Briefwechsel

Strindberg, Friedrich (Fredrik Uhlson) und Wedekind, Frank

102 Dokumente

Seite 1 von 3

Mondsee, 17. September 1913 (Mittwoch)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Mondsee / 17.IX.13.


Lieber Herr Wedekind!

Nun bin ich von meiner ReiseAm 16.9.1913 reiste Friedrich Strindberg von Berlin über München und Salzburg nach Mondsee, wo er am 17.9.1913 um 14 Uhr eintraf [vgl. Marie Uhl an Wedekind, 17.9.1913]. glücklich hier angekommenFriedrich Strindberg wuchs seit dem Sommer 1899 bei seiner Großmutter Marie Uhl in Oberösterreich auf. Die Familie besaß eine Villa in Mondsee.! Traurig war die lange Fahrt, traumselig See und Land. Mir war so leid ums Gemüt, sei es ob des AbschiedesAm 16.9.1913 abends stieg Friedrich Strindberg in den Zug: „Fritz nach München gereist.“ [Tb] oder der jetzt beginnenden Zeit. Es war ja diese kurze Spanne ZeitIn Berlin hatte Friedrich Strindberg sich am 14.9.1913 und den folgenden beiden Tagen mit seinem Vater Frank Wedekind getroffen [vgl. Tb]. allein so schön an Freuden, ich könnte sagen die liebste Zeit in den letzten Jahren, da ich Herrn Wedekind kennengelernt habe. Unvergeßlich werde ich sie in der Erinnerung behalten, all die schönen EindrückeWedekind vermerkte in seinem Tagebuch gemeinsame Unternehmungen am 14.9.1913 („Abend mit Tilly und Fritz im Hotel“, Besuch einer Aufführung von „Franziska“ an den Kammerspielen des Deutschen Theaters), am 15.9.1913 („Mit Tilly und Fritz bei Skrivonek. Spazierfahrt nach Charlottenburg. 11. Vorstellung. Mit Tilly und Fritz nachher bei Töpfer“) sowie am 16.9.1913 („Spaziergang mit Fritz. Mittag mit Tilly u. Fritz im Hohenzollern gegen über Eingang von Lindenhotel. Spazierfahrt mit Fritz“). der nun vergangenen Tage!

Wie freue ich mich schon auf WeihnachtenFriedrich Strindberg besuchte seinen Vater Wedekinds Tagebuch zufolge vom 23.12.1913 („Hole Fritz Strindberg vom Bahnhof ab“) bis zum 1.1.1914 („Bringe Fritz zur Bahn“) und unternahm mit ihm zahlreiche Ausflüge und Spaziergänge in München und Umgebung [vgl. Tb].! Da ich Sie wiedersehen kann! Als ich heute in der Bahn „Franziska“ las, da fiel mir auf, daß bei der AufführungFriedrich Strindberg besuchte am 14.9.1913 die 10. Vorstellung der Inszenierung von „Franziska“ an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin – „Ich besorge ihm ein Billet“ [Tb] – unter der Regie seines Vaters und mit Frank und Tilly Wedekind in den Hauptrollen Veit Kunz und Franziska. ja im 4. Akt der Chor der MädchenDer Chor tritt im 4. Akt (8. Bild) von „Franziska“ auf [vgl. KSA 7/I, S. 290, 293f.]. weggelassen ward! Warum bitte? Ich las ihn und | er kam mir ganz vampyriartig vor! Besonders das Blut„Aber trinken wir einmal Blut, / Dann sind wir die mächtigen Schönen!“ [KSA 7/I, S. 290] singt der Mädchenchor bei seinem ersten Auftritt, bei seinem zweiten: „Blut haben wir getrunken, / Uns dürstet nach Blut“ [ebd., S. 293]. Das Bluttrinken findet hinter der Bühne statt. erhöht ja riesig den ganzen Eindruck! Bitte Herr Wedekind mir die BücherWedekind hatte Friedrich Strindberg offenbar die Zusendung einiger seiner Werke versprochen [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 25.9.1913]. Sein Sohn erhielt nachweislich ein Exemplar des Einakters „Die Zensur“ mit Widmung [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 12.10.1913] und erwartete „Simson“ [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 3.11.1913]. nicht zu schicken, sondern vielleicht zu Weihnachten mir zu geben, da mir Großmama mitteilte, dass die AnstaltInhaber und Direktor der privaten Lehr- und Erziehungs-Anstalt für Schüler der Mittelschulen in Salzburg war Josef Tschurtschenthaler [vgl. Salzburgischer Geschäfts-, Volks- und Amts-Kalender für das Jahr 1913, S. 121 und die Annonce im Anzeigenteil, S. 29]., in die ich jetzt komme, sehr aufs Conservative schaut und man mir die Bücher, falls ich sie geschickt bekäme gar nicht zustellen würde.

Bitte dies zu entschuldigen!

Meine Adresse ist

F. Strindberg-Uhl / Salzburg

per ad. Prof. Tschurtschenthaler

Dreifaltigkeitsgasse, altes BorromäumDas Gebäude des Primogeniturpalastes in der Dreifaltigkeitsgasse 17/19 in Salzburg beherbergte bis 1912 ein katholisches Privatgymnasium und diente nach dessen Umzug in die Gaisbergstraße vorübergehend auch als Wohnhaus [vgl. Hans Tietze: Die profanen Denkmale der Stadt Salzburg., Wien 1914, S. 244]. Tschurtschenthalers Privatschule ist 1913 von der Imbergstraße 19 an diese renommierte Adresse umgezogen..

Herzliche Grüsse und viele Handküsse an gndg. Frau Gemahlin

In dankbarer Erinnerung
Fritz


P.S.

KerstinsFriedrich Strindbergs Halbschwester Kerstin Strindberg, Tochter von August und Frida Strindberg, geboren am 26.5.1894 im oberösterreichischen Dornach bei Grein, war drei Jahre älter als er. Die gewünschte Adresse in München lieferte Friedrich zwei Tage später [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 19.9.1913]. Adresse muß ich erst erfahren! Ich habe schon darum geschrieben.


Einzelstellenkommentare

Salzburg, 17. September 1913 (Mittwoch)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Hochwohlgeboren
Herrn Frank Wedekind
H/B/erlin
Neustädtische-Kirchstraße
Hotel Elite.
(Deutsches. Reich.)


Lieber Herr Wedekind!

Bin gut an Leib- +++ schlechter und trauriger an Geist hier in/a/ngelangtFriedrich Strindberg befand sich auf der Rückreise von Berlin, wo er am 16.9.1913 abends in den Zug gestiegen war: „Fritz nach München gereist“ [Tb]. Die Bildpostkarte sandte Strindberg von Salzburg aus, einer Zwischenstation auf seinem Weg nach Mondsee, wo er am 17.9.1913 um 14 Uhr ankam [vgl. Marie Uhl an Wedekind, 17.9.1913] und am gleichen Tag noch einen Brief an Wedekind schrieb [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 17.9.1913]. In Berlin hatte sich der 16-Jährige zwei Tage lang mit seinem Vater Frank Wedekind getroffen – die erste Begegnung seit Wedekinds Besuchen bei der Mutter Frida Strindberg und dem Säugling in Tutzing im Juli 1898 [vgl. Wedekind an Beate Heine, 19. und 27.7.1898]. Friedrich Strindberg hatte den Kontakt mit seinem Vater in Berlin am 14.9.1913 telefonisch aufgenommen, wie dieser notiert hat: „Fritz Uhl telephoniert mich an. Wir lernen uns kennen“ [Tb; vgl. zur Vater-Sohn-Beziehung im Überblick: Vinçon 2014, S. 247-250].. Mich/r/ kommt alles so trüb und öd vor, die ganze Gegend entbehrt der Sonne und ist bleich. und abgehärmd/t/ und statt der Natur blickt mir in den Felsen Veit KunzFigur aus Wedekinds „Franziska“. Strindberg hatte am 15.9.1913 eine Aufführung des Stücks an den Kammerspielen des Deutschen Theaters mit Tilly und Frank Wedekind in den Hauptrollen besucht [vgl. Tb]. Auf der Rückreise las er das Drama im Zug noch einmal nach [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 17.9.1913]. und FranziskaTitelfigur aus Wedekinds gleichnamigem Drama. entgegen. Besonders die KätzchenszeneGemeint ist das 7. Bild im 4. Akt von „Franziska“, dessen erste Replik lautet: „Das weiße Kätzchen, das uns gestern abend aus der Stadt heraufbegleitete…“ [KSA 7/I, S. 283].. – –

Heut ist der Friede WirklichkeitZitat aus einer Replik Franziskas im 7. Bild: „Als ich heute die grünüberwachsenen Felsen im warmen Abendsonnenschein wiedersah, da jubelte es in mir: dieser Friede ist jetzt Wirklichkeit!“ [KSA 7/I, S. 284] !

Wie glücklich bin ich! Viele dankbare Grüsse
Fritz

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 19. September 1913 (Freitag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg / 19.IX.13.


Lieber Herr Wedekind!

Nun bin ich schon in Salzburg in der neuen AnstaltDie von Josef Tschurtschenthaler geleitete Lehr- und Erziehungs-Anstalt für Schüler der Mittelschulen in Salzburg hatte seit 1892 verschiedene Adressen, neuerdings im genannten alten Borromäum (Dreifaltigkeitsgasse 17/19).. Die schöne Umgebung wirkt wirklich gut, trotz des Schnürlregenshäufig vorkommender und meist länger anhaltender Sprüh- oder Nieselregen im Salzkammergut., der heute wütet.

Die Reise Am 16.9.1913 reiste Friedrich Strindberg von Berlin über München und Salzburg nach Mondsee, wo er am 17.9.1913 um 14 Uhr eintraf [vgl. Marie Uhl an Wedekind, 17.9.1913].von Berlin war wirklich recht, recht unangenehm. Wir waren 2 in einem Coupè, ein Russe und ich. Trotz meiner tollen Glückseligkeit hatte ich einen elenden moralischen KatzenjammerNiedergeschlagenheit. mit hier her in diese engen Wände gebracht. |

Salzburg ist wirklich schön .. das Abendrot an den kahlen WändenAnspielung auf das von Friedrich Strindberg in seiner Postkarte vom 17.9.1913 erwähnte 7. Bild („Kätzchenszene“) in Wedekinds „Franziska“: „die westlichen Schloßfelsen noch von der Sonne beleuchtet […] die grünüberwachsenen Felsen im warmen Abendsonnenschein“ [KSA 7/I, S. 284]. des UntersbergesDer Untersberg (1972 m) liegt zwischen Berchtesgaden und Salzburg und ist von dort gut zu sehen. berauschend. Wenn nur nicht das ewige Einerlei und das ratschende Werkel der Alltäglichkeit wäre.

Die Addresse meiner Schwester ist

Kerstin Strindberg

München, Harlaching, Lindeng.Abkürzung für Lindengasse; hier irrtümlich für: Lindenstraße.

Pension WeiglDas von Anna Weigl geführte Familienpensionat befand sich im Münchener Stadtteil Harlaching (Lindenstraße 19/21) [vgl. Adreßbuch für München und Umgebung, 1914, S. 756]..

Wie freue ich mich schon auf Herrn Wedekind, aufs Wiedersehen; schon jetzt ist es das, an d/w/as sich alle Gedanken richten, wunderschön male ich mir das immer aus! Meine Adresse ist F. Strindberg-Uhl Salzburg / b. Prof. Tschurtschenthaler, altes Borromäum, Dreifaltigkeitsg. |

Bitte am wievielten kann ich Herrn Wedekind nach München schon schreiben!/?/ Bleiben Sie noch lange in BerlinWedekind reiste am 30.9.1913 abends nach München ab: „Abendessen auf dem Bahnhof. Fahrt nach München.“ [Tb]? Bitte was wird (noch) jetzt gespielt? Noch immer „FranziskaDie 25. und letzte Vorstellung der Inszenierung von „Franziska“ an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin (Premiere: 5.9.1913) fand am 29.9.1913 statt.?/“/!

Wie geht es Herrn Wedekind immer? Hoffentlich gut!

Viele Grüsse
Ihr dankbarer
Fritz.


Handküsse an die gnädige Frau Gemahlin!


Einzelstellenkommentare

Berlin, 23. September 1913 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

[1. Hinweis in Friedrich Strindbergs Postkarte an Wedekind vom 24.9.1913 aus Salzburg:]


Danke Ihnen vielmals für Ihren so lieben Brief.



[2. Hinweis in Friedrich Strindbergs Brief an Wedekind vom 25.9.1913 aus Salzburg:]


Danke Ihnen herzlichst für Ihren lieben Brief […]

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 24. September 1913 (Mittwoch)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Hochwohlgeboren
Herrn Frank Wedekind
Berlin N.W.
Hotel Elite
b. Bahnhof Friedrichstraße
Neustädtische Kirchstraße.


Mittwoch. / 24.


Lieber Herr Wedekind!

Danke Ihnen vielali vielmals für Ihren so lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 23.9.1913.. Da wir leider nur Sonntags die Gelegenheit zum Briefeschreiben haben hier, so sende ich bis 28. nur den herzlichsten Dank.
Ihr Fritz. |


Handküsse an die gnädige Frau!

Einzelstellenkommentare

Berchtesgaden, 24. September 1913 (Mittwoch)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Hochwohlgeb
Herrn Frank Wedekind
Berlin N.W.
Hotel Elite b. Bahnhof
Friedrichstr.


Herzliche Grüße aus BerchtesgadenFriedrich Strindberg besuchte Berchtesgaden auf einem Klassenausflug [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 25.9.1913]. Ihr
Fritz.


Einzelstellenkommentare

Salzburg, 25. September 1913 (Donnerstag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg / 25./IX.13.


Lieber Herr Wedekind!

Danke i/I/hnen herzlichst für i/I/hren lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 23.9.1913., der mich auch riesig freute, so daß ich schon lange keine solche Freude hatte! Auch komme/t/ mir Herrn Wedekinds Rat vollständig zu guter Stunde, da es wirklich jetzt nicht gut fürs Lernen wäre viel zu lesen und ich wirklich nichts versäume vom Büchermarkt. Nur in den freien Stunden wenns regnet | kommt mir hie und da die Anregung zu lesen, was allerdings mit Schwierigkeiten verbunden ist, da ich nichts habe! Darum danke ich Herrn Wedekind schon im voraus für das, das H/S/ie mir zu schicken gedenken. Bitte könnten Herr Wedekind etwas hineinschreiben, vielleicht Ihren Namen oder irgend etwas. – Bitte! Meine Freude ob Ihres Briefes können Herr Wedekind sich gar nicht vorstellen; (I) ich glaube ihn sicher hundertmal gelesen zu haben. Ich dachteZunächst in einem Wort geschrieben, dann durch einen senkrechten Strich als zwei Worte kenntlich gemacht. zurück an die TageFriedrich Strindberg hatte sich vom 14. bis 16.9.1913 mit Wedekind in Berlin getroffen [vgl. Tb]. in Berlin – wie schön waren sie doch – und freute mich aufs WiedersehenWedekind hatte Friedrich Strindberg bei ihrem Treffen in Berlin zu einem Weihnachtsbesuch nach München eingeladen; der Besuch dort fand vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 statt [vgl. Tb]. in München und Ich spüre das, was man öfters Sehnsucht nennen | hört.

Gestern waren wir mit dem Institutsleiter und i/2/. PraefectenErzieher in Internaten. in dem schönen Berchtesgaden und von da wanderten wir nach KönigseeSchreibversehen, statt: Königssee., der mit seinen Höhen und Felsen einen herrlich maiestätischenSchreibversehen, statt: majestätischen. Anblick bietet. Abends kamen wir zurück und müd legten wir uns um 9 h nieder. Es war wirklich schön inmitten der kahlen, schon weiß beschneiten Alpennatur.

Viele Grüße
Ihr dankbarer
Fritz


Handküsse an die gnädige Frau!

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 28. September 1913 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 28.IX.13.


Lieber Herr Wedekind!

Also endlich komme ich dazu Herrn Wedekind wieder zu schreiben! Hier ist es sehr nett! Ich denke noch oft zurück an BerlinFriedrich Strindberg hatte sich vom 14. bis 16.9.1913 mit Wedekind in Berlin getroffen [vgl. Tb]. und die schönen Tage, die ich dort verlebt habe!

Heute schrieb mir meine Schwester aus München. Freue mich schon enorm auf (Berlin) WeihnachtenWedekind hatte Friedrich Strindberg bei ihrem Treffen in Berlin zu einem Weihnachtsbesuch nach München eingeladen, den sein Sohn vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 wahrnahm [vgl. Tb]. zu München. |

Auch denke ich täglich, wenn ich aufstehe schon daran und an das Wiedersehen.!

Hier ist Tag auf Tag dasselbe. Von Literatur und Kunst, ja von Taggesneuigkeiten bin ich vollständig angeschlossen, was auch sein Gutes an sich hat. Hier in Salzburg gibt ein gewisseSchreibversehen, statt: gewisser. Dr. EckartDr. Johannes Eckardt, Journalist und Bibliothekar des Universitätsvereins Salzburg war für die Jahrgänge 1913 und 1914 Redakteur und Herausgeber der katholisch orientierten literarischen Monatsschrift „Ueber den Wassern“, die seit 1908 erschien. Die Presse berichtete anlässlich des Herausgeberwechsels ausführlich über die Zeitschrift [vgl. Salzburger Chronik, Jg. 49, Nr. 194, 26.8.1913, S. 1-3]. „Über den Wassern“ eine literarische Zeitschrift heraus die ganz interessant ist. Vor kurzenSchreibversehen, statt: kurzem. probierte ich, ‒ bitte zu entschuldigen – ein kleines, ganz kleines StückleinManuskript nicht überliefert. zu schreiben. Es hat 2 Se/z/enen: die erste in einem Häuslein am Wiener Donaukanal: Der betrunkene Vater kommt heim, mißhandelt die kranke Frau, die am Schmerz über die Roheit des Mannes stirbt. Die 15jährige Tochter klagt am Bett der Mutter; das Zimmer füllt sich mit Leuten; ein junger, unge|fähr 25jähriger Fabrikantensohn (selbständig.) ./nimmt die gan sehr hübsche Tochter mit sich und erhält sie.

II. 5 Jahre sind vorbei: Der Fabrikantensohn macht der zur Dame gewordenen Paulin – so nannt ich sie – den Antrag einer Heirat. Sie schwankt zwischen ihm (aus Dankbarkeit) und einem Freund (aus Liebe.) Im Seelenkampf unterliegt sie und nimmt sich das Leben. Krampfhaft sinkt ihr Freund unter ihrer Leiche zusammen während der Fre elegante kl/Fa/brikantensohn seinem Geschäft nachgeht. (Das Zimmer ist nach dem Unk/g/lück mit Leuten gefüllt.)

Ich trug es meinen 3 SchlafkameradenZimmergenossen Friedrich Strindbergs in der Lehr- und Erziehungs-Anstalt für Schüler der Mittelschulen in Salzburg; Personen nicht ermittelt. vor und es gefiel. Ich freue mich schon riesig auf die Bücher, wenn Herr Wedekind so gut sind, mir etwas zu schicken,; denn hier lese ich sicherlich nicht zu viel, da ich ja nur Sonntags dazu komme. Auch sollten | wir auch nur Sonntags Brief schreiben: Es sind manche sonderbare Sitten hier aber gottseilob entfällt das viele Beten das in Skt. PaulFriedrich Strindberg wechselte 1912 vom k. k. Akademischen Gymnasium in Wien für das Schuljahr 1912/13 an das Gymnasial-Konvikt Josephinum des Benediktinerstifts St. Paul in Kärnten. Sitte war!

Noch viele Grüße
Ihr dankbarer Fritz


P.S.

Handküsse an die gnädige Frau Gemahlin; Grüße – leider unbekannterweise – bitte, an die Frl. Töchter!

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 4. Oktober 1913 (Samstag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg / 4.XI.13.irrtümlich datiert; der Brief wurde am 4.10.1913 geschrieben.


Lieber Herr Wedekind!

Endlich kann ich wieder schreiben! Hoffentlich trifft Herrn Wedekind der Brief schon in MünchenWedekind reiste am 30.9.1913 abends nach München ab [vgl. Tb]. Friedrich Strindberg hatte sich am 19.9.1913 bei ihm nach der Dauer von dessen Berlinaufenthalt erkundigt [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 19.9.1913].! Wie geht es immer? Hier ist es sehr nett; Gestern waren wir am GaisbergDer 1287 Meter hohe Gaisberg ist einer der Hausberge Salzburgs und liegt rund fünf Kilometer östlich des Stadtzentrums. b./ Salzburg (1200 m.) Man sah weit hinein nach Oberbayern und ich gedachte Hert/r/n Wedekinds und des Wiedersehens zu WeihnachtenWedekind hatte Friedrich Strindberg bei ihrem Treffen in Berlin zu einem Weihnachtsbesuch nach München eingeladen, den sein Sohn vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 wahrnahm [vgl. Tb].. und fühlte mich beinahe durch den Blick hinab Ihnen näher! |

Das GastspielWedekind war mit seiner Inszenierung von „Franziska“ vom 5.9.1913 bis 29.9.1913 an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin mit 25 Vorstellungen zu Gast. ist wohl schon lang vob/r/bei! Sicherlich zu Ihrer Freude!

Von Theater und Kunst hört man hier wenig, beinahe überhaupt nichts! Ist auch während des Lernens nicht notwendig! Das Lernen fällt mir hier recht leicht!

Hier haben wir eine sehr hübsche Umgebung! Die nackten Felsmassen unterbrochen durch schwarzgrüne Waldflecken, die Burg und alles wirkt zu einem sehr hübschen Eindruck zusammen. Auch gehen wir jeden Tag spazieren meistens 1-2 h.

Vieleichbei Friedrich Strindberg häufigeres Schreibversehen, statt: Vielleicht. läßt mich Großmama Violin lernen! Würde mich sehr freuen! Freue mich schon riesig aufs Wiedersehen in München. Einen lebhaften Eindruck macht auf mich noch immer Franziska!

Viele Grüße
– Handküsse an die gnädige Frau Gemahlin
In Liebe
Ihr Fritz.


F. St-U. / Salzburg p. a. Prof. Tschurtschenthaler
Dreifaltigkeitsg. alt. Borromu/ä/um.

Einzelstellenkommentare

München, 11. Oktober 1913 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

[Hinweis in Friedrich Strindbergs Brief an Wedekind vom 12.10.1913 aus Salzburg:]


Danke Ihnen aufs aller-allerherzlichste für den so lieben Brief […] herzlichsten Dank für beides: Brief und Buch […]

Einzelstellenkommentare

München, 11. Oktober 1913 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

[Hinweis in Friedrich Strindbergs Brief an Wedekind vom 12.10.1913 aus Salzburg:]


Danke [...] für die „Zensur“ [...] mit der so lieben freundlichen Widmung.

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 12. Oktober 1913 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 12 Oktob. 1913.


Lieber Herr Wedekind!

Danke Ihnen aufs aller-allerherzlichste für den so lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 11.10.1913. und für die „Zensur“ mit dem mir teuersten Schatz, mit der so lieben freundlichen Widmungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 11.10.1913. Wedekind dürfte seinem Sohn die zuletzt bei Georg Müller in München erschienene 3. Auflage von 1912 seines Einakters „Die Zensur“ [vgl. KSA 6, S. 838] geschickt haben, versehen mit einer persönlichen Widmung.. Eine solche Freude hätte ich mir nicht, ich kann sagen träumen lassen! Und wie ich mich schon auf München freueDer anstehende Weihnachtsbesuch Friedrich Strindbergs vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 bei Wedekind in München ist bereits in der vorangehenden Korrespondenz mehrfach angesprochen worden. ist unbeschreiblich! |

Meinen EntwurfEs dürfte sich um den Entwurf von Friedrich Strindbergs Drama „Triton“ gehandelt haben, das er seinem Vater dann am 26.12.1913 in München vorlas, wie dieser notierte: „Fritz liest sein Drama Triton vor“ [Tb]. habe ich leider zwar nicht ausgeführt aber einen Tag nach meinem Briefvgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 4.10.1913. dem hiesigen „RaubtierpublikumAnspielung auf Wedekinds berühmten Prolog zum „Erdgeist“, in dem am Ende das „Publicum“ das wahre „Raubthier“ [KSA 3/I, S. 317] ist, sowie auf die 3. Szene im 1. Bild von „Franziska“, in der Veit Kunz sagt: „Meine Prozente erhalte ich von den Direktoren, die das Heiligste meiner Kreaturen dem Raubtier Publikum zum Fraße vorwerfen.“ [KSA 7/I, S. 242]“ preisgegeben, in dem ich bei einer Gelegenheit mit halbwegs angehender StimmenimmittierungSchreibversehehen, statt: Stimmenimitierung. das Stücklein improvisiert habe. Zwar fand es riesigen Beifall, aber mir selbst kam es recht, recht gewöhnlich vor, während meinen KollegenFriedrich Strindbergs Mitschüler; nicht ermittelt. die Alltäglichkeit Freude bereitete.

Auf jeden Fall kenne ich nichts Bedauernswürdigeres als einen Dummkopf, der nicht an Gott glaubtZitat einer Replik Buridans aus „Die Zensur“ (2. Szene): „Auf jeden Fall kenne ich nichts Bedauernswürdigeres auf dieser Welt als einen Dummkopf, der nicht an Gott glaubt!“ [KSA 6, S. 222]

Das ganze Stück ahtmet so Menschlichkeit, daß es mir ein unergründliches | Rätsel ist, daß es nicht gröss/ß/ere Verbreitung hatt. Ich für mich glaube, daß es auf den enormen Beifall jedes IntellegentenSchreibversehen, statt: Intelligenten. rechnen muß!; denn seit ich es gelesen, habe ich eine Unmasse neuer Gedanken über den „letzten Grunt/d/.Umschreibung für ‚göttliche Ursache‘, in Anknüpfung an das Religionsgespräch in der 2. Szene von „Die Zensur“; kein Zitat.

Und ich gla/ube, ich würde – wie Lessing, von Herzen nach der Linken k/g/reifenAnspielung auf eine vielzitierte Stelle in Lessings religionskritischen Schriften: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demuth in seine Linke, und sagte: Vater, gieb! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“ [Lessing, Gotthold Ephraim: Eine Duplik. Braunschweig 1778, S. 11], denn die echte Wahrheit ist ja doch nur für Gott allein! Und der riesige Konflikt zwischen den Sinnen und Gott bestand ja auch in jedem Menschen, der seinen Geist nicht sklavisch knechtet!

Und jetzt noch einmal den herzlichsten Dank für beides: Brief und Buch. Wirklich unbeschreiblich ist das Mischmasch von tollster Freude, die ich empfinde – es sind die schön|sten Stunden seit ich Herrn Wedekind kennengelernt, ich kann sie mir nur schöner vorstellen, wenn ich zu Weihnachten zu i/I/hnen kommen darf. Und das/s/ ist eine kaum zu fassende Freude!! Meine Schwester schrieb mirDas Schreiben von Kerstin Strindberg ist nicht überliefert. jüngst, daß sie sich auch freue, wenn sie Herrn Wedekind kennen lernen könnte. Ich werde I ihr mit Herrn Wedekinds Erlaubnis die Adresse schreiben. –

Und nun ein Gedicht! Bitte zu entschuldigen, wenn es nicht gut ist, denn ich habe jetzt wenig, wirklich wenig wirklich stimmungsvolle Zeit. Was ich jetzt schreibe, das ist schon längeren Datums/s/: es entstand in den sonnigen Ferien und da als Schluß eines Märchens, das ich aufsetzte. | 2.Paginierung, um die Reihenfolge der beschriebenen Doppelblätter zu markieren; vom Text durch einen Haken abgesetzt. Es behandelt den Tod einer Prinzessin, die durch hervorragende Schönheit sich auszeichnete. Eben um diese zu schildern schrieb ichs. Und sie wird weit draußen außer der Stadt vom Gemahl beim Buhlen überrascht und findet gewaltsamen Tod : u. dann:

Auf der weiten, unendlichen Heide
Da lagert der harte Troß;
Sie liegt in blumigen Rasen
In ihres Gatten Schoß,
Und wo sie durchbohrt hat die Klinge
Drei Tropfen flossen dahin;
Drei Blümelein sind dort entsprungen;
Drei Blümelein: Immergrün.


Aus der weiten, unendlichen Heide
Da stand ich auf einmal
Es glühte die Sonne purpurn
Im letzten AbundstrahlSchreibversehen, statt: Abendstrahl.. |
Da fast/ß/t mich ein bitteres Wehe
Die Trähnen, sie flossen dahin;
Und wo sie die Erde getroffen,
Da wachsen die Immergrün.


Auf der weiten, unendlichen Heide,
Da wandt ich zur Erd mein Gesicht:
Ich hab schon zu lange gelebet
Und ach! Ich ertrag es nicht.
Und wie ich mit traurigem Blicke
Zum Ende der Heide mich wandt
Da hab ich zum letztenmale

Gegrüßt mein Heimatsland! –––


D/D/aß es nicht gut ist, das weiß ich! Besonderes schon gar nicht. Wohl hab ich etwas, das mir selbst gefällt: aber ick/h/ kanns nicht schicken, denn wenn es wirken soll, | könnte ich es höchstens selbst vortragen. „Nachtgedanken“ nannt ichs, da es eine paas/r/ schlaflosen Stunden entstammte. Ziehmlich lange ist es in reimlosen Jamben geschrieben: mein Bestes, was ich bis jetzt leistete. Wenn Herr Wedekind erlauben hebe ich es mir bis Weihnachten auf.

Noch den herzlichsten Dank für „d/d/ie Zensur“ die mich wieder wie „Franziska“ rasend begeisterte, viele
dankbare Grüsse mit endloser Freude
auf Weihnachten.
In Liebe Ihr Fritz.


Handküsse an die gnädige Frau Gemahlin und Grüsse an die lieben Töchterleins!

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 18. Oktober 1913 (Samstag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg / 16/8/.X.


Lieber Herr Wedekind!

Bitte zu entschuldigen, wenn ich erst jetzt dazu komme wieder zu schreiben umd meinen nochmaligen herzlichsten Dank für die „ZensurWedekind hatte Friedrich Strindberg spätestens am 11.10.1913 ein Exemplar seines Dramas „Die Zensur“ mit einer handschriftlichen Widmung zugeschickt [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 11.10.1913]. auszudrücken! | Heute kann ich mit ruhigem Gewissen Herrn Wedekind ein Gedicht (zu) schicken, das etwas stimmungsvoller und bei einem Spaziergang so ziehmlich entstanden ist. Die Sonne schien zu siechen und gab mir noch die letzten Reste ihrer einstigen Schönheit uns zum Besten, nun und da geschahs! Wer der Held ist – Sommer oder Sonne – ich könnt es nicht sagen, wenn ich es auch – „an die Sonne“ nannte

–––––––––––––

Der Herbst quillt kommt nun! Es quillt die müde Sonne,
Das Scheiden rühret auch das ihre Herz
Sie geißelt sich in ihrem fahlen Schmerz
Dahin war all der Abglanz freud’ger Wonne. |

Der Herbst ist da! Das Laub, das schillert schwüle.
Ach komm doch bald! Das Scheiden wird mir schwer
Ach komm doch bald! Ich liebe Dich so sehr

Und<Loch>U<Loch> naht der Abend feucht und kalt und kühler/e/,
Dann muß ich weinen! Denn ich liebe Dich sehr!

––––––––––

So deutlich wie hier merkte ich noch nirgends das Scheiden der lieben Sonne! Es wird immer trauriger und die Nasen der Spaziergänger starren schon frostig rot umher. Zu Weihnachten hat mich Großmama eingeladen zu ihr zu kommen nach Mondsee. Mein OnkelDer bekannte Wiener Bildhauer Rudolf Weyr heiratete 1882, einen Tag vor ihrem 18. Geburtstag, Marie Uhl, die Schwester von Friedrich Strindbergs Mutter Frida Strindberg. Deren am 27.2.1884 geborener gemeinsamer Sohn Caesar Ritter v. Weyr war später Vormund Friedrich Strindbergs [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 11.4.1914]., der Bildhauer Weyer kaufte sich sofort nach Lektüre „Franziskas“ | sämtliche WerkeBei Georg Müller in München waren seit 1912 bereits fünf der zunächst auf sechs Bände angelegten „Gesammelten Werke“ Wedekinds erschienen. Herrn Wedekinds.

Wie geht es immer in München? Hoffentlich ist die Müdigkeit vom SpielenWedekinds letzter Auftritt als Schauspieler lag drei Wochen zurück, das war bei der 25. Vorstellung von „Franziska“ in Berlin am 29.9.1913 [vgl. Tb]. schon etwas vorrüber! Die Anstrengungen müssen wirklich riesig sein.

Viele dankbare Grüße;
Handküsse an die gnädige Frau
Gemahlin viele Grüße an die
lieben Töchter
in Liebe
Fritz.

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 26. Oktober 1913 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 26. November. 13.


Lieber Herr Wedekind.

Nun kann ich wieder einmal schreiben! Freitag den 31.Der geplante Besuch bei seiner Großmutter in Mondsee für ein verlängertes Wochenende über Allerseelen (31.10.1913 bis 4.11.1913) verkürzte sich für Friedrich Strindberg wegen schulischer Konflikte [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.–4.11.1913]. kann ich vielleicht zur Großmama nach Mondsee (schreib) fahren. Doch ist es nicht sicher! Die „Zensur“ ist mir ein dauerndes VergnügenSpätestens am 11.10.1913 hatte Friedrich Strindberg ein Exemplar von „Die Zensur“ mit einer Widmung von Wedekind zugesandt bekommen [vgl. Wedekind an Friedrich Strindberg, 11.10.1913]., ja ich werfe sogar – habe es schon versucht – öfters einen Blick hinein und finde oft Schmerzenstillung! Ja ich würde es als Orakel | bei seelischen Schmerzen gern gebrauchen, wenn mir nicht hie und da das traurige EndeDas Stück endet nach einer Auseinandersetzung zwischen dem Literaten Buridan und seiner Geliebten Kadidja mit dem Selbstmord Kadidjas [vgl. KSA 6, S. 232]. in die Hand fiele und ich noch betrübter werde: denn das Stück wirkt ungeheuer.!

Wenn ich so in stillen Stunden in die Zukunft blicke, so freue ich mich schon riesig auf WeihnachtenDer anstehende Weihnachtsbesuch Friedrich Strindbergs vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 bei Wedekind in München ist bereits in der vorangehenden Korrespondenz mehrfach angesprochen worden und bleibt auch in den folgenden Briefen selten unerwähnt.! meine ganze Hoffnung ruht darauf, ich erblicke in München Freude und Lust, wie ich sie noch nie erlebte, denn jetzt weiß ich was es heißt, jemand zu haben, der einem näher steht als all’ die nur spötteln, höhnen und schimpfen können. Und das ist gut!

Noch viele Grüße, Handküsse an die gnädige Frau und die lieben Töchterlein
in Liebe
Ihr Fritz.

Einzelstellenkommentare

München, 27. Oktober 1913 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

[1. Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 27.10.1913 in München:]


Brief an Fritz [...]



[2. Hinweis in Friedrich Strindbergs Brief an Wedekind vom 1.11.1913 aus Salzburg:]


Herzlichen Dank für den lieben Brief […] Bitte zu entschuldigen wenn mein Dank etwas spät eintrifft […]

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 1. November 1913 - 4. November 1913
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 1.XI.13.


Liebster Herr Wedekind!

Herzlichsten Dank für die/en/ lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück Wedekind an Friedrich Strindberg, 27.10.1913., der mich zur geeignetsten Zeit antraf, um mich etwas zu heben. Bitte zu entschuldigen wenn mein Dank etwas spät eintrifft, ich erwartete mit steigendem Interesse den leider bis jetzt nicht eingetroffenen „SimsonDer Erstdruck „Simson oder Scham und Eifersucht. Dramatisches Gedicht in drei Akten von Frank Wedekind“ [KSA 7/II, S. 1274] im Verlag von Georg Müller lag vordatiert auf 1914 bereits im Spätsommer als Neuerscheinung vor [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 80, Nr. 215, 16.9.1913, S. 9278]..

Wenn ich etwas vieleichtSchreibversehen, statt: vielleicht. kleinliches schreibe, so tuheStreichung des überzähligen Buchstabens mit Bleistift. ichs, da es doch tiefen Eindruck auf mich machte. Wegen einer kleinen, unritterlichen Rauferei – und dies ist leider manchmal nötig um sich unter | den Kameraden Achtung zu verschaffen – ging es einem unschult/d/igen Pult zu Leibe, das vor Schmerz zusammenbrach. Diesen Tat trug mir den Zorn des Gebieters ein, der meine NachhausefahrtDas Verbot wurde offenbar wieder aufgehoben, wie die von Friedrich Strindberg am 3.11.1913 in Mondsee aufgegebene Postkarte belegt [vgl. Friedrich Strindberg an Frank Wedekind, 3.11.1913]. ins nahe Mondsee verbot. Zu letzterem wurde er auch durch Aufdeckung eines nächtlichen Schmauses veranlag/ß/t, bei dem ich aber gar nicht beteiligt war.

Nun liegt mir an meiner Reise nach Mondsee riesig viel daran. Das Wiedersehen mit der SchwesterFriedrich Strindbergs Großtante Melanie Samek war die Zwillingsschwester von Marie Uhl und lebte im oberösterreichischen Klam. Er kannte sie aus seinen Kindertagen, die er im benachbarten Dornach und Saxen verbrachte. meiner Großmama freute mich und dann, obwohl ich kaum sehr pietätsvoll veranlagt bin, nämlich von fremden Leichen, die Überreste meines GroßvatersFriedrich Strindbergs Großvater Friedrich Uhl war am 20.1.1906 in Mondsee gestorben. Strindberg bezieht sich hier vermutlich auf den in katholischen Regionen üblichen Brauch, an Allerseelen (2.11.) die Gräber der Verstorbenen zu besuchen. wollte ich noch gerne sehen. Und wie ich leider oft von Extrem ins Extreme falle so lag ich – viel lag mir nie an Religion – jetzt da es sich um Erfüllung eines Wunsches handelte, im Bett und rang unter den quälendsten Empfindungen (im Bett), vergaß all dessen, das mich sonst | nicht nur lebenslustig, sondern lebens,/-/ ich möchte sagen, zukunftsgierig machte und rang nach einstigem, vielleicht still irgendwo vergessennem Glück, oder zu bezeugen, daß ich ein Mensch bin; und nach meiner Überzeugung ist nur der Mensch, der Phantasie und Kunst gepaart mit Lebensmut im Hirn vereinigt hat! Ob ichs hab weiß ich selber nicht; obwohl noch jung, verzweifle ich so oft an mir: ob ich das werden kann, was ich anstrebe. Meine sonst so liebe Großmama ist, ich kann es sagen, ohne undankbar gegen sie zu erscheinnen, leider etwas überreligiös und das ist bei alten Frauen häufig. Auch hat sie, über was ich zwar nicht sprechen, noch weniger schreiben sollte einen ganz sonderbaren Ansicht über manche Dinge. So kam es, daß ich eigentlich bis jetzt außer kurzen Zeiten und die waren voll pochendem Herzen, nie eine Seele hatte der ich vertrauen konnte. So bildete ich meine | Ansichten ziehmlich frei heran. Da ich niemand hatte, dem ich mich ausspechenSchreibversehen, statt: aussprechen. konnteStreichung der ö-Punkte als Sofortkorrektur durch Friedrich Strindberg., hatte ich auch keinen Geist, denn die übrigen waren mir f/v/iel zu viel vom Alltagsrauch beschmutzt als daß mit ihnen zu disputieren wäre. Und ich nahm das Beste ihrer Phantasie, wenn sie solche hatten und speicherte sie bei mir aus/f/Überschreibung mit Bleistift ausgeführt.. Und wenn dann genügend aufgespeichert war, um 20 Kameraden verrückt zu machen dann brach es hervor und da mir jenerSchreibversehen, statt: jenes. Vertrauen fehlte, so suchte ich es mir in den höheren Sphären und wurde still religiös. Spotten war nie mein Fach, auch suchte ich mir nie Ausreden zu Zweifeln, denn mir kamen sie alle nur vor wie neue Beweise alter Abgeschmacktheit. Und das eckelhafteste ist die sachliche Beweisführung! Wollen sie beweisen, was damals gewesen oder nicht! |

2.Nummerierung des zweiten Doppelblattes durch Friedrich Strindberg.

Gut kann nur e/E/ines sein: Das Zweifeln wenn man die Wahrheit vor Augen liegen hältSchreibversehen, statt: vor Augen hält (oder: vor Augen liegen hat)., denn so LessingWie zuvor schon [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 12.10.1913] bezieht sich Friedrich Strindberg hier auf eine Stelle in Lessings theologiekritischen Schriften: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demuth in seine Linke, und sagte: Vater, gieb! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“ [Gotthold Ephraim Lessing: Eine Duplik. Braunschweig 1778, S. 11].: Und wenn du alle Wahrheit in der R/r/echten, und das Streben nach Wahrheit mit dem Zusatze auf immer zu irren, in der linken, ich griffe freudig nach der Linken, denn die echte Wahrheit, Vater, ist ja doch nur für Dich allein.

Und wenn auch die Wunder Tatsachen sind, darf ich, ein Mensch, sie nie sehen und soll ich mich zwingen doch zu glauben?

Leider Gottes habe ich mich jetzt in ein Gebiet verirrt, in das ich leicht hineingerate und nur schwer mehr heraus. So ist mir das Lernen in der Schule nur die Quelle zu kleinen Privatstudien, denen meistens kleine Abhandlungen entspringen. So jetzt: „Zarathustra und Hellasnicht überliefertes Manuskript.“ ein Vergleich beider Religionen als Basis der Pantheismus. | Selten findet man in der alten Literatur moderne Epen. Doch ein solches fand ich im A/a/ngelsächsischen Beowulfepisches Heldengedicht in angelsächsischen Stabreimen aus dem 8. Jahrhundert. , (Übersetz. von HerzWilhelm Hertz übersetzte 1883 unter dem Titel „Beowulfs Tod“ das Ende des Beowulf-Epos in Stabreimen [vgl. Wilhelm Hertz: Gesammelte Dichtungen. Stuttgart 1900, S. 467-477].). Eine ausgezeichnete Darstellung der FieberglutBeowulf stirbt an den Folgen eines giftigen Drachenbisses (V. 2818 f.). des Königs in Stabreimen nahe dem Schluß lockte mich zur näheren Betrachtung.


4/XI.

Nun war ich bei Großmama, die ungeheuren Gefallen an der „Zensur“ fand.

Heute bin ich wieder da, zerknirscht. Hier fiel ein kleiner Vorfall vor, der die Gefühle des Herrn Dir. unserer Anstalt tief verletzte „. Ein Gebrauch von manchen nicht salonfähigen Wörtern bei einem Spiel abends nach Tisch, dessen Anstifter ich war! Deswegen, wenn sich meine Kollegen in „diverse Sachen“ verirren muß | ich doch nicht der Verführer sein, für den mich unser Direktor haltet!

Wie lange meines Bleibens hier sein wird stellte er gestern abend nach meiner Ankunft in Frage! Was dann von mit mir geschehen wird – ich weiß es nicht!!! Wohin mich dann meine ratlose Großmama stecken wird – Gute Nacht – ! Ich wahr wohl nie etwas andres, als ein Spielball für die sowohl äußeren, als inneren Gewalten. Bin neugierig, wenn auch mir einmal das Glück lächelt – Bis jetzt noch nie. Was dann mit mir geschehen wird, S/W/ohin sie mich wieder werfen – .

Viele Grüße
Ihr dankschuldiger Fritz.


P. S.

Bitte k/d/en „Simson“ bei diesen Verhältnissen nicht zu schicken! Viele Handküsse an die gnädige Frau Gemahlin, Grüße an die lieben Töchter!

Einzelstellenkommentare

Mondsee, 3. November 1913 (Montag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

An
Hochwohlgeb. Herrn
Frank Wedekind
München
Prinzregentenstraße 50.


Liebster Herr Wedekind!

Bitte zu entschuldigen, wenn ich solange schon nicht schrieb, einerseits in Erwartung des leider bis jetzt nicht eingetroffenen „Simson“so schon am 1.11.1913 [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.–4.11.1913]. anderseits in sorglicher Freude für meine HeimfahrtFriedrich Strindberg besuchte seine Großmutter in Mondsee und reiste dazu aus dem Internat in Salzburg an. Der ursprünglich für mehrere Tage geplante Besuch [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 26.10.13] war ihm am 1.11.1913 wegen schulischer Konflikte zunächst verboten worden [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.–4.11.1913].. Großmama gefiel die Zensur“ Das von Wedekind mit einer Widmung versehene, nicht überlieferte Exemplar seines Einakters hatte er Friedrich Strindberg spätestens am 11.10.1913 zugesandt [vgl. Wedekind an Friedrich Strindberg, 11.10.1913].ausgezeichnet gut und sie freut sich sehr Herrn Wedekind kennen zu lernenÜber eine persönliche Begegnung Frank Wedekinds mit Marie Uhl ist nichts bekannt.. Herzliche Grüße, l/H/andküsse an die gnädige Frau Gemahlin und an die lieben Kleinen
Ihr Fritz..


P.S. Herzliche Empfehlungen u. Grüße von meiner Großmama & TanteMelanie Samek war die Zwillingsschwester von Friedrich Strindbergs Großmutter Marie Uhl, also seine Großtante [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.-4.11.1913]. Sie lebte im oberösterreichischen Klam und war zu Besuch in Mondsee. .

Einzelstellenkommentare

München, 6. November 1913 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

[Hinweis in Friedrich Strindbergs Brief an Wedekind vom 7.11.1913 aus Salzburg:]


Danke herzlichst für den lieben Brief!

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 7. November 1913 (Freitag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 7./XI.13.


Liebster Herr Wedekind!

Danke herzlichst für den lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 6.11.1913.!

Wenn ich nur wüßte was ich tun soll!

Wie geht es Herrn Wedekind immer? Hoffentlich, Hoffentlich sehr gut!! Als ich auf der HeimfahrtFriedrich Strindberg hatte vom 2.11.1913 bis 4.11.1913 von Salzburg aus seine Großmutter in Mondsee besucht. von meiner Großmama war, sah ich am Bahnhof einen Herrn, der bis aufs Haar Herrn Wedekind glich. Anfangs vermeinte ich aufzujauchzen, ich lief hin, etwas unschlüssig blieb ich stehen, da hört ich seine Stimme und unangenehm getäuscht | schlich ich mich lässig davon! Die ganze Fahrt dachte ich an WeihnachtenWedekind hatte Friedrich Strindberg bei ihrem Treffen in Berlin zu einem Weihnachtsbesuch nach München eingeladen, den sein Sohn vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 wahrnahm [vgl. Tb]. Die Vorfreude auf diesen Besuch formuliert Strindberg im Vorfeld in nahezu jedem seiner Briefe., vergangene lichte Tage in BerlinFriedrich Strindberg hatte sich vom 14.9.1913 bis 16.9.1913 mit Wedekind in Berlin getroffen [vgl. Tb]. tauchten vor meinem Blick auf, ich erinnerte mich der „Franziska“, der weißen Kätzchenbereits früher von Friedrich Strindberg hervorgehobenes Element aus dem 7. Bild von „Franziska“ [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 17.9.1913]. und des Selbstmordes Veit Kunzensder gescheiterte Suizid von Veit Kunz am Schluss des 8. Bildes im 4. Akt von „Franziska“ [vgl. KSA 7/I, S. 294-296].. Ein ganzel/s/ Leben grüßt mich darin mit all seiner Lust und den folternstenSchreibversehen, statt: folterndsten. Qualen. Und inzwischen blicke ich in Herrn Wedekinds Antliz, ich sah die erste Seele, der ich mich gab, der ich vertraute. Und wenn wir einst sehnsüchtig zu den diversen Töchtern hinüberblickten und Nichten, Cousinen und jungen Damen; die meisten tatens zum Zeitvertreib zum Spiel! Ich nur wenn ich verlassen dastand und wemSchreibversehen, statt: wen. fand, dem ich lieb war.

Und die Kunst? Mich riß sie nur weg von manchen fatalen Qualen; | bis jetzt mißbrauchte ich sie beinahe immer! Sie war mir nicht mehr als was dem SchmockBezeichnung für einen opportunistischen, skrupellosen Zeitungsschreiber. die Zeitung, das wäre richtiger was dem Bohème der AbsyntAbsinth galt seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Modegetränk in Künstlerkreisen. ist. Wenn mich etwas quälte, oder erhob, ich brachte es zu Papier und die tollsten Geister, roh gar nichSchreibversehen, statt: nicht. gefeilt noch weniger abgerunl/d/et tanzten am Papier. Meistens haben kleine Zettel das büßen müßen, was ich dachte und die Flamme verzehrte wessen ich überdrüssig war.

Wenn ich doch nicht unbescheiden, nur um denken zu können an das, dessen Liebe mich immer erhebt bitte ich Herrn Wedekind, vieleichtSchreibversehen, statt: vielleicht. könnte ich statt „Simson“ Friedrich Strindberg erwartete die offenbar von Wedekind zugesagte Zusendung des jüngst erschienenen Dramas [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.11.1913].eine Photographie geschickt bekommen. Wenn es auch keine Gedanken sind, ein Bild ist es doch! Ich bitte Herrn Wedekind darum, wenn | es möglich wäre. Meiner Schwester habe ich leider noch nicht geschrieben, da ich in der letzten Woche zum Briefschreiben zu ungeeignet war.

Noch viele Grüße; Empfehlungen und herzliche Grüße leider bis jetzt noch unbekannterweise von Großmama,
sendet
herzlich dankend
Fritz.


Handküsse an die gnädige Frau Gemahlin. Und viele Grüße in der Freude an die Bekanntschaft zu Weihnachten an die Töchterlein bitte zu entrichten–.

Einzelstellenkommentare

München, 7. November 1913 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

[Hinweis in Friedrich Strindbergs Brief an Wedekind vom 10.11.1913 aus Salzburg:]


Danke herzlichst für den Brief!

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 10. November 1913 (Montag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg. / 10/XI.13.


Liebster Herr Wedekind!

Danke herzlichst für den Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 7.11.1913.! Wenn ich nicht sofort antwortete so bitte ich zu entschuldigen. Herr Wedekind werden kaum wissen, wie unangenehm mir immer diese StreitigkeitenKonflikte mit seinen Mitschülern schilderte Friedrich Strindberg in seinem Etappenbrief vom 1.–4.11.1913 [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.11.1913]. sind, besonders wenn sie mit KollegenFriedrich Strindbergs Mitschüler. stattfinden. Nun werden sie gottseilob schon zu altem Gerümpel gerechnet und nur mit Humor erinnern wir uns dieser. | Auch die UnannehmlichkeitenFriedrich Strindberg wurde nach verschiedenen Vorfällen mit einem Schulverweis gedroht [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.–4.11.1913]. mit unserm Director flauen so ziehmlich ab nur hie und da gibt es jetzt immer neue Skandäle, bei denen ich gottseidank nie beteiligt war! – Die FerienFriedrich Strindberg besuchte seine Großmutter in Mondsee vom 2.11.1913 bis 4.11.1913 [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.–4.11.1913]. verbrachte ich bei meiner Großmama: Bitte zu entschuldigen, wenn ich damalsIn einem früheren Brief hatte sich Friedrich Strindberg über die Religiosität und Ansichten seiner Großmutter beklagt [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.–4.11.1913]. in ungerechtfertigtem Unwillen abfällig gegen meine liebe Großmama schrieb. Jedenfalls wirklich innerlich habe ichs kaum empfunden, sonst müßte ich jetzt noch etwas fühlen. So spüre und empfinde ich nur mehr die Liebe der Dankbarkeit gegen sie, denn was ich alles von ihr habeFriedrich Strindberg wuchs seit 1899 in der Obhut seiner Großmutter in Saxen und Mondsee auf. ist mein ganzes Hab und Gut! Auch geistig! Darum war das damals sicherlich | nur momentaner Unwillen, sonst taete ich nicht klagen. –

Nun da ich so ziehmlich alles ausgetragen habe hier, bei meinen Lehrern und Kollegen – höchstens daß ich bei ersteren noch in falschem Verdachte stehe manches andre angestiftet zu haben stehe. – Natürlich ist dies nur ein Verdacht, denn nun bin ich mäuschenstill in allem und den falschen Glauben hoffe ich durch gesittetes Benehmen wieder nichtig zu machen, wie er ist!! Auch gutes Lernen soll mir hilfreich zur Seite stehen. Über Grosßmama abfällig zu urteilen | würde mir jetzt bei meinem Dankbarkeitsgefühl nicht im Traum einfallen. – Auch war ich in dieser letzten Zeit überwühlt von 1000den Eindrücken, die in Extremen Luft, Raum suchten. War Kerstin schon bei Herrn Wedekind? Ich bat sie mir alles zu schreiben – Wie ich neugierig bin und freudig auf WeihnachtenWedekind hatte seinen Sohn eingeladen, Weihnachten bei ihm in München zu verbringen. Friedrich folgte der Einladung vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 [vgl. Tb]. läßt sich kaum ermessen – Lebenslustig wurde ich seit 3 Tagenvermutlich Bezugnahme auf den letzten Brief Wedekinds [vgl. Wedekind an Friedrich Strindberg, 7.11.1913]. –! Wie ich mich an Herrn Wedekind und die lieben Töchterlein sehne!

Viele Grüsse
herzlichst
Ihr Fritz.

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 16. November 1913 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg /16/XI.13.


Liebster Herr Wedekind!

Nun komme ich wieder dazu zu schreiben! Hier ist so ziehmlich alles schon in Ordnung – mit mir vollständig – höchstens mit den andern! War meine Schwester schon auf BesuchDas von Wedekind geplante Treffen mit Friedrich Strindbergs Halbschwester Kerstin in München fand vermutlich aufgrund der Warnungen Marie Uhls nicht statt [vgl. Marie Uhl an Wedekind, 10.11.1913]. Kerstin Strindberg meldete sich am 24.11.1913 telefonisch bei Wedekind [vgl. Kerstin Strindberg an Wedekind, 24.11.1913]. bei Herrn Wedekind? Ich bat sie | mir sobald als möglichst darauf zu schreiben. – Bin schon so entsetzlich neuge/i/erig und wie ich mich auf WeihnachtenWedekind hatte Friedrich Strindberg bei ihrem Treffen in Berlin zu einem Weihnachtsbesuch nach München eingeladen, den sein Sohn vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 wahrnahm [vgl. Tb]. freue ist ganz unbeschreiblich!!

Hier ist entsetzliches Wetter! schon seit einer längeren Zeit!! Mit dem ViolinlernenDen Plan dazu äußerte Friedrich Strindberg einen Monat zuvor [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 4.10.1913]. ist es scheinbar nichts, denn unser Herr Direktor scheint darauf schon vergessen zu haben.

Mit meiner Großmamma korrespondiere ich auch recht fleißig und ihr | war die GeschichteVon seinen schulischen Vergehen und den angedrohten Konsequenzen berichtete Friedrich Strindberg in seinem Brief vom Beginn des Monats [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1. bis 4.11.1913]. auch recht unangenehm!! Aber Herr Wedekind können überzeugt sein, daß ich doch nicht dem Undank soviel Platz in meiner Brust ließe um gegen meine Großmama schlecht zu denken!

Noch viele Grüße
herzlichst
Fritz.

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 23. November 1913 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 23./XI.


Lieber Herr Wedekind!

Bitte zu entschuldigen, wenn ich schon so lange nichts geschrieben habe! Hier in Salzburg ist wirklich schon jede UnannehmlichkeitVon seinen schulischen Vergehen und den angedrohten Konsequenzen berichtete Friedrich Strindberg in seinem Brief vom Beginn des Monats [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1. bis 4.11.1913]. beiseitigtwiederkehrendes Schreibversehen bei Friedrich Strindberg, statt: beseitigt.! Gott sei Dank!

Vor wenigen Tagen erhielt ich einen BriefDer Brief Kerstin Strindbergs an ihren Halbbruder ist nicht überliefert. meiner lieben Schwester, die mir mitteilte, daß sie diese Woche Herrn Wedekind besuchtWedekind hat vermutlich aufgrund der Warnungen der Großmutter [vgl. Marie Uhl an Wedekind, 10.11.1913] von einer bereits geplanten Einladung Kerstin Strindbergs zu einem Besuch bei ihm Abstand genommen. Kerstin Strindberg meldete sich daraufhin am 24.11.1913 telefonisch bei Wedekind [vgl. Kerstin Strindberg an Wedekind, 24.11.1913].. Ich freue mich darüber sehr! Meine gute Großmama schrieb mirDer Brief Marie Uhls an Friedrich Strindberg ist nicht überliefert., daß zu Weihnachten ich den ersten Teil (Samstag/Sonntag o/)/ und s/b/is ich Herrn Wedekind besuchen darf zu ihr kommen darfMarie Uhl wohnte in Mondsee, wo Friedrich Strindberg häufiger seine Ferien verbrachte., teils um meine KleiderFriedrich Strindberg trug offenbar eine Schuluniform, mit der er auch zur Weihnachtseinladung Wedekinds am 23.12.1913 nach München reiste: „Hole Fritz Strindberg vom Bahnhof ab Er kommt in Uniform. Bei Isidor Bach kaufe ich ihm Zivilkleider.“ [Tb] Marie Uhl hatte Wedekind gebeten, ihren Enkel in München neu einzukleiden [vgl. Marie Uhl an Wedekind, 20.12.1913]. dafür zu holen, teils um guten Rat und Ermahnung auf die Reise zu empfangen. Meine Ferien beginnen eben Samstag (21)Irrtum Friedrich Strindbergs, der Samstag vor Weihnachten war der 20.12.1913. und dauern bis nach Neujahr (3.) |

Der Fuß meiner Großmama, der (sich) in folge eines Sturzes anschwellte geht seiner Heilung zu!

„Simson“Der Erstdruck „Simson oder Scham und Eifersucht. Dramatisches Gedicht in drei Akten von Frank Wedekind“ [KSA 7/II, S. 1274] im Verlag von Georg Müller lag vordatiert auf 1914 bereits im Spätsommer als Neuerscheinung vor [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 80, Nr. 215, 16.9.1913, S. 9278]. sah ich bei Höllriegel, der größten Buchhandlung Salzburgs ausgestellt. Auch erinnerte ich mich einer Mitteilung meiner Großmama, die mir erzählte, einstens, da sie Herrn Wedekind nur nach dem literarischen Namen kannte, sei ein großer VerehrerIdentität nicht ermittelt. von gekommen, der berichtete meiner erstaunten Großmama, daß in Herrn Wedekind ein 2. GoetheDie Punkte über dem o wurden von Friedrich Strindberg in Sofortkorrektur gestrichen. erstanden sei! Und ich mit meinem geringen Urteil spreche dies zwar nicht, doch mir sundSchreibversehen, statt: sind. Herr Wedekind von allen nach Goetheschen der g/G/rößte, den ich las! Und dies sagenSchreibversehen, statt: dies zu sagen. wird mir schwer, doch ich empfinde es morgends in der Frühe und abends da ich mich niederlege!

Wie freue ich mich auf Weihnachten! Haben Herr Wedekind meinSchreibversehen, statt: meine. Schwester schon gut kennen gelernt? Ich empfinde für sie | viel mehr als früher, denn Kerstin ist mir erst heuer im Sommer nähergetreten. Und was immer mir freundlich entgegenkommt, seins Lehrer oder wer anderes, den habe ich lieb!

Ich bereite trotz meiner geringen Lebenserfahrung mich mit einem kleinen Stücklein für Herrn WedekindFriedrich Strindbergs Stück "Triton" ist nicht überliefert. Er las daraus am 26.12.1913 seinem Vater vor: „Fritz liest sein Drama Triton vor“ [Tb]. vor, um zu zeigen, daß was ich kann mit dem frohesten Herzen ich niederschrieb um das Wohlwollen von Herrn Wedekind mir zu erringen! Der Inhalt ist eine ganz unmythologische Begebenheit, die meiner Phantasie entschlüpfte, deutscher Studenten- und PhilisterhumorPhilister war die studentische Bezeichnung für ‚Spießbürger‘. in griechisch-klassisches Gewand gebracht. Die einzelnen Personen sprechen in ihrem Vers der ihnen zu Gesicht steht, Dystiche, Jamben, Knittelverse bunt durcheinander, Prosaeinwürfe wie es paßt, grob körnig mit Dialekt! Aber „hochdeutschen“ DialektGemeint ist hier vermutlich die Verwendung von Umgangssprache in Abgrenzung zur Mundart..

Wie geht es immer Herrn Wedekind? |

Bitte meine Rapplereivon ‚Rappel‘ = Verrücktheit. von den früheren BriefenFriedrich Strindberg bezieht sich hier vermutlich auf seine Briefe vom Anfang des Monats [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1. bis 4.11.1913]. nicht (auch) schlecht aufzufassen! Ich hab wirklich in den früheren Briefen ein bischen gesponnen. Ist aber zu meinem ureigensten Vorteil schon vorbei!!

Froh und lustig bin ich immer und der „Triton“Friedrich Strindberg benannte sein Stück vermutlich nach dem Meeresgott der griechischen Mythologie mit menschlichem Oberkörper und einem Fischschwanz als Unterkörper. so werde ich das Stücklein ohne Fadenwohl: ohne Handlungsfaden. nennen, ahtmet lustige Lebenslust; allerdings ist der Schluß etwas tragisch! Ich weiß ihn aber selbst noch nicht, nur dunkle Konturen sind es die ich allmählich ausziehe.

Viele Grüße und mit der nochmaligen Bitte mir wegen meiner früheren Briefe nicht bös zu sein
in Liebe
Fritz.

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 24. November 1913 (Montag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg / 22.XI.irrtümlich datiert; der Brief wurde vermutlich am 24.11.1913 geschrieben (vgl. folgende Erläuterung).


Liebster Herr Wedekind!

Bitte tausent/d/mal zu entschuldigen, wenn gestern mein Briefgemeint sein dürfte der vorangehende Brief [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 23.11.1913]. Einen nicht überlieferten Brief Friedrich Strindbergs am 21.11.1913 anzunehmen, erscheint durch den Briefanfang am 23.11.1913 („Bitte zu entschuldigen, wenn ich schon so lange nichts geschrieben habe!“) unplausibel. ohne Marke eingetroffen ist, erst heute komme ich darauf, da mich ein KollegeMitschüler von Friedrich Strindberg; Identität nicht ermittelt. darauf erst heute aufmerksam machte! Bitte zu entschuldigen! Was ich mir für Vorwürfe deh/s/halb mache! Wie kommen denn Herr | Wedekind dazu meine Briefe++ zu übernehmen! So ein Mah/l/heur! Die Marke lag neben dem Brief und nur aus wirklich recht dummenSchreibversehen, statt: dummem.! Leichtsinn habe ich vergessen sie in der Eile darauf zu geben. Ich hatte meine Gedanken natürlich wieder gar nicht hier! Wie ich mich jetzt ärgere! Herr Wedekind können sich denken, wie peinlich mir dies ist!!!

Wie geht es Herrn Wedekind immer? Hoffe sehr gut! |

Freue mich schon riesig auf WeihenachtenWie Wedekind in seinem Tagebuch notierte, war Friedrich Strindberg vom 23.12.1913 („Hole Fritz Strindberg vom Bahnhof ab“) bis 1.1.1914 („Bringe Fritz zur Bahn“) zu einem Weihnachtsbesuch in München..

Viele Grüße, Handküsse
an die gnädige Frau Gemahlin
Ihr
Fritz.

Einzelstellenkommentare

München, 24. November 1913 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

[Hinweis in Friedrich Strindbergs Brief an Wedekind vom 25.11.1913 aus Salzburg:]


Danke herzlichst für den lieben Brief!

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 25. November 1913 (Dienstag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg. 25/XI.


Liebster Herr Wedekind!

Danke herzlichst für den lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 24.11.1913.! Habe mich sehr darüber gefreut! Nein ich will meiner Großmama sicherlich keinen Schmerz bereiten! Das liegt schon in mir! von nun an besonders darauf zu achten! | Auch bin ich wirklich nicht im Geringsten durch mein Briefschreiben im Lernen beeinträchtigt!

Ja mir ist dieß ja die einzige Zerstreuung hier! Und diese ist mir wirklich nur gut! Mein „Triton“ geht immer schneller vorwärts; aus dem Spiel ward eine kleine Komödie und für das Tragische sorgt der Schluß. U. der dürstet nach einer modernen Welt. Ich bearbeite nämlich den Tod einiger hellenischer Halbgötter, das Übergehen von Gott zu Mensch von Natur zum Leiden! das dem ehemaligen Halbgott auf Erden winkt!

Noch viele Grüße mit der
frohesten Erwartung WeihnachtensWedekind hatte Friedrich Strindberg bei ihrem Treffen in Berlin im September zu einem Weihnachtsbesuch nach München eingeladen, den sein Sohn vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 wahrnahm [vgl. Tb].
in Liebe
Fritz.

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 30. November 1913 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 30.XI.12.irrtümlich datiert; der Brief wurde am 30.11.1913 geschrieben.


Liebster Herr Wedekind!

Heute komme ich wieder zum Schreiben! Bin sehr froh, daß meine Briefe (keine) Herrn Wedekind nicht unangenehm waren. Jetzt kommt schon bald WeihnachtenSeit Wedekinds Einladung vom September 1913, die Weihnachtstage bei ihm in München zu verbringen, erwähnt Friedrich Strindberg seine Vorfreude auf dieses Ereignis in nahezu jedem seiner Briefe. Der Besuch fand vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 statt [vgl. Tb]. und meine Freude darauf ist sehr groß! Es sind noch gute 3 Wochen bis ich Herrn Wedekind | wieder sehen kann; mir ist jeder Tag weniger eine Freude. Hier war in den letzten Tagen schlechtes Wetter, heute aber scheint es schönes Wetter zu werden. Hoffentlich ist der MagenkatarrhAm 20.11.1913 notierte Wedekind „Magenkatarrh“ [Tb], am folgenden Tag suchte er einen Arzt auf: „Besuch bei Dr. Hauschildt wegen Magenkatarrh“ [Tb]. vorbei und Herr Wedekind fühlen sich wieder wohl! Bitte dürfte ich mit meiner damaligen BitteFriedrich Strindberg hatte sich statt des noch ausstehenden Exemplars von „Simson“ eine Fotografie von Wedekind erbeten [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 7.11.1913]. um eine Photographie hervortreten, wenn es möglich wäre! Bitte!

Heute sah ich hier in Salzburg „Freiheit“ von Max Halbe ausgestelltim Schaufenster der Salzburger Buchhandlung Höllrigl; dort sah Friedrich Strindberg auch Wedekinds „Simson“ „ausgestellt“ [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 23.11.1913].. Großmama oder Mama – wer weiß ich nimmer – erzählte mir einst, dass Herr Halbe mein Geburtszeuge, oder so etwas ähnlichesMax Halbe war mit Frida Strindberg befreundet und unterstützte sie gemeinsam mit Lotte Dreßler während ihrer krisenhaften Schwangerschaft mit Friedrich [vgl. Buchmayr 2011, S. 188]. Daraus resultierte Frida Strindbergs Wahl des zweiten Vornamens Max für ihren Sohn [vgl. ebd., S. 192]. Als ihre Mutter Marie Uhl über zwei Jahre nach Friedrichs Geburt auf eine katholische Taufe drängte, erwog Frida Strindberg, Max Halbe als Taufpaten zu wählen, wozu es jedoch nicht kam [vgl. ebd. 208]. gewesen | sein soll. Bitte könnten mir Herr Wedekind näheres darüber mitteilen? Hier in Salzburg ist bereits jede UnannehmlichkeitFriedrich Strindberg wurde nach verschiedenen Vorfällen mit einem Schulverweis gedroht [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.–4.11.1913]. für mich beiseitigtSchreibversehen, statt: beseitigt; so schon im Brief vom 23.11.1913 [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 23.11.1913]. und ich mache meiner lieben Großmama sicher mehr keine Sorgen!

Gegenwärtig, d.h. vor wenigen Tagen war unsere Stadt festlich geschmückt. Es galt einer nationalen DemonstrationUnter der Überschrift „Deutsche Salzburger!“ war in der „Salzburger Chronik“ [Jg. 49, Nr. 266, 21.11.1913, S. 4] ein Aufruf des Landeshauptmanns sowie des Bürgermeisters von Salzburg abgedruckt, sich an einer Unterschriftenaktion für das Lex Kolisko, ein Gesetz gegen die „Errichtung nichtdeutscher Schulen im Lande Salzburg“, zu beteiligen „und damit einem Eindringen des Slaventums in unser deutsches Land ein starkes Hindernis“ entgegenzusetzen. Alle deutschen Einwohner Salzburgs ab dem 14. Lebensjahr waren unterschriftsberechtigt. Gezeigt werden sollte auf diesem Weg, „daß ganz Salzburg deutsch fühlt und gewillt ist, einmütig für den deutschen Charakter der Stadt einzutreten. Um diese Betätigung des Volkswillens auch in feierlicher Weise zum Ausdrucke zu bringen, ergeht an die Hausbesitzer der Stadt die dringende Bitte, durch Beflaggung der Häuser zum festlichen Schmucke der Stadt beizutragen.“ gegen die Eröffnung tschechischer Schulen in durchaus deutschen Ländern. Auch wir unterschrieben alle und wir waren alle in unserm Nationalbewußtsein gestärkt! Das war schön!

Weihnachtsabend 24, Dez. DienstagDer 24.12.1913 war ein Mittwoch. Friedrich Strindberg erwähnt seinen Irrtum in einem späteren Brief [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 7.12.1913].; Unsere Ferien beginnen 20/1/.Friedrich Strindberg korrigierte die ursprünglich richtige Datumsangabe vermutlich als Folge seines Irrtums über den Wochentag des 24.12.1913. Möglicherweise resultieren die fehlerhaften Zuordnungen von Datum und Wochentag aus der Verwendung eines Kalenders des Jahres 1912, auf das Friedrich Strindberg den Brief eingangs datierte. Samstag |

abends.

Ich vertiefe mich sehr in die Literaturgeschichte der alt- und mittelhochdeutsch. Zeit, die übrigens zu unserem heurigen Schulstoff gehört.

Noch viele Grüße
in Liebe Fritz.


P.S.

Handküsse an die gnädige Frau; Bitte auch Grüße an die Frl. Töchterleins auszurichten.

Einzelstellenkommentare

München, 4. Dezember 1913 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

[Hinweis in Friedrich Strindbergs Brief an Wedekind vom 5.12.1913 aus Salzburg:]


Danke vielmals für den lieben Brief!

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 5. Dezember 1913 (Freitag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg / 5./XII.1913.


Lieber Herr Wedekind!

Danke vielmals für den lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 4.12.1913.! Den ZugZu seinem Weihnachtsbesuch bei Wedekind vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 reiste Friedrich Strindberg von Mondsee über Salzburg nach München und traf dort am Dienstag den 23.12.1913 um 12.20 Uhr ein [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 21.12.1913 und Friedrich Strindberg an Wedekind, 22.12.1913], wo ihn Wedekind erwartete: „Hole Fritz Strindberg vom Bahnhof ab“ [Tb]. kann ich leider noch nicht angeben, da ich noch nicht sicher weiß, wann (Samstag oder Sonntagden 20. oder 21.12.1913. Friedrich Strindberg fuhr zu Beginn der Weihnachtsferien zunächst vom Internat in Salzburg zu seiner Großmutter nach Mondsee und dann von dort nach München.) ich zu Großmama komme und um wieviel Uhr von Mondsee ein günstiger Zug geht. Ich freue mich schon riesig darauf Herrn Wedekind zu sehen und ich glaube das Wiedersehen wird recht, recht freudig sein. Alle meine Gedanken richte ich schon darauf und ich freue mich schon so sehr. |

Auch hoffe ich Herrn Wedekind durch meine kleine Szene Freude zu bereitenFriedrich Strindberg las seinem Vater am 26.12.1913 in München sein Stück vor, wie dieser notierte: „Fritz liest sein Drama Triton vor“ [Tb].. Ich nannte sie „Triton“ oder „Menschwerdung“. Herzlichen Dank für die EmphehlungenSchreibversehen, statt: Empfehlungen. an meine Großmama. Es wird mir zur Freude sein sie ausrichten zu können.

Noch viele Grüße;
Handküsse an die gnädige Frau Gemahlin
und Grüße an die kleinen Töchterleins
in Liebe
Fritz.

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 7. Dezember 1913 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 7 XII.13.


Lieber Herr Wedekind!

Bitte zu entschuldigen, wenn ich das letztes mal Geschriebenevgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 5.12.1913. verändern muß. Denn ich habe mich geirrtFriedrich Strindberg hatte angenommen, dass Heiligabend auf einen Dienstag falle [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 30.11.1913]. und Weihnachtsabend 24. ist Mittwoch. Bitte kann ich da einen Tag später kommen, statt Z/M/ontag nämlich Dienstag.

Ich erfuhr erst heute (d.h. gestern abend), daß wir erst Montags abend frei bekommenDer Zeitpunkt für die Erlaubnis zur Abreise aus dem Internat wurde, wie auch die weitere Korrespondenz zeigt, vom Schulleiter offenbar kurzfristig festgelegt.. Dienstag bis Mittag würde ich dann bei meiner lieben Großmama verbringen, die Herrn Wedekind übrigens viele Emphehlungenwie schon im letzten Brief [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 5.12.1913] Schreibversehen, statt: Empfehlungen. sendet. Nachmittag käme dann meine AbreiseTatsächlich reiste Friedrich Strindberg am Dienstag, den 23.12.1913 morgens von Mondsee nach München, wo er um 12.20 Uhr eintraf [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 21.12.1913 und Friedrich Strindberg an Wedekind, 22.12.1913]..

Vorgestern feierten wir das Nikolausfest und ich stellte für den EnkelIdentität nicht ermittelt. unseres Herrn Direktor den „Krampus“ Schreckgestalt, die den Heiligen Nikolaus begleitet und unartige Kinder erschrecken soll. Zum Lärmmachen werden Kuh- und Balkenglocken mit Ketten eingesetzt. Im Adventsbrauchtum des Ostalpenraums ist der 5. Dezember, der Vorabend des Festes des Heiligen Nikolaus am 6. Dezember, Krampustag.dar. Der Kleine hatte schrecklich viel Angst; l/i/ch mußte beten und hierauf lief ich wieder kettenrasselnd hinaus.

Noch viele herzliche Grüße
in Liebe
Fritz.

Einzelstellenkommentare

München, 14. Dezember 1913 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

[Hinweis in Friedrich Strindbergs Brief an Wedekind vom 17.12.1913 aus Salzburg:]


Bitte zu entschuldigen, wenn ich solange nicht antwortete, aber mir blieb wirklich keine Zeit über, sogleich zu antworten!

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 14. Dezember 1913 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 14/XII.13.


Lieber Herr Wedekind!

Bitte zu entschuldigen, wenn ich nicht früher geschrieben habe.

Wir haben also leider erst Dienstags freiDie Erlaubnis zur Heimfahrt in die Weihnachtsferien wurde vom Schuldirektor demnach auf den 23.12.1913 festgelegt. Wedekind hatte Friedrich Strindberg im September während ihres Treffens in Berlin über Weihnachten nach München eingeladen. Dieses Vorhaben blieb seit Beginn der Korrespondenz in kaum einem Brief Friedrichs unerwähnt. Mit Überlegungen zur Anreise ist er seit Ende November beschäftigt [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 30.11.1913]., aber Großmama wird unsern Herrn Direktor bitten, daß ich schon Montags abend nach MondseeFriedrich Strindbergs Großmutter wohnte in der Villa Uhl in Mondsee. fahren kann und dann Dienstag nachmittag nach München. Den ZugFriedrich Strindberg reiste am Dienstag, den 23.12.1913 morgens von Mondsee nach München, wo er um 12.20 Uhr eintraf [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 21.12.1913 und Friedrich Strindberg an Wedekind, 22.12.1913]. kann ich leider erst nächsten Sonntag | schreiben, da ich auf die Nachricht meiner Großmama warten muß und auch auf die nähere Erlaubnis unseres Herrn Direktors.

Ich freue mich schon so auf Herrn Wedekind und denke natürlich die ganze Zeit darüber nach und freue mich schon in vorhinein! Danke vielmals daß Herr Wedekind mich vom Bahnhof abholenWedekind notierte am 23.12.1913: „Hole Fritz Strindberg vom Bahnhof ab“ [Tb]. Friedrich Strindberg hatte ihm die Ankunftszeit telegraphiert [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 22.12.1913]., was mir riesig lieb ist! Wir haben hier erst ein einziges Mal Sonne gehabt, sonst immer trübes Wetter!

Hoffentlich geht es Herrn Wedekind schon besser mit der MagenverstimmungWedekind hatte am 20.11.1913 „Magenkatarrh“ [Tb] und am Folgetag: „Besuch bei Dr. Hauschildt wegen Magenkatarrh“ [Tb] notiert. Weitere Arztbesuche sind am 1. und 2.12.1913 verzeichnet.. Ich lese oft und oft noch die „Zensur“Friedrich Strindberg hatte von Wedekind ein mit einer handschriftlichen Widmung versehenes Exemplar des Dramas erhalten [vgl. Wedekind an Friedrich Strindberg, 11.10.1913]. und jedes neue Lesen schafft mir neue Freude, besonders ist mir in letzter Zeit eine kleine | Ähnlichkeit der beiden Charaktere, „Franziska“Hauptfigur aus Wedekinds gleichnamigem Drama. und „Kadidja“weibliche Hauptfigur aus Wedekinds Drama „Die Zensur“; Geliebte des Literaten Buridan. besonders in der Eitelkeit aufgefallen. „Buridan“Hauptfigur aus Wedekinds Drama „Die Zensur“; Literat. lebt sehr in meiner Phantasie nach und sein Schicksal ergreift mich bei jedem neuen Lesen. Es ist zu schön!

Noch viele Grüße bis auf Weihnachten, Handküsse an die gnädige Frau Gemahlin und Grüße an die Töchterleins
herzlichst
Fritz.

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 17. Dezember 1913 (Mittwoch)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Mittwoch, 17.12.13.


Lieber Herr Wedekind!

Bitte zu entschuldigen, wenn ich solange nicht antwortete, aber mir blieb wirklich keine Zeit über, sogleich zu antworten!

Also jetzt rückt die freudige Zeit immer näher, nur wenige Tage mehr und dann dürfen wir fahrenDie Erlaubnis zur Heimfahrt in die Weihnachtsferien gab der Schuldirektor im Salzburger Internat für Friedrich Strindberg und seine Mitschüler offenbar kurzfristig [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 7.12.1913 und 14.12.1913 und Marie Uhl an Wedekind, 20.12.1913].. An welchem Tage – er/s/ ist unangenehm – wir fahren dürfen, schwankt noch | immer zwischen Montagabends, u. Dienstags frühden 22.12.1913 und 23.12.1913.. Den ZugFriedrich Strindberg reiste am Dienstag, den 23.12.1913 morgens von Mondsee nach München, wo er um 12.20 Uhr eintraf [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 21.12.1913 und Friedrich Strindberg an Wedekind, 22.12.1913]., mit dem ich M/D/ienstags hoffentlich kommen kannWedekind hatte seinen Sohn im September zu einem Weihnachtsbesuch nach München eingeladen, den Friedrich Strindberg vom 23.12.1913 bis 1.4.1914 wahrnahm. werde ich Herrn Wedekind mitteilen, sobald ich es erfahre. Wie ich mich darauf freue, weiß ich nicht oft genug zu wiederholen, und immer, wenn ich daran denke fühle ich neuerdings, wie froh ich bin!

Auch auf die Bekanntschaft von den lieben Töchterleins freue ich mich sehr. Doch so denke ich nur zur freien Zeit; – wenn wir Unterricht haben, oder Studium, so lerne ich ziehmlich fleißig, besonders da mein Interesse, das ich bis vor kurzeSchreibversehen, statt: kurzer. Zeit nicht wachrufen konnte, nun auch etwas erweckt ist wurde und mich unser heuriger Stoff interessiert. Besonders die sprachlichen Gegenstände sind mir angenehm, doch auch anderes so z.B. die Ge|schichte der alten Römer ist und Griechen ist mir sehr lieb. Desgleichen Religion wo ein lebhafter GeistlicherIdentität nicht ermittelt. uns Unterricht erteilt, der aber sehr wenig mit dem Lehrstoff zu tuhSchreibversehen, statt: tun. hat, sondern da auch – was mich besonders interressiert – die Philosophie, sei es zu alter oder neuer Zeit von uns (ich habe in meiner Klasse nur einen KollegenMitschüler von Friedrich Strindberg; Identität nicht ermittelt.) besprochen wird. So siehts ungefähr bei uns in der Schule aus!

Noch viele Grüße bis zu Weihnachten
in Liebe Fritz.

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 19. Dezember 1913 (Freitag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg /19.13/2/.13.


Lieber Herr Wedekind!

Kaum habe ich den einen Briefvgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 17.12.1913. abgesandt, so kommt mir ein neuer Schreck. Jetzt erst – erfahre ich (es war gestern Abends) die Zweifelhaftigkeit unserer Montaglichen AbreiseDie Erlaubnis zur Abreise in die Weihnachtsferien wurde vom Schuldirektor von Friedrich Strindbergs Internat für ihn und seine Mitschüler offenbar erst kurzfristig festgelegt [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 14.12.1913].. Hoffentlich erhalte ich bis Morgen (Sonntag)Friedrich Strindberg datierte die Karte auf Freitag, den 19.12.1913 legt aber hier nahe, dass er sie am Samstag, den 20.12.1913 schrieb; dies entspricht dem Datum des Poststempels. genauere Kunde, wann wir fahren dürfen! Bitte zu entschuldigen, wenn es noch einen Tag später kommen würde, es ist s/m/ir selbst zu peinlich. Hoffentlich bleibt | es beim früheren!

Mir ist es schrecklich unangenehm dies peinliche Zögern! Es wird mir nichts anders überbleiben als am Tage vorher Herrn Wedekind zu telegraphierenvgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 22.12.1913., wann es sicher ist! Hoffentlich bleibt es so! Ich käme um 5h…

U. wieviel m/M/inuten werde ich noch morgen schreiben! Viele herzliche Grüße in Liebe
Fritz


Hochwohlgeb. Herrn
Frank Wedekind.
München
Prinzregentenstraße 50.
Baiern.

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 21. Dezember 1913 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg / 21.12.

13.


Liebster Herr Wedekind!

Heute weiß ich wenigstens Gewißheit! Großmama schrieb mir in einer sehr lieben KarteDie Karte von Marie Uhl an Friedrich Strindberg ist nicht überliefert. wegen meiner AnkunftFriedrich Strindberg fuhr auf Einladung Wedekinds vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 nach München [vgl. Tb].. Ich fahre hier am Montag oder Dienstag ab. In dieser Hinsicht ist meine Abreise unsicher und ich muß darum Herrn Wedekind telegraphierenvgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 22.12.1913.. Der Zug aber ist sicher und zwar komme ich um 8’38 in Salzburg von Mondsee aus an, fahre um 9’07 ab und bin um 12’20 in München. Jedenfalls aber zur größeren Sicherheit | werde ich den Zug auch mittelegraphieren. Großmama schrieb mir nämlich ungenau und ich glaube sicher, daß meine liebe Großmama diesen Zug meint. Da in Mondsee die Post erst um 8h aufgemacht wird, glaube ich, daß das Telegramm um 11h ungefähr ankommt. Wenn dies nicht der Fall ist, so komme ich erst am nächsten Tag, am Dienstag, in dem Fall ich auch telegraphieren werde. Wie ist das umständlich und ich kann doch leider nicht anders, da ich nichts sicheres weiß! Leider kann ich auch gar nichts erfahren! wie sehr ich auch danach forsche!

Und nun nur noch wenige Tage! Dann kann ich kommen!! Wie riesig ich mich darauf freue!! Ich kanns gar nicht sagen. Die „Zensur“Friedrich Strindberg hatte von Wedekind ein mit einer handschriftlichen Widmung versehenes Exemplar des Dramas erhalten [vgl. Wedekind an Friedrich Strindberg, 11.10.1913]. habe ich schon so oft gelesen, daß – allerdings ich sie nicht auswendig kann – aber doch schon so ziehmlich, wenn man mir beginnt in/an/ | einem Satz, ich fortfahren kann. Aber vollständig sie zu verstehen kann ich mich nicht rühmen, denn z.B. über den plötzlich hereinbrechenSchreibversehen, statt: hereinbrechenden. Schluß kann ich nichts bestimmtes mir erklären. Ich freue mich schon, wenn ich aus Herrn Wedekinds eigenem Munde Aufklärung erhalte. Über was ich mich alles freue – ich kanns eben sowenig aufzählen, da es eben soviel ist we/i/e die Freude selbst.

Noch viele herzliche Grüße
über die wenigen Tage
In innigster Liebe
Fritz.

Einzelstellenkommentare

Mondsee, 22. Dezember 1913 (Montag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Telegramm.

[…]


= herrn frank wedekind muenchen
prinzregentenstrasze 50= |


Königlich Bayerische Telegraphenanstalt München.

[…]


kome um 12.20 dinstag mitags nach muenchenFriedrich Strindberg reiste am Dienstag, den 23.12.1913 für seinen Weihnachtsbesuch bei Wedekind von Mondsee nach München und blieb dort bis zum 1.1.1914 [vgl.Tb].

Einzelstellenkommentare

Mondsee, 2. Januar 1914 (Freitag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Mondsee. 2.1./14.


Lieber Herr Wedekind!

Ich bin gestern abends glücklich und zufrieden angelangtFriedrich Strindberg reiste am 1.1.1914 von seinem Weihnachtsbesuch in München zurück nach Mondsee; Wedekind notierte: „Bringe Fritz zur Bahn. Annapamela weint zum Abschied.“ [Tb].. Den ersten Teil der Fahrt spürte ich entsetzlichen Hunger, so daß ich der lieben gnädigen Frau sehr dankbar dafür bin, daß ich etwas mitbekam, das mich zur Genüge sättigte. Unglücklicherweise verwandelte sich der leibliche Hunger in einen geistigen und diese Leere dürstete nach einer Befriedigung, die mir wieder die arme „Woche“„Die Woche“ war eine seit 1899 erscheinende illustrierte deutsche Wochenzeitschrift aus dem August Scherl Verlag Berlin. stillte. So kam ich nach Salzburg – daß das Leben eine RutschbahnZitat aus dem Schlusssatz des „Marquis von Keith“: „Das Leben ist eine Rutschbahn ...“ [KSA 4, S. 228]. sei | mußte ich deutlich, zu deutlich fühlen, so daß ich das wurde, was ich schon im Auto war – sentimental und leider sehr. –

In Salzburg kam die Verzollung und die bairisch österreichischen Beamten schienen mir viel freundlicher, da ich meinen Korb gar nicht öffnen brauchte. Dann, um 5 33 gings weiter. Der kleine Wagen war voll Rauch, so daß ich selbst nicht zu rauchen brauchte –

Eine ganz neue Annehmlichkeit überhob mich der doch verflixt/trüben Abschiedsstimmung. Ich lebte mich völlig auf der Bahn in den Gedanken ein, daß ich aus Salzburg käme, (und) der Weihnachtsabend erst vor der Tür stehe und nächsten Morgen ich nach München käme. Und so verlief die Zeit in wirklicher Erwartung.

Großmama traf ich nicht ganz wohl, sie war halsleidend und ich kam völlig unerwartet, da ich un|glückseliger Weise vergaß, meiner Großmama eine 2 KarteEine Postkarte Friedrich Strindbergs an Marie Uhl ist nicht überliefert. mit meiner Ankunftszeit zu schicken.

Nun aber danke ich Herrn Wedekind nochmals und sehr, denn nichts fühle ich deutlicher, als wal/s/ s/i/ch damals sagte – wegen dem Glück, das einen langen Schatten wirftfür: sich noch lange auswirken, noch lange spürbar sein. und das, mag es auch nur kurz gewesen sein, doch viel angenehmer wirkt, als wenn es nicht voh/r/handen gewu/e/sen wäere.

Ich erinnere mich noch sehr und lieb an die schönen TageFriedrich Strindberg hatte Wedekind vom 23.12.1913 bis zum Neujahrstag 1914 in München besucht. Er unternahm mit seinem Vater zahlreiche Spaziergänge in München und Umgebung, besuchte verschiedene Lokale und ging zweimal ins Theater [vgl. Tb]. und ich bitte Herrn Wedekind auch der gnädigen Frau meinen nochmaligen herzlichsten Dank auszurichten.

Nun steht wieder das Leben vor der Tür und es heißt zu lernen; nur wenige Tage noch und es beginnt die Schule! Bitte mir v wieder nur nach Salzburg zu schreibenFriedrich Strindberg besuchte als Internatsschüler in Salzburg die private Lehr- und Erziehungsanstalt für Schüler der Mittelschulen im alten Borromäum., da ich in den nächsten D/T/agen wieder dorthin abdamphenabdampfen, umgangssprachlich für: abreisen, abfahren. | werde. Den „Triton“Friedrich Strindberg hatte das von ihm verfasste Stück seinem Vater am 26.12.1913 vorgelesen: „Fritz liest sein Drama Triton vor“ [Tb]. Der Entschluss, die Arbeit an dem Stück auszusetzen, geht auf eine Empfehlung Wedekinds zurück [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 17.2.1914]. aber, bitte Herr Wedekind noch hierher da zu schicken, da er ruhen soll, begraben für die nächsten paar Jahre; bis ich ihn, das arme Kind, wieder aus einem Winkel hervorzerre um zu sehen was gräßliches ich da geschaffen.

Noch viele Grüße, bitte auszurichten an die lieben Kleinen, an Fanni Kadidja und Anna Pamela
In dankbarer Liebe Fritz
Friedrich.


Großmama sendet einstweilen durch mich herzlichsten Dank bis sie aus dem Bett, sich selbst bedanken kann. –

Einzelstellenkommentare

München, 5. Januar 1914 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

Königreich Bayern.
Posteinlieferungsschein


Gegenstand
[…]
BriefDer zu dem Posteinlieferungsschein gehörige, als Einschreiben aufgegebene Brief ist nicht überliefert; es dürfte sich um die Versendung des Manuskripts von Friedrich Strindbergs Stück „Triton“ [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 2.1.1914] gehandelt haben. Nr. 95
[…]

Betrag (bei Einschreibsendungen die Angabe E, bei Postaufträgen A) – E – M Pf.
[…]

Empfänger Strindberg b. Hofrat Uhl
Bestimmungsort Mondsee

Gebühren 40 Pf.

Postannahme […] |

Bemerkung.

Der Anspruch an die Postverwaltung auf Entschädigung erlischt nach sechs Monaten, vom Tage der Einlieferung der Sendung an gerechnet, soweit nicht für den Verkehr mit dem Ausland eine andere Verjährungsfrist festgesetzt ist.

__________

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 11. Januar 1914 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 11.2.14.Friedrich Strindberg datierte den Brief irrtümlich auf Februar statt Januar; die im Brief für „Übermorgen“ erwähnte Lesung von Karl Kraus in Salzburg fand am 13.1.1914 statt (siehe unten).


Lieber Herr Wedekind!

Danke vielmals für die Zusendung mit dem lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 5.1.1914. Erhalten ist der Posteinlieferungsschein für diesen eingeschriebenen Brief Wedekinds nach Mondsee, ein Begleitbrief zu einer Sendung; man darf annehmen, dass es sich bei der „Zusendung“ um das Manuskript des Stücks „Triton“ handelte, das Friedrich Strindberg seinem Vater am 26.12.1913 in München vorgelesen hatte [vgl. Tb] und per Post zurückerwartete [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 2.1.1914]..

Der Zeitung entnahm ich, daß Friedrich Kaißler die HauptrolleFriedrich Kayßler spielte in der Uraufführung von Wedekinds „Simson“ am Berliner Lessingtheater am 24.1.1914 die Titelrolle. Das wurde in der Presse angekündigt: „Das neue Stück von Wedekind ‚Simson‘ geht am 23. Januar im Lessing-Theater in Szene. Die Titelrolle spielt Friedrich Kayßler.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 43, Nr. 7, 5.1.1914, Abend-Ausgabe, S. (3)] spielt. Übermorgen liest hierDie erste Lesung von Karl Kraus’ in Salzburg fand am 13.1.1914 um 19.30 Uhr im Hotel Österreichischer Hof (heute: Hotel Sacher) in der Schwarzstraße statt. Die Presse wertete die Veranstaltung in den Ankündigungen als ein „literarisches Ereignis“ [Salzburger Chronik, Jg. 50, Nr. 4, 6.1.1914, S. 1]. Karl Kraus Teile aus seiner „chinesischen Mauer“Karl Kraus’ Aufsatzsammlung „Die chinesische Mauer“ von 1910 (bei Albert Langen in München) war 1912 in zweiter Auflage erschienen. Darin war auch die Polemik „Maximilian Harden. Eine Erledigung“ von 1907 abgedruckt. vor. Überall große Aufregung. Ganz Salzburg ist begierig /ihn zu hören. Ob ich ihn kennen lernen werde? Ansehn möchte ich ihn doch „den berühmten Gegner | von Max. Harden“ wie das Salzburger Blattnicht ermittelt, das vorangehende Zitat insofern nicht nachgewiesen. In einer Ankündigung der Lesung von Karl Kraus ist eine Berliner Rezension von 1910 zitiert, in der es hieß, Kraus leuchte „der ‚Journaille‘, der Moral, der Sittlichkeit und mit besonderer Vorliebe auch dem Generalpäch[t]er dieser und aellr [!] anderen Kulturmomente, Herrn Maximilian Ha[r]den, mit einer Dialektik heim, deren funkelnde Schärfe nicht einmal von der kristallenen Klarheit seines Stils übertroffen wird.“ [Salzburger Wacht, Jg. 15, Nr. 3, 5.1.1914, S. 4] Von seinen Polemiken gegen Maximilian Harden las Kraus in Salzburg „‚Die Sprache der Konzertagentur‘ und die Glosse ‚Wenn Herr Harden glaubt‘.“ [Salzburger Wacht, Jg. 15, Nr. 10, 14.1.1914, S. 6] schrieb.

Bitte entschuldigen Herr Wedekind, wenn ich nicht sofort antwortete, doch ich erhielt den Brief am Tage meiner AbreiseFriedrich Strindberg erhielt den nicht überlieferten, eingeschriebenen Brief [vgl. Wedekind an Friedrich Strindberg, 5.1.1914] demnach am 6.1.1914 in Mondsee, seinem letzten Ferientag. von Mondsee, dort ging alles drunter und drüber und hier kam ich erst jetzt dazu.

Danke herzlichst für die Grüße der lieben Kleinen! Auf die PhotographieFriedrich Strindberg hatte Wedekind im November 1913 um die Zusendung einer Porträt-Photographie gebeten [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 7.11.1913]. freue ich mich schon riesig! Hoffentlich trifft der dieser Brief richtig die AdresseDer Brief war an das Elite Hotel in Berlin adressiert, wie Friedrich Strindberg in seinem nächsten Brief schrieb [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 18.1.1914]; dort logierte Wedekind gewöhnlich, wenn er in Berlin war, während dieses Aufenthalts aber nicht. Das Elite Hotel dürfte den Brief an die Münchner Adresse weitergeleitet haben, von wo Wedekinds Frau ihn ihrem Mann nach Berlin Hotel Habsburger Hof nachsandte [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 14.1.1914]. Am 11.1.1914 war Wedekind zu den Proben für die Uraufführung von „Simson“ am Lessingtheater nach Berlin gereist [vgl. Tb].!!

Nun heißt es wieder fleißig lernen; 13 Februar ist Prüfung über den Lehrstoff des Semesters und da muß ich jetzt – wie man sagt – stuckenumgangssprachlich für ‚lernen‘.! Zwar ist es freigestellt Prüfung zu machen oder nicht, aber ich hoffe es auf alle Fälle zu tuhn, denn sonst | müßte ich mich am Schluß des Jahres über den ganzen Stoff prüfen lassen und mir rumort der Semesterstoff schon im Kopf herum. An einereSchreibversehen, statt: eine. größere Arbeit wage ich mich auf keinen Fall mehr sobald, denn mir fehlt so ziehmlich alles, was man dazu unbedingt braucht: Mut, und Ausdauer!

Der „Triton“ ruhe in FriedenFriedrich Strindberg hatte das von ihm verfasste Stück seinem Vater am 26.12.1913 vorgelesen: „Fritz liest sein Drama Triton vor“ [Tb]. Der Entschluss, die Arbeit an dem Stück auszusetzen, geht auf eine Empfehlung Wedekinds zurück [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 17.2.1914]., ….. lange, lange Zeit! Das ist für eine spätere, nähere Besichtigung notwendig!

Noch viele Her herzliche Grüße und die besten Glückwünsche für die Berliner „Simson“ Aufführung
in Liebe
Friedrich.

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 18. Januar 1914 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 18.I.14.


Lieber Herr Wedekind!

Hoffentlich haben (mei) Herr Wedekind meinen Briefvgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 11.1.1914. von letzten Sonntag, den ich an „Elite Hotel“ adressierteWedekind war am 11.1.1914 zu den Proben für die Uraufführung von „Simson“ am Lessingtheater nach Berlin gereist: „Abfahrt. Tilly begleitet mich auf den Bahnhof. […] Stille ruhige Fahrt Ankunft in Berlin.“ [Tb] Im Elite Hotel hatte Friedrich Strindberg sich am 14.9.1913 mit seinem Vater getroffen und ihn in den folgenden Tagen kennengelernt [vgl. Tb]., erhalten.

Nun schreibe ich zur größeren Sicherheit nach MünchenWedekind reiste am 21.1.1914 mit dem Nachtzug zurück nach München: „Abendessen im Hotel Abfahrt nach München“ [Tb], wo er am nächsten Morgen eintraf.. Dienstag hielt K. Kraus Vorlesungam 13.1.1914, wie angekündigt: „Vorlesung Karl Kraus. Dienstag abends um halb 8 Uhr liest Karl Kraus, der Herausgeber der ‚Fackel‘ im Saale des Hotel ‚Oesterreichischer Hof‘ aus eigenen Schriften.“ [Salzburger Chronik, Jg. 50, Nr. 9, 13.1.1914, S. 2] Die Veranstaltung war in der Presse vielfach angekündigt. Karl Kraus las Glossen aus der „Fackel“ (zum Programm siehe unten). , die sehr gut besuchtDie Presse konstatierte widersprüchlich einerseits „eine zahlreiche Zuhörerschaft“ [Salzburger Wacht, Jg. 15, Nr. 10, 14.1.1914, S. 6], andererseits, dass „der Besuch verhältnismäßig schwach war“; Kraus „versammelte wenige um sich“ [Salzburger Chronik, Jg. 50, Nr. 11, 15.1.1914, S. 2]. war. Ich konnte leider sie nicht besuchen, trotzdem sah ich Herrn Kraus einmal auf der Straße; mir kam es vor als ob er etwas gebückt gehe, doch erkannte ich ihn gleich beim ersten Blick. Seine Vorlesung soll wiederum aus den bekannten 3 Teilen bestanden H/h/aben: Presse, HardenMaximilian Harden war seit Karl Kraus’ Pamphlet „Maximilian Harden. Eine Erledigung“ [Die Fackel, Jg. 9, Nr. 234/235, 31.10.1907, S. 1-36] fortwährend Gegenstand seines Spotts. Friedrich Strindbergs Urteil deckt sich nur teilweise mit dem der lokalen Presse: „Etwas zu kurz kam Maximilian Harden, die Verdeutschung seines Desperanto wäre ein königliches Vergnügen gewesen. Kraus gab uns nur ‚Die Sprache der Konzertagentur‘ und die Glosse ‚Wenn Herr Harden glaubt‘.“ [Salzburger Wacht, Jg. 15, Nr. 10, 14.1.1914, S. 6] An anderer Stelle hieß es hingegen über Kraus’ Lesung: „Max Harden, dem Könige der Pose und Sensation, errichtet ein entartetes Geschlecht flammende Opferaltäre“ [Salzburger Volksblatt, Jg. 44, Nr. 11, 15.1.1914, S. 4]. und Eigenlob. |

Trotz alledem soll er sehr großen BeifallDie Presse schrieb: „Das gesunde Empfinden der Zuhörer konnte sich dem Zauber, der von diesem unscheinbaren Menschen ausströmte, nicht entziehen und löste sich in lebhaftesten Beifall aus“ [Salzburger Volksblatt, Jg. 44, Nr. 11, 15.1.1914, S. 4]. errungen haben. Das Publikum soll sehr gefällig gewesen sein nur bei einem Bahr ArtikelIn seiner Glosse „Der liebe Gott“ [Die Fackel, Jg. 15, Nr. 374/375, 8.5.1913, S. 43f.] mokierte sich Karl Kraus über den Vergleich Hermann Bahrs mit dem lieben Gott durch den Journalisten und Gründer der Wiener Volksbühne Stefan Großmann. , der in (nicht) liebenswürdiger Weise Bahr mit dem lieben GottIn seiner Glosse „Der liebe Gott“ [Die Fackel, Jg. 15, Nr. 374/375, 8.5.1913, S. 43f.] mokierte sich Karl Kraus über den Vergleich Hermann Bahrs mit dem lieben Gott durch den Journalisten und Gründer der Wiener Volksbühne Stefan Großmann. vergleicht soll man etwas ungeduldig geworden sein. Ich kannte so ziehmlich die Vorlesung, bestand sie ja hauptsächlich aus älteren ArtikelnAls Programm wurde vorab in der Presse angekündigt, Kraus werde „folgende Satiren und Glossen lesen: ‚Der Traum ein Wiener Leben‘, ‚Die Welt der Plakate‘, ‚Pfleget den Fremdenverkehr‘, ‚Das Ehrenkreuz‘, ‚Der Neger‘, ‚Die Schuldigkeit‘.“ [Salzburger Chronik, Jg. 50, Nr. 7, 10.1.1914, S. 2] Die genannten Artikel waren zwischen 1909 und 1913 in der „Fackel“ erschienen.!

Donnerstag war PremiereDie Uraufführung von „Die liebe Not“ (1907) fand am Freitag den 16.1.1914 im Salzburger Stadttheater statt und war Teil einer zweitägigen Domanig-Gedenkfeier am 12. und 16.1.1914 [vgl. Salzburger Chronik, Jg. 50, Nr. 14, 18.1.1914, S. 1-3]. Karl Domanig war am 9.12.1913 gestorben. von Karl Domanigs (der Dichter vor kurzem gestorben) „Die liebe Not“ ein Tiroler Stück, derb, indem man die Handlung schon im ersten Acs/t/ vollständig voraussagen konnte. Tendenz war die Religion als Zuflucht in der Not und treues Zusammenhalten von tiroler Volksmenschen, entgegengestellt dem Lug und Trug der Proletarier haßenden Gesellschaft. Aber ich glaube „alles schon dagewesen“Als Ausspruch des Rabbi Akiba zeitgenössisch verbreitete Redewendung nach Karl Gutzkows Drama „Uriel Acosta“, 4. Akt, 2. Szene: „Und alles ist schon einmal dagewesen.“ [Karl Gutzkow: Werke. Auswahl in zwölf Teilen. Band 3, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart 1912, S. 49 und öfter]! Es errang aber enormen BeifallSo auch in der Presse: „Das Haus war sehr gut besucht […]. Der Beifall war besonders nach dem 2., 4. und 5. Akt außerordentlich stark und einmütig“ [Salzburger Wacht, Jg. 15, Nr. 13, 17.1.1914, S. 6].. Ausgezeichnet besucht.

Ein andres StückDas Schauspiel „Frühlingsstürme“ (1907) von Viktor Otte hatte seine Uraufführung am Stadttheater Salzburg am 25.11.1913. „Frühlingsstürme“ von einem hiesigen ProfessorViktor Otte war Lehrer an der k. k. Oberrealschule für Knaben und am Mädchenlyzeum in Salzburg [vgl. Salzburgischer Geschäfts-, Volks- und Amts-Kalender für das Jahr 1913, Jg. 41, S. 116]. fiel (allerdings schon vor längerer Zeit) durchDie Presse urteilte einhellig abwertend über das Stück, das von dem vorwiegend jugendlichen Premierenpublikum allerdings positiv aufgenommen wurde. „Es ist die Aufgabe des Kritikers, den äußeren Erfolg von dem inneren Werte eines Stückes genau zu unterscheiden. Sowie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, so ist es noch lange kein wirklicher Erfolg, wenn einige hundert Schülerhände in freigibiger Weise Applaussalven niederprasseln lassen. Dem Schauspiel Ottes wurde gestern an unserer Bühne ein überaus freundlicher Erfolg bereitet.“ [Salzburger Wacht, Jg. 14, Nr. 271, 26.11.1913, S. 5]. Es war zu unmoralischEin Rezensent monierte angesichts der dargestellten Frauengestalten „den sittlichen Tiefstand des Schauspiels“ [Salzburger Chronik, Jg. 49, Nr. 271, 27.11.1913, S. 2] und hielt es wegen des vorwiegend aus Schülerinnen und Schülern bestehenden Publikums für einen „Skandal, daß Schulleitungen und Eltern diesen Kinderbesuch zuließen“ [ebd., S. 4]. sagte man. Es soll aber sehr originell und grotesk ein Problem gelöst haben, die Jugend.

Auf die PhotographieFriedrich Strindberg hatte Wedekind im November 1913 um die Zusendung einer Porträt-Photographie gebeten [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 7.11.1913]. freue ich mich schon sehr! Am 23Die Uraufführung von „Simson“ am Berliner Lessingtheater fand nicht am 23.1.1914, sondern am Samstag, den 24.1.1914 statt [vgl. KSA 7/II, S. 1331]. In der Presse wurde zunächst das falsche Datum angegeben: „Das neue Stück von Wedekind ‚Simson‘ geht am 23. Januar im Lessing-Theater in Szene.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 43, Nr. 7, 5.1.1914, Abend-Ausgabe, S. (3)]. Wedekind, der Regie geführt hatte, war wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Theaterleiter Victor Barnowsky vorzeitig am 21.1.1913 nach München abgereist. hörte ich seir Premiere | von „Simson“ bei Barnowski. Hoffentlich findet es rechten Beifall!

Wir betreiben jetzt sehr fleißig am Abhange vom MönchsbergDer Mönchsberg (508 m) verläuft innerhalb Salzburgs am linken Salzachufer entlang; die Straße war im Winter eine beliebte Rodelstrecke. , dessen Straße eine Serpentine bildet. Wintersport. Großmama besorgte mir einen Rodel und ich fahre sehr fleißig. Trotz ziehmlich viel blauen Flecken auf Arm und Bein bin ich froh und gesund, von Kleinigkeiten abgesehen. Frohsinn und Lebenslust denke ich, ist der Haupttrieb vom ganzen Leben. 13. nächsten Monats gehts zur Prüfungdie halbjährlich stattfindende Semestralprüfung.. Ich kann kein Buch anschauen, derweil aber! –

Von morgen an gehts wieder los… ohne Rast. bis zur Woche vor 13. Da raste ich mich wieder aussich ausrasten – österreichisch für ‚sich ausruhen‘, ‚sich entspannen‘. und wenn man knapp vor der Prüfung nichts lernt gehts erfahrungsgemäß am besten! Wenn nur bald dies Monat vorbei wäre, dann gehts wieder gut! So heißts halt „büffeln“angestrengt lernen. und es ist zur Abwechslung auch nicht übel! Besonders in „Deutsch“ (Mittelhochdeutsch.) gehts recht gut.

Sonst muß es auch sein. Mathematik hat in seiner entsetzlichen Langweiligkeit auch seine | Reize aber diese z reizen zu anderm als zu lernen! Aber es muß sein.

Viele herzliche Grüße
in Liebe

Friedrich.

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 25. Januar 1914 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 25.1.1914.


Lieber Herr Wedekind!

Heute komme ich endlich wieder zum Schreiben und ich habe sehr viel am Herzen.

Großmama schrieb mirDer Brief Marie Uhls an Friedrich Strindberg ist nicht überliefert. vor einer Woche schon so ungefähr wegen meinem Lernen, (und) da sie gar meinte in ihrer lieben Besorgnis, daß ich infolge meiner ziehmlichen Freude nicht besonders gut lernen würde. Ich stellte meiner guten Großmama gleich dies richtig und sie war recht erfreut, daß es dessen nicht so ist! Nun aber teilte sie mir unglücklicherweise mit, daß sie diese Meinung auch Herrn Wedekind mitteiltevgl. Marie Uhl an Wedekind, 9.1.1914.. Nicht wahr Herr Wedekind werden bitte darüber nicht ungehalten sein; ich kann nur sagen, daß ich, seitdem ich Herrn Wedekind kenne, schon aus dem Grunde um Herrn Wedekinds Beifall zu erringen viel ehrgeiziger lerne als vorher und ich | durch unsere Bekanntschaft angesport/n/t werde. Dies teilte ich auch Großmama mit und sie freute sich recht über diese Wendung! Nun weiß ich wirklich noch nicht wie es mit meiner Prüfungdie halbjährlich stattfindende Semestralprüfung. Neben der obligatorischen „Prüfung am Schlusse des Schuljahres“ sah der „Erlaß des Leiters des Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 2. Jänner 1909, Z. 51190 ex 1908, an alle Landesschulbehörden, betreffend die Prüfungen der Privatisten an Mittelschulen“ vor, „auf Wunsch der Eltern oder Vormünder die Privatisten allenfalls auch am Schlusse des ersten Semesters zu einer Prüfung über den Lehrstoff dieses Semesters zuzulassen“ [Verordnungsblatt für den Dienstbereich des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht. Jg. 1909, Stück 2, Nr. 2, Wien 1909, S. 32], um so ein Zwischenzeugnis zu erhalten. in 3 Wochen werden wird. Einerseits bin ich – da es herauskam, daß sie nicht unbedingt nötig sei – der einzige von uns 20 der es macht aus freien Willen und anderseits möchte ich meiner Großmama und auch besonders Herrn Wedekind mit einem guten Erfolg erfreuen. Ich werde die Entscheidung meiner Großmama anvertrauen!

Donnerstag waren wirFriedrich Strindberg und zwei seiner Mitschüler. (d.h. nur 3.) im Theater. Man gab „Egmont“ mit Höbling von Wiener Burg. als Gast. Ich sah Höbling zwar einmal im Josephstädter Theater bei JarnoJosef Jarno war seit 1899 Direktor des Theaters in der Josefstadt in Wien. aber hier mißfiel er mir sehr. So viel von ihm selbst; wenn er seufzte glaubte man ein Orkan durchrase das Theater. Dann kam mir vor, daß er nicht weiß was er mit seinen Händen anfangen solle. Doch er hatte eine schöne Gestalt und sehr angenehmes Organ. Die Presse zerzauste„Im Kerne seines Wesens ließ der Gast kühl“ [Salzburger Volksblatt, Jg. 44, Nr. 19, 24.1.1914, S. 4]; „eine stattliche Erscheinung, gutes Organ, ordentliches Sprechen, – das allein tut’s nicht“ [Salzburger Chronik, Jg. 50, Nr. 19, 24.1.1914, S. 3]. ihn nach jeder Richtung, trotzdem er Gast war! – Schonungslos! –

Nun wie ist „Simson“ in Berlin über die Bretter gegangenDie Uraufführung von „Simson“ am Berliner Lessingtheater am 24.1.1914 fand ohne Autor und Regisseur statt – Wedekind war wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Theaterdirektor Victor Barnowsky drei Tage zuvor nach München abgereist. Die Aufführung geriet zum Theaterskandal [vgl. KSA 7/II, S. 1338-1350].? Ich denke an den besten Erfolg! | Es muß ja wirken! Die LiedchenIn die Anthologie „Deutsche Chansons (Brettl-Lieder)“ waren von Wedekind die aus der Sammlung „Die Jahreszeiten“ (1897) nachgedruckten Gedichte „Pennal“ [vgl. KSA 1/II, S. 1957], „Ilse“ [vgl. KSA 1/II, S. 1699], „Brigitte B.“ [vgl. KSA 1/I, S. 1102], „Sieben Rappen“ [vgl. KSA 1/II, S. 1370], „Der Tantenmörder“ [vgl. KSA 1/II, S. 1287], „Der Taler“ [vgl. KSA 1/II, S. 1283], „Galathea“ [vgl. KSA 1/II, S. 1622], „Christine“ [vgl. KSA 1/I, S. 1109] und „Das arme Mädchen“ [vgl. KSA 1/II, S. 1133] in dieser Reihenfolge aufgenommen. Die 1900 erstmals bei Schuster und Loeffler in Berlin und Leipzig erschienene Anthologie war zuletzt 1912 im Insel-Verlag Leipzig neu aufgelegt worden (63.–65. Tsd.), allerdings ohne die ursprüngliche Einleitung von Otto Julius Bierbaum und die Bilder der Autoren [vgl. Insel-Verlag an Wedekind, 18.4.1911]. von Herrn Wedekind in den „Chansons“ kann ich beinahe schon vollständig. Am schönsten finde ich „Ile„Ilse“. Auch am innigsten! Es erinnert mich so oft ich lese, an den Ne SilvesterabendFriedrich Strindberg hatte den Jahreswechsel bei seinem Vater in München. verbracht. Zum Abend des 31.12.1913 notierte Wedekind: „Friedenthal Marion Frau v. Satkowska kommen zum Abendessen. Silvesterfeier. Friedenthal und Marion tanzen Walzer nach der Neuen Kommunion. T.St. um 2 Uhr fahren Fritz und ich nach Haus“ [Tb]., an „Lieschen“Der Tagebucheintrag Wedekinds vom 31.12.1913 legt nahe, dass hier das Lied „Die neue Communion“ (1891/1902) [KSA 1/III, S. 121f.; vgl. KSA 1/II, S. 2123 und KSA 1/IV, S. 1017] und nicht „Mein Lieschen“ (1905) [KSA 1/III, S. 94f.; vgl. KSA 1/IV, S. 988f.] gemeint ist. „Die neue Communion“ (gekürzt und verändert unter dem Titel „Unterm Apfelbaum“ in „Die vier Jahreszeiten“, 1912) beginnt mit dem Vers: „Lieschen kletterte flink hinauf“.. Doch bringe ich, so viel ich brumme und summe, nimmer die Melodie heraus! Die „Zensur“ hoffe ich bis zu unserem nächsten Zusammenzukommen zu können. Natürlich nur den Buridanmännliche Hauptfigur in „Die Zensur“, Literat.! – Aber mit Zungen RFriedrich Strindberg folgt hier den Aufführungsvorstellungen Wedekinds, der das rollende Zungen-R in seiner Bühnendiktion benutzte. In dem Glossarium „Schauspielkunst“ (1910) schrieb er: „Als ich kürzlich in Düsseldorf auftrat, erregte ich bei den Schauspielern allgemeines Kopfschütteln und Achselzucken, weil ich Zungen-R sprach“ [KSA 5/II, S. 374]. Wedekind sprach das Zungen-R nicht nur bei seinen Auftritten als Schauspieler und Liedersänger, sondern kultivierte es auch in der Alltagsunterhaltung: Zeitgenossen berichten, Wedekind habe sich „in gewählter Redeweise, die einem keinen Buchstaben unterschlug, aber dem R – einem theaterhaft hervorgerollten Zungen-R – noch eine ganz besondere Sorgfalt widmete“ [Holm 1932, S. 58f.], ausgedrückt und „entgegen dem Stil seiner Zeit ein hochdramatisches, einstudiert rollendes Zungen-R“ gesprochen [Martin Kessel: Romantische Liebhabereien. Sieben Essays nebst einem aphoristischen Anhang. Braunschweig 1938, S. 75]. Heinz Rühmann brachte das Zungen-R Wedekinds mit dem Schauspielunterricht bei dem Hoftheaterschauspieler Fritz Basil in Zusammenhang: Basil „verkörperte noch den Hoftheaterstil mit rollendem Zungen-R. Bei ihm nahm auch der Schriftsteller Frank Wedekind Schauspielunterricht“ [Heinz Rühmann: Das war’s – Erinnerungen. Berlin, Frankfurt am Main, Wien 1982, S. 28].. Dieses macht rüstige Fortschritte!! Schon trage ich die Gedichte bei uns meistens mit diesem R vor. Aber lesen kann ich, ohne mich des öfteren zu versprechen, noch nicht damit. Aber mit der Zeit wird auch dieses gehen!!

Auf die PhotographieFriedrich Strindberg hatte Wedekind im November 1913 um die Zusendung einer Porträt-Photographie gebeten [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 7.11.1913]. freue ich mich schon riesig! Gnädige Frau sandte mirTilly Wedekinds Schreiben an Friedrich Strindberg ist ebenso wie die Photographie von Wedekinds Tochter Pamela nicht überliefert. o eine Ansichtskartenphotographie von meiner lieben Anna Pamela, die ich auch schon beantwortete.

Herzliche Grüße
in Liebe
Friedrich Strindberg.

Einzelstellenkommentare

München, 31. Januar 1914 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

[Hinweis in Friedrich Strindbergs Brief an Wedekind vom 1.2.1914 aus Salzburg:]


Danke herzlichst für die liebe Karte!

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 1. Februar 1914 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

1./II.14.


Lieber Herr Wedekind!

Danke herzlichst für die liebe Kartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 31.1.1914.! Ich war – warum weiß ich jetzt wirklich nicht – so erregt und glaubte, entweder hätte ich irgend etwas angestellt oder Herr Wedekind wären krankAm 27.1.1914 wandte sich Friedrich Strindberg mit einer Postkarte an Tilly Wedekind, da er „sehr befürchte, daß Herr Wedekind krank sei! Bitte könnten mir gnädige Frau nicht mitteilen, ob Herr Wedekind sehr krank sei, oder ob ich etwa durch irgend etwas nicht Korrektes den Unwillen erregt habe.“ [Friedrich Strindberg an Tilly Wedekind, 27.1.1914. Mü, Nachlass Frank Wedekind, FW B 165a]. Anlass für seine Sorge bot ihm die ausbleibende Post des Vaters: „Eine Woche tröstete ich mich, daß ein Brief verlorengegangen sei, die andre Woche log ich mir vor, Herr Wedekind wären krank oder verhindert mir (nach) zuschreiben. Seitdem bin ich sehr geängstigt darüber.“ [Ebd.]. Und diesen Spleenhier: fixe Idee. konnte ich mir nicht ausreden –––––

Bis heute war ich noch im Zweifel über meine Prüfungdie halbjährlich stattfindende Semestralprüfung. Bereits an Tilly Wedekind schrieb Friedrich Strindberg am 27.1.1914 (siehe oben): „Die voraussichtliche Prüfung fällt für Februar wegen vollständiger Unnötigkeit leider weg.“ Neben der obligatorischen „Prüfung am Schlusse des Schuljahres“ sah der „Erlaß des Leiters des Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 2. Jänner 1909, Z. 51190 ex 1908, an alle Landesschulbehörden, betreffend die Prüfungen der Privatisten an Mittelschulen“ vor, „auf Wunsch der Eltern oder Vormünder die Privatisten allenfalls auch am Schlusse des ersten Semesters zu einer Prüfung über den Lehrstoff dieses Semesters zuzulassen“ [Verordnungsblatt für den Dienstbereich des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht. Jg. 1909, Stück 2, Nr. 2, Wien 1909, S. 32], um so ein Zwischenzeugnis zu erhalten., doch heute schrieb mir meine liebe GroßiKosename für Großmama., daß o ich,– da es ja gar nicht notwendig ist!! – keine Prüfung mache! Ich weiß nicht soll ich mich darüber freuen oder nicht. Ich war, trotzdem ich sehr am Zustandekommen der Prüfung, da ich der einzige war, zweifelte, doch schon | so ziehmlich vorbereitet und nun blieb sie aus!

Großimama schrieb mir auch, daß infolge JarnosJosef Jarno hatte als Eigentümer und Direktor des Wiener Lustspieltheaters bereits im Dezember 1909 ein Gastspiel Wedekinds mit den Stücken „Der Kammersänger“, „Die Zensur“ und „Musik“ organisiert. In der Wiener Neuinszenierung des „Marquis von Keith“, die am 25.8.1911 in dem von ihm geleiteten Theater in der Josefstadt Premiere hatte, spielte Jarno die Titelrolle. Ob er sich auch für die Inszenierung des „Kammersänger“ am Burgtheater eingesetzt hat, ist nicht bekannt. (?) und seiner Freunde „der Kammersänger“ in Wien in der BurgWedekinds Einakter „Der Kammersänger“ war das erste seiner Stücke, das am Wiener Burgtheater unter der Regie des Direktors Hugo Thimig aufgeführt wurde (Premiere: 31.1.1914) [vgl. Hugo Thimig an Wedekind, 21.1.1914; Wedekind an Hugo Thimig, 27.1.1914] – er wurde als erstes von drei Stücken gespielt; ihm folgten „Boubouroche“ von George Courteline (deutsch von Siegfried Trebitsch) und „Literatur“ von Arthur Schnitzler, wie der Theaterzettel [zugänglich in: https://anno.onb.ac.at/] ausweist. Die Presse urteilte: „Wedekind hat mit dem ‚Kammersänger‘ in der künstlerisch vollendeten Darstellung, die ihm das Burgtheater bot, sich als hieher gehörig erwiesen“ [Neues Wiener Tagblatt, Jg. 48, Nr. 32, 1.2.1914, S. 16]. über die Bretter geht! Also da das Wiener Hoftheather schon fähig geworden ist, wird wohl das Residenztheather auch in München nicht mehr lange aussetzen könnenDie erste Aufführung eines Stücks von Wedekind („Der Marquis von Keith“) am Münchner Residenztheater fand am 16.1.1915 statt und wurde von Protesten der Presse begleitet. Unter der Überschrift: „Frank Wedekind hoftheaterreif?!“ [Bühne und Welt, Jg. 17, Nr. 1, 1915, S. 133] schrieb L. Wilfried im amtlichen Blatt des Deutschen Bühnenvereins einen ablehnenden Beitrag und wertete den Vorgang als „unbegreiflich“ und als „Skandal“ [vgl. auch KSA 4, S. 556f.].! Ich habe mich recht darüber, über diesen neuen Erfolg gefreut! Vielleicht eine FolgeDie Uraufführung von Wedekinds „Simson“ an dem von Viktor Barnowsky geleiteten Lessingtheater in Berlin am 24.1.1914 provozierte einen Theaterskandal [vgl. KSA 7/II, S. 1338-1350]. der „Simson“-Aufführung Barnowskiys. Bitte wollten Herr Wedekind im Voraus meine herzlichste Gratulation dafür entgegennehmen!

Meine liebe Schwester ist aus München durchgebranntKerstin Strindberg wohnte zuletzt in der Familienpension Weigl in der Lindenstraße 19/21 in München-Harlaching.! – Warum? – Sie hält sich jetzt in Traunstein auf, in der schützenden Obhut vo eines KlostersDas ehemalige Kapuzinerkloster in Traunstein beherbergte eine Mädchenschule der Englischen Fräulein, die 1895 ins benachbarte Sparz umgezogen war. Kerstin Strindberg hatte die Schule seit Herbst 1904 besucht. als freiwilliger Zögling. | Es ist für mich wirklich völlig unbegreiflich!….und freiwillig noch dazu aus der Mitte der Bälle, Vergnügungen, die für ein junges Mädchen heutzutage doch der Haupttrieb allens Handelns ist!! – Vielleicht war dieser Dr. SulzbachDer Journalist und Verleger Ernst Sulzbach und Kerstin Strindberg heirateten 1917. daran schuld, von dem ich ja seinerzeit zu Herrn Wedekind gesprochen habe. Ich fürchte meine arme Schwester wird ebenso unglücklich wie Mama, von der man behauptet hier, sie habe sich in LondonFrida Strindberg hielt sich seit 1908 in London auf und leitete dort das von ihr gegründete und am 26.6.1912 eröffnete Kabarett The Cave of The Golden Calf in der Heddon Street 3-9 [vgl. Buchmayr 2011, S. 276ff.]. Von einer erneuten Eheschließung Frida Strindbergs ist nichts bekannt. verheiratet! Wenn Kerstin nur nicht auch so viele Menschen unglücklich macht….

Wir treiben sehr viel Wintersport, Rodeln Eislaufen und all dies macht ja so lustig und lebensfroh! Die Tage sind so wunderschön; Sonnenschein und Freude passen so gut zusammen!

Die besten Grüße bitte an die lieben Kleinen, Handküsse an die gnädige Frau

herzliche Grüße
in Liebe
Friedrich Strindberg.

Einzelstellenkommentare

München, 13. Februar 1914 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

[Hinweis in Friedrich Strindbergs Brief an Wedekind vom 17.2.1914 aus Mondsee:]


Danke herzlichst für den lieben Brief.

Einzelstellenkommentare

Mondsee, 17. Februar 1914 (Dienstag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Mondsee 17.2.14.


Lieber Herr Wedekind!

Danke herzlichst für den lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 13.2.1914.. Ich bin heute bei Großmama in Mondsee, schon seit Samstag. Heute, Mitt Dienstag (woch) gehts wieder abFriedrich Strindberg besuchte als Internatsschüler die Lehr- und Erziehungsanstalt für Schüler der Mittelschulen von Josef Tschurtschenthaler in Salzburg..

Ich erzählte wohl schon seinerzeit Herrn Wedekind von meinem BriefFriedrich Strindbergs Brief an Richard Dehmel und dessen Antwortschreiben sind nicht nachgewiesen. an Dehmel, der nun auch Wirk wirklich Sonntag (8.2.) abging. Schon Donnerstag erhielt ich eine entsetzlich freundliche Antwort, über die ich ungemein erfreut war.

Mit der PrüfungNeben der obligatorischen „Prüfung am Schlusse des Schuljahres“ sah der „Erlaß des Leiters des Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 2. Jänner 1909, Z. 51190 ex 1908, an alle Landesschulbehörden, betreffend die Prüfungen der Privatisten an Mittelschulen“ vor, „auf Wunsch der Eltern oder Vormünder die Privatisten allenfalls auch am Schlusse des ersten Semesters zu einer Prüfung über den Lehrstoff dieses Semesters zuzulassen“ [Verordnungsblatt für den Dienstbereich des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht. Jg. 1909, Stück 2, Nr. 2, Wien 1909, S. 32], um so ein Zwischenzeugnis zu erhalten. ists nichts geworden; S/s/ie hat gar keinen Einfluß auf MaturaReifeprüfung nach einer höheren Schulausbildung, die ein Hochschulstudium ermöglicht. oder Universitätsstudium und ist nichts anders | als ein Examen über den Semesterstoff, nach dessen Ausgang wir ein entsprechendes Zeugnis erhalten. Nun aber genügt nach neuen Vorschriften, die mir zu WeihnachtenFriedrich Strindberg hatte Wedekind vom 23.12.1913 bis 1.4.1914 in München besucht [vgl. Tb]. Seither war die Vorbereitung auf die bevorstehende Semesterprüfung wiederholt Gegenstand seiner Briefe [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 11.1.1914 oder 18.1.1914]. noch unbekannt waren, die Prüfung am Jahresschlusses.

Zu Ostern haben wir die 2. Woche im April ungefächr frei. Näheres wird leider erst später bekannt gegeben.

Welch ungeheure Entwicklung ich zu Weihnachten durchgemacht habe, davon zeugt ein kleines Stücklein, das ich schrieb. Herrn Wedekinds RatFriedrich Strindberg hatte Wedekind am 26.12.1913 in München sein Theaterstück „Triton“ vorgelesen und offenbar von Wedekind die Empfehlung bekommen, an dem Stück vorläufig nicht weiterzuarbeiten [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 2.1.1914]. gemäß „Triton“ (den „Schmachtfezen“Schreibversehen, statt: Schmachtfetzen; rührseliges Werk. wie ihn ein scharfer Beurteiler nannte) liegen zu lassen und an nichts so Großem mehr mich zu versuchen, schrieb ich ein kleines Stücklein „Menschentumrecht., wie man | es heute nannte. Eine unnatürliche Geschichte von einem Mann der so ist wie er „sein soll“, von seiner 2. Frau die eben nicht so ist, wie sie „sein soll“, von seinem Sohn, dessen Jugend 20 J. natürlicherweise zwischen die Ehegatten tritt und die Frau ihrem Mann entreißt, nur weil es ihm eben in seiner hi/y/sterischen LauneNicht nachvollziehbare Stimmungswechsel und unmotivierte Handlungen zählten zum zeitgenössischen Krankheitsverständnis der Hysterie. gelegen ist; der Mann, sein Vater erleidet nun Schlag auf Schlag: sein Liebchen, eine unnatürlichehier: unehelich geborene. Kellnerin fühlt sich seinetwegen „in anderen Umständen“verhüllend für: schwanger sein. Franziska im gleichnamigen Drama zu Beginn der 4. Szene im 3. Bild des 2. Aktes zu Veit Kunz: „Jetzt ist es aber allerhöchste Zeit, daß ich dir etwas gestehe. Ich bin in anderen Umständen.“ [KSA 7/I, S. 259], wie es in „Franziska“ heißt. Er ist in der Weinstube (als deren Urbild ich die TorgglstubeDie Torggelstube, ein Stammlokal Wedekinds, besuchte Friedrich Strindberg mehrfach mit seinem Vater während seines München-Aufenthalts Ende 1913, erstmals am 25.12.1913: „Dann T.St. mit Fritz und Mühsam“ [Tb]. nahm) und feiert Silvester, als er von dem Streich seiner Frau Kenntnis erhält; da er zu hauseösterreichisch für: nach Hause. kommt bricht sein Sohn Knorpel vonund Knorpel von seinem RückkratSchreibversehen, statt: Rückgrat., | bis ihn der Selbstmord der entsetzlich „alten“ Kellnerin das Messer in den Bauch stößt. Seine Frau und sein Sohn leben von da an zusammen und der letzte von den 5 Akten schildert ihren Untergang. Nun zog ich für die Frau, die an allem möglichen und unmöglichen leidet (sie ist infiziertmit einer Geschlechtskrankheit angesteckt; zeitgenössisch verbreitet waren v.a. Gonorrhö und Syphilis., da sie für ihren Stiefsohn = 2. Gatten erwerben mußte) d einen symbolischen Tod vor und wagte in einem Vergleich den Gegensatz zwischen Jugendsturm und Wirklichkeit anzudeuten, indem ich eine Hexenbande einführte; auf der Bühne sollte es ungeheuer wirken, allein schon wegen der Gestalten, die wild &. toll um die tote Frau einen Cancanin französischen Varietés von Frauen mit Beinwurf und Sprung dargebotener erotisch konnotierter Tanz im schnellen 2/4-Takt. tanzen; Jugend!).

Um aber ganz offen meine Meinung zu skizzieren (nur in so feinen Strichen, |

2.

daß man sie kaum sieht), ist der Ausgang Ironie. Die Frau schleppt sich trotz ihrer entsetzlichen Schmerzen zur Flasche in der andern Matratzengruftdurch Heinrich Heine im Nachwort zu seiner Gedichtsammlung „Romanzero“ (1851) geprägte Bezeichnung für ein jahrelanges Krankenlager.ecke und endet dabei, der Mann (Sohn) übergibt sich den Richtern, nachdem ein Dialog mit der toten Frau vorhergegangen ist und er einsieht, daß er etwa so, wenn auch auf herostratische Weisein französischen Varietés von Frauen mit Beinwurf und Sprung dargebotener erotisch konnotierter Tanz im schnellen 2/4-Takt. berühmt werden könne.

Obwohl die natural. Bühnentechnik den Monolog verwarfIn der Dramaturgie des Naturalismus war der Bühnenmonolog verpönt. Alfred Kerr nannte in seiner Beschreibung der „Technik des realistischen Dramas“ an erster Stelle den „Wegfall des Monologs“ und konstatierte: „das Ersatzmittel ist die Pantomime“ [Alfred Kerr: Das neue Drama. Berlin 1905, S. 296]. , habe ich ihn angewendet, ja er füllt eine ganze Szene aus. Das Theater darf doch nicht zur Pantomime herabsinken: dazu ist das KinoDer Tonfilm entstand erst in den 1920er Jahren. Bis dahin galt die Sprachlosigkeit des Films als entscheidendes Differenzkriterium zum Theater.. –

Auch habe ich mich entsetzlich von leeren Worten gehütet, von denen es im „Triton“ | wimmelt. Das ganze sieht schrecklich ernst aus! Nach Herrn Wedekinds Rat muß man vor dem Schildern erleben. Unreif wäre es sehr, wenn es unwahrscheinlich wäre, sei es in Wort oder Tat. Doch ich tat nichts anderes, als aus den Charakteren Konsequenzen zu ziehen und aus diesen wieder nur die Schläge heraus zu holen. Um nicht in eine (unn) widernatürliche Situation zu verfallen, wählte ich eine feste Grundlage, auf der ich aufbaute, die aber nichts andres ist, als eine undeutliche Photographie, die Herr Wedekind leicht erkennen werden und darum bitte ich mir nicht deshalb zu zürnen!

Um ja nicht auf falsche Fährte zu kommen, nahm ich sogar (wie) nach altem Goethe-BeispielVor allem in seinen frühen Werken hat Johann Wolfgang Goethe die Figurenrede mit sprachlichen Eigenheiten der realen bzw. historischen Personen gestaltet, die ihm als Vorbilder dienten, und verwendete Redewendungen, Regionalismen und Mundart; prominent vor allem im „Götz von Berlichingen“ (1773) und in „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774). von den Personen, | die ich mir verkörpert dachte, Redewendungen, ich verschonte niemandDie genannten Personen hatte Friedrich Strindberg kurz zuvor während seines Weihnachtsaufenthalts vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 bei Wedekind in München kennengelernt [vgl. Tb]. (auch nicht Herrn Dr. Friedenthal, nicht Frl. Marion, nicht H. Mühsam, der bei mir g/G/raulich heißt und nicht Herrn v. Gumpenberg); mein gutes Gedächtnis half mir fi viel und dies kleine Stücklein ist insgesamt so groß wie „Triton“ aber viel knapper, viel mehr Handlung und eigentlich sind es nur 5 kleine Arbeiten, denn sie hängen ziehmlich lose zusammen und könnten als Einakter auch existieren.

Zum Schluß bitte ich Herrn Wedekind mir diese Verkörperungen nicht übel zu nehmen, es geschah doch schließlich mehr unbewußt als bewußt und ich bin bereit sie, wenn es sein sollte, auszumerzen. Jeden|falls freue ich mich darauf dies Werklein, wenn es möglich wäre, zu Ostern vorzulesenWedekind notierte am 5.4.1914 im Tagebuch: „Er liest mir sein Drama ‚Menschenrecht‘ vor.“ Friedrich Strindberg hatte seinen Vater am Wochenende vor Ostern in München besucht., es sei ja von vollem Herzen Herrn Wedekind gewidmet!

Großmama bittet mich Herrn Wedekind die besten, herzlichsten Grüße zu übermitteln und herzliche Empfehlungen an dieder gnädigsten Frau. Sie würde sich sehr freuen, wenn Herr Wedekind heuer im Sommer in den Monaten Juli August bis zu Mitte September sie besuchenÜber einen Besuch Wedekinds in Mondsee ist nichts bekannt. wollten auf eine Zeit lang mit der gnädigsten Frau.

Herzliche Grüße,
bitte der gnädigen Frau die besten Handküsse zu vermitteln so wie den Kindern die besten Grüße
in dauernder Liebe
Friedrich Strindberg

Einzelstellenkommentare

München, 24. Februar 1914 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

[Hinweis in Friedrich Strindbergs Brief an Wedekind vom 1.3.1914 aus Salzburg:]


Danke herzlichst für den lieben Brief & die Photographien!

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 1. März 1914 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 1.3.14.


Lieber Herr Wedekind!

Danke herzlichst für den lieben Brief & die Photographiennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 24.2.1914. Bereits im November 1913 hatte sich Friedrich Strindberg eine Porträt-Photographie seines Vaters erbeten [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 7.11.1913]. Dem nicht überlieferten Brief lagen offenbar mehrere Photographien bei, auch solche von Wedekinds Töchtern [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 15.3.1914].! Hier herrscht eine gräßliche KatzenjammerstimmungNiedergeschlagenheit und depressive Verstimmung nach übermäßigem Alkoholgenuss., die das extra unangenehme für sich hat, daß nichts vorhanden ist, was einen „Kater“ hervorrufen könnte. In der Schule haben wir jetzt sogar den „göttlichen HomerLocus classicus dieser verbreiteten Wendung ist Aristophanes: „Βάτραχοι“ (Die Frösche), Vers 1034. kennengelernt, dessen Göttlichkeit höchstens bis jetzt in den gemeinsten, schwersten Satzkonstruktionen oder Vokabeln besteht. –

Die Photographien legte ich dorthin, wohin ich am meisten schaue, in „Frühlings Erwachen“ | und in „Schloß Wetterstein“.

„Die Musik“ wurde, wie ich gelesen habe, von M. Reinhart aufs Repertoire der KammerspieleNach einer zweimaligen Aufführung von Wedekinds Drama „Musik“ im Rahmen des Wedekind-Zyklus vom 1. bis 16. Juni 1912 am Deutschen Theater wurde das Stück 1913 von Max Reinhardt in einer Neuinszenierung unter der Regie des Schauspielers Eduard von Winterstein präsentiert und hatte am 9.10.1913 Premiere: „In den Kammerspielen Berlin Musik mit Winterstein und Eybenschütz.“ [Tb] Es wurde „viermal gespielt und ist außerdem wiederholt auf Gastspielen des Deutschen Theaters zur Aufführung gelangt“ [Frank Wedekind im Repertoire der Reinhardt-Bühnen. In: Blätter des Deutschen Theaters, Jg. 3, Nr. 49, o. D. 1913, S. 792]. gebracht und zwar mit Erfolg. F. Eibenschütz soll als Klara herrlich gespieltCamilla Eibenschütz wurde für die Darstellung der Musikschülerin Klara Hühnerwadel in „Musik“ von der Presse einhellig gelobt [vgl. KSA 6, S. 820]. haben! In Wien hatt sogar „der Kammersänger“ einen kleinen RummelWedekinds Einakter „Der Kammersänger“ war das erste seiner Stücke, das am Wiener Burgtheater aufgeführt wurde (unter der Regie des Direktors Hugo Thimig; Premiere: 31.1.1914) [vgl. Hugo Thimig an Wedekind, 21.1.1914; Wedekind an Hugo Thimig, 27.1.1914] – er wurde, wie der Theaterzettel [zugänglich unter: https://anno.onb.ac.at/] ausweist, als erstes von drei Stücken gespielt; ihm folgten „Boubouroche“ von Georges Courteline (deutsch von Siegfried Trebitsch) und „Literatur“ von Arthur Schnitzler (nicht wie Friedrich Strindberg irrtümlich annahm Schnitzlers Stück „Der einsame Weg“, das am Tag darauf gespielt wurde). Die Presse urteilte: „Wedekind hat mit dem ‚Kammersänger‘ in der künstlerisch vollendeten Darstellung, die ihm das Burgtheater bot, sich als hieher gehörig erwiesen“ [Neues Wiener Tagblatt, Jg. 48, Nr. 32, 1.2.1914, S. 16]. verursacht; eine österreichische Zeitungeine österreichische Zeitung] vermutlich ist hier bereits die „Reichspost“ gemeint (siehe unten). Dort war eine Kritik des Theaterabends im Wiener Burgtheater von Hans Brecka erschienen, die mit den Worten begann: „Man wird sich ihn gut merken müssen, diesen letzten Jännertag des Jahres 1914. Ein geliebtes Theater erklärte sich an diesem Letzten bankerott“ [Reichspost, Jg. 21, Nr. 53, 1.2.1914, Morgenblatt, S. 11]. Ähnlich vernichtend die Kritik des „Novitäten“-Abends auch im „Grazer Volksblatt“, das konstatierte, „das Wiener Hofburgtheater“ gebe sich „allem Anscheine nach die redlichste Mühe, sein so schon mehr als zweifelhaft gewordenes Renommee einer ersten deutschen Bühne endgültig zu zerstören“ [Grazer Volksblatt, Jg. 47, Nr. 45, 7.2.1914, Morgen-Ausgabe, S. 1]. fällte über ihn, über Schnitzlers „Einsamen Weg“ & über „Bourburroug/ch/e“ von …. ein „Todesurteil“als Zitat nicht ermittelt; charakterisiert sein dürfte mit dem Begriff ein Leitartikel, der Wedekinds Werk zu diskreditieren suchte und dazu den Philosophen Johannes Volkelt paraphrasierte: „Was Wedekind forme, werde Mißgeburt und Fratze“, der „Geist dieser hingeschmierten pornographischen Machwerke lasse sich nur als Geist sittlicher Verworfenheit bezeichnen“, seine Stücke seien ein „Schandfleck in der Entwicklung des deutschen Geisteslebens“. Es wurde außerdem missbilligt, dass auf dem Spielplan des Wiener Burgtheaters („des vornehmsten Wiener Schauspielhauses“) „ein Stück von Wedekind: ‚Der Kammersänger‘ eingereiht“ sei, und festgestellt: „die Mehrzahl der Novitäten des gegenwärtigen Spieljahres: [...] Schnitzlers ‚Einsamer Weg‘, ‚Boubouroche‘ von Courteline haben mehr oder minder Geist von Wedekinds Geist.“ Solche „Wedekindereien im Wiener Hofburgtheater“ würden „systematisch den Ruf eines Kunstinstitutes untergraben, auf dem der Duft glanzvoller Vergangenheit liegt […] Das nichtsemitische Wien würde dem Befreier des Hofburgtheaters entgegenjubeln.“ [„Der Menschheit Würde...“. In: Reichspost, Jg. 21, Nr. 76, 15.2.1914, Morgenblatt, S. 1-2] was unter den übrigen Zeitungen ein Gelächter hervorrief! Die „Wiener Arbeiterzeitung“ schriebDas nachfolgende Zitat ließ sich bislang nicht nachweisen. Die sozialdemokratische „Arbeiter-Zeitung“ polemisierte nahezu täglich gegen die Berichterstattung der katholisch-antisemitischen „Reichspost“. : „ob die Reichspe(o)st auch aus das Gute (ihr) mit ihrer Schnautze beschnüfeln wolle“ –

Hoffentlich haben die Königsberger AufführungenWedekinds „Marquis von Keith“ hatte am 28.2.1914 am Stadttheater Königsberg Premiere und wurde dreimal aufgeführt. Frank Wedekind war mit seiner Frau Tilly Wedekind am 24.2.1914 über Berlin nach Königsberg gereist, wo sie für die vorangehenden Proben am 26.2.1914 eintrafen: „Ankunft in Königsberg. Hotel Deutsches Haus ½ 11 Uhr Probe.“ [Tb] Vermutlich hatte Wedekind seinem Sohn von den Gastspielplänen berichtet und ihm möglicherweise auch eine Adresse mitgeteilt, an die Friedrich Strindberg seinen Brief adressieren konnte. guten Erfolg! Daß Karl Kraus sich ob meiner ZuneigungOffenbar hatte Wedekind Karl Kraus mitgeteilt, dass Friedrich Strindberg gerne dessen Lesung in Salzburg besucht hätte [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 13.1.1914 und 18.1.1914] und seinem Sohn von dessen Reaktion geschrieben. Wedekind hatte sich dem Tagebuch zufolge mit dem Kritiker am 13.2.1914 („Treffe Karl Kraus“) und am 14.2.1914 („Spaziergang mit Kraus“) in München getroffen. freut hat mir/ch/ sehr mit Freude erfüllt! Meine SzenenFriedrich Strindbergs Szenenfolge „Menschenrecht“ – „eigentlich sind es nur 5 kleine Arbeiten, denn sie hängen ziehmlich lose zusammen und könnten als Einakter auch existieren“ [Friedrich Strindberg an Wedekind, 17.2.1914]. , die ich nun langsam zusammen stelle & nun bald fertig gestellt habe, freuen mich | sehr, besonders weil sie (d. h. ihre Ideen, die für mein Alter etwas kühn sind) überall Widerspruch erfahren. Das stärkt mein Bewußtsein, da ich glaube, neue Ideen u. sogar ein neues Problem gebracht, letzteres sogar gelöst zu haben. Ich versuchte soviel als möglich Gesichtspunkte hineinzubekommen, mußte aber auch einsehen, daß eine neue Idee gerade nur zum Untergang führte,… also „pleite“ ginghier im übertragenen Sinne für: scheitern..

Üb+/er/ OsternDer Ostersonntag fiel auf den 12.4.1914. Friedrich Strindberg war zu einem Osterbesuch bei Wedekind eingeladen, er besuchte ihn jedoch eine Woche früher und reiste am 4.4.1914 für eine Übernachtung nach München [vgl. Tb]. freue ich mich schon im vorhinaus! Das Lernen ef/r/fährt natürlich durch meine kleinen Versuche nicht die geringsten Störungen, da ich übrigens nur dann schreiber, wenn ich muß; ich las jetzt in letzter Zeit Strindbergs „Vater“ und bin ganz außer mir, daß ein Mensch eine Krankheit, die er selbst hat, so sehr hart aber wahr, ja sogar mit überlegener Ironie darstellen kann. Der Verfolgungswahn des Rittmeisters ist herrlich, seine Frau ein schrecklicher Dummkopf! Mir kommt vor, daß jetzt alles gegen Hauptmann loszieht. Bei uns herüben konstatiert jedes Klatsch|blatt, daß er in seinem „Bogen des Odisseus“Gerhart Hauptmanns Stück „Der Bogen des Odysseus“ wurde am 17.1.1914 am Deutschen Künstlertheater in Berlin uraufgeführt. sein Schlechtestes gebotenDie Kritiken zu Gerhart Hauptmanns Stück „Der Bogen des Odysseus“ fielen gemischt aus. Paul Goldmann lieferte allerdings noch Wochen nach der Uraufführung einen umfangreichen Verriss [vgl. Neue Freie Presse, Nr. 17763, 7.2.1914, Morgenblatt, S.1-3]., Homer gra/e/ulich verhunzt„Kurz und gut, Hauptmann wollte eben den Homer naturalisieren, was er auch symbolisch dadurch ausdrückte, daß er die ganzen fünf Akte in und bei der Wohnung des Sauhirten Eumäos, also in unmittelbarster Nachbarschaft des Schweinekobens, spielen ließ. Ist doch das Schwein das heilige Tier des Naturalismus!“ [Deutsches Volksblatt, Jg. 26, Nr. 8993, 18.1.1914, Morgen-Ausgabe, S. 2] habe, ja man zitiert sogar NietzscheIn seinem Überblicksartikel „Deutsche Dichter in Frankreich“ schrieb Andreas Révék zur Eröffnung der Berliner Freien Bühne: „Einige Wochen später spielt man das Stück eines damals unbekannten Autors: das Drama ‚Vor Sonnenaufgang‘ von Gerhart Hauptmann. Damit beginnt der leidenschaftliche Kampf zwischen den Alten und der Moderne, dessen Ergebnis wir seit langem kennen und genießen. / Später aber flaut der Naturalismus für einige Zeit ab. Nietzsches Invektiven gegen die moderne Kultur und die ‚Bildungsphilister‘ fallen auf fruchtbaren Boden.“ [Pester Lloyd, Jg. 61, Nr. 34, 8.2.1914, S. 22]., um gegen Hauptmann aufzukommen!

Noch viele, herzliche Grüße
mit frohen Glückwünschen für
die Königsberger Aufführung
in Liebe
Friedrich Strindberg

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 15. März 1914 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

Salzburg 15.3.14.


Lieber Herr Wedekind!

Heute bekomme ich von meiner Schwester schon eine 2. AlarmnachrichtIn einem früheren Brief berichtete Friedrich Strindberg von Kerstin Strindbergs Flucht aus München [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.2.1914]., Großmama schreibt mir nichts und alle scheinen von einem Mißverständnis ergriffen zu sein. –

Von Herrn Dehmel erhielt ich einen sehr freundlichen BriefRichard Dehmels Brief ist als Entwurf überliefert [vgl. Dehmel-Archiv der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg DA:Br:S 1886 Anl.] Es ist das Antwortschreiben auf Friedrich Strindbergs Brief vom 1.3.1914, worin er richtiggestellt hatte, dass er nicht August Strindbergs Sohn ist: „Meinen Vater, den Sie vielleicht weniger gut leiden können und etwa nicht gar so gern haben, ist Herr Wedekind“ [Dehmel-Archiv DA:Br:S 1886]. Daneben mokierte er sich über den „endlose[n] Hauptmannsche[n] Elendsreigen vom Jäger der ‚Weber‘ bis zum letzten Sauhirten im ‚Bogen des Odisseus‘.“ [Ebd.] Dehmel ließ in seiner Antwort Grüße an Wedekind bestellen und stellte fest: „Er steht mir trotz all seinem Teufelsviehzeug [gestrichen: Teufelsmenagerie; Teufelsbestien] geistig näher als der göttliche Sauhirte Hauptmann, obgleich ich diesen für keinen Schweinepriester halte.“ [Dehmel-Archiv DA:Br:S 1886 Anl.], der mich sehr freute; nur wunderte mich, daß er den „göttlichen Sauhirten“Diese häufige Bezeichnung für Eumaios, Schweinehirt und Freund des Odysseus, in Homers „Odyssee“, wird hier auf Gerhart Hauptmann bezogen, der in seinem jüngsten Drama „Der Bogen des Odysseus“ die Hütte des Eumaios als Schauplatz gewählt hatte und wegen seines Umgangs mit der literarischen Vorlage kritisiert worden war, wie Friedrich Strindberg in seinem letzten Brief berichtet hatte [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.3.1914]. Hauptmann für keinen „gar so argen Schweinepriester“ halte, ja der ganze Brief | ist so ähnlich geschrieben, wie ichs mir den alten Goethe etwas angeheitert vorstelle.

Die PhotographienIm November 1913 hatte sich Friedrich Strindberg eine Porträt-Photographie seines Vaters erbeten [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 7.11.1913]; diesem Wunsch entsprach Wedekind Ende Februar und legte seinem Brief mehrere Photographien bei [vgl. Wedekind an Friedrich Strindberg, 24.2.1914]. von Herrn Wedekind hängen bei mir nun a/i/m Pult, und mein Blick fällt sehr oft erinnernd auf sie, die h/H/errn Wedekind sitzend darstellt, ist mir recht ans Herz gewachsen! Auch die lieben Kleinen schau ich mir oft an!

Hier ist der ganze Frühling recht herzlich, herzig die Blumen, alles so nett – wenn man sentimental wird ist nur eine logische Folge all der Frühlingspracht – alles so freundlich, obgleich mir in meinem Innern hie und da, besonders in den letzten Tagen wegen der verfluchten Meinungs„missverständnissenbezieht sich vermutlich erneut auf die eingangs geschilderte „Alarmnachricht“. oft nicht ganz wohl ist! Aber alles ahtmetSchreibversehen, statt: athmet. hier recht heiteren Lebensmut, Lustigkeit u. Fröhlichkeit, wie man sie in den | Großstädten zur Zeit des jetztweiligen Quatschwetters nicht hat!

Wegen Ostern das ganze In u. Aus ist mir ein großes Fragezeichen, das sich aber vielleicht ausdehnen könnte … da meine sonstigen Hoffnungen sehr gering sind, habe ich ja noch von niemand eine sichere Nachricht, außer der, daß wir von 5.–15. April, (ungefähr) frei haben. Karl Kraus hat eine recht gute neue „Fackel“nummerdie zuletzt erschienene Nummer der „Fackel“ [vgl. Die Fackel, Jg. 15, Nr. 393/394, 7.3.1914]. herausgegeben, die wirklich Ausgezeichnetes enthält. Besonders der arme Hugo Salus!! 5 SeitenDer Artikel zu dem dichtenden Arzt Hugo Salus trägt den Titel „Arzt und Künstler“ und umfasst vier Seiten [vgl. Die Fackel, Jg. 15, Nr. 393/394, 7.3.1914, S. 15-18]. sind ihm gewidmet und werden sie nur halb ernst (sie sind nämlich sehr witzig) genommen, werden, dürfte man Hugo Salus kondulieren. – Auch kehrt er sich gegen: – die Universität und genauer – gegen die GermanistenIn dem Artikel „Wenn die Lehrkanzel nicht besetzt“ polemisierte Karl Kraus gegen die in der Presse genannten angeblichen Folgen des vakanten Germanistiklehrstuhls von Jakob Minor [vgl. Die Fackel, Jg. 15, Nr. 393/394, 7.3.1914, S. 18-21].!! Das freute mich!! Die Juden sind wie immer seine ärgsten Feinde, aber das mußte ihn empören, daß die „N. F. Presse“ ihrem Totschweigen ein Ende machteFriedrich Strindberg referiert hier Kraus’ Artikel „Der 29. Januar“ [Die Fackel, Jg. 15, Nr. 393/394, 7.3.1914, S. 29f.], in dem er sich auf eine Karikatur seiner Person in einer Werbeanzeige einer Firma für Schuhabsätze in der „Neuen Freie Presse“ bezieht [vgl. Neue Freie Presse, Nr. 17755, 29.1.1914, Morgenblatt, S. 9], die ihrerseits eine Reaktion auf eine Kraus-Polemik gegen eine andere Annonce dieser Firma war, in der mit Nietzsche geworben wurde [vgl. Die Fackel, Jg. 15, Nr. 391/392, 21.1.1914, S. 5f.]. Die „Neue Freie Presse“ war das Hauptangriffsziel von Karl Kraus und reagierte darauf damit, ihn in ihrer Berichterstattung zu ignorieren, so dass er triumphierte, über diesen Umweg nun doch in dieser Zeitung genannt zu werden: „Wer seit fünfzehn Jahren sein Personal im redaktionellen wie im administrativen Teil dazu anhält, aufzupassen, daß ein einziger Name nicht durchrutsche, darf über solche Befleckung seines Lebenswerkes schon aufgeregt sein.“ [Die Fackel, Jg. 15, Nr. 393/394, 7.3.1914, S. 30]., denn er erschien als Kikeriki-JudDer „Kikeriki“ war eine seit 1861 erscheinende Wiener Satirezeitschrift, die seit der Jahrhundertwende einen antisemitischen Kurs verfolgte und fortwährend entsprechend stereotype Karikaturen publizierte. Der Ausdruck ist ein Zitat aus dem genannten Kraus-Artikel: „[A]m 29. Januar tanzte bereits ein Kikeriki-Jud, dessen in die Stirn fallende Haare als ein besonderes Merkmal meiner Individualität agnosziert wurde, das Januarheft der Fackel, natürlich eine ‚Doppelnummer‘ in der Hand, auf einem Riesengummiabsatz herum, und darunter war zu lesen: Vernimm die Mär, o Publikum: / Auf ‚Berson‘ tritt Karl Kraus herum!“ [Die Fackel, Jg. 15, Nr. 393/394, 7.3.1914, S. 29] für eine Schuhabsätzefirma als – o Greuel – Reklam(!!)bild. –

Sonst ist so ziehmlich bei uns alles wohl, nur eine quälende Ungewißheit wegen den verfluchten Schrecknachrichten meiner Schwester, die wegen – einer herzigen Geschichte – aus München entwichvgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 1.2.1914., plagt mich etwas, sonst aber bin ich recht froh und hoffe, daß auch Herr Wedekind recht gesund sind! Vielleicht wäre es möglich – ich zweifle noch etwas daran – He daß ich Herrn Wedekind zu Ostern irgendwo treffeDer Ostersonntag fiel auf den 12.4.1914. Friedrich Strindberg besucht Wedekind am Wochenende vor Ostern in München: „Am Abend kommt Friedrich Strindberg.“ [Tb, 4.4.1914]! Ich bin ja in dem Gedanken allein schon riesig froh.

In Liebe
Friedrich Strindberg.

Einzelstellenkommentare

München, 20. März 1914 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Strindberg, Friedrich

PosteinlieferungsscheinDer Posteinlieferungsschein belegt eine Geldüberweisung an Friedrich Strindberg, zu der es einen begleitenden Brief gab [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 22.3.1914].

(vom Einzahler auszufüllen)
(Die Mark in Buchstaben anzugeben)

Zwanzig –

–––––––––

––– MarkPf.

Empfänger:

Friedrich Strindberg

in Salzburg.

[…]

Einzelstellenkommentare

Salzburg, 22. März 1914 (Sonntag)
von Strindberg, Friedrich
an Wedekind, Frank

22./3.14.


Lieber Herr Wedekind!

Danke herzlichst für den so lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Friedrich Strindberg, 20.3.1914., der mir eine ungeheuer große Freude bereitet hat!

Danke Herrn Wedekind vielmals für die/a/s GeldWedekind hatte Friedrich Strindberg 20 Mark per Postanweisung geschickt, wie der Einlieferungsschein belegt [vgl. Wedekind an Friedrich Strindberg, 20.3.1914]., das – bitte Herr Wedekind verzeihen – doch nicht nötig war! Zwar habe ich mich schon seit etwa 8 Jahren nimmer abknipsenumgangssprachlich für: fotografieren; Wedekind hatte seinem Sohn das Geld für Fotoaufnahmen geschickt: „An Friedrich für Photographien“ [Kontobuch, 20.3.1914]. lassen, und daher danke ich Herrn Wedekind nochmals! Ich kann aber leider die Photographien erst zu OsternWedekind hatte seinen Sohn vermutlich schon bei dessen Aufenthalt in München über Weihnachten und Silvester 1913 [vgl. Tb] zu einem Osterbesuch eingeladen. Der Ostersonntag fiel auf den 12.4.1914. Friedrich Strindberg besuchte Wedekind am 4. und 5.4.1914. mitbringen, da ich sie erst Freitags den 3. April – auf Drängen – bekomme. Samstags aber den 4. habe ich im Sinne von hier abzureisen, aber hoffentlich gelingt es mir von hier direkt, der freundlichen Einladung folgend, nach München zu dam|pfenumgangssprachlich für das Reisen mit der Bahn oder dem Dampfschiff., was aber das eine n/N/achseitigeSchreibversehen, statt: Nachteilige. hat, daß ich etwa bis in die letzten Augenblicke nicht total sicher weiß, wann ich von hier wegkomme! Vielleicht ist es mir möglich den Zug um 9. – benützen, daß ich in München wieder um 12.20 bin, wenn nicht, so komme ich höchstwahrscheinlich erst um f 5h an.

Möglich ist aber immerhin noch, daß ich zuerst zu Großmama fahren muß (wegen irgend einer Kleinigkeit) und dann könnte ich erst Sonntags 1220 kommen. Was sein wird, werde ich Herrn Wedekind nächsten Sonntag noch genau mitteilen. Daß Herr Wedekind etwa gar in Zürich oder Stuttgart oder Darmstadt spielenWedekind hatte in der Folgezeit in den genannten Städten lediglich in Stuttgart ein Gastspiel (am Königlichen Hoftheater vom 18. bis 21.4.1914). Friedrich Strindberg begleitet ihn dabei nicht, sein Vater hatte aber anscheinend von einer solchen Möglichkeit geschrieben. und ich sogar mit Herrn Wedekind dort hinreisen könnte, bereitet mir riesige Freude, sehe ich doch (wieder) einmal das schöne Schwaben oder gar den Züricher See. Beides bedeuten für mich Freuden, die ich mir vor einem JahreFriedrich Strindberg hatte seinen Vater erst vor einem halben Jahr kennengelernt. Er nahm am 14.9.1913 telefonisch zu ihm in Berlin Kontakt auf und traf sich anschließend dort zwei Tage mit ihm – die erste Begegnung seit Wedekinds Besuchen bei der Mutter Frida Strindberg und dem Säugling in Tutzing im Juli 1898 [vgl. Wedekind an Beate Heine, 19. und 27.7.1898]. nicht träumen ließ! Überhaupt: das in der Welt h/H/erumkommen zählt bei mir zu den schönsten Begriffen, die ich kenne.

Und noch dazu mit oder bei Herrn Wedekind! Beides gleich wert, und doch mir das liebste.

Bei uns gibt es wenig Abwechslung, kaum daß man hört, was draußen in der Welt Großes & kleines vorgeht, was sich ereignet u. die übrigen Menschen erregt. Hier behauptet man der Krieg steht vor der Türe, das Kaiserhaus feiert noch schnell seine Silberhochzeitenim übertragenen Sinne für die Selbstbezogenheit des Herrscherhauses. Die letzte als „Kaiserfest“ aufwendig gefeierte Silberhochzeit des Hauses Habsburg war die zwischen Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth im Jahr 1879. und der Spießbürger genießt seine doppelte Quantität Bier oder Fusel: ein lauter Zeichen mit großen Vorbedeutungen, alles deutet auf einen Weltkrieg. Zwischen welchen Mächten aber liegt noch im Schoße der armen GötterRedensart für: ungewiss sein..

Sonst – noch zu WeihnachtenFriedrich Strindberg hatte seinen Vater in München vom 23.12.1913 bis 1.1.1914 besucht [vgl. Tb]. – war ich dem Genuße des Alkohols etwas abgeneigt, aber Herr Wedekind werden staunen, wie sehr man sich ändern kann! Im Sommer litt ich noch oft an verderblichen Seelen- (oder richtiger Kehlen-)qualen, aber im Winter verdorrte der Gaumen. Nun kann ich (kau d) kaum die enorme Menge Wasser achten, die ich bei dem hiesigen Gänseweinscherzhaft für: Trinkwasser.zwang ver|schlinge. Im Rauchen habe ich mich sogar auch entwickelt und statt einer Zigarette begnüge ich mich – allerdings auch nur hier – mit einer unaesthetischen Pfeife, wie sie bei uns üblich ist! Nun ja! Ganz abenteuerlustig wird man jetzt im Frühling, der hier mit jedem Tage immer mehr und immer schöner zum Ausdruck kommt, jeden Baum sucht man solange ab, bis man die erste Knospe gefunden, jede Wiese nach Schneeglöcklein oder blauen Veilchen. Der englische Gartenseit 1789 bestehender großer öffentlicher Park im Nordosten von München am Westufer der Isar. Wedekinds Wohnung in der Prinzregentenstraße 50 befand sich in unmittelbarer Nähe zur Südspitze des Parks. muß ja jetzt auch recht nett sein!

Herzlichen Dank auch nochmals für alles, herzliche Grüße den lieben Kleinen, Handküsse der gnädigen Frau Gemahlin

in Liebe
Friedrich Strindberg

Einzelstellenkommentare

Seite 1 von 3