Briefwechsel

Wedekind, Frank und Zellner, Hildegarde

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München, 27. Mai 1902 (Dienstag)
von Zellner, Hildegarde
an Wedekind, Frank

Mein lieber PapKoseform für Vater und Bezeichnung für den Herzkönig im Kartenspiel Watten [vgl. Bayerisches Wörterbuch 1,1078; https://publikationen.badw.de/de/bwb/index#21746]. Hildegarde Zellners Kosename für Frank Wedekind, mit dem sie eine intime Beziehung hatte. Sie führte seit Herbst 1900 seinen Haushalt in der Franz Josephstraße 42.!

Solltest Du wirklich noch nicht zurück von BerlinWedekind hatte vom 14. bis 26.5.1902 ein Gastspiel in Ernst von Wolzogens Buntem Theater (Köpenickerstraße 68) und war bereits seit dem 5.5.1902 in Berlin [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 7.5.1902]. sein, oder willst Du mich nicht besuchen? Ich bitte Dich mache mich nicht jetzt noch krank, nachdem trotz allem noch alles gut abgegangen, und besuche dann wenigstens Dein KindFranklin Zellner, der gemeinsame Sohn von Frank Wedekind und seiner Haushälterin Hildegarde Zellner, geboren am 22.5.1902 in München., den kleinen Frank. Du kannst zu jederzeit kommen, wenn Du dich an Dr. KarmannSchreibversehen, statt: Kamann. Dr. Kurt Kamann war Assistenzarzt an der Universitätsfrauenklinik in der Sonnenstraße 16 [vgl. Adreßbuch für München 1902, Teil II, S. 626], wo sich Hildegarde Zellner offenbar nach ihrer Entbindung noch befand. wendest, da ich allein liege.

In Sehnsucht harret Deiner
Hildegarde.

Einzelstellenkommentare

Bruck, 12. Juni 1902 (Donnerstag)
von Zellner, Hildegarde
an Wedekind, Frank

Postkarte


An Herrn
Frank Wedekind
Schriftsteller
in Münck/h/en
Franz Josefstraße 42/IIr |


Gruss aus BruckUm 1900 beliebter, mit der Bahn leicht erreichbarer Naherholungsort 25 Kilometer westlich von München, wohin sich Wedekinds Haushälterin Hildegarde Zellner vermutlich nach der Entlassung aus der Münchner Frauenklinik mit ihrem Neugeborenen begeben hat. b/München M. l. P.Mein lieber Pap (Abkürzung der üblichen Anrede unter Verwendung des Kosenamens, wie die übrige Korrespondenz mit Wedekind belegt).

Ersuche Dich freundlichst, im Falle Du selbst nicht kommst, mir sobald wie möglich Geld zu schickenAlimente für sich und den gemeinsamen Sohn Franklin Zellner, der am 22.5.1902 geboren war.. Bitte. – Franki schreit Dir gerade aus voller Kehle tausend Grüße zu, und diesen schließt sich an
Hildegarde

Einzelstellenkommentare

München, 13. Juni 1902 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Zellner, Hildegarde

[Hinweis in Hildegarde Zellners Brief an Wedekind vom 14.6.1902 aus Bruck:]


Empfange herzinnigen Dank für Geld und Deinen lieben Brief.

Einzelstellenkommentare

Bruck, 14. Juni 1902 (Samstag)
von Zellner, Hildegarde
an Wedekind, Frank

Mein lieber PapKosename für Frank Wedekind.!

Empfange herzinnigen Dank für GeldWedekind schickte Hildegarde Zellner Geld für ihren Unterhalt und den des gemeinsamen Sohnes Franklin Zellner. Sie hatte ihn zuletzt ausdrücklich darum gebeten [vgl. Hildegarde Zellner an Wedekind, 12.6.1902]. und Deinen lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Hildegarde Zellner, 13.6.1902.. Verzeih daß ich Dir nicht früher schrieb, zuerst wartete ich auf Dich und dann auf Deinen Brief. Doch schreibst Du, daß Du Mittwoch oder Donnerstagder 18. oder 19.6.1902. kommst, könntest Du dann nicht einmal Mittag aufstehen, und auf ein paar des Stunden des Nachmittags kommen? Dann könntest Du ja Abends wieder in Deinem Gesellschaftskreis sein. Natürlich nur meine Meinung, ich freue mich ja zu jeder Zeit wenn Du kommst.

Franki war diese Woche ein furchtbarer Grantlhauerauch Grantler (bayr.) = „Nörgler; schlecht gelaunter, mürrischer, missmutiger Mensch“ [www.bayrisches-woerterbuch.de]., Tag u. Nacht schrie er unaufhörlich. Er hatte nämlich den Mund und die Zunge voll weißer Blasen, die Heb„Soor. ([…] Heb, Mehlmund usw.) Bei jedem Säugling, auch beim ganz normalen, finden sich Soorpilze im Mund. Aber erst wenn das Kind krank wird, können sie so wuchern, daß sie mit bloßem Auge erkennbare Kolonien bilden, die die ganze Mundhöhle mit weißen dichten Belägen auskleiden.“ [Walter Birk: Säuglingskrankheiten. 4. verb. Aufl. Bonn 1920, S. 201] genannt. Einen andern Ausdruck dafür weiß ich nicht. Jetzt ist es schon viel | besser. Er sendet eigens einen Gruß an Papa.

Verzeih daß ich Dich noch einmal mit meinen KleidernHildegarde Zellner war seit Herbst 1900 Wedekinds Haushälterin und hatte ihre persönliche Habe in seiner Wohnung (Franz Josephstraße 42), die sie offenbar nach der Geburt des gemeinsamen Kindes verlassen hat. belästige. Ich bitte Dich herzlich schick mir den weißen Rock, oder nehme ihn selbst mit, wie es Dir am bequemsten ist, die Uhr stecke bitte zu Dir. Sei nicht böse daß ich Dich auch noch mit solchen Dingen belästige. Es freut sich herzlich auf ein Wiedersehn
Hildegarde.

Einzelstellenkommentare

Bruck, 1. Juli 1902 (Dienstag)
von Zellner, Hildegarde
an Wedekind, Frank

Mein lieber PapKosename für Wedekind.!

Ersuche Dich freundlichst für Franki, wenn es Dir möglich ist, einen blauen Schleier über das Kissen zu kaufen. Verzeihe, aber ich habe ganz darauf vergessen, Dir es mündlich mitzuteilenmöglicherweise bei dem angekündigten Besuch Wedekinds am 18. oder 19.6.1902 in Bruck bei München [vgl. Hildegarde Zellner an Wedekind, 14.6.1902]. oder vielmehr, Dich darum zu bitten. Also Morgen 3 Uhr freue mich sehr fortzukommen.

Herzinnige Grüße sendet Dir
Hildegarde.

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München, 25. Juli 1903 (Samstag)
von Zellner, Hildegarde
an Wedekind, Frank

25.7.1903


Lieber Frank!

Ersuche Dich freundlichst beiliegendes BlattDie Beilage ist nicht überliefert. nur mit dem notwendigsten, ohne jegliches Zeugnis auszufüllen, und baldmöglichst zurückzusenden. Ferner mir früh mitzuteilen wann Du zurückkehrstWedekind hielt sich von Mitte Juli bis Mitte September in Lenzburg auf., um nicht in die Lage zu kommen, auf die Straße gesetzt zu werden.

Nachdem ich Dich schon einmal gebeten die AllimenteSchreibversehen, statt: Alimente; Unterhaltszahlungen für Franklin Zellner. Wedekind hatte seine Vaterschaft anerkannt und war im Juli 1902 vom Amtsgericht Landshut zu vierteljährlichen Zahlungen von 360 Mark verpflichtet worden [vgl. Vinçon 2014, S. 153 und Regnier 2008, S. 212]. Wedekinds Sohn wuchs bei seinen Großeltern Joseph und Anna Zellner in Landshut auf. Regelmäßige monatliche Zahlungen an Anna Zellner über 40 Mark sind in den lückenhaft überlieferten Tagebucheinträgen zwischen dem 30.6.1904 und dem 4.1.1905 dokumentiert; dann am 18.12.1906: „An Franki zu Weihnachten M. 30“. In Wedekinds Kontobüchern (geführt seit 1907) sind monatliche Zahlungen von 50 Mark verzeichnet sowie Geldgeschenke an Weihnachten und zu Geburtstagen Franklins. für mein Kind an meine Mutter zu senden, doch ohne Erfolg, so muß ich Dich noch einmal ersuchen das Geld an meine Mutter Frau Anna Zellner zu adressieren. Willst Du daßSchreibversehen, statt: das. nicht dann werde ich mein Kind anderweitig unterbringen, | was mir sehr unangenehm wäre.

Besten Gruß
Hildegarde.


N. B.Abkürzung für Nota Bene (lat.) = wohlgemerkt, übrigens; auch für: Nachbemerkung. Deine Wohnung werde ich Frau StegmannWedekinds Vermieterin [vgl. EWK/PMB Wedekind]. Hildegarde Zellner bewohnte während Wedekinds Abwesenheit noch dessen Wohnung in der Franz Josephstraße 42. übergeben.

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Lenzburg, 1. August 1903 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Zellner, Hildegarde

[Hinweis in Hildegarde Zellners Brief an Wedekind vom 25.8.1903 aus München:]


Deinen Brief hätte ich längst beantwortet […]

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München, 25. August 1903 (Dienstag)
von Zellner, Hildegarde
an Wedekind, Frank

25.8.1903.


Lieber Frank!

Deinen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Hildegarde Zellner, 1.8.1903. hätte ich längst beantwortet wenn ich geahnt, daß Du so lange von München fortWedekind hielt sich von Mitte Juli bis Mitte September in Lenzburg auf. bleiben könntest. Der Grund, warum ich Dir Deine Schlüssel nicht zusandte, liegt darin, weil ich nicht wollte daß Deine Pflanzen, der Gärtner hatte auch die Bäume gebracht, nochmal zum Teufel gehen. Warum bleibst Du so lange aus? Hoffentlich bist Du nicht krank geworden. Oder hast Du immer auf die Schlüssel gewartet, um sicher zu sein, daß ich Dein Haus verlassen? Zu deiner Beruhigung kann ich Dir mitteilen, daß ich Deine Wohnung schon seit 1. August verlassen, du | also ungeniert zurückkehren kannst, als freier Mann.

Glaube ja nicht daß ich Dir ferner im Wege stehe. Nein. Ich werde sobald wie möglich München verlassen, und versuchen mein Brot in der neuen Welt zu verdienen.

Sollte ich Dich nicht mehr sehen, dann habe ich nur die eine Bitte an Dich, für Dein Kind, solange ich nichts weiter thun kann, weiter zu bezahlenWedekind war vom Amtsgericht Landshut zu einer vierteljährlichen Unterhaltszahlung von 360 Mark verpflichtet worden [vgl. Vinçon 2014, S. 153 und Regnier 2008, S. 212]. Franklin Zellner wuchs bei seinen Großeltern in Landshut auf. Die im Tagebuch und später in Wedekinds Kontobüchern dokumentierten monatlichen Zuwendungen belaufen sich auf 40 bzw. 50 Mark.. Hoffentlich wirst Du meine Bitte erfüllen, damit ich mich nicht auch noch um das kümmern muß. Ich werde die nächsten Tage nachhause fahren. Meinen Eltern sage ich nicht daß ich nach Amerika gehe. Ich schrieb Ihnen nur, sie möchten mir meine Papiere besorgen, da ich eine Stelle ins Ausland annehme. Ich will meiner Mutter nicht unnütz Sorgen machen, und teile es ihnen erst | mit, wenn ich drüben bin. Dein Almosen ermöglicht mir es ja. Du wirst froh sein, mich so leicht losgebracht zu haben – was? Ich kann mir Dich jetzt vorstellen, wie Du beim lesen dieser Zeilen höhnisch lachen wirst, und dann zu singen und pfeifen anfängst vor Freude, wieder einmal einerSchreibversehen, statt: eine. los zu sein, wieder eine zu den vielen, an der man abgerf/fr/eßen hat. Ich kann mir ganz genau sagen, daß Du denkst, Du hast nur das aus mir gemacht, zudemSchreibversehen, statt: zu dem. ich geschaffen bin, zu einer Dirne. Du hast Dein Ziel erreicht. Mag ich drüben v/st/erd/b/en und verderben wemSchreibversehen, statt: wen. kümmerts, ich habe wenigstens keineSchreibversehen, statt: keinen. schadenfrohen Blicke zu begegnen. Sage aber dann unserm Kinde, daß es nicht so ist. Sage ihm daß ich auf dem Boden, wo ich ihm das Leben gab, wo ich so viel herbes und bitteres erfahren | nicht den Kampf um’s Dasein aufnehmen konnte. Mehr habe ich Dir nicht mehr zu sagen denn ich weiß, wie Du das nimmst.

Solltest Du bis zu meiner AbreiseHildegarde Zellner verließ am 10.10.1903 Bremen per Schiff auf der S. S. Neckar und erreichte New York am 22.10.1903. Sie reiste mit 56 Dollar in die USA ein [vgl. List or Manifest of Alien Passengers for the U. S. Immigration Officer at Port of Arrival, 22.10.1903, List 5; www.ancestry.com]. nicht zurück sein, dann übersende ich Dir Deine Schlüssel

Lebe wohl
Hildegarde

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