Kennung: 100

Berlin, 16. April 1902 (Mittwoch), Bildpostkarte

Autor*in

  • Ganske, Willy

Koautoren*in

  • Wedekind, Donald (Doda)

Adressat*in

  • Wedekind, Frank

Inhalt

CARTE POSTALE


Herrn Frank Wedekind
dem einzigen CabaretmenschenWedekind war prominentes Mitglied des erfolgreichen Münchner Kabaretts Die Elf Scharfrichter. Am 5.5.1902 traf er in Berlin zu einem Gastspiel an Ernst von Wolzogens Buntem Theater (Überbrettl) ein [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 7.5.1902]..
in Allemagne(frz.) Deutschland.
München
42. Franz-Josefstraße.
Bavière(frz.) Bayern. |


Mille bons souhaits


Verehrtester! Sie werden nun sogar in die Wochenals Redewendung formuliert (‚in die Wochen kommen‘ = ‚niederkommen‘, ‚im Kindbett liegen‘) in Anspielung darauf, dass über Frank Wedekind nun wohl auch in der populären illustrierten Zeitschrift „Die Woche“ (Berlin) berichtet werde. Anlass dazu gab vermutlich die Ankündigung eines Gastspiels der Elf Scharfrichter im Berliner Künstlerhaus vom 10. bis 16.4.1902 [vgl. Der Tag, Nr. 134, 20.3.1902, Abend-Ausgabe, S. (3)]. Tatsächlich wurde Wedekind allerdings erst anlässlich der Berliner „Erdgeist“-Premiere am 17.12.1902 erwähnt; unter der Rubrik „Theater“ heißt es: „Das kleine Schall- und Rauch-Theater Unter den Linden will für sich und seine Schauspieler, Herrn Reicher und Frau Eysold, ganz offenbar eine Spezialität herausarbeiten. Es nimmt sich gern jener problematischen Stücke an, die mit artistischen Reizen anziehen und mit ihren Gefühlswerten manchen wieder abstoßen. So brachte Schall und Rauch Frank Wedekinds älteres Schauspiel, den ‚Erdgeist‘ (siehe Bild S. 2383); eigentlich eine Reihe von Scenen mit pessimistischem Grundgefühl. Der Erdgeist ist hier das ewig Weibische gleichsam, das uns niederzieht und besudelt.“ [Die Woche, Jg. 4, Nr. 52, 27.12.1902, S. 2372] Das ganzseitige Foto zeigt „Die Hauptscene des VI. Akts“. (A. Sch. G.m.b.H.Im Verlag August Scherl G.m.b.H. (Geschäftsleitung: August Scherl) in Berlin (Zimmerstraße 37-41) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1902, Teil I, S. 1471] erschien „Die Woche. Moderne illustrierte Zeitschrift“ (Zimmerstraße 37-41) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1902, Teil I, S. 1896], außerdem der „Berliner Lokal-Anzeiger“ sowie „Der Tag“; für alle drei Blätter war Willy Ganske als Journalist tätig.) kommen. Es ist mir eine Herzensfreude dass Terre-neuve(frz.) Neufundland. Gemeint ist Wedekinds Pantomime „Die Kaiserin von Neufundland“ (1897), die am 12.3.1902 in München bei den Elf Scharfrichtern mit Erfolg uraufgeführt wurde [vgl. KSA 3/II, S. 794f.]. endlich beim Mob Verständnis findet. Heil und Segen! Willy Ganske (den TagAktuell hatte die Berliner Tageszeitung „Der Tag“ in ihrer Unterhaltungsbeilage ein Bild der Schauspielerin Tilly Brandenburg, „Mitglied des Münchner Cabarets der elf Scharfrichter, als ‚Kaiserin von Neufundland‘ in Wedekinds gleichnamiger Pantomime“ [Der Tag, Nr. 169, 12.4.1902, S. (11)], gebracht und schrieb dazu: „Das Cabaret der elf Scharfrichter in München, deren Auftreten in Berlin durch die Censur leider vereitelt wurde, hat durch die Aufführung von Frank Wedekinds Pantomime ‚Die Kaiserin von Neufundland‘ die Oeffentlichkeit mit einem neuen bedeutenden Produkt von Wedekinds eigenartiger Muse bekannt gemacht. Josef Ruederer hat über die Aufführung bereits eingehend im ‚Tag‘ berichtet. Unter den durchweg vortrefflichen Darstellern ragt namentlich Tilly Brandenburg in der Titelrolle durch Spiel und äußere Erscheinung hervor.“ [ebd., S. (10)] Über das Cabaret der Elf Scharfrichter hatte die Zeitung unter der Überschrift „Münchner Überbrettl“ zuvor berichtet: „Augenblicklich erfreut es sich eines besonders wirksamen Zugstückes, einer Pantomime von Frank Wedekind, ‚Die Kaiserin von Neufundland‘ genannt. Es ist ein echter Wedekind, von ausgelassener Tollheit, cynisch bis zur Frechheit, ein Satyrspiel voller Phantasie und Laune, ein seltsames Gemisch von blühendem Humor und weltverachtendem Pessimismus. [...] von Tilly Brandenburg als Kaiserin und Heinrich Kunold als Athleten, so ausgezeichnet wiedergegeben, daß die Pantomime Abend für Abend stürmischen Beifall erntet.“ [Der Tag, Nr. 137, 22.3.1902, Morgen-Ausgabe, S. (2)] Bereits im Februar war eine positive Kritik der Münchner Uraufführung von Wedekinds „So ist das Leben“ am 22.2.1902 durch Josef Ruederer erschienen [vgl. Der Tag, Nr. 97, 27.2.1902, Erster Teil: Illustrierte Zeitung, S. (1)], für die Wedekind sich bei dem Rezensenten bedankte [vgl. Wedekind an Josef Ruederer, 2.3.1902]. haben Sie wohl gesehen?)


Lieber Frank! Tausend Dank für die Kartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 14.4.1902. Die Postkarte oder Bildpostkarte wurde von weiteren Personen unterschrieben, die nicht identifiziert sind. Hans Richard Weinhöppel dürfte darunter gewesen sein, da er in der vorliegenden Bildpostkarte erwähnt ist.. Grüße an/ll/e, die unterschrieben haben, recht herzlich. Demnächst erscheint ein neuer Bandvermutlich Donald Wedekinds Roman „Ultra montes“, der Anfang 1903 bei Costenoble in Berlin erschien [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 70, Nr. 43, 21.2.1903, S. 1483]. von mir. Sage Weinhoeppel, daß ich ihn nicht vergessen habe. Heil!
Donald

Ganske arbeitet für Dich

Einzelstellenkommentare

Materialität des Dokuments

Bestehend aus 1 Blatt, davon 2 Seiten beschrieben

Schrift:
Lateinische Schrift.
Schreibwerkzeuge:
Bleistift.
Schriftträger:
Papier. 14,5 x 9,5 cm.
Schreibraum:
Im Querformat beschrieben.
Sonstiges:
Die Bildseite zeigt am linken Rand die Zeichnung einer auf einem Podest sitzenden Dame in blauem Kleid mit gelben Armstutzen, die durch einen Strohhalm Seifenblasen bläst. Die Schreibrichtung des Mitteilungstextes wechselt mitten im Wort (in „vergessen“ um 90 Grad gedreht). Die Bildpostkarte ist mit einer aufgeklebten Briefmarke zu 5 Pfennig frankiert. Auf der Adressseite oben hat Wedekind mit roter Tinte das Datum „16.4.02.“ notiert.

Datum, Schreibort und Zustellweg

Das Datum des Postausgangsstempel - 16.4.1902 - kann als Schreibdatum angenommen werden.

Uhrzeit im Postausgangsstempel Berlin: „8 – 9 V“ (= 8 bis 9 Uhr). Uhrzeit im Zwischenstempel München nicht lesbar (nicht mehr auf dem Papier). Uhrzeit im Posteingangsstempel München: „Vor. 4 – 5“ (= 4 bis 5 Uhr).

Informationen zum Standort

Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

Maria-Theresia-Straße 23
81675 München
Deutschland
+49 (0)89 419472 13

Informationen zum Bestand

Name des Bestandes:
Nachlass Frank Wedekind
Signatur des Dokuments:
FW B 304
Standort:
Münchner Stadtbibliothek / Monacensia (München)

Danksagung

Wir danken der Münchner Stadtbibliothek / Monacensia für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe des Korrespondenzstücks.

Zitierempfehlung

Willy Ganske, Donald (Doda) Wedekind an Frank Wedekind, 16.4.1902. Frank Wedekinds Korrespondenz digital. https://briefedition.wedekind.fernuni-hagen.de (03.04.2025).

Status der Bearbeitung

In Bearbeitung
Zum Prüfen bereit
Freigegeben

Erstellt von

Tilman Fischer

Zuletzt aktualisiert

11.12.2024 14:52