehen zu wollen, daß es mir | an Geld fehlt; meine monatlichen Einnahmen
reichen zur Bestreitung meiner Bedürfnisse vollkommen aus. Aber da ich seit
fünf Monaten nicht in einer menschlichen Wohnung sondern in einer Wüstenei
lebe, gleiten mir die glänzendsten Geschäfte durch die Finger und da meine
Nerven in der fürchterlichsten Weise angegriffen sind, gelingt es mir nicht,
auch nur durch briefliche Beantwortung die günstigen Anerbietungen, die ich
jetzt täglich erhalte, auszunützen. Es würde sich um eine Summe von 3000 M. handeln, wofür mein Erbschaftsantheil dann nicht an mich
sondern an dich ausbezahlt würde. Diese Summe würde mir | erstens die Gründung
einer Häuslichkeit ermöglichen und zweitens die Wiederaufnahme meiner
dramatischen Studien. Es handelt sich dabei nur um einen CursusSchauspielunterricht bei Fritz Basil, den Wedekind dann bis 1905 bei dem Schauspieler und Regisseur des Münchner Hoftheaters auch aufnahm. von wenigen
Stunden, durch den ich schon die Möglichkeit erhielte in dem kommenden Winter
in verschiedenen Städten darunter eventuelSchreibversehen, statt: eventuell. auch Berlin in meinen eigenen Rollen
aufzutreten. Diese und andere vortheilhafte Constellationen sehe ich mir, da
ich in des Wortes entsetzlichster Bedeutung „nicht eingerichtet“ bin und
deshalb de nicht die geringste Bewegungsfreiheit habe, jetzt in der Zeit
wo die Engagements getroffen werden, mit jedem Tage ungenützt vorübergehen. Die
Filiale der Dresdener Bank in Hannover hat Donald auf seinen Antheil 5000 M. | vorgeschossenvgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 6.7.1900. aber wie sie sagt nur aus Lieben
Gefälligkeit für seinen Bevollmächtigten, den alten HeiligerJustizrat Ernst Heiliger, Rechtsanwalt und Notar in Hannover [vgl. Adreßbuch der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Hannover 1900, Teil I, S. 752]. Der Rechtsanwalt Hans Heiliger, zur Unterscheidung als „II“ [ebd.] bezeichnet, war „sein Sozius“ und beide „vertraten die Erben in der Erbschaftsangelegenheit“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 201], die Wedekind stark belastete.. Donald bezahlt
dafür 6 oder 7 %, die ich dir selbstverständlich ebenfalls biete.
Wenn Du mir eine zusagende Antwort schickst, dann
würde dir mein Rechtsanwalt sofort die den Contract zugehen lassen, mit
dem Ersuchen, ihn von Deinem Anwalt in Dresden darauf hin prüfen zu lassen, daß
du bei der Abmachung keinerlei finanzielle Gefahr läufst.
Du fragst mich zum Schlußin einem nicht überlieferten Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Erika Wedekind an Frank Wedekind, 23.8.1900. warum ich mich nicht an
jemand anders wende. Es kämen für mich Langen und Heymel, der Herausgeber der
InselWedekinds „Marquis von Keith“ war unter dem Titel „Münchner Scenen. Nach dem Leben aufgezeichnet“ von April bis Juni 1900 in der Monatsschrift „Die Insel“ erschienen, die Alfred Walter Heymel zusammen mit Otto Julius Bierbaum und Rudolf Alexander Schröder herausgab. in Betracht. Aber Langen ist nicht hier und ich habe ihn, seit wir
unseren StreitWedekinds Streitigkeiten mit seinem Verleger Albert Langen infolge der Majestätsbeleidigungsaffäre um den „Simplicissimus“, die Ende 1898 begonnen haben. miteinander ausgege/fo/chten, noch | nicht wieder
persönlich gesprochen. Obschon ich geschäftlich jetzt sehr gut mit ihm stehe
und meine Einnahmen hauptsächlich von ihm beziehe, erschwert das doch ein
derartiges Abkommen. Was Heymel betrifft, von dem ich große Summen verdient
habe, so habe ich ihn gerade weil ich in meiner Wüstenei nicht representas/t/ionsfähigSchreibversehen, statt: repräsentationsfähig.
bin und immer die demnächstige Erledigung der Erbschaft erhoffte, in letzter
Zeit ganz vernachlässigt. So zerreißen mir in dieser Situation eben sämmtliche
Fäden die ich angeknüpft habe und das bringt mich moralisch so gänzlich auf den
Hund.
Grüße Mama und Walther herzlich. Deiner baldigen
Antwort entgegensehend bin ich dein treuer dankbarer Bruder
Frank.
München, Franz Josephstraße 42.II.
[Kuvert:]
Frau
Erica Wedekind
kgl. s/S/ächs. KammersängerinErika Wedekind ist als „Kgl. Hofopernsängerin, Großherzogl. Hess. Kammersängerin“ [Adreßbuch für Dresden und seine Vororte 1900, Teil I, S. 679] verzeichnet; sie wohnte inzwischen mit ihrem Gatten Walther Oschwald in der Julius Otto-Straße 9 (Parterre) in der Dresdner Vorstadt Strehlen, ihre Mutter Emilie Wedekind weiterhin in der Struvestraße 34 (3. Stock) in der Seevorstadt.
Dresden-Strehlen.
Julius Otto Strasse 9.