Minny
di Cerenotti Strauss„Minny di Cerenotti, genannt die deutsche Yvette Gilbert“ [Dortmunder Zeitung, Jg. 76, Nr. 104, 26.2.1903, Morgen-Ausgabe, 2. Blatt, S. (4)], in den Anzeigen ihrer Gastspiele gelegentlich mit Namenszusatz: „Gastspiel der modernen Rezitationskünstlerin und Soloschauspielerin Frl. Minny di Cerenotti (Strauß)“ [Rhein- und Ruhrzeitung, Jg. 55, Nr. 28, 3.2.1903, S. (2)], auch: „Frl. M. di Cerenotti (Strauß-Köppl)“ [Bonner Volkszeitung, Jg. 22, Nr. 1, 1.1.1903, S. (2)].
Hochgeehrter Herr Wedekind!
Verzeihen
Sie bitte, indem es mir erst heute vergönnt ist, Ihnen meinen innigsten Dank
auszusprechen, für das AufführunsrechtSchreibversehen, statt: Aufführungsrecht. des „Armen Mädchen’swohl Wedekinds Gedicht „Das arme Mädchen“ (1896), dem vorliegenden Brief zufolge; womöglich aber Wedekinds Lied „Das arme Mädchen“ (1901), das er Ende 1902 in München bei den Elf Scharfrichtern vortrug [vgl. KSA 3/III, S. 496]. „Weitere Verbreitung erfuhr womöglich das Lied 1903 durch das von Wedekind erteilte Aufführungsrecht an die Schauspielerin und Schriftstellerin Minny di Cerenotti. Ob es in der Tat zu einem öffentlichen Vortrag des Liedes durch Minny de Cerenotti kam, dazu ließen sich keine Kritiken anführen.“ [KSA 3/III, S. 487].“ Erst heute, nach
über einem halben Jahr gelangte Ihr werthes Schreibennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Minny di Cerenotti, 1.11.1902., durch die
Nachlässigkeit der Post, in meine Hände. Wie dies überhaupt möglich war, ist
mir ein Räthsel. Trotzdem freue ich mich herzlich, über
Ihre werthe Erlaubnis, und werde das Gedicht meines modernen Lieblingsdichters
Ihm zu Ehren würdig vortragen. verte(lat.) wenden, umblättern.: | Es wird Sie wundern, Herr Wedekind,
aber schon sogar die Presse hat mich zu demselben Urtheil verdammt, wie Sie,
indem man Ihre, sowie meine einzelnen Dichtungen als zu sehr realistisch
bezeichnet. Aber nichtsdestoweniger liegt mir diese Art am besten, neben der Dramatischen.
Fast alle Ihre Werke habe ich schon gelesen, und auch sehr
viel daraus gelernt. Das „Arme Mädel“ hörte ich | das erste Mal von Frl. Lona NansenLona Nansen trat im Vorjahr mit großem Erfolg im neu eröffneten Münchner Überbrettl (Direktion: Josef Vallé) im Etablissement Monachia als Vortragskünstlerin auf, „Fräulein Lona Nansen, die Attraktion des Etablissements“ [Münchener Original-Ueberbrett’l in der Monachia. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 55, Nr. 108, 5.3.1902, General-Anzeiger, S. 10], zuletzt 1902 im „Herbstprogramm [...]. Allen voran gilt der reiche Beifall [...] dem Fräulein Lona Nansen; sie ist [...] eine echte Brettldiva mit Stimme und schauspielerischem Talent.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 55, Nr. 293, 26.8.1902, General-Anzeiger, S. 8] in München.
Hier in Cöln gebe ich nun schon mein III. GastspielMinny di Cerenotti gastierte am 7.5.1903 zum dritten Mal in Köln: „Am Donnerstag, abends 8,30 Uhr, veranstaltet Frl. Minny die Cerenotti (Strauß) ihren 3. Gastspielabend im Rokokosaal des Hotel Disch. Die Gastin ist als Recitationskünstlerin und Soloschauspielerin in weiteren Kreisen bekannt und gilt als eine der ersten Künstlerinnen ihres Faches.“ [Rheinischer Merkur, Jg. 26, Nr. 102, 6.5.1903, S. 2] u.
gefalle ganz gut. Übrigens habe ich faßt in
allen größeren Städten Süddeutschlands gastiert. Diesen Sommer werde ich meist
nur in feineren Badeorten auftreten.
Doch nun zum Schluß, geehrter Herr Wedekind, habe ich
Quälgeist noch was auf dem Herzen. Ich möchte Sie
frdl. ersuchen, ob Sie vielleicht einen Dramatischen Solo-Vortrag, | für mich
passend, haben oder wissen. Ich wäre herzlich gern bereit, mich evtl., wenn ich darf, zu
revanchieren. Herr Baron Fritz von OstiniFritz Freiherr von Ostini, Schriftsteller und Redakteur der Zeitschrift „Jugend“ in München (Rumfordstraße 1) [vgl. Kürschners deutscher Litteratur-Kalender auf das Jahr 1903, Teil II, Sp. 991]. hat mir auch ein Aufführungsrecht zuerkannt.
Falls es Ihnen angenehm, werde ich Ihnen eines meiner Programme,
sowie eine photographische Aufnahme als armes Mädel, zusendenWedekind erhielt eine Bildpostkarte, eine als Künstlerpostkarte reproduzierte Fotografie von Minny di Cerenotti, die sie (ihrer Beschriftung zufolge) als Interpretin von Wedekinds Lied oder Gedicht „Das arme Mädchen“ zeigt [vgl. Minny di Cerenotti an Wedekind, 5.6.1903]..
Es
grüßt Sie ergebenst
hochachtungsvoll
Ihre
Minny di Cerenotti
Adr: Cöln, Rhein, Hotel Heuser
St. Agatha
42.