Liebe verehrte gnädige FrauGrete von Schönthan (geb. Gerike), Schriftstellerin, in erster Ehe verheiratet mit dem Lustspielautor und Journalisten Paul von Schönthan (Johann Paul Schönthan Edler von Pernwald) aus Wien, in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller Hans Olden (Heirat am 8.5.1891 in Berlin, Scheidung am 23.12.1902). Wedekind hat eine Begegnung mit ihr nur einmal verzeichnet, am 13.6.1914 in Berlin: „Grete von Schönthan“ [Tb], kannte sie aber seit den 1890er Jahren aus München (siehe unten).!
ich habe mich ungemein gefreut, ein LebenszeichenHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Grete von Schönthan an Wedekind, 18.6.1905.
von Ihnen zu erhalten. Aber wie in aller Welt kommen Sie denn nach Worms. Ich
frage mich umsonst, was in WormsWorms am Rhein, wo Grete von Schönthan zwischenzeitlich lebte, bevor sie nach Berlin zog [vgl. Wedekind an Grete von Schönthan, 14.2.1907], wann genau ist unklar (das „Adreßbuch der Stadt Worms“ ist für die Jahre 1905 und 1906 nicht überliefert), hatte ein eher bescheidenes Kulturleben, wie die wenigen im „Wormser Tageblatt“ angezeigten Veranstaltungen ahnen lassen. Es hatte ein nur ausnahmsweise bespieltes Theater, das Kolosseum (früher: Stadttheater), das von Darmstadt aus verwaltet wurde (Direktor war Willy Roemheld) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 620]. los ist um Sie dort zu fesseln. Der Begegnung
in WienWedekind, der vom 2. bis 12.6.1898 sowie vom 14. bis 23.11.1901 zu Gastspielen in Wien war, zuletzt vom 27. bis 30.5.1905 und vom 14. bis 16.6.1905 (zu den beiden von Karl Kraus organisierten Vorstellungen seiner Tragödie „Die Büchse der Pandora“), ist wohl bei einem der beiden letzten Aufenthalte dem Wiener Hofopernsänger Leo Slezak [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 577] begegnet, woran Grete von Schönthan ihn brieflich erinnert haben dürfte (siehe oben). mit | Herrn Slezak erinnere ich mich noch sehr wol. Wenn ich bis jetzt
noch nicht dazu kam, zu antworten, so liegt das nur daran, daß man den ganzen
Tag im WasserWedekind ging fast täglich schwimmen; so notierte er am 2.7.1905: „gehe ins Ungererbad“ [Tb]; vom 4. bis 7.7.1905 war er jeden Tag im „Ungererbad“ [Tb], ein parkähnlich angelegtes Naturbad in München. liegt, wobei sich die Korrespondenz nicht gut erledigen läßt. Ich
möchte mir aber diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, ohne Sie aufzufordern,
doch recht bald wieder nach MünchenGrete von Schönthan hatte mit ihrem zweiten Gatten Hans Olden in den 1890er Jahren in München gelebt (Königinstraße 73a) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1896, Teil I, S. 344], wo sie wie Wedekind zum Freundeskreis Max Halbes gehörte, wie dieser sich erinnerte: „Nicht zu vergessen das typische Intellektuellenehepaar Hans und Grete Olden, die nachmalige und vorherige Grete von Schönthan und als solche Mitverfasserin des unverwüstlichen Schwanks ‚Der Raub der Sabinerinnen‘.“ [Halbe 1935, S. 161f.] zu kommen. | Es ist hier jetzt sehr
interessant. Die Liebe und der Haß feiern die glänzendsten Triumphe. Von der
ehemaligen Biergemütlichkeit ist nicht eine Spur mehr vorhanden. München
besteht nur noch aus NervenAnspielung auf die um 1900 modische Neurasthenie.. Die Sensationslüsternheit führt die furchtbarsten
Orgien auf. Kein Mensch traut hier mehr dem andern. Jeder lebt in glänzender
Isolierung und ist völlig auf sich selbst angewiessen. Dabei schießen
natürlich die | Individualitäten wie die Pilze aus dem Boden.
Finden Sie das nicht herrlich? Also kommen Sie
bitte! Sie finden hier LustspielstoffeGrete von Schönthan war bekannt als Lustspielautorin und Übersetzerin von französischen Lustspielen; sie gilt als ungenannte Mitverfasserin des erfolgreichen Schwanks „Der Raub der Sabinerinnen“ (1885) von Franz und Paul von Schönthan, hat aber auch Komödien unter eigenem Namen – Grete Olden oder Grete von Schönthan – veröffentlicht. in Menge.
Sollte sich Frau EllyElly Hirschfeld (geb. Leßer), Gattin des Schriftstellers Georg Hirschfeld in Berlin (Würzburger Straße 15) [vgl. Berliner Adreßbuch 1905, Teil I, S. 807], war offenbar mit Grete von Schönthan befreundet, wie aus einen weiteren Brief hervorgeht [vgl. Wedekind an Grete von Schönthan, 14.2.1907]. meiner noch erinnern, dann
legen Sie ihr bitte gelegentlich meine Empfehlung zu Füßen.
In Ergebenheit und Verehrung grüßt Sie herzlichst
Ihr
Frank Wedekind.
München
5.7.5.