Briefwechsel

Wedekind, Frank und Kraus, Karl

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Paris, 30. Dezember 1892 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

[Hinweis von Karl Kraus (Kraus 1920, S. 101):]


Die Beziehung zu Frank Wedekind reicht bis in das Jahr 1892, wo er für eine damals geplante Satiren-AnthologieDie von Karl Kraus und „seinem Schulfreund Anton Lindner“ [Nottscheid 2008, S. 224] geplante Anthologie kam nicht zustande. Sie war mit einem Aufruf zur Einsendung von Beiträgen in der Zeitschrift „Die Gesellschaft“ (Leipzig) angekündigt: „Und so treten wir zwei mit der Idee vor die Öffentlichkeit, durch eine Anthologie unser Scherflein zur Verbreitung moderner Litteraturbestrebungen beizutragen. [...] wir wollen eine Anthologie von Satiren veranstalten. [...] Wir glauben, daß es eine ganze Reihe wirklicher Satiriker giebt, die nur leider nicht bekannt werden, weil sie den Fehler haben, jung zu sein und zu den berüchtigten ‚Jüngsten‘ zu gehören, die der Philister nicht kennen will, weil sie zumeist ihre Begabung dazu benutzen, den Philister zu geißeln: Detlev von Liliencron, Otto Erich Hartleben, Hans Merian, Otto Ernst, Frank Wedekind und viele andere. [...] Ungedruckte wie veröffentlichte Arbeiten sende man an Karl Kraus, Wien I, Maximilianstraße 13 I, oder an Anton Lindner, Wien I, Habsburgergasse 1 II.“ [Eine Satireanthologie. In: Die Gesellschaft, Jg. 9, Heft 1, Januar 1893, S. 136] das Manuskript „Die Hunde“ sandte.

Einzelstellenkommentare

München, 18. Februar 1903 (Mittwoch)
von Holitscher, Arthur, Du Moulin-Eckart, Richard, Dannegger, Adolf, Holm, Korfiz, Wedekind, Frank, Lind, Emil und Keyserling, Eduard von
an Kraus, Karl

POST-KARTE.


An
Herrn Karl Kraus.
die Fackel
in Wien IV.
Schwindgasse 3. |


GRUSS
aus
CAFE-RESTAURANT HOFTHEATER
München.


Lieber Karl Kraus, wenn Sie noch ein Zipfel vom KarnevalDer ausschweifend gefeierte Münchner Karneval war am 25.2.1903 (Aschermittwoch) vorbei. erwischen wollen, müssen Sie sich beeilen. Herzlich Ihr
Holitscher.

Aber später dürfen Sie auch kommen.


E v Keyserling

R. Du Moulin Danneger.

Korfiz Holm

Ergebensten Gruss Wedekind. freundl. Grüße von Emil Lind, an den Sie sich vielleicht noch erinnern.

Einzelstellenkommentare

München, 12. März 1903 (Donnerstag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

Karl Kraus
Herausgeber der „Fackel


Wien
IV., Schwindgasse 3Karl Kraus ist unter dieser Adresse als Schriftsteller und Herausgeber der „Fackel“ in Wien (IV, Schwindgasse 3) verzeichnet [vgl. Lehmann’s Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1903, Teil VII, S. 643]..

Einzelstellenkommentare

München, 29. September 1903 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Sehr geehrter Herr Kraus,

beiliegendDie dem Brief beigelegten Manuskripte der Gedichte „Abschied“ und „Trost“ (siehe unten) sind nicht überliefert. sende ich Ihnen zwei Gedichte, die Ihnen vielleicht zu kokett erscheinen, wenigstens zur VeröffentlichungWedekinds Gedichte „Abschied“ [KSA 1/I, S. 527f.] und „Trost“ [KSA 1/I, S. 528] waren seine ersten in der Zeitschrift „Die Fackel“ gedruckten Beiträge [vgl. Frank Wedekind: Zwei Gedichte. In: Die Fackel, Jg. 5, Nr. 143, 6.10.1903, S. 26-27], die dort beide im Erstdruck [vgl. KSA 1/I, S. 870; KSA 1/II, S. 2095] mit einer redaktionellen Anmerkung des Herausgebers Karl Kraus in der Fußnote erschienen sind: „Die ‚Fackel‘ will öfter, als sie’s bisher tat, dem literarischen Ausdruck starker, dem Philisterverständnis unbequemer und durch Cliquengunst nicht entwerteter Persönlichkeiten ein Plätzchen gönnen. Nach Peter Altenberg, der zu Wedekind’s ‚Erdgeist‘ das Wort ergriff, stellt sich Frank Wedekind selbst mit zwei Gedichten ein. Auf zahlreiche Anfragen sei hier mitgeteilt, daß die gewaltige Hetärentragödie dieses merkwürdigsten unter den deutschen Modernen: ‚Die Büchse der Pandora‘, auf die ich in Nr. 142 hinwies, in der Zeitschrift ‚Die Insel‘ Juli 1902 gedruckt wurde und demnächst als Buch erscheinen soll“ [Die Fackel, Jg. 5, Nr. 143, 6.10.1903, S. 26].. Aber ich habe nichts anderes und werde es Ihnen auch bei Leibeim Erstdruck: beileibe. nicht übel nehmen, wenn sie Ihnen für die „Fackel“ nicht zusagen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß mir Ihre BesprechungKarl Kraus hatte Wedekind anlässlich eines Wiener Gastspiels von Max Reinhardts Berliner „Erdgeist“-Inszenierung im Sommer 1903 gegen die ablehnende Kritik an den beiden „Lulu“-Tragödien „Der Erdgeist“ und die „Die Büchse der Pandora“ in einer unbetitelte Glosse verteidigt, die mit den Worten eröffnet: „Die Frage, wer das dümmste Feuilleton über den ‚Erdgeist‘ geschrieben hat, ist schwer zu beantworten. Herzl und Burckhard kommen in die engere Wahl.“ [Die Fackel, Jg. 5, Nr. 142, Ende Juni 1903, S. 15-18, hier S. 14] Dabei hebt er hervor, „Die Büchse der Pandora“ übertreffe den „Erdgeist“ nicht nur an „dramatischer Kunst und Kühnheit“, sie mache ihn auch „erst verständlich“ [ebd.]. Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ lag im Vorabdruck im Juli 1902 in der Zeitschrift „Die Insel“ mitsamt einem Sonderdruck vor [vgl. KSA 3/II, S. 869f.] – die Buchausgabe im Verlag Bruno Cassirer war erst im Herbst 1903 für „Anfang November“ [Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 70, Nr. 249, 26.10.1903, S. 8522] angekündigt. der | „Büchse d. Pim Erstdruck: P. (mit Punkt).“ eine große Freude war, für die ich Sie bitte den Ausdruck meines aufrichtigsten Dankes entgegenzunehmen. Augenblicklich laboriere ich an einer ArbeitWedekind hatte „eine neue Arbeit begonnen“ [Wedekind an Albert Langen, 1.9.1903], die er als ein Roman-Projekt mit dem Titel „Fanny Kettler“ bezeichnete, das mit dieser „Terminarbeit“ [Wedekind an Felix Salten, 19.9.1903] gemeint sein könnte, oder aber das im selben Werkzusammenhang stehende Dramen-Projekt „Hidalla“ [vgl. KSA 6, S. 368-370, 373-376], dessen weibliche Hauptfigur Fanny Kettler heißt [vgl. KSA 6, S. 41]. Wedekind gab später im Kuvert „Was ich mir dabei dachte“ (1911/12) als Entstehungszeit für „Hidalla“ an: „Geschrieben Juli 1903 bis Februar 1904.“ [KSA 6, S. 373], die laut Contractim Erstdruck: Kontrakt. – Der Vertrag ist nicht überliefert. bis 1. December im Erstdruck: Dezember.fertig werden soll und die es mir daher nicht erlaubt, große Seitensprünge zu machen, sonst wäre ich wolim Erstdruck: wohl. imstande gewesen, Ihnen etwas besseres zu schicken. Ich hoffe aber, daß Sie an meinem guten Willen nicht zweifeln werden.

Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


29. Sept. 03.

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München, 15. Oktober 1903 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Carte postale
Postkarte - Cartolina postale


Herrn Karl Kraus
Wien
IV. Schwindgasse 3. |


Besten Dank für übersantesSchreibversehen, statt: übersandtes. Honorarfür den Abdruck von Wedekinds Gedichten „Abschied“ und „Trost“ in der „Fackel“ [Jg. 5, Nr. 143, 6.10.1903, S. 26f.].. ‒

Herzliche Grüße
Frank Wedekind.

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Wien, 11. November 1903 (Mittwoch)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 13.11.1903 aus München):]


Ich dancke Ihnen herzlichst für Ihre liebenswürdige Theilnahme.

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München, 13. November 1903 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Lieber Herr
GrausSchreibversehen, statt: Kraus. – Karl Kraus hat die Korrektur mit Bleistift vermerkt; im Erstdruck ausgeführt.

Ich danckeSchreibversehen, statt: danke. – Die Korrektur ist im Erstdruck ausgeführt. Ihnen herzlichst für Ihre liebenswürdige TheilnahmeHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Wedekind, 11.11.1903.. Meinem Empfinden nach gethSchreibversehen, statt: geht. – Karl Kraus hat die Korrektur mit Bleistift vermerkt; im Erstdruck ausgeführt. es mir soweit ganz gutWedekind lag etwa seit dem 8.11.1903 für „zehn Tage zu Bett“ mit einer „Lungenentzündung“ [Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 3.12.1903], wie die Presse in Wien meldete: „Aus München wird berichtet: Frank Wedekind liegt seit drei Tagen an Lungenentzündung nicht unbedenklich krank darnieder.“ [Erkrankung Frank Wedekinds. In: Neue Freie Presse, Nr. 14084, 11.11.1903, Morgenblatt, S. 6] Durch Max Halbe ist der Verlauf der Lungenentzündung dokumentiert, die Wedekind sich bei einem Gastspiel in Nürnberg (31.10.1903 bis 5.11.1903) zugezogen hatte. Er notierte am 8.11.1903: „Erhalte gleich nach dem Aufstehen Brf. von Wedekind, daß er mich noch einmal sehen will, bin sehr bestürzt, finde ihn in sehr schlechtem Zustand. Bildet sich ein, er habe Aneurisma und müsse heute sterben. Ich suche es auszureden. Arzt kommt u. diagnostiziert Lungenentzündung“ [Tb Halbe], am 12.11.1903: „Wedekind auf dem Wege der Besserung“ [Tb Halbe], am 17.11.1903: „Wedek. fieberfrei, aber schlechter Laune“ [Tb Halbe] und am 19.11.1903 (Halbe war im Begriff, in Richtung Berlin aufzubrechen): „besuche vor der Abfahrt noch Wedek., der aufgestanden“ [Tb Halbe]., aber der ArtztSchreibversehen, statt: Arzt. – Karl Kraus hat die Korrektur mit Bleistift vermerkt; im Erstdruck ausgeführt. Wedekind dürfte von seinem Hausarzt, dem praktischen Arzt Dr. med. Johannes Hauschildt (Schackstraße 6) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1904, Teil I, S. 248], behandelt worden sein, der auch zum Bekanntenkreis Max Halbes gehörte – laut der Notiz vom 17.11.1903 „besuche Hauschild, dessen Geburtstag heute“ [Tb Halbe]. macht Troz demSchreibversehen, statt: trotzdem. – Die Korrektur ist im Erstdruck ausgeführt. noch ein ernstes Gesicht. OfenbarSchreibversehen, statt: Offenbar. – Karl Kraus hat die Korrektur mit Bleistift vermerkt; im Erstdruck ausgeführt. lästSchreibversehen, statt: läßt. – Die Korrektur ist im Erstdruck ausgeführt. sich noch nichts bestimmtes sagen.

Mit freundlichsten Grüssenim Erstdruck: Grüßen. Ihr
Frank Wedekind.

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Wien, 23. Februar 1904 (Dienstag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 24.2.1904 aus München:]


Besten Dank für Ihre liebenswürdigen Zeilen.


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München, 24. Februar 1904 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Sehr geehrter Herr Kraus!

Besten Dank für Ihre liebenswürdigen Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Wedekind, 23.2.1904.. Ich ersuche Sie denim Erstdruck: Sie, den. geehrten Damen des FrauenclubsPräsidentin des Neuen Frauenklubs war Helene Forsmann, die weiteren Vorstandsmitglieder Nini von Fürth, Karoline Gronemann, Yella Hertzka (Schriftfühererin), Hertha Jäger, Dr. med. Lucia Morawitz und Clara Müller (Klubleiterin). Der Neue Frauenklub (Wien I, Tuchlauben 11), der Vorträge und Lesungen veranstaltete und in seinem Klubhaus über einen Vortragssaal verfügte, war am 29.10.1903 gegründet und am 18.11.1903 eröffnet worden, unter anderem mit den Ziel, „Gelegenheit zu geistiger Anregung“ zu geben und nicht zuletzt „Zentralisierung aller ernsten Frauenbestrebungen“ [Erster Jahresbericht des „Neuen Frauenklub“ 1903-1904. Wien (1904), S. 3]. Die Presse hatte über die Eröffnung berichtet: „Die Präsidentin Helene Forsmann begrüßte die Damen, die sich überaus zahlreich eingefunden hatten, und sprach sodann von den Zielen des Klubs, die nicht nur geselliger, sondern auch kultureller Natur seien. [...] Die Leitung des Neuen Frauenklubs, der [...] heute schon ungefähr 150 Mitglieder zählt, besteht aus den Damen: Helene Forsmann, Nini v. Fürth, Karoline Gronemann, Yella Hertzka, Hertha Jäger, Dr. Lucie Morawitz und Klara Müller.“ [Der Neue Frauenklub. In: Neue Freie Presse, Nr. 14092, 19.11.1903, Morgenblatt, S. 8] Karl Kraus dürfte Wedekind in seinem nicht überlieferten Schreiben (siehe oben) ein Angebot des Neuen Frauenklubs übermittelt haben – vermutlich für einen Vortrag, für den „die repräsentativen Räume des Neuen Frauenklubs [...] als Veranstaltungsort [...] in Aussicht genommen worden“ [Nottscheid 2008, S. 125] sein könnten. meinen Dank für das für mich so ehrenvolle Vorhaben auszusprechen, mit dem ich mich gernefehlt im Erstdruck. einverstanden erkläre. Momentan | liege ich gerade in den Z letzten Zügen einer größeren Arbeit mitim Erstdruck: Arbeit, mit. – Wedekind war dabei, die Niederschrift seines Schauspiels „Hidalla oder Sein und Haben“ (1904) allmählich abzuschließen [vgl. KSA 6, S. 369, 385]. der ich in den nächsten acht Tagendas wäre bis zum 3.3.1904. fertig zu werden hoffe. Sobald ich wieder kleinere Sachen produziert werdeim Erstdruck: produziert, werde. ich sie Ihnen zukommen lassen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


24.II 04.

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München, 24. März 1904 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Sehr geehrter Herr Kraus!

Beiliegend die VerseDas Manuskript des Versdialogs „Hanns und Gretel. Ein Scherz“ [Florack 1996, S. 58-62], wohl die mit Tinte „geschriebene und mit wenigen Sofortkorrektuen durchsetzte Reinschrift“ [KSA 6, S. 355] von 11 Seiten, die Wedekind „zum Abdruck in der ‚Fackel‘ an Karl Kraus schickte“ [KSA 6, S. 356], aus dem 1903 geschriebenen Versdialog „Hans und Hanne“ [KSA 6, S. 29-35] für die „geplante Veröffentlichung des Stückes in Karl Kraus’ ‚Fackel‘“ [KSA 6, S. 353] umgearbeitet, liegt dem Brief nicht mehr bei. Es blieb zu Wedekinds Lebzeiten unveröffentlicht., von denen ich sehr zweifle, ob sie brauchbar sind. Ich habe damalsWann und wo Wedekind Kete Parsenow kennenlernte und ihr zum zweitenmal begegnete, ist unklar. Sie war eine Freundin von Karl Kraus, der sie im Frühjahr 1903 in Wien kennengelernt hatte und „verzückt“ war „durch die Erscheinung der jungen Schauspielerin“ [Pfäfflin 2011, S. 18], bei einem Ensemblegastspiel des Berliner Kleinen und Neuen Theaters (Direktion: Max Reinhardt) vom 1.5.1903 bis 10.7.1903 (Wedekind war in dieser Zeit in München) am Wiener Deutschen Volkstheater (mit „Erdgeist“ und „Der Kammersänger“ im Repertoire), und lebte spätestens seit Sommer 1902 in Berlin, engagiert am Kleinen Theater (Schall und Rauch) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1903, S. 260], dann am Kleinen und Neuen Theater in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1904, S. 246], bevor sie für einige Jahre nach New York ging. Wedekind könnte sie während seines letzten Aufenthalt in Berlin, als er vom 14. bis 26.5.1902 zu einem Gastspiel an Ernst von Wolzogens Buntem Theater (Überbrettl) in der Stadt war, gesehen haben. Sein letzter Aufenthalt in Nürnberg, als dort seine Tragödie „Die Büchse der Pandora“ am 1.2.1904 am Intimen Theater uraufgeführt wurde, war nicht gemeint, auch wenn Karl Kraus danach gefragt haben dürfte. „Kraus hatte sich vermutlich nach der Anwesenheit von Kete Parsenow bei der Uraufführung von ‚Die Büchse der Pandora‘ [...] in Nürnberg [...] erkundigt.“ [Nottscheid 2008, S. 126] Frl. Parsenowim Erstdruck: P. nur noch ein einziges Mal gesehen und zweifle sehr ob s/S/ie in Nürnberg gewesen ist. Morgenam 25.3.1904, an dem am Königlichen Residenztheater in München um 19 Uhr das genannte Schauspiel mit Wedekinds Schauspiellehrer Fritz Basil in der männlichen Hauptrolle uraufgeführt wurde: „Uraufführung: Nebeneinander. Schauspiel in drei Akten von Georg Hirschfeld.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 143, 25.3.1904, General-Anzeiger, S. 8] Abendim Erstdruck: abend. ist hier Pre|mière von HirschfeldNebeneinander“. Sonst giebtim Erstdruck: gibt. es nichts neues.

Mit besten Grüßen in Eile
Ihr
FrWedekind.

Einzelstellenkommentare

Wien, 26. Mai 1904 (Donnerstag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 27.5.1904 aus München:]


[...] ich danke Ihnen bestens für Ihre liebenswürdigen Zeilen [...]

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München, 27. Mai 1904 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

[Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 27.5.1904 aus München:]


Erlauben Sie mir, Ihnen das Exemplar der Bühnenausgabe zu dedizieren.

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München, 27. Mai 1904 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Sehr geehrter Herr Kraus,

ich danke Ihnen bestens für Ihre liebenswürdigen Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Wedekind, 26.5.1904., und für die VorlesungKarl Kraus dürfte Wedekind in seinem nicht überlieferten Schreiben (siehe oben) eine Lesung der Tragödie „Die Büchse der Pandora“ in Wien angekündigt haben, die nicht realisiert wurde. „Ein Zusammenhang besteht möglicherweise mit einem Vorhaben, von dem Wedekinds ehemalige Verlobte Frida Strindberg in einem undatierten Brief an Kraus [...] berichtet. Demnach wollte der [...] Schriftsteller Robert Scheu ‚einen Abend der ‚Büchse‘ weihen – Sie sollen lesen, Hermann Bahr soll sprechen u. irgend ein Presse-Mensch ich weiss nicht was thun.‘ [...] Der mit Kraus befreundete Robert Scheu dürfte allerdings gewusst haben, dass eine Teilnahme von Kraus in dieser Konstellation – an der Seite Hermann Bahrs – ausgeschlossen war.“ [Nottscheid 2008, S. 127] der Büchse. Erlauben Sie mir, Ihnen das Exemplar der Bühnenausgabeein verschollenes Exemplar des vervielfältigten Typoskripts „Die Büchse der Pandora. Tragödie in drei Aufzügen von Frank Wedekind. Vom Autor hergestellte Bühnenbearbeitung“ [KSA 3/II, S. 862], das dann „der von Karl Kraus veranstalteten Wiener Aufführung“ der Tragödie am 29.5.1905 „zugrundelag“ [KSA 3/II, S. 863]. Ein anderes Exemplar dieses Bühnenmanuskripts lag Emil Meßthaler für die Uraufführung der Tragödie am 1.2.1904 im Intimen Theater in Nürnberg vor, ein wieder anderes Exemplar (eingereicht am 25.9.1904 für eine Aufführung am Theater in der Josefstadt, die von der Wiener Polizeibehörde nicht bewilligt wurde) ist als Zensurexemplar in Wien erhalten [vgl. KSA 3/II, S. 862f.]. zu dedizierenzu widmen. – Hinweis auf eine nicht überlieferte Widmung (im verschollenen Exemplar der Bühnenausgabe „Die Büchse der Pandora“); erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Karl Kraus, 27.5.1904.. Gedichte habe ich leider noch keine gemacht. Daß Sie „Hans und Gretelnicht würden drucken könnenWedekind hatte, als er die „Verse“ [Wedekind an Karl Kraus, 24.3.1904], den Versdialog „Hanns und Gretel. Ein Scherz“ [Florack 1996, S. 58-62], an Karl Kraus schickte, schon vermutet, dass der Text in der „Fackel“ nicht würde abgedruckt werden können – aus Rücksicht auf das „Unverständnis des Lesers“ [Kraus 1920, S. 104]., ahnte ich ja. Ich werde gelegentlich | versuchen, den Dialog in eine hochmoralische Pastete hineinzubackenWedekind integrierte den Dialog „Hanns und Gretel“ – den Rollen ‚Herr König‘ und ‚Lisiska‘ zugeordnet – in die mittlere Szene seines Einakters „Totentanz“ [vgl. KSA 6, S. 645-647], den Karl Kraus dann im Erstdruck in der „Fackel“ veröffentlichte [vgl. Frank Wedekind: Totentanz. Drei Szenen. In: Die Fackel, Jg. 7, Nr. 183/184, 4.7.1905, S. 1-33].. Vielleicht wird er dadurchim Erstdruck: dann. zollfrei.

Was Hidalla betrifft soim Erstdruck: betrifft, so. weiß ich nicht genau obim Erstdruck: genau, ob. der Verleger das Buch jetzt oder erst im HerbstJulian Marchlewski ließ das Buch „jetzt“ erscheinen, wie Wedekind wohl noch am 27.5.1904 von ihm selbst erfuhr, als er den Verleger aufsuchte: „Besuch bei Marchlewski“ [Tb]. Wedekind hat am 31.5.1904 „Exemplare von Hidalla verschickt.“ [Tb] Sein Schauspiel „Hidalla oder Sein und Haben“ (1904) war bald darauf im Verlag Dr. J. Marchlewski & Co. in München als erschienen angezeigt [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 71, Nr. 132, 10.6.1904, S. 5042]. erscheinen lassen will. Im letzteren Fallim Erstdruck: Falle. würde ich mich freuen Ihnen einzelne Proben daraus überlassen zu dürfen.

Mit besten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


27 V.04Wedekind notierte am 27.5.1904 den Brief „an Kraus“ [Tb]..

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München, 6. September 1904 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Sehr geehrter Herr Kraus!

eben komme ich von Reichenhall zurückWedekind war vom 1. bis 4.9.1904 auf einer Gastspielreise in Bad Reichenhall, wo er am 1. und 3.9.1904 [vgl. Tb] im Kurtheater (Direktion: Otto Milrad) [vgl. Neuer Theater Almanach 1905, S. 539] in der Titelrolle seines Einakters „Der Kammersänger“ auftrat [vgl. Seehaus 1964, S. 376, 732]. Die beiden Vorstellungen waren im Spielplan des „Kurtheater Bad Reichenhall“ urprünglich für den 1. und 2.9.1904 angekündigt: „Donnerstag, 1. September: ‚Der Kammersänger‘ [...]; Freitag, 2.: ‚Der Kammersänger‘“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 403, 30.8.1904, Vorabendblatt, S. 4]. Wedekind notierte am 4.9.1904 „Fahre Mittags nach München zurück.“ [Tb] Den vorliegenden Brief hat er frühestens zwei Tage nach seiner Rückkehr aus Bad Reichenhall geschrieben, nach dem Treffen mit Franz Blei (siehe unten). und beeile mich Ihnen das ManuscriptDie Beilage, das Manuskript „Das Lied vom armen Kind“ [KSA 1/III, S. 152-155] noch ohne Noten, das dann mit Noten in der „Fackel“ erschien [vgl. Frank Wedekind: Das Lied vom armen Kind. In: Die Fackel, Jg. 6, Nr. 167, 26.10.1904, S. 15-17], ist nicht überliefert. zu schicken. Verzeihen Sie die Verzögerung, aber Sie wissen ja, wie wir Münchner mit Arbeit überladen sind.

Blei läßt Sie bestens grüßenFranz Blei hatte Karl Kraus bei seinem Besuch in München am 28.8.1904 gesehen, wie Wedekind notierte: „Blei Kraus Schennis und ich im Theaterrestaurant.“ [Tb] Wedekind traf Franz Blei am 6.9.1904: „Blei zahlt mir M. 200 zurück und schenkt mir seine Novelle“ [Tb], der ihm bei dieser Gelegenheit wohl erzählte, er werde noch an Karl Kraus schreiben, und Wedekind gebeten haben dürfte, Grüße auszurichten..

Mit herzlichen Grüßen
Ihr
FrWedekind.

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Wien, 11. September 1904 (Sonntag)
von Kraus, Karl und Altenberg, Peter
an Wedekind, Frank

Correspondenz-Karte.


An H. w.

Herrn
Frank Wedekind
in München
Franz j/J/osefstraße 42 |


Herzlichsten DankKarl Kraus bedankt sich für das ihm von Wedekind zugesandte Manuskript „Das Lied vom armen Kind“ [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 6.9.1904]. und schönsten Gruß von

Ihrem
aufrichtig
ergebenen
Karl Kraus


Allerherzlichst

Peter Altenberg


Wien. Graben. Bitte auch Herrn Dr Blei bestens zu grüßenFranz Blei hatte durch Wedekind Grüße an Karl Kraus übermittelt lassen [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 6.9.1904].!

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München, 3. Oktober 1904 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Sehr geehrter Herr Kraus,

ich hatt/b/e leider kein Klavier merim Erstdruck: mehr. in meiner Wohnung und fand daher erst eben Gelegenheit die Noten aufzuschreibenDie Beilage, die Notenpartitur zum Manuskript „Das Lied vom armen Kind“ [KSA 1/III, S. 153-155], das Wedekind bereits übersandt hatte [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 6.9.1904], ist nicht überliefert.. | Hoffentlich kommen sie nicht zu spätfür das „Fackel“-Heft vom 6.10.1904. Das Lied wurde erst im nächsten Heft, „mit faksimilierter, dem Text vorangestellter Notation“ [KSA 1/III, S. 530], veröffentlicht [vgl. Frank Wedekind: Das Lied vom armen Kind. In: Die Fackel, Jg. 6, Nr. 167, 26.10.1904, S. 15-17]..

Mit besten Grüßen
Ihr
FrWedekind.

Einzelstellenkommentare

Wien, 10. Oktober 1904 (Montag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 11.10.1904 aus München:]


Empfangen Sie meinen besten Dank für die Übersendung des Honorars M. 100, dessen Empfang ich Ihnen hiemit bestätige.


[2. Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 12.10.1904 in München:]


Von Kraus Fackel Wien Honorar erhalten M. 100.

Einzelstellenkommentare

München, 11. Oktober 1904 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Sehr geehrter Herr Kraus!

Empfangen Sie meinen besten Dank für die Übersendung des HonorarsHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zur Geldsendung; erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Wedekind, 10.10.1904. ‒ Das Honorar vergütete vorab ein dann in der „Fackel“ mit Noten abgedrucktes Lied Wedekinds [vgl. Frank Wedekind: Das Lied vom armen Kind. In: Die Fackel, Jg. 6, Nr. 167, 26.10.1904, S. 15-17] mit 100 Mark, wie Wedekind am 12.10.1904 auch für sich notierte: „Von Kraus Fackel Wien Honorar erhalten M. 100“ [Tb]. M. 100, dessen Empfang ich Ihnen hiemit bestätige. InliegendDie Beilage, ein Korrekturbogen des Textes „Das Lied vom armen Kind“ (siehe oben), ist nicht überliefert [vgl. KSA 1/III, S. 530]. die Correcturim Erstdruck: Korrektur.. Die letzte Zeile des Gedichtes würde ich gesperrt druckenKarl Kraus hat die Korrektur ausführen lassen; die letzte Liedzeile – „So ist’s der Menschheit guter Brauch“ – ist in der „Fackel“ gesperrt gedruckt [vgl. Die Fackel, Jg. 6, Nr. 167, 26.10.1904, S. 17]. | lassen, da durch diese Moral dem Gedicht der Charakter des Bissigen etwas genommen wird.

Die vierWedekind war rund fünf Tage in Berlin (siehe unten). Er reiste dem Tagebuch zufolge am 21.9.1904 um 22.10 Uhr mit dem Nachtzug von München ab („Abends 10 Uhr 10 mit Langheinrich nach Berlin gefahren. [...] 9 Stunden“) und war nach der Abreise von Berlin am 26.9.1904 abends am 27.9.1904 morgens zurück („Ankunft in München“). Tage dieim Erstdruck: Tage, die. ich in BerlinFrank Wedekind trat am 23. und 25.9.1904 im Prolog der Berliner „Erdgeist“-Inszenierung am Neuen Theater (Direktion: Max Reinhardt) auf, in der Gertrud Eysoldt die Lulu spielte, besuchte Theatervorstellungen (am 24.9.1904 die Uraufführung der tragischen Komödie „Traumulus“ von Arno Holz und Oskar Jerschke im Lessingtheater, am 25.9.1904 „Des Pastors Rieke“ von Erich Schlaikjer im Kleinen Theater) sowie diverse Lokale und traf etliche Freunde und Bekannte in Berlin, darunter Gertrud Eysoldt (siehe unten), Otto Erich Hartleben, Max Langheinrich, Emil Lind, Carl Rößler und seinen Bruder Donald Wedekind, außerdem gleich am 22.9.1904 Walther Rathenau und Maximilian Harden: „Abends mit M Harden bei Dr. Ratenau diniert“ [Tb]; einem Brief Maximilian Hardens vom 23.9.1904 an eine unbekannte Person zufolge war dies die erste persönliche Begegnung: „Gestern lernte ich Wedekind kennen; einen höchst ungewöhnlichen Menschen, dessen Talent ich, nicht ohne manches Widerstreben, ungemein schätze. Als Menschen kann ich ihn freilich noch nicht durchblicken.“ [Katalog Antiquariat Herbst-Auktionen (Detmold): https://www.herbst-auktionen.de (zuletzt abgerufen 16.8.2023)] verbrachte warenim Erstdruck: verbrachte, waren. sehr amüsant. Ich hoffe darin ein günstiges Omen für den kommenden WinterWedekind überlegte, nach Berlin zu gehen. erblicken zu können. Mit Gertrud EysoldtWedekind hat Gertrud Eysoldt dem Tagebuch zufolge in Berlin täglich – nicht nur bei den gemeinsamen Proben und Auftritten im „Erdgeist“ im Neuen Theater – gesehen; am 22.9.1904 („Probe“), 23.9.1904 („Probe. Abends Prolog gesprochen“), 24.9.1904 („Ich diniere mit Gertrud Eisoldt im Kaiserkeller, fahre mit ihr durch den Thiergarten“), 25.9.1904 („Stehe um 2 Uhr auf gehe spazieren diniere mit Gertrud Eysold im Kaiserkeller. Abends Prolog“) und zum Abschied von seinem Gastspiel am 26.9.1904 („Abschied im Neuen Theater. Ich packe“)., die wieim Erstdruck: die, wie. mir scheint eineim Erstdruck: scheint, eine. wirkliche FreundinDie Schauspielerinnen Gertrud Eysoldt und Kete Parsenow waren Kolleginnen zunächst am Kleinen Theater (Schall und Rauch) in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1903, S. 260], dann unter der Leitung von Max Reinhardt am Kleinen und Neuen Theater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1904, S. 245f.] gewesen. Die freundschaftliche Verbindung zwischen ihnen klingt in späteren Zeugnissen an, so etwa in Kete Parsenows Brief vom 4.4.1910 aus Berlin an Karl Kraus: „Wohne von heute an Unter den Linden 43 in Frau Eysoldts Wohnung. Sie ist für längere Zeit abwesend“ [Pfäfflin 2011, S. 51]. | von Frl. Kätheim Erstdruck: K. (Kete Parsenows Vorname abgekürzt). – Kete Parsenow war eine Freundin von Karl Kraus, der sie im Frühjahr 1903 bei ihrem Gastspiel mit dem Ensemble des Berliner Kleinen und Neuen Theaters in Wien kennengelernt hatte und „verzückt“ war „durch die Erscheinung der jungen Schauspielerin“ [Pfäfflin 2011, S. 18]. P. ist, sprach ich auch viel U über Sie.

Mit bestem Gruß auf baldiges Wiedersehn
Ihr
FrWedekind.


11.X.04.

Einzelstellenkommentare

Wien, 27. November 1904 (Sonntag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 29.11.1904 aus München:]


[...] empfangen Sie meinen herzlichen Dank [...] für Übersendung des Honorars [...]

Einzelstellenkommentare

Wien, 28. November 1904 (Montag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 29.11.1904 aus München:]


[...] empfangen Sie meinen herzlichen Dank [...] für Ihre liebenswürdige Einladung nach Wien, [...] für Ihre freundlichen Zeilen.

Einzelstellenkommentare

München, 29. November 1904 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Sehr geehrter Herr Kraus!

empfangenim Erstdruck: Empfangen. Sie meinen herzlichenim Erstdruck: herzlichsten. Dank erstens für Übersendung des HonorarsHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zur Geldsendung; erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Wedekind, 27.11.1904. ‒ „Das Lied vom armen Kind“, am 26.10.1904 in der „Fackel“ veröffentlicht, ist vermutlich nachhonoriert worden; 100 Mark hatte Wedekind dafür allerdings bereits vorab erhalten [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 11.10.1904]., zweitens für Ihre liebenswürdige EinladungKarl Kraus dürfte Wedekind in dem nicht überlieferten Schreiben (siehe unten) nach Wien eingeladen haben, wo er die Tragödie „Die Büchse der Pandora“ aufzuführen plante, die dort am 29.5.1905 Premiere hatte. Wedekind, der sich zuvor am 27. und 28.3.1905 in München mit Karl Kraus traf [vgl. Tb], logierte vom 27. bis 30.5.1905 in Wien [vgl. Tb] in dessen „Wohnung“ [Kraus 1920, S. 114]. nach Wien, drittens für Ihre freundlichen Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Wedekind, 28.11.1904..

Ihren Artikel über die Ballerinender unbetitelte Artikel in der „Fackel“ zu „Presseberichten über die geplante Besteuerung von aus Prostitution stammenden Nebeneinnahmen von Wiener Balletttänzerinnen“ [Nottscheid 2008, S. 132], der dann in dem Sammelband „Sittlichkeit und Criminalität“ (1908) von Karl Kraus unter dem Titel „Die Ballettsteuer“ nachgedruckt wurde. In diesem Artikel heißt es: „Aber der Tribut, den schöne Frauen zur Erhaltung ihrer ästhetischen Werte empfangen, wird er nicht hierzulande von Sitte und Gesetz immer noch als ‚Schandlohn‘ betrachtet? Wir können dem Fiskus dankbar dafür sein, daß er die Heuchelei der Staatsmoral entlarvte, welche den Zins von jener Prostitution einhebt, die sie ins dunkle Reich sozialer Verachtung weist. Zwischen Staat und Prostitution besteht sozusagen neben dem strafrechtlichen auch ein zivilrechtliches Verhältnis. Aber es ist nicht nur unmoralisch, sondern auch nach dem herrschenden Gesetz selbst wieder strafbar; denn der Staat, der den Liebesgewinst besteuert, zieht aus einem ‚unerlaubten Verständnis‘ materiellen Vorteil und macht sich somit der Übertretung der Kuppelei schuldig.“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 169, 23.11.1904, S. 1-6, hier S. 3] finde ich vom ersten bis zum letzten Wort entzückend, noch entzückender, wenn ich ihn nicht als Satire sondern | vollkommen ernst nehme. Warum soll die Prostitution nicht dadurch geadelt werden, daß sie Steuern bezahlt wie jeder andere bürgerliche Beruf. Auf diese Seite der Maßregel haben Sie mit allem Nachdruck hingewiesen und das ist das Herrliche daran. Darauf läßt sich weiterbauen. Die SparbüchseZitat aus dem genannten Artikel (siehe oben), in dem Karl Kraus auf den Titel von Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ anspielte: „Wenn die Schauspielerin die Potenzierung der weiblichen Möglichkeiten von Anmut und Leidenschaft darstellt, so wird der Tänzerin zumeist die Entwicklung zu hausfrauenhafter Wohlanständigkeit organisch sein. Wedekind’s Lulu, der genialsten Entfaltung amoralischer Pracht, glaube ich alles, bloß das Tanzen nicht. Die Sparbüchse der Pandora...“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 169, 23.11.1904, S. 4] finde ich ausgezeichnet.

Die Karte aus Kairoanonyme Postkarte an Karl Kraus in Wien mit „Postausgangsstempel vom 11.11.1904“ [Nottscheid 2008, S. 133], die „Wedekind des Plagiats beschuldigte.“ [KSA 1/III, S. 540] Ihr Wortlaut, den Karl Kraus in einer Anmerkung zum Erstdruck referierte [vgl. Kraus 1920, S. 106]: „‚Das Lied vom armen Kind‘ist componiert von ‚Knepp Lori‘ = Dr. Nathan Sulzberger.‘ (Stockyard, Chikago, U.S.A) erschienen 1899 Breitkopf & Härtel. Selbstverlag. Text auch von ‚Knepp Lori‘. Letzterer ist ein Freund von Wedekind aus München, wo er studirt hat. / ‚Einer aus München‘.“ [Wienbibliothek im Rathaus, Karl-Kraus-Archiv, H.I.N. 139703/4] Wedekind hat diese Postkarte von Karl Kraus erhalten – „Kraus schickte die Karte zur Kenntnisnahme an Wedekind, der anhand von Schriftvergleichen entschlüsseln konnte, daß die Karte Arthur Holitscher zum Urheber hatte“ [KSA 1/III, S. 540] – und sie ihm mit dem vorliegenden Brief vermutlich zurückschickte [vgl. Nottscheid 2008, S. 131]; explizit als Beilage ist sie aber nicht bezeichnet. ist von Arthur Holitscherim Erstdruck: ... (drei Auslassungspunkte). – Wedekind war mit dem Schriftsteller und Journalisten Arthur Holitscher „seit 1895 eng befreundet“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 63], Korrespondenz ist seit 1903 überliefert (siehe die Korrespondez Wedekinds mit Arthur Holitscher)., wie Sie aus beigelegter SchriftprobeDie Beilage, ein Brief Arthur Holitschers (siehe unten), ist nicht überliefert. ersehen. Aber Holitscherim Erstdruck: ... (drei Auslassungspunkte). ist schwer nerven|leidend und offenbar sehr verbittert. Da er die Fackel gelesen hat mußim Erstdruck: hat, muß. er wissen daßim Erstdruck: wissen, daß. mein Gedicht mit dem von Kneb Lorileicht variierte Schreibweise des Pseudonyms von Dr. Nathan Sulzberger (Knepp Lori) aus New York, mit dem Wedekind der Postkarte aus Kairo zufolge (siehe oben) befreundet war, bekannt als Freund Rainer Maria Rilkes sowie Arthur Holitschers. Er war bis zum Wintersemester 1900/01 an der Universität München als Chemiestudent eingeschrieben [vgl. Amtliches Verzeichnis des Personals der Lehrer, Beamten und Studierenden an der königlich bayerischen Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Winter-Semester 1900/1901. München 1900, S. 116], wo er promovierte und zurück in die USA ging, Europa aber immer wieder besuchte. Wedekind traf sich dem Tagebuch zufolge mit ihm in Berlin am 3.10.1905 („Abends mit Sulzberger“), 11.11.1905 („Ich konsultiere Dr. Sulzberger und diniere mit ihm bei Kempinski. [...] Nachher mit [...] Sulzberger [...] bei Habel dann Stallmann“), am 25.11.1905 („Diniere mit Meßthaler Schaumberger und Sulzberger“) sowie gemeinsam mit Karl Kraus und Arthur Holitscher am 22.6.1906 („mit Kraus Hollitscher und Sulzberger zu Treppchen“). nichts gemein hat als die ersten zwei Zeilen: „Es war einmal ein armes Kind, das war auf beiden Augen blind.“ Das weiß hier in München jedermann, ebenso daß ich das Gedicht nur der hübschen MelodieWedekind lag als Quelle für die Noten seines Liedes „Das Lied vom armen Kind“ die Komposition des gleichnamigen Liedes von Nathan Sulzberger (siehe oben) vor, das er „von e-moll (Sulzberger-Vorlage) nach a-moll transponierte“ [KSA 1/III, S. 530]. Diese Komposition Nathan Sulzbergers wurde „mit eigenem Text unter dem Pseudonym Knepp Lori“ unter „dem Titel ‚Das Lied vom armen Kind‘ [...] bei Breitkopf & Härtel, Leipzig 1899, für Gesang und Klavierbegleitung veröffentlicht.“ [KSA 1/III, S. 539] Sie ist überliefert. „Der Druck der Sulzbergerschen Komposition findet sich [...] im Nachlaß Wedekinds“ [KSA 1/III, S. 338]. wegen gemacht habe, deren Autorschaft ich nie für mich in Anspruch genommen habe, die sich aber mit dem Sulzbergerschen | TextDer Text von Nathan Sulzbergers Lied war mit Noten publiziert und ist in Wedekinds Nachlass erhalten (siehe oben). unmöglich vortragen läßt. Nun ist aber Holitscherim Erstdruck: ... (drei Auslassungspunkte). Sulzbergers (Knep Loris) bester Freund, ein steinreicher Mann und in seinem Beruf Chemiker. Alsoim Erstdruck: Aber. nicht etwa Literat oder Componistim Erstdruck: Komponist., den ich durch Absingen der Melodie in seinen Berufseinnahmen schädigte. Mit Holitscherim Erstdruck: ... (drei Auslassungspunkte). habe ich nie den geringsten Streit gehabt, im Gegentheilim Erstdruck: Gegenteil. hat er sich mir sehr oft als der anhänglichste Freund gezeigt. Aber seine Verbitterung über Enttäuschungen hat ihm offenbar stark zugesetzt. Ich würde Sie daher aufrichtig bitten, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

In einigen Tagen hoffe ich Ihnen zwei Gedichteteilweise unklar; bei dem einen der Gedichte dürfte es sich um das Gedicht „Confession“ handeln, das Wedekind etwa drei Wochen später für einen Abdruck in der „Fackel“ anbot [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 24.12.1904]. schicken zu können.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


29.XI.04.


Eben lese ich Holitschersim Erstdruck: ...’s. Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Arthur Holitscher an Wedekind, 11.11.1903. noch einmal durch. Er ist so herzlich gehalten daß ich Sie ersuche, ihn mir gelegentlich wieder zurückzuschicken und meine Bitte wiederhole, keine Folgerungen aus der Sache zu ziehen.

Einzelstellenkommentare

Wien, 17. Dezember 1904 (Samstag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 24.12.1904 aus München:]


Indem ich Ihnen für den Fall Hervay [...] meinen ergebensten Dank sage [...]

Einzelstellenkommentare

München, 24. Dezember 1904 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Sehr geehrter Herr Kraus!

Indem ich Ihnen für den Fall HervayDer Aufsatz von Karl Kraus „über die Aufsehen erregende Affäre um den Selbstmord des Beamten Franz von Hervay, den die österreichische Presse seiner Frau Leontine anlastete“ [Nottscheid 2008, S. 134], erschien zuerst in der „Fackel“ [vgl. Der Fall Hervay. In: Die Fackel, Jg. 6, Nr. 165, 8.7.1904, S. 2-12] und dann als Broschüre, in der „Fackel“ zuerst angezeigt: „Soeben als Broschüre erschienen: Der Fall Hervay (34 Seiten stark)“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 171, 17.12.1904, S. 24]. Karl Kraus hat an einer Stelle seines Aufsatzes eine berühmte Tragödie Wedekinds „als literarische Folie des Geschehens“ [Nottscheid 2008, S. 134] benutzt: „Frank Wedekind’s ‚Erdgeist‘, die Komödie von der pathetischen Mißdeutung des Geschlechtslebens, die Tragödie der Frauenanmut [...]. Aber einer von Lulu’s Hampelmännern, der Maler Schwarz, tötet sich, weil sein geliebtes Weib nicht, wie er glaubte, von vornehmer Abkunft ist, sondern ‚aus der Gosse‘ stammt, und weil sie nicht, wie er glaubte, bei einer Tante aufgewachsen ist, sondern im Alhambra-Café barfuß Blumen verkauft hat. ‚An dem Glück, daß du gekostet, kann nichts etwas ändern. Du überschätzest dich gegen besseres Wissen, wenn du dir einredest, zu verlieren. Es gilt zu gewinnen.‘ Nützt nichts: der ‚Idealist‘ geht an dem innern Konflikt, nicht mehr lieben zu können, was er liebt, zugrunde. Es genügt das Wissen um die Vergangenheit, die Aufklärung eines Freundes wirft ihn um. Und ich glaube auch nicht, daß Franz v. Hervay an dem äußern Skandal gestorben ist.“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 165, 8.7.1904, S. 11] den ich mit großem Genuß auf der Fahrt nach StraßburgWedekind notierte am 16.12.1904: „Fahrt nach Straßburg.“ [Tb] Er war zu einem Gastspiel im Stadttheater in Straßburg (Direktion: Maximilian Wilhelmi) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 570] gereist, um dort am 19.12.1904 in einer vom Verein zur Pflege der modernen dramatischen Kunst veranstalteten Vorstellung seines Einakters „Der Kammersänger“ die Titelrolle zu spielen [vgl. Seehaus 1973, S. 185]. „Rückfahrt nach München“ [Tb] war am 21.12.1904. gelesen habe, meinen ergebensten DankHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Wedekind, 17.12.1904. – Karl Kraus hat Wedekind seinen Aufsatz „Der Fall Hervay“ geschickt, der als Broschüre zuerst am 17.12.1904 angezeigt war (siehe oben). „Wedekind erhielt vermutlich den broschierten Sonderdruck“ [Nottscheid 2008, S. 134]. sage, übersende ich Ihnenfehlt im Erstdruck. inliegend ein Gedicht. In Straßburg hatte ich GelegenheitWedekind traf Gertrud Eysoldt, die zu einem Gastspiel in Hugo von Hofmannsthals „Elektra“ am Stadttheater in Straßburg war [vgl. Seehaus 1973, S. 185], während seines Aufenthalts in Straßburg dem Tagebuch zufolge am 18.12.1904 („Probe. Gertrud Eysoldt kommt an. [...] Hole mit Korge Gertrud ab. Thee bei Jerschke Abends Germania. Stadler rezitiert seine Gedichte“) und 19.12.1904 („Probe. Gang durch die Alte Stadt. [...] Hole Gertrud von der Probe ab und diniere mit ihr. Abendspaziergang durchs Metzgerthor über die Wälle aufs freie Feld. Vorstellung“)., die Verse Gertrud Eysoldt vorzusprechen undim Erstdruck: vorzusprechen, und. fragte sie als ich zu Ende war, gewisser|maßen nur des Experimentes wegen, ob sie mir erlauben würde, ihr die Zeilen zu widmen Sieim Erstdruck: widmen. Sie. sagte ohne Besinnen Ja und begriff nicht daß ich darin das Zeichen großer Kühnheit erblickte. Ich sagte ihr auch daß das Gedicht voraussichtlich in Ihrer Fackel erscheinen würde und daß ich die Widmung in der Form anbringen würde, wie es in dem Manuscriptim Erstdruck: Manuskript. geschehn ist. Dann sagte ich ihr noch daß ich Sie, lieber Herr Kraus, in dem Begleitbrief bitten würde, sich durch eine Anfrage bei Gertrud Eysoldt vergewissern zu wollen, daß sich die Dinge | in der Thatim Erstdruck: Tat. so verhalten, wie ich sie Ihnen hier vortrage. –

Wenn Ihnen nun, Herr Kraus, das Gedicht aus ästätischenim Erstdruck: ästhetischen. oder kriminellen Gründen unmöglich erscheint, dann werfen Sie es bitte in den Papierkorb.

Sollte das nicht der Fall sein und sollten Sie aber in der Widmung annähernd etwas erblicken wasim Erstdruck: erblicken, was. wie Beleidigung oder grober Unfug aussehen könnte, dann würde ich Sie bitten die Widmung wegzustreichen.

Sollte aber weder das eine noch das andere der Fall sein, | dann würde ich Sie ersuchen, sich mit der erwähnten Anfrage an Gertrud Eysoldt wenden zu wollen.

Mit herzlichstenim Erstdruck: herzlichen. Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


24.XII.04.


[Beilage:]


Confessionvon Karl Kraus mit einem Punkt versehen (nach Erhalt des vorliegenden Briefes am 25.12.1904) – so dann die Fassung im Erstdruck: „Confession.“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 21]
von Frank Wedekindvon Karl Kraus korrigiert: „von“ in Großschreibung („v“ durch „V“ überschrieben), nach dem Verfassernamen einen Punkt gesetzt (nach Erhalt des vorliegenden Briefes am 25.12.1904) – so dann die Fassung im Erstdruck: „Von Frank Wedekind.“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 21]


An Gertrud Eysoldt.von Karl Kraus durchgestrichen (nach Erhalt des vorliegenden Briefes am 25.12.1904) – ohne die Widmung dann im Erstdruck.


Freudig schwör ich es mit freier Stirne

Vor der Allmacht, die mich züchtigen kann:

Wie viel lieber wär ich eine Dirne

Als an Ruhm und Glück der reichste Mann.Karl Kraus hat den Punkt in ein Ausrufungszeichen korrigiert (nach Erhalt des vorliegenden Briefes am 25.12.1904) – so dann die Fassung im Erstdruck: „Mann!“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 21]

–––

Welt, in mir ging dir ein Weib verloren,

Abgeklärt und jeder Hemmung bar.

Wer war für das Freudenhausvon Karl Kraus korrigiert: „das“ („as“ gestrichen, darüber durch „en“ ersetzt) zu „den“, „Freudenhaus“ („haus“ gestrichen, darüber durch „markt“ ersetzt) zu „Freudenmarkt“ (nach Erhalt von Wedekinds telegrafisch übermitteltem Korrekturwunsch „den Liebesmarkt“ [Wedekind an Karl Kraus, 25.12.1904] sowie beibehalten nach Erhalt von Wedekinds erneutem und nun brieflich übermitteltem Korrekturwunsch „das Freudenfest“ [Wedekind an Karl Kraus, 26.12.1904], den Karl Kraus nicht ausführte) – so dann die Fassung im Erstdruck: „den Freudenmarkt“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 21]. geboren

So wie ich dafür geboren war?

––– |

Bin ich nichtDie ab hier folgenden vier Strophen (bis „Belohnung naht.“) sind nach dem Erstdruck wiedergegeben [vgl. Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 21], da die handschriftliche zweite Manuskriptseite nicht vorliegt (siehe zur Materialität). der Liebe treu ergeben

Wie es Andre ihrem Handwerk sind?

Liebt ich nur ein einzig Mal im Leben

Irgend ein bestimmtes Menschenkind?

–––

Lieben? – Nein, das bringt kein Glück auf Erden.

Lieben bringt Entwürdigung und Neid.

Heiß und oft und stark geliebt zu werden,

Das heißt Leben, das ist Seligkeit!

–––

Oder sollte Schamgefühl mich hindern,

Wenn sich erste Jugendlust verliert,

Jeden noch so seltnen Schmerz zu lindern,

Den verwegne Phantasie gebiert?

–––

Schamgefühl! – Ich hab es oft empfunden;

Schamgefühl bei mancher edlen Tat;

Schamgefühl vor Klagen und vor Wunden;

Scham, wenn endlich sich Belohnung naht. |

–––

Aber Schamgefühl des Körpers wegen,

Der mit Wonnen überreich begabt?

Solch ein Undank hat mir fern gelegen,

Seit mich einst der erste Kuß gelabt.

–––

Und ein Leib, vom Scheitel bis zur Sohle

Allerwärts als Hochgenuß begehrt ...

Welchem reinren, köstlichern Idole

Nachzustreben, ist dies Dasein werthim Erstdruck: „wert“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 21].?

–––

Wenn der Knieim Erstdruck: „Kniee“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 22]. zw leiseste Bewegung

Krafterzeugend wirkt wie Feuersglut

Und die Kraft, aus wonniger Erregung

Sich zu überbieten, nicht mehr ruht!von Karl Kraus das Ausfrufungszeichen in ein Semikolon geändert (nach Erhalt des vorliegenden Briefes am 25.12.1904) – so dann die Fassung im Erstdruck: „ruht;“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 22].

–––

Immer unverwüstlicher und süßer,

Immer klarer im Genuß geschaut,

Daß es statt vor Abscheu dem Genießer

Nur vor seiner Riesenstärke graut ...

––– |

Welt, wenn ich von solchem Zauber träume,

Dann zerstiebt zu nichts, was ich gethanim Erstdruck: „getan“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 22].;

Dann preis ich das Dasein und ich bäume

Zu den Sternen mich vor Größenwahn.von Karl Kraus der Punkt in ein Ausfrufungszeichen geändert (nach Erhalt des vorliegenden Briefes am 25.12.1904) – so dann die Fassung im Erstdruck: „Größenwahn!“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 22] – – –

–––

Unrecht wär’s, wollt ich der Welt verhehlen,

Was mein Innerstes so wild entflammt,

Denn vom Beifall vieler braver Seelen

Frag ich mich umsonst, woraus er stammt.

Einzelstellenkommentare

München, 25. Dezember 1904 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

[Hinweis von Karl Kraus in der Anmerkung zu Wedekinds Brief an ihn vom 26.12.1904 (Kraus 1920, S. 109):]


Das Manuskript ist nicht auffindbarDas Manuskript des Gedichts „Confession“ [KSA 1/I, S. 531-532], dem Arbeitsfassungen vorangingen [vgl. KSA 1/II, S. 1760-1769] und das als Druckvorlage für die Veröffentlichung in der „Fackel“ diente [vgl. Frank Wedekind: Confession. In: Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 21-22], galt lange verschollen, ist aber wieder aufgefunden worden; das Gedichtmanuskript umfasst 4 Seiten [Antiquariat Burgverlag (Wien), Katalog zur 50. Stuttgarter Antiquariatsmesse (2011), Nr. 132; vgl. Pfäfflin 2011, S. 31], von denen die erste Seite als Faksimile gedruckt vorliegt [vgl. Pfäfflin 2011, S. 32].. Hierin war meines Erinnerns die Fassung „das Freudenhaus“; die Abschwächung, der eine telegraphische Korrektur „den Liebesmarkt“ gefolgt sein muß, ist dann im Druck durch „den Freudenmarkt“ ersetzt.

Einzelstellenkommentare

Wien, 25. Dezember 1904 (Sonntag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 26.12.1904 aus München:]


[...] so hatte ich natürlich ähnliche Bedenken [...]

Einzelstellenkommentare

München, 26. Dezember 1904 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Lieber Herr Kraus,

inliegend die beiden Änderungenim Gedichtmanuskript „Confession“, das Wedekind zwei Tage zuvor für die Veröffentlichung in der „Fackel“ [vgl. Frank Wedekind: Confession. In: Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 21-22] nach Wien geschickt [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 24.12.1904] und anschließend in einem nicht überlieferten Telegramm Korrekturen mitgeteilt hatte [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 25.12.1904], die er in der Anlage des vorliegenden Briefs teilweise revidierte (siehe unten). Karl Kraus hat die Änderungen in einer Anmerkung zum Erstdruck des Briefes kommentiert (siehe die Hinweise zum Erstdruck). Das Gedicht hat Wedekind mehrfach umgearbeitet [vgl. KSA 1/II, S. 1760-1769; das Karl Kraus eingereichte Gedichtmanuskript war hier noch verschollen]; er teilt im vorliegenden Brief mit Anlage seinen letzten Korrekturwunsch mit. durch die das Gedicht meiner Ansicht nach nicht leidet. Auf die ganze Strophedie fünfte Strophe des Gedichts „Confession“ [KSA 1/I, S. 531], Neufassung in der Beilage mitgeteilt.: „Oder sollte Schamgefühl..“ würde ich nicht gerne verzichten.

Was die WidmungWedekind hatte für sein Gedicht „Confession“ eine Widmung für Gertrud Eysoldt vorgesehen, die zugestimmt hatte, war sich aber unsicher [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 24.12.1904]. betrifft, so hatte ich natürlich ähnliche BedenkenHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben, auf das der vorliegende Brief eingeht; erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Wedekind, 25.12.1904., und werde Ihnen wahrscheinlich zu großem Dank verpflichtet sein, wenn | Sie sie weglassen. Der einzige Umstand, daß es sich um eine Dame handelt machtim Erstdruck: handelt, macht. die Sache eben schon so gut wie unmöglich. Eine andere Widmung anzubringen halteim Erstdruck: anzubringen, halte. ich dann aberim Erstdruck: aber dann. nicht für thunlichim Erstdruck: tunlich.. „LuluGertrud Eysoldt in der Rolle der Lulu in der Berliner „Erdgeist“-Premiere am 17.12.1902 (und in zahlreichen weiteren Vorstellungen) war als Interpretin maßgeblich für den „Aufführungserfolg“ [KSA 3/II, S. 1203] der Tragödie.“ könnte als eine ganz überflüssige Reklame gedeutet werden.

In größter Eile mit den herzlichsten Grüßen und den aufrichtigsten Wünschen für das kommende Jahr und alle Zukunft
Ihr
Frank Wedekind. |


[Beilage:]


Wer war für ein FreudenfestKarl Kraus ist dem Korrekturwunsch nicht gefolgt und hat im dritten Vers der zweiten Strophe im Erstdruck des Gedichts „Confession“ die Formulierung „den Freudenmarkt“ (so von ihm zuvor im Gedichtmanuskript korrigiert) gesetzt, sich bei den Interpunktionszeichen aber am eingereichten Gedichtmanuskript orientiert: „Wer war für den Freudenmarkt geboren / So wie ich dafür geboren war?“ [Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 21] Im Gedichtmanuskript steht kein Komma und ein Fragezeichen (statt Komma und Punkt) sowie die ursprüngliche Formulierung Wedekinds „das Freudenhaus“ [Beilage zu: Wedekind an Karl Kraus, 24.12.1904], die er der Erinnerung von Karl Kraus zufolge in einem nicht überlieferten Telegramm durch „den Liebesmarkt“ [Wedekind an Karl Kraus, 25.12.1904] zu ersetzen vorschlug. Karl Kraus hat sich auch daran erinnert, in der ersten Gedichthandschrift habe die Stelle „das Freudenhaus“ [Kraus 1920, S. 109] gelautet. geboren,

So wie ich dafür geboren war.

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Oder sollte Schamgefühl mich hindern,

Wenn sich erste JugendlustKarl Kraus hat die Korrektur im zweiten Vers der fünften Strophe im Erstdruck des Gedichts „Confession“ ausgeführt; er erinnerte sich, in der ersten Gedichthandschrift habe die Stelle „Jugendkraft“ [Kraus 1920, S. 109] gelautet (dieser Teil des Gedichtmanuskripts ist nicht zugänglich). verliert,

Jeden noch so seltnen Schmerz zu lindern,

Den verwegne Phantasie gebiert.

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Einzelstellenkommentare

Wien, 1. Januar 1905 (Sonntag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 4.1.1905 aus München:]


Herzlichen Dank für [...] die schöne Karte, deren Unterzeichnern ich Sie bitte, mich ergebenst empfehlen zu wollen.

Einzelstellenkommentare

Wien, 2. Januar 1905 (Montag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 4.1.1905 aus München:]


Herzlichen Dank für die Honorarsendung [...]


[2. Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 3.1.1905 in München:]


Von Kraus erhalten für Confession M. 60.‒

Einzelstellenkommentare

München, 4. Januar 1905 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Sehr geehrter Herr Kraus,

ich wage noch kaum, Ihnen zu sagen wie ungemein ich mich über den Druckden Erstdruck des Gedichts „Confession“ [KSA 1/I, S. 531-132] in der „Fackel“ [vgl. Frank Wedekind: Confession. In: Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 21-22]. des Gedichtes gefreut habe, in der Befürchtung es möchte noch irgend etwas in die Quere kommen.

Herzlichen Dank für die | HonorarsendungHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zur Geldsendung, erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Wedekind, 2.1.1905. – Wedekind notierte am 3.1.1905 den Erhalt des Honorars: „Von Kraus erhalten für Confession M. 60.‒“ [Tb] und die/für/ die schöne Kartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Wedekind, 1.1.1905., deren Unterzeichnernnicht identifiziert, da die Postkarte oder Bildpostkarte nicht überliefert ist (siehe oben). ich Sie bitte, mich ergebenst empfehlen zu wollen.

Mit besten Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


München, 4.I.05Wedekind notierte am 4.1.1905 den Brief „an Kraus“ [Tb]..

Einzelstellenkommentare

München, 7. Januar 1905 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

[Hinweis und Referat mit Zitat von Karl Kraus in der Anmerkung zu Wedekinds Brief an ihn vom 26.12.1904 (Kraus 1920, S. 109f.):]


Erst nach dem Druck teilte mir W. mit, daß der Anfang des Gedichts:


FreudigKarl Kraus zitiert die erste Strophe von Wedekinds in der „Fackel“ gedrucktem Gedicht „Confession“ [vgl. Die Fackel, Jg. 6, Nr. 172, 31.12.1904, S. 21]. schwör’ ich es mit freier Stirne
Vor der Allmacht, die mich züchtigen kann:
Wie viel lieber wär’ ich eine Dirne
Als an Ruhm und Glück der reichste Mann!


ursprünglich – ungleich wertvoller – gelautet hatteKarl Kraus zitiert anschließend eine angeblich erste Fassung der ersten Strophe von Wedekinds Gedicht „Confession“, über die festgestellt wurde: „Diese von Kraus referierte, aber nicht schriftlich belegte Fassung ist durch keinen autorisierten Zeugen dokumentiert.“ [KSA 1/II, S. ]:


Frei bezeugt’ ich es mit jedem Schwure
Vor der Allmacht, die mich züchtigen kann:
Wie viel lieber wär’ ich eine Hure – –


Sonderbarerweise hatte der zensurgebrannte Dichter gefürchtet, daß diese Fassung nicht druckbar wäre, und sie mich gar nicht erst kennen lassen.

Einzelstellenkommentare

München, 12. Februar 1905 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Lieber Herr Kraus

Hier sende ich Ihnen, was ich vorrätig habe. Es ist nicht vielWedekind notierte am 12.2.1905: „Gedichte an Karl Kraus geschickt.“ [Tb] Das waren zwei Manuskripte, das Gedicht „Das Opfer“ – entstanden 1893/94 in Paris, unter dem Titel „Mein Mädel“ [KSA 1/I, S. 546] zuerst am 11.3.1902 im „Simplicissimus“ veröffentlicht und nun in „leichter Überarbeitung“ [KSA 1/II, S. 1181] eingereicht – und das Lied „Revolution“ [KSA 1/III, 158] mit Noten, eine Neufassung des 1894 komponierten Liedes „Der Anarchist“ [vgl. KSA 1/III, S. 574-578], das zusammen mit dem Gedicht „Das Opfer“ im Erstdruck unter dem Titel „Revolution“ mit faksimilierten Noten in der „Fackel“ erschien [vgl. Frank Wedekind: Zwei Gedichte. In: Die Fackel, Jg. 6, Nr. 175, 17.2.1905, S. 22f.]. und nicht sehr aufregend.

Mit herzlichem Gruß und in großer Eile
Ihr
FrWedekind.

Einzelstellenkommentare

Wien, 28. Februar 1905 (Dienstag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 6.3.1905 in München:]


Von Kraus Honorarfür den Abdruck des Gedichts „Das Opfer“ und des Lieds „Revolution“ in der „Fackel“ [vgl. Frank Wedekind: Zwei Gedichte. In: Die Fackel, Jg. 6, Nr. 175, 17.2.1905, S. 22f.]. erhalten M. 50.

Einzelstellenkommentare

Wien, 7. März 1905 (Dienstag)
von Kraus, Karl, Hazany, Mizzi, Friedell, Egon, Janikowski, Ludwig von, Fakler, Fred und Nova, Adele
an Wedekind, Frank

Post-Karte.


An Herr Frank Wedekind
in München
Franz Josefstr. 42 |


Und ist erstZitat des ersten Verses der letzten Strophe aus Wedekinds Gedicht „Abschied“ (1903): „Und ist erst das Seelenleben entweibt“ [KSA 1/I, S. 528], das in der „Fackel“ erschienen war [vgl. Frank Wedekind: Zwei Gedichte. In: Die Fackel, Jg. 5, Nr. 143, 6.10.1903, S. 26]. das Seelenleben entweibt .....“
Janikowski


GRUSS AUS DEM ETABLISSEMENT RONACHERDie Bildpostkarte dürfte im bekannten Wiener Varietétheater Etablissement Ronacher (Wien I, Himmelpfortgasse 25) geschrieben worden sein [vgl. Nottscheid 2008, S. 136].

WIEN

VARIÉTÉ


Herzlichste Grüße in unbegrenzter Verehrung senden:
Karl Kraus


Fred Fakler


Mizzi Hazanynicht sicher zu entziffern; der Name wurde bisher unsicher als ‚Hartmann‘ gelesen [vgl. Nottscheid 2008, S. 30, 137].


[am linken Rand um 90 Grad gedreht:]

Egon Friedell


[am rechten Rand um 90 Grad gedreht:]

deine mit VerunglückteAnspielung auf die „Durchfallskatastrophe“ [Die Fackel, Jg. 3, Nr. 87, Ende November 1901, S. 26] der Eröffnungsvorstellung des literarischen Kabaretts Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin (Direktion: Felix Salten) am 16.11.1901 im Theater an der Wien, das nach wenigen Vorstellungen eingestellt wurde. Wedekind trug dort unter anderem seine Lieder „Brigitte B.“ und „Ilse“ vor [vgl. KSA 1/III, S. 468]. Karl Kraus, der seinerzeit die Presseresonanz kritisierte, meinte auch, es habe „das allergeringste Verständnis für die Individualität Wedekind’s [...] Herr Salten bewiesen, indem er ihn vor ein zweitausendköpfiges Publicum hinausstellte, dessen Anblick den an intimen Kneipabenden Bewährten nach seinem eigenen, vor Wiener Freunden abgelegten Geständnis völlig aus der Fassung gebracht hat.“ [Die Fackel, Jg. 3, Nr. 86, Mitte November 1901, S. 20] Adele Nova, Schauspielerin am Jantsch-Theater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 608] im Prater in Wien, soll seinerzeit in der Eröffnungsvorstellung des Varietés ebenfalls „aufgetreten“ [Nottscheid 2008, S. 137] sein; ihr Name ist im Programm [vgl. https://www.theatermuseum.at/onlinesammlung/detail/81854/] und in den Besprechungen allerdings nicht genannt. des lieben Augustin Nova

Einzelstellenkommentare

Wien, 28. April 1905 (Freitag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

Telegramm.


RP 10 = WEDEKIND MUENCHEN
FRANZ JOSEFSTR 42 = |


Kgl. Bayer. Telegraphenanstalt München.


Aufgegeben in Wien [...]


GESTERN ENDLICH LESEPROBE. SPIELPROBENProben für die von Karl Kraus veranstaltete Wiener Premiere von Wedekinds dreiaktiger Tragödie „Die Büchse der Pandora“ (1903), die am 29.5.1905 in geschlossener Vorstellung „auf der Bühne des Trianon-Theaters im Nestroyhof“ stattfand, „das Kraus für diesen Zweck gemietet hatte“ [Nottscheid 2008, S. 141]. ERST AB 5. MAJ. AUJFUEHRUNG ZWEITE HAELFTE MAJ. SIND SIE AB MONTAGab dem 1.5.1905; ein Besuch von Karl Kraus in München ist nicht belegt. MUENCHEN? KOMME VIELLEICHT FUER EINEN TAG HIN = HERZLICHST KRAUS.

Einzelstellenkommentare

Wien, 29. April 1905 (Samstag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 9.5.1905 aus München:]


In Ihrem letzten Telegramm [...]

Einzelstellenkommentare

Wien, 6. Mai 1905 (Samstag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 7.5.1905 in München:]


Karl Kraus schickt mir das Bild von Annie Kalmar.


[2. Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 9.5.1905 aus München:]


[...] Dank für das schöne Geschenk, das Sie mir mit dem Bilde von Annie Kalmar machen.

Einzelstellenkommentare

München, 9. Mai 1905 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Lieber Herr Kraus!

ich sage Ihnen meinen aufrichtigen herzlichen Dank für das schöne GeschenkWedekind notierte am 7.5.1905: „Karl Kraus schickt mir das Bild von Annie Kalmar.“ [Tb] Das Foto von Annie Kalmar (siehe unten) war Wedekind offenbar versprochen worden, nachdem Karl Kraus ihm am 27.3.1905 in Nürnberg zahlreiche Fotografien der Schauspielerin gezeigt hatte: „Karl Kraus zeigt mir fünfzig Bilder von Annie Kalmar.“ [Tb], das Sie mir mit dem Bilde von Annie KalmarIn Wedekinds Nachlass ist die übersandte Fotografie nicht überliefert, so dass unklar bleibt, um welches Bild es sich handelte. Karl Kraus, der die Schauspielerin Annie Kalmar 1899 in Wien kennenlernte, sich „Hals über Kopf“ [Pfäfflin/Dambacher 1999, S. 72] in sie verliebte, sie in der „Fackel“ rühmte [vgl. Pfäfflin/Dambacher 2001, passim], ihr 1900 ein Engagement am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg vermittelte, wo sie, schwer krank, am 2.5.1901 starb [vgl. Fischer 2020, S. 149-156, 1043], trieb einen „Kult um die Tote“ [Wagner 1987, S. 97], ließ ihr ein Grabdenkmal „aus dem Marmor“ [Pfäfflin/Dambacher 2001, S. 5] meißeln, veranlasste 1903 ihre Umbettung von Hamburg nach Wien, war im Besitz von zahlreichen Fotos von ihr, die er am 27.3.1905 Wedekind zeigte – „Karl Kraus zeigt mir fünfzig Bilder von Annie Kalmar“ [Tb] – und veröffentlichte eines davon zum 30. Todestag zusammen mit seinem Gedicht „Annie Kalmar“ in der „Fackel“ [vgl. Die Fackel, Jg. 33, Nr. 852-856, Mitte Mai 1931, S. 49]; zahlreiche Fotoporträts sowie ein zweites Exemplar der als Grabdenkmal geschaffenen Büste von ihr fanden sich nach seinem Tod (fotografisch dokumentiert) in Wohn- und Arbeitszimmer, Bibliothek und Schlafzimmer seiner Wohnung [vgl. Pfäfflin/Dambacher 1999, S. 22-31]. machen. Ich vermisse nur Ihre Widmung am Fuß des Bildes | die Sie jedenfalls nicht verweigern werden sobald Sie wieder in München sind.

Morgender 10.5.1905, an dem Wedekind seine Abreise nach Berlin um 22.10 Uhr notierte: „Packe meinen Koffer 10.10 nach Berlin“ [Tb]. fahre ich zur GerichtsverhandlungDer erste Prozess gegen Wedekind und seinen Verleger Bruno Cassirer, die des Vergehens gegen §184 (‚Verbreitung unzüchtiger Schriften‘) in der Buchausgabe „Die Büchse der Pandora. Tragödie in drei Aufzügen“ (1903) angeklagt waren, fand am 12.3.1905 vor dem Landgericht I in Berlin statt und endete mit einem Freispruch [vgl. KSA 3/II, S. 1153-1161], wie Wedekind notierte: „Gerichtsverhandlung in Berlin. Fahre um 9 Uhr ins Gerichtsgebäude in Moabit. [...] Verhandlung Freisprechung.“ [Tb] Die Staatsanwaltschaft des Reichsgerichts in Leipzig ging dagegen am 25.10.1905 in Revision und es kam am 10.1.1906 zum zweiten Prozess vor dem Landgericht II in Berlin [vgl. KSA 3/II, S. 1161-1181]. wegen B d. P nach Berlin. In Ihrem letzten Telegrammnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Wedekind, 29.4.1905. waren Sie so liebenswürdig mich über G. L. zu fragenKarl Kraus hatte Wedekind in einem nicht überlieferten Telegramm (siehe oben) offenbar gefragt, ob Grete Lorma, die bei der Uraufführung von „So ist das Leben“ am 22.2.1902 in München die Rolle der Prinzessin Alma gespielt hatte (siehe unten), als Darstellerin der Lulu in der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ am 29.5.1905 in Betracht komme. „Bis zum letzten Moment war unklar, wer die Rolle der Lulu [...] übernehmen würde.“ [Nottscheid 2008, S. 139] Grete Lorma war Schauspielerin am Raimund-Theater in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 602], ab Ende 1905 am Wiener Bürgertheater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 589]. Die Rolle der Lulu in der von Karl Kraus veranstalteten Wiener Inszenierung wurde dann kurzfristig mit Tilly Newes besetzt.. Nun muß man Ihnen darüber | in Wien ja eigentlich besser Auskunft geben können, denn ich habe die Dame schließlich nur sehr selten auf der BühneGrete Lorma (siehe oben) hatte in der Uraufführung von „So ist das Leben“ (Regie: Georg Stollberg) am 22.2.1902 im Münchner Schauspielhaus [vgl. KSA 4, S. 632, 635-637] die Rolle der Prinzessin Alma gespielt [vgl. Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 55, Nr. 90, 22.2.1902, General-Anzeiger, S. 1] und nur mäßige Kritiken bekommen (Wedekind selbst stand in einer Nebenrolle auf der Bühne): „Den Exkönig gab Herr Weigert [...], nur erschien und sprach er zu jugendlich, so daß man an die erwachsene Tochter nicht recht glauben konnte. Diese Tochter gab Fräulein Lorma ganz hübsch, aber noch erheblich farbloser, als die Gestalt schon dem Dichter gerathen ist“ [Hanns von Gumppenberg: Münchner Schauspielhaus. Zum ersten Male: So ist das Leben. Schauspiel in fünf Akten von Frank Wedekind. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 55, Nr. 93, 25.2.1902, Vorabendblatt, S. 1-2]. „Grete Lorma jammerte die Königstochter Alma ganz passabel.“ [Münchener Ratsch-Kathl, Jg. 14, Nr. 17, 26.2.1905, S. (6)] Das Stück wurde rasch abgesetzt. Nach der Uraufführung fanden nur vier weitere Vorstellungen statt (am 23.2.1902, 3.3.1902, 8.3.1902 und 11.3.1902). gesehen und das sind jetzt schon vier oder fünf Jahre her. In dieser Zeit kann man ja allerhand lernen.

Übrigens habe ich in Stuttgart neulich die BekanntschaftWedekind hat am 15.4.1905 in Stuttgart Berthe Marie Denk kennengelernt, die im selben Hotel wie er logierte und mit ihm brieflich unter Hinweis auf ihre Lektüre der „Büchse der Pandora“ Kontakt aufnahm [vgl. Berthe Marie Denk an Wedekind, 14.4.1905]; sie trafen sich [vgl. Tb] – der Beginn einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung. einer entzückenden | Wienerin gemacht, von der ich Ihnen bei unserer/m/ nächsten Zusammentreffen allerhand zu erzählen haben werde. Sie hat sich auch mit dem Problem Lulu beschäftigtEs ging um die bis zuletzt unklare Besetzung der Lulu in der Wiener Premiere (siehe oben). Wedekind „liebäugelte“ [Fischer 2020, S. 128] mit Berthe Marie Denk für diese Rolle. Er hatte allerdings soeben einen Brief von Berthe Marie Denk mit ihrer Erklärung zur Darstellung der Lulu in „Die Büchse der Pandora“ erhalten – mit dem Hinweis, ihr nicht Karl Kraus zu schicken [vgl. Berthe Marie Denk an Wedekind, 8.5.1905], der „etwa 1902 zu ihr in engere Beziehung getreten“ war, „was Wedekind nicht wusste“ [Fischer 2020, S. 128]., gesteht aber selber der Rolle, auf der Bühne wenigstens, nicht gewachsen zu sein.

Ich freue mich sehr darauf, Sie bald wiederzusehenWedekind hat Karl Kraus dem Tagebuch zufolge nachweislich zuletzt in Nürnberg getroffen – am 26.3.1905 („Karl Kraus kommt von Wien“) und 27.3.1905 („Karl Kraus zeigt mir fünfzig Bilder von Annie Kalmar“). Ein Besuch von Karl Kraus in München ab dem 1.5.1905 [vgl. Karl Kraus an Wedekind, 28.4.1905] ist nicht belegt..

Nochmals tausend Dank

Mit herzlichen Grüßen
Ihr

FrWedekind.


9.V.5.

Einzelstellenkommentare

Wien, 12. Mai 1905 (Freitag)
von Kraus, Karl, Friedell, Egon und Heine, Albert
an Wedekind, Frank

Correspondenz-Karte.


Herrn Frank Wedekind
München
Franz Josefstraße 42 |


Etablissement
K. K. VOLKSGARTEN

Restaurant und Café
JOHANN SEIDL.

Vornehmstes RestaurantDie Bildpostkarte dürfte im Restaurant im Volksgarten (Inhaber: Johann Seidl), ein „Vergnügungs-Etablissement ersten Ranges“ [Lehmanns Allgemeiner Wohnungsanzeiger für Wien 1905, Bd. 1, Teil IV, S. 1762], geschrieben worden sein..


WIEN


Viele herzlichste Grüße von Ihrem Kraus


UnbekannterweiseWedekind hatte Albert Heine, Schauspieler am Wiener Burgtheater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 593], der in der Wiener Inszenierung „Die Büchse der Pandora“ (siehe unten) Regie führte und die Rolle des Schigolch spielte [vgl. Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 15], noch nicht persönlich kennengelernt. sagt Gruß Albert Heine


Egon FriedellEgon Friedell spielte in der Wiener Inszenierung „Die Büchse der Pandora“ (siehe unten) den Polizeikommissär [vgl. Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 15].


Fassungsraum 4000 Personen.


Es wird flott geprobt!Die Bemerkung von Karl Kraus bezieht sich auf die Proben zu der von ihm am 29.5.1905 veranstalteten Premiere von Wedekinds dreiaktiger Tragödie „Die Büchse der Pandora“, die in geschlossener Vorstellung „auf der Bühne des Trianon-Theaters im Nestroyhof“ stattfand, „das Kraus für diesen Zweck gemietet hatte“ [Nottscheid 2008, S. 141].

Einzelstellenkommentare

München, 31. Mai 1905 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Lieber Herr Kraus!

Um keine Zeit zu verlieren schicke ich Ihnen heute nurWedekind hat in einem nicht überlieferten Telegramm [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 31.5.1905] einen Dankesbrief an alle Mitwirkenden der Wiener Premiere seiner Tragödie „Die Büchse der Pandora“ angekündigt, auf den er hier anspielt, der dann in einer ersten Fassung verloren ging [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 1.6.1905] und Karl Kraus erst in einer Neufassung erreichte [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 3.6.1905]. den Zoologendas (verschollene) Manuskript des Gedichts „Der Zoologe von Berlin“ [KSA 1/I, S. 535f.], das Karl Kraus zusammen mit dem Gedicht „Ave Melitta!“ in der „Fackel“ veröffentlichte [vgl. Frank Wedekind: Zwei Gedichte. Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 23-26], sein Erstdruck [vgl. KSA 1/II, S. 1296f.]. Das „Fackel“-Heft enthält weitere Beiträge zu Wedekind, die Eröffnungsrede „Die Büchse der Pandora“ von Karl Kraus zur Wiener Premiere der Tragödie am 29.5.1905, den faksimilierten Theaterzettel zu dieser Vorstellung, Wedekinds offenen Dankesbrief an alle an der Inszenierung seiner Tragödie Beteiligten, Pressestimmen zu der Inszenierung sowie die Ankündigung einer weiteren Vorstellung [vgl. Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 1-18, 28].. Würden Sie mir vielleicht per Carte auch die Adressen von Ed|hoferSchreibversehen, statt: Edthofer. Anton Edthofer in Nürnberg (Obere Wörthstraße 24), Schauspieler am Nürnberger Intimen Theater (Direktion: Emil Meßthaler) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 516], wo Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ am 1.2.1904 uraufgeführt worden war, spielte in der Wiener Premiere der Tragödie am 29.5.1905 die Rolle des Marquis Casti-Piani, die in der zweiten Vorstellung am 15.6.1905 von Arnold Korff, Schauspieler am Wiener Burgtheater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 593], übernommen wurde, der in beiden Vorstellungen auch den Privatdozenten Dr. Hilti spielte [vgl. Kraus 1920, S. 113]; die Gründe für den Wechsel in der Rollenbesetzung sind nicht bekannt. und PotofSchreibversehen, statt: Potthoff. Dr. phil. Ossip Demetrius Potthoff (Wien IX, Garnisonsgasse 18), Schauspieler am Deutschen Volkstheater in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 600], hatte in der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ am 29.5.1905 die Rolle des Alwa Schön gespielt; mit der Darstellung dieser Figur war Wedekind einer späteren Erinnerung von Karl Kraus zufolge „unzufrieden“ [Nottscheid 2008, S. 140]. Karl Kraus schilderte eine „Auseinandersetzung zwischen Wedekind“ und Potthoff um die Sprechweise der Alwa-Figur vor Lulus Pierrot-Porträt „während der Generalprobe“ [Nottscheid 2008, S. 150]: „Daß der unzulängliche Darsteller des Alwa die fast feierliche Ansprache an das Bild im dritten Akt halbwegs möglich, nämlich mit Pathos sprach, schien er schlechthin nicht ertragen zu können.“ [Die Fackel, Jg. 27, Nr. 691-696, Juli 1925, S. 53]. mittheilen. Ich sehe ein daß ich keine keineSchreibversehen, statt: keine. – Im Erstdruck ist die Wortwiederholung nicht reproduziert. Ausnahmenkeine Ausnahmen – Anschreiben an die einzelnen Ensemblemitglieder der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ am 29.5.1905 betreffend. Wedekind plante offenbar, wie Karl Kraus in einer Fußnote zum Erstdruck des vorliegenden Briefes anmerkte, allen „Mitwirkenden an der Aufführung der ‚Büchse der Pandora‘ [...] ein besonderes Dankschreiben“ [Kraus 1920, S. 112] zukommen zu lassen – zusätzlich zum offenen Dankesbrief an alle an der Inszenierung seiner Tragödie Beteiligten [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 3.6.1905]; überliefert sind lediglich entsprechende Briefe Wedekinds an die Lulu-Darstellerin Tilly Newes [vgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 4.6.1905] und an die Darstellerin der Gräfin Geschwitz [vgl. Wedekind an Adele Sandrock 5.6.1905]. machen darf.

Herzliche Grüße
Ihr
Frank Wedekind.


31.V.5.

Einzelstellenkommentare

München, 31. Mai 1905 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

[Hinweis von Karl Kraus (Kraus 1920, S. 112):]


Der telegraphisch angekündigte Dankbrief [...] war nicht eingetroffen.

Einzelstellenkommentare

München, 1. Juni 1905 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

[1. Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 3.6.1905 aus München:]


[...] das erste Mal dasSchreibversehen, statt: daß. mir ein Brief verloren geht!


[2. Hinweis von Karl Kraus (Kraus 1920, S. 112):]


Der telegraphisch angekündigte Dankbrief an die Gesamtheit der Mitwirkendenan der Premiere „Die Büchse der Pandora“ im Trianon-Theater in Wien am 29.5.1905; das waren Tilly Newes, Adele Sandrock, Adele Nova, Ida Orloff, Dolores Stadlon, Claire Sitty, Irma Karczewska, Ossip Demetrius Potthof, Alexander Rottmann, Albert Heine, Arnold Korff, Tony Schwanau, Anton Edthofer, Gustav d’Olbert, Wilhelm Appelt, Egon Friedell, Ludwig Ströb sowie nicht zuletzt Karl Kraus (er hatte die Inszenierung ermöglicht und die Rolle des Kungu Poti gespielt), außerdem der Maler Carl Leopold Hollitzer (er schuf das Gemälde von Lulu im Pierrot-Kostüm) [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 3.6.1906]. war nicht eingetroffen.

Einzelstellenkommentare

München, 3. Juni 1905 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Lieber Herr Kraus,

hier ist der Brief wieder. Die ursprüngliche Fassungnicht überlieferter Brief; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Karl Kraus, 1.6.1905. ‒ Karl Kraus merkte im Erstdruck an: „Der telegraphisch angekündigte Dankbrief an die Gesamtheit der Mitwirkenden war nicht eingetroffen.“ [Kraus 1920, S. 112] war besser und frischer. Ich verstehe den Vorfall nicht; das erste Mal dasSchreibversehen, statt: Mal, daß. – Karl Kraus hat die Korrektur im Erstdruck ausgeführt. mir ein Brief verloren geht! Und nun gerade dieser! Ich hab ihn mit einem andern zusammen selbst | in den KastenBriefkasten. geworfen. Dessen bin ich vollkommen sicher. Was werden Sie über mein vollständiges Schweigen gedacht haben!

In Eile Ihr
Wedekind.


[Beilage:]


Lieber Herr Kraus!

Die Aufführung der „Büchse der Pandora“ in Wien, die Sie mit Aufbietung so großer künstlerischer Arbeit und einer Energie ins Werk setztenKarl Kraus veranstaltete die Wiener Premiere von Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ (1903), die als geschlossene Vorstellung „vor geladenem Publikum“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 15] am 29.5.1905 stattfand (eine zweite Vorstellung am 15.6.1905), in einem Trianon-Theater genannten Saal im Nestroyhof (Wien II, Praterstraße 34) [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien, Bd. 1, Teil I, S. 70], den er „für diesen Zweck gemietet hatte.“ [Nottscheid 2008, S. 141] Das war eine Bühne „mit etwa vierhundert Plätzen“ [Fischer 2020, S. 127], die erst hergerichtet und die Schauspielerinnen und Schauspieler erst gewonnen werden mussten. Karl Kraus fand dabei zwar Unterstützung, trug aber (auch finanziell) „die Hauptlast der Vorbereitungen“ [Nottscheid 2008, S. 142]. Er äußerte sich später über seinen „Anteil“ an der Inszenierung: Es habe ihm „in keinem Augenblick leid getan, mich in die Sache eingelassen zu haben“; es „war mir innerhalb eines Monates so wenig Zeit gegönnt wie zum Schlafengehen, denn ich war [...] Theaterdirektor, Mitregisseur, Dramaturg, Schauspieler und Conferencier, und als Theaterdirektor hatte ich es nicht etwa mit dem Ensemble und dem Inventar einer vorhandenen Bühne zu tun, sondern ich mußte einen Saal in ein Theater verwandeln, und außer den Schauspielern, die zwanzig verschiedenen Ensembles angehörten und zum Teil im Ausland wirkten, die Kulissen, die Dekorationen, die Kostüme, die Perücken, die Schminktöpfe und den Souffleurkasten zur Stelle schaffen.“ [Die Fackel, Jg. 14, Nr. 370-371, 5.3.1913, S. 26] Karl Kraus, der auch die kleine Rolle des Kungu Poti spielte, sprach vor Beginn der Vorstellung eine im Programmzettel „Vorlesung“ genannte „Einleitung zu der Aufführung“ unter dem Titel „Die Büchse der Pandora“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 1-15], zu der Wedekind am 28.5.1905, dem Vorabend der Premiere, notierte: „Kraus liest mir seine Conference vor.“ [Tb], um die ich Sie stets beneiden werde, ist ganz ohne Zweifel einer der bedeutungsvollsten Zeitpunkte in der Entwicklung meiner literarischen Thätigkeit. Der uneingeschrenkteSchreibversehen, statt: uneingeschränkte. – Karl Kraus hat die Korrektur 1905 im Erstdruck und im Druck von 1920 ausgeführt. Beifall, der der Vorstellung folgte, löste bei mir ein Empfinden der seelischen Erleichterung aus, für das ich wol Zeit meines Lebens Ihr Schuldner | bleiben werde.

Darf ich Sie nun aber auch bitten, unseren verehrten lieben Künstlern und Künstlerinnen, und KünstlernKarl Kraus hat in der „Fackel“ den Programmzettel der Wiener „Büchse der Pandora“-Inszenierung – der „Besetzungszettel ist legendär“ [Fischer 2020, S. 128] – faksimiliert abgedruckt, Kopf: „TRIANON-THEATER (Nestroyhof) Wien, 29. Mai 1905“, abschließend die Hinweise: „Der erste Akt spielt in Deutschland, der zweite in Paris, der dritte in London. Die Vorstellung findet vor geladenem Publikum statt. Anfang präzise ½8 Uhr“, dazwischen vor dem Personenverzeichnis: „Einleitende Vorlesung von Karl Kraus“, dann: „Hierauf: DIE BÜCHSE DER PANDORA Tragödie in drei Aufzügen von Frank Wedekind. Regie: Albert Heine.“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 15] Die Darstellerinnen und Darsteller sind im Personenverzeichnis in dieser Reihenfolge aufgeführt: Tilly Newes („Lulu“), Ossip Demetrius Potthof („Alwa Schön“), Alexander Rottmann („Rodrigo Quast, Athlet“), Albert Heine („Schigolch“), Tony Schwanau („Alfred Hugenberg, Zögling einer Korrektionsanstalt“), Adele Sandrock („Die Gräfin Geschwitz“), Anton Edthofer („Marquis Casti-Piani“), Gustav d’ Olbert („Bankier Puntschu“), Wilhelm Appelt („Journalist Heilmann“), Adele Nova („Magelone“), Ida Orloff („Kadéga di Santa Croce, ihre Tochter“), Dolores Stadlon („Bianetta Gazil“), Claire Sitty („Ludmilla Steinherz“), Irma Karczewska („Bob, Groom“), Egon Friedell („Ein Polizeikommissär“), Ludwig Ströb („Herr Hunidey“), Karl Kraus („Kungu Poti, kaiserlicher Prinz von Uahubee“), Arnold Korff („Dr. Hilti, Privatdozent“), Frank Wedekind („Jack“)., die in so selbstloser Weise ihre Zeit und ihr Können in den Dienst der Aufführung stellten und deren prachtvolle Gestaltungen in allererster Linie den Beifall hervorriefen, meinen aufrichtigen und herzlichen Dank aussprechen zu wollen. Ich bitte Sie, denKarl Kraus hat 1905 im Erstdruck und im Druck von 1920 ergänzt: Sie – in der Reihenfolge des Verzeichnisses –, den. Damen Tilly NewesTilly Newes, die in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle der Lulu spielte, war Schauspielerin am Kaiserjubiläums-Stadttheater in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 603]; sie sollte zuerst die „Hosenrolle“ des fünfzehnjährigen Liftboy Bob“ [Wedekind 1969, S. 40] spielen, die dann Ida Orloff übernahm, da die Rolle der Lulu, deren Besetzung das „schwierigste Problem bei den Vorbereitungen“ [Fischer 2020, S. 1289] und lange unklar war, wer sie spielen könne, mit ihr besetzt wurde, die, wie sie später schrieb, „entscheidend für mein ganzes Leben werden sollte.“ [Wedekind 1969, S. 40] Ein persönlicher Dankbrief an sie ist erhalten [vgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 4.6.1905]. Wedekind heiratete sie am 1.5.1906 in Berlin., Adele SandrockAdele Sandrock, die in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle der lesbischen Gräfin Geschwitz spielte, war Schauspielerin am Kaiserjubiläums-Stadttheater in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 603]; sie hatte einen großen Namen noch von ihrer Zeit am Burgtheater her, war aber nicht einfach. Karl Kraus merkte zur zweiten Vorstellung am 15.6.1905 an: „Jene war noch in letzter Stunde in Frage gestellt, da morgens eine Absage der großartigen Darstellerin der Geschwitz eingelangt war. Albert Heines und meiner Anstrengung gelang es schließlich, Adele Sandrock, die unter allerlei Einflüssen die Mitwirkung, und zwar aus Sittlichkeitsgründen, verweigern wollte, zum Auftreten zu bestimmen, das zugleich ihr Abschied von einem dem großen Theater fremd gewordenen Wien war.“ [Kraus 1920, S. 115] Sie ging dann nach Berlin. Beim Wiederabdruck seiner Conference (siehe oben) erinnerte er auch an die eigenwillige Schauspielerin „Adele Sandrock (die am Tage der zweiten Aufführung aus Moralgründen einen ihrer außerordentlichsten Erfolge vereiteln wollte)“ [Die Fackel, Jg. 27, Nr. 691-696, Juli 1925, S. 43]. Ein persönlicher Dankbrief an sie ist überliefert [vgl. Wedekind an Adele Sandrock, 5.6.1905]., Adele NovaAdele Nova, die in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle der Magelone (1903 in der Buchausgabe: Madelaine de Marelle) spielte, war Schauspielerin am Jantsch-Theater in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 608]., Iduschka OrloffIda Orloff, die in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle der Kadéga di Santa Croce (später: Kadidja) spielte, im Theaterzettel „Iduschka Orloff“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 15], mit Tilly Newes befreundet, im Frühjahr 1905 noch in der von Albert Heine geleiteten Schauspielschule am Burgtheater „seine begabteste Schülerin“ [Wedekind 1969, S. 40], die er als Regisseur für die Rolle engagierte, wurde dann Schauspielerin am Lessingtheater in Berlin (Direktion: Otto Brahm) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 274] – ein Karrieresprung. Der Direktor saß im Publikum und Ida Orloff hat „einen solchen Eindruck auf den Zuschauer Otto Brahm“ gemacht, „daß er sie nach Berlin holt.“ [Leppmann 1989, S. 239] Durch ihren Auftritt in der Privatvorstellung „Die Büchse der Pandora“ in Wien – so Tilly Wedekind im Rückblick – „ergab sich damals für sie ein Engagement nach Berlin“ [Wedekind 1969, S. 40, Dolores StadlonDolores Stadlon spielte in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle der Bianetta Gazil; über sie ist Näheres nicht bekannt., Claire Sitty,Schreibversehen (überflüssiges Komma), statt: Sitty. – Karl Kraus hat die Korrektur 1905 im Erstdruck und im Druck von 1920 ausgeführt. Claire Sitty, die in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle der Ludmilla Steinherz spielte, war Schauspielerin am Theater in der Josefstadt in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 607]. und Irma KarczewskaIrma Karczewska, die in der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle des Bob spielte, eine ‚femme enfant‘, zu der Karl Kraus „eine besondere Neigung“ [Fischer 2020, S. 157] hatte und sie „später an das Cabaret ‚Nachtlicht‘ vermittelte“ [Wagner 1987, S. 136], hatte Karl Kraus wohl „unmittelbar während der Vorbereitung der Aufführung“ [Fischer 2020, S. 158] kennengelernt; er schätzte sie sehr und nannte sie „ein ungewöhnlich begabtes Geschöpf, auf dessen Entdeckung für die Bühne – sie trat vor einem Jahr in der ‚Büchse der Pandora‘ auf – ich stolz bin: die kleine Ingrid Loris (Irma Karczewska), die mit einem Blick ins Publikum mehr Leben in die Bude bringt als ein Dutzend ausgewachsener Chansonnièren mit einem Repertoire wohlstudierter Gesänge.“ [Die Fackel, Jg. 8, Nr. 203, 12.5.1906, S. 19], so wieSchreibversehen, statt: sowie. – Karl Kraus hat die Korrektur 1905 im Erstdruck und im Druck von 1920 ausgeführt. den Herren O. D. PotoffSchreibversehen, statt: Potthoff. – Karl Kraus hat die Korrektur 1905 im Erstdruck und im Druck von 1920 ausgeführt. Dr. phil. Ossip Demetrius Potthoff, der in der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle des Alwa Schön spielte, im Theaterzettel unter seinem Pseudonym „O. D. Potthof“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 15] ausgewiesen, war Schauspieler am Deutschen Volkstheater in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 600]., Alexander RottmannAlexander Rottmann, der in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle des Athleten Rodrigo Quast spielte, war Schauspieler am Kaiserjubiläums-Stadttheater in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 603]., Albert HeineAlbert Heine, der in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Regie führte und die Rolle des Schigolch spielte, war Schauspieler am Wiener Burgtheater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 593]., Arnold KorffArnold Korff, der in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle des Privatdozenten Dr. Hilti spielte, war Schauspieler am Wiener Burgtheater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 593]. In der zweiten Wiener Vorstellung am 15.6.1905 übernahm er zusätzlich die Rolle des Marquis Casti-Piani (1903 in der Buchausgabe: Graf Casti Piani). Karl Kraus merkte im Erstdruck dazu an: „Spielte in der zweiten Aufführung außer dem Dr. Hilti auch den Casti Piani.“ [Kraus 1920, S. 113], Tony SchwanauAnton (Toni) Schwanau, der in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle des Alfred Hugenberg spielte, im Theaterzettel „Tony Schwanau“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 15], der am Intimen Theater in Wien aufgetreten ist [vgl. Deutsches Volksblatt, Jg. 16, Nr. 5700, 15.11.1904, Morgen-Ausgabe, S. 10] und im Frühjahr 1905 wohl ohne Engagement, war dann als Schauspieler am Stadttheater in Bonn (Direktion: Otto Beck) engagiert [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 304], kehrte aber nach Wien zurück und spielte am Theater in der Josefstadt [vgl. Neuer Theater-Almanach 1907, S. 622]., | Anton EdthoferAnton Edthofer, der in der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle des Marquis Casti-Piani (1903 in der Buchausgabe: Graf Casti Piani) spielte, war Schauspieler am Intimen Theater in Nürnberg [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 516], wo unter der Regie von Emil Meßthaler Wedekinds Tragödie am 1.2.1904 uraufgeführt worden war. Die Rolle des Casti Piani übernahm in der zweiten Wiener Vorstellung am 15.6.1905 Arnold Korff., Gustav d’OlbertGustav d’Olbert, der in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle des Bankiers Puntschu spielte, war Schauspieler am Jantsch-Theater in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 608]., Wilhelm AppeltWilhelm Appelt, der in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle des Journalisten Heilmann spielte, war Schauspieler am Wiener Kaiserjubiläums-Stadttheater sowie am Intimen Theater in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 603, 610]., Egon FridellSchreibversehen, statt: Friedell. – Karl Kraus hat die Korrektur im Druck von 1920 ausgeführt, nicht aber 1905 im Erstdruck; im faksimiliert wiedergegebenen Theaterzettel zur Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) ist der Name „Egon Fridell“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 15] geschrieben. Dr. phil. Egon Friedell, Journalist und Essayist, der die Rolle des Polizeikommissärs spielte, stand in der Wiener Premiere von Wedekinds Tragödie am 29.5.1905 als „Hobbyschauspieler“ auf der Bühne, „Karl Kraus bei der Vorbereitung dieser Aufführung assistierend und ihm damals recht eng verbunden.“ [Fischer 2020, S. 130], Ludwig StröbLudwig Ströb, der in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle des Herrn Hunidey (1903 in der Buchausgabe: Mr. Hopkins) spielte, war Theaterinspizient und Schauspieler am Kaiserjubiläums-Stadttheater in Wien [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 603]. und nicht in letzter Linie sich selbstKarl Kraus spielte in der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) die Rolle des „Negerprinzen“ [Wedekind 1969, S. 40] Kungu Poti, an die Berthold Viertel, der im Publikum saß, sich erinnerte: „Woran ich mich erinnere, ist das sprungartige Auftreten und Abgehen der grotesken Figur, das Grinsen des pausbäckigen Knabengesichts unter der dunklen Schminke, die weißen blitzenden Zähne in diesem Gesicht und die jähe ausfahrende Bewegung des langen Armes beim Niederschlagen Alwas, nicht zuletzt aber die naiv-sinnliche Galanterie, die mit der Brutalität des Ungeheuers zusammen ging. Es war etwas Grauenhaftes, aber auch Frechheit und Witz in dieser blitzschnellen Szene.“ [Nachlassmanuskript, zit. nach: Fischer 2020, S. 132] Karl Kraus bezog die Stelle auf Wedekind, der die Rolle des Frauenmörders Jack spielte, und merkte im Erstdruck dazu an: „An erster Stelle unter den Mitwirkenden stand Frank Wedekind als Jack, den er mit einer ruhigen und umso furchtbareren Sachlichkeit sprach.“ [Kraus 1920, S. 113] den Ausdruck meiner Verehrung und steten Dankbarkeit zu übermitteln. Wollen Sie bitte Herrn HofschauspielerSchreibversehen, statt: Hofburgschauspieler. – Karl Kraus hat die Korrektur 1905 im Erstdruck und im Druck von 1920 ausgeführt. Das Burgtheater in Wien hieß offiziell „K. K. Hofburgtheater“ [Neuer Theater-Almanach 1905, S. 591]. Heine für seine herrliche Regie und Herrn Kunstmaler Hollitzer für die künstlerische FörderungCarl Leopold Hollitzer hat für die Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ (siehe oben) das Lulu-Porträt als Pierrot gemalt. Karl Kraus merkte im Erstdruck dazu an: „Hatte sein Atelier als Raum für die ersten Proben zur Verfügung gestellt und das Porträt der Lulu im Pierrotkostüm, ein Requisit der Handlung, angefertigt.“ [Kraus 1920, S. 114], die er der Aufführung zutheil werden ließ, noch ganz besonders die Hand drücken.

In Verehrung und Ergebenheit
München, den 3. Juni 1905
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Wien, 4. Juni 1905 (Sonntag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 5.6.1905 aus München:]


[...] ich [...] danke Ihnen für Ihre freundliche Einladung.

Einzelstellenkommentare

München, 5. Juni 1905 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Lieber Herr Kraus!

Das ist ja ausgezeichnet. Selbstverständlich bin ich mit allem einverstanden und danke Ihnen für Ihre freundliche Einladungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Karl Kraus an Wedekind, 4.6.1905. ‒ Karl Kraus dürfte Wedekind zu der nach der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ vom 29.5.1905 zweiten Vorstellung eingeladen haben, die am 15.6.1905 stattfand. In der „Fackel“ war am 9.6.1905 angekündigt: „Eine Wiederholung der ‚Büchse der Pandora‘ vor geladenen Gästen wird zwischen 14. und 17. Juni stattfinden, wenn es gelingt, ihr die Mitwirkung aller jener Kräfte zu sichern, die an der ersten Vorstellung beteiligt waren und von denen manche sich zur Zeit außerhalb Wiens aufhalten. Die Kostenbeiträge werden mit 12, 8 und 4 Kronen bemessen sein. Alle jene, die die Vorstellung, in der der Dichter wieder selbst auftreten wird, zu sehen wünschen, werden ersucht, bis zum 11. Juni dem Verlag der ‚Fackel‘, IV. Schwindgasse 3 bekanntzugeben, daß und zu welchem Preise sie (auf Namen lautende) Eintrittskarten zu beziehen wünschen, und ihre genaue Adresse mitzuteilen. Nach dem 11. Juni erfolgt dann eventuell die Einladung, bezw. die Billetausgabe. Bis dahin kann kein Geldbetrag entgegengenommen werden.“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 28] Karl Kraus dürfte Wedekind zugleich dazu eingeladen haben, in Wien wieder bei ihm zu logieren, was dieser annahm (siehe unten).. Nur glaube ich nicht, daß ich bis 14.bis zum 14.6.1905. Wedekind arbeitete unter Hochdruck an seinem Einakter „Totentanz“ [vgl. KSA 6, S. 613-616], zu dem er am 10.6.1905 notierte: „Totentanz beendet.“ [Tb] Er reiste am 13.6.1905 von München ab – „Abends Abfahrt nach Wien“ [Tb] – und traf am 14.6.1905 morgens in Wien ein, wo er seinen Einakter abends im Restaurant im Volksgarten Karl Kraus und Berthe Marie Denk vorlas: „Ankunft in Wien. Ich wohne bei Karl Kraus. [...] Wir nachtmahlen mit Bertha Denk im Volksgarten. Ich lese Totentanz vor.“ [Tb] den Einakter fertig habe. Die Arbeit geht jetzt ganz verzweifelt langsam vorwärts. Ich gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrem TriumphKarl Kraus erreichte nach der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“, die am 29.5.1905 „vor geladenem Publikum“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 15] stattfand, wie auf dem Theaterzettel angegeben ist, bei der Zensur auch die Freigabe einer weiteren geschlossenen Vorstellung, die am 15.6.1905 gespielt wurde. Er hatte sie „durchgesetzt“ [Kraus 1920, S. 115]. über Statthalterei und Polizei„Die Theaterzensur in Wien wurde in Kooperation zwischen der örtlichen Polizeibehörde und der k.k. niederösterreichischen Statthalterein ausgeübt. Durch die Theater eingereichte Stücke wurden zunächst von der Polizei geprüft und von dieser [...] an das Büro des Statthalters weitergeleitet, dem die letzte Entscheidung oblag.“ [Nottscheid 2008, S. 143]. Also auf baldiges Wiedersehen!

Mit herzlichstem Gruße
Ihr Frank Wedekind.


5.6.5.

Einzelstellenkommentare

Wien, 19. Juni 1905 (Montag)
von Kraus, Karl und Hollitzer, Carl Leopold
an Wedekind, Frank

Postkarte.


Herrn Frank Wedekind
in München
Wohnung Franz Josefstraße 42
Straße u. Hausnummer. |


Café Reklamedas Café Reklame (Wien II, Taborstraße 1) [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungsanzeiger für Wien 1905, Bd. 1, Teil IV, S. 1048], „das bekannte Vergnügungs-Etablissement Café Reklame, Leopoldstadt, Taborstraße 1 (an der Ferdinandsbrücke)“ [Wiener Allgemeine Zeitung, Nr. 8312, 3.12.1905, S. 3], das Varietéprogramm bot; dort dürfte Joe Beckles (Motiv der Bildpostkarte) auf seiner Gastspielreise durch Europa 1905 in Wien engagiert gewesen sein. Die vorliegende sowie die folgende Bildpostkarte [vgl. Karl Kraus an Wedekind, 21.6.1905] wurden hier geschrieben [vgl. Nottscheid 2008, S. 144]. Wedekind hat das Café Reklame nach der zweiten von Karl Kraus realisierten Vorstellung der „Büchse der Pandora“ mit Alexander Rottmann, der den Athleten Rodrigo Quast gespielt hat und wie weitere an der Inszenierung Beteiligte (Wilhelm Appelt, Tilly Newes, Adele Sandrock, Ludwig Ströb) am Wiener Kaiserjubiläums-Stadttheater engagiert war [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 603], sowie Carl Leopold Hollitzer, der das Lulu-Porträt im Pierrot-Kostüm für die Wiener Inszenierung gemalt hat, am 15.6.1905 besucht: „Rottmann Hollitzer und ich gehen ins Café Reclame.“ [Tb] – Dieses Café Reklame kann leicht verwechselt werden mit dem gleichnamigen Kaffeehaus, das am 15.11.1905 ganz in der Nähe eröffnet wurde: „(Im Nestroyhofe,) Leopoldstadt, Praterstraßs 34, vis-a-vis dem Carl-Theater, wurde Mittwoch den 15. d. das Café Reklame eröffnet. Das Kaffeehaus ist mit allem Komfort der Neuzeit auf das eleganteste ausgestattet und es liegen dort die gelesensten Journale des In- und Auslandes aus. Für die Besucher des Carl-Theaters und des im Hause befindlichen Intimen Theaters wird das Café Reklame zweifellos bald ein Rendezvousort comme il faut werden.“ [Wiener Allgemeine Zeitung, Nr. 8298, 17.11.1905, S. 2].

Viele herzliche Grüße
Kraus


Die besten Grüsse von C Hollitzer


Joe Beckles
American Negro-Comiker

Einzelstellenkommentare

München, 20. Juni 1905 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

[1. Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 20.6.1905 in München:]


Totentanz abgeschrieben und an Kraus geschickt.


[2. Hinweis in Wedekinds Brief an Karl Kraus vom 23.6.1905 aus München:]


Den Totentanz werden Sie erhalten haben.

Einzelstellenkommentare

Wien, 21. Juni 1905 (Mittwoch)
von Kraus, Karl, Schuch, Erich, [Nachname], Eleonore, Kohn, Alois und Hansi, [Fräulein]
an Wedekind, Frank

Postkarte.


Herrn Frank Wedekind
in München
Wohnung Franz Josefstraße 42
Straße u. Hausnummer. |


Ungrad StegreifsängerAlois (Louis) Kohn; zunächst annonciert unter seinem richtigen Namen und seinem Pseudonym – „des besten Stegreifsängers Louis Kohn, genannt: ‚Herr Ungrad‘“ [Illustrirtes Wiener Extrablatt, Jg. 30, Nr. 13, 13.1.1901, S. 10] – firmierte der „Ungrad-Loisl“ [Der Ungrad-Loisl lebt. In: Neues Wiener Tagblatt, Jg. 59, Nr. 21, 21.1.1925, S. 9], der in Wien eine der „populärsten Persönlichkeiten aus der Vorkriegszeit“ war, „der eigentlich Alois Kohn hieß“ und „aus der ungarischen Puszta“ stammte, „von einer vorbeiziehenden Zirkustruppe als Clown mitgenommen“ nach Wien kam, hier durch „seine originellen Reime auf bekannte Persönlichkeiten [...] große Beliebtheit“ errang, nur noch als „Ungrad, der sich seinen Künstlernamen in Selbstironie nach seiner Gestalt – er war bucklig – beigelegt hatte“ [Loisl Ungrad gestorben. In: Neues Wiener Journal, Jg. 33, Nr. 11.441, 28.9.1925, S. 2]; dieser „Urwiener“ und „bucklige Heurigendichter“ [Anton Kuh: Ein totgesagter und ein wirklich gestorbener Volkssänger. Loisl Ungrad – Josef Bauer. In: Die Bühne, Jg. 2, Nr. 3, 5.2.1925, S. 35] war ein Wiener Original und „der bekannteste Stegreifsänger Wiens“ [A. D.G.: Wiener Originale. XXVII. „Ungrad.“ In: Neues Wiener Journal, Jg. 14, Nr. 4571, 15.7.1906, S. 2], der auch im Café Reklame (siehe unten) auftrat.


Karl Kraus


[um 90 Grad gedreht:]

Frl. Hansinicht eindeutig identifiziert (möglicherweise die Wiener Soubrette Hansi Führer).. Sängerin.


[um 90 Grad gedreht:]

Erich Schuchnicht sicher zu entziffernder Namenszug (Person nicht identifiziert); im Erstdruck ohne Namensentzifferung als „ein unbekannter Unterzeichner“ [Nottscheid 2008, S. 39] ediert.
ein von der „Büchse Begeistertervon Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ (1903), die in Wien am 29.5.1905 und 15.6.1905 in den Privatvorstellungen zu sehen war, die Karl Kraus veranstaltet hatte.


[um 90 Grad gedreht:]

Eleonorenicht eindeutig identifiziert.


Café Reklamedas Café Reklame (Wien II, Taborstraße 1) [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungsanzeiger für Wien 1905, Bd. 1, Teil IV, S. 1048], in dem die vorliegende wie die vorangehende Bildpostkarte [vgl. Karl Kraus an Wedekind, 19.6.1905] geschrieben wurden. Wedekind hat das Café Reklame nach der zweiten Wiener Vorstellung der „Büchse der Pandora“ am 15.6.1905 besucht (mit Alexander Rottmann und Carl Leopold Hollitzer): „Rottmann Hollitzer und ich gehen ins Café Reclame.“ [Tb] Es bot Varietéprogramm und Joe Beckles (Motiv der Bildpostkarte) dürfte auf seiner Gastspielreise durch Europa 1905 in Wien dort engagiert gewesen sein; vielleicht sind auch die Sängerin Fräulein Hansi (siehe oben) und die ebenfalls nicht identifizierte Eleonore (siehe oben) dort aufgetreten. Es trat im Café Reklame jedenfalls der Stegreifsänger Ungrad (siehe oben) auf, wie ein Pressebericht über ihn und einen anderen Wiener Volkssänger belegt: „Wer kennt sie nicht, die beiden? Wer hat nicht schon bei den lustigen Stegreifvorträgen des einen oder anderen gelacht? Diese beiden besten Interpreten des Stegreifgesanges werden sich nun allabendlich in einer großen Stegreifkonkurrenz gegenüberstehen. Den Schauplatz dieser lustigen, nein, zwerchfellerschütternden Schlachten bildet das bekannte Vergnügungs-Etablissement Café Reklame, Leopoldstadt, Taborstraße 1 (an der Ferdinandsbrücke). Außer dieser Stegreifkonkurrenz findet im Café Reklame täglich ein großes Doppelkonzert mit Sängern und Sängerinnen statt.“ [Wiener Allgemeine Zeitung, Nr. 8312, 3.12.1905, S. 3] – Dieses Café Reklame kann leicht verwechselt werden mit dem gleichnamigen Kaffeehaus, das am 15.11.1905 ganz in der Nähe eröffnet wurde: „(Im Nestroyhofe,) Leopoldstadt, Praterstraßs 34, vis-a-vis dem Carl-Theater, wurde Mittwoch den 15. d. das Café Reklame eröffnet. Das Kaffeehaus ist mit allem Komfort der Neuzeit auf das eleganteste ausgestattet“ [Wiener Allgemeine Zeitung, Nr. 8298, 17.11.1905, S. 2].


Joe Beckles
American Negro song and dance.

Einzelstellenkommentare

München, 23. Juni 1905 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Lieber Herr Kraus!

Herzlichen Dank für die beiden Karten aus dem Café Reclameim Erstdruck: Karten. – Wedekind bezieht sich auf zwei Bildpostkarten [vgl. Karl Kraus, Carl Ferdinand Hollitzer an Wedekind, 19.6.1905; Karl Kraus, Alois Kohn (Ungrad), Fräulein Hansi, Erich Schuch, Eleonore an Wedekind, 21.6.1905], die im Café Reklame (Wien II, Taborstraße 1) [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungsanzeiger für Wien 1905, Teil IV, S. 1048] geschrieben waren. Wedekind selbst hat das Café Reklame nach der zweiten Vorstellung seiner Tragödie „Die Büchse der Pandora“ am 15.6.1905 zusammen mit Alexander Rottmann (Darsteller des Rodrigo Quast) und Carl Leopold Hollitzer (siehe unten) besucht: „Rottmann Hollitzer und ich gehen ins Café Reclame.“ [Tb]. Den Totentanz werden Sie erhalten habenWedekind hatte das Manuskript von „Totentanz“ (verschollen) am 20.6.1905 nach Wien gesandt: „Totentanz [...] an Kraus geschickt.“ [Tb] Es war für den Abdruck in der „Fackel“ (siehe unten) spätestens am 24.6.1905 bereits gesetzt [vgl. Karl Kraus an Wedekind, 24.6.1905].. Wenn er Ihnen für die „Fackel“ zusagt, so möchte ich Sie bitten, eine kleine KorrekturWedekinds Korrekturwunsch wurde „nicht mehr berücksichtigt.“ [KSA 6, S. 617] Im Erstdruck seines Einakters lautet die Stelle: „Casti Piani. Ihre Worte treffen die Todeswunde, die ich mit auf die Welt gebracht habe und an der ich voraussichtlich einmal sterben werde. (Er wirft sich in einen Sessel). – – Ich bin – – – Idealist!“ [Frank Wedekind: Totentanz. Drei Szenen. In: Die Fackel, Jg. 7, Nr. 183/184, 4.7.1905, S. 1-33, hier S. 12] Karl Kraus bemerkte dazu später (anlässlich einer Vorlesung von „Totentanz“ nach einem Auszug aus dem vorliegenden Brief): „Das Werk war inzwischen gedruckt worden und die Korrektur jener Stelle ist vermutlich weil sie zu spät eintraf unterblieben; der Herausgeber erinnert sich nicht und könnte sich nicht vorstellen, daß er sie dem Dichter widerraten habe.“ [Die Fackel, Jg. 27, Nr. 706-711, Dezember 1925, S. 89] In der ersten Buchausgabe von Totentanz“ (1905) im Albert Langen Verlag (und allen weiteren Ausgaben) ist die Stelle korrigiert; das letzte Wort lautet hier: „Moralist!“ [KSA 6, S. 111] vorzunehmen: |

Zwischen Seite 30 und 37 des Manuscriptes findet sich der Passus:

Casti Piani Ihre Worte treffen die Todeswunde e. ct. (er wirft sich in einen Sessel) – – Ich bin – – – Idealist!

Ich halte es für richtiger, s statt „Idealist“ „Moralist“ zu setzen. Wenn Sie meine Ansicht theilen, bitte ich Sie, dementsprechend zu korrigieren.

Ich denke noch immer mit Entzücken der letzten herrlichen | drei Tage in WienWedekind war vom 14. bis 16.6.1905 in Wien [vgl. Tb]: „Zur zweiten Aufführung der ‚Büchse der Pandora‘“ [Kraus 1920, S. 116] am 15.6.1905.. Man muß sich an alles zuerst gewöhnen, besonders an die Annehmlichkeiten des Lebens. Sie zeichnen sich als solche erst in der Erinnerung aus und dadurch daß einem die Alltäglichkeit verleidet wird.

Grüßen Sie bitte alle die lieben Menschen wenn Sie Ihnen begegnen und besonders Herrn Hollitzerim Erstdruck durch vier Auslassungspunkte („....“) ersetzt. – Carl Ferdinand Hollitzer, der Maler des Lulu-Porträts als Pierrot für die Wiener „Büchse der Pandora“-Inszenierung, hatte Wedekind auf einer der erwähnten Bildpostkarten (siehe oben) Grüße gesandt..

Sollte Totentanz für die | Fackel zu lang sein, so werde ich Ihnen eine Ablehnung durchaus nicht verargen.

Mit der Versicherung aufrichtigen Dankes und herzlichen Grüßen
Ihr
Frank Wedekind.


München 23. Juni 1905.


[Kuvert:]


Herrn Karl Kraus
Wien IV.
Schwindgasse 3.

Einzelstellenkommentare

Wien, 24. Juni 1905 (Samstag)
von Kraus, Karl
an Wedekind, Frank

Telegramm.


WEDEKIND MUENCHEN FRANZ JOSEFSTR 42.– |


Kgl. Bayer. TelegraphenanstaltMünchen.


Aufgegeben in Wien [...]


= HEISZEN DANKKarl Kraus bedankte sich für das Manuskript von „Totentanz“, das Wedekind ihm am 20.6.1905 nach Wien gesandt hat: „Totentanz [...] an Kraus geschickt.“ [Tb] FUER TOTENTANZ. DAS HERRLICHE WERK IST SCHON GESETZTvon der Druckerei Jahoda und Siegel (Wien III, Hintere Zollamtsstraße 3), wie in jedem „Fackel“-Heft angegeben. Wedekinds Einakter erschien neun Tage nach dem vorliegenden Telegramm [vgl. Frank Wedekind: Totentanz. Drei Szenen. In: Die Fackel, Jg. 7, Nr. 183/184, 4.7.1905, S. 1-33]..– WUENSCHEN SIE CORRECTURWedekinds brieflich geäußertem Korrekturwunsch an einer Stelle [vgl. Wedekind an Karl Kraus, 23.6.1905] wurde nicht entsprochen; unklar ist, ob er Druckfahnen seines in der „Fackel“ veröffentlichten Einakters „Totentanz“ (siehe oben) gewünscht und erhalten hat.? ALLERHERZLICHST KRAUS =“

Einzelstellenkommentare

München, 29. Juni 1905 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank und Denk, Berthe Marie
an Kraus, Karl

Carte Postale. Postkarte. Cartolina postale. [...]


Herrn
Karl Kraus
Wien IV.
Schwindgasse 3.


Lieber verehrten/r/ Freund, wirBerthe Marie Denk war vom 28.6.1906 bis 1.7.1905 zu Besuch bei Wedekind in München, mit dem sie ein Liebesverhältnis hatte; das Paar hat die vorliegende Bildpostkarte mit dem sprechenden Motiv eines Pferdekopfes dem Tagebuch zufolge entweder am 28.6.1905 („Wir bestellen ein Pferd in der Reitschule“) oder wahrscheinlicher am 29.6.1905 („Bertha Maria zieht ihr Reitkleid an. Wir gehen in die Reitschule“) in einer Münchner Reitschule erworben. denken Ihrer in Treue und trinken auf Ihr Wohl!

Frank


Maria.

Einzelstellenkommentare

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