Sehr geehrter Herr Martens,
es freut mich, daß Sie mit meinem Programmdas von Wedekind für seine am 26.11.1897 in Leipzig (veranstaltet von der Literarischen Gesellschaft) zusammengestellte Programm, das er in seinem letzten Brief beschrieben und beigelegt hatte [vgl. Wedekind an Kurt Martens, 4.11.1897]. zufrieden sindHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Kurt Martens an Wedekind, 14.11.1897.. Erlauben
Sie mir heute nur einige Bemerkungen über die K. v. NeufudlWedekinds Tanzpantomime „Die Kaiserin von Neufundland“ (1897) sollte von der Literarische Gesellschaft in Leipzig uraufgeführt werden [vgl. Kurt Martens an Wedekind, 9.10.1897], was nicht zustande kam, „da der Musiker Hans Merian die gewünschten Kompositionen nicht lieferte“ [KSA 3/II, S. 794].. Wenn ich Zeit
gefunden hätte wäre ich schon einmal zu Ihnen hinübergekommenvon Dresden nach Leipzig. Nun
rechne ich darauf mich nach der Vorlesung einige Tage in Leipzig aufzuhalten.
Vorläufig nur folgendes zur Orientierung:
Ich hielte es für angezeigt auf die Scenerie keine besondere Sorgfalt zu verwenden, umsomehr | aber auf die Kostüme,
und auch hier nur auf wenige. Das wären Filissadie Titelfigur der Tanzpantomime: Ihre Majestät Filissa XXII., Kaiserin von Neufundland [vgl. KSA 3/I, S. 58]. HolthoffEugen Holthoff, „der stärkste Mann der Welt“ [KSA 3/I, S. 58], die männliche Hauptfigur in der Pantomime; sein Name geht auf den Artisten Ewald Lomberg zurück [vgl. Wedekind an Edmund Holthoff, 6.7.1910], der sich Holtoff nannte und den Wedekind am 21.12.1892 in Paris kennengelernt hatte: „Holtoff“, einer der „stärksten Männer der Welt […]. Holtoff setzt sich an unsern Tisch. Er ist ein schöner Mensch mit der einem starken Manne eigenen harmlos-selbstgefälligen Kindlichkeit.“ [Tb] Lea-GibaGraf Lea-Giba, „Ministerpräsident und Großschatzmeister“ [KSA 3/I, S. 58], der in der Tanzpantomime erstmals im 1. Bild, 3. Szene „als eleganter Kavalier von einer Dame gespielt“ [KSA 3/I, S. 63] aufritt. und die
beiden Pagen Raoul und Edward„Pagen“ [KSA 3/I, S. 58], über die es in der Tanzpantomime im 2. Bild, 1. Szene heißt: „Beide Pagen sind mit ausgesuchtester Eleganz und Delikatesse gekleidet.“ [KSA 3/I, S. 71]. Alles
übrige so grotesk und zugleich so einfach und b anspruchslos wie möglich. Die
eben erwähnten weiblichen FigurenGraf Lea-Giba und die Pagen Raoul und Edward (siehe oben). müßten durch distinguirten Geschmack wirken. Holthoff dürfte in seinem Kostüm nicht
lächerlich sein und erfordert deshalb einige Sorgfalt.
Bobin der Tanzpantomime im 1. Bild, 1. Szene eingeführt: „BOB, ein großer Hund Neufundländischer Rasse, mit treuen kummervollen, blutgeröteten Augen und starken hängenden Lefzen, folgt der Kaiserin Filissa gesenkten Hauptes mit schweren Schritten dicht auf den Fersen.“ [KSA 3/I, S. 60], den Hund, würde ich weglassen.
Die lebenden Kandellaberin der Tanzpantomime im 2. Bild, 1. Szene: „Das Gemach ist erhellt durch sechs LEBENDE KANDELABER, drei Paare, bestehend aus je einer männlichen und einer weiblichen Herme. Jede der Hermen trägt einen Helm mit drei elektrischen Glühlampen, zwei Glühlampen vor der Brust und eine mit einer dunkelroten Tulpe auf einem fackelähnlichen Stab“ [KSA 3/I, S. 70]. lassen sich entweder ganz
eliminiren, oder was auf einer kleinen Bühne das Beste wäre, auf zwei reducieren, | die zu beiden Seiten des Lagers stehen.
Der Automobilwagenin der Tanzpantomime im 1. Bild, 5. Szene: „EIN ZWEISITZIGER AUTOMOBILWAGEN mit emporgeschlagenem Kutschendach kommt, stark rauchend, in den Saal gefahren, macht dreimal die Runde, hält vor dem Thron und pfeift, während sich der eiserne Schornstein mehrmals nach vorn senkt. [...] ALWA EDISON klappt das Kutschendach herunter und steigt in elegantester Soireetoilette mit weitausgeschnittener Weste aus dem Wagen. EIN NEGER, der den anderen Platz im Automobilwagen innehat, dirigiert denselben nach rückwärts.“ [KSA 3/I, S. 65] ist als eine primitive Maschine gedacht, wie Sie aus beiliegender Skizze ersehen wollen. Ich würde ihn
der Einfachheit wegen nur für eine Person einrichten.
Nun aber die Hauptsache, die Composition, und
dazu möchte ich Sie ersuchen mich mit Herrn MerianHans Merian, Schriftsteller und Verlagsbuchhändler in Leipzig (Thalstraße 21) [vgl. Leipziger Adreß-Buch für 1898, Teil I, S. 574], Chefredakteur der Zeitschrift „Die Gesellschaft“ [vgl. Deutscher Litteratur-Kalender auf das Jahr 1897, Teil II, Sp. 865], außerdem Komponist, der die Musik für die Tanzpantomime „Die Kaiserin von Neufundland“ komponieren oder jedenfalls einrichten sollte, was nicht geschah (siehe oben). in Beziehung zu setzen,
indem Sie ihm vielleicht diese Zeilen vorlegen. Ich weiß zur Genüge daß ein
Componiren der Pantomime in der kurzen Zeit auch für den geübtesten Musiker
nicht möglich ist. Es handelte sich also um ein Arrangement, um ein
Zusammenstellen geeigneter Musikstücke | und da würde ich mit dem/n/
schwierigsten Partien anfangen, um die einzelnen Stücke nachher nur noch durch
beliebige Tanztempi zu verbinden.
Das Problematischste wäre natürlich das Kraftmotivdas musikalische Hauptmotiv in der Tanzpantomime, über das es im 3. Bild, 3. Szene heißt: „Die Musik spielt das Kraftmotiv aus dem ersten und zweiten Bild in vollkommener Zerrüttung und wüster Auflösung.“ [KSA 3/I, S. 89].
Dazu schwebte mir von Anfang an ein Beethofvenscher Walzer
vor, der „Schmerzenswalzerein Walzer in f-moll, der nicht von Ludwig van Beethoven stammt; der „fälschlicherweise Beethoven zugeschriebene ‚Schmerzenswalzer‘ [...] genoß bereits damals Popularität.“ [KSA 3/II, S. 755] Er wurde „1829 zusammen mit [...] anderen Stücken unter dem Titel ‚Souvenir à Beethoven‘ veröffentlicht“ [KSA 3/II, S. 755]. Die Noten – Wedekind legte dem Brief handschriftliche Noten bei (siehe die Beilagen 1 und 2) – finden sich etwa als einer der „Walzer für Pianoforte“ unter dem Titel „Nr. 2. Schmerzenswalzer“ in einem mit Partituren versehenen Verzeichnis mit dem Hinweis „erschien als eine Composition von Beethoven i.J. 1826 bei Schott’s Söhnen in Mainz und bei Bachmann in Hannover.“ [G. Nottebohm: Thematisches Verzeichniss der im Druck erschienenen Werke von Ludwig van Beethoven. 2. Aufl. Leipzig 1868, S. 190f.]“, dessen erste paar Tacte ich Ihnen hier aus einer
alten Abschrift beilege. Die Fortsetzung habe ich nicht mehr, habe sie aber aus
dem Gedächtniß zu skizziren versucht. Dieser Walzer müßte Akt 1. Scene 6. angedeutet
werden, Act 2. Scene 1 und undSchreibversehen, statt: und. Akt 2. Scene 2 sich nach und nach vervollkommnen und bei dem 400 ℔ Gewicht vollendet
gespielt werden, dann bei dem 2000 Kg-Gewicht eine Variation ins Wagnerschenach der Manier von Richard Wagners Kompositionen. und
im dritten Act eine | schwache, zerrüttete Wiedergabe davon erfolgen.
Der große NapoleonFigur in der Tanzpantomime [KSA 3/I, S. 58], eingeführt im 1. Bild, 4. Szene: „Tusch, Fanfaren, kriegerische Musik. DER GROSSE NAPOLEON tritt mit decidiertem Schritt [...] ein“ [KSA 3/I, S. 63], eine Persiflage auf Napoleon Bonaparte. würde natürlich mit von der Marseillaiseder Chant de guerre pour l’armée du Rhin, das berühmte französische Revolutionslied, 1792 von Claude Joseph Rouget de Lisle in Straßburg komponiert, „von den Marseiller Föderierten bei ihrem Einzug in Paris gesungen“ [KSA 3/II, S. 789], 1795 zur französischen Nationalhymne deklariert, nach zwischenzeitlichem Verbot dann wieder ab 1879. g/b/egleitet, vielleicht
übergehend zum Schluß in „Oh du lieber Augustinpopuläres Volkslied, entstanden in Wien im 18. Jahrhundert.[“].
Alwa AdisonFigur in der Tanzpantomime [KSA 3/I, S. 58], nach dem amerikanischen Erfinder Thomas Alwa Edison, dessen Name im 19. Jahrhundert „zum Mythos für den Ingenieur und Erfinder“ [KSA 3/II, S. 785] wurde. Wedekind legte dem Brief eine „Zeichnung zum dampfgetriebenen Automobil von ‚Alva Adison‘“ [KSA 3/I, S. 798] bei (siehe Beilage 3). Yankee-Doodle.
2. Act II Scene nach Pustekohls TodHeinrich Tarquinius Pustekohl, „Poeta Laureatus“ [KSA 3/I, S. 58], erdolcht sich in der Tanzpantomime im 2. Bild, 3. Szene (nicht 2. Szene): „HOLTHOFF ist eben im Begriff, ihn hochzuheben, als PUSTEKOHL seinen langen Dolch aus dem Busen zieht und ihn sich ins Herz stößt. Er verblutet zu Füßen der Kaiserin“ [KSA 3/I, S. 79]. natürlich ein
Trauermarsch.
Es liegt mir sehr fern, Herrn Merian irgend welche Weisungen ertheilen
zu wollen, falls er die Güte hätte, die Musik zu arrangiren, wofür ich ihm sehr
zu Dank verbunden wäre. Ich erlaube mir diese Bemerkungen nur, damit der
Componist seine Aufgabe nicht zu schwer | auffaßt, denn
dann wäre sie meinem Ermessen nach in der kurzen Zeit nicht zu lösen. Zur
Ausführung der Musik würde ich vorschlagen: Klavier und einige
Schlaginstrumente, Pauke Cymbeln„Zimbeln“ [KSA 3/I, S. 67]: „Kleine Becken“ [KSA 3/II, S. 792]. und Triangel.
Wollen Sie mich bitte Herrn Merian bestens empfehlen, ebenso Herrn Dr. HeineDr. phil. Carl Heine in Leipzig (Lampestraße 3), Direktor und Regisseur des Theaters der Literarischen Gesellschaft [vgl. Neuer Theater-Almanach 1898, S. 435]., dem ich Sie gleichfalls bitte, meine Ideen mittheilen zu wollen, beides
nur um eine detaillirtere Verständigung gelegentlich des Vortragsabends um so
rascher möglich zu machen
Ihnen, geehrter Herr Martens, danke ich bestens für Ihre Bemühungen |
und für das Interesse, das Sie der Sache entgegenbringen und bin in vorzüglichster
Hochschätzung
Ihr
Frank Wedekind.
Dresden 15.11.97. Walpurgisstr. 14 II.
[Beilage 1:
Notenblatt]
Walzer No II.
Schmerzenswalzer
von
L. van Beethoven.
[Partitur]
[Beilage 2:
Notenblatt]
[Partitur, durchgestrichen]
Fortsetzung v. Schmerzenswalzer.
[Partitur]
[Beilage 3:
Zeichnung mit Beschriftung]
[Zeichnung]
ALVA ADISON