München den 20. Juli 1899
Mein lieber alter Frank!
Endlich, endlich komme ich dazu, Dir ein Lebenszeichen zu geben, – das erste seit meiner Rückkehr von ItalienWedekinds Freund hatte sich am Gardasee aufgehalten [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 22.5.1899].. Ich habe jeden Tag an Dich gedacht und wurde sogar einmal gewaltsam an Dich erinnert, u. zwar durch das Erscheinen eines PolizeicommissärsWann genau der Polizeikommissar Wedekinds Freund im Zuge der Strafverfolgung in der „Simplicissimus“-Affäre (siehe unten) in München aufsuchte, ist unklar., der mich einem Verhör unterstellte. Er wollte einige Details über das Schicksal Deiner KofferWedekind hatte den Freund nach darin befindlichen Briefen gefragt [vgl. Wedekind an Hans Richard Weinhöppel, 22.5.1899]. erfahren, und | ich sagte ihm wahrheitsgetreu, daß ein Koffer und eine Kiste einige Zeit in meinem Zimmer uneröffnet lagerten, bis sie in demselben Zustande von einem Expreßcompagniemannein Mann von der Expreß-Compagnie in München (Fürstenfelderstraße 18) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Handels- und Gewerbe-Adreßbuch, S. 72], die dortige Niederlassung des 1864 in Dresden gegründeten Verbands der Dienstmann- und Packträger-Institute, die im Auftrag von Frida Strindberg den Versand von Wedekinds nach seiner Flucht in die Schweiz am 30.10.1898 in München hinterlassenem Gepäck übernahm. (oder ähnliches Institut) abgeholt wurden (er brachte einen ZettelDer Zettel von Frida Strindberg an Hans Richard Weinhöppel ist nicht überliefert. von Frida, in dem S/s/ie mich bat, dem Überbringer sofort besagte Effekten„Effekten (franz. effets), Habseligkeiten, Besitz an beweglichen Gütern, oder was jemand auf Reisen zu seinem Gebrauch mit sich führt“ [Meyers Konversations-Lexikon. 5. Aufl. Bd. 5. Leipzig, Wien 1894, S. 397]. zu überlassen) – und daß sie dann durch Frida oder Deinen Bruder zu Dir in die Schweiz geschickt wurden.
Ich wurde ferner einiges über Deine Persönlichkeit gefragt | und erklärte mich bereit, eidlich zu erhärten, daß ich Dich weder für einen Sozialisten, Niehilisten, Anarchisten, noch auch für einen persönlichen Feind oder Widersacher des deutschen Kaisers halte. (Und ich glaube es giebt niemand auf dieser Welt, der das von Dir behaupten könne)
Ich behauptete ferner, daß alles, was Du geschriebenWedekind hatte für den „Simplicissimus“ Gedichte geschrieben, seine nicht aus Überzeugung geschriebenen „politischen Lieder“ [Wedekind an Beate Heine, 12.11.1898], darunter die Wilhelm II. verspottenden satirischen Gedichte „Im heiligen Land“ und „Meerfahrt“, die ihm den Haftbefehl wegen Majestätsbeleidigung eintrugen [vgl. KSA 1/II, S. 1710]. in politischer Hinsicht, „der Noth gehorchendZitat des ersten Verses aus Friedrich Schillers Trauerspiel „Die Braut von Messina oder die feindlichen Brüder“ (1803): „Der Noth gehorchend, nicht dem eignen Trieb“ (zugleich ein geflügeltes Wort)., nicht dem eignen Triebe“ entstanden sei. –
Ich habe versucht, mich über die Art und Weise zu infor|mieren, wie Du als UntersuchungsgefangenerWedekind saß seit dem 2.6.1899 in Untersuchungshaft im Gefängnis in Leipzig; die Presse hatte gemeldet: „Der s.[einer] Z.[eit] in die ‚Simplicissimus‘-Affäre verwickelte, wegen Majestätsbeleidigung verfolgte und flüchtig gewordene Franklin Wedekind hat sich heute Abend, direct aus Paris kommend, der hiesigen Polizeibehörde freiwillig gestellt.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 93, Nr. 277, 3.6.1899, Morgen-Ausgabe, 1. Beilage, S. 4365] behandelt wirst, und nicht gerade das Erfreulichste gehört.
Dies thut mir in der Seele, und wenn es Dir ein kleiner Trost ist, sage ich Dir, daß ich mit Dir leide.
Du hast im Leben schlimmes genug ertragen, möge dies Jahrhundert all das verschlingen und eine neue, wirklich eine neue Zeit für uns beide heranbrechen.
Schön ist’s, als Märtyrer zu leiden, zu sterben, vielleicht, aber gräßlich muß es sein, für etwas | zu büßen, was man nicht mit seinem ganzen Wollen, mit seiner ganzen Überzeugung ausgesprochen hat. –
Wahrlich, manchmal überkommt’s mich, als müßt’ ich für einen guten Ausgang zu Gott beten, – verzeih’ die Sentimentalität, aber Du weißt wie sehr uns unser Leben, und unser Künstlertum genähret und verknüpft hat. –
Bitter laß mich umgehend hören wie Dir’s geht. Du darfst mir doch schreiben? | Oder sollten Dir diese Zeilen vorenthalten sein? Laß mich wenigstens durch ein paar Zeilen wissen, ob Du diesen Brief erhalten hast. Das darfst Du doch? –
– Ich habe momentan viel zu thun, bin den ganzen Tag beschäftigt, und versuche in dieser Fluth für die Ebbe vergangener Tage einzuholen.
Zum componieren komme ich fast | gar nicht.
Bitte schreib mir auch, ob ich irgend etwas für Dich thun kann. Brauchst Du Lectüre, Geld – alles was ich für Dich thun kann: mit vollem Herzen.
Max Halbe lebt mit Familie am StarnbergerseeMax Halbe und seine Familie wohnten im Landhaus des Schriftstellers Karl Tanera in Bernried bei Starnberg: „Den Sommer dieses Jahres 1899 verbrachte ich mit meiner Familie in Bernried am Starnberger See. [...] Ein Kreis von Freunden hatte sich uns angeschlossen. [...] Da war Karl Rößler [...], Julius Schaumberger [...] Heinz Kunolt [...] Irene Triesch [...] Lovis Corinth. [...] Wie wohnten im Taneraschen Hause (eines bekannten Jugendschriftstellers jener Tage). Unter uns wohnte Paul Cassirer [...], über uns Korfiz Holm und noch etwas höher hinauf Kurt Aram.“ [Halbe 1935, S. 266f.] (Bernried) – Die Andern sehe ich äußerst selten. – München gleicht zur Zeit litterarisch und musikalisch einem großen Saal nach einer RedouteBall, Tanzveranstaltung., ein ödes trauriges Bild. | Was wir nicht in uns selbst finden: außerhalb dürft’ es doppelt schwer fallen.
Lebewohl, mein Freund. Es drückt Dir herzlich die Hand
Dein
getreuer
Richard
P. S. Verzeih’ die Flüchtigkeit meiner Zeilen, ich bin überreizt und müde zugleich.
R.