Lieber Herr Bierbaum,
ich stecke noch bis ans Kinn in meinen
EinrichtungsgeschäftenWedekind war noch immer mit der Einrichtung seiner Wohnung in München (Franz Josephstraße 42, 2. Stock) beschäftigt. sonst wäre ich in den letzten Tagen zu Ihnen hinausOtto Julius Bierbaum wohnte in München (Gernerstraße 4, 1. Stock) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1901, Teil I, S. 50] etwas abseits vom Stadtzentrum in Nymphenburg.
gekommen. Darf ich mich bei Ihnen auf übermorgen, Sonntag zum Essen einladen?
Meine erste GuitarrenlectionWedekind sollte Otto Julius Bierbaums Cousine (siehe unten) offenbar Gitarrenunterricht geben. könnte sich unmittelbar daran anschließen. | Die
übrigen Lectionen würden dann rascher folgen. Wenn ich keine weitere Nachricht
von Ihnen erhalte, stelle ich mich Sonntag um 1 Uhram 16.9.1900 um 13 Uhr. auf alle Gefahr hin bei
Ihnen ein. Wenn es Ihnen nicht paßt, schreiben Sie mir vielleicht zwei Worte.
Wollen Sie Ihrer verehrten Fräulein Cousinevermutlich Dora Siegert, aus der Familie von Otto Julius Bierbaums Mutter Henriette Bierbaum (geb. Siegert) stammend, der die Gedichte „Das Mädchen am Teiche singt“ („Meiner lieben Base Dora Siegert zugeeignet“) und „Mit der Gugeline“ („An meine Base Dora Siegert“) gewidmet sind [vgl. Otto Julius Bierbaum: Irrgarten der Liebe. Verliebte, launenhafte und moralische Lieder, Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900. Berlin, Leipzig 1901, S. 17, 415]. meine ergebenste Empfehlung ausrichten
und mich der stattgehabten Verzögerung wegen bei der Dame zu entschuldigen
suchen. |
Mit herzlichen Grüßen
Ganz der Ihrige
Frank Wedekind.
14.IX.1900.