Briefwechsel

Wedekind, Frank und Falk, Norbert

1 Korrespondenzstück

München, 21. Juli 1916 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Falk, Norbert, B.Z. am Mittag, (Zeitung)

[Hinweis in: B. Z. am Mittag, Jg. 40, Nr. 176, 29.7.1916, Erstes Beiblatt, S. (1):]


Nachstehend die uns zugegangenen Beiträge [...]


[Entwurf der Beilage:]


Das u/U/nter den von der Menschheit nie erlebtem Grauen dieses Krieges das Menschheitsgefühl weit hinter dem Vaterlandsgefühl zurücktreten muß. Daß das Vaterlandsgefühl unser erstes und höchstes Gebot geworden, ist wahr das Vaterlandsgefühl hoch über dies Menschheitsgefühl emporwächsen/st/.

Vor Ausbruch des Krieges war Deutschland vierzig Jahre hindurch das glücklichste Land der Welt, glücklicher als es im ganzen Verlauf seiner Geschichte je gewesen war. Daß dabei in vielen von uns das Gemei/M/enschheitsgefühl über das Vaterlandsgefühl emporwuchs hätte der gesammten Menschheit zum Heil gereichen können. Die Schrecknisse des Krieges haben gezeigt wie voreilig diese Gefühle waren. Die Menschheit war noch nicht reif | für sie, war ihrer noch nicht würdig. Heute drängt in jedem von uns das Vaterlandsgefühl alle anderen Empfindung in tiefsten Schatten, denn das Vaterland bedarf unserer aller Liebe um im Kampf der Nationen nicht zu erliegen. Ob es mir je vergönnt sein wird ein vaterländisches Werk zu schaffen, ist keine Frage des WollensKönnens sondernnicht des Wollens des Könnens

Wie schwer die Aufga es ist die Aufgabe würdig zu lösen zeigt die geringe Zahl

Soviel aber glaube ich versichern zu können daß ich kaum je mehr etwas veröffentlichen werde meine bisherigen Arbeiten nichts mehr hinzufügen werde, in dem die Liebe zu unserem aus millionen Wunden blutenden Vaterlande nicht ihren Ausdruck findet.


[Druck der BeilageDie Beilage wurde gedruckt in der „B. Z. am Mittag“ [Jg. 40, Nr. 176, 29.7.1916, Erstes Beiblatt, S. (1); vgl. KSA 5/II, S. 534 und 5/III, S. 268-270] unter der Überschrift: „Die tiefsten Eindrücke der zwei Kriegsjahre.“ Die redaktionelle Vorbemerkung zu den abgedruckten Beiträgen von Gerhart Hauptmann, Wilhelm Schmidtbonn, Hermann Sudermann, Ernst Lissauer und Frank Wedekind lautete: „Zum Abschluß des zweiten Kriegsjahres haben wir an eine Reihe von Dichtern und Schriftstellern die Frage gerichtet, was aus der Fülle gewaltigen Geschehens und Erlebens in diesen zwei Jahren den stärksten Eindruck auf sie gemacht hat. Nachstehend die uns zugegangenen Beiträge“. Am 30.7.1916 folgten die Beiträge von Clara Viebig, Ludwig Thoma und Lothar Schmid. :]


Vor Ausbruch des Krieges war Deutschland vierzig Jahre hindurch das glücklichste Land der Welt, glücklicher als es im ganzen Verlauf seiner Geschichte je gewesen war. Daß dabei in vielen von uns das Menschheitsgefühl über das Vaterlandsgefühl emporwuchs, hätte der gesamten Menschheit zum Heil gereichen können. Die Schrecknisse des Krieges haben gezeigt, wie voreilig diese Gefühle waren. Die Menschheit war noch nicht reif dafür, war ihrer noch nicht würdig. Heute drängt in jedem von uns das Vaterlandgefühl alle anderen Empfindungen in tiefsten Schatten, denn das Vaterland bedarf unser aller Liebe und Tatkraft, um im Kampf der Nationen nicht zu erliegen. Ob es mir je vergönnt sein wird, ein vaterländisches Werk zu schaffen, ist eine Frage des Könnens, nicht des Wollens. In meinem „Bismarck“ habe ich es versucht. Soviel aber kann ich versichern, daß ich meinen bisherigen Arbeiten nichts mehr hinzufügen werde, in dem die Liebe zu unserem aus Millionen Wunden blutenden Vaterlande nicht ihren Ausdruck findet.

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