Kennung: 186

Köln, 7. Mai 1903 (Donnerstag), Brief

Autor*in

  • Cerenotti, Minny di

Adressat*in

  • Wedekind, Frank

Inhalt

Minny di Cerenotti Strauss„Minny di Cerenotti, genannt die deutsche Yvette Gilbert“ [Dortmunder Zeitung, Jg. 76, Nr. 104, 26.2.1903, Morgen-Ausgabe, 2. Blatt, S. (4)], in den Anzeigen ihrer Gastspiele gelegentlich mit Namenszusatz: „Gastspiel der modernen Rezitationskünstlerin und Soloschauspielerin Frl. Minny di Cerenotti (Strauß)“ [Rhein- und Ruhrzeitung, Jg. 55, Nr. 28, 3.2.1903, S. (2)], auch: „Frl. M. di Cerenotti (Strauß-Köppl)“ [Bonner Volkszeitung, Jg. 22, Nr. 1, 1.1.1903, S. (2)].


Hochgeehrter Herr Wedekind!

Verzeihen Sie bitte, indem es mir erst heute vergönnt ist, Ihnen meinen innigsten Dank auszusprechen, für das AufführunsrechtSchreibversehen, statt: Aufführungsrecht. des „Armen Mädchen’swohl Wedekinds Gedicht „Das arme Mädchen“ (1896), dem vorliegenden Brief zufolge; womöglich aber Wedekinds Lied „Das arme Mädchen“ (1901), das er Ende 1902 in München bei den Elf Scharfrichtern vortrug [vgl. KSA 3/III, S. 496]. „Weitere Verbreitung erfuhr womöglich das Lied 1903 durch das von Wedekind erteilte Aufführungsrecht an die Schauspielerin und Schriftstellerin Minny di Cerenotti. Ob es in der Tat zu einem öffentlichen Vortrag des Liedes durch Minny de Cerenotti kam, dazu ließen sich keine Kritiken anführen.“ [KSA 3/III, S. 487].“ Erst heute, nach über einem halben Jahr gelangte Ihr werthes Schreibennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Minny di Cerenotti, 1.11.1902., durch die Nachlässigkeit der Post, in meine Hände. Wie dies überhaupt möglich war, ist mir ein Räthsel. Trotzdem freue ich mich herzlich, über Ihre werthe Erlaubnis, und werde das Gedicht meines modernen Lieblingsdichters Ihm zu Ehren würdig vortragen. verte(lat.) wenden, umblättern.: | Es wird Sie wundern, Herr Wedekind, aber schon sogar die Presse hat mich zu demselben Urtheil verdammt, wie Sie, indem man Ihre, sowie meine einzelnen Dichtungen als zu sehr realistisch bezeichnet. Aber nichtsdestoweniger liegt mir diese Art am besten, neben der Dramatischen.

Fast alle Ihre Werke habe ich schon gelesen, und auch sehr viel daraus gelernt. Das „Arme Mädel“ hörte ich | das erste Mal von Frl. Lona NansenLona Nansen trat im Vorjahr mit großem Erfolg im neu eröffneten Münchner Überbrettl (Direktion: Josef Vallé) im Etablissement Monachia als Vortragskünstlerin auf, „Fräulein Lona Nansen, die Attraktion des Etablissements“ [Münchener Original-Ueberbrett’l in der Monachia. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 55, Nr. 108, 5.3.1902, General-Anzeiger, S. 10], zuletzt 1902 im „Herbstprogramm [...]. Allen voran gilt der reiche Beifall [...] dem Fräulein Lona Nansen; sie ist [...] eine echte Brettldiva mit Stimme und schauspielerischem Talent.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 55, Nr. 293, 26.8.1902, General-Anzeiger, S. 8] in München.

Hier in Cöln gebe ich nun schon mein III. GastspielMinny di Cerenotti gastierte am 7.5.1903 zum dritten Mal in Köln: „Am Donnerstag, abends 8,30 Uhr, veranstaltet Frl. Minny die Cerenotti (Strauß) ihren 3. Gastspielabend im Rokokosaal des Hotel Disch. Die Gastin ist als Recitationskünstlerin und Soloschauspielerin in weiteren Kreisen bekannt und gilt als eine der ersten Künstlerinnen ihres Faches.“ [Rheinischer Merkur, Jg. 26, Nr. 102, 6.5.1903, S. 2] u. gefalle ganz gut. Übrigens habe ich faßt in allen größeren Städten Süddeutschlands gastiert. Diesen Sommer werde ich meist nur in feineren Badeorten auftreten.

Doch nun zum Schluß, geehrter Herr Wedekind, habe ich Quälgeist noch was auf dem Herzen. Ich möchte Sie frdl. ersuchen, ob Sie vielleicht einen Dramatischen Solo-Vortrag, | für mich passend, haben oder wissen. Ich wäre herzlich gern bereit, mich evtl., wenn ich darf, zu revanchieren. Herr Baron Fritz von OstiniFritz Freiherr von Ostini, Schriftsteller und Redakteur der Zeitschrift „Jugend“ in München (Rumfordstraße 1) [vgl. Kürschners deutscher Litteratur-Kalender auf das Jahr 1903, Teil II, Sp. 991]. hat mir auch ein Aufführungsrecht zuerkannt.

Falls es Ihnen angenehm, werde ich Ihnen eines meiner Programme, sowie eine photographische Aufnahme als armes Mädel, zusendenWedekind erhielt eine Bildpostkarte, eine als Künstlerpostkarte reproduzierte Fotografie von Minny di Cerenotti, die sie (ihrer Beschriftung zufolge) als Interpretin von Wedekinds Lied oder Gedicht „Das arme Mädchen“ zeigt [vgl. Minny di Cerenotti an Wedekind, 5.6.1903]..

Es grüßt Sie ergebenst
hochachtungsvoll
Ihre
Minny di Cerenotti


Adr: Cöln, Rhein, Hotel Heuser
St. Agatha
42.

Einzelstellenkommentare

Materialität des Dokuments

Bestehend aus 2 Blatt, davon 4 Seiten beschrieben

Schrift:
Kurrent.
Schreibwerkzeuge:
Feder. Tinte.
Schriftträger:
Papier. Doppelblatt. Seitenmaß 11 x 18,5 cm. Gelocht.
Schreibraum:
Im Hochformat beschrieben.

Datum, Schreibort und Zustellweg

Der 7.5.1903 ist als Ankerdatum gesetzt – ein mögliches Schreibdatum des Briefs, abgeleitet vom Briefinhalt.

  • Schreibort

    Köln
    7. Mai 1903 (Donnerstag)
    Ermittelt (unsicher)

  • Absendeort

    Köln
    Datum unbekannt

  • Empfangsort

    München
    Datum unbekannt

Informationen zum Standort

Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

Maria-Theresia-Straße 23
81675 München
Deutschland
+49 (0)89 419472 13

Informationen zum Bestand

Name des Bestandes:
Nachlass Frank Wedekind
Signatur des Dokuments:
FW B 26
Standort:
Münchner Stadtbibliothek / Monacensia (München)

Danksagung

Wir danken der Münchner Stadtbibliothek / Monacensia für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe des Korrespondenzstücks.

Zitierempfehlung

Minny di Cerenotti an Frank Wedekind, 7.5.1903. Frank Wedekinds Korrespondenz digital. https://briefedition.wedekind.fernuni-hagen.de (03.04.2025).

Status der Bearbeitung

In Bearbeitung
Zum Prüfen bereit
Freigegeben

Erstellt von

Mirko Nottscheid

Überarbeitet von

Ariane Martin

Zuletzt aktualisiert

08.12.2024 19:06