Briefwechsel

Wedekind, Tilly und Wedekind, Frank

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Wien, 28. Mai 1905 (Sonntag)
von Kraus, Karl, Wedekind, Frank und Hollitzer, Carl Leopold
an Wedekind, Tilly

Correspondenz-Karte.


An
Frl. Tilly Newes
in IX.
Währingers
Fuchsthalergasse 4Tilly Wedekind logierte während ihres Aufenthalts in Wien im IX. Bezirk in der Fuchsthallergasse 4 (bis 1862: Währinger Linienstraße); bei wem, ist nicht ermittelt. |


Hauptstiege.

Hofburg-Theater.


Hofburg-Theater.

WIEN.


Viele herzliche Grüße. Wir sprachen von Ihnenvon Tilly Newes. Karl Kraus, Carl Leopold Hollitzer und Wedekind haben im Anschluss an die Generalprobe für die Premiere der „Büchse der Pandora“ (am 29.5.1905 im Trianon-Theater), die am 28.5.1905 im Atelier des Malers stattfand, der für die Premiere das Porträt von Tilly Newes als Lulu im Pierrot-Kostüm gemalt hat, über die Darstellerin der Lulu gesprochen. Karl Kraus zufolge hatte Carl Leopold Hollitzer „sein Atelier als Raum für die ersten Proben zur Verfügung gestellt“ [Die Fackel, Jg. 21, Nr. 521-530, Januar 1920, S. 114] sowie für die Generalprobe, wie seine Unterschrift auf der Bildpostkarte belegt. Wedekind notierte am 28.5.1905: „Generalprobe. Hotel Continental. Kraus liest mir seine Conference vor. Café Museum. Café de l’Europe.“ [Tb] Die Bildpostkarte wurde an einem dieser Orte geschrieben, wahrscheinlich noch bei Carl Leopold Hollitzer (VI, Gumpendorferstraße 63b), vielleicht aber auch im Hotel Continental (II, Praterstraße 7), im Café Museum (I, Friedrichstraße 6) oder im Café de l’Europe (I, Stefansplatz 8). Ein weiteres Gespräch der drei Männer über Tilly Newes – nun wohl speziell über das Porträt von ihr als Lulu im Pierrot-Kostüm, das Carl Leopold Hollitzer für die Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ gemalt hat – fand am 14.6.1905 (einen Tag vor der zweiten Vorstellung der „Büchse der Pandora“ am 15.6.1905) statt: „Ankunft in Wien. [...] Besuch mit Kraus bei Kunstmaler Holitzer. Tilly Newes im Pierrotkostüm.“ [Tb; der Name Tilly Newes in hebräischen Buchstaben]. Kraus

Die besten Grüsse
von Carl Hollitzer Ihr dankbar ergebener Frank Wedekind

Einzelstellenkommentare

München, 4. Juni 1905 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

Verehrte große KünstlerinTilly Newes, Wedekinds spätere Ehefrau; er hatte die junge Schauspielerin bei der von Karl Kraus veranstalteten Wiener Premiere seiner dreiaktigen Tragödie „Die Büchse der Pandora“ (Regie: Albert Heine) kennengelernt, die am 29.5.1905 in geschlossener Vorstellung „auf der Bühne des Trianon-Theaters im Nestroyhof“ stattfand, „das Kraus für diesen Zweck gemietet hatte“ [Nottscheid 2008, S. 141]. Die 19jährige Schauspielerin Tilly Newes spielte die Hauptrolle der Lulu, der 40jährige Frank Wedekind die Rolle des Mörders Jack. Die Generalprobe fand Wedekinds Tagebuch zufolge am 28.5.1905 statt („Generalprobe“), nach der Vorstellung am 29.5.1905 saß Wedekind beim Premierenessen zwischen seiner Verlobten Berthe Marie Denk und Tilly Newes („Vorstellung. Büchse der Pandora. Ich spiele Jack. Souper im Hotel Continental. Zwischen Marie Denk und Ottilie Newes“).!

Entzückendes Menschenkind!

ich habe Dir so unendlich viel zu danken, daß ich vergebens nach den treffenden Worten suche. Aber ich muß Dir sagen, wie hoch ich mich beglückt fühle, daß ich dich sehen und Dich kennen lernen durfte. Daß das PublikumAuf dem Theaterzettel zur Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ im Trianon-Theater am 29.5.1905 ist vermerkt (Faksimile in der „Fackel“): „Die Vorstellung findet vor geladenem Publikum statt.“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 182; Original: KHM-Museumsverband, Theatermuseum in Wien; URL: https://www.theatermuseum.at/online-sammlung/detail/81328/] mein abscheuliches Stück ohne Dein kluges und zugleich | so madonnenhaftes Spiel nicht so geduldig hingenommen hätte, darüber besteht für mich nicht der geringste Zweifel. Aber davon hast Du ja nichts. Ich habe zu meinem Bedauern bis jetzt noch keinerlei BesprechungDie Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ am 29.5.1905 wurde kaum besprochen, die „Wiener Theaterkritik schwieg sich weitgehend über dieses Theaterereignis aus“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 39]. Theodor Antropp hat die Inszenierung am 31.5.1905 im „Wiener Deutschen Tagblatt“ besprochen [vgl. KSA 3/II, S. 1258], eine weitere Besprechung in ähnlicher Tonart findet sich am Tag zuvor im „Deutschen Volksblatt“ [vgl. ‒r.: „Die Büchse der Pandora.“ (Erstaufführung in Wien am 29. Mai 1905.) In: Deutsches Volksblatt, Jg. 27, Nr. 5893, 30.5.1905, Morgen-Ausgabe, S. 1f.] – beide Wedekinds Tragödie ablehnend; nicht so im „Berliner Tageblatt“, dessen Wiener Korrespondent lobende Worte fand [vgl. Eine Aufführung von Wedekinds „Büchse der Pandora“ in Wien. In: Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 275, 31.5.1905, Morgenblatt, 1. Beiblatt, S. (2)]. Diese drei Besprechungen und eine weitere Rezension – am 4.6.1905 im „Neuen Pester Journal“ – hat Karl Kraus nachgewiesen und aus den Artikeln zitiert [vgl. Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 17f.]. Karl Kraus meinte allerdings über die Presseresonanz der Premiere: „Die Wiener Groß-Presse hat ein Ereignis, das in literarischer, theatralischer und gesellschaftlicher Beziehung wohl die stärkste ‚Sensation‘ war, die sich seit langem auf einer deutschen Bühne abgespielt hat, glattweg unterschlagen.“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 183/184, 4.7.1905, S. 45] über die Aufführung zu Gesicht bekommen. Und doch wünschte ich so sehr daß Dir Deine herrliche Leistung an jenem Abend zum Glück gereichen möchte. Ich kann mich auch gar nicht in den Gedanken finden, daß wir uns zum | ersten und letzten Mal gesehen haben sollten. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen die höchsten künstlerischen Erfolge und Triumphe, die einem Menschenkinde beschieden sein können.

Und nachdem ich Dir so tief verschuldet, wage ich nun sogar noch eine Bitte. Aber mißversteh mich darin nicht. Ich gehe nicht darauf aus, Kunst-Trophäen zu sammeln. Ich habe noch kaum eine Künstlerin um dieses Geschenk gebeten. Es thäte mir aber un|lichSchreibversehen, statt: unendlich. weh, Dein süßes Bild, wie Du im zweiten Akt erschienst, mit der Zeit aus dem Gedächtnis verlieren zu müssen. Hast Du nicht vielleicht eine AufnahmeEine Fotografie, auf der Tilly Newes das genannte Kleid im 2. Akt der „Büchse der Pandora“ trägt, ist überliefert; Bildunterschrift: „Tilly Newes als Lulu / Büchse der Pandora II. Wien 1905“ [Kutscher 2, vor S. 161]. von Dir in dem KleideLulu im 2. Akt der „Büchse der Pandora“ (1903) „trägt eine weiße Directoirerobe mit mächtigen Puffärmeln und einer vom oberen Taillensaum frei auf die Füße fallenden weißen Spitze; die Arme in weißen Glacés, das Haar hochfrisiert mit einem kleinen weißen Federbusch.“ [KSA 3/I, S. 497] das du im zweiten Akt trugst? Wenn Du eines hast, dann weißt Du, wenn wen Du sehr glücklich damit machen könntest. – – Ich bitte Dich, IhnAnspielung auf den Schriftsteller Paul Eger, den „damaligen Liebhaber“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 39] oder Verlobten von Tilly Newes. aufs beste von mir zu grüßen. Die Gefühle des Neides kommen nicht auf. Dazu habe ich Dich zu lieb. Dafür bleibe ich aber auf ewig
in Dankbarkeit ergeben
Dein Bewundrer und Verehrer
Frank Wedekind.


München, Franz Josefstraße 42.

4.VI 5.

Einzelstellenkommentare

Wien, 7. Juni 1905 - 12. Juni 1905
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Mittwoch. 7./VI.


Lieber Herr Frank Wedekind! ich danke Ihnen sehr für Ihren lieben Briefvgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind [hier noch: Newes], 4.6.1905., auf den ich natürlich furchtbar stolz bin. Mir war auch sehr leid, dass niemandBesprechungen der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ am 29.5.1905 waren zwar spärlich, aber Karl Kraus hat vier Rezensionen – am 30.5.1905 im „Deutschen Volksblatt“, am 31.5.1905 im „Wiener Deutschen Tagblatt“ und im „Berliner Tageblatt“, am 4.6.1905 im „Neuen Pester Journal“ – nachgewiesen [vgl. Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 28]. über die Vorstellung geschrieben hat. Deshalb bleibt es mir aber doch ein unvergesslicher Abend. – | Um länger hier bleiben zu können, erzählte ich meinen Verwandten von einer 2ten VorstellungDie zweite (wiederum geschlossene) Vorstellung der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ fand am 15.6.1905 statt (ein Donnerstag), der genaue Termin wurde aber erst nach dem 11.6.1905 festgelegt, wie der „Fackel“ vom 9.6.1905 zu entnehmen ist, in der Karl Kraus den Vorverkauf annoncierte: „Eine Wiederholung der ‚Büchse der Pandora‘ vor geladenen Gästen wird zwischen 14. und 17. Juni stattfinden, wenn es gelingt, ihr die Mitwirkung aller jener Kräfte zu sichern, die an der ersten Vorstellung beteiligt waren und von denen manche sich zur Zeit außerhalb Wiens aufhalten. [...] Alle jene, die die Vorstellung, in der der Dichter wieder selbst auftreten wird, zu sehen wünschen, werden ersucht, bis zum 11. Juni dem Verlag der ‚Fackel‘ [...] bekanntzugeben, daß und zu welchem Preise sie (auf Namen lautende) Eintrittskarten zu beziehen wüschen [...]. Nach dem 11. Juni erfolgt dann eventuell die Einladung, bezw. die Billetausgabe.“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 182, 9.6.1905, S. 28] Wedekind hat auf den vorliegenden Brief von Tilly Newes dieses Datum 11.6.1905 notiert. u. nun sagt mir Carl KrausTilly Newes in Wien wurde von Karl Kraus mündlich informiert; der Herausgeber der „Fackel“ hatte Wedekind bereits zu einer zweiten Vorstellung der von ihm veranstalteten Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ eingeladen, wie aus Wedekinds Reaktion auf die „Einladung“ hervorgeht: „Das ist ja ausgezeichnet“ [Wedekind an Karl Kraus, 5.6.1905]., dass tatsächlich eine stattfinden soll. den
12./VI.der 12.6.1905 (Montag), das zweite Schreibdatum [vgl. Vinçon 2018, Bd. 2, S. 9].
Was mögen Sie wohl schon von mir denken? Ich war nämlich gräßlich erkältet u. lag im Bett. „ErPaul Eger, der Geliebte oder Verlobte von Tilly Newes.schickte mir seinen Freund der Doktor istnicht identifiziert. u. machte mir | täglich auch einen Besuch. Das war allerdings wunderhübsch, hat die Erholung aber nicht gerade beschleunigt. Nun also Donnerstag ist’sder 15.6.1905; der Termin der zweiten Vorstellung der „Büchse der Pandora“ in Wien, der nun feststand (siehe oben).! Ich freu’ mich sehr u. finde es sehr, sehr nett, dass ich Sie sobald wiedersehen kann. Ich werde mich auch für Sie in dem Kleid photographierenTilly Newes ließ sich dann, wie von Wedekind in seinem Brief an sie vom 4.6.1905 gewünscht (siehe oben), in dem Rollenkostüm fotografieren, das sie im 2. Akt der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ trug, allerdings erst einige Monate später. Das Foto ist überliefert; Bildunterschrift: „Tilly Newes als Lulu / Büchse der Pandora II. Wien 1905“ [Kutscher 2, vor S. 161]. | lassen, schon um Ihnen zu beweisen wie sehr symphatischSchreibversehen, statt: sympathisch. Sie mir sind.

Wie lang sind Sie da?Wedekinds Tagebuch zufolge reiste er am 13.6.1905 von München ab („Abends Abfahrt nach Wien“), kam am 14.6.1905 in Wien an, traf seine Verlobte Berthe Marie Denk, besuchte mit Karl Kraus den Maler Carl Leopold Hollitzer, der das Porträt von Tilly Newes als Lulu im Pierrot-Kostüm für die Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ gemalt hat, das Wedekind bei dem Besuch besichtigte, hatte dann die Generalprobe für die zweite Vorstellung seiner Tragödie und war anschließend mit Berthe Marie Denk zusammen („Ankunft in Wien. Ich wohne bei Karl Kraus. Spazierfahrt mit Bertha Denk nach Kloster Neuburg. Besuch mit Kraus bei Kunstmaler Holitzer. Tilly Newes [ihr Name in hebräischen Buchstaben geschrieben] im Pierrotkostüm. Generalprobe. Wir nachtmahlen mit Bertha Denk im Volksgarten“), hatte am 15.6.1905 die zweite „Büchse der Pandora“-Vorstellung mit anschließendem Bankett („Berthe Denk weckt mich. Adele Sandrock hat sich von gestern auf heute verlobt und will nicht spielen. Albert Heine, Kraus und ich dinieren im Volksgarten. [...] Vorstellung. Ich spiele zum zweiten Mal Jack. Banket im Hotel Continental“) und reiste am 16.6.1905 nach München zurück („Besuch bei Bertha Denk. Wir diniren im Volksgarten. Im Café Museum treffe ich Kraus und Gustav Meyrinck. Kraus begleitet mich zur Bahn. Rückfahrt nach München“). Hoffentlich kann man ein paar gemütliche Stunden zusammen verbringen. „Erdankt für die GrüßeWedekind hat Paul Eger in seinem Brief an Tilly Newes vom 4.6.1905 (siehe oben) Grüße bestellt. u. erwiedertSchreibversehen, statt: erwidert. sie auf’s Herzlichste. Nun adieu lieber Wedekind, auf frohes Wiedersehn!

Ihre Tilly Newes

Einzelstellenkommentare

München, 14. August 1905 (Montag)
von Wedekind, Tilly und Eger, Paul
an Wedekind, Frank

Postkarte


München
Franz-Josefstraße 42
Herrn Frank Wedekind |


GRUSS AUS DER KUNST- UND BIERSTADT MÜNCHEN


14./VIII. Die herzlichsten Grüße auf der DurchreiseTilly Newes war in München auf der Durchreise nach Frankfurt am Main, wo sie am Residenztheater (Direktion: Otto Ploecker-Eckardt), das am 2.9.1905 eröffnet werden sollte, eine Engagement als Schauspielerin anzutreten im Begriff war [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 378]. Ihr Geliebter oder Verlobter Dr. phil. Paul Eger – in Wien gerade mit der Dissertation „Die Buchillustration im Zeitalter der deutschen Klassiker“ (1905) promoviert – blieb in München, wie sich Tilly Wedekind erinnerte: „Auf der Weiterreise vermißte ich Paul“ [Wedekind 1969, S. 50]; im Frühjahr ist Paul Egers Stück „Operette. Szenen aus dem Leben einer Schauspielerin“ (1905) erschienen und er arbeitete nun an „Mandragola. Eine Komödie in drei Akten. Nach dem Stoffe eines alten Lustspiels des Macchiavell“ (1906), eine Ehebruchskomödie, die am 31.10.1906 am Münchner Schauspielhaus uraufgeführt wurde. senden
Tilly u. Paul E.Paul Eger hat die Bildpostkarte nach Tilly Newes unterschrieben – das betonte Tilly Wedekind in ihren Erinnerungen: „Ich schrieb eine Ansichtskarte an Frank Wedekind, München, Franz-Joseph-Straße 42, und Paul unterschrieb, wohl mit einer gewissen Genugtuung“ [Wedekind 1969, S. 50].

Einzelstellenkommentare

Frankfurt am Main, 28. August 1905 (Montag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

München
Franz-Josefstrasse 42
Herrn Frank Wedekind |


Abs: Tilly Newes (Niemann„Schauspielername Tillys“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 42]. Tilly Wedekind erinnerte sich, sie habe sich „eine Zeitlang ‚Niemann‘“ [Wedekind 1969, S. 32] genannt.)
Frankfurt a./M.
Scharnhorststrasse 14 III. |


Frankfurt a/M.

Montag. 28.der 28.8.1905.


Lieber Frank Wedekind!

Eben wurde ich durch den „Schweinebraten“ in der Zeitung„Schweinebraten“ in der Zeitung] Wedekind konstatierte am 3.8.1905: „Männerstolz vor Schweinebraten steht in der Zeitung“ [Tb] – das war „aprosdoketisch formuliert nach Friedrich Schillers ‚Männerstolz vor Königsthronen‘ in dessen Ode ‚An die Freude‘“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 41]. Die Pressemeldung lautete: „Einen etwas merkwürdigen Titel, so schreibt man uns aus München, führt Frank Wedekinds neueste dreiaktige Komödie, die in der Münchener Gesellschaft spielt. Das absonderliche Stück heißt: ‚Männerstolz vor Schweinebraten‘ und kommt womöglich noch in diesem Spieljahre auf die Bühne. Wohl wieder einmal ein urechter Wedekind!“ [Neues Wiener Abendblatt, Jg. 39, Nr. 211, 2.8.1905, S. 4; vgl. Eine neue Komödie von Frank Wedekind. In: Die Zeit, Jg. 4, Nr. 1024, 2.8.1905, Abendblatt, S. 3] Daraufhin wurde gemeldet: „Frank Wedekind hat eine neue dreiaktige Komödie, die in der Münchener Gesellschaft spielt, vollendet. Das Stück hat, wie dem ‚N. W. Tgbl.‘ geschrieben wird, den merkwürdigen Titel: ‚Männerstolz vor Schweinebraten‘!“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 58, Nr. 360, 4.8.1905, Vorabendblatt, S. 2; vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 393, 4.8.1905, Abend-Ausgabe, S. (2); Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 363, 5.8.1905, Morgen-Ausgabe, S. 6; Berliner Volks-Zeitung, Jg. 53, Nr. 363, 5.8.1905, Morgenblatt, S. (3); Leipziger Tageblatt, Jg. 99, Nr. 395, 5.8.1905, Abend-Ausgabe, S. 5; „Männerstolz vor Schweinebraten.“ In: Dresdner Neueste Nachrichten, Jg. 13, Nr. 210, 5.8.1905, S. 2; 6.8.1905, Altonaer Nachrichten, Jg. 56, Nr. 365, 6.8.1905, Morgen-Ausgabe, S. (2)] Dann hieß es: „Frank Wedekind teilt uns mit, daß die Nachricht, er habe ein neues Stück vollendet (‚Männerstolz vor Schweinebraten‘) sowie alle daran geknüpften Erörterungen in hiesigen und auswärtigen Blättern auf unkontrollierbaren Stammtisch-Klatsch zurückzuführen sind.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 58, Nr. 398, 27.8.1905, S. 2] Die Presse hatte offenbar eine Satire auf Max Halbe dahinter vermutet: „Frank Wedekinds neues Drama: ‚Männerstolz vor Schweinebraten‘ soll die Lebensverhältnisse eines bekannten, in München wohnenden Theaterschriftstellers mit beißender Ironie darstellen. Von anderer Seite wird freilich die Ansicht vertreten, daß es sich bei der über Wien lancierten Ankündigung des seltsam betitelten Dramas nur um einen Schreckschuß gegen jenen anderen Münchner Dramatiker handle.“ [Das Stück mit dem seltsamen Titel. In: Dresdner Nachrichten, Nr. 234, 24.8.1905, S. (4)] Tilly Wedekind erinnerte sich: „In der Zeitung hatte ich gelesen [...], Frank Wedekind schriebe ein neues Stück mit dem Titel ‚Männerstolz vor Schweinebraten‘. Erst später erfuhr ich, was es mit diesem seltsamen Titel auf sich hatte und daß die Notiz zur schon sprichwörtlich gewordenen streitbaren Freundschaft zwischen Wedekind und dem Dichter Max Halbe gehörte. Ich schrieb nun gleich einen Brief an Wedekind und nahm auf die Zeitungsnotiz Bezug“ [Wedekind 1969, S, 51]. lebhaft an Sie erinnert! Also in Berlin werden Sie wieder selbst spielenTilly Newes dürfte in der Presse gelesen haben, Wedekind werde demnächst in Berlin auftreten: „Das Kleine Theater unter der Direktion Viktor Barnowskys wird die Reihe seiner Novitäten [...] am 21. September mit dem Schauspiel ‚Hidalla‘ von Frank Wedekind eröffnen. Die Darstellung der Hauptrolle hat Wedekind selbst übernommen.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 435, 27.8.1905, Sonntags-Ausgabe, S. (2)], | oh verflucht, dass man nicht in Berlin sein kann! Am Liebsten käm’ ich hin.

Was man von Ihnen alles hört, Sie sind verlobtAnspielung auf Berthe Marie Denk; ihr hatte Wedekind seinen in der „Fackel“ von Karl Kraus erstveröffentlichten Einakter „Totentanz“ zugeeignet: „Meiner Braut in innigster Liebe gewidmet.“ [Frank Wedekind: Totentanz. Drei Szenen. In: Die Fackel, Jg. 7, Nr. 183/184, 4.7.1905, S. 1] Wedekind hatte ihr außerdem in der Sammlung „Die vier Jahreszeiten“ (1905) ein Gedicht gewidmet: „An Berta Maria, Typus Gräfin Potocka“ [KSA 1/I, S. 639; vgl. KSA 1/I, S. 910-913]. Sehen Sie, aus Empörung, dass sich | so interessante Menschen verloben, gieng ich hin u. tat desgleichen. Ja, ja, dazu geht man nach Graz zu seinen Eltern.

Er ist ein Serbe„Fiktion Tillys“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 42]., weiß riesig viel, u. ist auch sonst sehr nett. | Ja, das hätte ich in Wien nicht gedacht. Sie denken wohl, wieso dann die glückselige Karte von Münchenvgl. Tilly Wedekind [hier noch: Newes] und Paul Eger an Frank Wedekind, 14.8.1905.?! (Sie haben doch die Karte erhalten von Paul u. mir aus München.) Paul liebt mich | eben u. der andre liebt u. heiratet mich. Ich sage Ihnen das Wiedersehen war wunderschön. Wir waren am Wolfgangsee in Salzburg u. München. In München hielt ich mich nur Sonntag u. Montagder 13. und 14.8.1905. auf u. war mir sehr leid | dass ich Sie nicht aufsuchen konnte. Was ist mit Ihrer Frankfurter ReiseWedekind war erst im Jahr darauf vom 19. bis 21.2.1906 auf einer Vortragsreise in Frankfurt am Main [vgl. Tb]., von der Sie mal in Wien sprachen? Hier lass’ ich mich sicher für Sie photographierenWedekind hat Tilly Newes um ein Foto von ihr im Rollenkostüm der Lulu aus der Wiener Inszenierung der „Büchse der Pandora“ gebeten [vgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 4.6.1905] und sie hat ein solches Foto zugesagt [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 7.6.1905 bis 12.6.1905]., u. wenn Sie anirrtümlich nicht gestrichen. die Zeit der „Büchse der Pandorain WienWedekind war zunächst zu der von Karl Kraus organisierten Wiener Premiere seiner Tragödie „Die Büchse der Pandora“ (29.5.1905), in der Tilly Newes die Lulu und er die Rolle des Jack spielte, vom 27. bis 30.5.1905 in Wien gewesen, dann zur zweiten Vorstellung (15.6.1905) nochmals vom 14. bis 16.6.1905 [vgl. Tb]. noch nicht ganz vergessen haben, senden Sie mir auch bitte, das Ihre! Herzlichsten Gruß Tilly Newes

Einzelstellenkommentare

Frankfurt am Main, 16. September 1905 (Samstag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

16./IX. Samstag.


Lieber Herr Wedekind!

Gar nicht nett find’ ich das von Ihnen, dass Sie sich gar nicht mehr um mich bekümmern! Ich sage mir wohl, dass Sie sicher mit der Aufführung von „Hidalla“ (?) viel zu tun haben, aber wenn Sie wollten, hätten Sie sicher Zeit mir einen Karten Gruß zu senden. Nun in vier Tagenam 20.9.1905; angekündigt war die Berliner Premiere von „Hidalla“ am Kleinen Theater allerdings für den 21.9.1905: „Das Kleine Theater unter der Direktion Viktor Barnowskys wird die Reihe seiner Novitäten [...] am 21. September mit dem Schauspiel ‚Hidalla‘ von Frank Wedekind eröffnen. Die Darstellung der Hauptrolle hat Wedekind selbst übernommen.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 435, 27.8.1905, Sonntags-Ausgabe, S. (2)] ist’s ja. Ich bin sehr gespannt, will mir auch das Buchdie Erstausgabe von Wedekinds fünfaktigem Schauspiel „Hidalla oder Sein und Haben“ (1904), erschienen im Verlag Dr. J. Marchlewski und Co. in München [vgl. KSA 6, S. 386]. kaufen. Ich werde an Sie denken den Abend!! | Abgesehen davon, dass Sie mir sehr sympatischSchreibversehen, statt: sympathisch. sind, verfolge ich heut einen ganz bestimmten Zweck mit meinem Brief. Mein DirectorTilly Newes hatte als Schauspielerin ein Engagement am Residenztheater in Frankfurt am Main unter der Direktion von Otto Ploecker-Eckardt, der dieses Theater (das bisherige Orpheum-Theater) neu gegründet und am 2.9.1905 eröffnet hatte [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 378]., Plöcker-Eckardt, hat mir nämlich heut erzählt, dass er in Berlin mit Dir. BarnowskyVictor Barnowsky war Direktor und Oberregisseur am Kleinen Theater in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 277]; er hatte die Direktion des Kleinen Theaters zum 1.9.1905 von Max Reinhardt übernommen. gesprochen hat. Dieser wollte mich eventuell einige Zeit im Winter in Berlin haben, für eine Aufführung der „BüchseEine Aufführung von Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ (1903) am Kleinen Theater in Berlin kam nicht zustande.. Plöcker würde mich auch frei geben. Nun können Sie sich denken, wie sehr ich das wünsche, damit kann ich mich überhaupt machenim Sinn von: kann aus mir etwas werden.. Barnowsky selbst kann ich mich | aber wohl nicht direct antragen, u. so wende ich mich an Sie.

Den reizenden Briefvgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind [hier noch: Newes], 4.6.1905., den Sie mir damals schrieben, hab’ ich mir aufgehoben. Es tat Ihnen damals leid, dass mir die Aufführung nicht gleich ein gutes Engagement eintrug; nun wäre es vielleicht doch noch entscheidend für meine Carriere. In wie fern, u. wie weit Sie mir nützen können, werden Sie selbst am Besten wissen, u. überlasse ich Ihnen das vollständig. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, lieber Wedekind! |

Wie schön wäre es, in Berlin zu spielen, u. welch’ herrliche Gelegenheit Sie wiederzusehen!

Mein BildTilly Newes hat im vorangehenden Brief ein Foto von sich angekündigt [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 28.8.1905], das lange versprochen war – Wedekind hat sie wenige Tage nach der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ um ein Foto von ihr im Rollenkostüm der Lulu gebeten [vgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 4.6.1905] und sie hat ein solches Foto zugesagt [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 7.6.1905 bis 12.6.1905]. wird nächste Woche fertig, schicke es dann nach Berlin. Wenn man Ihnen an’s kleine TheaterAdresse des Kleinen Theaters in Berlin (Direktion: Victor Barnowsky): Unter den Linden 44. Wedekind war seit dem 8.9.1905 in Berlin, wie er im Tagebuch festhielt („fahre [...] nach Berlin. Gehe ins Kleine Theater“), um im Kleinen Theater an den Proben für „Hidalla“ teilzunehmen, so am 9.9.1905 („Um 10 Uhr Probe“), 12.9.1905 („Um 10 Uhr Probe“), 16.9.1905 („Probe von 11-3“) und am 19.9.1905 als nächstem Probentermin („Um 10 Uhr Probe“) – er spielte die Rolle des Karl Hetmann, Regie führte Victor Barnowsky. schreibt, genügt doch?!

Hier giebt es auch einige ganz nette Leute, es lässt sich auch in Frankfurt leben. Gestern machten wir einen herrlichen Spazierritt nach Isenburg.

Wollen Sie mir zum Zeichen, dass Sie an mich denken, eine Karte schreiben?

Ihre LuluTilly Newes hat in der von Karl Kraus organisierten Inszenierung von Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ in Wien (gespielt in geschlossenen Vorstellungen am 29.5.1905 und 15.6.1905) die Hauptrolle der Lulu gespielt – hier haben sie und Wedekind sich kennengelernt.

Tilly Niemann (Newes) Residenztheater

Einzelstellenkommentare

Berlin, 18. September 1905 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

Kartenbrief


An
Fräulein Tilly Niemann
in Frankfurt a/M.
Wohnung (Straße und Hausnummer) Residenztheater |


Absender: Wedekind
Berlin, Schiffbauerdamm 6 III. |


Meine liebe Tilly, ich hatte schon sicher gehofft, Dich hier zu treffen, da ich Dich Barnowsky so eindringlich angepriesenVictor Barnowsky hatte von Wedekind ein Urteil über Tilly Newes erbeten [vgl. Victor Barnowsky an Wedekind, 1.8.1905]; Wedekind antwortete sofort [vgl. Wedekind an Victor Barnowsky, 2.8.1905] und der künftige Direktor des Kleinen Theaters in Berlin bedankte sich für die Auskunft [vgl. Victor Barnowsky an Wedekind, 5.8.1905]. Tilly Wedekind fasste die Briefäußerung im Rückblick so zusammen: „Er habe schon versucht, schrieb Wedekind, Barnowsky für mich zu interessieren, und er werde ihn aufs neue bearbeiten.“ [Wedekind 1969, S. 51] hatte wie man jemanden anpreisen kann. Er hatte aber Hidalla schon besetztDie Presse meldete zur Rollenbesetzung der Berliner „Hidalla“-Premiere: „Im Kleinen Theater gelangt am Donnerstag, den 21. d.M., als erste der vom Director Barnowsky erworbenen Novitäten das fünfactige Schauspiel ‚Hidalla‘ von Frank Wedekind zur Aufführung. Die Hauptrolle (Karl Hetmann) spielt Wedekind selbst. Neben ihm sind in hervorragenden Rollen Gertrud Arnold, Ilka Grüning, Rudolf Klein-Rohden, Julius Geisendörfer, Hans Kuhnert, Edgar Licho und Erich Walter an der Darstellung betheiligt. Das Stück wird von Victor Barnowsky in Scene gesetzt.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 439, 19.9.1905, Morgen-Ausgabe, S. 8] Tilly Newes hatte an der Rolle der Fanny Kettler Interesse, die mit Gertrud Arnold besetzt war.. Jetzt aber scheint alles in Ordnung zu sein. Wenige Tage nach der Premiere wird Barnowsky in Frankfurt sein um Dich zu sehen. Hoffentlich bringt er Dich gleich mit. |

Ich danke Dir herzlich für Deine beiden lieben Briefevgl. Tilly Wedekind [hier noch: Newes] an Frank Wedekind, 28.8.1905 und 16.9.1905. und gratuliere Dir zu Deiner Verlobung mit dem SerbenTilly Newes hat eine solche Verlobung (mit einer erfundenen Person) in ihrem vorletzten Brief behauptet [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 28.8.1905]., der Dich nicht nur liebt, sondern auch heiraten wird. Hat er denn auch Geld um dem schönen Kleinod die richtige Fassung zu geben? – Verzeih mir die Kürze meiner Antwort, aber zu HauseWedekind hat die Berliner Wohnung Schiffbauerdamm 6 (3. Stock) am 9.9.1905 bezogen: „Darauf miethe ich mich Schiffbauerdamm No 6 ein.“ [Tb] kann ich nicht schreiben und möchte Dich nicht noch länger warten lassen. Auf baldiges Wiedersehn! Ich küsse das Heiligthum.
Frank.

Einzelstellenkommentare

Frankfurt am Main, 23. September 1905 (Samstag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Sonnabendder 23.9.1905 (Samstag)..


Lieber Wedekind,

hier bin ichTilly Newes dürfte das von Wedekind vor Monaten erbetene Foto [vgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 4.6.1905] ihrem Brief beigelegt haben, das sie im Rollenkostüm der Lulu aus dem 2. Akt der „Büchse der Pandora“ zeigt. Es ist überliefert; Bildunterschrift: „Tilly Newes als Lulu / Büchse der Pandora II. Wien 1905“ [Kutscher 2, vor S. 161]., wie versprochen. Hidalla ist verschoben? Die Berliner Premiere von „Hidalla“ im Kleinen Theater unter der Regie von Victor Barnowsky mit Wedekind in der Rolle des Karl Hetmann war für den 21.9.1905 (Donnerstag) angesetzt gewesen, wurde dann aber verschoben, wie Wedekind bereits am 19.9.1905 notierte: „Hidalla wird verschoben“ [Tb]. Die Presse meldete: „Die auf Donnerstag angesetzte Erstaufführung von ‚Hidalla‘ im Kleinen Theater mußte bis nächsten Dienstag, 26. ds., verschoben werden, da Frank Wedekind, der bekanntlich selbst die Hauptrolle in seinem Stücke spielt, in einer dringenden Proceßangelegenheit nach München abberufen wurde.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 441, 20.9.1905, Morgen-Ausgabe, S. 7] Wedekind ist nicht nach München gefahren. Die Berliner Premiere seines Schauspiels fand dann wie gemeldet am 26.9.1905 (Dienstag) statt und Wedekind hielt fest: „Hidalla Premiere in Berlin. Spiele zum 29. Mal Hetmann“ [Tb].Wie ich höre, soll es Dienstagder 26.9.1905; abends die „Hidalla“-Premiere im Kleinen Theater in Berlin (siehe oben). sein. Wollen Sie mich, bitte, mit einer Karte verständigen, wann Barnowsky sp kommt?! Ich soll dann nämlich Angele von Hartleben spielenTilly Newes sollte die Titelrolle in Otto Erich Hartlebens Komödie „Angele“ (1891) spielen, die seit dem Frühjahr (Premiere: 4.2.1905) auf dem Spielplan des Kleinen Theaters in Berlin stand und aktuell gespielt wurde. Tilly Wedekind erinnerte sich daran, die Rolle gespielt zu haben [vgl. Wedekind 1969, S. 55].. Am Besten wär’ es Sonntag 1./X.der 1.10.1905 (Sonntag). Victor Barnowsky hat Tilly Newes dann am 13.10.1905 in Frankfurt am Main aufgesucht [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 13.10.1905]. Nachmittag. | Schreiben Sie mir’s doch sicher, lieber Wedekind, weil ich sonst gar nichts GescheidtesSchreibversehen, statt: Gescheites. spiele. Und vergessen Sie auch nicht, mir Ihr BildTilly Newes hat Wedekind vor einigen Wochen um ein Foto von ihm gebeten [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 28.8.1905]. zu schenken.

Herzlichst
Ihre
Tilly N.


Ihr Briefvgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind [hier noch: Newes], 18.9.1905. hat mich unendlich gefreut. Vielen, vielen Dank!

Einzelstellenkommentare

Frankfurt am Main, 29. September 1905 (Freitag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Freitagder 29.9.1905..


Lieber Wedekind!

In aller Eile meinen herzlichsten Glückwunsch zu „Hidalla’sDie Premiere von Wedekinds Schauspiel „Hidalla“ am 26.9.1905 im Kleinen Theater in Berlin unter der Regie von Victor Barnowsky mit Wedekind in der Rolle des Karl Hetmann wurde von der Theaterkritik sowie vor allem vom Publikum durchaus mit Beifall aufgenommen [vgl. KSA 6, S. 537, 551-562]. „Was in Berlin an Theaterkritikern Rang und Namen hatte, schrieb darüber.“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 43]Erfolg!! Ich verschlang gestern schon die Berliner Blätter. Da ich jedoch | TILLY NIEMANN (Newes) umgezogenTilly Newes ist in Frankfurt am Main von der Scharnhorststraße 14 (3. Stock) [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 28.8.1905] in die Diesterwegstraße 14 (2. Stock) umgezogen [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 3.10.1905]. bin u. ausserdem drei neue Rollennicht ermittelt. Tilly Wedekind erinnerte sich, sie habe im Frankfurter Residenztheater „Rollen in französischen Lustspielen“ [Wedekind 1969, S. 51] gespielt. vor mir habe, kann ich mich nur zu dieser Karte aufschwingen. Sie wissen wie’s gemeint ist!

Herzlichst Ihre ./.‚gegen‘ ‒ dies bedeutet üblicherweise der Schrägstrich in Verbindung mit zwei Punkten, hier wohl im Sinne eines Gedankenstrichs oder als Signal für: bitte wenden.


[Kuvert:]


Berlin N.W.
Schiffbauerdamm 6 III.
Herrn Frank Wedekind |


Abs: T.N.
Frankfurt a./M.
Residenztheater

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Berlin, 1. Oktober 1905 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

Liebe schöne Tilly!

ich danke vor allen Dingen für das schöne BildWedekind hat inzwischen das lange erwartete Foto erhalten, das Tilly Newes ihm vor einigen Tagen geschickt hat [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 23.9.1905]; es zeigt sie im Rollenkostüm der Lulu aus dem 2. Akt der „Büchse der Pandora“ und ist überliefert; Bildunterschrift: „Tilly Newes als Lulu / Büchse der Pandora II. Wien 1905“ [Kutscher 2, vor S. 161].. Gestern sagte mir Barnowsky, es sei an Dich telegraphiert worden. Ich möchte nun nicht gerne, daß jemand erfährt, daß wir in | CorespondenzSchreibversehen, statt: Correspondenz. stehen weil daß/s/ die baldige Erfüllung unserer Wünsche nur beeinträchtigen könnte. Ich rede Barnowsky jeden TagWedekind dürfte Victor Barnowsky, den Direktor des Kleinen Theaters in Berlin, fast täglich gesehen haben, da fast jeden Abend im Kleinen Theater „Hidalla“-Vorstellungen stattfanden (Premiere: 26.9.1905) und Wedekind als Karl Hetmann auf der Bühne stand [vgl. Tb]. zu, Dich zu engagieren und ich hoffe auch daß er bald Ernst macht. Vielleicht hängt seine Entscheidung von übermorgen, Dienstagder 3.10.1905; Zusammenhang nicht ermittelt., ab. | Ich selber kann mir nichts sehnlicher wünschen als Dich für Hidalla hier zu habenWunsch, Tilly Newes möge in „Hidalla“ die Rolle der Fanny Kettler spielen, die allerdings aktuell mit Gertrud Arnold besetzt war.. Das sage ich ihm auch jeden Tag und preise ihm Deine sonstige künstlerischen Ve/o/rwendbarkeit/züge/. Daß ich auch sonst noch von Dir entzückt bin darf er natürlich nicht ahnen, da das meine Fürsprache entwerthen würde. Dir selber | wird es ja auch wol ziemlich gleichgültig sein, da Dein Herz ohnehin so reich bevölkert ist. Übrigens ist es nicht Eifersucht, was aus diesen Worten spricht. Im Gegentheil! Ich werde mich unter allen Umständen immer Deines Glückes freuen.

Mit herzlichstem Gruße
Frank Wedekind.


Berlin 1.10.5.

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Frankfurt am Main, 3. Oktober 1905 (Dienstag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Dienstagder 3.10.1905..


Lieber Wedekind,

Ihren Briefvgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind [hier noch: Newes], 1.10.1905. erhielt ich heute schon offen. Er wurde aus Versehen im BureauxSchreibversehen, statt: Bureau. ‒ Mitarbeiter im Büro das Frankfurter Residenztheaters (Neue Zeil 80/82) [vgl. Adreßbuch für Frankfurt am Main 1906, Teil I, S. 284] waren der Bürochef Josef Darmer, der Sekretär Gustav Josephson und der Bürogehilfe Georg Spohr [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 379], der den Brief Wedekinds geöffnet haben dürfte. geöffnet. Man behauptet, ihn nicht gelesen zu haben. Hoffentlich stimmt das, es wäre sehr unangenehm sonst.

Wollen Sie mir lieber an meine privat Adresse schreiben, jetzt: Sachsenhausen, Diesterwegstrasse 14II. Erst heute abend erhielt ich Barnowsky’s | Telegrammnicht überliefert.. „Wann ich günstigten’sSchreibversehen, statt: günstigsten. Falles frei kommen könnte.“

Ich werde morgen telegraphieren. Plöcker sagt sicher vom 16. Jänner abab dem 16.1.1906. Otto Ploecker-Eckardt, Direktor des am 2.9.1905 eröffneten Residenztheaters in Frankfurt am Main, hatte Tilly Newes zum Beginn der Spielzeit am 1.9.1905 als Schauspielerin engagiert, die eigentlich bis zum 1.7.1906 lief [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 378]., aber ich bin sicher, wenn Barn. mich früher haben will, kann ich auch eher loskommen. Er müsste nur einen bestimmten Termin nennen. Wenn doch die Sache schon sicher wäre!! Glauben Sie, dass mir alles andere gleichgültig ist?

Herzlichst Tilly

Einzelstellenkommentare

Frankfurt am Main, 13. Oktober 1905 (Freitag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Frankfurt, Freitagder 13.10.1905..


Lieber Wedekind,

heute war also Barnowsky hier. Er hat mich Nachmittag’s in meiner Wohnung aufgesucht. Er gefällt mir gut, hoffentlich gefalle ich ihm auch. Ich sprach ihm den ersten ActDer 1. Akt der „Büchse der Pandora“ (1903) spielt in der Villa des toten Dr. Schön, in dem sich Lulus Liebhaber vor ihrer Flucht nach Paris um sie versammeln [vgl. KSA 3/I, S. 479-496].Büchse“ vor, ich glaube das hat ihm sehr gefallen. Abends spielte ich eine ziemlich unbedeutende Rollenicht ermittelt; sie habe im Frankfurter Residenztheater, auf dessen Spielplan fast ausschließlich „Boulevardstücke und Lustspiele“ standen, wie Tilly Wedekind sich erinnerte, in einem „Stück von Oscar Wilde“ eine kleine Rolle gespielt, in der sie „hauptsächlich vom Wetter und von einer Verlobung zu reden hatte“, sowie „Rollen in französischen Lustspielen“ [Wedekind 1969, S. 50f.]., er wollte aber wohl hauptsächlich wissen, wie ich aussehe. |

Es wird ihm doch keinen unangenehmen Eindruck machen, weiln ich meine Mutter bei mir habeMathilde Newes hat ihre Tochter von Graz nach Frankfurt am Main begleitet, wie Tilly Wedekind sich erinnerte: „In das neue Engagement nach Frankfurt begleitete mich meine Mutter“ [Wedekind 1969, S. 49].?! Er wird sich wohl denken, dass ich „Muttern“ nicht überall hin mitnehme. Das gienge wohl auch nicht gut, meinen Sie nicht??

Er fürchtet, dass ich für die Fanny Kettlereine der Hauptfiguren in Wedekinds Schauspiel „Hidalla“ (1904), das am 26.9.1905 im Kleinen Theater in Berlin unter der Regie des Direktors Victor Barnowsky Premiere hatte, mit Gertrud Arnold in dieser Rolle. Tilly Newes trat erstmals am 27.10.1905 in der Rolle auf, wie Wedekind im Tagebuch notierte („Hidalla [...] Erstes Auftreten von Tilly Newes“), dann aber am 30.10.1905 nochmals Gertrud Arnold („Hidalla [...]. Letztes Auftreten von Gertrud Arnold“), die sich am 31.10.1905 vom Kleinen Theater verabschiedete („Abschiedsabend von Gertrud Arnold“). Tilly Wedekind erinnerte sich: „Wedekind hatte mich gleich am Anfang für die weibliche Hauptrolle haben wollen, war aber mit diesem Wunsch nicht durchgedrungen“; sie „übernahm“ dann aber doch „diese Rolle, die mir außerordentlich lag.“ [Wedekind 1969, S. 53f.] zu Mädchenhaft, zu wenig weiblich bin. Ach, bitte, beruhigen Sie ihn doch darüber! LuluHauptfigur in Wedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ (1903), die Tilly Newes in der Wiener Inszenierung gespielt (in geschlossenen Vorstellungen am 29.5.1905 und 15.6.1905) und Wedekind dadurch kennengelernt hat. braucht doch auch starke Weiblichkeit, u. ich glaube, das bet/s/itze ich | in hohem Maße, wenn ich auch sehr jung u. sehr schlank bin. Machen Sie ihm das doch begreiflich.

Leider scheint er doch zu ahnen, dass ich Ihnen, wie soll ich sagen, – auch sonst „sympatischSchreibversehen, statt: sympathisch.“ bin, auch macht er sich von der Fanny scheinbar eine andre Vorstellung wie Sie. Aber dies alles wird ihn hoffentlich nicht hindern, mich zu engagieren. Er will morgen | in Berlin mit meinem Director telephonisch sprechen, der leider in StraßburgOtto Ploecker-Eckardt war Direktor des Frankfurter Residenztheaters und zugleich Direktor des Uniontheaters in Straßburg [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 378]. ist u. wird mir dann telegraphieren.

Ich brauche Sie wohl nicht aufmerksam zu machen, von meinem Briefe zu schweigen; er wird ja wohl gleich selbst von mir sprechen, u. dann lieber Wedekind, beweisen Sie ihm möglichst unauffällig, dass ich genügend Weib bin, um die Fanny zu spielen. Ich möchte so gern. Aber jetzt, Lebwohl, es ist schon 1 Uhr! Herzlichst
Ihre Tilly

Einzelstellenkommentare

Frankfurt am Main, 16. Oktober 1905 (Montag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Berlin N.W.
Schiffbauerdamm 6 IIirrtümlich 2. Stock geschrieben; Wedekind wohnte im 3. Stock (Schiffbauerdamm 6)..
Herrn Frank Wedekind |


Lieber Wedekind,

Hurrah – nach Berlin!

Ich komme Mittwochder 18.10.1905. Wedekind notierte an diesem Tag: „Ankunft von Tilly Newes“ [Tb]. im Laufe des Tages, telegraphiereTilly Newes’ Telegramm an Victor Barnowsky, Direktor des Kleinen Theaters in Berlin, ist nicht überliefert. noch Barnowsky meine Ankunft. |

Ihre Tilly


Montagder 16.10.1905..

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Berlin, 23. Oktober 1905 (Montag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Lieber Wedekind, bitte kommen Sie lieber zu mir, es ist Ihnen doch alles eins u. mir ist es bequemer. Wir werden in meinem | TILLY NIEMANN Zimmer sicher nicht gestört.

Also auf Wiedersehn, um welche Zeit Sie wollen. ./.‚gegen‘ ‒ dies bedeutet üblicherweise der Schrägstrich in Verbindung mit zwei Punkten, hier wohl im Sinne eines Gedankenstrichs oder als Signal für: bitte wenden.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 2. November 1905 (Donnerstag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Du, die BillettsTheaterkarten für die Doppelvorstellung von Wedekinds Einakter „Der Kammersänger“ (1899) und Björnstjerne Björnsons Zweiakter „Die Neuvermählten“ (1865) am 2.11.1905 am Deutschen Theater in Berlin. Die Presse berichtete: „Im Deutschen Theater wurden gestern Björnsons ‚Neuvermählte‘ und Wedekinds ‚Kammersänger‘ in den Spielplan aufgenommen. Die vorgenommenen Neubesetzungen erwiesen sich als sehr glücklich, und besonders der Kammersänger von Paul Biensfeldt und die Helene Marowa in der Darstellung von Tilla Durieux fanden die verdiente Anerkennung.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 562, 3.11.1905, Abend-Ausgabe, S. (2)] Weitere Vorstellungen fanden am 6. und 8.11.1905 statt. die man uns geschickt hat, sind ja für Donnerstagder 2.11.1905.! Ich lege sie bei! Wenn Du mir was sagen lassen willst, ich | TILLY NEWES
ich warte solange.

Herzlichst ./.‚gegen‘ ‒ dies bedeutet üblicherweise der Schrägstrich in Verbindung mit zwei Punkten, hier wohl im Sinne eines Gedankenstrichs oder als Signal für: bitte wenden.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 15. November 1905 (Mittwoch)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

IduschkaIda Orloff – sie „wurde allgemein ‚Iduschka‘ genannt“ und war eine ihrer „besten Freundinnen“ [Wedekind 1969, S. 40], erinnerte sich Tilly Wedekind – hatte am 29.5.1905 in der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ die Rolle der Kadidja di Santa Croce gespielt [vgl. KSA 3/I, S. 548]; Frank Wedekind hat sie in diesem Zusammenhang kennengelernt. hatte leider schon ihrem BruderRudolf Weißbeck (Rudolf Siegler von Eberswald), k.k. Leutnant aus Wien, war zu Besuch bei seiner Schwester Ida Orloff in Berlin. versprochen in den WintergartenDer Wintergarten in Berlin (Dorotheenstraße 25-29) war ein 2.200 Personen fassendes Varietétheater [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Anhang: Wegweiser für die Reise, S. 51], Geschäftsführer: Max Winter und Eduard Elkan [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 2495], das gerade eine besondere Attraktion hatte, wie die Presse berichtete: „Im Wintergarten übt la belle Otéro, deren Name über die ganze Welt bekannt ist, einen fascinirenden Zauber aus. Mit echt südlichem Temperament und entzückender Grazie singt, tanzt und spielt die Spanierin.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 533, 12.11.1905, Morgen-Ausgabe, S. 6] Die als Ikone der europäischen Belle Époque berühmte spanische Tänzerin Agustina del Carmen Otero Iglesias – Künstlername: La Belle Otéro – stand auch am 15.11.1905 auf dem Programm. Während Tilly Newes im Kleinen Theater auf der Bühne stand (siehe unten), ging Wedekind allein in den Wintergarten, wie er am 15.11.1905 notierte: „Im Wintergarten treffe ich Albert Heine und Saufe mit ihm die ganze Nacht bei Habel Stallmann und im Lindenkasino.“ [Tb] Mit Tilly Newes besuchte er das Varietétheater dem Tagebuch zufolge dann am 23.11.1905 („Abends mit Tilli und Ihrer Mutter im Wintergarten“) und 15.12.1905 („Mit Tilly im Wintergarten“). zu gehen, also ist nichts für heute. Und ich habe ja ganz vergessen, dass heute GhettoTilly Newes spielte in dem Trauerspiel „Ghetto“ (1898, deutsch 1903) von Herman Heijermans, das am 11.11.1905 am Kleinen Theater in Berlin Premiere gehabt hatte, die Rolle der Rose, „das Christenmädchen, die weibliche Hauptrolle“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 46]; sie hatte ganz vergessen, dass am 15.11.1905 (Mittwoch) anstatt am 14.11.1905 (Dienstag) eine Vorstellung angesetzt war: „Im Kleinen Theater findet in Abänderung des Spielplanes die nächste Aufführung des Trauerspiels ‚Ghetto‘ von Heyermans am Mittwoch statt. Dienstag wird Wedekinds ‚Hidalla‘, mit dem Autor in der Hauptrolle, gegeben. Weitere Wiederholungen von ‚Ghetto‘ folgen am Donnerstag, Sonnabend, Sonntag Abend und nächsten Montag“ [Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 581, 14.11.1905, Morgen-Ausgabe, S. (3)]. Die Presse urteilte, „Tilli Niemann“ sei als Rose anfangs gut gewesen „im Offenbaren scheuer Befangenheit, verhaltener und gedämpfter Innigkeit des Gefühls. Später, als die Leidenschaft ihr Recht verlangte, wollten die Mittel der sympathischen Anfängerin noch nicht recht ausreichen“ [M.J. (= Monty Jacobs): Zum ersten Male: Ghetto, ein Trauerspiel in drei Aufzügen von Hermann Heyermans. In: Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 578, 12.11.1905, Sonntags-Ausgabe, S. (2)]. „Nur Tilli Niemann fand in der Rolle der armen gequälten christlichen Magd so schlichte Töne, die zum Herzen gingen.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 533, 12.11.1905, Morgen-Ausgabe, S. 7] „Tilli Niemann hob die undankbare Rolle des Dienstmädchens durch die schlicht sympathische Art ihrer Darstellung.“ [Unterhaltungsblatt des Vorwärts, Jg. 22, Nr. 222, 14.11.1905, S. 888] Wedekind hat die Premiere besucht und war anschließend mit Tilly Newes zusammen, wie er am 11.11.1905 notierte: „Abends Premiere von Ghetto. Nachher mit Tilly [...] bei Habel dann Stallmann. Tilli kommt zu mir, bleibt bis 7.“ [Tb] ist u. ich spiele! Hoffentlich findest Du diese Zeilen, damit Du nicht umsonst zu mir gehst.

Herzlichst Tilly

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Berlin, 29. November 1905 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

Liebe Tilli, ich bitte dich zu mir herüberTilly Newes wohnte in Berlin Mitte (NW 6) in der Pension von Marie Hönike (Albrechtstraße 11) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 897], Wedekind um die Ecke in der Pension Nolte (Schiffbauerdamm 6) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 1598]. zu kommen. Aber gleich.

Frank

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Berlin, 6. Dezember 1905 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

Mein liebes Kind,

ich hole Dich um 7 Uhrum 19 Uhr. Wedekind notierte am 6.12.1905: „Nach dem Theater große Gesellschaft im Prinzen Wilhelm. Hermann Bahr, Martersteig, Holländer, Kahane, Siegfried Jakobson, Fritsch, Orlik, Tilly und ich. Sie bleibt die ganze Nacht bei mir“ [Tb]. Das Theater war das Kleine Theater, wo Otto Erich Hartlebens Komödie „Angele“ (1891) auf dem Programm stand, in der Tilly Newes die Titelrolle spielte [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 1.1.1906]; die Vorstellung begann um 20 Uhr [vgl. Berliner Morgenpost, Jg. 8, Nr. 286, 6.12.1905, 2. Beilage, S. (2)]. Danach war Wedekind mit ihr auf der Gesellschaft im Restaurant Prinz Wilhelm in Berlin (Dorotheenstraße 16, 1. Stock) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 908]. in Deiner WohnungTilly Newes wohnte in Berlin N.W. in der Albrechtstraße 11 [vgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 20.2.1906]; in dem Haus gab es drei Pensionen, Hotel und Pension von Elisa Herpich (vormals „Frau Dr. Elise Müller“) im 2. Stock, das Pensionat von Marie Hönike und das Pensionat von Bertha Schleth [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil III, S. 11], wobei Tilly Newes bei Marie Hönike (Albrechtstraße 11, Hochparterre) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 897] in Untermiete gewohnt haben dürfte, wie der weitere Kontakt mit der Pensionsbetreiberin nahelegt [vgl. Marie Hönike an Wedekind, 10.1.1907]. ab. Die HerrenDas waren Wedekinds Tagebucheintrag vom 6.12.1905 zufolge (siehe oben) außer ihm selbst Herren vom Deutschen Theater (Direktion: Max Reinhardt), so die drei Dramaturgen Felix Hollaender, Arthur Kahane und Efraim Frisch (Leiter der Schauspielschule) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 271], oder im Umkreis des Deutschen Theaters, so Hermann Bahr (er war dann als Regisseur am Deutschen Theater tätig) und Emil Orlik (er war dann als Bühnenbildner für das Deutsche Theater tätig), außerdem der Theaterleiter Max Martersteig (erster Ehemann von Gertrud Eysoldt) und der Journalist Siegfried Jacobsohn (Herausgeber der Zeitschrift „Die Schaubühne“). erscheinen im Frack.

Besten Gruß
Frank

Einzelstellenkommentare

Berlin, 28. Dezember 1905 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

Liebe Tilly,

ich bin in einer so unbehaglichen StimmungWedekinds Gedanken waren dem Tagebuch zufolge seit dem 15.12.1905 („Bertha Marias Geburtstag“) bei Berthe Marie Denk, von der er am 17.12.1905 einen gemeinsam mit Karl Kraus Brief geschrieben Brief erhalten hat („Brief von Kraus und Bertha Maria“) [vgl. Karl Kraus, Berthe Marie Denk an Wedekind, 16.12.1905], der ihn beschäftigt haben dürfte, und am 28.12.1905 einen weiteren Brief („Am Morgen erhalte ich einen Eilbrief von B M.D. sie will auf Neujahr hier sein“), in dem sie in den nächsten Tagen eine Reise zu ihm nach Berlin ankündigt [vgl. Berthe Marie Denk an Wedekind, 27.12.1905], der ihn erst recht in eine unbehagliche Stimmung versetzt haben dürfte. daß ich den Abend gerne allein bleibeWedekind hat den Abend des 28.12.1905 nicht mit Tilly Newes verbracht.. Ich bitte Dich, mir deshalb nicht zu grollen.

Herzlichst Frank

Einzelstellenkommentare

Berlin, 1. Januar 1906 (Montag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Mein lieber Frank, ich werde versuchen es niederzuschreiben, sagen kann ich es nicht, weil ich immer fürchte, Du lachst mich aus. Zuerst war es, wie es immer ist, ein Bischen Zuneigung, viel Sinnlichkeit u. viel Eitelkeit. Aber mit jedem Tag wurde es anders. Und ich habe mich auch schon sehr verändert. Sagst Du nicht selbst, ich sei jetzt anders wie in WienAnspielung auf die von Karl Kraus organisierte Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ am 29.5.1905, bei der Tilly Newes die Hauptrolle der Lulu und Wedekind die Rolle des Jack spielte und beide sich kennengelernt haben., energischer selbstbewuß/s/ster. Ich bin es nur durch Dich geworden. Ohne | Dich wäre es mir nicht gelungen, mich soweit von meiner Familie frei zu machen. Wenn ich jetzt heiter sein kann, über dies u. das reden, von meiner Familie, von so vielen, kleinen Erlebnissen, ich kann es nur durch Dich. Wenn Du mich gesehen hättest wie still ich in Paul’s GesellschaftPaul Eger, der ehemalige Geliebte oder Verlobte von Tilly Newes; unklar ist, seit wann er in Berlin war. war, es ist kein Wunder, dass er mich für nicht klug hielt, sagen wir dumm. Ich will Dir mit allem Freude machen, Dir gefallen, Dich unterhalten. Ich habe jede Sentimen|talität ängstlich vermieden, ich glaubte Du magst das nicht.

Das gieng so bis meine Mutter kamDas genaue Datum der Ankunft von Mathilde Newes in Berlin ist unklar; sie hat ihrer Tochter bereits in Frankfurt am Main Gesellschaft geleistet [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 13.10.1905]. Wedekind notierte im Tagebuch ihre Anwesenheit in Berlin im Beisammensein mit ihrer Tochter (fast immer nach „Hidalla“-Vorstellungen, in denen er auftrat) am 17.11.1905 („Hidalla [...] Nachher mit Tilly und ihrer Mutter bei Aschinger“), 21.11.1905 („Hidalla [...] nachher mit Tilly und ihrer Mutter Weinstube Aschinger“), 23.11.1905 („Abends mit Tilli und Ihrer Mutter im Wintergarten“) und 28.11.1905 („Hidalla [...] Nachher mit Tilly und ihrer Mutter bei Kempinsky und im Café de l’Opera“)., u. dann schicktest Du mich weg, ich glaube an den Tag werde ich immer denken! Du sagst, es hat mich ordentlich zusammen gerüttelt, u. Du glaubst, das kam nur von gekränktem Ehrgeiz, oder so etwas? Wie D ich von Dir gieng, war mir ganz eigen, schwindlig, unklar. Was jetzt? Es war so tot, so leer, nichts gar nichts. Ich habe nicht geweint, u. nichts geredet, ich lief in meinem Zimmer hin u. her – | Es ist nicht möglich, es ist nicht möglich. Ich lief immer hin u. her u. hatte Fieber. Ich will gar nichts mehr, er glaubt nicht an deine Fähigkeiten, wie hättest Du dann den Mut daran zu glauben. Wie hättest Du ohne diesen Glauben hier je spielen können, wie hättest du den Mut gehabt; u. alles andre ebenso, nur durch ihn. Und jetzt ist das nicht mehr, also was nun? Und du hast ihm nie gezeigt, dass du keinen Mut hast u. dass du nicht an dich glaubst, nur um ihm zu gefallen. Und jetzt meint er, du siehst | an allen andern Leuten Fehler nur an D/d/ir nicht. Und er glaubt nicht, dass D/d/u eine Künstlerin werden kannst. Ist das das Höchste was du für ihn sein könntest? Und wie gern will ich dann alles dran setzen, schon um ihm zu gefallen, um ihm etwas zu sein. Aber jetzt hab’ ich ja gar keinen Mut u. keine Kraft mehr. Also Schluss machen, irgend ein Ende, gleichviel wie. Und die Mutter gleich fort, sie soll es nicht miterleben, u. sie ist ja immer im Wege! Und abends kam IduschkaIda Orloff spielte am 29.5.1905 in der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ die Rolle der Kadidja di Santa Croce [vgl. KSA 3/I, S. 548] – Wedekind hat sie in diesem Zusammenhang kennengelernt. Tilly Wedekind erinnerte sich: „Sie wurde allgemein ‚Iduschka‘ genannt“ und sei eine ihrer „besten Freundinnen“ [Wedekind 1969, S. 40] gewesen.. | „Du hast ja Fieber, was hast du für Augen, lach’ nicht so gräßlich, rede doch um Gottes Willen was ist denn geschehen?“

Es ist aus, er glaubt nicht an mich, nun kann ich nicht mehr. „Du bist verrückt, jetzt erst recht solltest du zeigen, ich kann etwas“ Ja, wer so sicher wäre wie du, wer so an sich glauben könnte, – „Nur so kannst Du ihn zurückgewinnen!“ Ach, wenn das gienge!! – Aber Mama muss so oder so weg, Mama, Du musst weg, es geht nicht anders. Du musst. „Gut, ich seh’ D/d/u bist nicht glücklich, vielleicht ist es gut, ich gehe.[“] |

Abends Ghettowohl die Vorstellung vom 29.11.1905. Tilly Newes spielte in dem Trauerspiel „Ghetto“ (1898, deutsch 1903) von Herman Heijermans, das am 11.11.1905 am Kleinen Theater in Berlin Premiere hatte, die weibliche Hauptrolle der Rose; weitere Vorstellungen gab es am 12.11.1905, am 15. und 16.11.1905, vom 18. bis 20.11.1905, am 25. und 26.11.1905, am 29.11.1905, 7.12.1905 und 11.12.1905 sowie zusätzlich ‒ „Im Kleinen Theater gelangt in Abänderung des Spielplans nächsten Sonnabend ‚Ghetto‘ zur Aufführung. An allen vorhergehenden Abenden wird Frank Wedekinds ‚Marquis von Keith‘ mit dem Dichter in der Titelrolle gegeben.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 595, 20.12.1905, Morgen-Ausgabe, S. 7] ‒ am 23.12.1905 (Samstag). Wedekind hat die Premiere besucht und war anschließend mit Tilly Newes zusammen, wie er am 11.11.1905 notierte: „Abends Premiere von Ghetto. Nachher mit Tilly Orlik Sulzberger Donald und Lanz bei Habel dann Stallmann. Tilli kommt zu mir, bleibt bis 7.“ [Tb]! Es gieng sehr gut. Im letzten Act packte es mich, ich schüttelte mich vor Schluchzen u. Weinen. Donnerstagder 30.11.1905 – Abreisevorbereitungen von Mathilde Newes. ein hin u. her laufen, Mama reisefertig machen. Freitagder 1.12.1905 – Abreise von Mathilde Newes von Berlin zurück nach Graz. Früh fährt sie weg. Gott sei Dank; ich atme auf. Als ich mit ihr im Wagen sitze, sehe ich ein Geschäft, Waffen. Beim zurück kommen, geh ich hinein u. kaufe einen RevolverDer Revolver ist ein symbolträchtiges Requisit in Wedekinds Schauspiel „Der Marquis von Keith“ – am Schluss des 5. Akts betrachtet der Marquis von Keith unschlüssig den Revolver, erschießt sich aber nicht, grinst und meint: „Das Leben ist eine Rutschbahn...“ [KSA 4, S. 228], das Schlusswort im Stück. für – den Marquis v. Keith.

Dann denke ich, ich muss es erst versuchen, will Barnowsky um | eine Rolle bitten, aber wenn ich seh’ es nützt nichts; oder ich habe zu wenig Mut, ist immer gut, wenn man das Ding hatte. Ich komm nach Hause; Angele soll ich spielenTilly Newes sollte die Titelrolle in Otto Erich Hartlebens Komödie „Angele“ (1891) spielen [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 23.9.1905], die seit dem Frühjahr (Premiere: 4.2.1905) auf dem Spielplan des Kleinen Theaters in Berlin stand und aktuell gespielt wurde; die nächsten Vorstellungen waren am 5. und 6.12.1905, 9.12.1905 sowie nachmittags am 17.12.1905. Tilly Wedekind erinnerte sich daran, die Rolle gespielt zu haben [vgl. Wedekind 1969, S. 55]., Gott sei Dank eine Gelegenheit, u. der Hermann CasimirFigur aus dem „Marquis von Keith“, in der Berliner Premiere am 13.12.1905 von Tilly Newes gespielt (siehe unten).! Wenn Du mich jetzt sehen würdest, Du würdest nicht sagen, ich habe keinen Ehrgeiz! Und heute Hidallawohl die „Hidalla“-Vorstellung am 8.12.1905 (die letzte in diesem Jahr). Wedekind notierte an diesem Tag dreimal Tilly Newes: „Nachmittags mit T.N. im Deutschen Theater wo uns Buck die Perücken anprobirt. [...] Hidalla [...]. Nachher mit T.N. und Felix Holländer bei Habel. T. kommt zu mir.“ [Tb]! Und ich arbeite den ganzen Tag. Und nun soll ich Dich wiedersehn, ich kann es nicht ertragen u. ich sehne | mich doch so sehr danach! Du trittst auf, ich muss mich in Acht nehmen, dass ich ruhig bleibe u. nicht aufschluchze. Im II. Act.Es folgt ein Zitat aus „Hidalla“, 2. Akt (Figurenrede Fanny Kettler): „Nein, nein! Lassen Sie mich das nicht hören! Gehe ich den Weg, den Sie in Ihrem Kopfe ausgedacht, dann bedarf das größerer Kraft, als wenn ein leichtherziges Geschöpf ihn geht! Fußtritte verdiene ich nicht, auch wenn es genügt, Weib zu sein, um in Ihrem Geiste zu leben!“ [KSA 6, S. 65] „Nein, nein lassen Sie mich das nicht hören, gehe ich den Weg so bedarf das größerer Kraft, Fußtritte verdiene ich nicht“

Mir ist, als könnte ich nicht mehr weiter spielen.

Im III. Act.Es folgt ein Zitat aus „Hidalla“, 3. Akt (Figurenrede Fanny Kettler): „Und mich haben Sie dazu ausersehn! Mich halten Sie für das grauenvolle Ungeheuer, das eine Ermordung kalten Blutes miterlebt?!“ [KSA 6, S. 81] „Und mich halten Sie für das grauenvolle Ungeheuer“ und in meiner Hand fühle ich den Revolver u. ziele, auf Dich oder mich | Und im V. Act. Da sind auf einmal keine Menschen da, u. ich bin nicht auf der Bühne, ich bin in Deinem Zimmer u. niemand ist da als Du u. ich. Und ich kann Dir alles, alles sagen, was ich neulich nicht aus der Kehle brachte, – „von Dir muss mein Leben kommen, von Dir muss es kommen, von Dir“ Ich ersticke fast vor Tränen.

Und ich gehe mit Dir u. SandrockWedekinds Tagebuch gibt keinen Hinweis auf einen gemeinsamen Heimweg mit Tilly Newes und Adele Sandrock nach einer „Hidalla“-Vorstellung im Kleinen Theater. nach Hause u. habe die Empfindung, er glaubt, | vielleicht ist doch noch was aus ihr zu machen. Aber er hat nicht gefühlt, dass ich heut abend mit jedem Wort schrie: ich habe Dich lieb, ich hab’ Dich so unendlich lieb. Und ich saß zu Hause u. dachte, jetzt kann noch alles gut werden, aber er liebt D/d/ich nicht, u. war traurig. Und ich wollte Dir nicht nachlaufen, nur weil ich fürchtete es könnte Dir missfallen u. Dich erst recht von | mir entfernen.

Und als Du kamst war ich schwach u. glücklich u. stiller. Du hast selbst gesagt ich sei stiller. Ich fürchtete sehr, Dir oberflächlich vorzukommen, u. es war mir ja auch lieber, wenn ich stiller sein durfte. Und dann kam „Marquis“Wedekinds Schauspiel „Der Marquis von Keith“ hatte am Kleinen Theater in Berlin am 13.12.1905 Premiere: „Durchfall des Marquis von Keith [...]. Nach der Vorstellung mit Kuhnert seiner Frau und Tilly bei Habel. Tilli kommt zu mir“ [Tb]; er spielte die Titelrolle, Tilly Newes die Rolle des Hermann Casimir, die eine weibliche Besetzung verlangte [vgl. KSA 4, S. 560]. u. jetzt war ich krankWedekind notierte im Tagebuch die Erkrankung von Tilly Newes – am 17.12.1905 („Tilli [...] hat starkes Fieber“), 18.12.1905 („Tilli leidet an Angina“), 20.12.1905 („Marquis v Keith [...]. Nachher mit Tilly bei Habel. Sie kommt zu mir. Morgens um 6 Uhr begleite ich sie nach Haus. Sie hat starkes Fieber“), 23.12.1905 („T hat eine Mittelohrentzündung, wird geschnitten. Abends fahr ich mit ihr zu Dr. Flatau“), 24.12.1905 („Fahre mit Tilly zu Dr. Flatau. Sie leidet fürchterlich auf dem Heimweg und zu Hause. Ich bleibe bis 9 Uhr bei ihr“), 25.12.1905 („mit Tilli zu Dr. Flatau“), 29.12.1905 („mit Tilly beim Arzt“) und 30.12.1905 („Ich begleite Tilli zum Arzt“).. Und weil Du so lieb u. gut warst mit mir, u. Dich so freutest als ich wohler wurde, dachte ich, er hat Dich doch lieb. Und wenn Du fort warst lag ich still, lächelte u. hatte Tränen im Auge. |

Und sah Dein BildTilly Newes hatte sich ein Foto von Wedekind gewünscht [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 28.8.1905 und 23.9.1905], das sie inzwischen erhalten haben dürfte. Sie und Wedekind haben sich seinem Tagebuch zufolge in Berlin außerdem von der Fotografin Aura Hertwig aufnehmen lassen – am 23.11.1905 („Tilli und ich fahren zu Frau Hertwich, die uns beide nackt photographiert“) und 29.11.1905 („Wir werden auf meinem Zimmer photographiert“); die Fotos hat Wedekind ihr am 2.12.1905 gebracht („Ich hole die Photographien bei Aura Hertwich und bringe sie Tilly Newes“). an, u. dachte: Du Lieber, Du Gutervgl. „Der Marquis von Keith“ (1901), 3. Akt (Molly Griesinger zum Marquis von Keith): „MOLLY (fällt ihm leidenschaftlich um den Hals und küßt ihn ab) – Du Lieber! – Du Großer! – Du Guter!“ [KSA 4, S. 200] Das wiederum war eine Anspielung an Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“ (1891), 2. Akt, in dem Käthe Vockerat beim Abschiednehmen („An Johannes’ Halse“) sagt: „Du Lieber! Guter!“. Und heute hast Du mir das alles wieder fortgenommen, ich verstehe Dich nicht mehr, ich verstehe mich nicht mehr. Ist denn das alles Einbildung?

Ich quäle mich sehr u. kann nicht herausfinden.

Und die Tränen waren Freude, über meine IlusionSchreibversehen, statt: Illusion., dass wir uns lieb haben.

Und wenn ich Dich nicht mehr sehe, dass kann nicht aufhören. | Versuche es doch mal, u. stelle mich auf eine Probe.

Und wenn Du fort bist, wer soll denn dann der Nächste sein? Und wann denn schon? Wie werde ich wohl über Dich reden?

Müsste ich denn dann nicht denken, alles ist Komödie, u. ich selbst bin auch eine Komödiantin u. Du wohl auch?

Sag’ mir doch Frank, was ich tun soll!

Einzelstellenkommentare

Berlin, 30. Januar 1906 (Dienstag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Mein lieber Frank,

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie mir seit heute morgenWedekind hat Tilly Newes am 30.1.1906 morgens gesehen und ging dann zu einer Probe von Hugo von Hofmannsthals Drama „Ödipus und die Sphinx“ (Uraufführung unter der Regie von Max Reinhardt war am 2.2.1906, die Musik hat Wedekinds alter Freund Oskar Fried komponiert, die Rolle der Antiope spielte Wedekinds Vertraute Adele Sandrock) in das Deutsche Theater (Wedekind hatte am 21.12.1905 einen Schauspielervertrag mit der Direktion des Deutschen Theaters abgeschlossen, gültig ab dem 1.10.1906), wie er im Tagebuch notierte („Tilly kommt. Probe von Ödipus“). Ob die Konfliktszene zwischen ihm und Tilly Newes sich bei dieser Probe ergab oder davor, ist unklar. Wedekind verbrachte den Abend jedenfalls ohne sie (er besuchte das Gastspiel der Tänzerin Isadora Duncan im Theater des Westens und war anschließend allein in einer Kneipe), wie er weiter notierte („Abends bei Isadora Dunkan Nachher allein im Weihenstephan“). Die Versöhnung zwischen ihm und Tilly Newes dürfte am 31.1.1906 stattgefunden haben, denn da verbrachte er den Abend wieder mit ihr. zu Mut ist! Ich habe Dir Unrecht getan, es war rücksichtslos von mir. Aber ich hoffe immer Du wirst es mir vergeben; deshalb bin ich doch noch immer Tilly Newes, deshalb hab’ ich Dich doch noch immer so lieb.

Mein Gott was soll ich Dir | denn sagen, ich glaub’ ich kann nicht leben ohne Dich. Aber es würde mir bei Dir nur schaden, wenn ich Dir nachlaufe. Wenn Du das Geringste für mich empfindest, so wirst Du mich eines Fehlers wegen, nicht von Dir stoßen.

Ich gebe Dir alles was ich zu geben habe, aber dafür will ich auch Dich, Dich Frank.

Lebwohl, Deine Tilly

Einzelstellenkommentare

Berlin, 13. Februar 1906 (Dienstag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Lieber Frank,

mir war sehr leid, dass Du mich nicht getroffen hast. Willst Du zu mir zum Thee kommenWedekind notierte am 13.2.1906: „Bei Tilli zum Thee.“ [Tb]? Du könntest mir auch die Packet-AdresseWedekinds Geliebte Berthe Marie Denk, die am 14.1.1906 schwerkrank mit dem Nachtzug von Berlin zurück nach Wien gefahren ist (diese von ihr gewünschte Reise hatte Wedekind, bei dem sie in Berlin wohnte, organisiert), wo sie am 15.1.1906 vom Sanitätsdienst der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft [vgl. Wedekind an Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft, 14.1.1906] empfangen wurde, der sie zunächst in ihre Wohnung (Wien V, Kettenbrückengasse 21) transportierte, wurde von dort noch am selben Tag in das Wiener Sanatorium Dr. Anton Loew (Wien IX, Mariannengasse 20) gebracht, wo sie sich noch immer aufhielt – ihre aktuelle Adresse. für Berthe Maria mitbringen.

Deine Tilly

Einzelstellenkommentare

Frankfurt am Main, 20. Februar 1906 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

Fräulein
Tilly Newes-Niemann
Berlin N.W.
Albrechtstrasse 11.


Postkarte
Nur für Mitteilungen


Mein Augapfel! Geliebte Tilly! Ich denke Deiner jeden Augenblick. KlaarWedekind hat Emil Claar, den Intendanten des Schauspielhauses in Frankfurt am Main [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 375], außerdem Schauspieler und Schriftsteller, am 20.2.1906 besucht, wie er im Tagebuch festhielt („Besuch bei Intendant Klaar“). läßt Dich herzlich grüßen.

Herzinnigst
Frank |


Frankfurt a. M.Wedekind war vom 19. bis 21.2.1906 wohl auf Einladung der Gesellschaft für ästhetische Kultur [vgl. Wedekind an Gesellschaft für ästhetische Kultur, 18.6.1904] zu einem Vortrag in Frankfurt am Main. Er notierte am 20.2.1906: „Wohne Frankfurter Hof. Besuch bei Intendant Klaar Dinire im Hotel Vortrag in der Frankfurter Loge. Mit der Gesellschaft für ästätische Kultur im Rathskeller. Eingenommen M. 300“ [Tb]. Alemannia

Einzelstellenkommentare

Berlin, 20. Februar 1906 (Dienstag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Dienstagder 20.2.1906..


Mein lieber, guter Frank,

ich muss Dir doch ein paar Zeilen schreiben. Ich war heute Mittags bei GreveJulius Greve war Regierungs- und Baurat im Polizeipräsidium Berlin und wohnte in Charlottenburg (Rankestraße 31/32) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 664]. „Herrn und Frau Regierungsrat Greve (Berlin) hatte Tilly Newes 1904 während eines Sommeraufenthalts in Seiß (Tirol) kennen gelernt. Als Tilly nach Berlin kam, wurde sie von Greves gastfreundlich aufgenommen“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 48]. Sie erinnerte sich an das befreundete Ehepaar, an den „Regierungsrat Grewe und seine hübsche Frau“, sie „schloß mich ins Herz. Wieviel Freude sollte mir diese Freundschaft noch bringen!“ [Wedekind 1969, S. 24f.] u. hab’ mich so über Dich gefreut! Dein Briefvgl. Wedekind an Julius Greve, 18.2.1906. – Dem Brief vorangegangen waren turbulente Ereignisse, die in Wedekinds Tagebuch skizziert sind. Tilly Newes wünschte eine Heirat mit Wedekind und unternahm am 16.2.1906 einen Selbstmordversuch („Tilly springt in die Spree“), erholte sich am 17.2.1906 („Bringe Tilli nach Hause und bleibe den ganzen Tag bei ihr“) und am 18.2.1906 wurde sich verlobt, wie Wedekind dem Regierungsrat, der dann einer der Trauzeugen war, mitteilte („Benachrichtige Regierungsrat Greve von unserer Verlobung“). ist zu lieb! Ich verdiene Dich ja gar nicht Frank! Greve’s war ich zu wenig glückstrahlende | Braut, nun, sie wissen ja auch nicht so genau Bescheid u. dann kann ich leider, oder Gott sei Dank meine Gefühle vor fremden Leuten nicht herumtragen. Adele hab’ ich leider nicht getroffenAdele Sandrock wohnte seinerzeit noch im Central-Hotel in Berlin (Friedrichstraße 143-149) – zusammen mit ihrer Mutter Johanna Simonetta Sandrock (geb. ten Hagen) und ihrer Schwester Wilhelmine Sandrock. Wedekind hatte Adele Sandrock nach dem Selbstmordversuch von Tilly Newes am 16.2.1906 aufgesucht, um sich „Unterstützung und Rat“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 14] bei ihr zu holen, außerdem am 18.2.1906: „Besuch bei Adele.“ [Tb], ihre Mutter hatt mich gebeten ja sicher morgen zu kommen, u. so gieng ich mit meinem | übervollem Herzen zu IduschkaIda Orloff, „allgemein ‚Iduschka‘ genannt“ und eine der „besten Freundinnen“ [Wedekind 1969, S. 40] von Tilly Newes, wohnte mit ihrer Mutter Ida Siegler von Eberswald in einer Hinterhauswohnung in Moabit (Thomasiusstraße 15, 2. Gartenhaus) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 2154; vgl. Wedekind an Ida Orloff, 22.12.1905].. Da kamen denn endlich die erlösenden Tränen, sie hat sich so aufrichtig u. herzlich gefreut u. mir ist jetzt viel wohler.

Das Nähere erzähle ich Dir übermorgenam 22.2.1906. Wedekind ist dem Tagebuch zufolge am 21.2.1906 um 22 Uhr von Frankfurt am Main abgereist („10 Uhr Rückfahrt nach Berlin“), war am 22.2.1906 morgens zurück in Berlin und suchte Tilly Newes gleich auf („Ankunft in Berlin. Besuch bei Tilly“).. Hast Du die Nachricht wegen Dir. Reusch in HannoverHubert Reusch war Direktor des Deutschen Theaters in Hannover und führte dort die Oberregie [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 417]. Wedekind hatte bei ihm dann am 12.5.1906 ein „Hidalla“-Gastspiel: „Wir fahren nach Hannover. [...] Hidalla [...] im Deutschen Theater.“ [Tb] erhalten? Siehst Du, es soll schon sein, dass Du bald nach Han|nover fährst.

Ich hab’ jetzt furchtbar viele gute Sachen gegessen und lege mich gleich in’s Bett.

Gestern Nacht träumte ich wieder von uns u. von Deiner Schwester aus der SchweizFrank Wedekinds jüngste Schwester Emilie (Mati) Wedekind wohnte seinerzeit bei ihrer Mutter in Lenzburg.. Die war übrigens im Traum nicht sehr vorteilhaft.

Ich möchte Dir noch so viele, viele liebe Sachen sagen, will Dich aber nicht verwöhnen.

Deine Tilly

Einzelstellenkommentare

Berlin, 11. April 1906 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

Meiner geliebten Tilly die herzlichsten Glückwünsche zu | ihrem zwanzigsten Geburtstag!

Einzelstellenkommentare

Halensee, 12. April 1906 (Donnerstag)
von Gerhäuser, Emil und Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

Fräulein Tilly Newes
Berlin
Albrechtstraße 11


Post-Karte
[...]

Weltpostverein
Union postale universelle – Unione postale universale
[...]


Liebe und verehrte Frau Tilly!

Nachträglich meinen herzlichsten Glückwunsch zum Geburtstag! Ich wäre gesternder 11.4.1906, der 20. Geburtstag von Tilly Newes. so gern mit Ihnen u. Frank in den Grunewald spazieren gelaufen! Am 1. Maider Hochzeitstag von Frank Wedekind und Tilly Newes, die am 1.5.1906 in Berlin standesamtlich heirateten ‒ auf dem Standesamt Moabit [vgl. EWK/PMB Wedekind]. Trauzeugen waren der mit Wedekind befreundete Opernsänger Emil Gerhäuser und der mit Tilly Newes befreundete Regierungsrat Julius Greve. trete ich also als Zeuge festlich geschmückt an. Mit ergebenstem Handkuss. Ihr Emil Gerhäuser |


Herzlichsten Gruss Frank


Königl. Schloss (Lustgartenseite).

Berlin.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 18. April 1906 (Mittwoch)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Lieber FrankTilly Newes hat Wedekind ein weiteres fast gleichlautendes Billet geschrieben [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 18.4.1906]., Adele ist krank u. hat mich gebeten um 6 Uhrum 18 Uhr. zu kommen. Willst Du so lieb sein mich von da abzuholenvon Adele Sandrock, die in Berlin nicht mehr im Central-Hotel (Friedrichstraße 143-149) wohnte, sondern gerade in ihre dann langjährige Wohnung in Charlottenburg (Leibnizstraße 60) gezogen oder im Umzug begriffen war. Wedekind kam dem Wunsch von Tilly Newes nach, wie er am 18.4.1906 im Tagebuch notierte: „Hole Tilly bei Adele ab.“? Möglichst bald! Deine Tilly |

TILLY NEWES

Einzelstellenkommentare

Berlin, 18. April 1906 (Mittwoch)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Lieber FrankTilly Newes hat Wedekind ein weiteres fast gleichlautendes Billet geschrieben [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 18.4.1906]., Adele schreibt mir da, dass sie krank ist, u. ich um 6 Uhrum 18 Uhr. kommen möchte. Willst Du mich also von da holenvon Adele Sandrock, die in Berlin nicht mehr im Central-Hotel (Friedrichstraße 143-149) wohnte, sondern gerade in ihre dann langjährige Wohnung in Charlottenburg (Leibnizstraße 60) gezogen oder im Umzug begriffen war. Wedekind kam dem Wunsch von Tilly Newes nach, wie er am 18.4.1906 im Tagebuch notierte: „Hole Tilly bei Adele ab.“? Möglichst bald!! | TILLY NEWES

Deine Tilly

Einzelstellenkommentare

Berlin, 30. April 1906 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

Kartenbrief


An
Fräulein Tilly Newes
in kleines Theater
Wohnung (Straße und Hausnummer) |


Geliebte Tilly!

Ich habe noch immer nicht in Erfahrung gebracht, wann und wo genau die Sache morgendie Heirat von Frank Wedekind und Tilly Newes ‒ die Ehe wurde am 1.5.1906 in Berlin auf dem Standesamt Moabit geschlossen [vgl. EWK/PMB Wedekind]. Wedekinds Tagebuch zufolge kam der Trauzeuge Emil Gerhäuser um 10 Uhr vormittags, dann wohl Dagobert Engländer aus Wien, der Lieblingsonkel von Tilly Newes; ob der zweite Trauzeuge Julius Greve direkt zum Standesamt kam, ist unklar, ebenso, zu welcher Uhrzeit die Trauung stattfand; anschließend war man im Zoologischen Garten und abends mit weiteren Hochzeitsgästen – die befreundeten Schauspielerinnen Ida Orloff und Adele Sandrock sowie Curt von Glasenapp, der Leiter der Abteilung für Theaterzensur im Berliner Polizeipräsidium – im Savoy-Hotel (Friedrichstraße 103); spät reiste das junge Ehepaar dann mit dem Nachtzug ab zu einem Gastspiel nach Nürnberg („Um 10 kommt Gerhäuser. Onkel Dagobert. Trauung. Greve. Zoologischer Garten. Diner im Savoyhotel. Glasenapp. Iduschka Adele. Fahrt nach Nürnberg Wand an Wand mit Max Halbe und Frau“). stattfindet | und bitte Dich daher mich um 6 Uhrum 18 Uhr. Ob Wedekind und Tilly Newes, die vom Kleinen Theater kam, am frühen Abend des 30.4.1906 zum Standesamt Moabit gefahren sind, um zu erfahren, zu welcher Uhrzeit und in welchem Raum ihre Heirat am 1.5.1906 angesetzt war, ist nicht zu klären (an diesem Tag kein Eintrag im Tagebuch). bei mir zu hause abzuholen. Wir fahren dann zusammen hin.

Ich empfehle mich Deiner Gnade
Frank

Einzelstellenkommentare

Berlin, 20. August 1906 (Montag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

abends, ½ 10

Montagder 20.8.1906..


Mein lieber Frank,

ich war heute noch in unsrer Wohnung u. bin ganz entzückt! Sie ist wunderhübsch geworden. Die hellen Türen machen sich riesig freundlich. Leider werden die Arbeiter aber doch noch die Woche | zu tun haben, wird also mit dem UmziehenDer Umzug von der alten Wohnung (Marienstraße 23, 2. Stock links) in die neue Wohnung (Kurfürstenstraße 125, 3. Stock) fand erst zum Monatsende statt, wie Wedekind im Tagebuch notierte – am 29.8.1906 („Ich engagiere den Spediteur Scholz Blumenthalstraße 5“), 30.8.1906 („Es wird gepackt“) und schließlich am 31.8.1906 („Umzug“). nichts werden. Schade, ich hätte Dir’s gern erspart.

Ich werde von Dir morgen wohl noch nichts hören, aber Du bist ja auch bis 10 Uhr in der EisenbahnWedekind ist am 20.8.1906 um 16.39 Uhr von Berlin mit dem Zug nach Breslau abgereist, wie er im Tagebuch festhielt („Abfahrt nach Breslau 4.39. Ankunft in Breslau. Wohne Riegners Hotel“), und kam dem vorliegenden Brief zufolge um 22 Uhr in Breslau an, zu einem „Hidalla“-Gastspiel des Kleinen Theaters am Breslauer Sommertheater (Premiere: 23.8.1906, Regie: Ernst Krampff) [vgl. KSA 6, S. 569f.] – nach Berlin zurückgereist ist er am 26.8.1906.. Ich habe ganz vereinsamt gegessen u. schreibe jetzt in Deinem Zimmer. | Bei IduschkaIda Orloff, „allgemein ‚Iduschka‘ genannt“ und eine der „besten Freundinnen“ [Wedekind 1969, S. 40] von Tilly Wedekind, wohnte mit ihrer Mutter Ida Siegler von Eberswald in einer Hinterhauswohnung in Moabit (Thomasiusstraße 15, 2. Gartenhaus) [vgl. Berliner Adreßbuch 1906, Teil I, S. 2154]. war ich auch. Aber sie hatte Besuchvon Rudolph Schildkraut, Schauspieler am Deutschen Theater (Direktion: Max Reinhardt) in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 272] und zuletzt bewundert für seine Darstellung des Shylock in Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ (Premiere: 9.11.1905), die Wedekind besucht hat [vgl. Tb]. ‒ Der Charakterdarsteller, der 1907 den vermummten Herrn in „Frühlings Erwachen“ und 1908 den Maler Schwarz in „Erdgeist“ spielte [vgl. Vinçon 2018, Bd. 2, S. 50], war mit Ida Orloff am 8.9.1906 bei Frank und Tilly Wedekind zum Abendessen eingeladen: „Abends kommen Schildkraut und Iduschka zum Abend essen.“ [Tb]. Schildkraut und Nichtenicht identifiziert. waren da. Sie haben sich auf RügenIda Orloff hatte den Sommer vom 13.6.1906 bis 12.8.1906 auf Rügen verbracht (überwiegend in Göhren) und die Rückfahrt von dort nach Berlin „mit Schildkrauts“ [Hauptmann/Orloff 1969, S. 159] angetreten, die nach Gerhart Hauptmanns Abreise (siehe unten) wohl nach Mitte Juli in Göhren eintrafen, wie Ida Orloff ihm etwa am 27.7.1906 schrieb; sie sei „von da an immer mit Schildkrauts [...] zusammen. Schildkraut gefällt mir übrigens [...] sehr gut, und wir unterhalten uns glänzend“ [Hauptmann/Orloff 1969, S. 156]. kennen gelernt. Mit Hauptmann scheint nichts vorgefallenkein Heiratsversprechen, auch wenn immer wieder auch „von Heirat“ [Leppmann 1989, S. 249] die Rede war (das dokumentieren Gerhart Hauptmanns Tagebücher und seine Korrespondenz mit Ida Orloff). Ida Orloff und der in zweiter Ehe verheiratete Gerhart Hauptmann, der unentschieden zwischen seiner Ehefrau und der Geliebten schwankte, hatten seit Ende 1905 eine leidenschaftliche Liebesaffäre; er besucht sie vom 25. bis 30.6.1906 auf Rügen [vgl. Hauptmann/Orloff 1969, S. 73-78], sie „feiern ein stürmisches Wiedersehen [...]. Ein letztes Mal brandet die Liebe empor“, aber „der Bann“ ist „gebrochen.“ [Leppmann 1989, S. 254] Gebrochen war der ‚Liebesbann‘: Gerhart Hauptmann notierte am 25.6.1906 in Göhren: „Ich bin geistig tot in ihrer Nähe“ [Tb Hauptmann] oder am 26.6.1906: „heut erst sehe ich sie altklug, als Verstand [...] obgleich mir W[edekind] sie schon so darstellte vor Monaten“ [Tb Hauptmann]; am 28.6.1906 hielt er fest: „Soeben von ihr Abschied genommen.“ [Tb Hauptmann] zu sein. Sie wollte sich sogar mit einem Andernnicht sicher identifiziert; vielleicht Emil Mamelok [vgl. Hauptmann/Orloff 1969, S. 81f., 86]. ‒ Ida Orloff heiratete am 23.7.1907 ihren Jugendfreund Karl Satter. verheiraten, doch ist natürlich nichts daraus geworden. Sie lässt Dich grüßen. | Morgen werde ich mir Frl. Römervermutlich Else Römer, Schauspielerin im Adolf Behle-Ensemble der Vereinigten Berliner Vorort-Theater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 249; Neuer Theater-Almanach 1907, S. 311]. einladen, übermorgenam 22.8.1906. Adele Sandrock wohnte in Charlottenburg (Leibnizstraße 60). besuche ich Adele, so wird die Zeit schon vergehen.

Du fühlst Dich wohl sauwohl, dass Du endlich mal wieder alleinenicht lange – Tilly Wedekind reiste den Tag darauf ebenfalls nach Breslau, von Frank Wedekind telegrafisch darum gebeten [vgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 21.8.1906]. bist? Nun, ich wünsche mir nur, dass Du an mich eben soviel denkst, wie ich an Dich, Frank. Deine TochterAnspielung auf ihre Schwangerschaft, „Tilly ist schwanger“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 50]; die Tochter Pamela Wedekind wird am 12.12.1906 geboren. ist wohl u. schickt Dir viele Küsse!

Gute Nacht, schreib’ mir bald!

Deine Tilly

Einzelstellenkommentare

Breslau, 21. August 1906 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 21.8.1906 in Breslau:]


Hidallaprobe. TelegrammFrank Wedekind, der am Vorabend zu einem „Hidalla“-Gastspiel des Berliner Kleinen Theaters am Breslauer Sommertheater in Breslau eingetroffen war, dürfte Tilly Wedekind am 21.8.1906 wohl unmittelbar nach der ersten Probe gebeten haben, sofort nach Breslau zu kommen, um bei der Inszenierung die ihr vertraute Rolle der Fanny Kettler zu spielen (er selbst spielte die Rolle des Karl Hetmann), da sie dem Tagebuch zufolge noch abends in Breslau eintraf („Hole Tilly Abends ab“) und bei der Premiere von „Hidalla“ am 23.8.1906 auf der Bühne stand [vgl. KSA 6, S. 569]; eigentlich hatte sie sich darauf eingerichtet, in Berlin zu bleiben [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 20.8.1906]. an Tilly.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 21. August 1906 (Dienstag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

wedekind breslau riegners hotelWedekind hat am 20.8.1906 seine Unterkunft in Riegner’s Hotel (Königstraße 4) notiert: „Ankunft in Breslau. Wohne Riegners Hotel.“ [Tb] =


Telegraphie des Deutschen Reiches.
Amt Breslau, Graben 36.


Telegramm aus [...] berlin [...]


hollaenderFelix Hollaender, Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin (Direktion: Max Reinhardt). will dir 25 tenden 25.8.1906. Wedekind reiste erst am 26.8.1906 von Breslau zurück nach Berlin und nahm am 27.8.1906 erstmals an einer „Pandoraprobe“ [Tb] zu der am Deutschen Theater geplanten Inszenierung (siehe unten) teil. regiebuchDas Regiebuch zu „Die Büchse der Pandora“ für die geplante Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin, deren Aufführung „die Berliner Zensurbehörde schließlich untersagte“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 50], ist nicht überliefert; erhalten ist lediglich eine Besetzungsliste [vgl. KSA 3/II, S. 1324]. vorlegen = piltztelegrafischer Übertragungsfehler, statt: eilt [vgl. Vinçon 2018, Bd. 2, S. 50] oder statt: Tilly..

Einzelstellenkommentare

Berlin, 1. Januar 1907 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

Frau Tilly Wedekind.

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Leipzig, 12. Februar 1907 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

POSTKARTE.
CARTE POSTALE ‒ CARTOLINA POSTALE.
POST CARD.


Frau Tilly Wedekind
Berlin W
Kurfürstenstraße 125.


HÔTEL HAUFFEWedekind reiste am 11.2.1907 von Berlin ab nach Leipzig und logierte dort im Hotel Hauffe (Roßstraße 2 und 4), wie er im Tagebuch notierte („Fahrt nach Leipzig. Logiere Hotel Hauffe“); am 12.2.1907 aß er dort zu Mittag („Dinire im Hotel Hauffe“) und schrieb wohl die vorliegende Bildpostkarte, bevor er nach Dresden weiterreiste und sie dort in die Post gab.
LEIPZIG
|


HÔTEL HAUFFE LEIPZIG.

NEUES RATHAUS.


[am rechten Rand um 90 Grad gedreht, im Hochformat:]

Geliebteste Tilly, bis jetzt ist alles gut gegangenWedekinds Gastspiel als vermummter Herr in „Frühlings Erwachen“ am 11.2.1907 am Schauspielhaus in Leipzig, das die Presse mehrfach angekündigt hatte: „Gastspiel Max Reinhardt und Frank Wedekind. Für die einmalige Aufführung von Frank Wedekinds Kindertragödie ‚Frühlings Erwachen‘ in der Berliner Inszenierung von Max Reinhardt und dargestellt von den Künstlern des Deutschen Theaters zu Berlin, zeigt sich ein ungewöhnliches Interesse. Die am kommenden Montag im Schauspielhause stattfindende Vorstellung beginnt um 8 Uhr.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 101, Nr. 38, 7.2.1907, Morgen-Ausgabe, 1. Beilage, S. (4)] „Am Montag gastiert das Deutsche Theater von Berlin mit Frank Wedekinds ‚Frühlings Erwachen‘, in welcher Vorstellung der Autor selbst mitwirkt.“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 101, Nr. 41, 10.2.1907, Morgen-Ausgabe, 6. Beilage, S. (2)] Die Vorstellung wurde gelobt, der „Erfolg des Stückes“ sei aber vor allem Alexander Moissi als Moritz Stiefel geschuldet, aber auch „Ella Barth, der Wendla Bergmann“ [Leipziger Tageblatt, Jg. 101, Nr. 43, 12.2.1907, Morgen-Ausgabe, 1. Beilage, S. (2)]. – Wedekind trat dann am 13.2.1907 auch in Dresden als vermummter Herr in „Frühlings Erwachen“ auf [vgl. Tb].. HetzelWedekind war nach der Vorstellung von „Frühlings Erwachen“ (siehe oben) am 11.2.1907 mit dem befreundeten Rechtsanwalt Kurt Hezel im Leipziger Ratskeller: „Frl. Erw. [...] Nachher Rathskeller mit Hetzel.“ [Tb] trägt mir die herzlichsten Grüße an Dich auf.

[am oberen Rand im Querformat:]

Im Juni sollen wir gastierenEin Gastspiel von Frank und Tilly Wedekind in Leipzig im Juni 1907 kam nicht zustande.

[am unteren Rand im Querformat:]

Dir und A. Pamela Gruß und Kuß Fr

Einzelstellenkommentare

Berlin, 1. April 1907 (Montag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

T W


Mein innigst Geliebter,

ich lese die Notizen über DichPressenotizen über Wedekind., ich höre von Deinem ErfolgDer Erfolg von „Frühlings Erwachen“ in der Inszenierung von Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin (Uraufführung: 20.11.1906) brachte Wedekind den Durchbruch auf der Bühne und war in aller Munde. Wedekind trat darin als vermummter Herr auf, zuletzt am 1.4.1907, wie er im Tagebuch notierte: „Ich spiele zum letzten Mal den vermummten Herrn.“ u. ich komme mir wieder einmal so lächerlich klein neben Dir vor. Frank, Du darfst nicht denken, dass das am Ende Eifersucht oder was weiß ich, ist. | Im Gegenteil. Ich fürchte Du denkst, ich nehme keinen Anteil, ich unterschätze D Dich. Nimmt nicht jeder Schauspieler an Deinem Erfolg mehr teil? Habe ich Dir nicht besser gefallen, als ich auch arbeitete, wenn auch mit schwachen Kräften, | aber doch mehr wie jetzt? Jetzt sitzteSchreibversehen, statt: sitze. ich den ganzen Tag zu Hause, spiele mit dem Kind, werde immer bequemer u. phlegmatischer. Ist es nicht besser, wenn man nun schon talentlos ist, daran zu Grunde zu gehen, als seinen Leib zu füttern, sich an dem Ruhme seinens | Mannes zu sonnen, u. dabei ein Schatten-Dasein zu führen. Ich beklage mich nicht etwa über Langeweile, ich bin Dir ja für alles dankbar!

Aber ich bin nichts mehr für Dich, nichts, u. auch für mich nichts mehr.


(Dieser Brief war eigentlich für mein „Tagebuchein fragmentarisches „‚Tagebuch‘-Manuskript“ Tilly Wedekinds, das mit dem „Brief thematisch verwandt ist“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 51]; es ist mit den Schreibdaten 21. bis 24.3.1907 und 30.3.1907 handschriftlich überliefert [Mü, L 3477/1] und liegt gedruckt vor [vgl. Vinçon 2014, S. 200-202; Vinçon 2018, Bd. 2, S. 51-53].“ bestimmt.)

Einzelstellenkommentare

Berlin, 16. April 1907 (Dienstag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Lieber Frank, es tut mir furchtbar leid, aber die ProbeFrank Wedekind notierte am 16. und 17.4.1907: „Tilli hat Probe“ [Tb]. Tilly Wedekind probte die weibliche Hauptrolle im Trauerspiel „Ghetto“ von Herman Heijermans, die sie früher schon am Kleinen Theater gespielt hatte [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 15.11.1905 und 1.1.1906], für die Aufführung des Stücks am Wiener Bürgertheater, mit dem das Ensemblegastspiel des Kleinen Theaters eröffnet wurde, wie die Presse ankündigte: „Im Wiener Bürgertheater eröffnen morgen (Samstag) abend die Künstler des Kleinen Theaters zu Berlin ihr auf 14 Tage berechnetes Gastspiel mit Heyermans ‚Ghetto‘. Unter den Mitwirkenden befinden sich Emanuel Reicher und Frau Tilly Niemann-Wedekind.“ [Wiener Zeitung, Nr. 91, 20.4.1907, S. 3] Premiere war am 20.4.1907 (Samstag), weitere Vorstellungen von „Ghetto“ fanden am 21., 22. und 25.4.1907 statt (die Presse lobte Inszenierung und Darstellung); im Rahmen des Wiener Gastspiels wurde auch „Hidalla“ gespielt (Premiere am 27.4.1907). wird voraussichtlich etwas länger dauern. Bitte wartet mit dem Essen nicht auf mich, ich kann ja nachher essen. Ich werde mich natürlich möglichst beeilen.

Herzlichst
Tilly

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Wien, 28. April 1907 (Sonntag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Mein lieber Frank,

es hat mir so herzlich leid getan, dass ich Dir durch mein KrankseinWedekind notierte am 27.4.1907 die „Hidalla“-Premiere im Rahmen des Ensemblegastspiels des Berliner Kleinen Theaters am Wiener Bürgertheater und die Erkältung seiner Frau: „Hidallapremiere im Bürgertheater in Wien. [...] Tilly ist erkältet“ [Tb]. Er spielte die Rolle des Karl Hetmann, sie die Rolle der Fanny Kettler [vgl. Neues Wiener Journal, Jg. 15, Nr. 4853, 27.4.1907, S. 14]., die Freude an Deinem ErfolgeDie „Hidalla“-Premiere am Bürgertheater (siehe oben) war am Morgen danach in der Wiener Presse als das „bedeutungsvollste Theaterereignis der Saison“ bezeichnet worden und Wedekind fand großes Lob, seine Frau weniger: „Wedekind [...] warf seine klaren Sätze ins Parkett, scharf und schneidend, und über seinem starren Gesicht leuchteten die schönen, eindrucksvollen Augen. [...] Frau Newes-Wedekind war zu schwach für ihre schwere Aufgabe. Das Publikum bereitete dem Schauspiel eine stürmische Aufnahme und rief den Dichter oft vor den Vorhang.“ [Neues Wiener Journal, Jg. 15, Nr. 4854, 28.4.1907, S. 12] Felix Salten hat sie in seiner großen Besprechung nicht einmal erwähnt, Wedekind dagegen besonders gewürdigt; er sei „ein Dichter von einer bezwingenden, neuartigen Kraft. [...] Noch niemals hat Wedekind bei uns so viel Verständnis gefunden und so lauten Erfolg gehabt wie gestern.“ [Felix Salten: Frank Wedekind und „Hidalla“. In: Die Zeit, Jg. 6, Nr. 1649, 28.4.1907, Morgenblatt, S. 1-3] verdorben habe. Aber sieh mal, ich habe mir ja selbst auch alles verdorben. Ich habe mich so darauf gefreut nach so langer ZeitTilly Wedekind stand nach der Geburt ihrer Tochter Pamela Wedekind (12.12.1906) bei dem Wiener Gastspiel des Kleinen Theaters (siehe oben) zunächst (noch nicht erkältet) am 21.4.1907 in der Premiere von „Ghetto“ (das Stück von Herman Heijermans stand vor dem Wedekinds auf dem Programm), dann bei der Premiere von „Hidalla“ am 27.4.1907 (nun erkältet) erstmals wieder als Schauspielerin auf der Bühne. wieder eine Rolle zu spielen. Und dann kann ich kein Wort sprechen ohne dass es mir weh tut.

Und die Erkältung an u. | für sich ist ja schließlich auch kein so ausserordentliches Vergnügen. Ich hätte kein Wort darüber verloren, u. habe Dich ja auch so wenig wie möglich damit belästigt. Aber Unliebenswürdigkeit kannst Du mir nicht vorwerfen, wo ich mich ja so wie so immer entschuldige, dass ich auf der Welt bin.

Lieber Frank, ich will Dir nicht weiter das Leben | verbittern, alles scheitert an mir, immer bin ich die Spielverderberin. Ich kann u. will nicht weiter denken, u. bitte Dich auch nicht mit mir darüber zu sprechen.

Ich hab’ Dich zu lieb, um Dich unglücklich zu machen, u. kann’s auch nicht ertragen in Deinen Augen immer mehr u. mehr zu verlieren.

Tilly |

Ich habe immer mein Bestes für Dich gegeben, Du sagst selbst, ein Lump tut mehr als er kannZitat eines Aperçus von Wedekind, das in einem anderen Brief direkt von ihm belegt ist: „Ein Lump thut mehr als er kann.“ [Wedekind an Arthur Holitscher, 2.4.1907] Er hat es in der „Vorrede“ zu „Óaha“ (1909) wieder aufgegriffen: „Ein Lump thut mehr als er kann.“ [KSA 5/II, S. 313].

Einzelstellenkommentare

Wien, 1. Mai 1907 (Mittwoch)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Lieber Frank, ich fahre auf keinen Fall nach BudapestTilly Wedekind reiste dann doch mit nach Budapest, wo ihr Mann zu einem Ensemblegastspiel des Berliner Deutschen Theaters verpflichtet war (siehe unten). Frank Wedekind notierte am 9.5.1907: „Wir bringen das Gepäck aufs Schiff. [...] Fahrt zum Schiff. Wir legen uns in der Kajüte nieder zu Bett.“ [Tb] Und am 10.5.1907: „Donaufahrt nach Budahpest. Wir diniren mit Kapitän und Maschinenmeister. Einfahrt in Budapest.“ [Tb] Die Reise von Wien nach Budapest fand im Rahmen der Gastspielreise des Berliner Deutschen Theaters statt, das auch die Reisekosten trug, wie Wedekind am 15.5.1907 notierte (Felix Hollaender war Dramaturg am Deutschen Theater): „Abrechnung mit Holländer. Er bezahlt mir Kr. 780.‒ (4 Spielhonorare. Reise e.ct.)“ [Tb]. Frank und Tilly Wedekind reisten dann am 15.5.1907 von Budapest nach Graz, um Tilly Wedekinds Familie zu besuchen, traten die Rückreise von dort am 19.5.1907 zunächst nach Wien an und reisten von Wien am 21.5.1907 zurück nach Berlin [vgl. Tb]. mit. Ich will Dir nicht wieder alles verderbenHinweis auf Spannungen zwischen Tilly Wedekind und ihrem Mann. Frank Wedekind hatte in Budapest im Lustspieltheater im Rahmen des Ensemblegastspiels des Berliner Deutschen Theaters (Direktion: Max Reinhardt) am 11. und 12.5.1907 den vermummten Herrn in „Frühlings Erwachen“ zu spielen [vgl. Tb] sowie am 14.5.1907 in einer Matinee wohl auch im „Kammersänger“ oder jedenfalls bei dieser Matinee aufzutreten: „Klägliche Kammersängervorstellung. Ich lese Totentanz, singe zur Guitarre.“ [Tb]. Ich kann ja solange in Prag bleiben. – Falls ich je nochmals schwanger werden sollte, bleibt mir nichts übrig, als entweder mir das Kind abzutreiben, oder mich von Dir zu trennen. Denn ich habe keine Lust mir fortwährend vorhalten zu lassen, ich sei immer krank. Und meine Krankheit hat nur daraus bestanden. Das Bischen ErkältungWedekind notierte am 27.4.1907 in Wien (seit dem 20.4.1907 waren er und seine Frau im Rahmen eines Ensemblegastspiels des Berliner Kleinen Theaters am Wiener Bürgertheater in der Stadt, wobei er in „Hidalla“ die Rolle des Karl Hetmann spielte, sie die Rolle der Fanny Kettler, sie außerdem in „Ghetto“ von Herman Heijermans auf der Bühne zu stehen hatte): „Hidallapremiere im Bürgertheater in Wien. [...] Tilly ist erkältet“ [Tb]. Seine Frau ist schon einmal auf ihre Erkältung ausgerechnet bei der „Hidalla“-Premiere zu sprechen gekommen [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 28.4.1907]. kann jedem passieren, es ist Dir auch diesen Winter passiert, u. hattest Du vorigen | Sommer öfter Erbrechen usw. Aber entschuldige, ich liebe es nicht, alte Geschichten immer u. immer aufzuwärmen. Ich bin überzeugt, dass ich oft hässlich u. ungerecht war; ich war zuweilen eben auch nicht Herr meiner selbst, wie Du’s jetzt bist. Sonst würdest Du einsehen, dass es ungerecht ist mir immer die UnannemlichkeitenSchreibversehen, statt: Unannehmlichkeiten. vorzuwerfen, die ich Dir ja gemacht habe. Denn ich habe diesen Winter auch mehr durchgemacht, als mein ganzes, vorhereiges Leben, u. ich glaube, | andere Frauen machen noch viel mehr Geschichten dabei.

Was meine Hüte u. Kleider anbelangt, so glaube ich auch das Recht zu haben, als Frau Frank Wedekind etwas auf mein Äusseres zu halten. Und wenn man jung u. hübsch ist, putzt man sich eben gern, ich halte dies für kein Verbrechen. Die Damen im kl. Theater haben mindestens ebensoviel Kleider u. Hüte. Um immer Vorwürfe darüber zu hören, dazu hätte ich Dich nicht heiraten brauchen, dassSchreibversehen, statt: das. hatte ich schon früher von meinen Verwandten zur Genüge. |

Es ist gewiss sehr viel zusammen gekommen, u. werde ich nicht mehr soviel für mich ausgeben, das verspreche ich Dir.

Sei bitte nicht böse, dass ich Dir das alles sage. Es hat mich sehr gekränkt. Aber ich weiß ja, Du bist so überarbeitet, Dir ist es nie so schlecht gegangen, wie jetzt. Ich bitte Dich daher, jetzt ganz Dir selbst u. Deiner Erholung zu leben. Ich bin zu allem bereit, u. will mich bemühen, Dir’s recht zu machen.

Aber bitte, sprechen wir nicht mehr von all’ den Dingen, sonst hab’ ich nicht den Mut zu glauben, dass es je besser wird.

Herzlichst Deine Tilly

Einzelstellenkommentare

Prag, 28. Juni 1907 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

Absender:


Korrespondenz-Karte.


An Frau Tilly Wedekind
in Berlin W
Kurfürstenstrasse 125. |


Geliebte Tilly, es ist vorüberWedekinds Auftritt als vermummter Herr in der Gastspielpremiere von „Frühlings Erwachen“ am 28.6.1907 am Deutschen Volkstheater (Direktion: Wilhelm Hopp) in Prag (Beginn: 19 Uhr, Ende nach 21.30 Uhr): „Gastdarstellung von Frank Wedekind und Rudolf Schildkraut mit Mitgliedern des Deutschen Theaters in Berlin.“ [Prager Tagblatt, Jg. 31, Nr. 176, 28.6.1907, Morgen-Ausgabe, S. 15]. ich sitze hundemüdeWedekind ist am 28.6.1907 von Berlin nach Prag gereist, stand dort dann abends auf der Bühne (siehe oben) und saß nun mit zwei Mitarbeitern der deutschsprachigen Prager Tageszeitung „Bohemia“ (siehe unten) erschöpft in einem Weinlokal. mit Felix Adler und einem seiner CollegenRichard Rosenheim, seinerzeit Redakteur der „Bohemia“, Kollege von Felix Adler, der seit 1906 Musikkritiker der „Bohemia“ war. und denke Deiner im Stillen. Ich werde Morgen und übermorgenAm 29. und 30.6.1907 fanden weitere Vorstellungen des Ensemble-Gastspiels des Berliner Deutschen Theaters mit „Frühlings Erwachen“ am Deutschen Volkstheater in Prag statt. noch spielen. komme also voraussichtlich Montagder 1.7.1907, an dem Wedekind notierte: „Rückfahrt nach Berlin im Speisewagen bei prachtvollem Wetter. Tilly holt mich ab.“ [Tb] Abend. Dir und Pamela sende ich herzlichste Grüße. Morgender 29.6.1907, an dem Frank Wedekind Tilly Wedekinds Onkel Adolf Engländer, „Direktor der Filiale der Österreichischen Kreditanstalt in Prag“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 54], zwar aufsuchte, ihn allerdings nicht antraf [vgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 30.6.1907], sondern erst an seinem Abreisetag, am 1.7.1907: „Diniere mit Direktor Engländer.“ [Tb], wenn ich aufgestanden, gehe ich zu Deinem Onkel. Jetzt werden wir noch ein Glas Wein trinken. Von Herz und Seele
Dein Frank.

Blauer SternWedekind logierte in Prag im Hotel Blauer Stern (Am Graben 34), nicht im Hotel Erzherzog Stephan (Wenzelsplatz)., nicht Erzherzog Stephan.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 28. Juni 1907 (Freitag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Freitagder 28.6.1907, vermutlich abends zwischen 23.30 und 24 Uhr (nachdem Adele Sandrock sich auf den Heimweg gemacht hat) zu Papier gebracht – im Anschluss an den zuvor abends am 28.6.1907 geschriebenen Brief (als Adele Sandrock noch auf dem Balkon saß). abends.


Innigst geliebter Frank,

es ist nichts Neues vorgefallen. Es geht uns sehr gut, u. hoffen wir von Herzen, dass Du Dich auch wohl fühlst. Anna Pamela liegt in meinem Bett, wir werden zusammen schlafen. Die Durieux hat auf mich gewartetZusammenhang nicht ermittelt., u. | fuhren wir in einer Droschke nach Hause.

Von ganzem Herzen
Deine Tilly

Einzelstellenkommentare

Berlin, 28. Juni 1907 (Freitag)
von Wedekind, Tilly und Sandrock, Adele
an Wedekind, Frank

Freitagder 28.6.1907. abends.


Geliebter Frank,

als ich von der Bahn kamTilly Wedekind hat Frank Wedekind zum Aufbruch zu seiner Gastspielreise nach Prag morgens am 28.6.1907 in München an den Bahnhof gebracht: „Tilly begleitet mich zum Bahnhof. Fahrt nach Prag. Adeles verflossener Bräutigam.“ [Tb] Ob der als ehemaliger Bräutigam Adele Sandrocks bezeichnete nicht identifizierte Mann, der offenbar mit Frank Wedekind im Zug saß, der Grund war für Tilly Wedekinds Besuch bei Adele Sandrock (und später sie bei ihr), kann nur vermutet werden., war Anna Pamela eben im Begriff auszugehenmit Agnes, „Amme und Kindermädchen bei Wedekinds.“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 58] Pamela Wedekind, geboren am 12.12.1906, war gerade ein halbes Jahr alt.. Ich gieng mit u. wir blieben bis Mittag. Um 1 hab’ ich gegessen; als die ärgste Hitze vorbei war, giengen wir zu Adele. Du wirst eine sehr heiße Fahrt gehabt haben? Nicht? Deine Tochter lässt | für den Gruß danken u. schickt Grüße u. Küsse. Jetzt schläft sie.

Auf dem Balcon sitzt Adele, trinkt Rotwein u. raucht Cigaretten. Übrigens hat sie heute herrlich gesungenZusammenhang nicht ermittelt.! Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Wann kommst Du wieder | zu mir?

Innigen Kuss, geliebter Frank!

Deine Tilly |


Lieber genialer Freund.

Adele saß mit Tilly auf deines Daches Zinnenleicht modifiziertes Zitat des Auftaktes von Friedrich Schillers populärer Ballade „Der Ring des Polykrates“ (1798): „Er stand auf seines Daches Zinnen“ (scherzhaft selbstironisch verwendet, auf die Wechselfälle von Glück und Unglück anspielend)., ich trank dir, aus wüster Verzweiflung über den bösen Sonnenvogelein Sperlingsvogel, auch Chinanachtigall genannt; hier: Pseudonym für eine nicht identifizierte Person, mit der Adele Sandrock in Beziehung stand, möglicherweise angeregt durch die Operette „Der Sonnenvogel“ (1904) von Victor Hollaender (Textbuch von Georg Okonkowsky und Rudolf Schanzer nach einer Novelle von Franz Herczeg), die zeitgenössisch zum Repertoire verschiedener Bühnen gehörte. Adele Sandrock hat gegenüber Wedekind bei den Proben zur Aufführung der „Büchse der Pandora“ (sie fand zensurbedingt nicht statt) am Deutschen Theater am 18.9.1906 über diese Person gesprochen, wie Wedekind notierte: „Pandoraprobe. Adele hat sich mit dem Sonnenvogel verzankt.“ [Tb] Es hat sich wohl um eine Sängerin gehandelt, wie Hermann Bahrs Notiz vom 7.10.1907 über die „Sandrock“ vermuten lässt, „die jetzt richtig ein rasendes Verhältnis mit einer sehr schwarzen, sehr burschikosen, sehr merkwürdigen (ich kenn sie übrigens nicht, sondern urteile nur nach dem Aussehen) Altistin von der Komischen Oper hat“ [Tb Bahr, Bd. 5, S. 299]. Die Sängerinnen an der Komischen Oper in Berlin waren seinerzeit (die jeweilige Stimmlage war nur teilweise zu ermitteln, wobei zu bedenken ist, dass Alt-Rollen auch von Sängerinnen mit Mezzosopran gesungen wurden): Lola Artôt de Padilla (Sopran), Margarete Bruntsch (Alt), Bertha Deetjen, Emmy Delmar, Lotte Gaßner (Sopran), Erna Gressin, Marietta Horak (Sopran), Isabella L’Huillier (Sopran), Maria Labia (Sopran), Ilse Lorenz, Drusilla Mantler, Adelheid Pickert (Sopran), Rosa Sachse-Friedel, Ery Urban (Sopran), Aenne Wiegrebe, Anna Willner, Bertha Wohlgemut [vgl. Neuer Theater-Almanach 1908, S. 263f.]. eine Flasche Rothwein aus! – Tilly hat mich so herzensgütig getröstet, sie ist bei Gott ein Engel! Ich bin das größte Rindviech das auf der Welt lebt, sage Nichts, denn es ist so! – Auf frohes Wiederseh’n; dein Kind ist geradezu süß, so wie die Mutter. In inniger Freundschaft
deine Adele.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 29. Juni 1907 (Samstag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

Samstag abends.


Mein einzig, geliebter Frank,

ich konnte gestern nur flüchtig schreibenvgl. Tilly Wedekind, Adele Sandrock an Frank Wedekind, 28.6.1907., da ich Adele doch nicht solange allein lassen konnte. Sie war bis ½ 12 Uhr23.30 Uhr. bei mirAdele Sandrock war am 28.6.1907 zu Besuch bei Tilly Wedekind, zu deren Brief an Frank Wedekind sie einen eigenen an ihn beilegte (siehe oben).. Sie ist wirklich ein armes Geschöpf, u. hat mir von Herzen leid getan. Morgen, oder übermorgen will sie schon wegfahrenAdele Sandrock reiste demnach entweder am 30.6.1907 oder am 1.7.1907 nach Heringsdorf, das Ostseebad auf der Insel Usedom., nach Heringsdorf. So wird aus unserem Abend leider nichts. |

Ich habe heute nichts erlebt. Vormittag war ich zu Hause, u. wie ich gestehen muss, sehr fleißig. Nachmittags war ich im Kaufhaus, (es hat nicht viel gekostet) u. dann bei Frau Langenicht identifiziert.. Ich hab’ ihr 30 M. gegeben.

Du gehst mir sehr ab, Frank. Dein Zimmer, in dem ich schreibe, sieht vollständig unbewohnt aus. Ich sehne mich sehr danach, Dich morgenden 30.6.1907; Wedekind reiste erst am 1.7.1907 von Prag zurück nach Berlin, wo seine Frau ihn am Bahnhof empfing: „Rückfahrt nach Berlin im Speisewagen bei prachtvollem Wetter. Tilly holt mich ab.“ [Tb] um die Zeit | vom Bahnhof abholen zu können. Ich will Dir keine Liebeserklärung machen u. nicht sentimental werden, aber ich habe Dich von Herzen lieb, u. könnte keine lange Trennung ertragen.

Anna Pamela schläft leider wieder, u. lässt Dich innig küssen.

Leb’ wohl, Frank.

Deine Tilly

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Berlin, 30. Juni 1907 (Sonntag)
von Wedekind, Tilly und Wedekind, Pamela
an Wedekind, Frank

Postkarte


Böhmen
Prag
Hotel „Blauer Stern“
Herrn
Frank Wedekind


Sonntagder 30.6.1907..

Herzliche Grüße
senden
Anna Pamela
u. Tilly |


Gruss aus Berlin
Reichspostamt

Einzelstellenkommentare

Berlin, 30. Juni 1907 (Sonntag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Bildpostkarte an Tilly Wedekind vom 30.6.1907 aus Prag:]


[...] eben bekomme ich Dein Telegramm.

Einzelstellenkommentare

Prag, 30. Juni 1907 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

CORRESPONDENZ-KARTE


Frau Tilly Wedekind
Berlin W.
Kurfürstenstraße 125


Geliebte Tilly, eben bekomme ich Dein Telegrammnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 30.6.1907.. Gestern war ich bei Deinem OnkelTilly Wedekinds Onkel Adolf Engländer, „Direktor der Filiale der Österreichischen Kreditanstalt in Prag“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 54], den Frank Wedekind zu besuchen angekündigt hatte [vgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 28.6.1907] und am 1.7.1907 traf: „Diniere mit Direktor Engländer.“ [Tb] der aber aufs Land gereist war um seine Damen zu besuchen. Ich werde heute noch einmal vorsprechen. Hier ist großes Nationalfest„Das Turnfest des tschechisch-slowakischen Sokolverbandes (gegr. 1862), der nach dem Vorbild der deutschen Turnbewegung eine national geprägte Turnbewegung initiierte, die zu einem bedeutsamen Impulsgeber nicht nur der tschechisch-slowakischen Nationalbewegung wurde, sondern bald auch in anderen slawischen Ländern Fuß fasste.“ [Vinçon 2018, S. 55] Wedekind notierte am 30.6.1907: „Von 11-1 Uhr Vorbeimarsch der Sokolvereine.“ [Tb]. Gestern Abend war ich ganz allein aber zu müde um zu schreiben. Also Morgen Abend 10 Uhr 2222.22 Uhr. Wedekind notierte am 1.7.1907: „Rückfahrt nach Berlin im Speisewagen bei prachtvollem Wetter. Tilly holt mich ab.“ [Tb] Anhalter Bahnhof.

Herzliche Grüße an Dich und A. P. Dein Frank. |


Gruss aus Prag!
Der altstädter Brückenturm. ‒ 26

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Berlin, 8. Juli 1907 (Montag)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

[1. Entwurf:]


Geliebter Frank, Ich danke Gott, dass Dir nichts geschehen ist u. bitte Dich von ganzem Herzen um Verzeihung. Erlaubst Du mir Dir heute Nachmittag Dein Gebäckmöglicherweise Schreibversehen, statt: Gepäck [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 12.7.1907]. zu bringen? Ich fahre gleich wieder zurück u. morgen abend nach Wien. Ich möchte nicht so von Dir gehen.

Innigst Dir ergeben Deine Tilly


[2. Abgesandtes Telegramm:]


frank wedekind leipzig
hauptpostlagerndvgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 8.7.1907 (das erste Telegramm unter diesem Datum). =


Telegraphie des Deutschen Reiches.
Amt Leipzig.


Telegramm v berlin [...]


= geliebter frankWedekind hat den Empfang des Telegramms am 8.7.1907 notiert: „Telegramm von Tilly.“ [Tb], ich danke gott, dass dir nichts geschehen ist u bitte dich von ganzem herzen um verzeihungEs hatte Spannungen in der Ehe gegeben; wohl „auf Drängen Wedekinds, der sich in seiner schriftstellerischen Arbeit eingeschränkt fühlte“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 56], beschlossen Frank und Tilly Wedekind, einige Tage getrennt zu verreisen (er nach Leipzig, sie nach Graz), wie das Tagebuch teilweise dokumentiert – so am 6.7.1907 („Wir beschließen daß Tilly auf einige Tage nach Graz geht. Ich kaufe die Schlafwagenplätze. Tilly bekommt einen Anfall“) und am 7.7.1907 („Tilly packt meinen Koffer. Spaziergang. Abendessen bei Treppchen. Heimfahrt Anfall“). Frank Wedekind ist in der Nacht vom 7. auf den 8.7.1907 „kurz nach Mitternacht nach Leipzig“ abgereist, nach dem letzten ‚Anfall‘ Tilly Wedekinds, der wohl ausgelöst war durch die „geplante Trennung“, wofür sie sich hier entschuldigte – und sie „reiste ihm hinterher.“ [Vinçon 2018, Bd. 2, S. 56].. erlaubst du mir heute nachmittag dein gebaeck zu bringen? ich fahre gleich wieder zurueck u. morgen abend nach wien. ich moechte nicht so von dir gehen. = innigst dir ergeben – deine tilly.

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Leipzig, 8. Juli 1907 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

frau tilly wedekind berlin
kurfuerstenstr. 125 =


Telegraphie des Deutschen Reichs.
Berlin, Haupt-Telegraphenamt.


Telegramm aus [...] Leipzig [...]


liebe tilly wenn du etwas brauchst dann schreibe oder telegraphire bitte leipzigWedekind hat am 8.7.1907 notiert: „Ich fahre nach Leipzig“ [Tb], seine frühe nächtliche Abfahrt von Berlin um 0.30 Uhr und seine Ankunft in Leipzig morgens um 6 Uhr früh: „6 Uhr Ankunft in Leipzig ½1 Uhr Abfahrt v. Berlin“ [Tb] sowie in Leipzig „Frühstück im Café Bauer“ [Tb]. hauptpostlagernd ich habe noch hauptpostlagernd habe noch kein logis wohne aber wahrscheinlich hotel hauffe beste gruesze = frank.

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Leipzig, 8. Juli 1907 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

tilly wedekind berlin
kurfuerstenstrasze 125=


Telegraphie des Deutschen Reichs.
Berlin, Haupt-Telegraphenamt.


Telegramm aus leipzig [...]


ich erwarte dichWedekind reagierte auf ein Telegramm seiner Frau [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 8.7.1907], die dem Tagebuch zufolge am 8.7.1907 um 19 Uhr in Leipzig eintraf („Um 7 Uhr kommt Tilly“) und am 9.7.1907 wieder nach Berlin abreiste („Ich begleite Tilly zur Bahn“). herzlichst = frank

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Graz, 10. Juli 1907 (Mittwoch)
von Wedekind, Tilly
an Wedekind, Frank

frank wedekind leipzig hotel hauffe =


Telegraphie des Deutschen Reiches.
Amt Leipzig.


Telegramm aus [...] graz [...]


geliebter trankÜbertragungsfehler, statt: frank. inigstÜbertragungsfehler, statt: innigst. erfreut durch dein telegrammvgl. Frank Wedekind an Tilly Wedekind, 10.7.1907. sende ich dir tausend gruesze. alles ging gut vomÜbertragungsfehler, statt: von. herzen = deine tilli.

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Leipzig, 10. Juli 1907 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Tilly

= frau wedekind bei newes
brandhofgasse 1 graz =


Telegramm
aus
[...] leipzig [...]


geliebte tilly hoffentlich seid ihr gut angekommenTilly Wedekind ist mit ihrer Tochter Pamela am 9.7.1907 von Berlin über Wien nach Graz zu ihrer Familie gereist und schilderte ihrem Mann die Einzelheiten brieflich [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 12.7.1907]. gruesze eltern schwestern und brueder. gruss an annapamela. auf recht baldiges wiedersehn = frank.

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