Kennung: 1161

Wien, 23. November 1905 (Donnerstag), Brief

Autor*in

  • Vögelhuber, Mizzi

Adressat*in

  • Wedekind, Frank

Inhalt

Wien 23 Novbr 905


Lieber Herr Wedekind!

I bin di Mizzi Vögelhubernicht identifiziert; weder die vorgebliche Schreiberin des Briefs noch ihre Schwester Fanni (siehe unten) konnten ermittelt werden. Der Nachname Vögelhuber (häufiger: Vogelhuber, Voglhuber) ist zwar im süddeutsch-österreichischen Raum belegt (diese Mundart prägt verballhornt den Brief), in Wien nur Vogelhuber und Voglhuber [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1905, Teil VII, S. 1413f.], doch legt der bizarre Inhalt des vermutlich fingierten Briefs nahe, dass es sich, auch im vulgären Anklang an „vögeln“ = „begatten“ [DWB, Bd. 26, Sp. 432], um ein Pseudonym handelt – möglicherweise angeregt durch die Figur der resoluten Wirtin Josepha Vogelhuber aus dem populären Lustspiel „Im weißen Rößl“ (1898) von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg. & mei Schwester ist die Fanninicht identifiziert, vermutlich fingiert (siehe oben); der Name dürfte insofern eine anzügliche Anspielung sein auf die weibliche Hauptfigur in „Hidalla“, Fanny Kettler.. – Mir san Zwilling, e/I/, bin schwarzschwarzhaarig. und die Fanni is rothrothaarig.; mir san beide gut gstölltgut gestellt; hier im Sinne von: (körperlich) gut gebaut., jede hat a Stumpfnaserl & a GrüabelGrübchen. im Kinn Mir ham einen guten kleinen aber festen Busen, wie die Herzkirschen, zum hineinbeissen und das Futerl„FUT“ = „vulva“ [DWB, Bd. 4, Sp. 1060].! na i sag nix weiter! Anschaun und Probiren! Mir lesen | jetzt in Wienin der Wiener Presse über die erfolgreiche Berliner „Hidalla“-Inszenierung am Kleinen Theater (Premiere: 26.9.1905) [vgl. KSA 6, S. 474-495, 551-562], die das Stück in umfangreichen Besprechungen verrissen hat; so wurde etwa über Karl Hetmanns Verein (siehe unten) geschrieben: „Für die schönen Männer und Frauen also besteht absolute Paarungspflicht. [...] Das alles klingt wie eine Posse“, sei aber nur „unfreiwillige Komik“ [Paul Goldmann: Berliner Theater. „Hidalla“ von Frank Wedekind. In: Neue Freie Presse, Nr. 14818, 22.11.1905, Morgenblatt, S. 1-4, hier S. 2]; oder es wurde der auch im vorliegenden Brief zitierte Dialog (siehe unten) zitiert und kommentiert: „In diesem Stücke kommt ein [...] Verein vor, der aus lauter schönen Menschen besteht und dessen Mitglieder, Männer und Weiber, sich verpflichten, einander keine erotische Gefälligkeit zu versagen. [...] Irgend ein Privatgelehrter erscheint plötzlich auf der Bildfläche, um im Redaktionsbureau der Reformer der Verfasserin einiger Aufsätze über Liebessklaverei seine Aufwartung zu machen. Mitten in philosophischen oder doch scheinphilosophischen Auseinandersetzungen erinnert er sich daran, daß er Mitglied des erwähnten Bundes ist, und verschafft sich Sicherheit darüber, einer Bundesgenossin gegenüberzustehen. Sofort tritt er unvermittelt an die Schöne heran und fragt sie leise: ‚Wann bist du mein?‘ Sie haucht: ‚Wann du willst.‘ – ‚Heute Abend noch?‘ – ‚Ja.‘ [...] Diese geflüsterte Episode wurde eine Pein für die Schauspieler und zu einer Qual für das doch ziemlich abgebrühte Publikum des Kleinen Theaters.“ [Alfred Klaar: Das Anstößige auf der Szene. In: Neues Wiener Tagblatt, Jg. 39, Nr. 288, 18.10.1905, S. 1-4, hier S. 2] so viel von Ihrer neichenneuen. Zucht-AnstaltIn Wedekinds Schauspiel „Hidalla“ (1904) wird der missgestaltete Philosoph Karl Hetmann, die Hauptfigur des Stücks, im 1. Akt als „Sekretär des Internationalen Vereins zur Züchtung von – Rassemenschen“ [KSA 6, S. 54] vorgestellt, in den nur Menschen von besonderer Schönheit als Mitglieder aufgenommen werden.Hidalla“. JessasJesus; im süddeutschen Sprachraum Ausruf des Erstaunens., Jessa’s das wär was für uns; aber zwa gute Hengsten müßten mir uns ausbitten.

Wann bist du meinZitat aus dem den 2. Akt von „Hidalla“ (Dialog zwischen Walo Freiherr von Brühl und Fanny Kettler): „V. BRÜHL Wann bist du mein? FANNY Wann du willst. V. BRÜHL Heute abend noch? FANNY Ja.“ [KSA 6, S. 67].“ „„Wann Du willst““ „Heute Abend’s noch“ „„Ja““ „Und wie oftkein Zitat; hinzu erfunden, um das sexuell Anzügliche zu betonen.“ ............! –

Wir mechtenmöchten. sehr bitten, bei Herrn HetmannKarl Hetmann, die männliche Hauptfigur in „Hidalla“ (siehe oben). das gute Wort einzulegen, dass mir kenntenkönnten. Mitglieder von den neichen Vereinder ‚Verein zur Züchtung von Rassemenschen‘ (siehe oben). werden. Wir werden gut & brav sein & gewiss fleißig arbeiten! – Leben’s wohl, Antwort Post restantposte restante (frz.) postlagernd. VII. BezirkNeubau, der 7. Gemeindebezirk der Stadt Wien.

Mizzi

Einzelstellenkommentare

Materialität des Dokuments

Bestehend aus 1 Blatt, davon 1 Seite beschrieben

Schrift:
Mischschrift (Kurrent und lateinische Schrift).
Schreibwerkzeuge:
Feder. Tinte.
Schriftträger:
Papier. 10,5 x 17 cm. Gelocht.
Schreibraum:
Im Hochformat beschrieben.

Datum, Schreibort und Zustellweg

  • Schreibort

    Wien
    23. November 1905 (Donnerstag)
    Sicher

  • Absendeort

    Wien
    Datum unbekannt

  • Empfangsort

    Berlin
    Datum unbekannt

Informationen zum Standort

Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

Maria-Theresia-Straße 23
81675 München
Deutschland
+49 (0)89 419472 13

Informationen zum Bestand

Name des Bestandes:
Nachlass Frank Wedekind
Signatur des Dokuments:
FW B 189
Standort:
Münchner Stadtbibliothek / Monacensia (München)

Danksagung

Wir danken der Münchner Stadtbibliothek / Monacensia für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe des Korrespondenzstücks.

Zitierempfehlung

Mizzi Vögelhuber an Frank Wedekind, 23.11.1905. Frank Wedekinds Korrespondenz digital. https://briefedition.wedekind.fernuni-hagen.de (03.04.2025).

Status der Bearbeitung

In Bearbeitung
Zum Prüfen bereit
Freigegeben

Erstellt von

Mirko Nottscheid

Überarbeitet von

Ariane Martin

Zuletzt aktualisiert

02.03.2025 15:40