Briefwechsel

Wedekind, Frank und Dürr, Moritz

16 Dokumente

Lenzburg, 31. Dezember 1878 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Dürr, Moritz

[Hinweis in Moritz Dürrs Brief an Wedekind vom 31.12.1880 aus Burgdorf:]



Deinen Brief vom Winter 78/79 habe ich damals richtig erhalten.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 30. Dezember 1880 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Dürr, Moritz

[Hinweis in Moritz Dürrs Brief an Wedekind vom 31.12.1880 aus Burgdorf:]



Dank, tausend Dank für das Lebenszeichen, das du endlich von Dir gabest, deinen von mir schon längst sehnlich erwarteten Brief.

Einzelstellenkommentare

Burgdorf, 31. Dezember 1880 (Freitag)
von Dürr, Moritz
an Wedekind, Frank

Burgdorf, Sylvester 1880.


D Bester Freund!

Dank, tausend Dank für das Lebenszeichen, das du endlich von Dir gabest, deinen von mir schon längst sehnlich erwarteten Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Moritz Dürr, 30.12.1880.. Ich kann Dir nicht sagen wie groß meine Freude endlich wieder nach so langem/r/ Zeit etwas von d/D/ir zu vernehmen.

Du muthest mir aber zu viel, wenn du meintstSchreibversehen, statt: meinst. ich solle interessanten inhaltsreichen Brief lateinisch beantworten so bin geübt bin ich dann in dieser todten Sprache doch noch nicht daß ich ohne Weiters einen Brief hinschreiben könnte. Hingegen wunderts mich nicht & wird mich sehr freuen wenn Du es thust. Von einem so talentvollen, geistreichen Jüngling kann man es schon erwarten.

Leider kann ich Dir nicht eben so | Interessantes & solche Liebesabenteuer aus meiner nun ¾ jährlichen Fuxenzeitbegonnen mit dem Schuljahr 1880/81 im Frühjahr 1880 – Fux (dt. Fuchs) wurden Schüler in der zweiten Klasse des Gymnasiums und Studenten im ersten Semester genannt. Auch die neuen Mitglieder von Studentenverbindungen und eidgenössischen Schülervereinen werden bis zur Burschenprüfung (nach 1 bis 3 Semestern) so bezeichnet. erzählen, – die 4. unterste Klasse zählt nicht zum obern Gymnasium & darf noch keine Wirthshäuser besuchenAuch an der Kantonsschule Aarau war der Besuch der Wirtshäuser den Schülern erst mit dem Eintritt in die zweite Klasse des (oberen) Gymnasiums erlaubt [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule (Schuljahr 1880/81). Aarau 1881, S. 8]. – da hier ein hierSchreibversehen, statt: hier ein. ganz philiströsesunstudentisches, (spieß)bürgerliches., prosaischeshier im Sinne von: langweiliges. Leben herrscht. Erstens schon kein VereinIn Aarau gab es dagegen den Kantonsschülerturnverein KTV Aarau, die Industria und die Argovia. Die eidgenössischen Schülervereine hatten Sitten und Gebräuche von den Studentenverbindungen übernommen, hielten wöchentliche Sitzungen und Kneipen ab.e wie soll dann da ein geselliges fröhliches Leben entstehen. Ich gäbe viel, ich/da/rum wenn ich Deine lustige heitere Jünglingszeit mit Dir theilen könnte. Außer einem alljährlichen MaturitätswixAbiturabschlussfeier, bei der die Verbindungsschüler und die Wildenschaft (die zu keiner Verbindung gehörenden Schüler) ihre Trachten (Wixe) trugen; das nach Regularien mit Festrede, Liedern und witzigen Redebeiträgen veranstaltete Trinkgelage (Kommers), zu dem auch die Schüler der unteren Klassen eingeladen waren, fand an der Kantonsschule Aarau traditionell am Abend der Zeugnisübergabe statt [vgl. Staehelin 2002, S. 75 u. 204]. fällt da nicht viel nicht neues vor. Die schäbigen diesen Herbst austretenden A/R/eal-AbiturientenAbiturienten mit neusprachlich-naturwissenschaftlicher Ausrichtung, die im Herbst eines Schuljahres ihre Abiturprüfungen machten. gaben, weil sie den Literanerndie Schüler des humanistischen (altsprachlichen) Gymnasiums. Ihre Abiturprüfungen fanden im Frühjahr statt. nicht ganz grün sind auch keinen Mauleselin der Studentensprache „einer der nicht mehr gymnasiast und noch nicht student ist“ [DWB, Bd. 12, Sp. 1802].-Wix zum Besten. Ende des letzten Sommerquartals war doch wenigstens ein sog.„ Schlußakt“ an dem auch die Leistennicht ermittelt. eingeladen wurden. Einzig im Sommer ging’s noch einigermaßen erträgl. zu indem, wie ich Dir schon erzählt habe, circa alle | 3 Wochen ein samstagabendlicher Kneipabend stattfand aber blos bis gegen 10, 11, Uhr dauerte & dazu noch außerhalb der Stadt in einem Dorfe, ½ Stunde entfernt aber immer ging’s anständig zu & Abenteuer wie Du, habe ich leider noch nicht erlebt aber s’ wird schon kommen; man ist noch jung. Auf den bevorstehenden Maturitätswixzum Schuljahresende im Frühjahr 1881. freu’ ich mich schon lang, es soll da immer lustig hergehen*) *da auch Studenten von Bern kommen & wird die ganze Nacht durch geschwärmt. Bei unsern Kneipereien wechseln dann Einzelvorträge mit allgem. CantüssernStudentenlieder. & oft ergötze ich meine Comilitonen mit humoristischen Zeichnungen, Travestien„(v. ital. travestire, »verkleiden«), eine humoristische (auch wohl satirische) Dichtungsart, in der ein poetisches Erzeugnis von ernstem oder erhabenem Inhalt dadurch ins Komische gezogen wird, daß sein Inhalt beibehalten, aber in eine zu seinem ernsten Charakter nicht passende äußere Form gekleidet (verkleidet, daher der Name) wird“ [Meyers Großes Konversationslexikon (6. Auflage, 1905–1909), Bd. 19, S. 684]. etc. Schon in den denSchreibversehen, statt: den. untern Classen mußt ich mit meinem Stift ihnen oft zu Hülfe eilen & Zeichnungen liefern. Da würde mir denn oft Dein großes Dichtertalent zu statten kommen.


[Zeichnung eines Kneiptisches] |


Ende dieses Quartals hat leider eineSchreibversehen, statt: ein. solcher Schlußakt nicht stattfinden können wegen dem Hinscheid eines bei uns sehr beliebten Lehrers, der Pfarrer HeuerPfarrer Albert Heuer war am 19.12.1880 verstorben., der dieSchreibversehen, statt: der. am Gymnasium die deutschen Stunden ertheilte. In der Schule selbst nun sind wir auf der gleichen Stufe wie ihr1877 hatten die Kantone die Anforderungen an die Maturität vereinheitlicht [vgl. HLS, Realschule in: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/010426/2012-08-09/].er/./ Im Sommer wurden Homer Livius & Vergil. In den Privatlektüren Cicero’s Catilinarische Reden & Xenophon’s Cyropaedie traktirt. Im Herbst kam dann noch dazu Herodot & Cicero pro Archias & auch das Nibelungenlied. Daneben treibt man auch Physick, NaturkundeIm Schuljahr 1880/81 wurde an der Kantonsschule Aarau in den genannten Fächern unterrichtet: (1) Deutsch u.a. das Nibelungenlied (nach der Edition von Lachmann) I-IV. (2) Latein: Livius, Ab urbe Condita libris XXVII,34-51; XXVIII,1-37 (kursorisch) und 38-46; XXIX „zum größten Theil“; XXX. (3) Griechisch: Homer, Odyssee I-IV; Herodot I, 1-7, 16-55, 59-91, 95-100. (4) Naturgeschichte, Zoologie: „Charakteristik der interessantesten Hauptgruppen des Thierreichs in aufsteigender Reihenfolge mit einer vergleichenden Uebersicht des gesammten Thierreichs und mit Uebungen im Beschreiben und Bestimmen. Anleitung zum Anlegen von kleinen Thiersammlungen.“ Weitere Fächer waren Französisch, Religion, Geschichte, Mathematik, Kunstzeichnen [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule. Aarau 1881, S. 16f., Zitat S. 17]. & ich am mit besonderer Freude auch das facultative ItalienischDen freiwilligen Sprachunterricht hatte Wedekind vom Frühjahr 1879 bis zum Sommer 1880 belegt und mit der Note 4-5 abgeschlossen [vgl. Aargauische Kantonsschule Gymnasium. Zeugnissheft für Franklin Wedekind, in: Aargauer Kantonsbibliothek, Wedekind-Archiv, Wedekind-Archiv B, Schachtel 8, Nr. 170].. Eben ist einer der angenehmen Zeitpunkte des Schullebens da, die Ferien & fröhlichenSchreibversehen, statt: fröhlich. strömen alle ihrer Heimath zu das finstere G/S/chulhaus öde lassend. Ich denke diese Zeilen werden Dich jetzt wohl auch zu Hause bei Deinen l/L/ieben treffen. Ich glaube nicht daß ich so bald, wie Du hoffest nach Lenzburg kommen werde. Wenn ich nämlich früher oft Lenzburg besuchte so geschah es des Großvaters sel.Der Lenzburger Arzt Rudolf Häusler war am 19.1.1879 verstorben [vgl. Reinhold Bosch. Der deutsche Dichter Jos. Viktor Scheffel und das Seetal. (Seetal) 1963, S. 35]. wegen, der uns/imme/r seine Freude hatte wenn seine Großkinder ihn besuchten. Hingegen werden nächster Woche meine | Mutter & meine Schwester hinunter kommen an den SandwegDort stand das Haus des verstorbenen Großvaters. & würde meine Mutter freuen Deine Bekanntsch. zu machen. Also! hüpf dann mal vom Bergerl runter! Deine Selbstanklage in Deinem Briefe wegen ab/Ab/weichung von unserm Freundschaftsbund halte ich für ungerechtfertigt, da der Fehler ebenso viel auf meiner Seite liegt. Deinen Brief vom Winter 78/79nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Moritz Dürr, 31.12.1878. habe ich damals richtig erhalten & irrst Du Dich wenn Du meinst ich hätte nicht daran verloren. Denn beide Briefe haben mir sehr viel Freude bereitet & ich bewundere in beiden Deinen guten Styl & Deine gewandte Feder, was Du bei mir nicht finden kannst, da Du weißt daß ich immer weiter /h/inter Deinen Talenten blieb. |

Ich schließ indem ich Di/noch die besten Wünsche zum neuen Jahr einschließ so leb’ denn wohl herzlichst geliebter Freund & flotter


[Zeichnung eines Schülers in Uniform] !


Moriz Dür
v/o GüggelBier- oder Kneipname Moritz Dürrs.


P. S. Ich sende Dir hier noch eine Merkwürdigkeit die mir da gerade unter die Hände kommt. Mit solchen Zetteln bestraft man nämlich in den untern Klassen & diese müssen von den Eltern unterschrieben & wieder abgegeben werden aber nur in den unter KlassenSchreibversehen, statt: unteren Klassen. Die drei unteren Klassen waren Sexta (Sechste), Quinta (Fünfte), Quarta (Vierte), die drei oberen Klassen Tertia (Dritte), Sekunda (Zweite), Prima (Erste). An der Kantonsschule gab es stattdessen ein Progymnasium mit erster und zweiter Klasse sowie das Gymnasium und die Gewerbeschule, die jeweils die Klassen I bis IV umfassten. bis & mit der ((latein))Quarta((latein)). Diesen Arrest habe ich f/a/ber damals nicht abgesessen & da ist also der Zettel noch

Was ist auch aus all’ den Lenzburger: Schulkameraden geworden


[Beilage:]


Arrest-Zeddel.


Moritz Dürr IV

erhält den 8/II von 2 bis 4 Uhr Arrest.


Grund: Hat nach geschehener Verwarnung das Lehrerpult mit Zeichnungen bedeckt

Burgdorf, den 3/II 1879


Der bestrafende Lehrer: Winteler, Klassenlehrer.


Dieser Arrestzeddel ist eingesehen worden von:


Moriz Dürfünfmal durchgestrichen.
IVfünfmal durchgestrichen.


Nachdem der Arrestzeddel unterschrieben, ist derselbe im Abwartzimmer abzugeben.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 19. April 1881 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Dürr, Moritz

[Hinweis und Referat in Moritz Dürrs Brief an Wedekind vom 14.12.1882 aus Bern Mattenheim:]


[...] BriefeHinweis auf das vorliegende erschlossene Korrespondenzstück und zwei weitere nicht überlieferte Briefe [vgl. Moritz Dürr an Wedekind, 31.12.1878 und Moritz Dürr an Wedekind, 30.12.1880]. mit Deinem mir theuren Namen unterzeichnet [...] Das letzte was du mir schriebst war damals im April 1880Schreibversehen, statt: April 1881. – Ein früheres Schreibjahr ist ausgeschlossen, da Wedekind zwischen Sommer 1878 und Winter 1880 nur die beiden oben genannten Briefe – keinen davon im Frühjahr – an Moritz Dürr geschrieben hatte [vgl. Moritz Dürr an Wedekind, 31.12.1880]. Im Sommer 1881 verließ Moritz Dürr Burgdorf, so dass das Korrespondenzstück auch nicht im April 1882 geschrieben sein kann. als du im Sinne hattest nach Burgdorf zu kommen & mich um Auskunft batest.

Einzelstellenkommentare

Burgdorf, 20. April 1881 (Mittwoch)
von Dürr, Moritz
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Moritz Dürrs Brief an Wedekind vom 14.12.1882 aus Bern Mattenheim:]


Ich schickte Dir die verlangte AntwortHinweis auf das vorliegende erschlossene Korrespondenzstück..

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 3. Mai 1881 (Dienstag)
von Dürr, Moritz
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Moritz Dürrs Brief an Wedekind vom 14.12.1882 aus Bern Mattenheim:]


Seither hab’ ich nichts mehr von Dir vernommen, als hie & da abgebrochene WorteHinweis auf das vorliegende erschlossene Korrespondenzstück und ein weiteres erschlossenes Korrespondenzstück [vgl. Wedekind an Moritz Dürr, 31.10.1881]. wie, Du seiest jetzt bleibend auf Deinem Ahnenschloß [...]

Einzelstellenkommentare

Aarau, 31. Oktober 1881 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Dürr, Moritz

[Hinweis in Moritz Dürrs Brief an Wedekind vom 14.12.1882 aus Bern Mattenheim:]


Seither hab’ ich nichts mehr von Dir vernommen, als hie & da abgebrochene WorteHinweis auf das vorliegende erschlossene Korrespondenzstück und ein weiteres erschlossenes Korrespondenzstück [vgl. Wedekind an Moritz Dürr, 3.5.1881]. wie, [...] Du seiest jetzt wieder nach Aarau zurückgekehrt.

Einzelstellenkommentare

Bern, 14. Dezember 1882 (Donnerstag)
von Dürr, Moritz
an Wedekind, Frank

Bern (Mattenheimhistorische Adresse, vermutlich Pension in Bern, im Holligen-Drittel mit den Hausnummern 308 und 309 [vgl. Adressbuch der Stadt Bern. Bern 1881, S. 134, 229, 257].) 14. Dez 82


D


Mein lieber Freund!

Wie ich heute so meine Briefmappe durchstöberte, kommen mir auf einmal Briefe mit Deinem mir theuren Namen unterzeichnet in die Finger. Ich überfliege die von jugendlichem Uebermuth strudelnden geistvollen Blätter, die mir die selige Jugendzeit, die ich in Lenzburg verlebteMoriz Dürr hatte bis zum Sommer 1878 gemeinsam mit Wedekind die Bezirksschule Lenzburg besucht. Wedekind schrieb seinen Namen in ein chronologisches Verzeichnis am Ende seines Münchner Tagebuchs: „1877 Moritz Dür“ [Tb, nach 22.10.1890 (S. 114)]., aufs lebhafteste in’s Gedächtniß zurückrufen. Seither war ich nicht mehr dort:

Je größer der Zeitraum ist, der zwischen jetzt & damals liegt, desto zarter & sonniger wird der poetische Dunst/ft/, durch den ich in jene Zeiten zurückblike. Es ist mir wahrhaft | unbegreiflich, wie wir uns, einst die besten Freunde, nur so vernachlässigen konnten. Aber ich kann Dir betheuren, bei mir ist die Liebe & Anhänglichkeit an Dich nicht ausgestorben, sie hat nur ihren Winterschlaf gehalten und tritt jetzt mit erneuter Kraft wieder zum Bewußtsein. Du hast es vielleicht selbst erfahren, daß man so in dem Alter besonders wenn man an e. fremden OrtMoritz Dürr hatte im Herbst 1881 das Gymnasium Burgdorf in seiner Heimatstadt verlassen und besuchte seitdem die Kunstschule am Kunstmuseum (Waisenhausstrasse 12) in Bern [vgl. Adressbuch der Stadt Bern. Bern 1881, S. 125]. ist & jeder Tag wieder Neues bringt & der Sturm des Lebens an uns herantritt, daß man sich da leicht nur mit der Gegenwart beschäftigt & daß man selten oder nieSofortkorrektur: aufgehobene Zusammenschreibung. an seine Vergangenheit zurückdenkt. Heut nun zum ersten Mal bin ich gezwungen, es zu thun, indem eine leichte Krankheit mich an’s Zimmer | fesselt. Es läßt mir jetzt keine Ruhe ohne alle Nachrichten von Dir zu sein & denken zu müssen, daß ich durch meinen Leichtsinn Dich vielleicht für immer verloren habe, denn ich weiß überhaupt nicht ob Du von einem solchen Freund noch etwas wissen wollest? Ich kann Dir allerdings nicht viel bieten, als von nun an ewige Liebe & Treue eines aufrichtigen Freundes. Das letzte was Du mir schriebstnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Moritz Dürr, 19.4.1881. war damals im April 1880Schreibversehen, statt April 1881. – Ein früheres Schreibjahr ist ausgeschlossen, da Wedekind zwischen Sommer 1878 und Winter 1880 nur zwei Briefe an Moritz Dürr geschrieben hatte [vgl. Moritz Dürr an Wedekind, 31.12.1880], keinen davon im Frühjahr [Wedekind an Moritz Dürr, 31.12.1878 und Wedekind an Moritz Dürr, 30.12.1880]. Im Sommer 1881 verließ Moritz Dürr Burgdorf, so dass das Korrespondenzstück auch nicht im April 1882 geschrieben sein kann. als Du im Sinne hattest nach Burgdorf zu kommenMoriz Dürr besuchte von Sommer 1878 bis Sommer 1881 die Bezirksschule in Burgdorf. & mich um Auskunft batestAnlass für das Schreiben dürfte der Umstand gewesen sein, dass Wedekind im April 1881 nicht in die III. Klasse des Gymnasiums der Aarauer Kantonsschule versetzt worden war (Zeugnis vom 14.4.1881) und Prof. Friedrich Rauchenstein, sein Pensionsvater in Aarau, einen Schulwechsel empfohlen hatte [vgl. Friedrich Rauchenstein an Wedekind, 17.4.1881]. Wedekind zog auch Erkundigungen über die Kantonsschule Solothurn ein [vgl. Wedekind an Richard Kunz, 6.6.1881] und meldete sich im Sommer dort (vergeblich) für die Aufnahmeprüfung an [vgl. Wedekind an Adolph Vögtlin, 5.7.1881].. Ich schickte Dir die verlangte Antwortnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Moritz Dürr an Wedekind, 20.4.1881. Ach was hatte ich damals für eine grenzenlose Freude, Dich nun beständig in meiner Nähe haben zu können vielleicht auch auf der gleichen Schulbank | zu sitzen. Aber wie grausam zerstörts/e/st Du mein Glück, indem Du nicht kamst. Seither hab’ ich nichts mehr von Dir vernommen, als hie & da abgebrochene Wortenicht überliefert; Hinweis auf mindestens zwei erschlossene Korrespondenzstücke: Wedekind an Moritz Dürr, 3.5.1881 und Wedekind an Moritz Dürr, 31.10.1881. wie, Du seiest jetzt bleibend auf Deinem AhnenschloßWedekind erhielt mit Beginn des Schuljahr 1881/82 (3.5.1881) auf Schloss Lenzburg Privatunterricht. oder dann wieder einmal Du seiest jetzt wieder nach Aarau zurückgekehrtZu Beginn des zweiten Schulhalbjahres 1881/82, Montag, den 31.10.1881, trat Wedekind erneut in die II. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule Aarau ein. Die Aufnahme beantragte Direktor Karl Maier am 27.10.1881. Die Genehmigung, am 28.10.1881 vom Erziehungsrat Ludwig Karrer unterschrieben, dürfte am 29.10.1881, einem Samstag, dem Direktorium in Aarau vorgelegen und Wedekind noch am selben Tag mitgeteilt worden sein.. Lieber Franklin kennst Du mich noch? Willst Du wieder mein lieber Freund sein wie ehedem? Sage nicht nein! Oh dann schicke mir nur 2 Worte oder wenns auch nur ein Haar ist von Deinem theuren Haupte & Du wirst mich unsäglich glücklich & wieder gesund machen.

Dein Dich innig liebender Freund
Moriz Dür

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 31. Dezember 1882 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Dürr, Moritz

[Hinweis in Moritz Dürrs Brief an Wedekind vom 8.1.1882 aus Burgdorf:]


[…] mit welcher Wonne & Freude Du mich überhäuftest [mi]t Deinem lieben Brief.

Einzelstellenkommentare

Burgdorf, 8. Januar 1883 (Montag)
von Dürr, Moritz
an Wedekind, Frank

A/M/ D


Burgdorf den 8. Jan 83.


Innig geliebter Freund!

Oh welches Glück! Nicht nur verstößest Du mich nicht sondern reichst mir die Bruderhand & h gibst Dich mir wieder als Freund wie Du mir früher in ehe/j/ungen Knabenjahren es warest. Doch darf ich diese Hand annehmen. Bin ich werth einen solchen Freund zu besitzen? Nein ich bin es nicht. Du kennst mich nicht mehr. Allerdings haben wir uns gewaltig verändert seit wir uns das letzte Mal gesehendie einstigen Schulfreunde dürften sich im Sommer 1878, als Moritz Dürr die Bezirksschule Lenzburg verlassen musste, das letzte Mal gesehen haben. aber ich nicht zu meinen Gunsten. Du kannst Dir nicht denken mit welcher Wonne & Freude Du mich überhäuftest mit Deinem lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Moritz Dürr, 31.12.1882.. Aber jetzt bin ich in einer zu unruhigen Stimmung & Eile als daß ihn recht beantworten könnte. Ich schreibe näml. 2 Stunden vor meiner Abreise nach Paris. Nachdem ich das Gymnasium in Burgdorf bis zur Sekunda(lat.) zweiten Klasse; die vorletzte Klasse im Gymnasium. durchlaufen & in derselben noch ein ¼ Jahr blieb hielt ich’s nicht länger | aus entschloß mich der MalereiKunst zu widmen & bezog verbrachte 1 ½ Jahre die Kunstschule in Bern bis mich jetzt auf einmal die Wanderlust ankam & der Drang etwas zu sehn & mehr Anregung zu haben weßhalb ich mich kurz entschloß zu meiner Ausbildung & m. Studienort Paris zu wählen, das in Kunst das Höchste bieten & kann & leistet Mit Mühe konnte ich mir auch die Einwilligung meiner Eltern erkämpfen. s/S/o reise ich nun voll Hoffnungen & Begeisterung für meine Musehier Inspiration für die Malerei. vertrauensvoll in die weite Welt an die ich große Erwartungen knüpfe. Nicht auszuruhn & das Leben zu genießen wie das mit Recht Dein Ideal zu sein scheint & unter andern Umständen auch das meine wäre (w, sondern um zu kämpfen & zu schaffen & zu streben. Denn Dir darf ich mich ganz anvertrauen. Da mein Vater vor einiger Zeit durch einen Unglücksfall (Bürgschaft) des größten Theils seines Vermögens beraubt wurde kann er mich in meinen langen Studien nicht großartig unterstützen & bin ich fast gänzl. auf Stipendien angewiesen so ist es nun auch meines wie es insgemein das Loos des Künstlers ist unter Mühen & Entbehrungen & häufig dem ungünstigen | Schiksal trotzend seinen Weg zurückzu legen zu müssen mit Anstrengung alles Fleißes zu streben nach einem Heim. Du siehst daß ich keiner rosigen Zukunft entgegen gehen aber ich bin entschlossen den Kampf mit den finstern Schiksalsmächten aufzunehmen. Ich finde dafür Entschädigung in meiner Arbeit, die mir schon jetzt der Freude & des Genusses genug bietet & die ich sonst in keinem anderen Berufe hätte finden können, wie sehr man mich auch hat zwingen wollen.

Ich bin genöthigt zu schließen, der Grund, warum ich noch ein Viertelstündchen erhaschen konnte um Dir aus meiner Heimath noch e. letzten Gruß zu senden ist der: Ich muß näml. um 9 Uhr in Basel seinVon Basel bestand eine direkte Zugverbindung über Mulhouse nach Paris. zum Pariserzug. Jetzt hatte ich geplant gehabt mit dem 2 Uhr Zug hier zu verreisen & dann gleich nach AarauBurgdorf lag an der Bahnlinie Thun-Bern-Olten-Aarau. Von Aarau über Olten führte eine weitere Bahnlinie nach Basel. zu fahren wo ich mich dann von einem Zug zum andern aufgehalten hätte, um Dich meinen einzigen Freund in die Arme schließen zu können & Dir wieder einmal in die treuherzigen Augen blinkenSchreibversehen, statt: blicken. zu können. Du hättest mir gewiß noch manches Wort der Aufmunterung geschenkt, deren ich so sehr bedarf & die mich auf/den ganzen Aufenthalt begleitet hätten, wie schon Dein letzter Brief seine Wirkung auf mich nicht | verfehlte. Du hilfst mir aus dem Staub mich wieder erheben. Du allein kannst es da ich noch in keinen mein ganzes Vertrauen so gesetzt habe wie in Dich, Liebster. Denn wisse ich habe nie geliebt. Ich hoffe von der Zukunft daß Sie mich ganz ändern werde. Denn so dürfte ich Dir nie unter die Augen treten. Jahre werden jetzt jedenfalls vergehen bis wir uns endl. einmal sehen können. Dann hoffe ich getrost Deiner Prüfung aushalten zu können. Jetzt aber nicht. Da die Zeit so wie so zu kurz gewesen wäre ich nicht einmal Deine AdresseWedekind wohnte während der Schulzeit bei der Privatière Regula Huber-Aschmann am Zollrain 88 [vgl. Kutscher 1, S. 33]. weiß & auch nicht einmal wußte ob Du überhaupt jetzt in Aarau gewesen wärest so habe ich den Plan aufsteken müssen & bin jetzt gezwungen, bis 5 Uhr zu warten & dann direkt nach Basel – Paris abzufahren.

Verzeihe den verworrenen Inhalt dieser Zeilen den Du der Hast & Fassungslosigkeit im Moment einer Abreise zuschreiben mußt & sei innigst gegrüßt von
Deinem
Moriz Dür

Einzelstellenkommentare

Bière, 5. Juli 1884 (Samstag)
von Dürr, Moritz
an Wedekind, Frank

Bière 5 juillet


Mein Lieber

Du wirst durch Deinen werthen Bruder, den ich durch einen glücklichen ZufallWilliam Wedekind lebte seit Oktober 1883 in Lausanne, wo er bis 1885 eine kaufmännische Ausbildung „bei Emile Ruffieux, Commission u. Expédition, Assurances et Importation“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 19] machte. auf meiner Durchreise im Bahnhof Lausanne zu Gesicht bekommen habe, meine Ab/n/wesenheit in BièreMoritz Dürrs Aufenthalt in Bière dürfte der Rekrutenschule geschuldet gewesen sein, die für die Feldartillerie (Fahrende Batterien Nr. 3-8 des Kantons Waadt etc.) vom 24.6. bis 19.8.1884 durchgeführt wurde [vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 64, Nr. 21, 21.1.1884, Zweites Blatt, Beilage zu Nr. 21, S. (1)]. vernommen. Ich bin sehr erfreut, Dich so nahe zu wissen, derart daß wir uns nachdem wir uns so lange nicht mehr gesehenseit Sommer 1878, als Moritz Dürr die Bezirksschule Lenzburg verlassen musste. einmal treffen können. Ich rechne darauf im großen Urlaub von Samstagden 19.7.1884. Mittags bis Sont.Sonntag, den 20.7.1884. Abends, der in 14 Tagen stattfindet, Dich in Lausanne zu sehenFrank Wedekind, der am 1.5.1884 in Lausanne eingetroffen war [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 2.5.1884], lebte dort bis Mitte August 1884 mit seinem Bruder William bei dem Tierarzt Emile Daniel Gros in der Villa Mon-Caprice am Chemin de Montchoisy. Nach bestandenem Abitur (10.4.1884) hatte Frank Wedekind die Erlaubnis erhalten, an der Académie de Lausanne ein Semester Literatur neuerer Sprachen zu studieren [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 27f.].. Weitere Explikationen dann mündlich, besonders, da ich in der Unkenntniß Deiner Adresse nicht sicher bin ob die Zeilen in Deine Hände gelangen. Verzeihe mir die Freiheit & ich mir heraus genommen & melde mir gef. in e. paar Zeilen ob Du mich überhaupt & in welchen Umständen zu sehen geruhst

Auf Weiteres verbleibe mit vielen
Grüßen Dein M Dür


caserne Bière
Parc II Section

Einzelstellenkommentare

Lausanne, 15. Juli 1884 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Dürr, Moritz

[Hinweis in Moriz Dürrs Brief an Wedekind vom 16.7.1884 aus Bière:]


[...] habe ich heute morgen deinen lieben Brief erhalten.

Einzelstellenkommentare

Bière, 16. Juli 1884 (Mittwoch)
von Dürr, Moritz
an Wedekind, Frank

Bière 16 juillet 84


Mein Lieber!

Du bist/Mit/ gemischten Gefühlen habe ich heute morgen deinen lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Moritz Dürr, 15.7.1884. erhalten. So sehr er mich in Freude setzte, so sehr erschrackSchreibversehen, statt: erschrak. ich auch zugleich ob Deiner alten AnhänglikeitSchreibversehen, statt: Anhänglichkeit. Zuvorkommenheit & Deinem/dem/ Leichtsinn Dich einem Dir vorderhand noch Fremden sogleich so in die Arme zu werfen. Du ahnst wohl kaum wie großartig Dich deine Vorstellungskraft dießmal täuschen könnte, wenn Du mich wieder sehen wirst. Du stellst Dir da unter mir weiß Gott welchen/as/ vor & Du wirst sehen wie das in nichts zerfallen wird. Deine Briefe habe ich damals sämmtliche erhaltennicht überliefert; das letzte erschlossene Korrespondenzstück stammt vom Jahreswechsel 1882/83 [vgl. Wedekind an Moritz Dürr, 31.12.1882]. Ob Wedekind anschließend auch Briefe an Moritz Dürr nach Paris geschrieben hat, bleibt unsicher. & sah aus Ihnen gleich daß wiewohl wir in unsrer frühen Jugend zusammenpaßten | ich nicht bin/m/ehr auf deiner Höhe bin um Dir ein Freund zu sein im wahren Sinne des Wortes. Ich brach deßhalb die Correspondenz ab um Dich nicht zu betrügen nicht zu täuschen. Ich beschloß dich nicht mehr zu sehn noch zu sprechen. Doch der Mensch ist schwach. Die Erinnerung an Dich konnte sich nicht aus meinem Herzen reißen. Hundertmal hatte ich e. Brief angefangen & wieder zerißenSchreibversehen, statt: zerrissen. bis mir vor 3 Wochen die Versuchung zu nahe tratDas dürfte die zufällige Begegnung von Moritz Dürr und William Wedekind am 23. oder 24.6.1884 auf dem Bahnhof Lausanne gewesen sein, von der der Freund in seinem ersten Brief aus Bière schrieb [vgl. Moritz Dürr an Frank Wedekind, 5.7.1884]. & Du wieder in die Ich konnte ihr nicht wieder stehen ich wollte Dich im/n/ meinem Leben nur noch einmal sehen und voilà(frz.) siehe da. wie Du wieder in die Falle geriethst & mir so einen so intimen Brief schriebst den ich niemals verdient. Ich komme mir wie Sau vor der man Perlen vorwirftnach der Redewendung ‚Perlen vor die Säue werfen‘ [Matthäus 7,6] etwas für eine Person tun, die dies nicht schätzt.. | Was/Hie/r die Auskunft über mein langes Stillschweigen. Was die praktische Seite unsres Wiedersehens betrifft so bin ich von Samstagden 19.7.1884. Morgens früh bis Sonntagden 20.7.1884. Abends frei. Für Das andere bitte ich Dich keine/Dir M keine Mühe noch Zeit zu verschwenden. Doch wenn du gern einen Ausflug hieher machst oder sonst etwas im Plan hast z. B. den Sonntag lieber außer Lausanne zubringst (ich kenne Lausanne ein wenig) so überlaß ich das ganz Deiner Meinung, sonst lange nun/Sonn/tag mit dem 9 Uhr Zug in L. an.

In heftiger Begierde Dich zu sehen & mit Dank für Deine Zeilen
Dein
M. D.

Einzelstellenkommentare

Lausanne, 22. Juli 1884 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Dürr, Moritz

[Hinweis in Moritz Dürrs Brief an Wedekind vom 24.7.1884 aus Bière:]


[...] Dein Brief von Dienstag [...]

Einzelstellenkommentare

Bière, 24. Juli 1884 (Donnerstag)
von Dürr, Moritz
an Wedekind, Frank

Bière 24 Juillet

Mein Lieber

Dein Brief von Dienstagnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Moritz Dürr, 22.7.1884. ist mir soeben Mittags überreicht worden & und beeile ich mich trotztSchreibversehen, statt: trotz. der 5 Minuten Zeit die man über Mittag blos hat Dir bewußtes zu senden. Leider kann ich ihn jetzt nicht genügend beantworten da ich den Brief kaum mit dem Mi/E/ssen hinuntergeschlukt istSchreibversehen: Konstruktionswechsel. & ihn noch lange nicht verdaut habe. Was d/D/u betreff der Genferreise bemerkt finde ich ganz richtig & hätt ich es im gleichen Falle ebenso. Ich wäre nur insofern mit Dir gekommen um Dir als Vorwand zu dienen, da du einigen Anstand nahmest | allein hinzugehen. Die Adressen sind folgende

Herr N. Schärrersunsichere Lesart; nicht identifiziert. Bekannt war Wedekind mit der Familie Schärer (Scherer) wohl durch Emilie Scherer, für die er ehemals geschwärmt hatte [vgl. Fritz Rauber an Wedekind, 12.9.1883]., Rue Beauregard no 1Adresse im Zentrum Genfs in unmittelbarer Nähe der Universität. Die Familie Schärer betrieb hier eine Pension, wie aus Zeitungsanzeigen hervorgeht: „Belles chambres meublées avec ou sans pension; prix modéré. S’adresser chez Madame Schærer rue Beauregard 1. 1262“ (Schön eingerichtete Zimmer mit oder ohne Verpflegung; moderate Preise. Kontakt Madame Schærer, rue Beauregard 1. 1262) [La Tribune de Genève, Jg. 8, Nr. 37, 13.2.1886, Ausgabe 4, (S.) 4].
Gaudard, Cours de Rive 15Adresse im Zentrum Genfs, etwa 15 Minuten Fußweg von der Universität entfernt. Im Cours de Rive 15 (oder 16) in Genf dürfte das Ehepaar Emil und Magdalena Gaudard-Dürst gewohnt haben. Zusammen mit seinem Schwager Sebastian Dürst, später allein, betrieb Emil Gaudard ein Geschäft für Modewaren in Genf und Lenzburg [vgl. Neues vollständiges HANDELS- UND GEWERBE-ADRESSBUCH nebst ORTSLEXIKON der gesammten Schweiz, Zürich 1877, S. 24]. Die Tochter Blanche Zweifel-Gaudard – sie hatte das Lehrerinnenseminar in Aarau besucht [vgl. Fünfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1877/78, S. 6] – war eine Freundin von Wedekinds Cousine Minna von Greyerz und seit 1882 verheiratet mit dem Lenzburger Kolonialwarenhändler Adolf Zweifel; Sohn Jules Gaudard besuchte das Gymnasium der Kantonsschule Aarau [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule. Aarau 1883, S. 11 und 1884, S. 15] und hielt sich in den Sommerferien 1884 ebenfalls in Genf auf. Während seines Medizinstudiums ab 1885 ist er zunächst am Cours de Rive 15, ab 1886 ebenda Hausnummer 16 gemeldet [vgl. Liste Des Autorités, Professeurs, Ètudiants Et Assistants De L’Universitè De Genève Semestre D’Éte 1884-85, Genf 1885, S. 20; 1885-86, Genf 1886, S. 21] Mary Gaudard, auswärtiges Mitglied des Lenzburger Freundschaftsbundes Fidelitas, heiratete den Kaufmann Clemens Wehner in Leipzig. – Friedrich Wilhelm Wedekind empfahl seinen Söhnen Frank und Willy den Besuch der Familie Gaudard in Genf [Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 24.7.1884].

Den Weg wird/kann/ Dir jeder x beliebige sergent de ville(frz.) Stadtpolizist. schon zeigen. Nun ge/zi/ehe mit Gott dahin a/A/lle meine besten Wünsche begleiten Dich. Ich wage nicht Dich dann nachher um ei/we/nige Nachrichten nachher zu bitten ich kann nur hoffen & auf Deine Herzensgüte bauen wider bauen. Ich bin wirklich so neugierig wie Du selbst. Für Deine lieben tröstenden BriefSchreibversehen, statt: Briefe. Nicht überliefert; erschlossene Korrespondenzstücke Wedekind an Moritz Dürr, 15.7.1884 und Wedekind an Moritz Dürr, 22.7.1884., die mir immer so wonnevolle Augenblicke in diesen sauren WochenGemeint ist die Zeit während der Rekrutenschule in der Kaserne von Bière, die Moritz Dürr vom 24.6. bis 19.8.1884 absolviert haben dürfte [vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 64, Nr. 21, 21.1.1884, Zweites Blatt, Beilage zu Nr. 21, S. (1)]. bereiten, mein innigsten Dank. Dein Dir
ganz ergebener Moriz.

Einzelstellenkommentare

Paris, 28. Dezember 1884 - 15. Februar 1885
von Dürr, Moritz
an Wedekind, Frank

CARTE POSTALE
[Ce] côté est exclusivement réservé à l’adresse


Monsieur
Franklin Wedekind
étudiant à l'academie(frz.) Student der Akademie – Frank Wedekind studierte nicht an der Akademie, sondern seit dem Wintersemester 1884/85 (Vorlesungsbeginn 2.11.1884) an der Universität München. Er war eingeschrieben für Jura und wohnte zusammen mit seinem Bruder Armin Wedekind, der für Medizin inskribiert war, in der Türkenstrasse 30 im I. Stock.
de(frz.) von.
Munich(frz.) München.
Allemagne(frz.) Deutschland; mit dickem Pinselstrich unterstrichen.


[Am rechten Rand eingefügt:]


à l’Université3x unterstrichen.
de
Münchendick unterstrichen.
Allemagne
|


Mein Lieber!

Ich lasse hiemit ein bloßes ballon d’essai(frz.) Versuchsballon. ab, ohne im geringsten zu wissen ob es landen oder in der Luft platzen wird, nur um Dir zu sagen, daß ich Deiner auch im äußersten Winkel der Erde in liebevoller Erinnerung gedenke & Dir meine innigsten Glückwünsche zum bevorstehenden Jahreswechsel zu senden.

Dein Dich nie vergessender
M. Dür


Paris 3, rue Bonaparte

le 28 Dec 84.


[Am Kopf der Seite um 180 Grad gedreht:]


Paris 15. Februar 85


M L. Ich habe Dir seiner Zeit diese Karte zugesandt Sie ist aber an eine falsche Adresse gelangt wie’s scheint & schicke sie jetzt zum Schund noch einmal ab. Es ist nämlich eine Möglichkeit vorhanden daß ich vielleicht nächstens auch nach München kommeMoritz Dürr wurde am 24.11.1885 mit der Matrikelnummer 227 als Student im Fach „Druckgraphik“ an der Akademie der Bildenden Künste in München immatrikuliert [vgl. Akademie der Bildenden Künste München, Matrikelbuch 3, 1884-1920, https://matrikel.adbk.de/matrikel/mb_1884-1920/jahr_1885/matrikel-00227, Zugriff am 10.11.2021]. & würde es mich herzlich freuen Dich dort noch zu treffenWedekind beendete am 1.8.1886 seine Studienzeit in München und reiste am 15.8.1886 in die Schweiz zurück, Moritz Dürr wurde am 27.4.1886 in Burgdorf beerdigt [vgl. Ludwig Rudolf Dürr-Häusler an Wedekind, 25.4.1886]. Über die letzten Lebensmonate seines labilen Freundes berichtete Frank Wedekind seinem Vater [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 26.4.1886].. Mit herzl. Gruß M Dür.

Einzelstellenkommentare