Briefwechsel

Schibler, Oskar (Hildebrand) und Wedekind, Frank

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Aarau, 27. November 1879 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

[1. Entwurf:]


November 1879.

Amico(lat.) Dem Freund Oskar Schibler gewöhnlich genannt Hildebrand von Kater.
Oscaro Schibleri
v/o Hildebrand
a
Katre |


Seinem vielgeliebten, nie vergessenen Schul- und Kneipgenossen
Hildebrand

November 1879.

KaterKneip- oder Biername, den Wedekind auch bei den wöchentlichen Klassenkneipen benutzte [vgl. KSA 1/II, S. 1425]..


1. Philosophirender,
Nie präparirender,
Immer abfahrender,
Tugend bewahrender
Göttlicher Mensch!


2. Durch die schwersten Schicksalsschläge
Fliegst du ohne umzusehn,
Doch steht eine Kneip’ am Wege
Kannst du nicht vorübergehn.


3. Gern carisiren/st/der, du,
Besen verführen/st/der du,
Herrlich trompetest du,
Öfters auch betest du,
Großes Genie!


4. Also träumst du durch das Leben
Mit dem Bierglas in der Hand,
Und rauchst O.... daneben
Viel gepries’ner Hildebrand!


5. Nicht zu vergessen ist
Daß Du ein Turner bist,
Und den gefüllten Wanst
Mörderisch krümmen kannst
Wie das Gewürm |


6. Doch aus einer edlen Sphäre
Stammet diese Riesenkraft,
Saufst wie wenn es Wasser wäre,
Schnaps u. Wein und Gerstensaft.


7. In der vollen Kneipe zu cantiren,
Den Dreibatzigen zu tribuliren,
Mit den Besen zu correspondiren,
Das ist dein Genuß.
Wenn sie auch die Briefe refüsiren,
Wenn du Sonntags darfst den Carcer zieren,
Kannst du Deinen Muth doch nicht verlieren,
Dier/r/ ist’s kein Verdruß.


8. Wenn dann die ganze Welt
Einstmals in Trümmer fällt,
Gerstensaft, Schnaps und Wein
Fließt in das Meer hinein


9. Dann erhebt sich aus dem Grabe,
In der dürren Todtenhand
Ein Glas Bier, die einzge Habe,
Unser vulgo Hildebrand.


10. Auf das Wohlsein seiner Brüder
Leert er es auf selbger Stelle
Bis zum Grund, und setzt es nieder,
Wird zu Staub, und fährt zur
Hölle.


In Ewigkeit
Kater


[2. Abgesandter Brief:]


OdaOda sacrata amico, condiscipuloque, compotorique Hildebrand in summa amicitia a Katere. (lat.): Die dem Freund, Mitschüler und Kneipbruder Hildebrand in höchster Freundschaft von Kater geweihte Ode.
sacrata
amico, condiscipuloque, compotorique
HildebrandKneip- oder Biername Oskar Schiblers.
in summa amicitia
a
Katere. |


1. Philosophirender,
Nie präparirender(lat.) sich (auf den Unterricht) vorbereitender.,
Immer abfahrender,
Tugend bewahrender
Göttlicher Mensch!


2. Durch die schwersten Schicksalsschläge
Fliegst du ohne umzusehn;
Doch steht eine Kneip am WegeDer „Wirthshausbesuch“ war den jüngeren Schülern bis zur ersten Klasse des Gymnasiums und der Gewerbeschule der Kantonsschule Aarau nur mit Erziehungsberechtigten (insbesondere Eltern, Lehrer) erlaubt. Oskar Schibler und Wedekind besuchten die erste Gymnasialklasse. Die Schüler der zweiten bis vierten Klasse des Gymnasiums und der Gewerbeschule hatten beim Besuch der erlaubten Kneipen, deren Namen die Lehrerversammlung zu Beginn eines Schuljahres bekanntgab, strenge Auflagen einzuhalten. Die Schüler durften die Kneipen nur zwischen 6 und 10 Uhr abends aufsuchen, die Besuche nicht zur Gewohnheit werden lassen und nicht „in regelmäßiger Gesellschaft“ erscheinen. Der Rückzug in nichtöffentliche Räumlichkeiten war nicht gestattet und das Kartenspielen war zu meiden [vgl. u. a. das Programm der Aargauischen Kantonsschule. Aarau 1880, S. 8f.; Zitat, S. 8].,
Kannst du nicht vorübergehn.


3. Gern carisirest(schweiz.) schmeichelst, machst den Hof. du,
BesenIn der Verbindungssprache nicht pejorative Bezeichnung für Frauen [vgl. https://www.zofingia-aarau.ch/warum-beitreten/vocabular/, 25.8.2021]. verführest du,
Herrlich trompetestAn der Kantonsschule Aarau wurde gegen Aufpreis von 25 Franken Instrumentalunterricht angeboten. Im Schuljahr 1879/80 waren zwei Schüler für Blasinstrumente angemeldet, die von einem Herrn Frei unterrichtet wurden. du,
Öfters auch betest du
Großes Genie!

verte!(lat.) wenden! |


4. Also träumst du durch das Leben
Mit dem Bierglas in der Hand,
Und rauchst O.... daneben
Viel gepriesener Hildebrand!


5. Nicht zu vergessen ist,
Daß du ein TurnerDer Turnunterricht fand zweistündig zusammen mit der Parallelklasse der Gewerbeschule statt. Der Lehrplan sah neben Turnspielen „Riegenturnen“ im Sommer und „Gemeinübungen an den Geräthen“ im Winter vor. Im Turnen weit übertroffen haben dürfte Oskar Schibler seinen Freund Wedekind, der über die Noten 3-4 (genügend bis schwach) nicht hinauskam und ab Herbst 1881 – zunächst durch ärztliches Attest – von dem Fach dispensiert wurde [vgl. Wedekinds Zeugnisse 1779/84 in der Aargauer Kantonsbibliothek. Wedekind-Archiv B, Schachtel 8, Nr. 170 sowie Staatsarchiv Aargau. Bestand: Erziehungsdirektion und Erziehungsrat. Signatur: DE02/0167/03]. bist
Und den gefüllten Wanst
Mörderisch krümmen kannst
Wie das Gewürm.


6. Doch aus einer edlen Sphäre
Stammet diese Riesenkraft:
Saufst, wie wenn es Wasser wäre
Schnaps und Wein und Gerstensaft.


7. In der vollen Kneipe zu cantirenWortschöpfung, in Anlehnung an cantare (lat.): singen und cantus (lat.): Gesang. Wedekind dürfte im vorliegenden Kontext das Anstimmen von (Verbindungs-) Liedern gemeint haben.,
Den DreibatzigenGemeint war vermutlich der Pedell (Schulhausmeister) der Kantonsschule Aarau. In ihre Abschrift fügte Sophie Haemmerli-Marti zum Dreibatzigen die Erläuterung „Pedell“ ein. Das Wort ist aus dem Adjektiv dreibätzig, was drei Batzen kostet, abgeleitet und dürfte sich auf die Geldstrafe beziehen, die mit dem Arrest verbunden war und die Schüler dem Pedell bezahlen mussten. In der Disziplinarordnung vom 16.8.1870 war im Paragraphen §.27 festgelegt, dass für „jede bis auf sechs Stunden gehende Einsperrung [...] dem Pedell eine Gebühr von 30 Cents. und für mehr als sechs Stunden eine solche von 50 Cents. zu entrichten“ war [vgl. Staehlin 2002, S. 91]. zu tribulirenplagen, quälen.,
Mit den Besen zu correspondiren
Das ist dein Genuß.
Wenn sie auch die Briefe refüsirenablehnen, zurückweisen.,
Wenn du Sonntags darfst den Carcer(lat.) Kerker, Gefängnis; der Arrestraum in Schulen und Universitäten. In der Kantonsschule Aarau wurden die Schüler vom Pedell in Klassenzimmer eingesperrt [vgl. KSA 1/II, S. 980]. zieren,
Kannst du deinen Muth doch nicht verlieren,
Dir ist’s kein Verdruß.


8. Wenn dannDie folgenden beiden Verse sind einer seit dem frühen 19. Jahrhundert gesungenen Fassung der ersten Strophe des Kirchenlieds „O Jesu, einig wahres Haupt“ (gesungen nach der Melodie „Ein feste Burg ist unser Gott“) des Reformators Johann Menzer entlehnt. Im Jauerschen Gesangbuch von 1813 lautet die Strophe „O Jesu, einig wahres Haupt der heiligen Gemeine! die an dich, ihren Heiland glaubt, und nur auf dir alleine, als ihren Felsen steht, der nie untergeht, wenn gleich die ganze Welt dereinst in Trümmer fällt: erhör’, erhör’ uns, Jesu!“ [Johann Wilhelm August Scherer: Sammlung christlicher Lieder für die kirchliche Andacht evangelischer Gemeinen. Zunächst derer zu Jauer. Breslau und Jauer 1813, S. 449, Nr. 586]. die ganze Welt
Einstmals in Trümmer fällt
Gerstensaft, Schnaps und Wein
Fließt in das Meer hinein: |


9. Dann erhebt sich aus dem Grabe,
In der dürren TodtenhandDas schon aus Sagen und Märchen bekannte Motiv der „dürren Todtenhand“ wurde auch in und seit der Romantik wiederholt aufgegriffen, zum Beispiel in den Novellen Ludwig Tiecks „Das Zauberschloß“ oder „Abdallah“, die Wedekind bekannt gewesen sein dürften.
Ein Glas Bier, die einzge Habe,
Unser vulgo Hildebrand.


10. Auf das Wohlsein seiner Brüder
Leert er es auf selbger Stelle
Bis zum Grund, und setzt es nieder,
Wird zu Staub und fährt zur Hölle.


November 1879.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 31. Dezember 1880 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

[1. Entwurf:]


Das alte Jahr mit seinen großen Töpfen
Mit Pfeifen u. Cigarrenetuis
Es ist hinunter u. in unsern Köpfen
Entwickelt sich ein neues Paradies. –


Wir suchen unsere Glückseeligkeit
Noch suchen wir nicht die Vergangen Glückseeligkeit
In Wa/Ki/nderschuen, die wir erst zertraten
Auf Schaukelpferden u. bei Zinnsoldaten
Verachtung nur trifft d. Vergangenheit.


In ferne Zukunft schweifen unsere Blicke
Und leichten Herzens ziehen wir verwegen
An Plänen Schwanger aller Welt entgegen
Und kämpfen mit des Schicksals arger Tücke.


So/Drum/ ist uns jedeSchreibversehen, statt: jedes. neue Jahr willkommen.
Wir frangenSchreibversehen, statt: fragen. nicht: was bringt es uns auf Erden
er/Er/st fragen WirUmstellung der Reihenfolge „Wir fragen erst“ durch die Ziffern 3, 2, 1.: was wir ihm bringen werden.
Der Freiheit Wahn ist uns nicht nicht genommen. |


So können wir noch hoffnungsvoll Sylvestern
Und würden die lieben guten Väter
An nichts so gerne denken als an gestern
Versetzte wir uns 20 Jahre später
Wir träumen immer 20 Jahre später.


Doch weiß IchUmstellung der ursprünglichen Reihenfolge „Doch Ich weiß“ durch die Ziffern 1, 3. 2., die Jugendträume es sind nur Schäume
Und gern verzichte ich auch auf aller Andern
Erfüllung, wenn es das warSchreibversehen, statt: wahr. wird, was ich träume,
Daß ich mit dir soll durch das Leben wandern.


[2. Abgesandter Brief:]


Zum neuen Jahr 1881


caro amico(lat.) dem lieben Freund.
Hildebrand
Biername Oskar Schiblers, den er bei den Klassenkneipen trug..


Das alte Jahr mit seinen großen Töpfen,
Mit Pfeifen und Cigarrenetuis,
Es ist hinunter, und in unsern Köpfen
Entwickelt sich ein neues Paradies. –


Noch suchen wir nicht die Glückseeligkeit
In Kinderschuhen, die wir erst zertraten,
Auf Schaukelpferden und bei Zinnsoldaten –
Verachtung nur trifft die Vergangenheit.


In ferne Zukunft schweifen unsre Blicke,
Und leichten Herzens ziehen wir verwegen
An Plänen schwanger aller Welt entgegen
Und kämpfen mit des Schicksals arger Tücke.


Drum ist uns jedes neue Jahr willkommen,
Wir fragen nicht, was bringt es uns auf Erden?
Erst fragen wir, was wir ihm bringen werden?
Der Freiheit Wahn ist uns noch nicht genommen.


So können wir noch hoffnungsvoll sylvestern.
Und währenddem die lieben alten Väter
An nichts so gerne denken, als an gestern –
Wir träumen immer zwanzig Jahre später.


Zwar weiß ich, Jugendträume sind nur SchäumeAbwandlung der sprichwörtlichen Redensart: Träume sind Schäume.,
Und gern verzicht ich auch auf aller andern
Erfüllung, wenn nur wahr wird, was ich träume,
Daß ich mit Dir soll durch das Leben wandern.


Auch gratulir’ ich herzlich Deinem Frater(lat.) Bruder. Oskar Schiblers älterer Bruder Wilhelm Schibler besuchte mit Armin Wedekind die dritte Klasse des Gymnasiums an der Kantonsschule Aarau..
Und Von Armin leg’ ich eine KarteDer Verbleib der Beilage ist unbekannt. bei.
Vergiß im Leben niemals Deinen „KaterBiername Frank Wedekinds.
Und stoß Dich nicht an dieser Sudelei.


Sylvester 1880

Einzelstellenkommentare

Aarau, 1. Januar 1881 (Samstag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Ich gratulire herzlich zum Jahreswechsel!

Gruss |


OSCAR SCHIBLER


AARAU.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 21. Januar 1881 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

[1. Entwurf:]


Ich hatte einstmals einen Freund
Er hat mich verlassen.
Ich habe heiße Thränen geweint
Und doch sollte ich ihn hassen.


Ich sollte ihn hassen und konnt es nicht
Und mußte ihn lieben
Er wandte ab sein stolzes Gesicht
Und ist kalt geblieben.


Da ergriff mich ein unendlicher Schmerz
mein Bli Sinn ward umnachtet
Tief bohrte den Dolch ich in sein Herz
denn er hat mich verachtetDie Versöhnung zwischen den Freunden fand vermutlich bei der Lessingfeier am 15.2.1881 in der Kantonsschule Aarau statt, wie Wedekind seinem Freund Walter Laué, der am 8.2.1881 die Schule und die Stadt verlassen hatte, berichtete [vgl. Wedekind an Walter Laué, 11. und 18.2.1881]..


[2. Entwurf:]


Mein ganzes Lieben galt einem Freund
Er hat mich verlassen.
Um ihn hab' ich heiße Thränen geweint
Und doch sollt ich ihn hassen.


Ich sollte ihn hassen und konnt es nicht
Und mußte ihn lieben.
Er/St/olz wandte er von mir sein Gesicht
Und ist kalt geblieben


Da faßte mich ein unendlicher Schmerz.
Mein Geist ward umnachten.
Tief bohrte den DochSchreibversehen, statt: Dolch. ich in sein Herz,
Denn er hat mich verachtet.


FWedekind.


[3. Überreichter Brief:]


Mein ganzes Lieben galt einem Freund.
Der hat mich verlassen.
Ich habe heiße Thränen geweint,
Und doch sollt’ ich ihn hassen.


Ich sollte ihn hassen und konnt es nicht
Und mußte ihn lieben.
Er wendete ab sein stolzes Gesicht
Und ist kalt geblieben.


Da ergriff mich ein unendlicher Schmerz.
Mein Sinn ward umnachtet.
Tief bohrte den Dolch ich in sein Herz,
Denn er hat mich verachtet!


Franklin Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 18. Mai 1881 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Schloß Lenzburg, 18. Mai 1881.


Lieber Oskar,

Ohne viele Entschuldigungen oder Entschuldigungsversuchen gestehe ich Dir in kindlichem Vertrauen meinen großen Fehler ein, Dich so lange vernachlässigtAm 14.4.1881 hatte Wedekind bei der öffentlichen Bekanntgabe der Prüfungsnoten an der Kantonsschule Aarau erfahren, daß er nicht in die dritte Gymnasialklasse versetzt worden war. Offenbar hatte er sich bei den Schulfreunden weder in den anschließenden Schulferien, die bis zum 30.4.1881 dauerten, noch danach gemeldet. zu haben, aber wenn Du mich wirklich so liebst, daß Dich Diese Vernachlässigung schmerzte, so wirst Du sie mir auch ohne viel Bedenken auf meine aufrichtige Reue hin vergessen. Zudem wirst Du es mir auch gnädigst verzeihen, daß ich in meinem principiellem/n/ Egoismus meistens nur von mir spreche in diesen/m/ Brief. So höre nun!: Aus meiner FahrtWedekind beabsichtigte, die schulische Ausbildung an der Kantonsschule Solothurn fortzusetzen [vgl. Kutscher 1, S. 33]. nach Solothurn wurde es diesen Frühling noch nichts, sie ist bis zum Herbst verschoben aus verschiedenen Rücksichten. Nun führe ich hier ein idyllisches, glückliches Landleben, indem ich bei 2 ½ fr. Gehalt di per Woche Privatstudien treibe. | Obgleich ich auch wenig unter die Leute komme, so schützt mich dennoch meine lebhafte Phantasie in Verbindung mit einer phantastisch-schönen Natur vor alles/r/ Langeweile. Auch die Muse hat sich aus den philisteriösennicht studentischen, (spieß)bürgerlichen. Stadtbezirken, zurückgezogen, sie verachtet nun ihre früheren, trockenen BierpoesieenWedekinds Dichtungen, die er eigens für die wöchentlichen Klassen- oder Vereinskneipen angefertigt hatte. und streift durch Felder und Wälder, dem Flug der Vögel und dem Rauschen des Baches nach indem sie in idyllischen Schäfergedichtenseit der Antike beliebte Gattung der Poesie, die das Leben der Rinderhirten und Schäfer idealisiert; nach den Hauptwerken der Gattung auch als bukolische, arkadische oder pastorale Dichtung bezeichnet. mich und meine schöne Schäferin Galatea(lat.) die Milchweiße; in der griech. Mythologie eine Nymphe (Naturgottheit), die unter anderem aus den bukolischen Dichtungen Theokrits (Idyllen) und Ovids (Metamorphosen) bekannt ist [vgl. KSA 1/II, S. 1572f.]. besingt. Galatea ist nämlich ein ganz abstracter Begriff, dem durchaus kein nichts in der Wirklichkeit entspricht; sie lebt nur als Ideal Ideal einer schönen Schäferin in meiner Phantasie. Du wirst begreifen, daß ich in dieser Schäfersphäre auch viel mit Nymphenin der griech. Mythologie weibliche Naturgottheiten des Wassers (Najaden), der Bäume (Dryaden) und der Berge (Oreaden). und Oreaden zusammens/k/omme, welches ein leichtes Volk ist und sehr gern mit sich Bockspringen läßt. Ich kann übrigens nicht umhin dir das schönste alles/r/ meiner BucolicenWedekind hatte für seine „Felix und Galathea“ genannte Hirtendichtung ein blaues Büchlein, betitelt „Bucolica“ angelegt, dass ihm in der Zeit seiner Flucht nach Zürich im Herbst 1898 abhanden kommen sollte [vgl. Wedekind an Weinhöppel, 8.3.1905]. mitzutheilen. Dasselbe stammt aus der 1. Periode meines Schäferlebens, wo ich mich noch erst an den Schafen erquickte und noch keinen Br/e/griff hatte von dem Genuß einer Galatea, die mich überhaupt erst in die lockeren Cirkel | der Nymphen und Oreaden hineinlockte. Dies BucoliconDas folgende Gedicht [abgedruckt in KSA 1/I, S. 54] hat Wedekind nicht in die publizierten Fassungen „Felix und Galathea“ übernommen. [vgl. zur fragmentarischen Überlieferung der Bucolica KSA 1/II, S. 1546-1554]. lautet:


Des Morgens mit ihrem Blöcken
Thun mich die Schafe erwecken
Im herrlichsten Sonnenschein.
Und Abends blöcken die Schafe
Mich in den süßesten Schlafe. –
O seelig, ein Schäfer zu sein!


„Entzückend! – Bezaubernd!“ höre ich Dich ausrufen, aber im nächsten Briefe schreibe ich Dir ein Lied aus der 2. Periode. Jenes wirst Du nicht mehr höhren, jenes wirst Du fühlen am ganzen Leibe. Gestern war ich Bei meinem Frater(lat.) Bruder; Frank Wedekinds Bruder Armin.(lat.) Bruder. und Sutermeister in Zürich und habe mit ihnen Ca++/oll/egiaArmin Wedekind und Moriz Sutermeister hatten nach der Matura am 27. April 1881 gemeinsam das Studium in Zürich aufgenommen [vgl. http://www.matrikel.uzh.ch/active/static/21661.htm und http://www.matrikel.uzh.ch/active/static/23376.htm, abgerufen 4.8.2021]. geschunden und flott geknippen. Daß sie Beide bald in weißen MützenDie beiden Freunde traten am 18.5.1881 in die nichtschlagende Studentenverbindung Zofingia ein [vgl. ebd.]. Die Mitglieder trugen weiße Tellermützen und rot-weiß-rote Bänder und waren dem Wahlspruch Patriae, Amicitiae, Litteris (für Vaterland, Freundschaft und Wissenschaft) verpflichtet. aufrücken werden, sollte ich Dir eigentlich nicht mittheilen./,/ aber Du hast es wohl schon lange geahnt. Es wäre nicht unmöglich, le daß ich in nächster Zeit vielleicht einmal nach Aarau komme. Darum schreibe mir wann ihr Classen- oder VereinskneipeOskar Schibler war Mitglied des Kantonsschülerturnvereins Aarau (KTV Aarau), der ältesten Mittelschulverbindung der Schweiz. habt. Grüße die ganze 3. Gym. von ihrem alten Haus, besonders den sentimentalen Durrer und den unschuldigen Bryner und vor allein/m/ Deine eigene Herrlichkeit. Auch an Zschocke darftSchreibversehen, statt: darfst. Du in | meinem Namen Deine edlen Worte verschwenden, H. Prof. Dr. Samuel Uphues nicht zu vergessen, der, wie ich höreDer Hintergrund dieser wohl witzig gemeinten Behauptung Wedekinds bleibt unklar. Möglicherweise steht sie im Zusammenhang damit, dass der unverheiratete, ehemalige Priester Dr. Goswin Karl Uphues, der Deutsch und Griechisch an der Kantonsschule Aarau unterrichtete, 1881 zur evangelischen Kirche übergetreten war., glücklicher Vater unglücklicher Zwillinge einer Un unglücklichsten Mutter sein soll geworden ist. H. LeupoldEdward Leupold unterrichtete seit Oktober 1879 am Gymnasium der Kantonsschule Aarau Geschichte und in der ersten Klasse auch Latein. Er hatte ausschlaggebend dazu beigetragen, dass Wedekind im Frühjahr 1881 nicht versetzt worden war, indem er ihm eine „5“ (ungenügend) in Geschichte ins Zeugnis schrieb [vgl. 1879/1884 Aargauische Kantonsschule Gymnasium: Zeugnissheft für Franklin Wedekind in Aargauisches Kantonsarchiv. Wedekind Archiv B, Schachtel 8, Nr. 170]., dem guten Jungen, darft Du in meinem Namen einen Fußtritt in effigie(-m)(lat.) in effigie (Ablativ): bildlich; in effigiem (Akkusativ): in das Abbild. verabreichen, und ich ließe ihn/m/ ein wohlgemeinteSchreibversehen, statt: wohlgemeintes.Gehe in DichBeliebte Redewendung; hier vielleicht in Anlehnung an Ludwig Tieck: „Geh in dich, beßre dich, mein lieber Sohn“ [Ludwig Tieck: Leben und Tod der heiligen Genoveva. Drama 1799. In: Ludwig Tieck: Werke in vier Bänden, Bd. 2, München 1963, S. 461]. und bessre Dich“! zurufen. – Ich brauche Dir doch wohl nicht noch auf die Seele zu binden, Du möchtest mir doch recht bald alles n/N/eue und Interessante aus Aarau und Umgebung in meine Einsamkeit berichten, Du möchtest Deinen ganzen FamilienkreisOskar Schibler, dessen leiblicher Vater 1872 tödlich verunglückt war, lebte in in einer Patchworkfamilie am Zollrain 179 in Aarau [vgl. Verzeichniss sämmtlicher Einwohner, Wohn- und Oekonomie-Gebäude der Gemeinde Aarau 1881, S. 13; Adress-Buch Aarau 1884, S. 31]. Zum Familienkreis gehörten der Stiefvater, Obergerichtsschreiber Joseph Keller-Franke, die Mutter Wilhelmine, geborene Franke, verwitwete Schibler, der jüngere Bruder Alfred Schibler und der Stiefbruder Hermann Keller. Der ältere Bruder Wilhelm Schibler, der mit Armin Wedekind eine Klasse besucht hatte, studierte seit dem Frühjahr 1881 in Genf. ergebenst von mir grüßen? – Auch vergiß nicht unsere projectirte C/K/unstreise, die ich nunmehro als Schäfer aus der Campanie antreten werde. Und nun leb wohl! seih herzlich Vergieß niemals Deinen unendlich treuen Freund:

Franklin Wedekind a/g Kater, Schäfer aus der K/C/ampania, Privatdocent auf Schloß Lenzburg, Nachtstuhlfabrikant mit Schaukelvorrichtung, nebst Familie.


Datum XIIX, 18.V.1881.

in arce veris cum maxima amicitia.(lat.) auf dem Gipfel des Frühlings in größter Freundschaft. Amen!


[am linken Rand:]


Grüße auch Calr Carl Schmidt und ich ließe ihn nochmals um Verzeihung bittenDer Schulfreund Carl Schmidt, der schon die vierte Gymnasialklasse besuchte, hatte sich bei Wedekind beschwert, daß er und Schibler durch Fremde erfahren mussten, welche Pläne Wedekind, nachdem er nicht in die dritte Klasse der Aarauer Kantonsschule versetzt worden war, verfolgte [vgl. Schmidt an Wedekind, 6.5.1881]..

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 18. Mai 1881 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

F. Wedekind.
verte! |

Lieber Oskar, hier schicke ich Dir mein bescheidenes Bildniß. Halte dasselbe in Ehren und bewahre es auf Deinem Busen neben demjenigen der Königin deines fühlenden Herzensnicht ermittelt.. Es verdient diesen hohen Platz wohl, es verdient sogar über jenes gestellt zu werden, denn es ist nicht lüsterner Egoismus, es ist nicht süße Hoffnung, bald in Deinem irdischen Paradies schwelgen zu können, sondern ungetrübte, sich selbst verleugnende Liebe, die Dir dies kleine, aber durch seinen relativen Werth kostbare Geschenk zum ewigen Andenken darbringt.

18.V.1881

Einzelstellenkommentare

Aarau, 22. Mai 1881 (Sonntag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Aarau 22 Mai 81.


Lieber Freund!

Ich hatte mir zuerst in den Kopf gesetzt dich ein wenig zu strafen für dein langes mir unerklärlich gewesenes StillschweigenOffenbar hatte sich Wedekind, der nach Ostern nicht in die dritte Klasse der Kantonsschule Aarau versetzt worden war, weder in den Schulferien (14.4.1881 bis 30.4.1881) noch danach bei den Schulfreunden gemeldet. Carl Schmidt beschwerte sich schon Anfang Mai darüber, dass er und Schibler von Dritten die Zukunftspläne ihres Freundes Wedekind erfahren mußten [vgl. Carl Schmidt an Wedekind, 6.5.1881]. & zwar durch ebendasselbe Experiment; aber ich konnte es nicht übers Herz bringenSchibler antwortete nur wenige Tage nach Erhalt des Briefes [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 18.5.1881]. mich mit dir altes Haus wider ein wenig zu unterhalten. Doch warum diese lange Vorrede.

Preise die Götter & alle Heiligen, dass du von Aarau fort bist denn ein solches Hundeleben hab ich seit meinem gewiss einmal stattgefundenen Geburtstag noch nicht gführt. Man hat den ganzen Tag zu ochsen im reinsten Sinne des Wortes. Und besonders ich in einzelnen Fächern wie Mathematik & Französisch. Dies mög der Teufel holen! |

Ich beneide dich wahrlich in deinem Schäferidylischen LLeben. Dolce far niente!(ital.) Das süße Nichtstun! Doch immer den Kopf oben alter Bursch nicht versumpfen in diesem nichts sagenden geistunterjochenden Schulbeben. Man lacht! Es verdient nicht, dass man sich ärgert. Wegen der kurzen Spanne Zeit, welche man sich durchzuschlagen hat lässt man d/s/ich gewiss keine grauen Haare wachsen besonders wenn man noch jung ist.

Wie gesagt sei froh, dass du aus diesem Staub & Moder fort bist. Die Chemie mo/a/cht einen fast verrückt. Da schanzt man die Formel ein & m/w/as für ein Gewinn schaut heraus? Zeitverlust den man angenehm verbummeln könnte in die tiefsten Tiefen der wollüstigen Melancholie versenkt. |

Doch ich will dich auch mit meinen neusten poetischen Ergüssen bekannt machen. recensire scharf & bald:Die Aufforderung dürfte der Idee des von Walter Laué und Wedekind gegründeten Dichterbundes senatus poeticus geschuldet gewesen sein, dem Oskar Schibler im Februar beigetreten war [vgl. Wedekind an Walter Laué, 11. und 28.2.1881].


Felix, qui poterit mundum contemnere!(lat.) Glücklich ist in der Welt, wer sie verachten kann!


1. Es kämpfen in meinem Herzen
Der bösen Geister viel
Sie bringen Freuden & Schmerzen
Sie alle kommen ans Ziel!


2. Im Innern die Leidenschaft wühlet;
Ein Drang ich kenn’ ihn nicht
Mein sehnendes Herz es fühlet
Es ist der Drang nach Licht!


3. Dies unnennbare Sehnen
Das all mein Sein erfüllt?!
Es ist ein menschlich Waehnen
von tiefer Nacht umhüllt.


4 Eine Seele hab ich gefunden
in meiner dunklen Nacht
Mit ihr hab ich ganz empfunden
In ungeahnter Macht. |


5 Sie allein hat mich verstanden
In meinem dunklen Drang,/./
Durch sie ist mir erstanden
Des Lebens erster Klang.


6. Drum Starke an dir ich mich halte
Dir ganz vertrau ich mich an
Du kennst meines Herzensfalte
ohne dich ich nichts machen kann!


7. Drum k/w/ollen zusammen wir streben
In kühnem Geistesflug
Nicht an g/G/emeinem kleben
Hinauf! mit einem Zug.


fecit(lat.) geschaffen von. Hildebrand


Ich mache dir hiemit einen Vorschlag, den du in deiner geruhsamen Schäferei ganz leicht ausführen kannst.

Schreib mir ein kleines fideles ziemlich Schund enthaltendes, passendes StückWedekind schrieb das Stück nicht. für den nächsten MaturitätswixAbiturabschlussfeier, bei der die Verbindungsschüler und die Wildenschaft (die zu keiner Verbindung gehörenden Schüler) ihre Trachten (Wixe) trugen; das nach Regularien mit Festrede, Liedern und witzigen Redebeiträgen veranstaltete Trinkgelage (Kommers), zu dem auch die Schüler der unteren Klassen eingeladen waren, fand traditionell am Abend der Zeugnisübergabe statt [vgl. Staehelin 2002, S. 75 u. 204]. Die Gymnasiasten der Kantonsschule Aarau erlangten die Maturität im Frühjahr eines Jahres, die Gewerbeschüler im Herbst. Der nächste Maturitätswix fand also im Herbst 1881, am 30.9.1881, statt [vgl. zum Datum auch Oskar Schibler an Wedekind, 17.9.1881]. |

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 26. Mai 1881 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Schloss Lenzburg, im schönen Monat Mai. 1881.


Lieber Oscar,

Zu meinem grossen Bedauern seh ich aus Deinem ganzen Briefevgl. das Brieffragment Oskar Schibler an Wedekind, 22.05.1881. Wedekind verweist im Folgenden auch auf Textpassagen, die nicht aus dem überlieferten Teil des Briefes stammen., dass i/I/hr in der That viel zu schaffen habt, dass Du wenigstens sehr beschäftigt bist. Inmassen dieser Erwägung werd ich Dir auch gnädig alle die Mängel verzeihen, die ich an Deinem Werthen Schreiben entdeckt habe. Aber vor allem Anderen: Nichts für ungut! Auf d/D/einen Antrag hin, ich solle einen Vorschlag machen, über eine allfällige Zusammenkunft, wiederhole ich Dir die Bittevgl. Wedekind an Oskar Schibler, 18.5.1881., mir zu schreiben, wann ihr Vereinst- oder Klassenkneipe abzuhalten geruhet, auf dass ich altes Haus wieder einmal meine alten treuen Kameraden, vor | Allen aber Dich meinen getreuen Oscar, Auge in Auge herzlich begrüssen kann. Was Deinen Bitte wegen einem Stück für den Maturitätswix anbelangt, so frg/a/ge ich Dich nach Stoff und Art (tragisch, sentimental, fideel, picant); übrigens ist es bis dahin noch ein gehöriger ZeitraumErst am 30.9.1881 wurde an der Kantonsschule Aarau die nächste Abiturabschlussklasse, das war die IV. Klasse der Gewerbeschule, verabschiedet, die dann traditionsgemäß an demselben Abend ihre erlangte Hochschulreife mit einem Festcommers feierte., in welchem wir uns wohl einmal sehen werden. Das versprochene LiedVielleicht war der „Zwiegesang zwischen Felix, dem Schäfer, und Galathea, der Schäferin“ gemeint [vgl. KSA 1/II, S. 1543 – Text in KSA 1/I, S. 573f.]., welches Du am ganzen Leibe fühlen solltest, schicke ich Dier lieber nicht in Hinsicht auf die Schwäche deines Nervensystems. Hingegen schicheSchreibversehen, statt: schicke. ich Die/r/ das getreue Abbild meiner schönen Schäferin GalateaDie Beilage fehlt. – Eine mit „Galatea“ betitelte Bleistiftzeichnung, die „ein ernstes, gereiftes Frauenporträt im Halbprofil“ zeigt [KSA 1/II, S. 1543], befindet sich in einem Skizzenbuch mit der Aufschrift „Album“, das Einträge zwischen Weihnachten 1882 und September 1897 enthält [Blatt 3r, vgl. auch KSA 1/I, S. 778]., wel von meiner eigenen Hand, welches ich einst in einer süssen Schäferstunde ihr abgenommen habe. Du wirst mir ihre Schönheit scharf rezensiren, ebenso, wie ich Dir den/in/ Carmen(lat.) Lied. nunmero scharf rezensire: Ich, Franklin Wedekind o/g KaterBier- oder Kneipname Wedekinds bei den Klasssen- und Vereinskneipen., gebe folgendes, unmassgebliches Urtheil über HildebrandBier- oder Kneipname Oskar Schiblers.s Carmen: felix e. ct:Felix, qui poterit mundum contemnere! ist der Schlußvers aus einem Bernhard von Clairvaux zugeschriebenen Lied: „Nil tuum dixeris Quod potes perderé, Quod mundus tribuit Intendit rapere. Superna cogita, Cor sit in aethere: Felix qui potent Mundum contemnere. (lat.) Was sich verlieren läßt, eigne sich keiner an! Die Welt nimmt ihr Geschenk wieder von jedermann. Denk’ an das Bleibende, Herz, strebe himmelan: Selig ist in der Welt, wer sie verachten kann!“ [zitiert nach Johannes Scherr: Allgemeine Geschichte der Literatur: ein Handbuch in zwei Bänden. Bd. 1, Stuttgart 1875, S. 155]. ab, un|massgeblich, l weil ich, als Epiker, einen Meister in Lyrik nicht wage entgültig zu recensiren, sondern eben nur unmassgeblichst zu berathen: Nun scheint mir aber, dass Überschrift und Text nicht übereinstimmen, weil Hildebrand eben in der Welt ein Geschöf/p/f gefunden hat, was ihn fesselt, was ihn emporzieht. Er kann mithin nicht die Welt verachten. Ich rufe ihm aber zu: „Verlangend HerzSchlussvers aller Strophen aus dem Gedicht „Entsagung“ (1857) des 1879 in Zürich gestorbenen Schweizer Dichters Heinrich Leuthold [vgl. Die Deutsche Gedichtebibliothek, in: https://gedichte.xbib.de/Leuthold_gedicht_009.+Entsagung.htm, 2.8.2021]., sei Du Dir selbst genug.“ Wenn der Verfasser diesen Rath befolgt hat, dann mag er von Weltverachtung sprechen. Setze also eine andere Überschrift und das Carmen ist nach meinem unmassgeblichsten Urtheil untadelhaft in Form und Inhalt. Ich lobe Dich nicht, Hildebrand, aber das soll d/D/ir das grösste Lob sein, dass ich über dem Gedicht den Meister und das ihm gebührende Lob vergessen habe. – Dass euer werther VereinHier dürfte Wedekind den Kantonsschülerturnverein Aarau (KTV Aarau) gemeint haben, in dem Oskar Schibler aktives Mitglied war. Neben dem KTV – Wahlspruch: mens sana in corpore sano (lat.) ein gesunder Geist in einem gesunden Körper – existierten hier noch zwei weitere Aarauer Mittelschulverbindungen, die Industria – Wahlspruch: Amicitia et Scientia. (lat.) Freundschaft und Wissenschaft – und die Argovia – Wahlspruch: Litteris et Amicitiae et Patriae. (lat.) Gelehrsamkeit, Freundschaft, Vaterland. so bedeutend gewachsen ist, freut mich von ganzem Herzen, Du hast mir aber auch nicht geschrieben, wie Bryner, Zschokke, DurrerDrei Schüler der dritten Gymnasialklasse, die mit Wedekind und Oskar Schibler befreundet waren., Uphues und LeupoldDie beiden Lehrer hatten Wedekind bis zu seiner Nichtversetzung im Frühjahr 1881 unterrichtet, Uphues in Deutsch und Leupold in Geschichte. meine Grüsse auf|genommen haben. Der III. Gymnasi wollte ich als Ersatz ihrer für ihre Treue mir gegenüber ein Present machen, nähmlich eine klassische Uebersetzung des aargauischen KantonsschulreglementAktuell gültig war vermutlich das 18-seitige „Reglement für die Kantonsschule vom 18. April 1876“, das der Regierungsrat des Kantons Aargau 1876 herausgegeben hatte. Eine „Zusammenstellung der wichtigsten reglementarischen etc. Bestimmungen“ wurde alljährlich zum Schuljahresbeginn im „Programm der Aargauischen Kantonsschule“ abgedruckt [vgl. ebd. zum Beispiel aus dem Jahr 1881, S. 4-8]. in anmuthige Knittelverse. Das Werk kam aber nicht zu Stande und deshalb muss sich die III. GymnasiSchreibversehen, statt: Gymnasii. – Von den ursprünglich 17 Schülern der zweiten Gymnasialklasse waren in der dritten nur noch 11 übriggeblieben. mit meinem guten Willen begnügen. Hingegen lasse ich Sie wiederum herzlich grüssen und ebenso d/D/ich, meinen lieben Oskar und Dank sei Dir für d/D/einen lieben Brief und ich erwarte in Bälde wider so einen mit poetischer Beilage. Nun erlaube mir aber die Frage, die mir unwillkürlich bei d/D/einem Carmen aufgestossen ist, ob Du nämlich noch immer ein gläubiger Theïst bist, oder ein ob d/D/u, wie ich ahne ein zweifelnder Atheïst geworden. Nun leb wohl und ke nim meine aufrichtige CondulationSchreibversehen, statt: Condolation (lat.) Beileidsbekundung. deines Hundelebens in Aarau wegen hin.

In alle Ewigkeit Dir treu ergeben Dein
Kater, Schäfer auf S. Lenzburg.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 1. Juni 1881 (Mittwoch)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Aarau 1 Juni 81.


Lieber Franklin!

Du weisst nicht wie glücklich du bist, im Genusse deiner ländlich idylischen Ruhe. Ich würde jeden Augenblick mit dir tauschen. Da sitz ich in meiner Bude wie ein nach f/F/reiheit ringender Vogel der den Aetherpoetisch: Luft. durchstreifen möchte & nun gebunden & mit lahmen Flügeln in seinem Kerker sitzen muss. Da verduftet die Lust zum DichtenOskar Schibler war im Februar dem von Wedekind und Walter Laué gegründeten Dichterbund „Senatus poeticus“ beigetreten [vgl. Wedekind an Walter Laué, 11.2. bis 28.2.1881].. Höchstens macht sich etwa dann & wann ein Seufzer aus der gedrängten Brust los, der hohnlacht der strebenden, lächerlichen Menschheit, die stolz auf ihre Thaten & Anstrengungen schaut die doch im Grunde sehr wenig zu bedeuten haben. Ja es ist lächerlich dass man gebunden ist die paar Jahre welccheSchreibversehen, statt: welche. man auf der Erde zu vegetiren hat. |

Wahrlich mit der Erkenntnis & Einsicht kam das Unglück auf die Erde. Doch wozu diese weltschmerzlichen Gedanken. Verlachen wir sie so lange wir noch jung sind; sie kommen auch ans Ziel.

Um auf den Inhalt d/D/eines letzten BriefesWedekind an Oskar Schibler, 26.5.1881. überzugehen, so glaube ich, dass da/er/ Stoff das StückWedekind schrieb das Stück nicht. für den Maturitäs/t/swixDer Festkommers, den die Abiturienten am Abend der Zeugnisübergabe mit den Schülern der unteren Klassen feierten, war auf den 15.4.1882 terminiert. alles zusammen enthalten soll gerade das conglomerat reizt & macht das ganze Stück pikant. Es ist allerdings ziemlich schwierig ein passendes Stück zu schreiben das tragisch, sentimental fidel, picant sein soll. Du musst hiezu schon eine Studentengeschichte wählen. Was machst du eigentlich den ganzen Tag? In höheren Sphären schweben oder in ganz prosaischen? |

Ich wollte ich könnte auch mit d/D/ir im HerbstOskar Schibler wünschte sich, die Schullaufbahn in Solothurn fortzusetzen, wie Wedekind dies vorhatte [vgl. Carl Schmidt an Wedekind, 6.5.1881].! Das hätten aber unsere Altendie Eltern. wieder nicht gern. Item(schweiz.) kurz, „wenn man eine längere Rede über einen Gegenstand als unnötig abbricht“ [Schweizerisches Idiotion Bd. 1, 1881, S. 601: https://digital.idiotikon.ch/idtkn/id1.htm#!page/10601/mode/1up/search/item]. wir wollen sehen. Kommt R/Z/eit kommt Rath.Redewendung.

Hast du vielleicht einige Fragmente der poetisch behandelten DisciplinarordnungDiese gehörte zum Reglement der Kantonsschule Aarau, das Wedekind in Knittelverse übersetzt den ehemaligen Mitschülern im Mai hatte schenken wollen [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 26.5.1881].? Wenn ja so schick mir sie gefälligst. Ich kann sie vielleicht verwenden ohne dem Ruhme des Namens des Autors Abbruch zu thun. Wenn du Zeit & Lust hast so können wir uns ja Sonntagder 5.6.1881, Pfingstsonntag. Nachmittags irgendwo treffen zwischen Aarau & Lenzburg. Wir kehren dann nach Lenzburg zurück kneipen ein wenig herum & ich fahre dann Abends nach | Hause. Überlegs & schreib mir bald die Antwort. Wie steht es mit unserer Sommerkunstreise? Hoffentlich kommt sie zu Stande. Wenn du mir eine definitive Antwort geben kannst so will ich dann mit dir im Einverständniss die Route studiren. Aber nur wir 2 dann wirds fidel.

Brüner & DurrerKarl Briner und Abälard Durrer, zwei ehemalige Mitschüler Wedekinds, die jetzt mit Oskar Schibler die III. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule Aarau besuchten. ochsen auch immer noch an einem Reiseplan herum; aber mit den 2 wollt ich nicht gehen.

Leb wohl bis Sonntag wo wir uns hoffentlich wieder einmal sehen werden & einige Augenblicke zusammen sein können. Dein getreuer
HildebrandBier- oder Kneipname Oskar Schiblers..

Einzelstellenkommentare

Aarau, 21. Juni 1881 (Dienstag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Aarau 21 Juni 81.


Lieber Franklin!

Anstatt dringender Arbeiten obzuliegen da sinne ich Träumereien nach. Das anatomische Gehirn zu studiren ruft verschiedenerlei Gedanken auf. Betracht folgende & lache, doch glücklich derjenige der in ihnen lebt!


–––


Was ist das Leben?!
Ein Todeskampf
Ein Ringen nach Oben
Ein Streben zum Unendlichen!
Fluch! dem Gotte
Der uns schuf
Uns Vernunft gab |
einzusehen
Und uns so verliess!
Gott der Gepriesene
ist er allgütig?
Nein’ unser Feind!
Fluch der Vernunft!
Zwitterwesen der Schöpfung
Halb lebend halb todt!
Thier & Gott
Mehr Thier & durch Gott!
Ein Hohnlachen der Hölle
Durchschüttert mich?
Eitler Thor!
Gott ist ewig
Du ein Zufallsgebilde!
Er schuf die Welt
Die Erde & Du entstundt |
Gott sei allmächtig
Wo der Beweis
an uns Vernünftigen!
Hinsiechen lässt er uns
selbstverzehrend.
Mittel giebt er uns
zu erkennen
& verschliesst jeden Weg!
Gott der Gepriesene
ist er allmächtig!
Sieh um dich
seine Macht
was nicht offenbart!
Alles wird sich einigen
wir vergehen in nichts!
Verachte die Welt |
Nichts! ist die Lösung
unsers Erdenräthsels!
Nichts! gellt es uns in
die Ohren der Menschheit!
Und die Wahrheit ist göttlich
An dieser einzgen Offenbarung
unsers Schöpfers
erkenn ich Gott!


–––

Felix qui poterit mundum contemnere?(lat.) Ist glücklich, wer die Welt verachten kann?

Im Leben dein dir getreuer H.


Gieb bald Nachricht. Grüsse an alles Grüssbare!

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 24. Juni 1881 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Schloss Lenzburg, Juni 1881.


Lieber Freund.

Verzeih mir dass ich über Deinem/n/ lieben Briefvgl. Oskar Schibler an Wedekind, 21.6.1881. nicht gelacht, sondern bittere Thränen des Mitleides geweint habe. Im innersten Herzen hat es mich gekränkt zu entdecken auf welch schwindelndem Wege d/D/u dahineilst ohne zu bedenken, dass ein einziger Fehltritt Dich Dein glückliches Dasein auf dieser Erde kosten würde. Es wird d/D/ich befremden, solch ernste Worte aus meinem Munde zu hören, aber schreibe es meiner unermesslichen Liebe zu, dass ich nicht um hin kann, Dir einen warnenden Lichtstrahlvermutlich in Anlehnung an die Anthologie „Lichtstrahlen aus Ed.[uard] v.[on] Hartmann’s sämmtlichen Werken“, die mit einer Einleitung von Max Schneidewin soeben in Berlin erschienen war [vgl. Börsenblatt des deutschen Buchhandels. Jg. 48, Bd. 2, Nr. 108, 12.5.1881]. Zur intensiven Auseinandersetzung mit der Philosophie Eduard von Hartmanns war Wedekind angeregt worden durch seinen Deutschlehrer Goswin Karl Uphues, einem Schüler des Philosophen, und durch die philosophierende „Tante“ Olga Plümacher, die sich seit 1874 mit Eduard Hartmann beschäftigte, und die Anthologie Wedekind zum Geburtstag (24.7.1881) schenkte [vgl. Kutscher 1, S. 46]. in Deine tief-dunkele f Finsterniss zu senden. |

Du erinnerst Dich villeichSchreibversehen, statt: vielleicht. noch daran, dass ich in früheren Zeiten vergeblich Deinen streng christlichen Glauben bekämpfte, dass Du noch ganz vertrauensvoll in dem s/S/choose der Kirche ruhtest. Damals wutt/ss/te ich im v/V/oraus, dass auch Du bald umschlagen werdest, wie es nunmehr auch eingetroffen ist.

Nun aber bitte ich Dich inständig um Deines Seelenheils w/W/illen, nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben und nicht an einen Gott zu glauben, der kein g/G/ott mehr ist, und dadurch, dass Du ihn Dir als feindliche Macht einbildest, d/D/einer Freiheit vollständig zu Grunde zu richten. In Deinem Briefe bejahst Du D die Allmacht Gottes, verneinst aber Seine Güte. So bist Du ein der moralisch am tiefsten gesunkene Mensch Weg, denn der Böse (Gott) hat vollständige Macht über Dich; | seiner Allmacht kannst Du nicht widerstehen, Du bist ein Sclave. Nun frage ich Dich aber, was kann Gott nur sein, was ist sein Wesen? – Sein Wesen, er sl selbst, ist D die Liebe! – Wenn Du also einen Gott (Liebe zu Dir) anerkennst und diesen Gott Deinen Feind nennst, so bist Du ein Gotteslästerer. Mit Deiner e/E/rlaubniss ziehe ich noch weitere Folgen daraus: Wenn Du als Gotteslästerer auf diesem falschen Wege bist, so muss Gott, in seiner Liebe besonders freundlich und wohlwollend Dir entgegentreten, denn Du bist ein verirrtes Schaf. Du erkennst nun aber seine Güte nicht und bist ein Dummkopf. – Nun will ich Dich aber mit Deiner Erlaubniss aus einem Sclaven, einem Gotteslästerer, einem Dumkopf zu einem Freien, einem Frommen und einem Weisen machen. Der Stein über welchen Du bei d/D/einen atheistischen Bestrebungen ge|stolpert bist, war Deine Ohnmacht und Gottes Allmacht. Ich frage Dich: „warum hast gehört Dir Du keine Allmacht? – Deine Antwort: „Weil ich nicht Gott sein kann!“ Nicht wahr? – Nun kehre ich die Sache um: „Warum hat Gott keine Allmacht?“ Die Antwort: „Weil er nicht Mensch sein kann!“ Er kam/nn/ nicht Alles, er ist nicht allmächtig. Ein Gott aber ohne Allmacht und Liebe, (Letzteres brauch ich Dir ja nicht mehr zu beweisen.) ein solcher Gott ist widerspruchsvoll, er existirt also nicht! Wer ist nun aber noch das höchste Wesen in der Schöpfung? – Das bist Du, denn Du kannst andere unter z wohl hie und da zwingen zu etwas; Du selbst dagegen bist unbezwinglich, der Tod würde d/D/ich frei machen. Du bist ein Freier! Als höchstes Wesen in Deiner Umgebung hast Du Dich selbst am meiss/s/ten zu ehren, zu | verehren, (möchte ich lieber sagen). Du bist also fromm. Und wenn Du Dies begriffen hast, so wird Dein verlangend HerzWedekind nahm hier Bezug auf seinen Ausruf „Verlangend Herz, sei Du Dir selbst genug.“ [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 26.5.1881]. Das Zitat stammt aus dem Gedicht „Entsagung“ (1857) des Schweizer Dichters Heinrich Leuthold [vgl. Die Deutsche Gedichtebibliothek, in: https://gedichte.xbib.de/Leuthold_gedicht_009.+Entsagung.htm, 2.8.2021]. sich selbst genug sein, d/D/u bist ein Weiser. – Ich denke, ich habe mein Wort gehalten. –

Nun aber noch etwas. Ninn/mm/ mir den altklugen Ton, in dem ich diesen Beweise d/D/ir schreibe nicht übel und wenn Du etwas einzuwenden hast so werde ich Dir für die baldige Mittheilung sehr dankbar sein. Beiläufig will ich Din/r/ nur noch mittheilen, dass ich in 14 Tagen hoffentlich in Solothurn bin. Der Antike hat so viel wie eingewilligt. Mam/ein/e Antike wird dies auch thun. Ich erwarte nur noch Nachricht Von R KunzDer ehemalige Klassenkamerad Richard Kunz, der 1879/80 zu den engsten Freunden Wedekinds gehört haben dürfte, hatte im Juli 1880 die Kantonsschule Aarau verlassen. In seinem tabellarischen Lebenslauf von 1864 bis 1895, der sich am Ende seines zweiten „Münchner Tagebuchs“ (1890) befindet [S. 114-115], wird Richard Kunz 1879 neben wichtigen Ereignissen und Personen aufgeführt: „Gymnasium. Oskar Schibler. Kunz. Egypter. xxX. Hans Rauchenstein“ [Tb 1889 (S. 114)]., den ich um einige Winke gebetennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Richard Kunz, 6.6.1881. habe. Ebenso trug ich ihm auf nach Aarau ein ProgrammWedekind dürfte das zuletzt erschienene „Programm der Kantons-Schule von Solothurn für das Schuljahr 1880/81“ (Solothurn 1881) gemeint haben. zu schicken an O. S. Kantonsschule A. Falls er noch nicht Zeit gefunden hat, | Dir, lieber Oskar, diesen Gefallen zu erweisen, so wie auch ich schon seit geraumer Zeit auf Antwort von ihm harre, so möchte ich Dich erinnern, dass Du dass Programm jedenfalls auf der Cantonsschulbibliotek finden wirst. – Was Deinen projectirten Wix anbelangt, so kannst Du mir villeicht mittheilen, wannAm Abend des 30.9.1881 wurde der nächste Maturitätswix genannten Festkommers von den Absolventen der Gewerbeschule ausgerichtet. derselbe stattfinden soll. Wir könnten bei der Gelegenheit noch herzlich von einander Abschied nehmen. Nun leb wohl.

Zuvor jedoch sende ich Dir noch meinen Klage-GesangDas Gedicht [Erstdruck in KSA 1/I, S. 54] legte Wedekind leicht abgeändert auch einem Brief an Adolph Vögtlin [vgl. Wedekind an Adolph Vögtlin, 5.7.1881] bei. beim Tode Galateas. Es ist Dies das letzte Product aus meinem Schäferleben:


Es weht durch die Bäume ein kalter Wind,
Die Blätter fallen herab,
Und Galatea, das liebe Kind
Ich trug sie soeben in’s Grab |


Still deckt’ ich sie zu, ich weinte nicht,
Sie war ja noch immer so schön.
Ich küsste ihr freundliches Angesicht
Auf baldiges Wiedersehn.


Sei versichert, dass ich auf recht baldige Antwort hoffe et nunc(lat.) und nun leb wohl und bleib mir, Deinem Freund Franklin Wedekind (Waldkind), gewogen. vale faf/v/eque mihi amico
Franklino Infanti Silvae.


[Im Halboval:]


Felix qui(lat.) Glücklich ist, wer die Welt verachten kann. Liebe Dich selbst, und Du wirst die Welt lieben. poterit mundum contemnere. Se ipsum ama, amabis mundum.


[Kuvert:]


Herrn Oskar Schibler, stud. jurhumoristische Anspielung auf einen möglichen Studienwunsch Oskar Schiblers.
Cantonsschule
Aarau


franco.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 1. Juli 1881 (Freitag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

1 Juli Aarau 81.


Lieber Franklin!

Endlich soweit! Uphues protestirtDas bedeutete, dass Goswin Karl Uphues, der Deutschlehrer am Gymnasium der Kantonsschule Aarau, die Leistungen Oskar Schiblers im Fach Deutsch als nicht ausreichend für eine Versetzung beurteilte, was im aktuell anstehenden Quartalszeugnis vermerkt werden würde. & ich habe ihm erklärt er solle meinem VaterOskar Schiblers Stiefvater Joseph Keller-Franke [vgl. Verzeichniss sämmtlicher Einwohner, Wohn- und Oekonomie-Gebäude der Gemeinde Aarau 1881, S. 13; Adress-Buch Aarau 1884, S. 31]. nur den Rath geben mich eine andere Schule besuchen zu lassen. Ich fühle mich nämlich auf so schwankendem unterhöhltem Boden, dass ich in ein Gefühl der Unsicherheit gerathen bin & zwar in einem solchen Grade, dass es auf meinen Gemüthszustand bedenkliche Folgen gehabt. Denn Lieber einmal ganz brechen & dann mit neuer Energie an die Arbeit. Ich bin hier ganz erschlafft. Arbeite das a/A/llernothwendigste z. B. gerade den Aufsatz bei Uphues. Er wurde verfertigt Sonntaga/A/bendsden 26.6.1881. nachdem ich die Absicht gehabt denselben gar nicht zu machen. Es ist eigenthümlich. Kein Lehrer macht mir eine Bemerkung aber ich | selbst kann nicht weiter. Es scheint mir wie wenn ich ein Patient wäre, im Gehirn frisches pulsirendes Geistesleben und der Puls der äussere Hemmschuh immer schwächer & schwächer bis er zuletzt ganz ausbleibt. Aber soweit lass ich es nicht kommen. Um höheres vor Schaden zu bewahren opfere ich das Äussere.

Meine Eltern wissen noch nichts von meinem Entschluss, sie werden unangenehm überrascht sein besonders weil letzthin auf mein Drängen eine Liste circulirte & das Resultat nicht so ganz ungünstig lautete. Alle klagen über Fleiss keiner protestirt. Aber die Sachlage hat sich geändert. Ich kann nicht mehr!

Thu mir den Gefallen & sende mir das Programm v. Solothurndas „Programm der Kantons-Schule von Solothurn für das Schuljahr 1880/81“ (Solothurn 1881).. Ich mache dir hiemit den Vorschlag uns Sonntagden 3.7.1881; an diesem Tag war Wedekind mit anderen ehemaligen Klassenkameraden bei Fritz Rauber in Brugg eingeladen [vgl. Wedekind an Adolf Vögtlin, 5.7.1881]. nachmittags zu treffen zwischen Aarau & Lenzburg. z.B. in Suhr. Was sagst du dazu.

Schreib bald & vernichte
diese Zeilen sofort
dein
H.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 20. Juli 1881 (Mittwoch)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Postkarte.
Carte postale. – Cartolina postale.


Herrn Franklin Wedekind.
Schloss
Lenzburg. |


Lieber Freund!

Es zieht mich in diesen heiterSchreibversehen, statt: heiteren. FerientagenDie 4-wöchigen Sommerferien hatten gerade (Montag, 18.7.1881) begonnen. Sie endeten am Montag, 15.8.1881. ganz zu dir hin wann soll ich wider einmal mit dir einen idylischenSchreibversehen, statt: idyllisch, Anspielung auf Wedekinds bukolische Hirtendichtung. EselsrittAuf Schloss Lenzburg gab es Esel, auf denen die Kinder ausgeritten sind. machen. Bitte um Antwort & Weiteres. Dein
amicus in aeternaFreund in Ewigkeit.
H

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 23. Juli 1881 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Lieber Oskar.

Thut mir leid Dir erst jetzt antwortenvgl. Oskar Schibler an Wedekind, 20.7.1881. zu können; da wir BesuchDie philosophische Tante Olga Plümacher, eine Schulfreundin von Wedekinds Mutter, verbrachte mit ihren Kindern, dem 17-jährigen Hermann und der 15-jährigen Dagmar, einige Tage auf Schloss Lenzburg. haben kann ich nicht so von oft Gelegenheit bekommen anʼs Schreiben zu denken. Der/m/ Boten der d/D/ir dies Blatt überbringen wird soll wirst Du mein Lorgna/o/nStielbrille, „Augenglas für Ein Auge“ [Meyers Konversationslexikon, 1905-1909, Bd. 12, S. 714]. gut eingepackt übergeben, denn mein Antikerder Vater. weiß daß ich dasselbe noch immer nichtWedekinds Lorgnon dürfte seit einem Treffen der Freunde Anfang Juli im Besitz von Oskar Schibler gewesen sein [vgl. zur Verabredung Oskar Schibler an Wedekind, 1.7.1881]. habe und möchte gerne daß du es mir schickest. Wenn Du bei Ankunft dieses Briefes nicht zu Hu/a/use bist, so wirt/d/ der Bote nach wenigen Stunden wiederkommen W bis wann Du es zurechtgelegt haben wirst. Die Bucolicadie von Mai bis Juli 1881 entstandene Hirtendichtung, für die Wedekind ein blaues Heft mit dem Titel „Bucolica“ angelegt hatte. magst Du am Dienstagder 26.7.1881. oder MitwochSchreibversehen, statt: Mittwoch, der 27.7.1881. zur gewohnten Zeit selber bringen, denn. Nicht früher, denn erst Montagder 25.7.1881. Am 24.7.1881 wurde Wedekind 17 Jahre alt. Olga Plümacher schenkte dem philosophisch Interessierten die soeben erst erschienene Anthologie „Lichtstrahlen aus Ed. v. Hartmann’s sämmtlichen Werken“ herausgegeben von Max Schneidewin [vgl. Kutscher 1, S. 46]. gehen PlümachesSchreibversehen, statt: Plümachers. fort. Dem Boten gieb Antwort mit, wann Du kommen wirst. Mit großer Freude werde ich Dich am | Bahnhof empfangen. D/U/nterdessen sei mir herzlich gegrüßt von Deinem

Kater


Der Bote wird von mir bezahlt werden.


[Kuvert:]


Herrn Oskar Schibler, stud. jur.
p. a. Herrn Keller Franke
wohnhaftOskar Schibler lebte mit Stiefvater Joseph Keller-Franke, Mutter Wilhelmine Keller-Franke sowie den Geschwistern Alfred Schibler und Hermann Keller am Zollrain 179 in Aarau. Der Bierbrauer Thomas Fischer betrieb im Haus auch eine Bierwirtschaft [vgl. Verzeichniss sämmtlicher Einwohner, Wohn- und Oekonomie-Gebäude der Gemeinde Aarau 1881, S. 13] in der Brauerei v. Fischer, 3 Treppen hoch
am Zollrain
in Aarau. |

Einzelstellenkommentare

Aarau, 27. Juli 1881 (Mittwoch)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Postkarte.
Carte postale. – Cartolina postale.


Herrn Franklin Wedekind. stud. hum.(lat.) Student der freien Künste, humoristische Anspielung auf einen möglichen Studienwunsch Wedekinds.
Schloss
Lenzburg |


27 Juli 81.


Lieber Franklin!

Eben erst von einem Abstecher nach Bern zurückgekehrt beeile ich mich, dir dein gewissUmstellung der ursprünglichen Reihenfolge „gewiss dein“ durch Umstellungszeichen. schon längst ersehntesvgl. Wedekind an Oskar Schibler, 23.7.1881. LorgnonStielbrille für ein Augenglas. persönlich zuzustellen indem ich morgenDonnerstag, 28.7.1881. Mittag zur gewöhnlichen Stunde mich einfinden werde. Wenns schön Wetter ist so wollen wir dann einen kleinen EselrittSchreibversehen, statt: Eselsritt. Auf Schloss Lenzburg gab es Esel, auf denen die Kinder ausgeritten sind. machen auf dem ich dir Verschiedenes mitzutheilen habe.

Leb wohl bis Morgen 1 Uhr
dein H.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 29. August 1881 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

[Hinweis in Wedekinds Brief an Oskar Schibler vom 3.9.1881 aus Lenzburg:]


[...] leider muß ich noch immer, trotz meiner allmähligen Besserung, das Bett hüten und so wirst Du wohl auch heute wieder meine Bleistift-SchriftHinweis auf ein früheres – das hier erschlossene – Korrespondenzstück, das Wedekind ebenfalls mit Bleistift (statt Feder und Tinte) an Oskar Schibler schrieb, vermutlich Wedekinds erste Nachricht an den Freund seit Beginn seiner Rippenfellentzündung Mitte August. entschuldigen.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 2. September 1881 (Freitag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

L/A/arau 2 Au/Se/pt. 81.


Lieber Franklin!

Wie geht es dir, hoffentlich besserFrank Wedekind befand sich „wenn auch noch sehr schwach doch im Zustand allmählicher Besserung“ [Armin Wedekind an Oskar Schibler, 1.9.1881]. Er lag mit einer Rippenfellentzündung im Bett, worüber Armin Wedekind den gemeinsamen Freund Mitte August informierte. Oskar Schibler antwortete: „Du wirst begreifen, dass mich deine in aller Kürze abgefasste Karte sehr erschreckt hat. Ich bitte dich desshalb mir so bald als möglich eine genauere u bestimmte Beschreibung von Franklins Zustand zukommen zu lassen. Denn ich könnte nicht ruhig sein wenn ich meinen Franklin in wirklich ernster Gefahr schwebend wüsste.“ [Oskar Schibler an Armin Wedekind, 19.8.1881 (Mü. Nachlass Frank Wedekind. FW B 156)], hast nun lange genug in den oft so langweiligen Bette zubringen müssen! Ich bin auh/c/h nicht ganz wohl gewesen & sonst nicht immer zufrieden, denn das Solothurn spuktder Wechsel von der Kantonsschule Aarau an die Kantonsschule Solothurn, die auch Wedekind ab Herbst 1881 besuchen wollte [vgl. auch Wedekinds Korrespondenz mit Adolf Vögtlin]. mir immer noch im Schädel herum. Das quartal ist nun mit ganz gehörigen Ansprüchen schon wider ziemlich weit vorgerücktDas zweite Quartal des Schuljahrs 1881/82 hatte an den Aarauer Schulen am Dienstag, 16.8.1881, begonnen [vgl. Aargauer Nachrichten, Jg. 27, Nr. 190, 13.8.1881, S. (4)].; schon winken wider von Ferne die Feriennach dem Punkt nachträglich eingefügte Absatzmarkierung. – Die Herbstferien begannen am 1.10.1881..

Weisst du schon dass in Aarau sich ein MusentempelDas neu erbaute Sommertheater im Aarauer Ortsteil Schachen wurde am 11.8.1881, abends um 8 Uhr, mit dem Schauspiel „Der Goldbauer“ von Charlotte Birch-Pfeiffer eröffnet. In großformatigen Anzeigen wurde das Haus beworben und ein rundum angenehmer Aufenthalt versprochen: „das Theater und die Lokalitäten sind von Herrn Tapezierer Plüß auf das Vortheilhafteste decorirt. Die Bühnen-Einrichtung von Herrn Strafehl, Decorations-Maler vom Zürcher Actientheater dirigirt, kurz, es ist alles geschehen um dem geehrten Publikum einen Kunstgenuß zu bieten, wie es in Aarau noch nicht dagewesen. Die Gesellschaft des neuen Kurhaustheaters in Baden unter Direction des Herrn v. Ebeling (fast alle Mitglieder des Zürcher Actientheaters) wird hier 2 bis 3 Mal gastiren [vgl. Aargauer Nachrichten, Jg. 27, Nr. 187, 10.8.1881, S. (4)]. in der Militärcantine von EgloffDer Postangestellte und Wirt Franz Egloff-Meier (von Wettingen) betrieb im Schachen zunächst im Haus Nr. 728, ab 1881 auch in der ehemaligen Scheune (Nr. 727) die Militärkantine. Des Weiteren besaß er im Haus Nr. 731 eine Speisewirtschaft [Verzeichnis der Einwohner Aarau 1880, S. 34; 1881, S. 36 u. 55; Adressbuch Aarau 1888, S. 48 und 1892, S. 52]. in Schachenein Ortstteil von Aarau. aufgethan hat. Die Leute spielen wirklich vortrefflich. Ich gehe öfters hin. Ich sah bereitsVon den drei Schauspielen, die alle von Charlotte Birch-Pfeiffer stammen, wurde „Die Waise von Lowood“ (Dienstag, 30.8.1881 um 8.15 abends) in der Presse angezeigt. Direktor R. von Ebeling erklärte das mit der außerordentlichen Qualität der Darbietung: „Erlaube mir ganz besonders auf diese Vorstellung hinzuweisen, da dieselbe, wie ich wohl dreist behaupten darf, mit zu der Besten unseres Ensembles gehört“ [Aargauer Nachrichten, Jg. 27, Nr. 204, 30.8.1881, S. (4)].: Stadt u Land, die Grille, Die Waise v. Lowood & gesternAls „Grosse Extra-Vorstellung“ beworben wurde Ludwig Ganghofers Schauspiel „Der Herrgottschnitzer von Oberammergau“, für das „Herr Eichholz vom Actientheater in Zürich“ mit dem gesamten Ensemble aus Baden kam [Aargauer Nachrichten, Jg. 27, Nr. 205, 31.8.1881, S. (4)]. Das im Juni 1880 neu erschienene und seitdem viel gespielte Schauspiel war in Aarau sehnsüchtig erwartet worden: „Während des letzten Jahres hörten und lasen wir überall das Lob dieses Stückes, das über alle deutsche Bühnen seinen Triumphzug hielt. In Zürich wurde es an beiden Theatern oft gegeben und alle Blätter waren voll des Lobes über das Stück, dessen Darstellung im Actientheater besonders geradezu als brilliant bezeichnet wurde“ [ebd., Nr. 206, 1.9.1881, S. (2)]. der Herrgottskrämer. Die I Liebhaberin eine Fräul. Schneider spielt famos & ist nebenbei ein brillanteSchreibversehen, statt: brillantes. Kind. | Sie hat ihre Sprache & ihre Geberden vollständig in der Gewalt. In der Waise von Lowood hat sie so recht allseitig ihr Talent entfalten können. Ein junges armes gekränktes Ki/M/ädchen. Die gebildete demüthige & doch stolze Gouvernante die auf einen Lord ein zum heiraten verlockenden Eindruck machtPunkt und Absatzmarkierung nachträglich eingefügt..

Es ist morgen ich schreibe dir diesen Brief & sollte Chemie lernen, erschickteSchreibversehen, statt: erstickte. aber fast daran & erleichtere mir, indem ich ein wenig mit dir plaudere meine geegten(schweiz.) bedrohlichen, bevorstehenden. Verhältnisse. Diese Chemie ist ekelhaft! Zschokke E. ist davon dispensirt. Ich weiss nicht aus welchem Grunde. Nächsten Samstagder 3.9.1881. sind die VorstandswahlenWahlen im Kantonsschülerturnverein (KTV Aarau), dem Oskar Schibler angehörte. Der Vorstand der Schülerverbindung bestand aus den 8 Funktionsstellen: Präsidium (X), Quästor (XX) und Aktuar (XXX), Suppleant (Stellvertreter), Vorturner, Freimütiger, Cantusmagister und Fuxmajor [KTV Aarau. Archiv. Protokollbuch 1879/85, S. 94]. nimmt mich Wunder wer Contrepräsidiumder zweite Vorsitzende des Vereins. – Bei einer Kneipe war das Contrepräsidium an der im Hufeisen angeordneten Kneiptafel, an deren Kopf das Präsidium saß, verantwortlich für den Tisch der Burschen, den Vollmitgliedern des Schülervereins, die durch Trinkfestigkeit, kleinere Wortbeiträge, Wortgefechte und Gesang (eigene und Studentenlieder) mit dem gegenüberstehenden Fuxentisch konkurrierten. wird, wahrscheinlich der KnopfBiername von Sebastian Urich, der im vierten Wahlgang mit 6 von 12 Stimmen zum Quaestor (Kassierer) gewählt wurde [KTV Aarau. Archiv. Protokollbuch 1879/85, S. 94].. VielleichtsSchreibversehen, statt: Vielleicht. werde ich mit der Würde eines FuxmajosSchreibversehen, statt: Fuxmajors. Oskar Schibler wurde von den Burschen zum Fuxmajor gewählt und darüber hinaus zum Freimütigen im ersten Wahlgang mit 7 Stimmen [vgl. Protokollbuch 1879/85, S. 94]. – Der Fuxmajor hatte die Aufgabe, die als Füxe bezeichneten neuen Mitglieder der Schüler- oder Studentenverbindung in einer wöchentlich abzuhaltenden Fuxenstunde in den Regularien der Verbindung und speziell der Kneipe zu unterrichten. Bei der Kneipe war er verantwortlich für den Fuxentisch, stand dem Contrepräsidium des Burschentisches gegenüber, sorgte für Ruhe unter den Füxen und den ebenfalls am Fuxentisch sitzenden Gästen, regelte deren Wortbeiträge, verteidigte und unterstützte sie im Wortgefecht mit den Burschen. betraut wenn die Sch. nicht hindert. | Letzthin raffle(schweiz.) raffe. ich mich wider einmal auf & liess mich begeistern; hier das Resultat.


Im Becher da ruht das Glück der Erde
In ihm ist Seligkeit allein
Drum sprach der Schöpfer auch „er werde“
Du sollst des Menschen Tröster sein.


–––


Sei du ihm Freund in trüben Tagen.
Wenn Noth ihn drückt & Qual & Pein,
Dann wohl verstummen seine Klagen
Dann stimmt er mit Begeistrung ein.


–––


An unsre Kneipe.


Die treuste Freundin ist gefunden
Hier hat sie alle uns vereint,
In ihr nur werden wir gesunden
Ich glaub, dass sie es treulich meint!


–––


Drum halten wir sie lieb & theuer.
Schaut ihr recht tief ins Aug hienein
Durch unsre Adern fliesst dann Feuer
es tobt in uns wie junger Wein.


–––|


Dann lasst uns helle Lieder singen
Von Lieb & Freude Freundschaft Treu
Lasst hell dann unsre Gäser klingen
Der Wahn ist kurz, lang ist die Reu.


Bereits hat die Glocke 8/7/ Uhr geschlagen

Leb wohl mein lieber Franklin.
Werde gesund & erfreu bald d.
O.


Gruss an die werthen Eltern & Armin.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 3. September 1881 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Schloß Lenzburg 3.IX.81.


Lieber Oskar

Nicht finde ich Worte, mein Entzücken auszudrücken, welches mein geduldiges Herz über Deinen lieben Briefvgl. Oskar Schibler an Wedekind, 2.9.1881. empfand. Aber leider muß ich ich noch immer, trotz meiner allmähligen Besserung, das Bett hütenWedekind war Mitte August 1881 an einer Rippenfellentzündung erkrankt und lag seitdem im Bett. und so wirst Du wohl auch heute wieder meine Bleistift-SchriftHinweis auf ein nicht überliefertes Korrespondenzstück; Wedekind an Oskar Schibler, 29.8.1881 – den letzten überlieferten Brief hatte Wedekind – noch vor seiner Erkrankung – mit Tinte geschrieben [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 23.7.1881]. entschuldigen. – Du wirst begreifen, daß ich Dir aus Meine meiner Einsamkeit nicht viel Neues mittheilen kann, denn selbst das Seele/n/leben ist in di steht bei derartiger Langweile still. Da Der Doctorvermutlich Dr. Jakob Bertschi aus Dürrenäsch, Direktor der Strafanstalt und Arzt in Lenzburg; er praktizierte seit den 1860er Jahren in Lenzburg, wo er sich 1877/78 in der nördlichen Vorstadt (Poststrasse 13) ein spätklassizistisches Haus erbauen ließ. – Im 4 Kilometer entfernten Lenzburger Ortsteil Seon hatte der Arzt Dr. Joseph Martin Kuhn Wohnung und Praxis. hat mich an der Brust angestochendas Absaugen der angesammelten Flüssigkeit gehört zur üblichen Behandlung einer Rippenfellentzündung mit größerem Pleuraerguss. und wollte mich auspumpen; Leider aber ohne Erfolg. Nun muß ich warten bis sich die Natur selbst geholfen hat. – Also die Musenin der griech. Mythologie die Schutzgöttinnen der Künste; hier: das neueröffnete Sommertheater in der Militärkantine im Aarauer Ortsteil Schachen. haben sich in dem prosaischen Aarau niedergelassen, das freut mich ungemein, denn ich kenne Deine Liebe für Musen. Aber f vor der ersten Liebhaberin nimm Dich in Acht, denn Deine von Xnicht ermittelt. könnte sich tödtlich beleidigt fühlen. Bedenke doch, eine Comödiantin!!! |

Wie geht es Marta Fleinerviertes von fünf Kindern des 1877 verstorbenen Aarauer Zementfabrikanten Albert Fleiner und der Leontine Zschokke-Fleiner. Die Familie wohnte in Aarau in der Laurenzenvorstadt (Nrn. 586-588), zwischen der Kantonsschule Aarau (Nr. 585) und der Aargauischen Kaserne (Nr. 589) [vgl. Verzeichniss sämmtlicher Einwohner, Wohn- und Oekonomie-Gebäude der Gemeinde Aarau S. 29]. 1887 heiratete sie den 25 Jahre älteren Maler Hermann Hunziker. In einem Lebenslauf heißt es: „Martha wächst im fröhlichen Kreis der Geschwister Fanny, Albert, Hans und Fritz an der Laurenzenvorstadt 28 in Aarau auf. Mit 22 Jahren heiratet sie Hermann Hunziker, ein hochgebildeter, musisch veranlagter Mann, der sich nach Aufgabe seiner Fabrik ganz dem Malen hingibt. Die lebhafte junge Frau ist für Kunst und Musik sehr aufgeschlossen. Man liest Dramen mit verteilten Rollen, spielt 4 und 8händig Klavier. Reges gesellschaftliches Leben. Am 29. Juni 1894 werden Zwillingssöhne geboren. Diese erhalten schon früh künstlerische Anregung und Impulse. Mutter und Söhne sind leidenschaftliche Reiter. Martha arbeitet während dem 1. Krieg in Genf an der „Agence des Prisonniers“ (Croix Rouge). Allzu früh wird Martha Witwe (1910), führt aber weiterhin ein offenes Haus, 1918-1939 auf dem Distelberg bei Aarau, später am Rain in Aarau. [Else Rath-Höring u. Karl Fleiner: Fleiner. Neustadt a.d. Aisch 1961 zitiert nach https://www.wikitree.com/photo.php/3/3a/Fleiner-48.jpg, abgerufen 31.10.2022].? – Das gute Kind ist mir jüngst in meiner Krankheit wieder im Traum erschienen: Stolz gien/n/g sie an mir vorüber, als ich gerade aus dem HolzachDie um 1860 von dem Bierbrauer Dietrich Holzach gegründete Brauerei und Gastwirtschaft war eines der Aarauer Stammlokale, die von den Kantonsschülern regelmäßig zu Verbindungs- und Klassenkneipen aufgesucht wurden. trat, wo ich einige Großeauch Schoppen Bier, das Glas (in der Schweiz) zu 0,375 Liter. vertilgt hatte. „Martha, darf ich Dir meinen Arm anbieten“? sprach ich, und lehnte mich an den Laternenpfeiler, denn ich bedurfte einer Stütze. Ein Blick, der mich beinahe zu Boden schleuderte, war ihre Antwort. Sie ging weiter und bald kam Schäfervermutlich Georg Schäfer, der, mit Wedekind gleich alt, im Schuljahr 1879/80 die I. Klasse und im Schuljahr 1880/81 die II. Klasse des Progymnasiums der Kantonsschule Aarau besucht hatte, letztere zusammen mit dem jüngeren Bruder von Wedekinds Freund Walter Laué., der sie auf ihrem Wege begleitete.

„Marta, Marta, gleite nicht aus auf dem schlüpfrigen Wege!!“ sprach ich bei mir und hielt mich fester an der Laterne. Bald aber ging ich trüben Sinnes von hinnen. –

Prosit FuxmajorOskar Schibler Hoffnung, bei den Vereinswahlen des Kantonsschülerturnvereins (KTV Aarau) am 3.9.1881 zum Fuxmajor gewählt zu werden, erfüllten sich. Der Fuxmajor hatte die Aufgabe, die als Füxe bezeichneten neuen Mitglieder in einer wöchentlich abzuhaltenden Fuxenstunde in den Regularien der Verbindung und speziell der Kneipe zu unterrichten.!!! Ich hoffe gratuliren zu dürfen. Nun magst Du Dich üben an Deinen Füxen, damit Du später einst Kinder erziehen kannst! –

Nun Deine Poesien: Die erste, die Becher-PoesieGemeint sein dürfte Oskar Schiblers Gedicht „Menschlicher Trost“ vom 27.8.1881, das mit den Versen beginnt: „Im Becher da ruht das Glück der Erde / In ihm ist Seligkeit allein / Drum sprach der Schöpfer auch ‚Es werde‘! / Du sollst des Menschen Tröster sein.“ [Aa, Wedekind-Archiv B, Schachtel 13, Mappe 6, Slg. Oskar Schibler, Schulheft, S. 3r]. gefiel mir nicht ausnehmend (Ich bin offenherzig) sei es, weil ich gewöhnlich aus Gläsern trinke, sei es weil der Cyniker Diogenes, der GlücklicheDiogenes von Sinope lebte nach dem Prinzip, dass nur der glücklich sein könne, der selbstgenügsam, bedürfnislos und unabhängig von Konventionen handle. Nach einer Anekdote soll er seinen Trinkbecher weggeworfen haben, nachdem er Kinder aus den Händen trinken sah. unter den Menschen, seinen Becher w/f/ortschleuderte und noch glücklicher ward. | Nun das „Lied an die Kneipenicht ermittelt.“. Ich hatte es eben gelesen, da verfiel ich wieder in einen fieberhaften Schlaf – Da saßen wir wieder um den runden Tisch. Alle die frohen Gesichter. Auch Oberli war noch dabeiFranz Oberle war am 9.7.1881 tödlich verunglückt [vgl. Wedekind an Adolf Vögtlin, 10.7.1881. – Wedekind hatte den ehemaligen Mitschüler, der im Schuljahr 1881/82 die IV. Klasse der Gewerbeschule an der Kantonsschule Aarau besuchte und im Herbst die Matura ablegen sollte, in zwei Gedichten „Nacht ists, die Stürme brausen sehre“ (12.1880) [vgl. KSA 1/II, S. 1912] und „Was ist das für Gesang und Schall“ [vgl. KSA 1/II, S. 2157] verewigt.. Golden glänzte das Bier in den majestätischen t/T/öpfen. Lechzend goß ich es die brennende ++ Kehle hinunter. Ach, wie das labte! Wie urgemüthlich es mir vom Glase die Hosen herabträufels/t/e! –G Alles ganz so, wie einstmals! – Da saSchreibversehen, statt: sah. ich den Schaum im Glase vergehn. „Träume sind Schäume“ dachtʼ ich und nun tratest d/D/u zu mir. „Franklin, sprachst Du, wir müssen scheiden. Leb wohl!“ – „Leb wohl, Oskar!,“ sprach ich, und Du drücktest mir die Hand, und d/D/u schütteltest sie und drücktest sie noch einmal und warst verschwunden und alles war verschwunden u. ich au war aufgeweicht. Vor mir stand meine Mamma mit einem Löffel voll Jodkalium, den ich alsbald hinunterwürgte. D – Dies war ein trauriger Tausch, aber Träume sind SchäumeTräume sind bedeutungslos, nichtig – sprichwörtliche Redensart..

Nun leb wohl, lieber Oskar. Schreibe bald wieder in meine Einsamkeit. Armin läßt Dich freundlichst grüßen und ebenso Dich und Deine werthen ElternOskar Schiblers leiblicher Vater (Jakob Schibler) war 1872 verstorben, die Mutter (Wilhelmine Franke, verwitwete Schibler) heiratete in zweiter Ehe den Gerichtsschreiber Joseph Keller. u Geschwister Dein Dich innigst liebender Franklin.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 8. September 1881 (Donnerstag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

A. 8 Sept. 81.


Lieber Franklin!

Vor allem wie geht es dir? hoffentlich bedeutend besserWedekind lag seit Mitte August mit einer Rippenfellentzündung im Bett., so dass du die anscheinend kommen werdenden, schönen Herbsttage geniessen kannst. Was hast du eigentlich im Sinne zu thun. Willst du dein trautes Heim in Solothurnnach den Sommerferien hatte Wedekind das Gymnasium der Kantonsschule Solothurn besuchen wollen, was durch seine Rippenfellentzündung verhindert worden war [vgl. auch seine Korrespondenz mit Adolf Vögtlin]. gründen oder wie einzelne sagen wider Aarau beglücken. Lassen wir dies ruhen! rip. Wie du wissen wirst haben wir unsre Kneipbude in Aff Bierbrauerei von Ernst-Pfisterer in der vorderen Vorstadt, Nr. 672 [vgl. Adressbuch Aarau 1884, S. 73], Kurzwort für den Aarauer „Affenkasten“, der gutbürgerliches Restaurant im vorderen Teil, Schankwirtschaft im hinteren war. „Zum Raumangebot gehörten im Parterre neben einer Kegelbahn auch ein Säli und in der Mitte eine offene Gartenwirtschaft mit einem Kastanienbaum“ und einem „Käfig mit zwei bis drei lebenden Affen“ als „Attraktion im Innenhof“ [Hermann Rauber: In «Affenkasten» kehrten sogar Albert Schweitzer und Bundesräte ein. Aargauer Zeitung, 24.12.2015; https://www.aargauerzeitung.ch/aargau/aarau/in-affenkasten-kehrten-sogar-albert-schweitzer-und-bundesrate-ein-ld.1740475, abgerufen 31.10.2022].verlegt, sie gefällt mir f/v/iel besser. Es ist bedeutend gemüthlicher. Man kann so recht biesselig(schweiz.) im Sinne von gemütlich leicht angetrunken. darin sitzen. |

Gestern sassen unsere vermutlich wie das „Z!“ vereinfachte Darstellung eines Verbindungs-Zirkels, hier dürften die Aktiven des Kantonsschülerturnvereins (KTV Aarau gemeint sein. aus der Klasse darin & da gedachten wirdie Aktiven des Kantonsschülerturnvereins (KTV Aarau), sie hatten ihr Stammlokal zuvor in der Bierbrauerei Siebenmann jenseits der Aare und zogen 1881 in den Affenkasten um [vgl. David Pfister: Die Aktivitas des KTV Aarau 1830 – 1930 (Maturaarbeit), http://www.ktv-aarau.ch/ah/geschichte/vereinsgeschichte/Kapitel5.pdf] sowie Nik Brändli (Hg) et al.: 150 Jahre Kantonsschülerturnverein Aarau (1830-1980). (Aarau 1980), S. 161]. auch deinesSchreibversehen, statt: deiner. & FassensFritz Rauber, der sich den Biernamen Fass zugelegt hatte [vgl. seine Unterschrift im Brief: Fritz Rauber an Wedekind 12.9.1883]. – Einen Mitschüler oder Lehrer Wedekinds und Oskar Schibler namens Fass(e/en) gab es zwischen 1879 und 1881 nicht. 1881 hatten die Klassenkameraden Walter Laué (Februar), Wedekind (April) und Fritz Rauber (April) die Schule verlassen. Wilhelm Hünerwadel, der wie Wedekind die Versetzung in die dritte Klasse nicht geschafft hatte, wiederholte die zweite Klasse. & kneipten etwas auf euer Wohlergehen. Komm wenn du kannst bald wider einmal zu mir aber am Morgen, damit wir den ganzen Tag für uns haben. Wir könnten einen gemüthlichen Bummel zusammen machen oder wie es dir beliebt auch in Aarau bleiben. Die Ferien rücken schon näher; ich wollt wenn sie mir auch ganz die Freiheit brachten. So ungebunden hinaus. Das Herz empfänglich für die schöne Natur & Abenteuer | in Menge. Mach es deine Eltern plausibel du bedürfest zu deiner Erholung einer kleinen Reise im Herbst. Ich werde mich mit deiner gütigen Erlaubniss wahrscheinlich anschliessen & dann frei wie der Vogel in der Luft einige Tage hinaus. Wie schön winkt doch von Ferne die goldene Studentenzeit. Doch warum mach ich mir selbst das Herz noch schwerer? Es ist leider [4 Zeilen Textverlust] |

Ich kann nicht weiter schreiben. Ich weiss selbst nicht warum.

Leb wohl & schreib bald deinem
O.

Viele Grüsse an deine werthen Eltern.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 14. September 1881 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Schloß Lenzburg, September 81.


Innigst geliebter Herzens-Oskar.

Es ist heute das erste Mal, das ich mein Bett auf einige Stunden verlassenWedekind war Mitte August an einer Rippenfellentzündung erkrankt. habe und so nehme ich denn die Gelegenheit wahr, Dir auf Deinen Liebe athmenden Briefvgl. Oskar Schibler an Wedekind, 8.9.1881. zu antworten. Vier Wochen das Bett hüten, das hat mich arg angegriffen, besonders das entsetzliche Fieber. Ich bin so mager, wie eine alte Geis, thue jetzt aber auch mein m/M/öglichstes, um das Corpus(lat.) Körper, Leib. wieder in Stand zu setzen. Die Lage der Dinge ist durch meine Krankheit natürlich sehr verändert worden, | nächsten Winter muß ich auf Befehl des Doctors noch zu Hause bleiben u. im Frühling will ich sehn nach Solothurn zu gelangenan die Kantonsschule Solothurn, wohin auch Oskar Schibler wollte.. Von Aaraugemeint ist die Kantonsschule Aarau, die Wedekind, nachdem er im Frühjahr 1881 nicht in die III. Klasse des Gymnasiums versetzt worden war, verlassen hatte. wird k ist keine Rede. Aber warum hast Du mir nichs/t/s von M. FleinerWedekind hatte in seinem letzten Brief [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 3.9.1881] um Nachricht über seinen Schwarm Martha Fleiner gebeten, Sie war viertes von fünf Kindern des 1877 verstorbenen Aarauer Zementfabrikanten Albert Fleiner und der Leontine Zschokke-Fleiner. Die Familie wohnte in Aarau in der Laurenzenvorstadt (Nrn. 586-588), zwischen der Kantonsschule Aarau (Nr. 585) und der Aargauischen Kaserne (Nr. 589) [vgl. Verzeichniss sämmtlicher Einwohner, Wohn- und Oekonomie-Gebäude der Gemeinde Aarau. Aarau 1881 S. 29]. geschrieben? Sie ist doch hoffentlich nicht gestorben, oder (Gott segne sie!) anderweitig verunglückt – Im nächsten Brief wirst Du diese Mittheilungen über sie nicht vergessen, denn sie liegen mir sehr am Herzen. Wenn ich nun wieder gehörig auf den Beinen bin und das Wetter schön ist dann wirst d/D/u wohl wieder herüberkommen qa/u/am primum(lat.) möglichst bald. und wir werden auf dem/n/ sanften Thieren des Friedensdie Schlossesel der Familie Wedekind, auf denen die Kinder auch ausritten. das Land durchziehen. Aber eine FerienreiseOskar Schibler hatte in seinem letzten Brief die Anregung dazu gegeben [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 8.9.1881]. werde ich nicht | machen dürfen, denn ich muß mich gar gewaltig in Acht nehmen. Hingegen werde ich wohl wieder ein Mal gen Aarau ziehen um mit Dir einen einige angenehme Stunden zu verbringen und wenn es möglich ist das Licht meiner Seele (Gott segne sie!) zu sehen. O, wie schön wäre es doch auf einer gemeinschaftlichen Ferienreise, aber es geht nicht. Ich mag d/D/ir nicht gern das Vergnügen verderben, indessen ziehe hin in Frieden, Du wirst schon Gesellschaft finden, und meinen Segen nimmst Du auch mit. Was ist denn am 16. SeptemberOskar Schibler wurde an diesem Tag 19 Jahre alt. los? Ich habe jenes Wort nicht lesen können; ich schicke Dir deswegen | jene Stelle wieder zurückdas Papierstück von 11 x 6,5 cm, das Wedekind aus dem letzten Brief Oskar Schiblers herausgeschnitten hatte [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 8.9.1881], liegt dem Brief nicht bei., damit Du dazu schreiben magst was es heißen soll. Nun bin ich zu Ende. Schreibe mir recht bald wieder, dennDer Brief endet mit einem aus Bibelstellen und literarischen Versatzstücken zusammenmontierten Text. die Zeit wird mir langRedewendung. und der Herr ist großTeil biblischer und sakraler Verse [vgl. unter anderem Jesus Sirach 43,5]., wie da stehet geschriebenhäufig verwendete Redewendung in theologischen Kontexten. im 3. Buch SirachDas Buch Jesus Sirach, eine alttestamentarische Spätschrift bestehend aus 51 Kapiteln, wird meist in drei Teile (1. Teil: Kapitel 1-23; 2. Teil: Kapitel 24-42,14; 3. Teil: Kapitel 42,15-51,30) unterteilt. – Martin Luther ordnete das Werk den Apokryphen zu und übernahm den Text nicht in seine Bibelübersetzung. 4.25vermutlich Schreibversehen, statt: 43.5 [vgl. die Anmerkung zu „der Herr ist groß“].. „Du sollst beugen Dein Knie vor dem HerrnBibelzitat [vgl. Epheser 3,14]., auf daß erTeil biblischer Redewendungen. über Dich weg hinwegsehen kann, denn er wird denn nicht ungestraft lassenBibelzitat [vgl. Exodus 20,7; Deuteronomium 5,11]., der über ihn hinweg sieht. Sela!(schweiz.) Wir werden sehen! – (hebr.) ein Musikzeichen „in den poetischen theilen des alten testaments, wahrscheinlich bezeichnung einer musikalischen pause bez. eines zwischenspiels“ [DWB Bd 16, Sp. 429].“ Jetzt also leb wohl und folge Deinem TriebeVers in Johann Wilhelm Ludwig Gleims Gedicht „Klage an die Liebe“., denn der Herr sagt: „Sehet die Lilien auf dem FeldeBibelzitat [vgl. Matthäus 6,28].; sie säen nich, sie ernten nicht und ihr Vater im Himmel nährt sie dochin Anlehnung an Matthäus 6,26. – „nich“: Schreibversehen, statt: nicht..“ – Gott segne Dich, Lilie auf dem FeldeAnalogie zum Schlussvers „Röslein auf der Heiden“ in Goethes Heideröslein (1827)., und denk zuweilen an Deinen auf Antwort harrenden Freund Franklin.


[Seite 3 am unteren Rand um 180 Grad gedreht:]


p. s. Vielen Dank für den Regenschirm. Amen!

Einzelstellenkommentare

Aarau, 15. September 1881 (Donnerstag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

15. Sept 81. Aarau.


Lieber Franklin!

Es hat mich sehr gefreut zu vernehmen, dass du wider dich von deinem SchmerzenslagerWedekind hatte 5 Wochen mit einer Rippenfellentzündung im Bett gelegen. erheben darfst. Mögen deine Kräfte uns bald wider einmal gestatten uns persönlich zu treffen.

Ich habe immer mehr Sehnsucht di/en/ hiesigen Verhältnissen valet(lat.) Lebewohl. – Oskar Schibler wollte die Kantonsschule Aarau verlassen und seine Schullaufbahn an der Kantonsschule Solothurn fortsetzen; diese wollte auch Wedekind nach seiner Gesundung besuchen. zu sagen und die alte burgund. ResidenzstadtSolothurn, die Hauptstadt des Kantons Solothurn, gehörte im frühen Mittelalter zum Königreich Burgund. zu beglücken. Aber wie soll ich das bei meinen Eltern durchsetzen. Ich will versuchen ob ich meinen FraterOskar Schibler dürfte an den älteren Bruder, den Studenten Wilhelm Schibler, gedacht haben. zu meiner Ansicht bekehren kan & somit neue wirksame Truppen ins Feld rücken. Pläne hätte ich allerdings genug, aber die sind für den Nothfall in Reserve. Schreiben will ich sie Dir auch nicht – mündlich lässt sich über solch ein beides interessirdesSchreibversehen, statt: interessirendes. Thema besser sprechen |

Morgen (16)Wedekind hatte den Freund gefragt, was am 16. September sei [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 14.9.1882]. – Oskar Schibler wurde 19 Jahre alt. ist mein Geburtstag da wirst du mich hoffentlich auch mit einem Poema,Schreibversehen, statt: Poēma (griech.) Gedicht. Wedekind beschenkte Oskar Schibler wiederholt zu besonderen Anlässen mit Gedichten [vgl. u.a. Wedekind an Oskar Schibler, 27.11.1879]. überraschen. Meine MuseAuch Oskar Schibler schrieb Gedichte, er hatte dem von Wedekind und Walter Laué gegründeten Dichterbund „Senatus poeticus“ angehört [vgl. Wedekind an Walter Laué, 11, und 24.2.1881]. ist niedergeschlagen, es ist mir hier alles so öd, so kalt, so fremd. Eine Täuschung – ich glaube, dass es an einem andern Orte besser würde. Sprechen wir wieiter davon. Gib mir einen Rath & schreibe mir einen Brief, den ich vorlesen werde um die Antiquen(lat.) Alten, hier: Eltern. zu, wenn nicht zu einem Schritte zu bewegen sie doch zum Nachdenken verleiten soll & dies ist immerhin schon viel.

Nun leb wohl
Sei herzlich gegrüsst &
xxxxmehrfach durchgestrichen. v. d O.


Schreib bis morgen


[Am linken Rand um 270 Grad gedreht:]


frd Gruss an die werthen Eltern & Armin.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 16. September 1881 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

An Oskar.


I.


Ha, wie durchbebt es meine Glieder,
Daß heuteAm 16.9.1881 wurde Oskar Schibler 19Jahre alt. Dein Geburtstag ist!
Die Musegriechisch römische Mythologie; hier: Personifizierung der Dichtung. schmettert ihre Lieder;
Sie hat gerastet kurze Frist.
Es wird der Pegasusin der griechisch-römischen Mythologie das geflügelte Pferd; hier: das Dichterross. bestiegen;
Auch er genoß der süßen Ruh.
Und schneller, als die Aare fliegen,
Ging es dem reinen Äther zu.


Hoch über dem Geräusch der Erde,
Fern von der Menschheit wildem Schwarm
Hielt ich auf meinem Flügelpferde
Die schönste Göttin(griech.) Aphrodite, (lat.) Venus; die Göttin der Schönheit, Liebe und Erotik. kühn im Arm.
Ha, wie da meine Pulse flogen,
Den Augenblick vergeß ich nie:
Tief hab’ ich Liebe eingesogen,
Berauscht von ihrer Melodie. |


Ja, Oskar, das war eine Wonne,
Wenn auch für wen’ge Stunden nur:
Ein Liebchen, wie die lichte Sonne
In unverschleierter Natur.
Natürlich war ihr ganzes Wesen,
e/E/in jeder Zwang war ihr verhaßt.
In ihren Blicken konnt ich lesen,
Was du noch nie gelesen hast. –


Und nun bedenke: Dieser Busen,
Von edler Leidenschaft bewegt,
In dem die s/S/chönste aller Musen
Ein zärtlich liebend Herze trägt!
Und diese Glieder, weich und sphärisch;
Von scharfen Kanten keine Spur,
Der TeinSchreibversehen, statt: Teint. Von Bertha Jahn mit Bleistift korrigiert. Durchsichtig und Ätherisch –
Das schafft nicht irdische Natur. |


So ließ sie vor mir auf dem Rücken
Des edeln Thiers sich aufwärts ziehn;
Und ich ließ trunken mich entzücken
Von ihren süßen Melodien. –––
So nimm denn diese kleine Gabe
Als Zeichen meiner Freundschaft hin;
Es ist das Beste, was ich haben:
Ein Lied von meiner Königin.


II.Wedekind publizierte den folgenden Teil des Briefgedichts überarbeitet und gekürzt als Gedicht unter dem Titel „Stallknecht und Viehmagd. Carmen bucolicon“ zuerst in der Sammlung „Die vier Jahreszeiten“ (1905) [vgl. KSA 1/I, S. 798].


Die Bärin wohnt im tiefen Walde,
Im tiefen Wald wohnt auch der Bär.
Und an demselben Aufenthalte,
Da wohnen bald darauf noch mehr.
Doch im Olympder Sitz der Götter., da wohnen Götter,
Darunter Venusdie Göttin der Schönheit und der erotischen Liebe. und ApollGott des Lichts, Beschützer der Künste und der Musik..
Dort hat man ewig schönes Wetter,
Und jeder Gott ist – liebevoll. |


Auf ödem Felde schafft die Viehmagd,
Thut ob der Arbeit manchen Schrei.
Jedoch CupidoGott und Personifikation der Liebe (Cupido erweckt die Liebe in einem Menschen, indem er einen Pfeil in dessen Herz schießt); auch: Amor; (griech.) Eros., der sich nie plagt,
Sitzt freundlich lächelnd nebenbei.
Er sitzt dabei auf einem Steine,
t/l/t Pfeil und Bogen in der Hand
Und spreitzt gemüthlich seine Beine,
Als wärs in seinem Vaterland. –


Nun kommt der Stallknecht mit den Kühen,
Auch Ochsen ziehen an dem Pflug.
Doch muß er selbst am meisten ziehen,
Dann geht es eben schnell genug. –
Da duckt se/ic/h AmorSynonym für Cupido. listig nieder;
Er legt den Bogen an mit Lust
Und schießt die ViemagdSchreibversehen, statt: Viehmagd. durch das Ni/M/ieder
In ihre ahnungslose Brust. |


Der Stallknecht kommt herbeigesprungen,
Auf daß er rasche Hülfe bringt.
Doch Amor trifft den armen Jungen,
Daß er mit ihr zu Boden sinkt.
Da liegen Stallknecht nun und Viehmagd
Und schauen sich verwundert an;
Vollführen freudig, was man nie sagt,
Doch was man leicht errathen kann.


17.IX.1881.Vermutlich ein Schreibversehen, statt: 16.IX.1881. (siehe oben Anmerkung „heute“), dem Geburtstag Oskar Schiblers, der sich zu diesem Anlass ein Gedicht Wedekinds gewünscht hat [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 15.9.1881], für das er sich am 17.9.1881 bedankte [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 17.9.1881].

Einzelstellenkommentare

Aarau, 17. September 1881 (Samstag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

17.9.81. Aarau.


Mein lieber Franklin!

Vielen Dank für deinen poetischen Grussdie unter dem Titel „An Oskar“ zusammengefassten Gedichte „Ha, wie durchbebt es meine Glieder“ und „Die Bärin wohnt im tiefen Walde“, die Wedekind Oskar Schibler zu dessen Geburtstag zugeschickt hatte [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 16.9.1881].; er enthält sehr viele gefühlvolle, zarte, ansprechende Stellen so dass es einem kalt über die Haut rieselt & dann wider siedend heiss ins Gehirn steigt. Deine Muse ist reizend nur zu reizend, in einem duftigen, leichten Gewande, hebt sie eher ihre Schönheiten als dass sie dieselben verschleiert. Dies das Urtheil über die erste Abtheilung.

Hier ist das Gewand gefallen & damit der Reiz verschwunden. Ein Weib ohne Reiz was ists – Fleisch, & dieses Fleisch reizt auch nicht.

Wende dich wider(schweiz.) wieder; wider. einmal einem lyrischen Gedicht zu, du wirsdSchreibversehen, statt: wirst gewiss etwas brillantes zu Stande bringen. |

Nun bitte ich dich um einen Rath. Der MaturitätswixAm 30.9.1881 feierten die Kantonsschüler mit einem Kommers die Verabschiedung der Abiturienten der Gewerbeschule. steht unmittelbar vor der Thür & ich hab, nicht durch meine Schuld fast gar nichts zum AufführenAls Freimütiger des Kantonsschülerturnvereins (KTV Aarau) hatte Oskar Schibler die Aufgabe, die Ideen für Präsentationen zu entwickeln, mit Füxen und Burschen einzustudieren und in Konkurrenz zu den anderen Schülerverbindungen zur bestmöglichen Aufführung zu bringen.. Es bleibt mir somit in den 14 Tagen, die noch übrig sind nichts anders als ein WachsfigurencabinetSammlung von „Wachsfiguren“: „die meist lebensgroßen, plastischen Darstellungen von merkwürdigen Persönlichkeiten und Gruppen, an denen das Nackte von Wachs, die Gewandung aber wirklich, der Körper darunter ausgestopft ist.“ [Brockhaus’ Konversationslexikon 14. Auflage, Bd. 16, 1903, S. 426] Berühmt waren die Tussaudsche Sammlung (1780 in Paris eröffnet, seit 1802 in London) sowie das Panoptikum der Brüder Castan in Berlin (1869). (zur andern dramat. Aufführung) zu arrangiren. Du wirst begreifen, dass die Wahl der vorzustellenden Persönlichkeiten nicht gleichgültig ist, sondern quasi die Hauptsache ist. So bitte ich dich wenn du vielleicht einen glücklichen Gedanken hast mir ihn bis nächsten Mittwochden 22.9.1881. Zu Wedekinds Ratschlag in der Angelegenheit vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 18.9.1881. mittheilen zu wollen). Ich habe bis jetzt nur 2.

Auffindung MosesDie Tochter des Pharaos, die mit ihren Dienerinnen zum Baden an den Nil geht, findet im Wasser das Kleinkind Moses (den späteren jüdischen Propheten), der, um ihn vor der Ermordung zu retten, zuvor von seiner Mutter in einer Schachtel ausgesetzt wurde [vgl. Exodus 2, 1-10]. – Das Motiv begegnet verschiedentlich in der bildenden Kunst, unter anderem in den Gemälden „Die Auffindung des Moses“ von Peter Paul Rubens und „Auffindung Moses durch die ägyptische Königstochter“ des zeitgenössischen Historien- und Porträtmalers Bernhard Plockhorst, einem Vertreter der Spätnazarener. durch die egyptische Königstochter.

Es sollten noch einzelne classische Gestalten zugezogen werden welche recht profanirt werden können. Wenn du Zeit & Lust hast kannst du ja gerade einige | Worte dazu machen, welche zur Erklärung dienen. Ich bin nämlich bis Montagden 20.9.1881 verflucht mit Arbeit überlastet, so dass mir keine freie Zeit übrig bleibt. Drum bitt ich dich mit Herzen, Mund & Händen mir hiebei etwas an die Hand zu gehen.

Du wirst bald einmal denken ich sei ein unverschämter Mensch. Bitten nichts als Bitten schreibt er hieher. Doch entschuldige mich ich baue auf deine Freundschaft wie auf die Felsen des Lebanon.

In 14 Tagen haben wir nun FerienDie Herbstferien, die das Ende des ersten Schulhalbjahres einläuteten, dauerten drei Wochen, vom 1.10.1881 bis zum 22.10.1881. In welchen wir hoffentlich nun öfters Gelegenheit haben werden uns zu treffen. & dann


Weit werf ichOskar Schibler zitiert die vier Schlussverse aus Heinrich Leutholds Gedicht „Entsagung“ (1857). weg das klagende Erinnern
An eine Welt, die mir nur Wunden schlug‘.
Trag ich nicht selber eine Welt im Innern?

Verlangend Herz, sei du dir selbst genug! |


Noch einmal meinen Dank für das Zeichen deiner Freundschaft, herzlich sei gegrüsst von deinem
O.


Schreib mir also bald.


Gruss an deine werthen Eltern & Armin. Wenns dir möglich ist so komm nächste Woche einmal. Schick aber vorher eine Carte.

in aeternum(lat.) in Ewigkeit. Dein

F.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 18. September 1881 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Am eidgenössischen Buss- und BettagSonntag, der 18.9.1881., 1881


Edler Oskar.

Den besten Dank für deinen werthen Briefvgl. Oskar Schibler an Wedekind, 17.9.1881. und die ComplimenteOskar Schibler hatte den erste Teil von Wedekinds poetischem Geburtstagsgruß „An Oscar“ positiv rezensiert., die Du mir darin machst. Aber wie kommst du dazu, gegen den II. Theildas Gedicht „Die Bärin wohnt im tiefen Walde“, der zweite Teil von Wedekinds poetischem Geburtstagsgruß „An Oscar“. Es folgt Wedekinds Replik auf die schriftliche Kritik des Freundes an dem Gedicht. meines letzten Briefesvgl. Wedekind an Oskar Schibler, 16.9.1881. aufzutreten. Du hast ganz recht, dass das Fleisch an und für sich keinen Reiz habe, im Gegentheil: Wenn Du Deine GeliebteWedekind nennt sie an anderern Stelle „Deine von X“ [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 3.9.1881]. nur mit sinnlichen Augen betrachtest, so wirst Du gerade in dem Moment, wo die Sinnlichkeit ihren Triumph feiern sollte, sie verabscheuen, und das vorher angebetete Fleisch wird in Deinen Augen zu Aas. Aber meinst du denn wirklich, (bitte, verzeih’ meinen Schulmeisterton) zwischen Bär und Bärin herrsche kein anderes Verhältniss, als Sinnlichkeit? – | Nein, glaube mir der Bär bedarf eher einer Lebensgefährtin, einer Gesellschafterin in seiner Einsamkeit, als der Mensch in der interessanten, belebten Welt. Was nun Venusrömische Göttin der Liebe. und Apollin der griechisch römischen Mythologie Gott der Künste, der Weissagung, der sittliche Reinheit und Mäßigung, des Frühlings und des Lichts. betrifft, so bedenke, daß Apoll ein Künstler ist, dem wir es nicht verargen dürfen, wenn er an seiner Venus die Schönheiten der Natur sucht, um die Menschen in Lied und Bild damit zu entzücken. Nun kommt noch die Viehmagd und der Stallknecht, und da weisst Du nicht, welch interessante Unterhaltung vielleicht ihre menschenfreundliche (nach pessimistischen Begriffen allerdings menschenfeindliche) Handlung gewürzt hat. Also von bloss fleischlichen Genüssen ist hier durchaus nicht die Rede, da sie dem Menschen gar nicht verliehen sind, weil eben das Fleisch, sinnlich betrachtet, zu faulem Aas wird. – Verzeih mir nun noch einmal meinen Schulmeisterton, aber Du wirst mir erlauben meine Kinder und diejenigen meiner Muse zu verteildigen.

Über den MaturitätswixAm 30.9.1881 feierten die Kantonsschüler mit einem Kommers die Verabschiedung der Abiturienten der Gewerbeschule. Oskar Schibler hatte den Freund um Ideen für eine Aufführung gebeten. habe ich nachgedacht und auch mit Armin darüber gesprochen. Ein WachsfigurenkabinetSammlung von „Wachsfiguren“: „die meist lebensgroßen, plastischen Darstellungen von merkwürdigen Persönlichkeiten und Gruppen, an denen das Nackte von Wachs, die Gewandung aber wirklich, der Körper darunter ausgestopft ist.“ [Brockhaus’ Konversationslexikon 14. Auflage, Bd. 16, 1903, S. 426]. geht nicht. Zu abgedroschenBei der nächsten Sitzung des KTV am 24.9.1881 brachte Oskar Schibler die Kritik der Freunde vor. „Der Freimüthige beantragt, man solle das auf den Maturitätswix projektirte Wachsfigurenkabinet nicht ausführen, weil wir schon am letzten ein solches gegeben haben und weil einige alte Häuser ([Armin] Wedekind u Schübel.) ihm aus dem nämlichen Grunde davon abriethen. Er meint man könne dafür mit einem Freimüthigen steigen, der sich auf den ganzen Verein beziehe. Urech erwiedert darauf, daß ein bloßer Freimüthiger den Verein zuwenig auszeichne, und daß es sehr wichtig ist ob man auf der Bühne erscheine oder nicht. Er glaubt daher, daß man ein kleines dramatisches Stück aufführen müße. Es erheben sich nun mehrere Mitglieder gegen diesen Antrag, weil die Schule es ihnen nicht erlaube in dieser kurzen Zeit noch etwas zu lernen. Hasler meint, daß es immer noch Zeit genug übrig bleibe, um etwas rechtes zu lernen, wenn man seine Zeit recht abmeße. Es wird nun abgestimmt und beschloßen ein Wachsfigurenkabinet aufzuführen.“ [KTV Aarau. Archiv. Protokollbuch 1879/85, S. 96f.]. Nun dachte ich, man könne den Handschuh von Schiller aufführenDie Idee griff Oskar Schibler offenbar auf, klagte in der Vereinssitzung bezüglich der Vorbereitungen allerdings „über das Betragen zweier junger Mitglieder, welche aus nichtigen Gründen an dem dramatisirten „Handschuh Schiller’s nicht mitspielen wollen. Das Präsidium ermahnt daher Alle mit Ernst hinter die Sache zugehen, und beantragt eine Schwänzung von 2 Fr.[anken] für denjenigen, welcher bis Montags 1 Uhr den Text nicht gelernt und bis Mittwoch 1 Uhr sich kein Kostüm verschafft hat, was denn auch beschloßen wird.“ [KTV Aarau. Archiv. Protokollbuch 1879/85, S. 97]. Armin geht Dienstagden 20.9.1881. nach Aarau. Verschmähe seinen Rath nicht. Er kann dir sehr nützlich sein. Wenn irgend möglich, komme ich zum Maturitätswix. Nun Adee, auf Wiedersehn Dein alter
KaterBiername Frank Wedekinds.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 13. Oktober 1881 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Schloss Lenzburg 13. NovOct. 81.


Lieber Freund,

Nun bin ich von Schaffhausen zurückgekeht/rt, wo ich einige sehr glückliche Tage verlebteIn Schaffhausen wohnte seit dem Frühjahr 1881 Olga Plümacher, Wedekinds philosophische Tante, mit ihren Kindern Hermann und Dagmar [vgl. [Hermann Plümacher an Wedekind, 23.4.1881].. Bei bester Unterhaltung und unerschöpflichen Bierkrügen wurde uns die Zeit so kurz, dass sie fast in das theoretisch nur einmalige Zeitmoment Kant’s„Die Momente der Zeit scheinen sich nicht zu folgen, weil auf diese Weise noch eine andere Zeit für die Folge der Momente vorausgesetzt werden müßte; vielmehr scheint das Wirkliche vermittelst der sinnlichen Anschauung wie vermittelst einer stetigen Reihe von Momenten herabzusteigen“ [Immanuel Kant: De Mundi Sensibilis (1770). In: Immanuel Kant’s Sämmtliche Werke hrsg. (und übersetzt) von Karl Rosenkranz und Friedrich Wilhelm Schubert. Bd. 5. Leipzig 1839, S. 120 Anm.; zitiert nach Rudolf Eisler: Kant-Lexikon (https://www.textlog.de/eisler/kant-lexikon/zeit)]. zurücktrat. Wie verflossen Dir, l. Oskar, diese 8 Tageseit Mitte der ersten Herbstferienwoche.? – Wenn sie Dir nicht so schnell verflossen, wie mir, so glaube ich nicht mehr an eine Zeitausdehnungkontrovers diskutierte Problematik der Kantischen Theorie von Raum und Zeit.. – Über Deine jetzigen Verhältnisse hab ich von Armin erfahren was ich erfahren konnte. Soll ich bemitleiden, oder glücklich preisen? – Du wirst mir diese Zweifel lösen. Du gehst nach SolothurnOskar Schibler verließ die Kantonsschule Aarau und besuchte ab Herbst 1881 die Kantonsschule Solothurn. Das Schuljahr dauerte dort vom 15.10. bis zum 15.8. des Folgejahres [vgl. Reglement für die Kantonsschule (Vom 10. Oktober 1874), in: Amtliche Sammlung der Gesetze und Verordnungen des eidgenössischen Standes Solothurn. Bd. 57, 1871-75, Nr. 85, S. 299, §31].. – O, könnt ich doch auch mit! Aber es soll nicht seinWedekind, der ein halbes Jahr Privatunterricht auf Schloss Lenzburg erhalten hatte, kehrte nach Ende der Herbstferien an die Kantonsschule Aarau zurück und wiederholte hier das zweite Schulhalbjahr der II. Gymnasialklasse.. Das Schicksal ist hart. Es will mich noch tiefer stürzen. Ich muss Dich noch einmal sehen bevor d/D/u von dannen ziehst, aber es geht nicht hier in Lenzburg. So will ich denn, falls es Dir Recht ist, morgen, Freitagden 14.10.1881. Nachmittags nach Aarau kommen. Eine Stunde im RynikerPintenwirtschaft des Friedrich Ryniker in der Metzgergasse 102 [vgl. Verzeichniss sämmtlicher Einwohner, Wohn- und Oekonomie-Gebäude der Gemeinde Aarau. Aarau 1881, S. 8]. hinter einem grossen TopfSchüler- und Studentensprache: Bierkrug. kann uns auf viele Jahre der Trennung hin fest verbinden. Mit frohem Herzen werd ich nach dieser glücklichen | Stunde wieder in die Heimath zurückkehren um von goldener Erinnerung zu leben. Sollte aber diese Zusammenkunft durch irgend einen Zufall vereitelt werden, so sag ich Dir mit diesem Briefe Ade und wünsche Dir alles Gute, was Erde und Himmel hervorbringen. – Es wird Dich befremden, dass ich Dich nicht zu mir einlade; Aber die ganze Familie ist noch mit der WeinleseZum Schloss Lenzburg gehörte ein Weinberg von 6 Juchart [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 286], etwa 1800-2400 Quadratmeter. beschäftigt, deren nicht gerade glänzender Ertrag die Gemüther Aller und zumal meines Vaters bedeutend verstimmt. Dazu haben wir noch seit einigen Tagen Kinder von zürcher Bekanntennicht identifiziert. zu bBesuch, welche auch wegen ihres geringen Alters die Gemüthlichkeit einigermassen beeinträchtigen. – Morgen Nachmittag um ein Uhr werde ich also Dich in Aarau aufsuchen. Wenn es Dir irgendwie nicht recht ist, so bring heute Abend nocht eine Karte auf die Post, damit ich morgen früh Antwort habe. Nun leb wohl auf Wiedersehn. Dein
treuer Freund
Franklin Wedekind.


Eritis sicut Deus, Scientes malum et bonum.(lat.) Ihr werdet sein wie Gott, wenn ihr das Böse und Gute erkennt. Wedekind vertauscht „bonum“ und „malum“ in diesem berühmten Bibelspruch (1. Mose 3,5), den Mephisto in Goethes „Faust I“ einem Schüler ins Stammbuch schreibt [vgl. Goethes Werke (WA), Bd. 14, S. 95 = V. 2048].

Du kennst nun Beides.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 10. November 1881 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

10.XI.81.


Geliebter!!

Endlich komme ich einmal dazu, Dir mein überströmendes Herz zu ergiessen. Einsam und verlassen steh ich da unter einer Schaar wildfremder MenschenGemeint waren vermutlich die neuen Klassenkameraden. Wedekind, der ein halbes Jahr Privatunterricht auf Schloss Lenzburg erhalten hatte, war nach Ende der Herbstferien an die Kantonsschule Aarau zurückgekehrt, wo er das zweite Schulhalbjahr der II. Gymnasialklasse wiederholen musste. und der Einzige, der mir theuer und lieb ist, weilt fern von mir. Oskar, es ist nicht gut, wenn T dass uns das Schicksal getrennt hatOskar Schibler besuchte seit Ende der Ferien die Kantonsschule Solothurn.. Wir lernen uns entbehren und unsere Freundschaft geht reist ad patres(lat./frz.) zu den Vätern; ins Jenseits.. Darum wollen wir, wenn auch unsere Leiber nicht eodem loca/o/(lat.) an demselben Ort. weilen können, mit dem g Geiste doch recht häufig einander in unseren Briefen nahe treten. Du er|innerst Dich vielleicht noch an jene goldenen Tage, da wir selbandern(schweiz.) zu zweit. in Scherr’s menschlicher Tragiecomoedie lasen. Du erinnerst Dich w vielleicht noch daran, was er bei Anlass von Heloise über die Liebe sagte, dass sie einzig und allein auf GeschlechtstriebScherr schreibt einleitend im Kapitel „Heloise“: „Der [...] Geschlechtstrieb, stirbt beim Erwachen der Liebe keineswegs, im Gegentheil! Er weckt sie ja, er ist die Liebe selber. [...] Auch das Weib sucht in der Liebe zunächst nur die Geschlechtsbefriedigung, weil es muß, weil die Natur sie tyrannisch dazu zwingt.“ [Johannes Scherr: Menschliche Tragikomödie. Gesammelte Studien, Skizzen und Bilder, Bd. 1, Leipzig 1874, S. 155] zurückzuführen sei. Oskar, ich glaube nicht mehr, was Scherr uns vorschwefelte„blauen dunst vormachen, vorlügen“ [DWB, Bd. 26, 1938, Sp. 1539].. Ich erkläre mir die Liebe vielmehr als subjectiven Idealismu„Der Begriff wurde erstmals von Schelling zur Charakterisierung der Philosophie Fichtes verwendet. Er bezeichnet – zumeist mit polemischer Absicht – philosophische Positionen, die den Erkenntnisprozeß stärker von den Vorstellungen des Subjekts beeinflußt sehen als von den Gegenständen selbst, die also unterstellen, daß die Dinge an sich hinter den subjektiven Vorstellungen verborgen bleiben (vgl. Ritter/Gründer 4, S. 43). – Wedekind dürfte die Bezeichnung durch die Vermittlung seines Lehrers Carl Uphues geläufig gewesen sein. Uphues, der bis Herbst 1881 an der Kantonsschule Aarau unterrichtete, hatte in den 70er Jahren selbst erkenntnistheoretische Schriften publiziert (vgl. Uphues 1874 u. Uphues 1876).“ [KSA 1/II, S. 2069]s, indem der Liebhaber in seiner Geliebten die absolute Vollkommenheit erblickt, obschon sie das Kind in unseren Augen sich nicht über Mittelmässigkeit empor heben mag. Diese Anschauung hab’ ich nun in folgende Verse gebracht, deren gnädige Kritik ich in Deinem nächsten Briefvgl. Oskar Schibler an Wedekind, 15.11.1881. erwarte: |


Es mussDas Gedicht „Subjectiver Idealismus“ ist in einer späteren, leicht überarbeiteten Fassung erstmals in der Wedekind Werkausgabe publiziert worden [vgl. KSA 1/I, S. 62; Kommentar KSA 1/II, S. 2066-2070]. der Gottheit nicht gefallen haben,
So sprach ich oft zu mir in trüben Stunden,
Die Weisheit mit der Tugend zu vereinen.
Ich suchte einen Freund, doch hab’ ich keinen,
Der meinem Ideale gleicht gefunden.


Ich suchte fort und fort wohl viele Jahre,
Bis ich mich niederliess in diesem Tah/ha/le.
Da sah ich sie, kaum traut’ ich meinen Blicken.
Ich liebt’ – und fand mit freudigem Entzücken
Die w/W/irklichkeit zu meinem Ideale.


Es macht den Menschen doch bedeutend glücklicher, wenn er die Welt mit idealistisch verblendeten Augen ansieht, und E. v. Hartmann hat recht, wenn er behauf/p/tetnicht ermittelt., die Aufklärung sei an dem Unheil unserer Zeit schuld. Mit frommen Kinderglauben betrachteten die m/M/enschen die g/G/es Geschichte Christi. Da kommt dann so ein VogtPapst Gregor I, der vor seiner kirchlichen Karriere Stadtpräfekt (Vogt) von Rom war. und sagtIn seinen Magdalenenpredigten verschmolz Gregor I. Maria Magdalena, die Apostelin der Apostel, mit der namenlosen Sünderin, die Jesus die Füße salbt (Lukas 7,36-50) und mit Maria von Bethanien, der Schwester von Martha und Lazarus von Bethanien. Seine damit verknüpfte Deutung Maria Magdalenas als Prostituierte und Prototyp für die in der Sexualität begründeten Sündhaftigkeit der Frau schlechthin blieb bis 1969 Lehrmeinung der weströmischen Kirche., Maria und Magdalena Martha seien Metzenveraltete Bezeichnung für Prostituierte. | gewesen und alsbald ist die Zufriedenheit, das Glück zum Teufel und frecher Spott tritt an des/r/en Stelle, wie Du aus f/F/olgendem ersehen wirst:


Fernhin, nach dem heil’gen Lande
Lass mich ziehn von diesem Strande,
An den See Genezareth,
Wo mit seiner Martha weiland
Jesus Christus, unser Heiland,
Sich gewälzt in einem Bett.


Wo Maria, S/d/ie gescheidte,
Liebevoll an si/e/iner Seite
Horchte auf sein Christenthum,
Und er selber zwischen beiden
Huldigte des Lebens Freuden
Auf dem weichen Canapum.
Dahin, Alter, lass mich ziehen!

––––– |

„Gräulich, entsetzlich!!“ hör’ ich Dich ausrufen, aber ich weiss noch Entsetzlicheres: – Das Einzige, das Beste, was ich auf dieser Welt mein wähnte, sollte mir entrissen werden. Alle grossen Gefühle, die eine men Menschenbrust bewegen können, stürmten auf mich ein. – Vor mir eine dunkle, unbestimmte, freudlose Zukunft; hinter mir die gold’nen Tage der Vergangenheit, von der ich scheiden sollte. Oskar, ich Tr hätte Thränen heulen mögen über diesen Gedanken, und doch wieder die Wonne, die unbeschreibliche Wonne, Dich noch jetzt zu geniessen, noch diesen Augenblick, kurze Minuten zu sehen – Nein, es war zu viel für mich, ich konnte es nicht fassen, nicht begreifen. Die Gedanken vergingen mir. Ich fühlte nur, fühlte tief; ich fühlte mich unendlich glücklich. – Sterben, | Dach dacht’ ich; jetzt sterben, in diesem Augenblick seliger Wonne! – Das Leben wäre ein schöner Traum gewa/e/sen und der Tod wäre Göttertrank!

So dachte ich, – und Du? – O, ewige GerectigkeitSchreibversehen, statt: Gerechtigkeit.!! – und Du? – schissest meine ZündhölzerOskar Schibler geht auf die Angelegenheit in seinem Antwortbrief ein [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 15.11.1881].. –––

Denke Dir einmal, lieber Oskar, d/D/u schwelgtest in süsser Liebe, Dein Blut kocht und Deine Pulse fliegen. Nun giesst man Dir einen Eimer kalten Wassers in Dein warmes Bett über den heissen Leib. So ungefähr wirkte Deine Handlungsweise damals auf meine Gefühle. ––– Ich verzeihe Dir, obschon ich Dich nicht begreife. Behalte die Zündhölzer, es klebt kein Fluch daran. Aber, Oskar, ich appelire an Deine Ehre, an Dein Manneswort und an Deine Freundschaft, Oskar, ich bitte Dich | In inständig, sende mir so schellSchreibversehen, statt: schnell. als möglich meine BucolicaGemeint ist ein (heute verschollenes) blaues Heft betitelt „Bucolica“, in das Wedekind seine von Mai bis Juli 1881 auf Schloss Lenzburg entstandenen Schäferdichtungen schrieb und das ihm im Herbst 1898 während seiner Flucht in die Schweiz abhanden kommen sollte [zur Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte vgl. KSA 1/II, S. 1538-53]. Einzelne Bucolica hatte Wedekind seinen Dichterfreunden des Senatus poeticus im Frühsommer 1881 zur kritischen Würdigung zugesandt [vgl. die Korrespondenzen mit Walter Laué, Oskar Schibler und Adolph Vögtlin].! – MeinSchreibversehen, statt: Meine. Gründe zu dieser Forderung kennst Du, und es sind noch andere hinzugekommen, die ich hier nicht zu erleutern wage. Oskar, Du würdest durch Zögerung mich unglücklich machen; bitte, säume nicht; brauch’ keine Entschuldigungen, mein Dasein steht auf dem Spiele. – Du sollst noch Alles erfahren, wie es sich zugetragen hat, aber jetzt eile mit der Sendung. Schick Schicke es mir in die Kantonsschule, Aarau; ich wäre ruinirt, wenn es in falsche Hände käme. und Daran will ich Deine wahre Freundschaft erkennen, dass Du mir diesen Bitte sofort erfüllst. Nun ade! Grüsse KunzRichard Kunz hatte im Juli 1880 die Kantonsschule Aarau verlassen und besuchte jetzt die Kantonsschule Solothurn. e. ct. PlüssGottfried Plüß, der ebenfalls die Kantonsschule Solothurn besuchte, war im ersten Halbjahr des Schuljahrs 1879/80 Klassenkamerad von Oskar Schibler und Frank Wedekind gewesen. vor Allen aber Dich selbst von Deinen/m/ treusten Freunde
Franklin Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 15. November 1881 (Dienstag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Nov. 15. 81. Solothurn.


Lieber Franklin!

Dein Briefvgl. Wedekind an Oskar Schibler, 10.11.1881. hat mich sehr gefreut indem ich daraus ersah, dass du trotz deiner miserablen StellungOskar Schibler dürfte auf die schulische Situation angespielt haben. Wedekind wurde nach einem halben Jahr Privatunterricht auf Schloss Lenzburg nicht in die III., sondern in die II. Klasse des Gymnasiums eingestuft. die Elasticität deines Geistes bewahrt hast. Deine Poesiendie beiden im vorangegangenen Brief mitgeteilten Gedichte „Subjectiver Idealismus“ und „Fernhin, nach dem heil’gen Lande“ [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 10.11.1881]. sind haarig. Wirf dich einmal auf ein idealeres Gebiet du wirst selbst mehr Freude daran haben. Man merkt es gährt & schafft in d/D/ir –, du fühlst dich nicht wohl nicht in deiner SpähreSchreibversehen, statt: Sphäre..

Mein PhilisterBei Oskar Schiblers Pensionsvater dürfte es sich um Walther von Arx handeln, der 1878 (mit 29 Jahren) zum Professor für deutsche Sprache und Literatur an die Kantonsschule Solothurn berufen wurde [vgl. Hans Brunner: Die Reihe „Solothurner Klassiker“ in: Oltener Neujahrsblätter, Bd. 76, 2018, S. 62]. kennt dich beritsdialektal für: bereits. aus meinen über dich geführten Gesprächen, er ist sehr gespannt deine Bekanntschaft zu machen. | Frass & Bett erwarten dich schon lange komm desshalbSchreibversehen, statt: deshalb. quam celerrime(lat.) möglichst schnell. in meine Arme.

Vorletzten Sonntagden 6.11.1881. tagte ich mit dem Philister in einer Kneipe auf einem Dorfe, Du siehst er ist ein fideles Haus trotz Professor. Als ich ihm Deine BucolicaGemeint ist ein (heute verschollenes) blaues Heft betitelt „Bucolica“, in das Wedekind seine von Mai bis Juli 1881 auf Schloss Lenzburg entstandenen Schäferdichtungen schrieb und das ihm im Herbst 1898 während seiner Flucht in die Schweiz abhanden kommen sollte [zur Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte vgl. KSA 1/II, S. 1538-53]. Einzelne Bucolica hatte Wedekind seinen Dichterfreunden des Senatus poeticus im Frühsommer 1881 zur kritischen Würdigung zugesandt [vgl. die Korrespondenzen mit Walter Laué, Oskar Schibler und Adolph Vögtlin]. zu lesen gab sagte er: Das ist ein verfluchter Kerl er interessirt mich! Viens vite(frz.) Komm schnell.. Du kannst ja kommen unter irgend einem Vorwande du brauchst ja zu Hause nicht zuu> sagen wohin du gehst. O über die manchmal verdammt zärtliche lästige vorsorgliche Liebe der Mütter!

Wenn du hier wärest würde dich ein ganz anderer Geist anwehen | du fühltest dich wohl. Du weisst ich kann nicht viel & trotz der eigent. guten Klasse in die ich gerathen bin, bin ich doch einer der Besseren. Allerdings muss man arbeiten. Wie gehts in Aarau? nichts neues pikantes. Deine Flammenicht ermittelt.?

Was die Bucolica anbetrifft so ist dein Grund ein entschiedener Schwindel du willst sie einfach wider haben damit dein Schmerzenskind nicht verloren geht. So behalt sie ich wollte sie als Andenken an fidele Zeit anecxirenSchreibversehen, statt: anektiren (entsprechend der damals üblichen Orthographie)..

Was sagt UphuesGoswin Karl Uphues, der Deutschlehrer Frank Wedekinds (und ehemals auch Oskar Schiblers).? Was macht die Klassedie Schüler der III. Klasse des Gymnasiums (Schuljahr 1881/82), die ehemaligen Klassenkameraden Frank Wedekinds bis zu seiner Nichtversetzung im Frühjahr 1881 und Oskar Schiblers bis zu seinem Wechsel an die Kantonsschule Solothurn.? Wie stehtsSchreibversehen, statt: stehst. du zu ihr? Sieh alles interessirt mich. Was aus dem langweiligen Aarau kömmt. |

Du hast die GeschichteWedekind hatte in seinem Brief dein Freund darauf angesprochen [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 10.11.1881]. mit der Zündhölzchen Büchse falsch aufgefasst. Da ich die brennende Liebe nicht in meiner Nähe haben kann so wollte ich wenigstens einin> Symbol derselben besitzen. Sieh wie unschuldig.

Meine Poesie ist auf den Hund ich habe keine Zeit & keine Anregung. Das hiesige Vereinsleben ekelt mich an & doch tretgeh ich vielleicht in einen ein. Mann muss dies thun der Gesellschaft wegen. Meine ganze Klasse mit Ausnahme von 1 ist in der ZofiAn der Kantonsschule Solothurn bestand seit 1823 eine Sektion des schweizerischen Studentenvereins Zofingia.

Leb wohl lieber Franklin Gruss & Kuss von deinem Fr. O.


Grüss alle Grüssbaren.

RohrFriedrich Rohr war im Schuljahr 1881/82 Schüler der III. Klasse und einer der ehemaligen Klassenkameraden Oskar Schiblers und Frank Wedekinds. Auch war er Mitglied im Kantonsschülerturnverein (KTV Aarau), in dem Oskar Schibler bis zu seinem Weggang nach Solothurn Funktionsstellen (Fuxmajor, Freimütiger) innehatte. soll mir mal schreiben.


<Am linken Rand um 90 Grad gedreht:>


Schreib bald denk an die feierlichen Eid alle 14 Tage!!!

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 11. Dezember 1881 (Sonntag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Oskar Schibler vom 18.12.1881 aus Lenzburg:]


[...] in Deinem letzten Briefe [...] die Nachricht, daß wir uns am 23. December, das wäre Freitag, sehen können.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 18. Dezember 1881 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Schloß Lenzburg, December 1881


Lieber Oskar.

Wenn Menschen auseinander gehnSchlussverse des Gedichts „Es ist bestimmt in Gottes Rath“ von Ernst von Feuchtersleben, vertont (1839) von Felix Mendelssohn-Bartholdy.
So sagen sie auf Wiedersehn‘“ So dachte auch ich als wir in Aarau von einander Abschied nahmen, und was mich in Deinem letzten Briefenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Oskar Schibler an Wedekind, 11.12.1881. am meisten freute, war die Nachricht, daß du wir uns am 23. December, das wäre Freitag, sehen können. Wenn Du Ich dachte es wohl, daß Du in Solothurn nicht die gleiche Gemüthlichkeit finden werdest, die d/D/u in Aarau genossen, aber da Deine Umgebung nun einmal so beschaffen ist, wie Du mir schreibst, so freut es mich das/ß/ du dort keine Gemüthlichkeit gefunden hast. Was nun die Vereine anbetrifft, so möchte ich dir rathen, in keinen zu gehen. Du würs/d/est Dich durch den Eintritt auch für Dein späteres Studienleben an eine gewisse Menschen|gesellschaft binden, die dir vielleichSchreibversehen, statt: vielleicht. nicht immer angenehm wäre. Zudem weiß ich auch zu gutFrank Wedekinds Bruder Armin und der gemeinsame Freund Moritz Sutermeister waren am 18.5.1881 in Zürich der Studentenverbindung Zofingia beigetreten [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 118]., daß die Universitätssectionen der Zofingia am liebsten ihre Mitglieder auf dem Gymnasium abschütteln würden und diese daher doch nur einen sehr zweifelhaften Stand in der Verbindung behaupten.

Du erinnerst Dich vielleicht noch an Herrn JacobiDer aus Ostpreussen stammende und in Berlin aufgewachsene Literaturhistoriker Daniel Jacoby war vom Herbst 1873 bis 1877 Professor für griechische und deutsche Sprache an der alten Kantonsschule in Aarau, seit 1876 zugleich Privatdozent für deutsche Literatur in Zürich. Im Herbst 1877 folgte er einem Ruf an das neu gegründete Königstädtische Gymnasium in Berlin, wo er bis 1910 lehrte, ab 1881 als Oberlehrer, ab 1890 als Professor. v/g TschakelEs dürfte sich um den Biernamen Daniel Jacobys handeln., den Vorgänger von UphuesAm 18.12.1881 verließ Wedekinds Deutschlehrer, Prof. Goswin Karl Uphues, die Aargauer Kantonsschule, um in Breslau die Direktion der höheren Töchterschule zu übernehmen [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule für das Schuljahr 1881/82, S. 6].. Es geht nun das Gerücht, daß eben dieser Tschakel wieder nach Aarau kommen werde um seine verlassene Stelle von Neuem allhier sein Segensreiches Wirken zu beginnenDaniel Jacoby kam nicht zurück an die Kantonsschule Aarau. Stattdessen vertrat Hans Herzog ab Neujahr die vakante Stelle [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 8.1.1882]..

Du verlangst von mir eine nähere Auskunft über mein öffentliches Auftreten. So höheSchreibversehen, statt: höre. denn .. Ich Er erfuhr also von Carl SchmidtSchüler der IV. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule Aarau und gemeinsamer Freund Wedekinds und Adolf Vögtlins, der seit Frühjahr 1881 in Genf studierte., daß Adolh/p/h Vögtlin seine ProductAdolf Vögtlin schrieb Gedichte, Erzählungen und Romans.e in das Thuner UnterhaltungsblattDas waren die „Erholungsstunden“, die von Carl August Küng redigierte Sonntagsbeilage der Zeitung Thuner-Blatt. Exemplare des 1880 bis 1883 erschienen Wochenblatts sind bisher nicht bekannt [vgl. aber den Nachruf auf Carl August Küng in Thuner-Blatt, Jg. 46, Nr. 90, 10.11.1883, S. (3)] einsandte und da dachte ich, warum ich könne das auch einmal versuchen. Ich schriebnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Carl August Küng, 14.11.1881. also dem Redakteur desselben und auf sein Verlangenvgl. Carl August Küng an Wedekind, 15.11.1881. sandte ichnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Carl August Küng, 21.11.1881. ihm eine/i/ge Manuscripte, die er | wie er mir schreibtvgl. Carl August Küng an Wedekind, 22.11.1881. mit großer Freude gelesen und habe/t/. Letzten Samstag schickte er mirnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: C. August Küng an Wedekind, 10.12.1881. auch schon ein Exemplar seiner „Erholungsstunden mit meinem „Eduard von HartmannWedekinds erste Publikation, das Gedicht „Eduard von Hartmann“ dürfte am Sonntag, den 11.12.1881 in den „Erholungsstunden“, der Sonntagsbeilage des 44. Jahrgangs des „Thuner Wochenblattes“ erschienen sein. Ein Exemplar der Beilage konnte bislang nicht ermittelt werden.“ darin. Wie groß mein Vergnügen war, endlich einmal etwas Gedrucktes von aus meiner Fabrik zu lesen kannst Du Dir bei meiner Dir wohl bekannten Eitelkeit wohl denken. Es überrascht d/D/ich vielleichSchreibversehen, statt: vielleicht. ein Wenig mehr, wenn ich Dich versichere, daß außer Dir, Carl Schmidt u meiner Wenigkeit, noch kein Mensch etwas von diesem meinem Schritt erfahren hat.

Du räthst mir, ich möge mich von der Chemie dispensiren lassen. Sei ohne Sorge. Chemie wird nicht mich nimmermehr belästigen denn (höre und staune!) sie ist vom nächsten Frühling an ein facultatives FachDie Hoffnung Wedekinds erfüllte sich nur teilweise. Die im Winter 1881/82 von der Lehrerschaft der Kantonsschule erarbeiteten Reformvorschläge für einen schlankeren Lehrplan traten (in überarbeiteter Form) erst zum Schuljahr 1883/84 in Kraft. Für die „mit Lernstoff und Stundenzahl überhäuften Classen“ der Kantonsschule Aarau wurde „die Zahl der wöchentlichen Stunden um etwas“ herabgesetzt, in einigen Fächern das bisher über die „Anforderungen der Maturitätsprüfung für die Gymnasien [...] hinausgehende Pensum ermäßigt, in andern dagegen in bescheidenem Maße erweitert“ [Programm der Aargauischen Kantonsschule für das Schuljahr 1882/83, S. 9]. Die in Klasse III und IV unterrichtete Chemie wurde von 3 auf 2 Wochenstunden reduziert. Die anorganische Chemie blieb obligatorisch, die Organik wurde aus dem Lehrplan gestrichen. Nur noch fakultativ angeboten wurde in der IV. Klasse des Gymnasiums Theorie der Chemischen Analyse (1 Wochenstunde im Sommerhalbjahr) und das chemische Praktikum (3 Wochenstunden im Winterhalbjahr). Das Fach Philosophie gab es während der Schulzeit Wedekinds nicht [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule für das Schuljahr 1883/84, S. 21]. und welches in der vierten Classe durch Philosophie ersetzt werden soll.

Du schreibst mir in Deinem l. Briefe nichts von R. C/K/unzRichard Kunz, ehemals Klassenkamerad von Wedekind und Oksar Schibler, hatte im Juli 1880 die Kantonsschule Aarau verlassen und besuchte jetzt die Kantonsschule Solothurn.. Wie geht es ihm und l wie steht er in seiner Classe? – Auch von Plüß, dem Poetenvielleicht Gottfried Plüß, der im ersten Halbjahr des Schuljahrs 1879/80 mit Oskar Schibler und Frank Wedekind die I. Klasse des Gymnasiums besucht hatte., möchte ich etwas vernehmen und was macht Deine Muse. In einer so großen Stadt mit | so viel Unterhaltung sollte sie doch wahrhaftig nicht auf der faulen Haut liegen. Sende mir etwas von Ihr ihr. Deinem werthen Herrn PhilisterOskar Schiblers Pensionsvater, vermutlich Walther von Arx, Deutschlehrer an der Kantonsschule Solothurn. lasse ich vielmals danken für seinen freundlichen Gruß.

Nun leb’ wohl schreibe bald und berichte mir auch ob Du am Freitag, den 23 schon hier sein kannst, denSchreibversehen, statt: denn. am 24. Morgens werden wir wohl Censur habenZeugnisse des III. Schulquartals [vgl. Wedekinds Brief an Oskar Schibler vom Januar 1882]..

Grüße alles zu Grüßende; vor allem aber grüße Dich selbst von Deinem threuen Freunde
Franklin Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 1. Januar 1882 (Sonntag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

OSCAR SCHIBLER
AARAU
SOLOTHURN
|


L. F.

Dir & Deinen werthen Eltern nebst FamilieVermutlich sind die 5 Geschwister Frank Wedekinds gemeint, das sind Armin, William Lincoln (Willy), Erika, Donald und Emilie (Mati). wünsche ich zum Beginne des neuen JahresNeujahr 1882. – Oskar Schibler besuchte die Kantonsschule Solothurn von Herbst 1881 bis Sommer 1883. In diese Zeit fallen die Jahreswechsel 1881/82 und 1882/83. Da Wedekinds Antwortbrief zweifelsfrei im Januar 1882 geschrieben ist [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 8.1.1882], dürfte es sich bei der nachträglichen Datierung der Visitenkarte („1.1.83“) um ein Schreibversehen handeln. herzlich Glück!

Schreibe mir bald einmal wie es Dir geht & wie Du Dich in den FerienDie einwöchigen Weihnachtsferien dauerten an der Kantonsschule Aarau vom 26.12.1881 bis 3.1.1882. amüsirst. Rege irgendeine StreitfrageWedekind nahm in seinem Antwortbrief die Idee auf [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 8.1.1882]. an damit sich eine lebhaftere Correspondenz entwickelt. Für heute Leb wohl! Prosit!

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 8. Januar 1882 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Schloß Lenzburg, Januar 1882.

Lieber Freund.

Mit großem Bedauern vermißte ich an dem letzten Samstag vor Weihnachtenden 24.12.1881. eine verabredete Zusammenkunft mit Dir. Eine Reklamation wegen der Note Schlufi’smöglicherweise Spitzname für Isidor Guttentag, der am Gymnasium der Kantonsschule Aarau Griechisch unterrichtete. In Wedekinds Zeugnis (III. Quartal 1881/82) ist im Fach Griechisch eine „2-1“ (statt „1-2“) eingetragen, was auf eine nachträgliche Korrektur hinweisen könnte [vgl. Aa, Wedekind-Archiv B, Schachtel 8, Nr. 170]. – Auf die mögliche Kollision mit dem Treffen wies Wedekind schon in einem früheren Brief hin [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 18.12.1881]. in meinem Zeugniß hielt mich davon ab, Dich an jenem Morgen aufzusuchen. Desto mehr freuten mich Deine l. Wortevgl. Oskar Schibler an Wedekind, 1.1.1882. am beim Jahreswechsel und der Bericht Deines Bruders AlfredAlfred Schibler, der jüngere Bruder Oskar Schiblers, war nicht Schüler der Kantonsschule, dürfte aber in Aarau bei den Eltern gelebt haben., daß Du ein exemplarisch gutes Zeugniß erhalten habest. Ich gratulire Dir von ganzen Herzen zu dieser Errungenschaft und habe mir vorgenommen, ihr mit allen Kräften nachzueifernDas gelang; Wedekind steigerte seine Leistungen, so dass sein Versetzungszeugnis im Frühjahr 1881/82 keine 4 oder 5 enthielt, sein Betragen mit der Note „sehr gut“ beurteilt und er „definitiv promovirt“ wurde. Erst im 4. Quartal 1882/83 ließen seine Leistungen wieder merklich nach und auf seinem Zeugnis stand der Vermerk „provisorisch promovirt“ [vgl. Aa, Wedekind-Archiv B, Schachtel 8, Nr. 170].. Es | können solche Bestrebungen u. ihre Folgen nur guten Einfluß auf unsere Freundschaftsverbindung haben und es wäre dann unsere jetzige Trennung nur ein kleines Hinderniß, gegen diejenigen, die während unseres Zusammensein’s uns im w/W/ege lagen.

OhneVor dem Wort befindet sich, durch zwei senkrechte Striche gekennzeichnet, eine Absatzmarkierung. Zweifel interessirt es Dich, zu erfahren, daß UphuesAm 18.12.1881 hatte Wedekinds Deutschlehrer, Prof. Goswin Karl Uphues, die Aargauer Kantonsschule verlassen, um in Breslau die Direktion der höheren Töchterschule zu übernehmen. nun einen Stellvertreter bis im nächsten Mai in HE. Hans HerzogGoswin Karl Uphues wurde „seit Neujahr vertreten durch Hrn. Cand. Phil. Herzog, für deutsche Sprache und Litteratur am Gymnasium, für Griechisch an Cl. IV Gymnasii“ [Programm der Aargauischen Kantonsschule für das Schuljahr 1881/82, S. 5]. Hans Herzog hatte in Zürich und Leipzig Germanistik und Geschichte studiert und stand kurz vor dem Abschluss seiner Promotion (1882). Seit 1881 war er am Staatsarchiv beschäftigt; 1885 wurde er Staatsarchivar, 1889 Leiter der Kantonsbibiothek. und einen Nachfolger alsdann in HE. FreyAdolf Frey aus Gontenschwyl, der in Zürich, Bern (Promotion 1878), Leipzig und Berlin studiert hatte und mit Gottfried Keller und C.F. Meyer befreundet war, wurde im neuen Schuljahr 1882/83 Wedekinds Deutschlehrer an der Kantonsschule Aarau und Privatdozent an der Universität Zürich. Die Presse berichtete über seine am 4.1.1882 erfolgte Wahl [vgl. Aargauer Nachrichten, Jg. 28, Nr. 5, 6.1.1882, S. (1)]. stud. in Berlin gefunden hat. Ich weiß nicht ob d/D/u diesen Frey kennst; er ist der Sohn des gleichnamigen schweizerischen SchriftstellersVater von Adolf Frey war der Volksschriftsteller und Redakteur Jakob Frey, der vor seinem Tod einige Jahre in Aarau gelebt hatte. und soll gegenwärtig ein guter Freund von Albert FleinerAlbert Fleiner war der älteste Bruder von Martha Fleiner, für die Frank Wedekind und sein Schulfreund Walter Laué schon 1880 geschwärmt hatten [vgl. die Korrespondenz mit Walter Laué]. Die Freundschaft zwischen Albert Fleiner und Wedekinds künftigem Deutschlehrer Adolf Frey dürfte auf die gemeinsame Jugend im Aargau zurückgehen. Denn Adolf Frey hatte seinen jüngeren Bruder Alfred Frey und dessen gleichaltrigen Freund Albert Fleiner seit dem Sommer 1878 zum Studium der Rechte und Nationalökonomie an die Universitäten Zürich, Leipzig und Berlin begleitet. Im Frühjahr 1882 kehrte Adolf Frey nach Aarau zurück. Seit etwa 1883 arbeitete Albert Fleiner zunächst sehr erfolgreich als Redakteur, dann als Kunstkritiker durchaus umstritten bei der Neuen Zürcher Zeitung. Er starb 1902 in Rom [vgl. u.a. Zur Erinnerung an Albert Fleiner. Geboren den 10. August 1859 in Aarau. Gestorben den 17. Juni 1902 in Rom. https://doi.org/10.20384/zop-133, 23.6.2021]. in Berlin sein. Der VegaHauptstern des Sternbilds Leier; vermutlich Biername des Mathematik- und Physiklehrers Prof. Dr. Hermann Krippendorf, dem die erbetene Entlassung zu Ostern 1882 gewährt wurde [vgl. Programm der Aargauer Kantonsschule 1882, S. 6]. Auch die Presse berichtete: „Aargau. Die Regierung hat dem Professor Dr. H. Krippendorf die von ihm nachgesuchte Entlassung als Lehrer an der aargauischen Kantonsschule unter bester Verdankung der geleisteten Dienste ertheilt.“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 62, Nr. 5, 5.1.1882, Erstes Blatt, S. (2)]. hat „mit Verdankung seiner geleisteten Dienste“ nun endlich auf nächsten Frühling seine | Entlassung erhalten.

Dieses ist so ziemlich das Mus/Neus/te Neueste aus unserer Musenstadt. Du wirst mir nun dasjenige aus Solothurn schreiben, was mich vielleicht interessiren könnte. Wie stehst Du nunmehr Deinen Comilitonen gegenüber? – Ich bitte Dich, bleibe Deinem Vorsatz treu, geh in keinen Verein, in keine ZofingiaOskar Schibler dachte über seinen Eintritt in den Schülerverein der Kantonsschule Solothurn nach [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 15.11.1881].. Es befremdet Dich diese WahrnungSchreibversehen, statt: Warnung. vielleicht, aberseiSchreibversehen, statt: aber sei. überzeugt, sie kommt aus treuer Seele.

Du bittest mich in Deiner Karteeine Visitenkarte [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 1.1.1882]., eine Streitfrage anzuregen und mit Freuden ergreife ich diese Gelegenheit, um unsere Correspondenz ein wenig flüssig zu machen. Es sind mir 2 solche Fragen eingefallen, die dich gewiß interessiren werden. | Dies erste lautet:

Welche Empfindungen hat ein schönes Mädchen bei ungestörter Betrachtung ihres Körpers? – Denke nun darüber nach ob, wie, und warum die Empfindungen dieses Mädchens gleich, oder verschieden sind von den Empfindungen des Jünglings, der denselben gleichen weiblichen, schönen Körper betrachtet. Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ich habe schon einigermaßen darüber nachgedacht; bin aber noch weit davon entfernt sie beant lösen zu können. Ich will Dich aber jetzt schon auf die weitgreifenden Folgen der Lösung aufmerksammachen. Wenn nämlich erwiesen werden kann, daß die Gefühle derSchreibversehen, statt: des. Mädchens gleich, oder auch nur ähnlich sind denjenigen des Jünglings, so ist da fällt damit die | Unschuld des Weibes vollständig in Nichts zusammen und ist geradezu unmöglich. – Das wäre eine große Entdeckung!!!

Nun die zweite Frage:

Du weißt wohl, daß sich in allen Irrenhäusern unter den vielen hunt/d/erten Unglücklichen auch wahrhaft glückliche befinden, welche in de kindlicher Einfalt die Welt nur in einem ideal vollkommenen Lichte sehen, keinen schlechten d Menschen kennen und in Folge dieses Glückswahns ihres kranken Gehirnes nur Tage der Freude d erleben. Nun kommt da ein gelat/a/rtesSchreibversehen, statt: gelahrtes (gelehrtes). Haus, ein der ArtztSchreibversehen, statt: Arzt. und fö/i/ndet, daß der Glückliche krank sei. Er wendet nun seinen ganzen Witzim Sinne von: Geist, Vernunft. an, um das glückli seelige Geschöpf, das die V gütige Vorsehung ausnahmsweise mit dem | Fluche verschont hat, Mensch zu sein, – um dieses seelige Geschöpf, sage ich, in einen unglücklichen Menschen zu verwandeln, um/nd/ den der/s/ Bösen Unbewußten in den Fehlern u. Lastern der Menschheit zu unterrichten und ihm die Augen zu öffnen, daß er sehe was gut u. böse ist. Es entsteht nun die Frage, ob das Bestreben des Artztes zu billigen oder zu verfluchen ist? – E Die Antwort scheint nahe zu liegen. Sie ist aber dennoch nicht leicht zu finden; denn Bedenke, daß der Artzt, gelingt ihm sein Vorhaben, aus einem Sclaven der Natur einen freien Mann geschaffen hat. Über diese Frage habe ich noch gar nicht nachgedacht, und ich bin desto mehr auf Dein weises Urtheil gespannt. Ich h Wähle dir nun eine dieser | Probleme zur Besprechung in unseren künftigen Briefen aus. Ich hoffe daß d/D/ir entweder das eine picant, oder dann das andere interressantSchreibversehen, statt: interessant. genug scheint, daß Du es Deiner eines davon, deiner Einsicht würdigest.

Es ist jetzt zwei Uhr in der Nacht, die Augen fallen mir zu und mein Papier geht zu Ende. Vor 4 Stunden hatte ich daßSchreibversehen, statt: das. Vergnügen die „Karlsschüler“ (von Laube) in Lenzburg über die Bretter gleitenim 1. Stock des Lenzburger Gemeindesaals; vermutlich handelt es sich um eine Aufführung des Lenzburger Laientheaters [vgl. Kieser 1990, S. 117ff]. zu sehen. Ich sah den Tyrannen Carl von Würtemberg; ich sah ein fühlendes Weib in Francisca von Hohenheim und ich sah den leibhaftigen Schiller, den freien Dichter. Der freie Dichter besiegt den Tyrannen, aber er legt seinen LorbeerK/kra/nz zu Füßen des schönen Weibes, denn ihm hat er den Sieg | zu verdanken. Die natürliche Menschlichkeit Franziskas bildet eine Brücke üb zwischen den Extremen: Freiheit und Sclaverei, auf der sie sich berühren können und erkennen können. So siegte die Freiheit.

Nun lebe wohl. Sei guten Muthes und schreibe mir recht bald. Du hast Stoff genug und Zeiht wirst Du auch finden wenn Du bedenkst daß es jetzt 2 Uhr Nachts ist.

Die besten Grüße an Dich von meinen Eltern und ein derber Bruderkuß und Handschlag von Deinem treuen Freund
Franklin Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 12. Februar 1882 (Sonntag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Postkarte.
Carte postale. – Cartolina postale.


Herrn
Franklin Wedekind Kantonsschüler
Aarau |


L. F.

Ich komme nächste Woche. Niemand erwartet mich. Bald werde ich Dir noch Eine Kartevgl. Oskar Schibler an Wedekind, 16.2.1882. schicken damit Du Tag & Stunde weisst.

Also auf frohes Wiedersehen
D.
O.


Solothurn, 12. Febr. 82

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 16. Februar 1882 (Donnerstag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Postkarte.
Carte postale. – Cartolina postale.

Herrn
Franklin Wedekind Kantonsschüler
Aarau |


L. F.

Ich werde Samstag 4.14 in Aarau einrücken. Wenn Du dann nicht in der Stadt sein wirst so können wir uns ja Sonntags treffen. Bestimme Du also Zeit & Ort des R.V.(frz.) Verabredung. Theile es meinem frater(lat.) Bruder; vermutlich der Stiefbruder Hermann Keller, der die I. Klasse der Gewerbeschule der Kantonsschule Aarau besuchte. mit, damit ers mir dann sagen kann. Wir sind hier schon ziemlich in der FeststimmungFastnacht; Schibler schrieb am Schmotzige Dunnschtig, dem letztem Donnerstag vor dem Beginn der Fastenzeit (Aschermittwoch, den 22.2.1882). Die Festtage dürften die Heimreise nach Aarau veranlasst haben.. Fast jeden Abend Tz.

Also auf fröhliches Wiedersehen
Dein treuer
O.


Solothurn 16 Feb. 82.


[Am linken Rand:]


Grüss alles Grüssbare. SeidelBiername, vermutlich von Léon Ettinger, der 1881 Präsident des Kantonsschülerturnvereins (KTV Aarau) war.. Rohr. Ziegler.Friedrich Rohr und Alfred Ziegler waren ebenfalls Mitglieder des KTV Aarau und ehemalige Mitschüler Oskar Schiblers und Wedekinds im Schuljahr 1880/81 in der II. Klasse. etc.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 23. April 1882 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

[Hinweis in Wedekinds Brief an Oskar Schibler vom 3.5.1882 aus Aarau:]


Nachdem ich in den Ambulant-Wagen Deines Zuges eine Corresp:Karte eingeworfenHinweis auf das hier erschlossene Korrespondenzstück. [...]

Einzelstellenkommentare

Aarau, 3. Mai 1882 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Aarau 3V 82.


Geliebter!

Heute von 10tägigem Krankenlagerseit Sonntag, den 23.4.1882. auferstanden, beglückt mich noch jetzt die Erinnerung an Deinen freundlichen Gruß, den Du mir vom Zug ausauf der Fahrt nach Solothurn, wo Oskar Schibler die Kantonsschule besuchte. gespendet. Nachdem uns an jenem Freitagden 21.4.1882. infolge Deines Nichterscheinens bei bewußtem Fabrikgebäude die Spur verloren ging (ich bummelte getreulich ¾ Std. dort) und verschiedene Versuche, dieselbe wiederaufzufinden gescheitert waren, blieb mir kein anderer Anhaltspunkt mehr als d. Tag Deiner Abreisevermutlich Sonntag, der 23.4.1882, das Ende der Osterferien an der Kantonsschule Solothurn., d. Zug wußte ich nicht einmal! Nachdem ich in den Ambulant-Wagen Deines Zugesdas fahrende Postamt der Bahn. eine Corresp:Karte eingeworfennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Oskar Schibler, 23.4.1882., traf mich vom Wartsaal aus d. vorwurfsvolle Blick d. Pachasauch: Pascha. Gemeint war vermutlich Emil Schmuziger, der Pedell (Hausmeister) der Kantonsschule Aarau, möglicherweise auch der Rektor, das war seit 1879 Kaspar Maier., der mich beinahe abgehalten hätte, meinen wohlberechneten Umweg um s Schulhaus z. machen. Deiner Devise getreu „dem Muthigen gehört die Weltnach Heinrich Laube „den Mutigen gehört die Welt“ [Heinrich Laube: Das junge Europa, Bd. 1.2, Mannheim und Leipzig 1833, S. 138].“, führte ich jedoch mein Vor|haben aus & wurde auch reich belohnt hiefür, denn Dein deutlicher Gruß überstieg in der That meine kühnsten Erwartungen. – Wie gesagt war ich vom Tag d.Abreise an ernstlich krank. Wärest Du noch MedizinerGemeint sein dürfte der Studienwunsch Oskar Schiblers. würde ich detailliren! Dem Me Juristen gegenüber geht das nicht. Factum ist, daß ich wieder an einen KurortIn der ersten Jahreshälfte 1882 machte Wedekind eine „große Reise“ [vgl. Hermann Plümacher an Wedekind, 8.6.1882], vermutlich nach Stuttgart. Diesen Ort notierte Wedekind neben anderen Stichworten für das Jahr 1882 in einen tabellarischen Lebenslauf [vgl. Tb, nach dem 22.10.1890]. In Stuttgart, wo sich auch die Bäder Cannstatt und Berg befanden, wohnte Wedekinds Großmutter Johanna Kammerer, die in 2. Ehe mit dem Buchdruckereibesitzer Joseph Kreuzer verheiratet war [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 20]. muß, und zwar allein, denn in diesen obscuren Winkel Erde wird man mich wohl nicht begleiten wollen. Um Dich nun hier nicht etwa während kürzern oder längern Aufenthalts zu verfehlen, ersuche Dich folgende Frage zu beantworten: 1.) Wann kommst Du voraussichtlich nächstes Mal hieher???

2.) Sag mir zugleich auch, ob ich meine nächste Sendung auch an’s Ständli adressiren soll? | Sobald Deine Antwort eingetroffen, wird Sendung ob Stappel gelassen werden. Ich erwarte von nun an d. Berichte, und natürlich auch diesen nächsten sub S. K. (S. K.) poste restantepostlagernd. Aarau, und werde nächsten Montagden 8.5.1882., Morgens früh auf hiesiger Post nachsehen abholen lassen./,/ so daß Du längstens Sonntagden 7.5.1882; ein Tag für den Postweg von Solothurn nach Aarau gerechnet. Morgens absenden mußt. –

Hoffend, daß d. Nächstes etwas mehr als blos die beiden Antworten enthält, nämlich auch Einiges über d. letzten Tage hier, & Grund d. Nichterscheinens s+++t+, grüßt Dich herzlich
.–/

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 13. Mai 1882 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

W. O.

Mit meiner „Herstellung“ ist’s noch nicht weit her, indem ja bald drei Wochen seit der VerwundungVon einer ernsten Erkrankung schreibt Wedekind dem Freund im Mai 1882 [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 3.5.1882] – das einzige (bisher) belegte ‚Krankenlager‘ während Oskar Schiblers Schulzeit in Solothurn (Oktober 1881 bis August 1883). – Über Art und Hintergründe der Verwundung ist nichts ermittelt. verflossen und ich erst einige Stunden per Tag aufstehen darf. Die Wunde ist immer noch 3 cm. offen und der Verband ein dreifacher.

Deinem Wunsche nach Solothurn zu kommen kann ich vor 4 Wochen auf keinemSchreibversehen, statt: keinen. Fall entsprechen, da ich sonst Folgen davon tragen könnte. Ein anderer und wohl der Hauptfaktor dieses Hinausschiebens ist wohl der, daß ich vor jener Frist weder Bier noch Wein kneipen darf. Daß unter solchen Auspizienbildungssprachlich: Aussichten. unser rendez – vousrendez-vous (frz.) Verabredung. höstSchreibversehen, statt: höchst. troken sich gestalten würde, wirst | Du einsehen und mit mir finden, die Fastenzeit sei ruhig abzuwarten. Allerdings werde ich Dir Vieles zu berichten haben und erst Du!!! An pikanten Episoden in deinem Leben und Treiben wird’s dir in der alten WengestadtBeiname Solothurns in Erinnerung an Niklaus von Wengi, den Jüngeren, der als Schultheiss von Solothurn 1533 einen Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Reformierten in Solothurn verhindert haben soll [vgl. Franz Haffner: Der klein Solothurner allgemeine Schaw-Platz. Tl. 2. Solothurn 1666, S. 213-218]. auch nicht gefehlt haben.

Freundschaftlicher Gruß
D. F.
W

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 6. Juli 1882 (Donnerstag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Postkarte.
Carte postale. – Cartolina postale.


Herrn
Franklin Wedekind Kantonsschule
Aarau |


L. F.

Es thut mir leid, dass ich ohne Abschied & EntschuldigungMöglicherweise handelt es sich um dasselbe Ereignis, von dem Wedekind schon im Mai schrieb [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 3.5.1882]. Dich verlassen musste doch wenn Du die Gründe gehört hast wirst Du zugeben müssen, dass ich nicht anders handeln konnte. Doch vergagneSchreibversehen, statt: vergangene. Dinge. Samstag 15.der 15.7.1882. werde ich nach Hausenach Aarau, zu den Eltern und jüngeren (Stief-)Geschwistern. Die Patchworkfamilie des Obergerichtsschreiber Josef Keller-Franke und der Wilhelmine Keller, geb. Franke, verwitwete Schibler, wohnte in Aarau am Zollrain, Nr. 179, im Haus des Bierbrauers Thomas Fischer [vgl. Verzeichniss sämmtlicher Einwohner, Wohn- und Oekonomie-Gebäude der Gemeinde Aarau, 1881, S. 13]. kommen bei welcher Gelegenheit ich Dich hoffentlich sehen werde. Mein HochzeitspoemaHochzeitsgedicht. – Die Adressaten des Gedichts sind nicht ermittelt. liegt auch bereit, deiner Kritik harrend. Also auf Wiedersehen Dein
F. O.


Grüsse an IV.Gemeint waren die Kantonsschüler der IV. Klasse des Gymnasiums Aarau, die ehemaligen Klassenkameraden Wedekinds und Oskar Schiblers. & Vereinder Kantonsschülerturnverein (KTV Aarau), dem Oskar Schibler bis zu seinem Wechsel an die Kantonsschule Solothurn angehörte.


6 Juli 82

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 13. Juli 1882 (Donnerstag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Postkarte.
Carte postale. – Cartolina postale.

Herrn
Franklin Wedekind Kantonsschule
Aarau |


L. F.

Da wir uns gerade in der Zeit der strengsten Arbeit befinden f/d/a das Examen die Jahresabschlussprüfungen (4.8.-11.8.1882) [vgl. Der Bund, Jg. 33, Nr. 199, 21.7.1882, S. (4)]; an der Kantonsschule Solothurn dauerte das Schuljahr von Mitte Oktober bis Mitte August des Folgejahres [vgl. Reglement für die Kantonsschule (Vom 10. Oktober 1874), in: Amtliche Sammlung der Gesetze und Verordnungen des eidgenössischen Standes Solothurn. Bd. 57, 1871-75, Nr. 85, S. 299, §31].vor der Thüre steht so ist es mir leider unmöglich deinem Wunsche Folge zu leisten & schon Freitag Abendsden 14.7.1882; Oskar Schibler hatte in einem früheren Korrespondenzstück seinen Besuch für Samstag, den 15.7.1882, angekündigt [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 6.7.1882]. zu kommen. Jede Stunde hat jetzt ihren Werth besonders bei dem Repetitorium der Psychologie. Ich bed+/a/ure es sehr einen AbendAm 14.7.1882 wurde das Aarauer Jugendfest gefeiert mit dem abschließenden „Tanz auf der Schanze“, der für die Schüler und Schülerinnen der weiterführenden Schulen um 22 Uhr endete [vgl. das abgedruckte Programm in den Aargauer Nachrichten, Jg. 28, Nr. 160, 9.7.1882, S. (4)]. der gemüthlichsten FidelitätSchüler- und Studentensprache, für: Fröhlichkeit, Geselligkeit. zu verlieren, doch es wär zu schön gewesen. 1) Immerhin erwarte ich, dass Du mir das Opfer bringst Samstag Abends oder SonntagSamstag, den 15.7.1882, oder Sonntag, den 16.7.1882. Am Sonntag dürfte Oskar Schibler wieder nach Solothurn, wo er während der Schulzeit ein Pensionszimmer hatte, zurückgefahren sein. einige Stunden mir zu widmen. Wenn dein Besuchnicht ermittelt. weniger Wichtigkeit hat so wird Dir dies eine Kleinigkeit sein. Ich bitte dich desshalb mir noch mit einer Karte anzuzeigen ob es Dir möglich ist noch Samstag Abends in Aarau zu bleibenWedekind wohnte in der Woche bei Frau Regula Huber-Aeschmann am Zollrain in Aarau. Samstags, nach der Schule, fuhr er gewöhnlich zur Familie nach Lenzburg. wenn ja so werde ich mit dem Zuge der hier um 5 Uhr abgeht erscheinen & Sonntag früh hast Du immer noch Gelegenheit Deine Goldkörner(bildlich) „für wertvolle gedanken, grundsätze, erkenntnisse, wahrheiten, die sich vereinzelt in äuszerungen, schriften und reden finden“ [DWB, Bd. 8, Sp. 805]; in diesem Sinn oft in Titeln von Anthologien verwendet. Hier dürften Gedichte Wedekinds gemeint sein. an die Köpfe deines staunenden Besuchs zu werfen 1/2/) Komm Samstag Nachmittag nach Olten schreibe mir wann, ich werde Dir zu Liebe mit Überei noch 2 Std. aussetzen. Dann haben wir den ganzen NachmittagVerschleifung. für uns & die lieblichsten Gestalten, ich versichere es Dir, werden uns umschweben. Ich halte dies für das Vernünftigste & Gründe kenne ich SeineSchreibversehen, statt: keine. & werde keine anerkennen, die dich abhalten können. Die Bedingungen sind gleich auf beiden Seiten & auf jeden Fall wird uns o/O/lten mehr bieten als das aufgergteSchreibversehen, statt: aufgeregte. Aarau am Freitag. Fass einen heroischen Entschluss ich bitte dich, es soll mir ein Zeichen Deiner aufrichtigen VerzeihungVerschleifung. für meinen schnödenVerschleifung. AbschiedDavon schrieb Oskar Schibler auch im vorangegangenen Brief [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 6.7.1882]. Möglicherweise handelt es sich um dasselbe Ereignis, von dem Wedekind schon im Mai berichtete [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 3.5.1882]. sein! Dein
F.

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 24. Juli 1882 (Montag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Postkarte.
Carte postale. – Cartolina postale.


Herrn
Franklin Wedekind stud. jur.
Lenzburg. Schloss. |


L. F.

Ich komme Samstag Abendden 29.7.1882. nach Aarauzu den Eltern und jüngeren (Stief-)Geschwistern. Die Patchworkfamilie des Obergerichtsschreiber Josef Keller-Franke und der Wilhelmine Keller, geb. Franke, verwitwete Schibler, wohnte in Aarau am Zollrain, Nr. 179, im Haus des Bierbrauers Thomas Fischer [vgl. Verzeichniss sämmtlicher Einwohner, Wohn- und Oekonomie-Gebäude der Gemeinde Aarau, 1881, S. 13]., wann habe ich das Vergnügen d/D/ich zu sehen? Brich das lange StillschweigenOffenbar hatte Wedekind die letzten Postkarten des Freundes [Oskar Schibler an Wedekind, 6.7.1882 und 13.7.1882] nicht beantwortet. & sei wieder vernünftig. Mädchen kannst Du ewig zürnen in Anlehnung an Schillers „Dom Karlos“: „Mädchen, kannst du ewig hassen? / Verzeiht gekränkte Liebe nie?“ [Friedrich Schiller: Dom Karlos. Infant von Spanien. Leipzig 1787, 4. Akt, 16. Auftritt (Ders: Don Karlos. Infant von Spanien. Ein dramatisches Gedicht, 1805, 4. Akt, 15. Auftritt)]verzeiht gekränkte Liebe nie?

Dein alter in fidia(lat.) in Treue..


[Um 45 Grad gedreht:]


Sol. 24. Juli 82.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 25. Juli 1882 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Postkarte.
Carte postale. – Cartolina postale.


Herrn Oskar Schibler stud. jur.
Ständli
Solothurn. |

Lieber Freund.

Besten Dank für Deine l. C.vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 24.7.1882. Mein langes Stillschweigen werde ich bei unserem nächsten WiedersehnOskar Schibler hatte in der Postkarte seinen Besuch für Samstag, den 29.7.1882, angekündigt. nicht auf/ent/schuldigen, aber doch einigermaßen begründen. Ich werde das ganze Turnfest übervom 29.7.1882 bis 2.8.1882. – In Aarau liefen seit Wochen die Vorbereitungen für das 50-jährige Jubiläum des eidgenössischen Turnfestes, zu dem 2000 Gäste erwartet wurden. Wedekind beteiligte sich an den Festvorbereitungen [vgl. auch Wedekinds Korrespondenzen mit Eduard Leupold und Hermann Huber vom Juli 1882]. das mit Gründung des schweizerischen Turnverbandes am 24.4.1832 ebenfalls in Aarau veranstaltet worden war. in Aarau sein und hoffe Dich also dort zu treffenOskar Schibler ist im Verzeichniß der am 29.7.1882 „beim Jubiläumsbankett anwesenden ‚alten Turner‘“ aufgelistet [vgl. Festblatt für das Eidgenössische Turnfest in Aarau, Nr. 2, 31.7.1882, S. 11].. Ich bin in größter Eile. Entschuldige deshalb meine Kürze. Mit bestem Gruß und freundschaflichstemSchreibversehen, statt: freundschaftlichstem. Handschlag Dein ewig
treuer
Franklin.

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 17. Oktober 1882 (Dienstag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis in Wedekinds Brief an Oskar Schibler vom 24.10.1882 aus Lenzburg:]


Heute vor 8 Tagen erfuhr ich [...] daß Du Aarau verlassen habest [...] als mich diese HiobspostHinweis auf das vorliegende erschlossene Korrespondenzstück. traf.


[2. Hinweis in Oskar Schiblers Brief an Wedekind vom 8.11.1882 aus Solothurn:]


[...] dass meine BriefeHinweis auf das vorliegende erschlossene Korrespondenzstück und mindestens einen weiteren nicht überlieferten Brief. nicht mehr denjenigen entsprechen, welche ich dir früher geschickt habe.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 24. Oktober 1882 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Schloß Lenzburg, 24.X.82.


Lieber Freund,

Heute vor 8 Tagen erfuhr ich zu meinem großen Schrecken, daß Du Aarau verlassen habest und wiederum Deiner alma mater(lat) nährende Mutter; studentensprachlich für Gymnasium, Universität – hier die Kantonsschule Solothurn. zugesteuert seiest. Ich wußte noch nicht einmal, daß Dein KriegsdienstOskar Schibler dürfte in den Schulferien die sechswöchige Rekrutenschule in Aarau besucht haben. zu Ende war, als mich diese Hiobspostnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Oskar Schibler an Wedekind, 17.10.1882. traf.

Da es uns nun also nicht vergönnt war, einander mündlich unsere Herzen mit all’ den Steinen und Lasten darauf auszuschütten, so sehe ich mich genöthigt, | zu Tinte und Feder zu greifen, um unsere auf dem letzten Loch zu pfeifen scheinende Correspondenz wieder zu beleben. Thu also auch Du Dein Möglichstes, um dem/n/ ehmaligen lebhaften Briefwechsel wieder energisch auf die Beine zu helfen.

Sähest du jetzt deinen Franklin vor Dir stehen, oder säßen wir selbandern(schweiz.) zu zweit. hinter dem Biertische, so würdest du mit Schmerzen ausrufen: „Herrogott v. Manheime!Redensart (Herr o Gott von Mannheim!); Ausdruck der Verwunderung., wie ist mein Franklin verphilistertverspießbürgerlicht.!“ – Ja, ich bin zum Philister geworden; das glaube mir! Denn die Athmosphäre in Aarau ist drückenSchreibversehen, statt: drückend. und für einen Menschen, der kenn/ine/n ihm genügenden Umgang findet, gradezu unerträglich. Ich empfand es, | je tiefer ich in die Trunkenboldenhaftigkeiten der Industria hineingeriethWedekind war seit März 1882 Mitglied der Schülerverbindung Industria Aarau., desto herber, daß in meiner ganzen Umgebung keine Seele sei ist, die mit mir fühlen, mich verstehen könnte, ich fühlte, daß alles, was mir lieb und theuer war, mich verlassen hat.

Welch ein süßer, erquickender Trost war unter solchen düsteren Gedanken das Bewußtsein, einen Freund zu besitzen. Ich, schwärme nicht gern in sentimentaler, platonische idealer HingebungDer griechische Philosoph Platon unterscheidet 3 Arten der Liebe: agape (die begehrungslose), philia (die freundschaftliche), eros (die begehrende, erotische). Wedekind dürfte sich hier auf eine sich in der Epoche der Empfindsamkeit im 18. Jahrhundert entwickelnde Rezeptionslinie beziehen, in der zwischen einer auf das Sinnlich-Körperliche reduzierten und einer geistig-seelischen (platonischen) als einzig wahrer Liebe unterschieden wurde., aber detnnoch glaube halte ich, daß Freundschaft für das Edele/s/te ist, dessen eine Menschenseele fähig ist. Wer könnte wol die Liebe zum Weibe darüber stellen! Ist sie denn etwas anderes, als nur die von der Natur errichtete Brücke, über welche wir in das | schönere Jenseits, in das Paradies der Freundesliebe eintreten S/s/ollen; er fällt und zerrt/hrt/ die sexuelle Liebe nicht, als eitle Sinnlichkeit, sei/ich/ selbst Du auf durch den dem Genusse auf dem Fuße folgenden Ekel, wenn sie nicht im Stande ist, uns in jenes Elisium(Elysium) griechische Mythologie: Insel der Seligen. zu leiten, wenn sie uns nicht zur wahren Freundschaft verhelfen kann?!

Verzeih mir, lieber Oskar, diese philosophisch-moralische Auseinandersetzung, welche eigentlich gar nicht hierher gehört. Ich wollte Dir nur Folgendes sagen: Unsere Freundschaft steht am Abgrunde des Verderbens. Wir haben bei unseren letzten Zusammenkünften regelmäßig in |

ca. 7 Zeilen Textverlust

Heine

Wie steht es mit Deiner Muse? Reitest du öfters noch den Pegasusdas Dichterross.? – Bitte, laß mir doch etwas von Deinen Neugeborenen zukommen! – Wenn wir uns das nächste Mal treffen, wirst Du wiederum den freien Menschen, nicht mehr das Präsidium einer IndustriaZum Vorsitzenden (Praesidium oder Praeses) der Schülerverbindung Industria Aarau wurde Wedekind am 9.6.1882 gewählt, am 30.10.1882 trat er von seinem Vorstandsposten zurück und kehrte der Schülerverbindung ganz den Rücken [vgl. Wedekind an die Industria, 30.10.1882]. Erst im März hatte er seinen Aufnahmeantrag gestellt [vgl. Wedekind an die Industria, 12.3.1882], woraufhin er am 14.3.1882 in den Verein aufgenommen worden war. in mir sehen/n/. Ich gedenke mich von dieser Last zu befreien; sie wird mir unerträglich. Will’s Gott, so besuche ich Dich das im nächsten |

ca. 7 Zeilen Textverlust

Gestern träumte mir von Dir, dafür heute ein Brief. Frage nicht, was mir träumte. Träume sind schau Schäume.Redewendung, die in der Korrespondenz zwischen Wedekind und Oskar Schibler häufig Verwendung findet. Immerhin edamus, bibamus, cras moriemur!lat. Sprichwort: Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot! – Was man geliebt, das läßt sich nicht vergessen. – Verachte die Welt und denke an mich! – Wir wollen ihr trö/o/tzen; lache sie dann über uns! – Genießen wir doch dasjenige, was sie im Jenseitz/s/ zu erblicken hofft. Bleibe selbständig! – Solltest du dich wieder verliebenAnspielung auf Oskar Schiblers Affäre mit einer verheirateten Frau („E. v. B.“) im Herbst 1882. wollen, so denke daran, daß das Weib nur eine MaschineMotiv in E.T.A. Hoffmanns Novelle „Der Sandmann“. ist, die du nur aufgezogen zu werden braucht, um abzulaufen. – Mich schauderts! – Ade! – In alter t/T/reue
Dein
einsamesr Franklin.

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Solothurn, 8. November 1882 (Mittwoch)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

8 Nov. 82.


Lieber Freund!

Dein Briefvgl. Wedekind an Oskar Schibler, 24.10.1882. hat mich gewissermassen aus einer Lethargie wach gerufen. Du hast vollkommen recht mit deinem Vorwurf, dass meine BriefeHinweis auf ein nicht überliefertes Korrespondenzstück: Oskar Schibler an Wedekind, 17.10.1882. nicht mehr denjenigen entsprechen, welche ich dir früher geschickt habe. Wer soll mir aber hieran der Kantonsschule Solothurn, die Oskar Schibler seit Oktober 1881 besuchte. irgend welche Anregung geben das gewöhnliche Alltagsleben zu vergessen & mich nur ein wenig hinaufzuschwingen in jene Höhe welche man nur einmal & in der Jugendzeit geniesst. | Glaube mir ich bin in dem nämlichen Falle wie du. Einsam & verlassen stehe ich da, finde nichteinmalSchreibversehen, statt: nicht einmal. Befriedigung in der Arbeit & doch die bevorstehende MaturitätOskar Schibler besuchte die Abschlussklasse des Gymnasiums; die Maturaprüfungen fanden im Sommer 1883 statt. heisst mich alle Kräfte anspannen. Mein Pegasusin der griech. Mythologie das geflügelte Pferd, hier: das Dichterross. ist bereits zu einem Ackergaul herabgesunken, der sich als Gelegenheits & Zwangs gaul gebrauchen lässt z. B. bei Gelegenheit der HochzeitAm 6.11.1882 waren Oskar Schiblers Stiefschwester Emma Keller („von Wöschnau“) und der in Zofingen ansässige Kaufmann Eduard Carl Franz Bäumle („von Basel“) miteinander getraut worden [vgl. Aargauer Nachrichten, Jg. 28, Nr. 269, 13.11.1882, S. (2)]. meiner Schwester carmen nuptiale(lat.) Hochzeitslied., das allerdings wie es scheint gefallen hat; der Bischof HerzogEduard Herzog wurde 1876 auf der christkatholischen Nationalsynode in Olten zum ersten christkatholischen Bischof der Schweiz gewählt. gratulirte nur. Ich habe im Sinn meine Aarauer memoirenOskar Schiblers Affäre mit einer verheirateten Frau („E. v. B.“) im Herbst 1882. zu schreiben als große ConfessionOskar Schibler spielt auf Johann Wolfgang Goethes Bekenntnisse „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“ an, in Anlehnung an Jean Jaques Rousseaus „Confessiones“. à la Goethe um mir die Scrupeln vom Halse zu wälzen. Du glaubst | & weisst es nicht warum ich von Aarau weggegangen binOskar Schibler hatte, ohne von Wedekind Abschied zu nehmen, Aarau verlassen [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 24.10.1884].. Aber du wirstgestehenSchreibversehen, statt: wirst gestehen. müssen dass ich recht gehabt habe. Ich muss mich aussprechen ich kann es aber nicht in einem Briefe sondern nur vor dir in deiner Gegenwart. O ich habe dies Sclavenleben des Gymnasiums satt man ist gebunden & gekettet gleich einem nach Freiheit ringenden Wesen, das frei sein muss & nur in der Freiheit gedeihen kann. Diese Schranken beengen mich sie erdrücken mich & lassen keine menschenwürdige Regung in mir aufkommen. Ich hab es wie du niemand versteht mich & zu niemand habe ich Vertrauen. | Ich hab es gedacht, dass dich das VereinslebenWedekind, der am 14.3.1882 in die Schülerverbindung Industria Aarau aufgenommen und am 8.6.1882 zu ihrem Präsidenten gewählt worden war, hatte Ende Oktober seinen Rücktritt eingereicht [vgl. Wedekind an die Industria, 30.10.1882]. der IndustrieSchreibversen, statt: Industria. bald anekeln würde. Du beherrschtest alles, hattest niemand der dir opponirte(lat.) eine gegensätzliche Meinung vertreten; in der Schülerverbindung Industria Aarau schrieben die Mitglieder Erörterungen, deren Argumentationen von einem anderen Mitglied in einer der folgenden Vereinssitzungen kritisch hinterfragt wurden. & imponirte(lat.) jemanden mit etwas beeindrucken., du fandest keinen Reiz mehr & der Ekel ist der unausbleibliche Gefährte einer Errungenschaft, die aus der Ferne betrachtet Reiz besitzt wenn man sie aber selbst beherrscht nichts mehr bietet. Das Gymnasiallebenvereinsleben taugt auch für dich nichts mehr denn du stehst über demselben du siehst die Hohlheit & das Theater desselbenvermutlich Anspielung auf die formalisierten Abläufe bei den Trinkgelagen in den Schüler- und Studentenverbindungen. ein besonders da noch ein anderes Ziel winkt & du belächelst es. Es war eine gute Schule Franklin mit grösserem Genusse wirst du die Universität im Kreise verwandter Seelen geniessen/verbringen/unsichere Lesart.

Dein dich sehnlichst erwartender Freund O.


Gruss. Komm!

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 11. November 1882 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Schloss Lenzburg, 11 XI.82.


Lieber Freund,

Dein lieber Briefvgl. Oskar Schibler an Wedekind, 8.11.1882. war wiederum eine rechte Herzensstärkung für mich. Daß ich deren bedarf und sehr gut brauchen kann, mußt du wol eingesehen haben, sonst hättest du mir wol nicht all’ deine Leiden hergezählt. „Getheilter Schmerz ist halber Schmerzzweiter Teil der Redewendung: Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteilter Schmerz ist halber Schmerz [in Anlehnung an Cicero, Laelius 6, 22].“ und der größte Trost | liegt wol darin, daß man nicht allein im Dreck sitzt, sondern seinen NachbarSchreibversehen, statt: Nachbarn. fragen kann „w/W/ie gehts immer“? – Aequam memento rebus in arduis servare mentem!Denke daran, in schwierigen Dingen Gleichmut zu bewahren! [Horaz, Oden II, 3 (Carmina), 1]. singt der göttliche Horat/z/, und es will mir scheinen, als hätte er durch diesen einen Satz all’ seiner Sünden an CloeHoraz besingt Chloe in dem Gedicht „Vitas inuelo me similis, Chloe,“ [Horaz, Oden I, 23]., Nebulone(lat.) Verschwender, Windbeutel – Horaz entwickelt den Typus in den ersten beiden Satiren als Gegensatz zum Geizigen mit der Empfehlung, den Mittelweg zwischen beiden Extremen zu suchen [vgl. Horaz, Sermones I,1,101-107 (104); I,2,7-22 (12)]., GalateaEs dürfte die Galatea in der Galatea- oder Europaode „Impios parrae recinentis“ gemeint sein [Horaz, Oden III (Carmina), 27]., Lalagevon Horaz besungene Frau [vgl. u. a. Horaz, Oden I, 22 u. Horaz, Oden II, 5]. und wie jene Kinder des Erosgriech. Mythologie: Gott der erotischen Liebe. alle heißen, abgebüßt. Aa/e/quam memet/n/to!(lat.) Denke daran! (siehe oben) Oskar, und laß deinen Kopf nicht hängen! Ein Blick in die Zukunft und einer nach Lenzburg soll dir ebenso tröse/t/lich sein, | wie mir die Hoffnung auf Freiheit und der Gedanke an meinen besten Freund; Denn also lautet unser Contract.

Ich gratulire! – Wozu? – Zu Deinem Vorsatz, Memoiren zu schreibenOskar Schibler hatte die Idee aufgebracht, über seine Affäre mit einer verheirateten Frau (E. v. B.) in Aarau eine Bekenntnisschrift zu verfassen [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 8.11.1882].. Bravo, Oskar, das ist ein Geistesblitz.

Laß’ Deine MaturitäIm Sommer 1883 erlangte Oskar Schibler , der die Abschlussklasse des Gymnasiums der Kantonsschule Solothurn besuchte, seine Matura.t Maturität sein! Sie läuft ja nicht weg und kommt immer noch früh genug. Schreib m/M/emoiren, was das Zeug hält! Stoff hast Du ja die Hülle und Fülle. Du meinst, ich wisse noch nicht, wie/a/rum Du h Aarau verlassen habest? –

Es ist wol möglich, daß ich die einzelnen Details nicht | so genau kenne, aber immerhin weiß ich ebensoviel davon, wie jedes Kind weiß in Aarau weiß. E.v.B.Über die Identität der verheirateten Frau, mit der Oskar Schibler in Aarau eine Affäre hatte, ist nichts ermittelt.Zürich, Einsiedeln – Der Herr Gemahl – Rückzug – DonnerwesserSchreibversehen, statt: Donnerwetter. – Pistolenduell – Schwiegervater – Das sind ja wol so die gröbsten Umrisse, und ich glaubte wahrhaftig nicht, daß ich die Herzensgeheimnisse meitnes Oskars im HolzachgartenDie um 1860 von dem Bierbrauer Dietrich Holzach gegründete Brauerei und Gastwirtschaft in der Bahnhofstraße (563-566) war eines der Aarauer Stammlokale der Kantonsschüler, das regelmäßig zu Verbindungs- und Klassenkneipen aufgesucht wurde. öffentlich verzapfen hören müßte.

Aber so geht es. Das geheimste Geheimniß wird gewöhnlich die zum öffentlichsten Gemeingut, sei es auch nur darum, weil es Geheimniß bleiben sollte und, – weil es ein Weib theilte. – |

Zieh also getrost Deinen Pegasusgriech. Mythologie: das geflügelte Pferd; hier: das Dichterross. aus dem Stall, gieb ihm statt Hafer attisches SalzRedensart für: scharfsinnig reden. zu fressen, und Du wirst bemerken, daß er ganz interessante Sprünge macht. Hör’ einmal, Oskar: Wie wär es, wenn wir beiden einigen Stoff in Ed edelen Poesien, philosophischen Aufsätzen, Räthseln e. ct. sammelten /(/Ich könnte vielleicht auch eine kleine Nouvelle oder Reisegeschichte zusammenschmieren) und auf nächsten Winter mit einem vorgesetzten Kalendarium in Form der früheren Almanache Die ersten Anthologien dieser Art in Deutschland waren der „Musenalmanach für das Jahr 1770(-1804)“ (Göttingen), veröffentlicht von Heinrich Christian Boie, sowie der „Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1770(-1781)“ (Leipzig), den Christian Heinrich Schmid (in Teilen als Plagiat des ersteren) verantwortete. Es folgten bald Musenalmanache in zahlreichen Städten des deutschen Sprachraums, als bedeutendster gilt der „Musen-Almanach für das Jahr 1796(-1800)“ (Neustrelitz), herausgegeben von Friedrich Schiller. Zu den Mitarbeitern zählten Goethe, Herder, Hölderlin, Mereau, Schlegel, Tieck, Reichardt.zu Schillers u. Göthes Zeit herausgäben? – |

Deine Memoiren aus Aarau würden ausgezeichnet in ein solches Werkchen passen. Du änderst Namen und Ort und kümmerst dich einen Teufel drum, ob man in Aarau den wirklichen Thatbestand merkSchreibversehen, statt: merkt., oder nicht. Wen’s juckt, der soll sich kratzen.Sprichwort. Die Sache ist doch s ei jetzt einmal öffentlich. Wenn wir unseren Freundschaftsbund z. B. mit dem interessanten, imposanten Titel „Der Osirisbundin Anlehnung an den Totengott Osiris, den Bruder und Gatten der Göttin Isis, (ägyptische Mythologie) und sinnverwandt zum Göttinger Hainbund, dem Freundschaftsbund der Mitarbeiter des Göttinger Musenalmanachs (siehe Anmerkung „Almanache“) in Anlehnung an den Hain als heiligen Wald und Symbol der Dichtkunst. – An den Osiriskult erinnert auch Mozarts Freimaureroper „Die Zauberflöte“.“ belegten, so dürfte der Almanach auf 1884Zu Wedekinds Vorarbeiten des nicht erschienenen Kalenders in seinem Heft "Memorabilia" vgl. KSA 1/I, S. 776. wohl den Titel führen: „Der Osiristempel, herausgegeben von den Osirispriestern, ein Almanach für die gebildete Welt. | Weniger interessant durch das classische dieses Titels, als vielt/m/ehr durch die Ähnlichkeit, die derselbe mit den Producten des vorigen, goldenen Jahrhunderts unserer Poesie, hat, würde er meiner a/A/nsicht nach die Blicke der Menge bald auf sich ziehen, besonders, wenn wir das Werk in einem respectabeln Verlag, à la Sauerländer in Aarau, suchten erscheinen zu lassen. Würde dieser Versuch ein Jahr gelingen, so könnten wir ihn fortsetzen, und so vielleicht für unser ganzes Leben ein interessantes, edeles Band zwischen uns, den Osirisbrüderndurch den Osirisbund in lebenslanger Freund- oder Bruderschaft verbunden., entstehen sehen.

Denke all’ diese Gedanken noch einmal durch, und schreibe mir die Deinigen darüber. | Schrick’ nur nicht zurück vor der Größe eines solchen Unternehmens! Die Ausführung wäre göttlich. Und hätten wir einmal den Stoff beisammen, so wollte ich die Correctur u. andere mit der Herausgabe zusammenhängende Unannehmlichkeiten, die an/m/ Ot Ort der BuchhandlungAarau, der Sitz der oben erwähnte Verlagsbuchhandlung H. R. Sauerländer. geschehen müssen, schon besorgen, da du dann wol wieder in der Ferne weilen würdest. Du beklagst Dich in Deinem Brief darüber, daß Du keine geistige AnregungAuf den Mangel weist Oskar Schibler in den Anfangszeilen seines Briefes hin [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 8.11.1882]. habest. Nimm diese Gedanken als eine solche. Wenn das Unternehmen einmal geglückt ist, so könnten wir vielleicht auch Carl Schmidt als den Dritten im Bunde in unseren Tempel ziehen. Er würde müßte den folgenden Jahrgang | nathürlich mit einigen naturhistorischen AufsätzenCarl Schmidt, der ehemalige Schulfreund Wedekinds und Oskar Schiblers studierte seit dem Wintersemester 1882/83 in Straßburg Geologie [vgl. Wedekinds Korrespondenz mit Carl Schmidt]. bereichern, in welchem Fach Du sowohl, wie ich wol nichts h/H/ervorragendes leisten würden – eine glänzende Perspective! Sieh, ich bin jetzt wieder frei, und de in den ersten Tagen, als ich aus der Industria entlassen warNachdem Wedekind seinen Abschied von der Schülerverbindung Industria Aarau beantragte [vgl. Wedekind an Industria Aarau, 30.10.1882], beschlossen die verbliebenen drei Aktiven in der 443. Sitzung am 4.11.1882, Wedekind „in Ehren“ zu entlassen [vgl. AIA, Protokollbuch Nr. 7, 1779-1883]., hä/a/tte ich das Gefühl, als sei mir ein das Bewußtsein eines Verbrechens vom Herzen gefallen. – So drückte mich das niederträchtige Vereinsleben. Jes Jetzt bin ich frei und kann mich ungehindert auf meine Lieblingsbeschäftigung werfen. Glaube mir, in solchem Schaffen würden wir beide Befriedigung finden und nicht mehr nach äußerlicher Freiheit lechzen, die ja am Ende doch | nie völlig erreicht werden kann. Eine gemeinsame Schöpfung würde uns, so fern weit wir auch ausvoneinander le entfernt lebten, in fortwährendem Verkehr halten und wie Mann und WeibBruderschaften, wie sie Wedekind wohl im Osirisbund vorschwebten, werden auch als Lebensbund (einer Ehe gleich) bezeichnet. an ein ander knüpfen. Da – Da kommt mir eben der Gedanke: Wie wär es, wenn wir gerade diesen Brief, natürlich, dazu bearbeitet, als Einleitung vor das Werk setzten, da er doch das Unternehmen begründet hat. Im ersten Jahrgang wer müßte natürlich alles und jedes anonym get stehen. Wir würden ägyptische Namen annehmen, um allen Vorurtheilen, die unserer „Schülerhaftigkeit“ hervorrufen würde, vorzubeugen. Nach günstigem Erfolg könnten | wir uns entschleiern. Trotzdem aber würde ein Brief wie dieser ganz dazu geeignet sein, den Leser zu interessi für das Folgende zu interessiren, da er so nicht nur das g neugeborene Kind, sondern sogar die dazu nöthige Befruchtung sehen würde. – Halt! –

Lieber Oskar, ich weiß nicht, ob ich mich noch auf dem Boden der Vernunft, oder schon im Reiche der Träume befinde. Ich will warten wie dieser Brief morgen früh aussieht. Du sagtest mir einmal, man habe AbensSchreibversehen, statt: Abends. und Morgens so verschiedene Augen. Hoffentlich ist es wird es mir ebenso wahr und warm bei einer wiederholten Überlegung vorkommen, denn dann wäre ich sicher, daß er auch bei Dir gute Aufnahme fände.|

So leb’ denn jetzt wol und schreibe mir j recht, recht bald. Meine bange Erwartung kannst Du Dir vorstellen.

Schreibe auch ein wenig weitläufig, damit ich weiß woran ich bin. Ade!

In alter Treue
Dein Freund
Franklin


P. S.(lat.) nach dem Geschriebenen; Ergänzung.


Bewahr’ diesen Brief jedenfalls auf!/,/ und halte diese meine Bitte nicht für Selbstüberhebung!

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 25. November 1882 (Samstag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Solothurn 25. Nov. 1882.


Mein lieber Franklin!

Dein Briefvgl. Wedekind an Oskar Schibler, 25.11.1882. hat mich sehr interessirt & gefreut. Der Gedanke ist nicht übel & wenn er richtig realisirt werden könnte jedenfalls von weittragenden Folgen. Immerhin muss man nichts überstürzen & alles vorher überlegen wie & was man schreiben will. Offen gestanden könnten die bis jetzt gelieferten ProducteWelche Arbeiten Wedekind für den geplanten Almanach „Osiristempel“ dem Freund zuschickte, ist nicht bekannt. in der geringsten Zahl verwendet werden. Wir müssten uns in ein ganz neues Gebiet werfen, welches wir bis jetzt noch gar nie versucht haben. Hast du oder ich schon etwas producirt was das allgemeine Publicum interessiren würde & wenn ja ist die Form anziehend genug, dass man es der Kritik darbieten dürfte. Jedenfalls muss der Stoff nicht ein alltäglicher sein sonst verschwinden wir sofort wir müssen gleich anfangs durch die Neuheit blenden & gefangen nehmen & wenn einmal dieser Schritt geglückt ist so haben wir den rechten Weg gefunden, auf dem wir ans Ziel gelangen. Ich glaube diese Neuheit wäre gerade im | täglichen Leben zu suchen. Die Leute laufen herum ohne an ihre Umgebung, Verhältnisse private wie sociale zu denken & wenn wir einige interessante di/en/ Leuten die Augen öffnende & für sie überraschende Streiflichter auf das heutige Leben sich beziehende werfen würden so glaube ich wir würde vilSchreibversehen, statt: viel. mehr furore machen als durch irgend eine Novelle Reisegeschichte Gedichte etc. Ich glaube für meinen Theil, dass sich unsere Schrift mehr kritisch-philosophisch verhalten soll als unterhaltend. Allerdings ist eine anziehende Form nicht ausgeschlossen wie auch nicht irgend einmal ein eingeschobenes interessantes unterhaltendes Stück. Der Leser ist heutzutage so von Gedichten & Geschichten überschwemt, dass ihn anekelt, man liest Anfang & Ende & punctum. Indem ich resümire ist dies kurz meine Ansicht: Das Blatt soll 1) heutige Zustände behandeln: Religion Staat sociale Fragen Geschichte Schule Litteratur natürlich nicht schulmeisterlich vom Katheder herab sondern von unserm Gesichtspuncte aus, also Aufsätze & 2) Novellen kl. Dramen & Gedichte. |

Etwas ist erwünscht möglichst strenge Kritik & meine Ansicht ist, dass gegenseitige Kritik die sicherste & beste ist.

Erinnere dich daran wie uns ScherrerGemeint ist der deutsche Kulturhistoriker und Schriftsteller Johannes Scherr, in dessen Werk „Menschliche Tragikomödie“ (1872) die Freunde gemeinsam gelesen hatten [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 10.11.1881]; hier vermutlich eine Verwechselung mit dem österreichischen Germanisten und Goethe-Philologen Wilhelm Scherer. begeisterte. Warum durch die Neuheit seiner Ideen & seiner Sprache. Lässt sich das nicht nachmachen. Wir sind jung & junge Köpfe sind noch keine Schablonen welche urtheilen wie die Alten, Wir sind noch Schüler Stoff genug bietet uns das tägliche Leben in Schule & Haus. Und unsselbst wird dies viel nützen wir lernen nachdenken, schliessen & kritisiren & folgern. Dies ist ein eminenter Gewinn.

Indem ich auf deinen Brief zurückkomme so muss ich gestehen, dass über die E v. B. g/G/eschichteOskar Schiblers Affäre mit einer verheirateten Frau im Sommer/Herbst 1882. sich schwierig Memoiren schreiben lassen. Es gäbe eine Sittenschilderung à la Zolaeine dem Werk Émile Zolas nachempfundene naturalistische Schilderung. & dies passt sich nicht für ein Blatt, das sich im kl. Kreise bewegen soll. Ich frage dich nun als Freund: Was soll ich thun. Sie verfolgt mich noch immer & wenn ich in Aarau bin so muss ich sie sehen. Sie schreibt mir kündigt mir ein Rendez-vous an schickt mir Geschenke. Was soll ich thun? Ich kann mich fast nicht losreissen & doch muss ich’s. Gib mir Rath aber aufrichtig. Du durchsiehst | unparteiisch die Sache. Offen erfülle die Freundespflicht. Meinem VaterJoseph Keller, dem Stiefvater Oskar Schiblers. musste ich schon das Ehrenwort geben, abzubrechen & wie ein Dämon heftet siehSchreibversehen, statt: sie. sich an mich. Es ist ein ungesundes Verhältniss, aber durch die Neuheit für mich reizend.

Ich bin zu Ende. Du hast viel zu antworten sprich deine Ansicht offen aus über beide Punkte & nimm mir nicht übel, dass ich deinen Plan in der Weise modificirt habe. Nur auf sicherem Boden & wenn wir wissen was wir eigentlich wollen kommen wir ans Ziel. Natürlich muss jedes einzelne Projekt vorher besprochen werden, damit der andere immer weis was geht & wie die Sache verwirklicht wird. Für uns selbst ist es gewiss anziehender den Verstand & die Vernunft anzuwenden als die Phantasie, & welche Genugthuung etwas gefunden zu haben, was bis jetzt noch keiner gedacht hat. Allerdings wird man dies nicht aus dem Ärmel schütteln können, es wird sich uns nicht darbieten wie die leichten GedankenassoiationenSchreibversehen, statt: Gedankenassociationen. beim & Reproductionen beim phantasiren wir werden studiren müssen & wenn etwas klar vor uns liegt muss erst noch ein Gewand gefunden werden, dass es von aussen wie von innen werth besitzt.

Leb wohl. Viele Grüsse an deine Eltern und Armin etc. Dein alter treuer Freund Oskar.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 28. November 1882 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

28.XI.82.

Herzensgeliebter Oskar,

Spät kommst Du, doch du kommst!freies Klassikerzitat aus Friedrich Schillers „Wallenstein. Die Piccolomini“ (1800, I/1): „Spät kommt Ihr – doch Ihr kommt! Der weite Weg entschuldigt [...] Euer Säumen“ [Schillers sämmtliche Schriften, Bd. 12, S. 63].“ Meinen besten Dank für Deinen freundlichen Briefvgl. Oskar Schibler an Wedekind, 25.11.1882 – Oskar Schibler hatte sich fast 2 Wochen Zeit für seine Beantwortung von Wedekinds Brief gelassen [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 11.11.1882].. Es war mir eine unerwartete Überraschung, zu sehen, wie eifrig du auf meinen scheinbar so hoch in den Wolken liegenden Plandie Idee, gemeinsam einen Almanach „Der Osiristempel“ herauszugeben. an eingehst. Zur Sache also! – S Trotz deinen/r/ warmen Theilnahme, will es mich dennoch aus d/D/einen werthen Zeilen bedünken, Du zweifelst noch an der Möglichkeit einer Realisirung meiner/s/ Gedankens. Es sei deshalb meine erste, hoffent|lich leichteste Aufgabe, dich von jedem weiteren Zweifel zu befreien.

„Wo ein Wille sind ist, sind auch Wege“ ist ein Sprichwort, welches zwar nicht an in allen Fällen, hier aber ganz ohne Frage seine volle Geltung hat. Denn an der zweitem/n/ Hauptbedingung außer dem Willen, an der nöthigen GrüzeGeist, Verstand [vgl. DWB, Bd. 9, Sp. 1020]. fehlt es weder dir noch mir, u. wirst/d/ es uns dann gar nicht mehr fehlen, wer/n/n wir einmal begonnen haben, unserer Grüze zu verwerthen und mit mehr Übung, wie auch mit mehr Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen auftreten können. Ich bitte dich, daran zu denken, wie kolossal viel dem man dem Publi|cum bieten darf, wie es gleich einer „rechten Sauim Sinne von: unachtsames, ungebildetes Subjekt.“ mit allem vorlieb nimmt und (um in meinem Bildedas oben mit der „Sau“ eröffnete, dann mit den „Perlen“ fortgeführte Bild ‚Perlen vor die Säue werfen’ nach Matthäus 7,6 [vgl. Büchmann 1879, S. 27]. zu Bl bleiben) für wirkliche Perlen gar kein Auge, kein Ohr, keine Nase hat. Sehr richtig bemerkst Du, daß es absolut für unsere Erstlingswerke nothwendig wäre, originell und neu aufzutreten. Es fragt sich nur, in welcher Weise wir diese Originalität suchen sollen. Du meinst wir sollen z. B. suchen, ScherrJohannes Scherr, dessen dreibändige „Deutsche Kultur- und Sittengeschichte“ (Leipzig 1852) 1882 gerade ihre 8. Auflage erlebte. in seiner Sprache nachzuahmen. Es fragt sich, ob man uns bei diesem Experiment nicht sehr bald auf die Eisen kommenDen Ausdruck notierte Wedekind im Notizbuch 18 zu seinem Einakter „In allen Wassern gewaschen“ [vgl. 7/II, S. 754 (Notizen zu III,7)]. würde. Meiner Ansicht nach sind wir noch zu unreif, um in der Form originell zu sein; | besonders da so viele andere darin originell sind, daß ein solches originell sein bald gar nicht mehr originell ist. Ich habe einen anderen Gedanken: Meines Wissens hat seit H. Zschokke kein Mensch mehr Aarau u. Umgebung zum Schauplatz v. NouvellenDie 12 Bände umfassende Novellensammlung des Philanthropen und Wahlschweizers Heinrich Zschokke, der sich 1807 in Aarau niedergelassen hatte, erschien in hohen Auflagen, darunter zum Beispiel die historische Erzählung „Der Freihof von Aarau“ (1822/24). e. ct. gemacht, obschon J/j/ährlich verschiedene JugendschriftenSchriften für die Jugend; im Verlag H. R. Sauerländer (Aarau) erschienen seit 1870 die „Mittheilungen über Jugendschriften an Eltern. Lehrer und Bibliotheksvorstände“ (von der Jugendschriftenkommission des Schweizerischen Lehrervereins herausgegeben). e. ct. von bei Sauerländer erscheinen. Ich glaube wenn wir für irgend einen Stoff (Ich habe mir schon einige derer zurechtgelegt) Aarau u. eine der umliegenden Ruinen zum Schauplatz einer NouvelleIn Notizen zu Wedekinds Erzählfragment „Der Schlossgeist“ [vgl. KSA 5/I, S. 287f.], entstanden zwischen Ende November 1882 und Januar 1883 [vgl. KSA 5/I, S. 462], ist zum Schauplatz, wohl Schloss Lenzburg, festgehalten: „Schlossgeist. Ort in Lenzburg. Zeit der Kreuzzüge. Ein Schloßcaplan [...] sagt, er habe in der Schloßchronik den Untergang des Hauses gelesen.“ [KSA 5/I, S. 288] Zum Auftakt von Wedekinds Erzählung „Der Brand von Egliswyl“ (1897), angesiedelt im „Kanton Aargau“, heißt es über den Handlungsort: „Jeder Berggipfel, jeder Vorsprung des Gebirges ist von einem alten Schloß oder doch wenigstens von einer Ruine gekrönt. [...] Im Umkreis von wenigen Meilen liegen da bei einander Wildegg, Habsburg, Bruneck, Casteln, Wildenstein, Lenzburg, Liebegg und Hallwyl.“ [KSA 5/I, S. 172] des Mittelalters machten, wir schon dadurch die Augen der Menge auf uns zögen. |

Ich glaube kaum, daß, wenn über’s Jahr der Almanach (floreat(lat.) er möge gedeihen.!!) eh erschiene/t/Schreibversehen, statt: erscheint., er weiter greifen würde, als über die aargauischen Gebiete und da möchte sich ein j/J/eder recht angeheimelt fühlen, besonders wenn wir recht genau auf DetailsörtlichkeitenUmstellung im Satz durch Umstellungszeichen, von: auf Detailsörtlichkeiten genau. eingehen würden. Die Kulturquellen zu solch einem Werkchen fänden wir in den beiden QuellenFranz Xaver Bronners zweibändiges Hand- und Hausbuch „Der Kanton Aargau, historisch, geographisch, statistisch geschildert. Beschreibung aller in demselben befindlichen Berge, Seen, Flüsse, Heilquellen, Städte, Flecken, Dörfer und Weiler, so wie der Schlösser, Burgen und Klöster nebst Anweisung, denselben auf die genußreichste und nützlichste Weise zu bereisen“ (1844) und das von Heinrich Boos herausgegebene „Urkundenbuch der Stadt Aarau mit einer historischen Einleitung, Register und Glossar, sowie einer historischen Karte“ (1880).: Bronner, der Aargau u. Boos, Stadt Aarau. Wenn dir damit gedient ist, so sende ich dir einmal den Gedankengang einer solchen Nouvelle zu, und Du magst selber urtheilen, ob sie auszuführen wäre. | Du fragst mich in Deinem lieben Briefe, ob einer von uns schon irgend etwas veröff P Druckfähiges geschrieben habe. Leider kann ich mich bis jetzt noch mit wenigem derart brüsten. Gegenwärtig arbeite ich an Erinnerungen an’s E eidg. Turnfest in italienischen Stanzen.ital. Strophenform mit dem Reimschema ababab/cc, die Goethe im „Faust“ in der „Zueignung“ (V1-32) wählte. – Wedekinds in Versen konzipierter Erinnerungstext ist lediglich als Erzählfragment „Vom Eidgenössischen Turnfest 82. Erinnerungen eines Festbummlers“ [KSA 5/I, S. 284-286] überliefert, nicht aber „Ansätze oder Ausführungen zu einem Versepos“ [KSA 5/I, S. 799]. Ich habe vor, die poetische Erzählung, wenn sie fertig ist, ins Tagblatt zu setze senden u. bin auf den Effect sehr gespannt. + Aber, Oskar, haben wir uns bis jetzt auch M schon jemalsUmstellung im Satz durch Umstellungszeichen, von: jemals M schon. Mühe gegeben, etwas Al allgemein l/L/esenswerthes zu verfassen? Ich glaube kaum, daß es so et entsetzlich schwer wäre. Sieh doch einmal die PoesienZuletzt waren die Gedichte „Zwei Spätherbstrosen an meinem Bett“ von Ernst Scherenberg, der seit 1874 regelmäßig in der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ publizierte [vgl. Jg. 1882, Heft 45, S. 750], sowie „Das letzte Lächeln“ von Anton Ohorn [vgl. Jg. 1882, Heft 47, S. 782] und „Herbstschauer“ von Hermann Lingg [vgl. Jg. 1882, Heft 48, S. 798] erschienen. an, mit welchen | sich die „Gartenlaube“ brüstet die doch in 3000000 ExemplarenDas illustrierte Familienblatt „Die Gartenlaube“, 1853 von Ernst Keil in der Tradition der belehrenden und unterhaltenden moralischen Wochenschriften gegründet, hatte 1875 eine Auflage von 382.000 Exemplaren [vgl. Andreas Graf: Familien- und Unterhaltungszeitschriften im Kaiserreich. In: Georg Jäger: Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, Band 1.2, Berlin 2003, S. 427]. monatlich über die ganze Erde verbreitet wird. Und sollte uns einmal der Stoff ausgehen, lesen wir nicht Classiker,: Horazeiner der bedeutendsten römischen Odendichter. Catullrömischer Dichter. e. ct. um irgend ein verborgenes Vergißmeinnicht zu übersetzen u. noch eine gelehrte Abhandlung über Übersetzung u. Übersetzungskunst hinzu zu schreiben? – Überhaupt könnten wir dann auch einige unserer eigenen Produkte für ü/Ü/bersetzungen aus dem Englischen, Französischen e.ct. ausgeben. Sei überzeugt, das zieht ganz gewaltig.

Sehr richtig bemerksSchreibversehen, statt: bemerkst. Du, wir müßten die Stoffe zu unseren Arbeiten aus dem Leben nehmen. | Sagt ja schon Göthe: „Greift nur hinein in’s volle MenschenlebenFrei zitiert nach Goethes Faust: „Greift nur hinein ins volle Menschenleben! / Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt, / Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.“ [Faust. Eine Tragödie. Faust I, V 167-169].
„Ein jeder lebts, doch wenigen ists bekannt
„Und wo ihrs packt, da ist es interessant.“

Ich glaube fast, du habest diese Zeilen im Auge gehabt als Du mir jenen guten Rath gabst. Befolgen wir ihn also! Geht man Abends in die Kneipe, ins Theater, aufs Eis; geht man auch nur auf den Bahnhof, oder Markt, so sieht man Menschen und wenn man Menschen hat, so findet sich auch leicht eine Handlung dazu. Das hab’ ich erfahren. Mit etwas Kühnheit geht alles. Du kennst es, glaub ich, auch!

Was die philosophischen Arbeiten anbelangt, so bin ich ganz deiner Meinung. Nur wollen wir | uns s vor exakter Philosophie hüten. Sie gefällt dem Publicum nicht; hingegen gefällt es ihm, elegante Salbadereien„langweilige, alberne schwätzerei oft mit dem nebensinn des frömmelnden tons“ [DWB, Bd. 14, Sp. 1682]. unter dem Mantel exacter Wissenschaft zu vernehmen. Du kennst den Demokritos v. WeberKarl Julius Webers 1832 bis 1859 in Stuttgart erschienener „Dymocritos oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen (Von dem Verfasser der Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen)“ ist ein 11 Bände umfassendes satirisches „Kompendium der Weltweisheit.[...] des lachenden, satirischen, polit.[ischen], von anthropolog.[ischer] Neugier getriebenen u. positiv die Fülle der Erscheinungen registrierenden, diesseitsverhafteten ‚Philosophen‘“ [Ulfert Ricklefs: Weber, Karl Julius. In: Killy Literaturlexikon, Bd. 12, 2011, S. 171].. Nehmen wir uns den zum Muster! Die Kraft ausdrücke und kühnen unverschämten Behauptungen hat er mit Joh. Scherr gemein. Und solches Z/z/ieht. Stets aber müssen wir auf ein gefälliges Gewand sehen. Du hast den Philosoph für d. Welt v. EngelDer Aufklärer Johann Jakob Engel gab in 5 Bänden (1775, 1777, 1787, 1800, 1801) die popularphilosophische Zeitschrift „Der Philosoph für die Welt“ heraus, für die führende Spätaufklärer wie Immanuel Kant, Moses Mendelssohn, Christian Garve oder Engel selbst Beiträge zur philosophischen Schul- und Volksbildung lieferten. gelesen. Engel füllt entwickelt in einfachen Situationen sehr tiefe Gedanken. Nehmen wir die Situationen etwas origineller und die Gedanken etwas leichter, so haben wir | einen trefflichen Ohrenschmaus für das heutige denkfaule Publikum. Auch in diesem Fach hab’ ich bereits eine sehr originelle Idee, doch die ich Dir ebenfalls auf deinen WunkSchreibversehen, statt: Wink (oder: Wunsch). zur Kritik übersenden werde. Was die heutigen Zustände u. Sot/c/ialen Verhältnisse anbelangt, so glaube ich, daß wir allerdings auch hierin etwas ins Handwerk pfuschen können müssen, daß aber über solche Punkte fortwährend so viel Gediegenes geschrieben wird, daß wir am besten thun würden, nur dies Gediegene zu benutzen um unsere Leser auch im politisch s/S/ot/c/ialen Fache kennt Wissenschaft zu befriedigen. Ebenso n/N/aturwissenschaft, in welchem Fach ich mich nur auf picuanteSchreibversehen, statt: piquant; (frz.) gewürzt, scharf (ja nicht abstoßend natürliche!) Themata beschränken möchte. |

Überhaupt sei es unser Bestreben, nicht sowohl viel, als vielmehr vielerlei zu bieten; von Gedichten aber nur soviel, als zur Dekoration des ganzen Werkes absolut nothwendig ist, und statt langer Gedichte, lieber kleine Heinische Geistes-blitze (à la Heine) aufzunehmen.

Was die Kritik anbelangt, so glaube auch ichUmstellung im Satz durch Umstellungszeichen, von: ich auch., daß gegenseitige Kritik die beste ist. Vor fremder Kritik brauchen wir uns nicht zu fürchten, denn so bald einmal in neu öffentlichen Blättern über unser Kind geschimpft wird, so soll es uns an ciceronianischen Vertheidigungenden Stil des Rhetorikers, Philosophen und Anwalts Marcus Tullius Cicero nachahmende Verteidigungsreden. (natürlich alles anonym) nicht fehlen und unser Kind wird auf diese Weise wol am | besten in die große Welt eingefüht/r/t. Übrigens könnte, wenn ein solcher Angriff nicht stattfinden sollte, auch einer von uns sich zu dem Geschäft herbeilassen, worauf der andere die Antwort verfaßen würde müsste. Wir hätten d alsdann den Vortheil, das/ß/ wir die beiden Schriftstücke zuerst mit einander vergleichen und so einrichten könnten, daß der Angriff mit einem glänzenden Siege zurückgeschlagen würde.

Also vorwärts lieber Oskar! Unverwandt blick in die Zukunft! Sie ist wahrhaft göttlich! Wir unternehmen nichts Unausführliches L/l/uftschlösserartiges. Bedenke, daß Schiller | im/n/ seinem 17. Jahre die Räuber schrieb1776 mit 16 Jahren hatte Friedrich Schiller mit der Arbeit an seinem Schauspiel „Die Räuber“, ein Lesedrama in fünf Akten, begonnen, 1781 wurde es anonym veröffentlicht und am 13.1.1782 in Mannheim uraufgeführt... Welch eine Schande, wenn wir im 19/8/ noch nicht im Stande wären, einen lumpigen Almanach zusammenzuschmirenSchreibversehen, statt: zusammenzuschmieren.! – Ist das u/U/nternehmen einmal geglückt, so soll es das zweite Mal schon besser werden! Glückt es nicht, so ist am e/E/nde auch nichts verloren.

Die Angelegenheit mit E. v B.Die Initialen einer verheirateten Frau aus Aarau, mit der Oskar Schibler im Herbst 1882 eine Affäre hatte. hat mir mehr zu denken zu gegeben, als du wol meinst. Den letzten Theil Deines l. Briefes habe ich nun schon fünf Mal durchgelesen, was allerdings auch mit Deiner miserabelnSchreibversehen, statt: miserablen. Schrift zusammen hängt. |

Ich bitte Dich, mach Dich los!

Ich kann kaum glauben, daß du dich sonderlich zu solch einem Weibe hingezogen fühlen kannst. Hier genießt sie einen sehr zweideutigen Ruf und jeder Kantonsschülerlaffeeinfältiger, aber eingebildeter junger Kantonsschüler. aus dem neuen Quartierein Stadtteil Aaraus, der in der chronologischen Häuserzählung mit der Nummer 969 (von 1150) beginnt [vgl. Verzeichniss sämmtlicher Einwohner, Wohn- und Oekonomie-Gebäude der Gemeinde Aarau, 1881, S. 46f.]. prahlt damit daß sie jedesmal am FesterSchreibversehen, statt: Fenster. stehe wenn er vorbei gehe. Schön soll sie ja auch gerade nicht sein, die Augen abgerechnet, die Dich ebenso leicht vergiften können, wie den ArmenSchreibversehen, statt: armen. Heine die Thhnen der Donna Clarawohl Anspielung auf eine Strophe im III. Teil von Heinrich Heines Gedicht „Almansor“, wo es über Donna Clara heißt: „Thränenfluth, aus lichten Augen, / Weint die Dame, sorgsam sinnend, / Auf Almansor’s braune Locken – / Und es zuckt um seine Lippen.“ [DHA, Bd. 1 (Buch der Lieder), Die Heimkehr. 1823–1824, S. 325] – Donna Clara ist auch Hauptfigur in Heines Gedichten „Don Ramiro“ und „Donna Clara“ sowie in seiner Tragödie „Almansor“.. Ich sage vergiften. Denn glaube mir, es gl giebt nichts Schrecklicheres, Widerwärtigeres als einen jungen blasirten Greisen, der, nachdem er seine paar Unzen Gehirn bei | irgend einer losen Coquette verpufft hat, als G/g/eistlose Maschine auf der Welt umherirrt. Mach unsern Almanach (crescat!) zu deiner neuen Geliebten u. weise der alten einen Platz darin ein an, so bist du ganz à la GötheAnspielung auf die Gedichte und Gedichtzyklen, die Goethe auf seine Geliebten machte. ihrer los geworden. Du sagst, eine solche Schilderung gäbe ein Zola-artiges SittenbekenntnißMöglicherweise dachte Oskar Schibler bei der Formulierung an Émile Zolas Roman „Nana“ (1880). Den ungewöhnlichen Ausdruck „Sittenbekenntniß“ prägte Goethe im Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden, Stuttgart 1821, (2. Buch, 1. Kap.): „der einfachste genusz, so wie die einfachste lehre werden bei uns durch gesang belebt und eingeprägt, ja selbst was wir überliefern von glaubens- und sittenbekenntnisz, wird auf dem wege des gesangs mitgetheilt. Göthe“ [DWB, Bd. 16, Sp. 1248].. Laß es doch geben; sobald es psychologisch richtig ist, so findet es in jeder anständigen Schrift z/Z/ulaß. Las ich doch jüngst in der Gartenlaube einen lange AbhandlungDer Artikel „Die zehnte Muse. Ein Wort über die „fahrenden Leute“ des 19. Jahrhunderts“ von Wilhelm Anthony (Pseudonym des Schauspielers, Schriftstellers und Redakteurs Wilhelm Asmus) war 1879 in der Wochenzeitschrift „Die Gartenlaube“ (Jg. 1879, Nr. 41, S. 684-686) erschienen.. über die 10. Muse, das Tingeltangel„Berliner Ausdruck für Singhallen niedrigster Art mit burlesken Gesangsvorträgen und Vorstellungen. Sie erhielten angeblich ihren Namen nach dem Gesangskomiker Tange, der im Triangelbau sein lange populär gebliebenes Triangellied zum besten gab. Nach andern wäre das Wort T. mit der Sache zuerst in Hamburg (dem Dorado der T.) aufgetaucht. Zum Betrieb eines Tingeltangels ist polizeiliche Erlaubnis nötig (Gewerbeordnung, § 33 a), vorkommendenfalls auch die Konzession als Schauspielunternehmen“ [Meyers Großes Konversationslexikon (6. Auflage), 1905-1909, Bd. 19, S. 559].!

Also, reiß Dich los! Antworte ihr nicht, so werden die Geschenke wol mit der Zeit auch aus bleiben | u. sieh zu, daß, bis Du wieder nach Aarau kommstOskar Schibler kam an Weihnachten 1882 und über den Jahreswechsel 1882/83 nach Aarau; die Liaison machte ihm noch mehrere Monate zu schaffen., übe du über die Geschichte lachen und das schöne Weib bemitleidend verachten kannst.! –––

Jetzt leb’ wol. Auch Du hast nun viel zu beantworten. Ich lege Dir eine Probeeine hektographierte Kopie von Wedekinds Gedicht „Subjectiver Idealismus“ [vgl. die Beilage], das er dem Freund in einer früheren Fassung im Vorjahr zur kritischen Beurteilung zugeschickt hatte [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 10.11.1881]. von meinem neuen Hektographenein Kopierapparat, Geschenk von Hermann Plümacher [vgl. Wedekind an Hermann Plümacher, 27.11.1882]. bei. Schreibe bald, aber überlege zuvor alles gründlich. Noch einmal: Reiß dich los!! Sei ein Mann!! – O; bitte, bitte, denke daran, was du bist, wer du bist, bevor du die Sache weiter treibst.

In alter Treue

Dein Franklin.


[Beilage:]


Subjectiver Idealismus.


Es muß der Gottheit nicht gefallen haben –
So sprach ich oft zu mir in trüben Stunden, –
die Tugend mit der Weisheit zu vereinen.
Ich suchte einen Freund, doch hab’ ich keinen,
der meinem Ideale gleicht, gefunden.


Ich suchte fort und fort wol viele Jahre,
Bis ich mich niederließ in diesem Thale.
Da sah ich Dich, kaum traut’ ich meinen Blicken.
Ich sah und fand mit freudigem Entzücken
die Wirklichkeit zu meinem Ideale. –––


Franklin Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 5. Dezember 1882 (Dienstag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Dez. 5. 82 Solothurn


Lieber Franklin!

Gleichwie ein stolzes Schiff, das leichtgebaut mit kräftigem Bug, spielend Wind & Wellen durchbra/i/cht & seine fröhlichen Wimpel in der freien Luft flattern lässt, gleichsam seiner Aufgabe bewusst, neues suchen zu helfen & die alten Anschauungen durchbrechend einen eigenen Schauplatz der Thätigkeit für sich aufzufinden, dann aber herabgewürdigt den Alltagsbedürfnissen, dem ganz gemeinen zu dienen als Handelsschiff schwerfällig Wind & Wagen(schweiz.) Wogen. zum Spiel, seine vorgezeichneten Bahnen zu gehen, die Wimpel herabgesunken da kein freier Hauch sie in der Tiefe der Wagen durchzieht & alles öde & gedrückt schweigend dahin fährt – so war ich befangen & gedrückt & wie froh, während ich unter dem hemmenden Gefühle des Unrechts, ganz verändert gegen früher in düsterem mich selbstverachtendem Sinne dahinlebte. Ich als unerfahrener, junger & leichtsinniger & waghalsiger aber nicht schlechter Knabe traf in verhängnissvoller Weise mit einem Weibeine verheiratete Frau in Aarau, mit der Oskar Schibler im Spätsommer 1882 eine Affäre hatte und die in früheren Briefen „E.v.B.“ genannt wird [vgl. zuerst Wedekind an Oskar Schibler, 11.11.1882]. zusammen das Sitte & Anstand & Pflicht verletzte. |

Ich dachte nicht weiter darüber nach & liess mich in das interessante Verhältniss ein. Ich dachte nichts schlechtes sondern in meinem abenteuerlichen Sinne & naiv genug an Liebe zu denken während es nur Leidenschaft war sagte zu ihr: wir wollen fliehen ich will dich ganz besitzen. Ich nahm sogar Karten & Bücher & studirte Reiserouten Land & Volk. Egypten hatte ich auserlesen. Sie hatte etwas anderes im Sinne, sie konnte sich nicht einmal zu der abenteuerlichen Höhe dieses wilden Planes aufschwingen nein sie suchte nichts als fleischliche Lust. Und ich zu wenig Stärke besitzend ihr zu wiederstehenSchreibversehen, statt: widerstehen. fiel & die thierische Natur siegte über die sittliche. Ich wälze jede Schuld dieses Falles von mir ab. Mein letzter Gedanke ging dahin, nachdem aber einmal der erste Schritt meinerseits unter Tritten gethan ward wurde die Leidenschaft immer stärker der Fall immer tiefer. Ich liebte sie nicht. Viel Poesie meiner Jugend habe ich so leichtsinnig verschleudert, ich sehe es erst jetzt ein. Ich habe den Menschen von seiner verwerflichsten rohesten Seite kennen gelernt & bin für diese psychologisch interessante Thatsache, die ich selbst erlebt habe keineswegs beneidenswerth. |

Dies ist das innere Getriebe der den Aarauern zum Gespräche dienendenDie Affäre war Stadtgespräch geworden, wie Wedekind dem Freund schrieb [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 11.11.1882]. wahrscheinlich sogenannten „Liebesgeschichte“. Sie ist überstanden noch leide ich & werde vielleicht noch Jahre öffentlich darunter leiden, aber innerlich will ich mich selbst wieder gewinnen, ich will mich selbst wieder achten lernen. Es waren unglückselige Zusammentreffen: Schlechtigkeit, Leichtsinn. Die einzigen Hilfsmittel die von Erfolg gewesen wären fehlten mir: Kraft & Vertrauen mich energisch loszumachen. Es gibt kein wahreres Wort als, das eben ist der Fluch der bösen That, dass sie fortzeugend Böses muss gebärenZitat aus Schillers „Wallenstein. Die Piccolomini“ (5. Aufzug, 1. Auftritt): „Das eben ist der Fluch der bösen That, / Daß sie, fortzeugend, immer Böses muss gebähren.“ [Schillers sämmtliche Schriften, Bd. 12, 1872, S. 188 (= V. 2452f.)].. Mit einer wahren Lust schreibe ich dies alles nieder, ich finde mich selbst wieder. Mein gerissener Gemüthszustand sammelt sich & hoffentlich gewinne ich mit der Zeit auch meinen frühern Frohsinn. Ich habe viel verschuldet gegenüber der Sitte sowohl derjenigen gegenüber, welche die Welt aufstellt als auch gegen die, welch in jedem EinzelemSchreibversehen, statt: Einzelnen. warnend ruht. Meine Eltern haben manche schmerzliche Stunde gehabt & ich werde ich verhehle mir dies keineswegs, noch viele Unannehmlichkeiten desswegen haben. Doch die Hauptsache ist, dass man | sich selbst wieder gewinnt. Die Selbstachtung ist die Grundlage jeder Handlung & nur auf dieser kann sich ein Character ausbilden. Ich wünsche keinem dass er in diesem Alter in solche Versuchungen kommt, denn wie leicht fällt man. Ich glaubte dir als meinem Freunde diese Erklärung schuldig zu sein. Lasse bei Beratschlagung einzig dein Gefühl & Vernunft walten.

Entschuldige, dass ich dich damit so lange aufgehalten aber was am nächsten liegt muss auch am schnellsten weg gewälzt sein. Vielen Dank für deinen ausführlichen Brief den wir jedoch definitiv bei unserer nicht mehr in weiter Ferne stehenden Zusammenkunft besprechen können. Schicke mir aber immerhin so bald als möglich die mir zur Disposition stehenden Entwürfe ich will sehen ob mich einer vielleicht anspornt. Wir haben keine Ferien hierAn der Kantonsschule Solothurn gab es (nach den Schuljahreszeugnissen) 2 Monate Ferien von Mitte August bis Mitte Oktober und (nach den Halbjahreszeugnissen) 2 Wochen ab Anfang April; dagegen waren an der Kantonsschule Aarau die Ferien aufs Schuljahr verteilt (1 Woche Weihnachtsferien, 2 Wochen nach den Schuljahreszeugnissen ab Mitte April, 4 Wochen Sommerferien und 3 Wochen nach den Halbjahreszeugnissen im Herbst). nur 4 Tage von Samstag vor Neujahrden 30.12.1882. – ein Tag nach NeujahrDienstag, den 2.1.1883.. Du wirst also ohne Frage einmal einen ganzen Tag nach Aarau kommen. Werde dir übrigens noch eine Karte sendenvgl. Oskar Schibler an Wedekind, 17.12.1882.. Wir verkrichen(schweiz.) verkriechen. uns dann in irgend einer Bierbude und pflegen mit geistanregendem Stoff unsern Gedankenaustausch. Wenn es dir aber möglich ist mich vorher zu besuchenEin Besuch Wedekinds in Solothurn war im Herbst 1882 wiederholt Thema in der Korrespondenz der Freunde. so komm & du wirst nicht bereuen die alte WengistadtBeiname Solothurns: 1546 kamen Schultheiß Niklaus von Wengi und der Rat der katholischen Stadt Solothurn den verbündeten Städten Le Landeron und Cressier im Fürstentum Neuenburg mit 900 Mann zur Hilfe, als dort die Reformation eingeführt werden sollte [vgl. Urs Vigier: Geschichte des Kantons Solothurn. Solothurn 1878, S. 170f.]. 1533 soll der Katholik Wengi den Ausbruch eines Religionskriegs im Kanton Solothurn verhindert haben, indem er sich vor die Mündung einer schussbereiten Kanone stellend seine Religionsbrüder dazu aufrief, nicht auf die Mitbürger zu schiessen. heimgesucht zu haben, es gibt auch hierwie in Aarau. viel schönes & anregendes was man verwerthen kannfür den „Osiristempel“, den von den Freunden für das Jahr 1884 geplanten Almanach [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 11.11.1882].. Leb wohl lieber Franklin. Grüss alles Grüssbare Dein
treuer O.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 12. Dezember 1882 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Schibler, Oskar

Herzensgeliebter Oskar,

Du bist auf dem besten Wege, deine Sünden durch +/r/euiges Insichgehen zu sühnen. Dein lieber Briefvgl. Oskar Schibler an Wedekind, 5.12.1882. kommt mir vor, wie die plötzliche Explosion einer Pulvertonne, in der das bei der das Feuer lange Zeit geglommen hat. Mit aufrichtiger Freude sah ich, wie du die ganze Lastdurch eine verheiratete Frau (E.v.B.) in Aarau, mit der Oskar Schibler im Spätsommer 1882 eine Affäre hatte. Stück für Stück in logischer Reihenfolge von Deinem gemarterten Herzen wälzest und, wie der Phönix aus seiner AscheRedewendung für den Neuanfang nach einer großen Niederlage; (Mythologie) Phönix steht unter anderem für Auferstehung, Selbsterkenntnis, Unsterblichkeit., neugeboren aus den ErrinnerungenSchreibversehen, statt: Erinnerungen. an eine trübe Zeit emporsah ersteht. Ich gratulire Dir von ganzem/n/ Herzen zu Deinem glorreichen Sieg! |

Gar so kazzenjämmerlich brauchst du nun zwar auch nicht zu kagenSchreibversehen, statt: „klagen“.. Was deinen Ruf in Aarau anbelangt, so ist bist du erstens durch den ganzen Handel bekannt geworden, ein Vortheil, den man kaum in/au/f den ersten Blick in seiner ganzen Tragweite erkennen kann. Zweiter/ns/ ist der ganze Streich doch sehr originnellSchreibversehen, statt: originell., wird deiner Jugend wegen schon als entschuldigt und Jedermann wird sieht in solchen Fällen dem männlichen Theil viel mehr nach, als dem weiblichen. Um dich bei d/D/ir selber von allen üblen Folgen zu beeienfreien, so rathe ich d/D/ir als Freund, dich jetzt mit allen k/K/räften anzustrengen, den Liebeshandel von der lächerlichen Seite zu betrachten. Auf diese Weise könnte er dir am ersten gleichgültig werden. Wenn Du behauptestIm Folgenden bezieht sich Wedekind direkt auf Inhalt und Formulierungen von Oskar Schiblers Brief vom 5.12.1882., daß alle Schuld auf ihrer Seite liege, so | muß ich Dir aufrichtig gestehen, daß, ich solches kaum glauben kann; Du befindest dich jedenfalls in einer zwar nützlichen aber immerhin nicht wahrheitsgemäßen Selbsttäuschung. Jedenfalls war der Leichtsinn auf deiner Seite (Du sagst ja, verliebt seist Du nicht gewesen) ebenso groß, wie die Schlechtigkeit auf ihrer Seite. Daß das ganze Abenteuer Deiner Gemüthsverfassung einen gehörigen Stoß versetzt hat, glaube ich recht gern. Nur begreife ich nicht recht daß du dasselbe nicht schon längst, da es ja von Deiner Seite so großartig angelegt war (Egypten) zu einem interessanten Roman verwerthes/t/ hast. O, hätte ich solche Erfahrung, wie möchte meine Feder auf dem Papier hüpfen! Natürlich mußt du jetzt deinen Vorsatz, in Zukunft da die Sirene(griech. Mythologie) weibliches Fabelwesen; lockt durch ihren bezaubernden Gesang Schiffer, die sie dann tötet– hier in Anspielung auf den Mythos von Herakles am Scheideweg als Verkörperung lasterhaft-verderblicher Verführung gemeint [vgl. auch KSA 2, S. 540f.]. | links liegen zu lassen, mit aller Energie durchführen, und dich wo möglich wieder der alten, gemüthlichen, so oft von uns verspotteten, platonischen LiebeDer griechische Philosoph Platon unterscheidet 3 Arten der Liebe: agape (die begehrungslose), philia (die freundschaftliche), eros (die begehrende, erotische). Wedekind dürfte sich hier auf eine sich in der Epoche der Empfindsamkeit im 18. Jahrhundert entwickelnde Rezeptionslinie beziehen, in der zwischen einer auf das Sinnlich-Körperliche reduzierten und einer geistig-seelischen (platonischen) als einzig wahrer Liebe unterschieden wurde [vgl. auch Wedekind an Oskar Schibler, 24.10.1882]. zuwenden. Wenn sie auch in Wirklichkeit gar nicht besteht, so bietet sie doch eine angenehme Unterhaltung u ist für Leib u. Seele unschädlich.

Die weitere Besprechung des „Osiristempelsden von den beiden Freunden für das Jahr 1884 geplanten Almanach [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 11.11.1882]. versparen wir also auf die FerienOskar Schibler hatte nur die 4 Tage von Samstag, den 30.12.1882 bis Dienstag, den 2.1.1883 frei [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 5.12.1882].. Leider ist es mir immer noch unmöglich, dich in Solothurn zu besuchenEin Besuch Wedekinds in Solothurn war im Herbst 1882 wiederholt Thema in der Korrespondenz der Freunde.. Versparen wir dies Vergnügen noch ein Wenig! – Die Mahnung, deinen Brief aufzubewährenSchreibversehen, statt: aufzubewahren. – Die Mahnung ist nicht überliefert [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 5.12.1882]. war unnöthig, da ich je noch jede Zeile, die du mir seit unserer ersten Trennung schriebst, noch besitze. Also auf Wiedersehn
Dein Freund.
Franklin.

Einzelstellenkommentare

Solothurn, 17. Dezember 1882 (Sonntag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

Postkarte.
Carte postale. – Cartolina postale.


Herrn
Franklin Wedekind. Kantonsschule
Aarau.
Suisse. |


17. Dez cuj. anni.


unsichere Lesart; vermutlich Abkürzung für: cujus/cuius anni (lat.) des Jahres.

L. F.

Auf Wunsch meiner ElternOskar Schiblers Mutter Wilhelmine war in 2. Ehe mit dem Gerichtsschreiber Joseph Keller verheiratet. werde ich am 23. AbendsSamstagabend, Abfahrt aus Solothurn nach dem Schulunterricht. nach Hause kommen, nicht wie der früheren Verabredungin seinem letzten Brief [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 5.12.1882]. zu folge erst Samstags vor Neujahram 30.12.1882.. Sei also so gütig deine freie Zeit so zu richten, dass wir von Samstag bis Dienstag23.12 bis 26.12.1882. – An der Kantonsschule Solothurn gab es keine Weihnachtsferien. doch mindestens einige Stunden zusammen verbringen können. Da wir ja uns sehr interessirende & naheliegende Gegenstände zu besprechenDas waren insbesondere der von Wedekind vorgeschlagene Plan zu einem (nicht zustande gekommenen) Almanach mit dem Namen „Osiristempel“ und die Affäre Oskar Schiblers mit einer verheirateten Frau. haben & die Zeit e/d/er Trennung schon ziemlich langeBeim eidgenössischen Turnfest, das vom 29.7.1882 bis 2.8.1882 in Aarau veranstaltet wurde, dürften sich die Freunde – möglicherweise das letzte Mal – getroffen haben [vgl. Oskar Schibler an Wedekind, 24.7.1882 und Wedekind an Oskar Schibler, 25.7.1882]. dauerte so hoffe ich, dass dir dies wohl möglich ist.

Also auf Wiedersehen Samstag!
Dein treuer O.

Einzelstellenkommentare

Aarau, 24. Dezember 1882 (Sonntag)
von Schibler, Oskar
an Wedekind, Frank

OSCAR SCHIBLER


AARAU

SOLOTHURN |


Lieber Franklin!

Nimm diese kleine GabeDie Beilage liegt der Visitenkarte nicht bei. als Zeichen meiner Freundschaft & zum Andenken an Weihnachten 1882.

Einzelstellenkommentare

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