Briefwechsel

Sternheim, Carl und Schnitzler, Arthur

1 Korrespondenzstück

Höllriegelskreuth, 22. Dezember 1911 (Freitag)
von Sternheim, Carl, Eulenberg, Herbert, Wedekind, Frank und Borngräber, Otto
an Schnitzler, Arthur

Bellemaison
Höllriegelskreuth bei München.


den 22. Dezember 1911.


Sehr geehrter Herr.

Im NamenCarl Sternheim dürfte zumindest von Franz Blei und Wedekind für die Abfassung des Schreibens und der Beilage autorisiert worden sein, am 12.12.1911 in München, an dem Wedekind notierte: „Mit Blei Sternheim im Café Protest besprochen.“ [Tb] Thea Sternheim notierte dazu am 14.12.1911: „Karl erzählt vom gestrigen Abend: er sei mit Wedekind zusammen gewesen. Es soll ein Protest gedruckt werden, in dem sich einige zwanzig der bekanntesten Dichter gegen die Eingriffe der Zensur wehren.“ [Tb Sternheim/CD] der Herren Frank Wedekind, Herbert Eulenberg, Otto Borngräber und im eigenen habe ich die Ehre, Ihnen folgendes mitzuteilen: Wir haben die Absicht, das große Publikum durch beifolgenden Aufruf, der in Zukunft jedem Buch der unten angegebenen Autoren beiliegen soll und auch den TageszeitungenEin Druck des Aufrufs in der Presse ist nicht nachweisbar; die Sache dürfte im Sande verlaufen sein. mitgeteilt wird, zum Beitritt zu einem allgemeinen Protest aufzufordern.

In Anbetracht dernSchreibversehen, statt: der. ungeheuren Wichtigkeit und Dringlichkeit der SaheSchreibversehen, statt: Sache. hoffen wir, Sie werden möglichst umgehend dem Unterzeichneten Ihre ZustimmungArthur Schnitzler hat nicht zugestimmt; er schrieb am 27.12.1911 an Carl Sternheim (und sprach in seinem Brief die drei weiteren Herren an): „Der Aufruf, den Sie im Namen von Wedekind, Eulenberg, Borngräber und in Ihrem eigenem mir zur Unterzeichnung zuzusenden so freundlich sind, widerspricht meinen Erfahrungen, meinen Ansichten und meinem Gefühl vom Verhältnis des Dichters zum Publikum so sehr, daß ich mich außerstande erklären muß, ihn zu unterschreiben, trotzdem ich mich in meinem Widerwillen gegen die Zensur und gegen deren wahrhaft aufreizende Übergriffe, insbesondere in der letzten Zeit, mit Ihnen allen, meine Herren, völlig eines Sinnes weiß.“ [Arthur Schnitzler: Briefe. 1875-1912. Hg. von Therese Nickl und Heinrich Schnitzler. Frankfurt am Main 1981, S. 687] mitteilen und die Erlaubnis erteilen, Ihren Namen unter den Aufruf setzen zu dürfen.

Ihr sehr ergebener
Carl Sternheim


Aufgefordert wurden folgende Autoren:

Hermann Bahr

Franz Blei

Otto Borngräber

Max Dauthendey

Richard Dehmel

Herbert EulenburgSchreibversehen, statt: Eulenberg.

Gerhart Hauptmann

Hugo von Hofmannsthal

Heinrich Mann

Thomas Mann

Wilhelm Schmidtbonn

Arthur Schnitzler

Carl Sternheim

Karl Vollmöller

Frank Wedekind


Sie sind gebeten, über Vorstehendendes vorläufig Verschwiegenheit zu wahren.


[Beilage:]


Aus der Mitte des Publikums kommt Anfrage auf Anfrage an uns: Es fühle sich durch die fortwährenden Polizeiverbote in seinem Empfinden, seinem Urteil auf’s höchste verwirrt und beunruhigt. Der Gatte wisse nicht mehr, was er seiner Frau, der Erzieher nicht, was er den Zöglingen von unseren Büchern anbieten dürfe.

Sei denn wirklich aus dem Geist unserer Schriften die Polizei zu ihrem Vorgehen gegen uns nicht befugt? Könnten wir Autoren auf unsere Ehre versichern, wir stellten in unseren Dichtungen dem sittlichen Gefühl einer großen Nation, deren geistiges Wohl uns anvertraut ist, keine Falle?

Nun denn im Bewußtsein unserer unendlichen Verantwortung auf Manneswort für jetzt und alle Zukunft: Mit Andacht und Demut hören wir auf die Empfindungen der Kinder unserer Zeit. Keine irdische Macht, aber die Stimme Gottes aus der Brust des Menschen diktiert uns die Forderungen der Vernunft, Schönheit und Sittlichkeit. Ihr Leser, nicht wir Schreibenden (die wir ja nur Euer geheimstes Sprachrohr in die Welt sind) prägt diese neuen Wahrheiten, die den Hütern der alten bequemen Formeln ein Entsetzen sind, und die sie im Keim zu vernichten trachten.

Ihr Leser selbst seid in Eurem Willen zu heutiger Wahrheit aufs heftigste angegriffen. Helft Euch, indem Ihr zum Kampf entschlossen, einem geharnischten Proteste beitretet. Helft endlich uns mit der Tat gegen Willkür und Vergewaltigung. wir gehen gemeinsam in neue Zeiten hinein!

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