Lieber Frank!
Ich danke dir für deinen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Donald Wedekind, 5.2.1900., den du mir nach deiner
FreilassungFrank Wedekind war am 3.2.1900 aus der Haft auf der Festung Königstein entlassen worden, wo er wegen Majestätsbeleidigung seit dem 21.9.1899 inhaftiert war. gesandt; ich hatte damals schon die Vollmacht an den AdvokatenFür die gemeinsame Interessensvertretung in einer Erbschaftsangelegenheit hatte sich Frank Wedekind an seinen Schwager, den Juristen Walter Oschwald, gewandt [vgl. Frank Wedekind an Walther Oschwald, 20.1.1900], den auch Donald Wedekind bevollmächtigte. Wedekinds Tante Auguste Bansen, die jüngste Schwester seines Vaters, war am 15.12.1899 in Hannover kinderlos gestorben und „hinterließ ein reiches Erbe, das an ihre Nichten und Neffen fiel, pro Erbe und Erbin eine Summe von 5000 bis 6000 Mark“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 199]. Mit der Nachlassverwaltung war die Anwaltskanzlei von Hans Heiliger in Hannover (Georgenstraße 7) [vgl. Adreßbuch der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Hannover 1900, Teil I, S. 752] beauftragt. nach
Hannover geschickt und
konnte so deiner Weisung nicht nachkommen. Gegenwärtig handelt es sich | darum,
daß ich tausend Franken in die Hand bekomme und das aus folgenden Gründen.
Ich muß Zürich verlassen, da ich hier aus lauter Langeweile (du weißt aus eigner Erfahrung
wie es ist) unsinnig viel Geld verbrauche. Um aber abreisen zu können muß ich vorher 700 Franken
Schulden bezahlen; die ich gegen Re|çenunklar; möglicherweise Kurzform für (frz.) reconnaissance de dette = Schuldschein. eingegangen habe. Die übrigen 300 genügten als
Reisegeld und als erste Monatsrate, um in Mailand oder irgend einer andern italienischen Stadt mit Muße leben zu
können, vielleicht auch gar etwas Schriftstellerisches zu Stande zu bringen,
mit dem ich Ehre einlegen kann. Auf Letzters baue ich nicht so sehr, si|cher
aber ist, daß ich weniger Geld brauchen, vernünftiger leben werde, als in dem
Milieu hier, wo die
einzige Zerstreuung das Spiel ist. Du verstehst mich. Schreibe mir, bitte sei
so gut, ob du etwas tun kannst, ob du dich vielleicht mit Walther Oschwald in Verbindung
setzen willst, der auf | irgendwelchen derartigen Vorschlag, so ich ihn direkt
ihm mache, niemals eingehen wird und antworte mir möglichst schnell. Mit Liebe Dein Bruder
Donald
Zürich 24. März 1900
1. Bahnhofplatz