Sehr geehrter Herr Bjoernsonder berühmte norwegischen Schriftsteller und Politiker Bjørnsterne Bjørnson, Schwiegervater des Verlegers und „Simplicissimus“-Herausgebers Albert Langen, der dessen Tochter Dagny Bjørnson am 10.3.1896 in München geheiratet hat.,
wollen Sie mir erlauben, Sie in einer Lage, aus der ich
keinen Ausweg finde, um Ihren Rat zu bitten. Ich nehme den Mut zu diesem
Schritt aus der Tatsache, dass Sie mir in Zeiten, in denen ich mich durchaus
auf mich selbst verlassen konnte, Ihren Rat und Ihre ErmunterungBjørnsterne Bjørnson hatte Wedekinds in Albert Langens Wochenschrift „Simplicissimus“ veröffentlichten Gedichte (siehe unten) in München die „glühendsten Complimente“ [Wedekind an Beate Heine, 27.7.1898] gemacht., ohne dass ich
Sie darum zu ersuchen brauchte, in freundlichster Weise zuteil werden liessen.
Nach drei und ein halbmonatlicher GefängnishaftWedekind, wegen Majestätsbeleidigung in der „Simplicissimus“-Affäre per Haftbefehl gesucht, dem er sich am 30.10.1898 durch Flucht aus München nach Zürich und von dort nach Paris entzog, hatte sich am Abend des 2.6.1899 in Leipzig den Behörden gestellt und saß zunächst in Untersuchungshaft, nach dem Majestätsbeleidigungsprozess in Leipzig am 3.8.1899 in Gefängnishaft in der „Gefangen-Anstalt Leipzig“ [Leipziger Adreß-Buch für 1899, Teil II, S. 39]; er wurde dann zu Festungshaft begnadigt und war seit dem 21.9.1899 auf der Festung Königstein inhaftiert [vgl. KSA 1/II, S. 1710]. erhielt ich am nämlichen Tage,
mit der Nachrichtnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Königliches Justizministerium Sachsen an Wedekind, 14.9.1899. Das Königliche Justizministerium in Dresden (große Meißnerstraße 15) [vgl. Adreßbuch für Dresden 1900, Teil I, S. 279] hat den wegen Majestätsbeleidigung verurteilten Wedekind, der im Gefängnis in Leipzig seine Haft verbüßte, zu Festungshaft begnadigt und damit ein Gnadengesuch bewilligt. Die Rechtsanwälte Felix Zehme und Kurt Hezel hatten im Auftrag Wedekinds am 21.8.1899 an das Königliche Ministerium der Justiz zu Dresden den Antrag gestellt, „dem Verurteilten Wedekind die Allerhöchste Gnade dadurch zu Teil werden zu lassen, daß die erkannte Gefängnisstrafe im Gnadenweg in Festungshaft umgewandelt werde.“ [KSA 1/II, S. 1715] Wedekind trat die Haft auf der Festung Königstein bei Dresden am 21.9.1899 an. meiner Begnadigung zu Festung, von Albert Langen die
Mitteilungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Albert Langen Verlag, Korfiz Holm an Wedekind, 14.9.1899., dass er auf jede weitere Verbindung mit mir verzichte. Als Grund
dafür führte er mein „ganzes BenehmenBriefzitat aus dem nicht überlieferten Brief vom 14.9.1899 (siehe oben).“ und den „Ton
meines letzten BriefesBriefzitat aus dem nicht überlieferten Brief vom 14.9.1899 (siehe oben); es handelte sich um eine Antwort auf einen ebenfalls nicht überlieferten Brief Wedekinds (siehe unten).“ an. Infolge dessen wurde ich ohne Geld hier
eingeliefert. Die Folgen der | langen Gefängnishaft und die hier herrschende
Kälte machen mir nun leider augenblicklich jede productive Arbeit unmöglich.
Wenn sich Albert Langen am Ton meines Briefesnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Albert Langen Verlag, 1.9.1899. stösst, so
kann ich darauf nur entgegnen, dass derselbe durch die darin besprochenen für
mich sehr unheilvollen Tatsachen bedingt war, und ferner dass Kritisiren
leichter ist als b/B/essermachen. Obwohl ihm die Gelegenheit dazu geboten war, hat
er nicht versucht, nach drei Monaten Gefängnis, verbunden mit häufigem
Unwohlsein, einen Brief zu schreiben, dessen Ton nichts zu wünschen übrig lässt.
Vielleicht haben Sie, Herr Bjoernson, für Briefe die aus dem Gefängnis
geschrieben werden, ein weniger strenges Urteil als Ihr SchwiegersohnAlbert Langen (siehe oben)..
Was mein „ganzes BenehmenWiederholung des Briefzitats aus dem nicht überlieferten Brief vom 14.9.1899 (siehe oben).“ betrifft, so hat mir
Albert Langen vor Ausbruch des Processeshier der Beginn der Majestätsbeleidigungsaffäre um den „Simplicissimus“ am 25.10.1898 (siehe oben). bei jeder Gelegenheit unvermittelt und
unaufgefordert versichert, er werde Alles auf sich nehmen, mein Name könne gar
nicht zur Erwähnung kommen e. ct. e. ct. Nicht dass ich dem
irgendwelchen Weg/r/t beigelegt hätte, sondern nur zur Illustration der Tatsache,
dass er dann sofort das Weite suchteAlbert Langen, der bei der Majestätsbeleidigungsaffäre (siehe oben) „als verantwortlicher Redakteur des ‚Simplicissimus‘ die höchste Strafe zu erwarten hatte, entzog sich auf Anraten seines Rechtsbeistandes der drohenden Verhaftung. Er floh über Wien nach Zürich und stieg im Nobel-Etablissement der Stadt, im Hotel ‚Baur au Lac‘ ab“ [Abret/Keel 1987, S. 69]. Er war seinem Brief an Bjørnstjerne Bjørnson vom 30.10.1898 zufolge zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr in München., | nachdem mein Manuscript des incriminirten
GedichtesWedekinds unter dem Pseudonym Hieronymos veröffentlichtes satirisches Gedicht „Im heiligen Land“ [KSA 1/I, S. 245] über die Orientreise Wilhelms II. nach Jerusalem [vgl. KSA 1/II, S. 1707], erschienen in der sogenannten Palästina-Nummer des „Simplicissimus“ [vgl. Simplicissimus, Jg. 3, Nr. 31, S. 245], die am 25.10.1898 wegen Verstoßes gegen §95 des Reichsstrafgesetzbuches (Majestätsbeleidigung) beschlagnahmt wurde; es wurden Haftbefehle gegen Autor (Wedekind), Verleger (Albert Langen) und Zeichner (Thomas Theodor Heine) erlassen [vgl. KSA 1/II, S. 1710]. dem ersten Beamten, der auf der Redactionin der Redaktion des „Simplicissimus“ (Schackstraße 4). „Der nach München entsandte sächsische Untersuchungsrichter fand bei Durchsuchung der Redaktion Wedekinds Manuskript, so daß auch dessen Identität gelüftet wurde.“ [Abret 2005, S. 22] erschien, in einer Zeitung
verborgen, vorgelegt worden war und dadurch dem Gericht in die Hände fiel. Die
letzte Tatsache entspringt natürlich einem unglücklichen Zufall, der immerhin
seinesgleichen in der Geschichte des Journalismus sucht, zumal man seit
vierzehn Tagenzurückgerechnet von der Konfiskation der sogenannten Palästina-Nummer des „Simplicissimus“ am 25.10.1898 (siehe oben) am 11.10.1898, genau gerechnet; es muss aber angesichts der weiter unten angegebenen „vierzehn Tage“ später gewesen sein (siehe unten). durch Justizrat Rosenthal„Justizrat Wilhelm Rosenthal, ein Münchner Rechtsanwalt, der Langen seit Gründung des ‚Simplicissimus‘ in Rechtsfragen beriet“ [Abret 2005, S. 45]; der Darstellung Wedekinds zu juristischen Bedenken Wilhelm Rosenthals widersprechen wiederum voneinander abweichende Schilderungen der Mitarbeiter des Albert Langen Verlags und des „Simplicissimus“ Ludwig Thoma und Korfiz Holm [vgl. KSA 1/II, S. 1704]. wusste, dass das betreffende Gedicht
voraussichtlich zu einer Confiscation führen würde. In Zürich empfing michWedekind, nach seiner Flucht aus München infolge des drohenden Haftbefehls in der „Simplicissimus“-Affäre am 31.10.1898 morgens in Zürich eingetroffen, traf dort am 2.11.1898 den ebenfalls aus München geflohenen „Simplicissimus“-Verleger Albert Langen [vgl. Wedekind an Beate Heine, 12.11.1898], der den Tag zuvor noch in St. Gallen war [Abret/Keel 1987, S. 182]. dann
Albert Langen, noch ehe ich den Mund aufgethan hatte, mit den Worten: „Sie
mussten doch selber wissen, was Sie taten!“
Von Paris ausWedekind war am 22.12.1898 von Zürich nach Paris übergesiedelt [vgl. Wedekind an Beate Heine, 7.1.1899] und traf dort dann bald den etwas später ebenfalls nach Paris übergesiedelten Albert Langen wieder [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 24.2.1899], mit dem er Streitigkeiten hatte [vgl. Wedekind an Beate Heine, 12.3.1899]. bot ich noch einmal alles auf, um den Verkehr
zwischen Albert Langen und mir erträglich zu gestalten, bis mir Albert Langen
zumutete, ich möchte die Stellung meiner SchwesterAlbert Langen hat auf Erika Wedekinds Stellung als gefeierte Hofopernsängerin an der Dresdner Hofoper in einem noch in Zürich geschriebenen Brief an seine Frau Dagny Langen (geb. Bjørnson) angespielt, in dem er Überlegungen zu seiner möglichen Begnadigung anstellte: „Eine wichtige Nachricht für mich war die, daß ich [...] vom König von Sachsen zu amnestieren bin. [...] Wedekind könnte z.B. durch seine Schwester, die der Liebling des Dresdner Hofes ist, eine Begnadigung erlangen.“ [Abret/Keel 1987, S. 206] Erica, Hofopernsängerin
in Dresden dazu benützen, um für ihn und mich leichtere Bedingungen zu einer
Rückkehr nach Deutschland zu erwirken. Er ermächtigte mich, dem Manne meiner
SchwesterWalther Oschwald, Erika Wedekinds Gatte. dafür eine gewisse Summe Geldes anzubieten. Was nun meine Schwester
betrifft, so hatte sie mich im Jahr 97, während ich die |
Hieronymus-Jobs-GedichteWedekind benutzte das Pseudonym Hieronymus oder Hieronymus Jobs (Jobsius) „zwischen Juli 1897 und Februar 1902 in 14 seiner ‚Simplicissimus‘-Gedichte“ [KSA 1/II, S. 1435], bis einschließlich 1899 in insgesamt 13 Gedichten [vgl. KSA 1/II, S. 2235f.] für den Simplicissimus schrieb und zwar zu Honoraren,
die mir bei der angestrengtesten Arbeit nie auch nur die Summe von 200 Mk im
Monat einbrachten, auf das freigebigste unterstützt. Der Ausbruch des
Simplicissimus-Processes trug ihr dann die peinlichsten Unannehmlichkeiten ein
und hat ihr auch pecuniär in bedeutender Weise geschadet. Ich hielt es daher
für tacts/v/oll und correct meine Beziehungen zu meiner Schwester abzubrechenBriefe Frank Wedekinds an seine Schwester Erika Wedekind zwischen dem 5.1.1898 und 25.8.1900 sind nicht überliefert (siehe seine Korrespondenz mit ihr); rege korrespondierte er in diesem Zeitraum allerdings mit seinem Schwager (siehe seine Korrespondenz mit Walther Oschwald)., um
sie nicht eventuell noch mehr zu compromittiren und habe in der Tat bis heute
nicht ein Wort und eine Zeile mehr mit ihr gewechselt. Anders empfand Albert
Langen; seine Zumutung empörte mich derart dass ich nach Leipzig reiste und
mich einsperren liessWedekind hatte sich am 2.6.1899 in Leipzig den Behörden gestellt und wurde in Untersuchungshaft genommen [vgl. KSA 1/II, S. 1710]..
Sie werden mir nun das eine zugestehen, geehrter Herr
Bjoernson, dass es nach solchen Erfahrungen auch für einen gerissenen Menschen
nicht leicht ist sein „ganzes Benehmenerneute Wiederholung des Briefzitats aus dem nicht überlieferten Brief vom 14.9.1899 (siehe oben).“ richtig abzumessen. Da Sie
mich aber in meinen Beziehungen zu Albert Langen so häufig ermuntert haben, so
ersuche ich Sie mir als Psychologe rathen zu wollen, wie man sich in solcher
Lage zu benehmen hat und, da Sie Albert Langen besser kennen müssen als ich,
mir zu rathen, wie man sich benehmen muss, um Albert Langens moralische
Anerkennung zu erndtenSchreibversehen, statt: ernten.. |
Ich wiederhole, dass ich den Mut zu dieser Frage in der intensiven
Theilnahme finde, die Sie bei jeder Gelegenheit für die Arbeiten, die ich für Ihren Schwiegersohn machte, an
den Tag legten. Ich besitze ausserdem mehrere BriefeBriefe Albert Langens und des Albert Langen Verlags an Wedekind sind nur spärlich überliefert (siehe die entsprechende Korrespondenz Wedekinds). in denen mir Albert
Langen, ja sogar die jetzige Redaction des Simplc. in München mittheilt, einen
wie hohen künstlerischen und literarischen Wert Sie meinen für den Simplc.
geschriebenen „Gedichten“ beilegen. Als ich Ihnen dagegen im Sommer
1896 mein „Frühlings Erwachen“ zuschicktevgl. Wedekind an Bjørnstjerne Bjørnson, 1.8.1896., hörte ich nicht eine
Sylbe darüber und wusste nicht, dass Sie das Buch überhaupt erhalten hatten, bis
mir zwei Jahre später in Zürich, nachdem ich meine StellungWedekind hatte am 26.7.1898 mit Georg Stollberg eine Vereinbarung für sein Engagement zunächst als Schauspieler am Münchner Schauspielhaus getroffen [vgl. Wedekind an Beate Heine, 27.7.1898] und wurde von ihm am 22.8.1898 „als Dramaturg und Schauspieler unter Vertrag genommen“ [Vinçon 1987, S. 53], aber auch als Sekretär [vgl. Neuer Theater-Almanach 1899, S. 443]. am Münchner Schauspielhaus durch den Simplicissimus-Process verloren hatte, Albert Langen
und seine Frau unaufgefordert und gänzlich unvermittelt mittheilten, das Buch
habe Ihnen sehr gefallen. In Betreff meiner Thätigkeit am Münchner
Schauspielhause erinnere ich mich auch noch Ihrer Worte: „Sie passen
nicht für die Bühne, Sie müssen „dichten“!“ und möchte Sie jetzt
höflichst | ob ersuchen, mir mitzutheilen, ob Sie mich überhaupt jemals auf der
Bühne gesehen haben oder aus welch anderen Gründen Sie zu dieser Überzeugung
gelangt waren.
Ich verliess München im Herbst 1896Wedekind ging Ende 1896 von München nach Berlin. da mir die
ununterbrochenen Streitigkeiten mit Albert Langen ein weiteres Arbeiten für
sein Blatt damals unmöglich machten. Die Novellen, die ich für ihn geschrieben,
„Rabbi Esra“ e. ct., liess Langen ungedruckt auf seiner RedactionWedekinds Erzählung „Rabbi Esra“ [KSA 5/1, S. 214-218] „entstand wahrscheinlich bereits 1896, bevor sie Albert Langen 1897 im ‚Simplicissimus‘ veröffentlichen ließ“ [KSA V/1, S. 756], wo sie am 24.4.1897 erschien [KSA V/1, S. 757].
liegen und verlangte dafür Arbeiten allerniedrigsten Werthes von mir, deren ich
mich noch heute schäme, mit der Begründungwohl mündlich formuliert und von Wedekind aus dem Gedächtnis zitiert.: „Ihre Novellen mögen ja
künstlerischer sein als diese Ite/n/terviewsWedekind hat vom 24.10.1896 bis 28.11.1896 im „Simplicissimus“ „sechs fingierte, durchnumerierte Interviews“ [Abret 2005, S. 19] veröffentlicht: „Ella Belling, die Kunstreiterin“ (I), „Iwan Michailowitsch Rogoschin“ (II), „Rosa“ (III), „Die Tortajada“ (IV), „Der Kleiderschrank“ (V) und „Don Giovanni“ (VI) [vgl. KSA 5/I, S. 134-163], Erzählungen, die jeweils unter dem Reihentitel „Interviews“ gedruckt sind [vgl. KSA 5/I, S. 444, 511, 516, 585, 715, 769]., das gebe ich Ihnen gerne zu aber
darauf pfeif ich doch!“ Das war wenige Wochen nachdem ich Ihnen mein „Frühlings Erwachen“ zugeschickt hatte. Ich ging nach Berlin und nach langer,
niederdrückender Misère, nach vieler Arbeit und hartenSchreibversehen, statt: hartem. Kampf gelang es mir,
eine gut honorirte StellungWedekind war in der ersten Jahreshälfte 1898 als Dramaturg und Schauspieler (Pseudonym: Heinrich Kammerer) am Theater der Literarischen Gesellschaft in Leipzig engagiert [vgl. Neuer Theater-Almanach 1899, S. 408], zugleich das Ibsen-Theater, mit dem er auf Tournee war (siehe unten). am Ibsen-Theater in Leipzig zu finden, mit dem ich
eine Tournée durch DeutschlandDas Ibsen-Theater (Direktion: Carl Heine) begann seine Tournee am 5.3.1898, die im Sommer beendet war und damit auch Wedekinds Vertrag (siehe oben). „Das Ibsen-Theater gastirte in den Städten: Braunschweig, Breslau, Halle a. S., Hamburg, Hannover, Leipzig, Lübeck, Lüneburg, Magdeburg, Stettin, Wien.“ [Neuer Theater-Almanach 1899, S. 408] | machte. Nachdem sich das Theater aufgelöst
hatte ging ich im Sommer 98 wieder nach München und wurde am dortigen
Schauspielhaus mit offenen Armen empfangen und sofort engagiert, so dass ich
heute ohne mein „Dichten“ für Ihren Schwiegersohn in wohlsituirter
Lebensstellung wäre. Um jene Zeit bat mich Albert LangenAlbert Langen hat Wedekind nach dem 8.7.1898 in München um die Abfassung von politischen Gedichten für den „Simplicissimus“ gebeten [vgl. Wedekinds an Beate Heine vom 27.7.1898]. auf das dringendste
wieder für ihn zu arbeiten und zwar unter der falschen Vorspiegelung, dass sich
sein Blatt vorzüglich rentire und auf die unter der Versicherung hin, die er mir bei jeder Gelegenheit
wiederholte, dass keine Zeile von mir gedruckt werde, die Justizrat Rosenthal
nicht für unangreifbar erkläre. Das Gedicht, das den Process herbeiführte
schrieb ich vierzehn Tage vor der Premièream 15.10.1898, genau gerechnet – Wedekinds Tragödie „Der Erdgeist“ (1895) hatte am 29.10.1898 im Münchner Schauspielhaus (Direktion: Georg Stollberg) Premiere [vgl. Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 51, Nr. 501, 29.10.1898, General-Anzeiger, S. 1]; das Gedicht „Im heiligen Land“ (siehe oben) entstand „Wedekinds eigener Aussage zufolge Mitte Oktober 1898“ [KSA 1/II, S. 1704]. meines „Erdgeist“ in der
Aufregung in der man sich in solcher Zeit befindet. Justizrat Rosenthal
erklärte das Gedicht für unmöglich, es wurde gedruckt, confiscirt und die
Auflage des Blattes„Die Auflagenhöhe des ‚Simplicissimus‘ war nach der Palästinaaffäre auf ungewöhnliche Weise in die Höhe geschnellt. Am 1.4.1898 betrug sie ca. 26000 Exemplare. [...] drei Wochen nach der Majestätsbeleidigungsanklage [...] teilte die Redaktion mit, sie habe sich auf 58000 erhöht. Zwei Wochen später meldete man eine Auflage von 67000 Exemplaren. Danach sank die Zahl der Käufer wieder und stabilisierte sich bei ca. 55000 Exemplaren“ [Abret/Keel 1987, S. 205]. stieg um 20,000 Exemplare. Um den Ertrag zweijähriger
angestrengter | Arbeit betrogen ta/r/af ich Langen in Zürich triumphirend über
den wohlgelungenen Streich. Ich war nun vollkommen in seinen Händen und er
nützte die Gelegenheit nach Kräften aus mich zu neuen Angriffen auf die
bestehende Ordnung zu hetzen, völlig unbekümmert oder vielmehr beleidigt durch
meine Einwendungen, dass ich mir meine Rückkehr von Fall zu Fall erschwerte. Er
ging bewusst und systematisch darauf aus, das Geld für sein luxuriöses Leben
dadurch zu gewinnen, dass er mein Glück, meine Freiheit und meine künstlerische
Zukunft ausmünzte. Als Sie, Herr Bjoernson, gerade in jener Zeit fortfuhren,
Ihrem Schwiegersohn Ihre moralische Unterstützung angedeihen zu lassen,
erkundigte ich mich auf das genaueste nach Ihren Vermögensverhältnissen und
erfuhr zu meiner grossen und aufrichtigen Freude, dass Sie in vollkommner
pecuniärer Unabhängigkeit leben.
Den Ausweg aus der Falle zu finden in die ich geraten
war, war für mich keine leichte Aufgabe, die mir indessen gelungen ist bis auf
die G | geringfügige Unannehmlichkeit, dass ich mich nach dreimonatlicher Gefängnis-Strafe
und in Folge der noch fortdauernden Festungshaft erwerbsunfähig fühle. Zum
Glück traf ich hierWedekind traf bei seinem Haftantritt am 21.9.1899 auf der Festung Königstein den „Simplicissimus“-Zeichner Thomas Theodor Heine [vgl. Wedekind, Thomas Theodor Heine an Max Halbe, 21.9.1899], der in derselben Sache wie er selbst wegen Majestätsbeleidigung verurteilt war, sich aber bereits am 2.11.1898 den sächsischen Behörden gestellt hatte, am 19.12.1898 in Leipzig zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde, was in Festungshaft umgewandelt worden ist, so dass er bereits seit dem 29.3.1899 auf der Festung Königstein einsaß [vgl. KSA 1/II, S. 1710] und am 29.9.1899 entlassen wurde [vgl. Thomas Theodor Heine an Wedekind, 6.10.1899]. noch Th. Th. Heine, der die Verhältnisse auf der Redaction
des Simplicissimus, weil er ununterbrochen mit ihr in Beziehung gestanden
hatte genau genug kannte, um sich die Auszahlung seines monatlichen Gehaltes
von Mk. 700 kontractlich auch für den Fall zu sichern, dass er in’s
Gefängnis kommt und nicht arbeiten kann. Während er sich durch den Process
finanziell recreiren konnte, erwarten mich, wenn ich nach München zurückkehre
dort die Schulden, die ich auf meine Anstellung am Theater hin contrahiert
hatte.
Als ich Ihnen, geehrter Herr Bjoernson, in München
vorgestellt wurde, brachte ich Ihnen eine fünfzehnjährige Verehrung und
Bewunderung entgegen. Ohne mich in meinem Verkehr mit Albert Langen auf den
schwächeren | hinausspielen zu wollen, kann ich doch zur Entschuldigung meiner
Niederlage mit gutem Gewissen geltend machen, dass mir kein Bjoernstjern
Bjoernson zur Seite stand, der meinem Gegner unbedingtes Vertrauen in meinen
geschäftlichen Betrieb eingeflösst, dessen Urtheilsäusserung immer so vorzüglich mit dem harmonirt hätte, dessen ich gerade zur Erreichung meiner Ziele
B bedurfte. Dass ich Sie in meiner heutigen Ratlosigkeit um Ihren Rat bitte muss
Ihnen beweisen, wie wenig ich mich in dem Vertrauen das ich Ihnen
entgegenbrachte habe beirren lassen. Wollen Sie mir noch einmal ein gütiger
Mentor sein, wie s/S/ie das so oft waren in Zeiten, wo ich Ihrer Ermunterung
weniger bedurfte.
Ich ersuche Sie, die Beweise meiner vorzüglichte/st/en
Hochschätzung entgegen nehmen zu wollen.
Frank Wedekind.
Festung Königstein in Sachsen,
28. September 1899
[Kuvert:]
Eingeschrieben.
Recommandé(frz.) Eingeschrieben..
Herrn Bjoernstjern Bjoernson.
Aulnstat.
Norwegen. |
Exped: Frank Wedekind.
Festung Königstein, Sachsen.