[1. Briefentwurf:]
München
Prinzregent 30.10.9.
Prinzregentenstr. 50.
Sehr geehrter Herr!
Am 29 Oktober 1898
war ich in Folge eines Prozesses gezwungen rasch nach Zürich zu reisen und lies meine Sachen in München
zurück mit der Bitte,
sie mir nach Zürich nachzuschicken Als ich SieSchreibversehen, statt: sie. in Zürich erhielt vermißte ich eine ganze Anzahl von
Manuscripten. Darunter zwei Tagebücher die die Zahlen un/5/ und 6
tragen, ein ebensogroßes Heft mit literarischen und anderen persönlichenStreichung und darüber notierte Neuformulierung mit Tinte. Aufzeichnungen,
unddurch Unterpunktung wieder aufgehobene Streichung. ein h/H/eft
mit Gedichten aus dem Jahr 1880 oder und 1881 Seit 11 Jahren bin ich nun auf der Suche nach diesen Manuscripten.
und e/E/ben e+ erfahre
ebenich durch Zuschriften von verschiedenen Seiten
daß sie sich in Ihrem Besitz befinden. Der Antiquar | Hirsch bestätigt auch daß sie diese
Manuscripte von ihm erworben
haben. Obschon diese Bücher nun ganz ohne Zweifel mein Eigenthum sind,
möchte ich Ihnen doch gerne jeden Materiellen Verlust ersparen. Und bitte Sie mir
mitzutheilen was Sie dafür bezahlt haben. Sollten Sie sich zu dieser Regelung
der Sache nicht bereit finden, dann müßte natürlich mein erstes sein, die Frau
Gräfin Franziska Reventlow
zu verklagen. Diese Dame hat die Sachen/Manu/scripte wie sie mir selber mittheilt
jahrelang in Verwahrung gehabt und hat sie augenscheinlich unrechtmäßiger Weise
verkauft oder verkaufen lassen. Mein Rechtsanwalt theilt | mir mit, daß dieser Verkauf der Frau
Gräfin Reventlow, wenn es zu einer Klage kommt, ernstliche Unannehmlichkeiten
bereiten würde, die ich der Dame, wenn Sie, geehrter
Herr mir dazu behilflich sind gerne ersparen möchte.
Ihrer geschä
gefälligen baldigen Rückäußerung entgegensehend
In vorzüglicher Hochschätzung
Frank Wedekind.
[2. Abgesandter Brief:]
München, den 31. Oktober 1909.
Prinzregentenstraße 50.
Sehr geehrter HerrErnst Rowohlt, Verlagsbuchhändler in Leipzig (Promenadenstraße 43) [vgl. Leipziger Adreßbuch 1910, Teil I, S. 692]. Wedekind hat den Brief an ihn an den Verlag (zugleich Buchdruckerei) W. Drugulin (Königstraße 10) adressiert [vgl. Leipziger Adreßbuch 1910, Teil I, S. 134], der die „Zeitschrift für Bücherfreunde“ verlegte (siehe unten).!
Am 29 Oktober 1898Wedekind floh am 30.10.1898 aus München nach Zürich, um seiner drohenden Verhaftung wegen Majestätsbeleidigung (in seinem Gedicht „Im Heiligen Land“ im „Simplicissimus“) zu entgehen [vgl. Wedekind an Beate Heine, 12.11.1898]. war ich in Folge eines Prozesses
gezwungen, rasch nach Zürich zu reisen und ließ meine Sachen in München zurück
mit der BitteWedekind hatte Hans Richard Weinhöppel [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 31.10.1898] und Frida Strindberg [vgl. Wedekind an Frida Strindberg, 4.11.1898] nach seiner Flucht aus München (siehe oben) um Zusendung seines Gepäcks (darin seine Manuskripte) nach Zürich gebeten., sie mir nach Zürich nachzuschicken. Als ich sie in Zürich
erhielt, vermißte ich eine ganze Anzahl von Manuscripten, darunter zwei
Tagebücherdie Tagebücher Nr. 5 und Nr. 6, zwei Tagebuchhefte, verfasst zwischen 24.5.1889 und 22.10.1890, die nur noch als Typoskripte erhalten sind [vgl. Vinçon 1989, S. 444, 448]., die die Zahlen 5 und 6 tragen, ein ebensogroßes Heftdas Manuskript „Eden“ (entstanden zwischen 22.4.1890 und 11.9.1892) [vgl. KSA 5/I, S. 886-914, 1024-1028], ein Prosaentwurf (eine Vorstudie zu „Mine-Haha“), nur noch als Typoskript überliefert [vgl. Vinçon 1989, S. 448]. wie die
Tagebücher mit literarischen und persönlichen Aufzeichnungen | und ein Heft mit
Gedichtenein Schulheft mit 20 Gedichten und einem Register aus den Jahren 1877 bis 1881, als Manuskript erhalten sowie als Typoskript überliefert [vgl. Vinçon 1989, S. 447f.]. aus den Jahren 1880 und 81. Seit elf Jahren bin ich nun auf der Suche
nach diesen Manuscripten. Auf einmal erfahre ich durch Zuschriftennicht überliefert; erschlossene Korrespondenzstücke: Franz Blei an Wedekind, 27.9.1909 (die Mitteilung, Ernst Rowohlt habe Wedekinds Manuskripte von dem Antiquar Emil Hirsch gekauft); Emil Hirsch an Wedekind, 22.10.1909 (die wohl bald nach Wedekinds Besuch bei seinem Rechtsanwalt Otto Pflaum am 19.10.1909 erfolgte schriftliche Bestätigung des Antiquars, Ernst Rowohlt habe Wedekinds Manuskripte von ihm erworben). von
verschiedenen Seiten, daß sich die Sachen in Ihrem BesitzErnst Rowohlt hatte am 26.9.1909 auf der Jahrestagung der Gesellschaft der Bibliophilen in München [vgl. Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 62, Nr. 434, 17.9.1909, Vorabendblatt, S. 3] publik gemacht, er habe Wedekinds Tagebücher erworben, was Franz Blei wiederum Wedekind hat wissen lassen, wie Franziska zu Reventlow dem Maler Rolf von Hoerschelmann schrieb: „Die Sache hat nun leider eine sehr üble Wendung genommen. Es ist bekannt geworden, daß Tagebücher von Wedekind ge- und verkauft sind, wie ich hörte soll der Käufer selbst bei dem Bibliophilenkongreß erzählt haben, daß er sie hat, was auch Bley W. mitgeteilt hat. Ich war nun gestern bei Hirsch und erfuhr zu meinem Schrecken, daß Frau Strindberg schon bei ihm war und er ihr gesagt hat, daß Sie ihm die Sachen gebracht haben. Er sagte, Sie hätten nichts davon erwähnt, daß man Ihren Namen geheim halten solle und da auch Blei schon wisse, daß die Hefte von Ihnen stammen, habe es keinen Grund gehabt, denselben nicht anzugeben.“ [Langner 2010, S. 251] Rolf von Hoerschelmann hatte Wedekinds Manuskripte von Franziska zu Reventlow erhalten, die sie wiederum von Frida Strindberg erhalten hatte [vgl. Wedekind an Franziska zu Reventlow, 8.9.1909]; er hatte sie dem Antiquar Emil Hirsch (siehe unten) zum Verkauf übergeben. Franziska zu Reventlow hat Rolf von Hoerschelmann in einem früheren Brief gebeten: „Würden Sie vielleicht so freundlich sein mir gelegentlich auch zu schreiben, welchen von den Wedekind, resp. Strindbergsachen Sie damals verkauft haben und welche noch da sind. Zu meinem Schrecken ist neulich die Frau Strindberg in München aufgetaucht und hat Wedekind gesagt, sie habe mir Manuskripte von ihm zum Aufheben gegeben. Komisch daß das gerade so zusammentrifft, nachdem sich 12 Jahre niemand darum gekümmert hat. Wenn nun noch etwas von den Wedekindsachen da ist, würde ich es ihm event. zurückgeben.“ [Langner 2010, S. 251] befinden. Der
Antiquar Hirsch bestätigt auch, daß Sie diese Manuscripte von ihm erworbenDer Münchner Antiquar Emil Hirsch (Leopoldstraße 38, Geschäft: Karlstraße 6) [vgl. Adreßbuch für München 1910, Teil I, S. 231] hatte, vermittelt durch den Münchner Verleger Hans von Weber, dem Leipziger Verleger Ernst Rowohlt die vier Manuskripte am 22.7.1909 und am 3.8.1909 brieflich zum Verkauf angeboten [vgl. Vinçon 1989, S. 444]; inzwischen hatte er sie an ihn verkauft (siehe oben).
haben. Obschon diese Bücher nun ganz ohne Zweifel mein Eigentum sind, möchte
ich Ihnen doch gerne jeden materiellen Verlust ersparen, und bitte Sie, mir
mitzutheilen, was Sie dafür bezahltErnst Rowohlt hat die vier Manuskripte für 235 Mark gekauft – das war addiert die Summe der 55 Mark und zweimal 90 Mark, die Wedekind auf einem linierten Ringbuchblatt notierte: „Gedichte 55 1 Notizbuch 90 2 Tagebücher 90.“ [Aa, Wedekind-Archiv B, Nr. 171] haben. Sollten Sie sich zu dieser Regelung
der Angele|genheit nicht bereit finden, dann müßte es natürlich mein erstes S/s/ein,
die Frau Gräfin Franziska Reventlow zu verklagen. Diese Dame hat die
Manuscripte, wie SieSchreibversehen, statt: sie. mir selber mittheiltHinweis auf eine nicht überlieferte Mitteilung; erschlossenes Korrespondenzstück: Franziska zu Reventlow an Wedekind, 3.10.1909. Franziska zu Reventlow, die Wedekinds Brief zu der Manuskriptangelegenheit [vgl. Wedekind an Franziska zu Reventlow, 8.9.1909] bei ihrer Rückkehr nach München am 1.10.1909 um 18 Uhr – „Um 6 Uhr in München“ [Tb Reventlow] – vorfand, dürfte Wedekind nach ihrem Gespräch mit Frida Strindberg am 2.10.1909 – „Zur Frieda Strindberg“ [Tb Reventlow] – über die Sache geschrieben haben. Wedekind wiederum dürfte ihre Mitteilung am 13.10.1909 nach seiner Rückkehr von seinem Gastspiel in Frankfurt am Main in München vorgefunden haben [vgl. Tb]., jahrelang in Verwahrung gehabt und
hat sie augenscheinlich unrechtmäßiger Weise verkauft oder verkaufen lassenRolf von Hoerschelmann hat Wedekinds Manuskripte im Auftrag von Franziska zu Reventlow an Emil Hirsch verkauft (siehe oben); sie hatte ihm, bevor sie über den erfolgten Verkauf informiert war, mitgeteilt, wie sie „zu den Sachen gekommen“ sei: „Dieselben lagen 11 Jahre bei mir und niemand kümmerte sich darum, so daß ich annahm, man würde sich auch fernerhin nicht darum kümmern. [...] Inzwischen habe ich der Frau Strindberg [...] gesagt, daß ich die Briefe versehentlich mitgegeben habe und sie dieselben zurückbekommt. Wenn Sie nun auf etwaige anderseitige Fragen dabei bleiben, Sie hätten es von jemand, der sich für den rechtmäßigen Besitzer ausgab, bin ich Ihnen sehr dankbar. Falls Ihnen aber [...] Unannehmlichkeiten [...] daraus entstehen sollten steht es Ihnen selbstverständlich frei mich zu nennen.“ [Langner 2010, S. 249].
Mein RechtsanwaltDr. jur. Otto Pflaum, Rechtsanwalt in München (Briennerstraße 5, Kanzlei: Pfandhausstraße 3) [vgl. Adreßbuch für München 1910, Teil I, S. 432], der Wedekind in der Manuskriptangelegenheit vertrat. Wedekind traf sich mit ihm dem Tagebuch zufolge am 19.10.1909 („Besuch bei Dr. Pflaum wegen Tagebuch“) und 29.10.1909 („Besuch bei Bernstein und Pflaum“). theilt mir mit, daß dieser Verkauf der Frau Gräfin Reventlow,
wenn es zu einer Klage kommt, sehr ernstliche Unannehmlichkeiten bereiten
würde, die ich der Dame, wenn Sie, geehrter Herr, mir dazu die Hand bieten,
gerne ersparen möchte.
Ihrer gefälligen baldigen Rück|äußerung entgegensehend
in vorzüglicher Hochschätzung
Frank Wedekind.
[Kuvert:]
Einschreiben
Herrn
Rowohlt,
geschäftlicher LeiterErnst Rowohlt hatte „im Herbst 1909 bei der Offizin Drugulin eine Stelle als Geschäftsführer der dort betreuten ‚Zeitschrift für Bücherfreunde‘“ [Göbel 1975, Sp. 560] übernommen. Die im Verlag W. Drugulin (Königstraße 10) erscheinende „Zeitschrift für Bücherfreunde“ war das Organ der Gesellschaft der Bibliophilen (Redaktion: Dr. Carl Schüddekopf in Weimar, Redaktion des Beiblatts: Prof. Dr. Georg Witkowski) [vgl. Leipziger Adreßbuch 1910, Teil IV, S. 168]. der Zeitschrift für Bücherfreunde
Leipzig.
W. Drugulinʼsche Offizin. |
Absender:
Frank Wedekind.
München, Prinzregentenstraße 50.