Briefwechsel

Eichler, Max und Wedekind, Frank

2 Dokumente

München, 9. Januar 1905 (Montag)
von Eichler, Max, Blei, Franz, Scharf, Ludwig, Steiger, Edgar, Vrieslander, Otto, Dreßler, Anton und Vrieslander, John Jack
an Wedekind, Frank

Postkarte


Herrn
Frank Wedekind
Schriftsteller
Hier – Selbst
Franz Josephstraße 42/r |


[Foto]

Sünde istDer faksimilierte Satz „Sünde ist eine mythologische Bezeichnung für schlechte Geschäfte“ (darunter gesetzt der ebenfalls faksimilierte Namenszug des Autors) stammt aus dem „Marquis von Keith“ und ist ein Zitat der Titelfigur zu Beginn des 2. Aufzugs [vgl. KSA 4, S. 171]. Der Satz findet sich außerdem als Aperçu in der Liste der Aphorismen „Also sprach der ‚Marquis von Keith‘“ [vgl. Frank Wedekind: Also sprach der „Marquis von Keith“. In: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, Jg. 7, Nr. 49, Dezember 1902, S. 826; KSA 5/II, S. 191]. eine mythologische Bezeichnung für schlechte Geschäfte.
Frank Wedekind.


Tugend istDer Satz „Tugend ist eine mythologische Bezeichnung für schlechte Säfte“, den Max Eichler unter Wedekinds faksimiliertem Satz „Sünde ist eine mythologische Bezeichnung für schlechte Geschäfte“ geschrieben hat, greift diesen auf und formuliert ihn um („Tugend“ statt „Sünde“, „Säfte“ statt „Geschäfte“), um ihn im Rekurs auf die als Charakterlehre tradierte Humoralpathologie („schlechte Säfte“) als Aperçu variierend zu unterstreichen. eine mythologische Bezeichnung für schlechte Säfte. Gruß
Max EichlerBegegnungen mit dem Maler und Zeichner Max Eichler notierte Wedekind am 1.6.1904 („Von Eichler gemalt“), 17.9.1904 („Ich werde bei Eichler photographirt. Er macht eine Skizze von mir“), 17.1.1905 („Mit Anna von Seidlitz, Blei und Eichler im Café de l’Opéra“), 26.1.1905 („mit Eichler, Anna v. Seidlitz und Dreßler in der Torggelstube“), 1.2.1905 („mit Dreßler Eichler Langheinrich und Anna Torggelstube“), 3.2.1905 („Mit Gerhäuser Anna v. Seidlitz und Eichler bis 5 Uhr im Café de l’Opéra“) und 6.2.1905 („Nachts in der Torggelstube mit Anna Langheinrich Dreßler Lotte Eichler, Scharf“) im Tagebuch. Bei den Begegnungen teilweise dabei waren Franz Blei, Anton Dreßler und Ludwig Scharf, die auf der vorliegenden Gruppenpostkarte ebenfalls vertreten sind.


Man bittetDer Satz „Man bittet, sich aber nicht zu erkälten“ bezieht sich auf das Lied „Mein Lieschen“ [KSA 1/II, S. 94f.], 1901 mit allen drei Strophen in der Reihe der „Brettl-Lieder von Frank Wedekind“ veröffentlicht [vgl. KSA 1/IV, S. 989, 993], das 1905 gleichlautend als Gedicht gedruckt wurde; sein erster Vers lautet: „Mein Lieschen trägt keine Hosen“, die dritte Strophe lautet: „Wie leicht kann sie sich beim Hupfen / Erkälten, eh’ sie’s gedacht; / Und bleibt ihr auch nichts als ein Schnupfen, / Man nimmt sich doch lieber in acht.“ [KSA 1/I, S. 628] Wedekind brachte das Lied 1901 bei den Elf Scharfrichtern und 1904 bei den Sieben Tantenmördern in München zum Vortrag [vgl. KSA 1/IV, S. 1000f.]., sich aber nicht zu erkälten (siehe Mein Lieschen!)!


In diesem Zeichen sollst Du siegen. AntonBegegnungen mit dem befreundeten Musiker Anton Dreßler notierte Wedekind häufig im Tagebuch, gelegentlich mit dem Vornamen, wie am 12.9.1904 („Abends mit Anton und Lotte in der Bar“) und 27.6.1905 („mit Anton und Lotte in der Torggelstube“), überwiegend aber mit dem Nachnamen..


Du hast das Zweite Gesichteine prophetische Gabe haben (Redewendung), auch: unbekannte Seite einer Person, Charakterzüge, die sie zu verbergen sucht.! Blei


Otto VrieslanderBegegnungen mit dem Musiker Otto Vrieslander hat Wedekind im Tagebuch nicht notiert.


John Jack VrieslanderBegegnungen mit dem Grafiker John Jack Vrieslander (d.i. Hans Zarth) hat Wedekind im Tagebuch nicht notiert.


Jott, wie haben se Dir zujericht(berlinerisch) Gott, wie haben sie Dich zugerichtet. – diese Kunst-ZapanausenWortneuschöpfung, wohl Verballhornung von ‚Banausen‘.!
Ludwig Scharf


Sind das Poeten? Oder DikobekenWortneuschöpfung, wohl Verballhornung von ‚Dichtern‘.?

EdgarDen Schriftsteller und Journalisten Edgar Steiger kannte Wedekind als Mitarbeiter des „Simplicissimus“; er notierte im Tagebuch gelegentlich Begegnungen mit ihm, so am 16.6.1904 („Abend mit Steiger“) oder am 12.9.1907 („Abends treffe ich Edgar Steiger auf dem Hofbräuhauskeller“).

Einzelstellenkommentare

München, 11. Mai 1905 (Donnerstag)
von Eichler, Max
an Wedekind, Frank

Postkarte


Frank Wedekind |


[Zeichnung]

MARY IRBERDas Bildmotiv spielt an auf Wedekinds enges Verhältnis zu der Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin, die „ihn in ihren Bann gezogen“ hatte und „mit der er zusammen im Kabarett auftrat“ [Vinçon 1987, S. 66], im Künstler-Kabarett Die Sieben Tantenmörder (dann: Intimes Theater) ‒ „unsere Diva war die schöne junge Mary Irber, Frank Wedekinds ‚Venus Duplex Amathusia‘“ [Mühsam 2003, S. 103]; als „Venus duplex amathusia“ ist sie in Wedekinds Lied „An Mary Irber“ [KSA 1/III, S. 162f., 423f.] bezeichnet, das als Gedicht „An Mary“ [KSA 1/I, S. 533] am 20.3.1905 in der Münchner Zeitschrift „Strandgut“ erschien und unter dem Titel „Meiner entzückenden Kollegin Mary I.“ in die Sammlung „Die vier Jahreszeiten“ aufgenommen wurde [vgl. KSA 1/II, S. 1879-1881].

gez Max Eichler 1904


Ich kam völlig ohne WaffenBei dieser Zeile und dem weiteren Text bis zum Ausrufungszeichen könnte es sich um ein (nicht ermitteltes) Zitat handeln.,
doch man machte mir nicht auf
abwesend war der Körper, schlief der Geist! Mit Gruss u. Bitte um Nachricht
ins Krankenhaus r. d. Isardas städtische Krankenhaus rechts der Isar (im Unterschied zum größeren Krankenhaus links der Isar), eine Unfallklinik in München.. Max Eichler


11/5. 1905


Gruss u. Kuss an „Frau Eichlernicht identifiziert (die Frau stand wohl in engerer Verbindung mit Max Eichler) – der in Anführungszeichen gesetzte Name verweist auf eine pseudonyme Existenz. „Frau Eichler“ (eine Witwe) ist eine Nebenfigur in Hermann Conradis Roman „Phrasen“ (1887).

Einzelstellenkommentare