Briefwechsel

Wedekind, Emilie und Wedekind, Frank

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Bendlikon, 21. Juli 1872 - 22. Juli 1872
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

[Hinweis und Referat in Emilie Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 27.7.1872 aus Hannover (Mü, Nachlass Frank Wedekind, Konvolut Burkhardt, Nidderau):]


Herzlichen Dank daß Du mit den beiden Kindern gleich meiner lieben Mutter Grab besuchtDas Grab von Karoline Friederike Kammerer, der Mutter Emilie Wedekinds, dürfte sich in Riesbach bei Zürich befunden haben, wohin die Familie Kammerer 1841 gezogen war [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 24; S. 290]. Friedrich Wilhelm Wedekind war am 20.7.1872 mit den beiden Söhnen Frank und Armin von Bendlikon nach Riesbach gefahren: Armin Wedekind notierte: „Mamas früheres Haus Besehen und in toden Garten gegangen zu Schiff Bändlikon zurück.“ [Tb Armin Wedekind, 20.7.1872] und ihnen mein väterliches HausDer Zündholzfabrikant Jakob Friedrich Kammerer, der Vater Emilie Wedekinds, bewohnte mit seiner Familie das sogenannte „Württembergische Haus“ (Haus 370) im Seefeld in Riesbach, einem 1893 eingemeindeten Vorort von Zürich. gezeigt hast. Tausend Dank für diese Aufmerksamkeit. Wie mir Baby schreibt scheint ja das Grab der lieben Verstorbenen gut im Stande zu sein trotzdem ich in den letzten Jahren nichts mehr dafür bezahlt habe. [...] Über die beiden Briefe von HammiArmin Wedekinds Kosename im Familienkreis. und BabyFrank Wedekinds Kosename im Familienkreis. habe ich mich sehr gefreut. [...] Es wunderte mich wie sie Beide so alle Namen behalten haben.

Einzelstellenkommentare

Hannover, 22. Juli 1872 (Montag)
von Wedekind, Emilie und Brockmann, Ada
an Wedekind, Frank, Wedekind, Armin (Hami), Wedekind, Friedrich Wilhelm

[Hinweis in Armin Wedekinds Tagebuch vom 23.7.1872 in Bendlikon:]


DienstagFriedrich Wilhelm Wedekind war am 18.7.1872 mit den beiden Söhnen Frank und Armin zu einer Reise von Hannover in den Kurort Bendlikon aufgebrochen, wo die drei am 19.7.1872 abends ankamen und am 21.7.1872 das erste Bad nahmen.. 23 Juli. [...]. Dann brachte uns Annavermutlich Kindermädchen in der Familie Wedekind. einen Brief von Mama und AdaEs dürfte sich um Ada Brockmann, älteste Tochter von Friedrich Wilhelm Wedekinds Schwester Emma Brockmann in Clausthal handeln. Ada war zu Besuch bei der Familie Wedekind und fuhr am 23.8.1872 wieder nach Hause [vgl. Emilie Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 25.8.1872 (Mü, Nachlass Frank Wedekind, Konvolut Burkhardt, Nidderau)]. [...] wir lasen ihn auf unserm Zimmer und waren sehr erfreut, daß alle unsere LiebenGemeint sein dürften insbesondere die kleinen Geschwister Willi und Erika sowie die Mutter Emilie Wedekind, die mit Donald schwanger war. sich wohl befinden.

Einzelstellenkommentare

28. Juli 1872 (Sonntag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Friedrich Wilhelm, Wedekind, Armin (Hami), Wedekind, Frank

[Hinweis in Armin Wedekinds Tagebuch vom 30.7.1872 in Bendlikon:]


Dienstag, den 30. Juli. Gleich nach dem Frühstück bekahmen wir einen Brief von Mama und lasen i[h]n sofort mit begier auf unserm Zimmer.

Einzelstellenkommentare

Bendlikon, 31. Juli 1872 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

[1. Hinweis in Armin Wedekinds Tagebuch vom 31.7.1872 in Bendlikon:


31 Juliein Mittwoch.. Morgens und nachmittags waren wir mit unsern Briefen an Mama beschäftigt. [...] Donnerstag, 1 August, Heute morgen vollendete ich meinen Brief an Mama Dann legten wir ihn und BebebiSchreibversehen, statt: Bebi; Kosename Frank Wedekinds im Familienkreis. seinen in ein Couvert und brachten wir den Brief auf die Post.


[2. Hinweis in Emilie Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 4.8.1872 aus Hannover (Mü, Nachlass Frank Wedekind, Konvolut Burkhardt, Nidderau):]


Heute morgenSonntag, den 4.8.1872. um 9 Uhr erhielt ich Deinen, und am Freitag abendden 2.8.1872; Briefe zwischen Hannover und Zürich benötigten mit der Post etwa 1 ½ Tage. Hammy’s und Baby’s Briefe [...]


[3. Hinweis in Emilie Wedekinds Brief an Frank und Armin Wedekind vom 4.8.1872 aus Hannover:]


Habet vielen Dank für Eure reizenden Briefe.

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Hannover, 4. August 1872 (Sonntag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Armin (Hami), Wedekind, Frank

Liebster, bester Hammi und BebyKosenamen Armin und Frank Wedekinds im Familienkreis.!

Habet vielmals Dank für Eure reizenden Briefenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 31.7.1872 und ein ebenfalls nicht überlieferter Brief von Armin Wedekind an Emilie Wedekind vom 31.7. und 1.8.1872.. Wie glücklich bin ich bei dem Gedanken daß Ihr, meine herzigen Kinder, nun in meiner HeimathEmilie Wedekind ist mit 7 Geschwistern im Züricher Vorort Riesbach aufgewachsen, wo ihr Vater Jakob Friedrich Kammerer eine Zündholzfabrik errichtet hat. Friedrich Wilhelm Wedekind war am 18.7.1872 mit den beiden Söhnen Armin und Frank nach Zürich gereist, um in Bendlikon zu kuren und die Gegend zu erkunden. Friedrich Wilhelm Wedekind hielt Ausschau nach einer geeigneten Immobilie und kaufte am 1.9.1872 Schloss Lenzburg, wohin die Familie noch im September übersiedelte. seid. Daß Ihr mein liebes theures VatherhausSchreibversehen, statt: theures Vaterhaus; das 1841 erbaute „Württembergische Haus“ an der Seefeldstraße in Riesbach (Haus 370), von dem eine Beschreibung Emilie Wedekinds überliefert ist: „Dieses neue Etablissement bestand aus einem zweistöckigen steinernen Hause. Parterre waren die Fabricksäle, Comptor, Laboratorium, Packstube, u. eine Art Küche zur Zubereitung der Zündmasse für die Schwefelhölzer. Oben im ersten Stock war die Wohnung der Familie. [...] Die Packstube […] im Winter angenehm durchwärmt, bildete durch ihren hellen heimeligen Raum, für uns Kinder einen angenehmen Aufenthalt, umsomehr, als dort meistens Kinder von 12-16 Jahren arbeiteten. Es wurde viel erzählt, man sang oft zweistimmige Volkslieder, auf dem Ofen brozelten die gebratenen Aepfel, und manchesmal wurde es unter dem jungen Volk so laut, daß die Aufseherin protestirte und [...] uns müßige Herrschaftskinder zum Tempel hinausjagte [Becker 2003, S. 12f.]. gesehen und auch die StelleCaroline Friederike Kammerer, die 1846 verstorbenen Mutter Emilie Wedekinds, ist in Riesbach bei Zürich beigesetzt worden. wo meine liebe unvergeßliche Mutter ruth/ht/. Denkt Ihr denn auch recht viel an Eure Mama? Wir sprechen stets von Euch und MiezeKosename Erika Wedekinds im Familienkreis. wünscht sehr daß Ihr bald wiederkommen möchtet. Seid nur aber auch recht außerordentlich artig, folgt Papa und wenn er et leidend ist dann pflegt ihn mir ja wie auch ich Euch pflege wenn Ihr krank seid. Aber hoffentlich wird sich | das Wetter wieder aufklären und Ihr Eure Bäder fortsetzen können. Wie gefällt es Euch denn im Riesbach und an der SeefeldstraßeÜber den Ort, wo das Vaterhaus in der Seefeldstraße stand, schrieb Emilie Wedekind: „Uns gegenüber waren damals nichts als Fruchtfelder, Äcker und Wiesen, und nichts verhinderte den Blick nach dem See, dem gegenüberliegenden Ufer und dem sich lang hinstreckenden Uetliberg. Hinter dem Hause war der Hof [...]. Daran stieß mit ihrem großen Einfahrtsthor, die Schmalseite der Remise mit dem Waschhaus. Daneben stand der Ziehbrunnen, der köstliches, klares Quellwasser spendete. Und nördlich am Hofe, sowie südlich vom Wohnhaus erstreckte sich der große schöne und wohlgepflegte Garten.“ [Becker 2003, S. 15]? Nicht warSchreibversehen, statt: wahr. da ist es schön. Morgen geht Willy wieder in die SchuleWie Armin und Frank Wedekind besuchte auch Willy Wedekind das Auhagen’sche Institut, eine Privatschule in der Hildesheimerstraße 58 in Hannover. Nach dem Ende der Sommerferien begann der Unterricht wieder am Montag, den 5.8.1872 [vgl. Emilie Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 5.8.1872 (Mü, Nachlass Frank Wedekind, Konvolut Burkhardt, Nidderau)].. Habt Ihr nicht Euer Antwortenbuch mitgenommen? Ich habe in Eurem Schrank und auf dem schwarzen Ständer nachgesehen und gesucht aber ohne Erfolg. Ich werde nun morgen einen neues kaufen und es Euch schicken. Nun lebet wohl meine lieben Jungens, schreibet bald wieder an Eure treue Euch liebende
Mama.


Willy u. Mieze laßen vielmals grüßen. Auch AdaEs dürfte sich um Ada Brockmann, älteste Tochter von Friedrich Wilhelm Wedekinds Schwester Emma Brockmann in Clausthal handeln. Sie war zu Besuch bei der Familie Wedekind und fuhr am 23.8.1872 wieder nach Hause [vgl. Emilie Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 25.8.1872 (Mü, Nachlass Frank Wedekind, Konvolut Burkhardt, Nidderau)]., Ludowike u.Sophilenicht ermittelt..

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Lausanne, 8. Mai 1884 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

Meiner lieben Mutter.

Das Gedicht entstand am 8.5.1884; an diesem Tag wurde Emilie Wedekind 44 Jahre alt. Vermutlich legte Wedekind das Gedicht seinem Brief vom 11.5.1884 an die Mutter bei.


Nicht zu der Menschheit Götzen kann ich beten,
Die mit der Mode jeden Tages ändern,
Heut hochverehrt in aller Herren Ländern
Und morgen elend in den Staub getreten.


Nicht will ich mich vor Hirngespinnsten beugen
Die mir die eig’ne Fantasie geboren.
Nicht wall’ ich mit dem Schwarm naiver Thoren,
Vor kaltem Marmorbild mein Haupt zu neigen.


Der Gott, der meine Seele längst durchglühte,
Der mich geliebt, bewacht und nie verlassen,
Er lebt und webt, mein Geist kann ihn erfassen;
An seiner Stärke nährt sich mein Gemüthe.


Drum schreit’ ich muthvoll vorwärts durch das Leben,
Wenn auch mein Loos mich in die Ferne triebe. –
Der heil’ge Geist: Dein Segen, Deine Liebe,
Sie werden stets beschützend mich umschweben.

     ––––––––––––––––––––––––––––––

                                           Dein Franklin.

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Lenzburg, 8. Mai 1884 (Donnerstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

Lieber Beby.

In Willy’s Korbder Korb mit der frischen Wäsche von Frank Wedekinds Bruder William; die beiden Brüder wohnten seit Anfang Mai 1884 zusammen im Haus des Tierarztes Emile Gros in Lausanne [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 2.5.1884]. wirst Du ein Stück von meinem GeburtstagskuchenAm 8.5.1884 wurde Emilie Wedekind 44 Jahre alt; den Kuchen dürfte sie zusammen mit Minna von Greyerz und ihrer Haushaltshilfe Frau Eichberger zur Vesper gegessen haben [vgl. Minna von Greyerz an Frank Wedekind, 8.5.1884]. vorfinden. Verspeise ihn zu meinem Wohlsein. Herr Gysivermutlich der Atelierfotograf Otto Gysi, der 1863 mit seinem Bruder, dem Fotografen, Feinmechaniker und Retuscheur Arnold Gysi, das Fotoatelier Fr. Gysi in Aarau vom Vater (Friedrich Gysi) übernommen hatte. ließ sich erkundigen, wie uns Deine PhotographieFriedrich Wilhelm Wedekind schickte seinem Sohn die Ausführungen der Fotografie nach Lausanne [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 11.5.1884], eine Beschreibung mit Zwicker liegt von Olga Plümacher vor [vgl. Olga Plümacher an Wedekind, 30.6.1884]; vermutlich handelt es sich um eine Variante des in der Wedekind-Biographie Kutschers abgebildeten Portraitfotos [vgl. Kutscher 1, S. 6]. gefalle worauf wir natürlich keine Antwort geben konnten. Ich wäre sehr neugierig etwas davon zu sehen.

Morgen soll Hr Pestalozzivermutlich Konrad Pestalozzi, der älteste Sohn des Vorbesitzers von Schloss Lenzburg und Mitglied der Erbengemeinschaft, die das Schloss 1872 für 90.000 Franken an Friedrich Wilhelm Wedekind verkauft hatte. kommen, den ich aber wahrscheinlich nicht das Vergnügen haben werden zu sehen, da ich | nothwendig nach Sirnach muß zu ZweifelsGemeint sein dürften die 3 Brüder Heinrich, Nicolaus und Peter Zweifel, die nach dem Ausscheiden des letzten Mitgründers (Jost Schiesser-Zweifel) die Weberei Sirnach in Sirnach unter dem Namen „Gebr. Zweifel“ in alleiniger Verantwortung übernahmen. In der Bekanntmachung heißt es: „Die Gebrüder Nicolaus, Heinrich und Peter Zweifel von und wohnhaft in Sirnach haben unter der Firma Gebr. Zweifel in Sirnach eine Kollektivgesellschaft eingegangen, welche mit der Eintragung in das Handelsregister ihren Anfang nimmt.“ [Schweizerisches Handelsamtsblatt Jg. 2, Nr. 80, 5.10.1884, S. 698]..

Schicke Deine Wäsche nicht mit Willy’s in einem Koffer, da Uebergewicht doppelt kostet. Pake sie in Deinen Korb Di und Willy die seinige auch in den seinen somit kostet jedes Paquet blos 48. cs.

Ich ersuche Dich mit Minna unter allen Umständen sogleich die Photographieein Foto von Fanny Amsler-Laué, einer Cousine von Wedekinds ehemaligem Schulfreund Walther Laué, die 1882 den Arzt Gerold Amsler geheiratet hatte. Wie Minna von Greyerz trat auch sie in den 1880er Jahren bei Konzerten des Musikvereins Lenzburg als Solistin für Gesang und Klavier auf [vgl. Emil Braun: Geschichte des Orchesters des Musikvereins Lenzburg. Festschrift zur Feier des Hundertjährigen Bestehen 1832-1932. Lenzburg 1932, S. 76]. von Fr. Dr. A. retour zu senden, es ist grenzenlos taktlos sie Dir gegeben zu haben. Wir sind alleVon der Kernfamilie lebten seit Anfang Mai 1884 auf Schloss Lenzburg noch die Eltern Friedrich Wilhelm und Emilie Wedekind und die drei jüngeren Geschwister, Erika, Donald und Emilie (Mati). wohl was auch von Dir hofft Deine
treue Mutter.

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Lausanne, 11. Mai 1884 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

Lausanne 11.V 84.


Liebe Mamma

Meine besten Glückwünsche zu deinem GeburtstagEmilie Wedekinds 44. Geburtstag war am 8.5.1884 gewesen.. Sie kommen leider um drei Tage zu spät, aber Glückwunsch ist Glückwunsch und wenn er von Herzen kommt so wird er auch zu Herzen gehen, komme er dann wann er wolle. ––– | Freilich wirst du am 8. Mai etwas enttäuscht gewesen sein, daß Du nichts von deinem ferne weilendenAm 1.5.1884 hatte Frank Wedekind Lenzburg verlassen, um ein Semester moderne Sprachen und Literatur an der Académie de Lausanne zu studieren [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 2.5.1884]. filius (lat.) Sohn.zu hören bekamst; und deswegen bitte ich Dich vielmal um Verzeihung; aber weil ich zu viel an dich dachteFrank Wedekind schrieb der Mutter an ihrem Geburtstag ein Gedicht [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 8.5.1884]. kam ich nicht zum Schreiben und habe so den richtigen Augenblick verfehlt. –– Ich mache nicht gern viel Worte über eine Sache die sich erstens von selbst versteht und sich zweitens mit Worten doch nicht ganz erschöpfen ließe, und nehme | deshalb Umganghier für: Abstand. davon meine Glückwünsche weiter zu auszuführen und näher zu kommentiren. ––– Wie geht es e/E/uch denn in Lenzburg? – MiezeKosename von Frank Wedekinds jüngerer Schwester Erika. könnte mir wol mal ein Briefchen schreiben in ihrem netten Stübchen. Sie hat dortErika Wedekind besuchte seit April 1884 das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar in Aarau. Sie ist für das Schuljahr 1884/85 in der I. Klasse verzeichnet: „Frida Wedekind, San Francisco (Kalifornien)“ [Zwölfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1884/85, S. 4]. ganz die Umgebung dazu. Hat sie denn auch Lisa JahnWo Lisa Jahn, die älteste Tochter der Lenzburger Apothekerwitwe Bertha Jahn sich im Frühjahr 1884 aufhielt, ist nicht ermittelt, am 13.7.1884 kehrte sie nach Lenzburg zurück [vgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind 16.7.1884]; Mutter und Tochter waren mit Frank Wedekind befreundet [vgl. die Korrespondenzen]. schon geantwortet? Das interessirt mich sehr, weil ich doch einen größeren Brief von ihr angekündigt habe. WillyFrank Wedekinds Bruder William, mit dem er in Lausanne bei dem Tierarzt Emile Gros wohnte [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 2.5.1884], machte in Lausanne eine Handelslehre bei dem Kaufmann Emile Ruffieux. läßt dich vielmal grüßen und bittet dich, ihm doch etwas TheSchreibweise Wedekinds für: Tee (auch: Thee). zu | senden, damit wir, wenn wir abends aus der Kirche kommen uns noch etwas bereiten können und dazu ein Stündchen plaudern oder Schach spielen. Gesternam 10.5.1884. a/A/bend waren wir beim herrlichsten Mondschein auf dem See. Der Ostwind ging stark und trieb hohe Wellen, die unser Boot wacker umhertrieben. Heute morgen vor dem Frühstück wanderte ich durch lauter blühende Gärten voll schattiger Bäume wieder zum Strand hinunter, setzte | mich dort auf einen einsamen Stein und weihte dem großen Geiste der herrlichen Natur rings um mich her eine Friedenspfeife. Dicht neben mir am Ufer erhoben sich mit, übdecktSchreibversehen, statt: überdeckt. von einer hohen Esch Traueresche, die Trümmer eines alten rundes/n/ Thurmes, den ich dir einmal in effigie(lat.) als Bild. mit sammt der schönen Seelandschaft senden werde, sobald ich Zeit gefunden ihn abzukonterfeienabzumalen.. Mit dem Französischsprechen | will es noch nicht recht gehn, doch hoffe ich von der Zeit das Beste, besonders da meine Philisterinstudentensprachlich für Vermieterin; dies war Hortense Gros (geb. Major), Ehefrau des Tierarztes Emile Gros. eine sehr gesprächige Dame ist und zuweilen noch eine gesprächigere alte Tantenicht ermittelt. zu Besuch kommt, die Willi/y/ und mich schon für den Sängerchor der Mission intérieurSchreibversehen, statt: Mission intérieure, (frz.) Innere Mission; „christliche, namentlich evangelische Vereinsthätigkeit, die neben der Linderung der äußern Not zugleich die Befestigung oder Wiedererweckung des christlichen und kirchlichen Sinnes in den gefährdeten oder bereits entfremdeten Gliedern der Gemeinde erstrebt.“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. Bd. 8. Leipzig 1887, S. 961] keilen wollte. Das religiöse Treiben ist überhaupt sehr entwickelt hier in Lausanne. Hätte ich früher je gedacht, das malSchreibversehen, statt: daß mal. eine Zeit kommen würde wo ich nicht nur alle Sonntag, sogar alle | Abende in die Kirche wandere. Letzten Mittwocham 7.5.1884. sahen wir auch Lina WaltyLina Walty aus Gravellona Italien zog 1878 als Kind mit Eltern und Bruder, dem späteren Kunstmaler Hans E. Walty, nach Lenzburg. William Wedekind war mit Hans Walty, mit dem er die Bezirksschule Lenzburg besucht hatte, befreundet und mindestens seit Januar 1881 mit Lina Walty ein Paar [vgl. Lina Walty an William Wedekind, Gravellona, 23.1.1881, in: Mü, L 3476, Nr. 18, Abschrift Frank Wedekind; Friedrich Wilhelm Wedekind an Armin Wedekind, 21.-28.11.1883, in: Familienarchiv Wedekind, Leichlingen, FW L 49, EFFW (Kopie)]. und Frl Frida ZschokkeFrieda Zschokke, die Schwester von Wedekinds Aarauer Schulfreund Ernst Heinrich Zschokke, die bis Januar 1884 das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar in Aarau besucht hatte [vgl. Elfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1883/84, S. 5] und nun das Mädchenpensionat bei Madam Duplan (geborene Gaudard) in Lausanne. von Aarau in einer solchen Versammlung, fanden aber leider keine Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen. Papa schickte mirHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zur Sendung der Fotografien: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 3.5.1884. die ProbephotographienIn Artur Kutschers Wedekind-Biographie sind zwei Porträts aus dieser Zeit abgedruckt [vgl. Kutscher 1, nach S. 144 und nach S. 160], Olga Plümacher beschreibt eine dritte Variante [vgl. Olga Plümacher an Wedekind, 30.6.1884]., die Gysidas Fotoatelier Friedrich Gysi in Aarau, das 1863 nach dem Tod des Firmengründers von seinen Söhnen Otto und Arnold Gysi übernommen worden war. nach Lenzburg gesandSchreibversehen, statt: gesandt. hatte. Willy findet weder die eine noch die andere gut und ich habe gar kein Urtheil darin und überlasse es also ganz dir, jene oder diese bei Gysi bestellen zu lassen. |

Die zerissenenSchreibversehen, statt: zerrissenen. Schuhe, die ich dir hier beiliegend sende, finden vielleicht Gelegenheit, noch mit der WäscheDie Schmutzwäsche der beiden in Lausanne weilenden Brüder wurde auf Schloss Lenzburg gewaschen und gebügelt. Der Korb mit William Wedekinds Wäsche wurde am 2.5.1884 aus Lausanne abgesandt [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 2.5.1884] und am 8.5.1884 wieder zurückgeschickt [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 8.5.1884]. Frank Wedekind hat seine Wäsche demnach kurz nach seinem Bruder separat verschickt. zurückzukommen. Ebenso möchtest du Willy seine Stehkragen nicht vergessen, die er mit großer Vorliebe trägt. Bitte, schreib mir auch, wenn du etwas von Tante Plümacher weißt, der ich noch nicht geantwortetdie ausstehende Antwort auf Olga Plümachers Glückwunsch zur Matura [vgl. Olga Plümacher an Wedekind, 19.4.1884]. habe. Mit f/v/ielen herzlichen Grüßen an Dich und alle Anderen, auch an Minna e. ct. verbleibe ich Dein treuer Sohn
Franklin.

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Lausanne, 31. Mai 1884 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

[Hinweis im Brief von Minna von Greyerz an Frank Wedekind vom 2.6. bis 5.6.1884 aus Lenzburg:]


Deinen Brief las uns Tante im Hof vor als am Sonntag abendden 1.6.1884 (Pfingstsonntag). die Wäsche kam.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 6. Juni 1884 (Freitag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekind an Emilie Wedekinds Brief vom 26.6.1884 aus Lausanne:]


[...] Deine letzte Sendung [...] Es war ein herrlicher Morgen, als ich ganz unerwartet all’ die Briefevgl. unter anderem Minna von Greyerz an Wedekind, 2.-5.6.1884. und die verschiedenen Beilagen auskramte. Besonders Dein lieber Briefdas hier erschlossene Korrespondenzstück. hat mir viel Freude bereitet [...].

Einzelstellenkommentare

Lausanne, 26. Juni 1884 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

Lausanne. VI. 84.


Liebe Mama,

Die schreckliche NachrichtVon wem Wedekind benachrichtigt wurde, ist nicht ermittelt; sein Vater hatte die Nachricht von der schweren Erkrankung Hans Rauchensteins erstmals am 21.6.1884 über seine Tochter Erika erhalten [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank und William Wedekind, 1.7.1884]. von der Krankheit Hans RauchensteinsHans Rauchenstein, der jüngste Sohn des ehemaligen Professors an der Kantonsschule in Aarau Friedrich Rauchenstein, war Ende Mai plötzlich erkrankt und starb mit 25 Jahren am 27.6.1884. Wedekinds Vater berichtete seinen Söhnen Frank und William ausführlich darüber nach Lausanne [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank und William Wedekind, 1.7.1884]. traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und wie ganz anders mag es erst diejenigen getroffen haben, die mit Leib und Seele dab/r/an betheiligt sind. Ich konnt’ es zuerst kaum fassen, kaum verstehen, und all’ meine Phantasie reichte nicht aus, mich sofort mit der Sachlage beka vertraut zu machen. Wer hätte das auch diesen Frühling nur ahnen und erwarten können,/?/ Er, der Sonnenschein seiner ganzen FamilieArmin und Frank Wedekind waren während ihrer Schulzeit auf der Kantonsschule Aarau in den Schuljahren 1879/80 und 1880/81 in Pension bei dem Altphilologen Professor Friedrich Rauchenstein und dessen Familie (Halden 261)., aufs Beste veranlagt, in blühender Gesundheit und die schönste Zukunft soeben erstHans Rauchenstein war seit dem 30.4.1884 Lehrer für alte Sprachen und Geschichte an der Kantonsschule Aarau. vor seinen Blicken eröffnet – | doch wozu soll ich noch mehr sagen? Nützt es ja doch nichts. Man kann in solchem Falle nur staunen, bed/tr/auern und abwarten. Vergiß ja nicht, in deinem nächsten Briefe mir zu berichten, was du neues über ihn erfahren hast. Ich hoffe immer noch etwas Tröstlicheres zu vernehmen, als die letzte Schreckensnachricht war. –––. Nun muß ich dir für all’ das Schöne und Gute, für die viele Freude danken, die Deine letzte SendungDer Brief Emilie Wedekinds zu der Sendung ist nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 6.6.1884. zu uns bescheerte. Es war ein herrlicher Morgen, als ich ganz unerwartet all’ die Briefevermutlich Briefe der Geschwister Wedekinds sowie der genannte Brief Olga Plümachers an Emilie Wedekind, die nicht überliefert sind; erhalten ist der Brief Minna von Greyerz’ an Wedekind, 2.–5.6.1884. und die verschiedenen Beilagen auskramte. Besonders s dein lieber Brief hat mir viele Freude bereitet; wurde ich darin doch auf angenehmste Weise an alles erinnert, was mir in Lenzburg, lieb war, wofür ich mich interessire, und worüh/b/er ich ehedem viel zu plaudern pflegte! Der Caffe mundet uns ganz vorzüglich; er athmet süßen angenehmen Heimatsduft, und ich zweifele sehr | daran, ob ich in meinem künftigen Leben jemals wieder so vielg/b/edeutendes GetränkeSchreibversehen, statt: Getränk. genießen werde. Ist er doch nicht nur ein erfreulicher Gruß aus den heimischen Hallen, sondern erinnert mich auchOlga Plümacher versorgte die Familie ihrer Freundin Emilie Wedekind mit Kaffee aus Venezuela, wo ihr Ehemann Eugen Hermann Plümacher Kaffeehandel betrieb. über dies bei jedem Schluck an die geliebte philosophische TanteOlga Plümacher, die philosophiehistorische Arbeiten publizierte. in Stein und wenn ich während der Lectüre ihres Werkes dazu denDie doppelte Durchstreichung wurde durch Unterpunktung wieder aufgehoben. d dunkeln Mokkasaft schlürfe, dann müßte wirklich ein Wunder geschehen, sollt’ ich nicht vollständig von ihrem erhabenen pessimistischen Geiste beseelt und inspirirt werden. ––– Den Brief von Tante Plümacher, den du mit Recht ein kleines Juwel nanntest, hab’ ich mit großem Vergnügen gelesen. Doch erhielt ich seither nun schon ein größeres und auch ein ganz großes Juwel von ihr. Das größere Juwel ist ein langes Schreibenvgl. Olga Plümacher an Wedekind, 23.6.1884. über eine Rei Tour nach Arenabergdas Schloss Arenenberg am Ufer des Bodensees gegenüber der Insel Reichenau im Kanton Thurgau, ehemaliger Wohnsitz der holländischen Königin Hortense de Beauharnais und von Louis Napoleon, des späteren französischen Kaisers Napoleon III., worin sie mir die schöne Umgebung des Schlosses sehr poetisch und die Sääle im Inneren und einige Gemählde sehr geistvoll und fesselnd beschreibt. Dieses größere | Juwel begleitete das ganz große, nähmlich ihr neues Werkdie 1884 im Verlag Weiss in Heidelberg unter dem Verfassernamen O. Plümacher erschienene Abhandlung „Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart. Geschichtliches und Kritisches“., aufs Eleganteste, d. h. nur seines Inhaltes würdig, eingebunden. Meine Freude kannst du dir leicht vorstellen. Ich durchflog schnell das Inhaltsverzeichniß des Buches und ersah daraus, wie viel darin zu lernen, positiv Wissenschaftliches zu lernen sei. Ich habe bereits die ersten Abschnitte durchflogen und bin bis zum Christenthumdas zweite Kapitel in Olga Plümachers Buch „Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart“ mit der Überschrift „Der Pessimismus und das Christenthum“ (S. 48-72). gekommen. Es scheint mir ein sehr verdienstliches Werk zu sein, das in manchem Kopfe ein wenig durch seine logische Strenge aufräumen und manchen verworrenen Gedankengang discipliniren kann. Doch Du wirst es jetzt ja ohne Zweifel auch erhalten haben. Bitte, schreibe mir doch dein Urtheilvgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 13.8.1884. darüber, damit ich es vergleichen kann mit dem Eindruck, den das Buch auf mich macht, denn man ist in solchen Fällen doch nie ganz sicher, ob man auch wirklich vorurtheilsfrei an die Lectüre geht. –––

Mit großem Vergnügen vernahm ich, daß Du Frau JahnBertha Jahn, Mutter von vier Kindern, seit Herbst 1882 verwitwet, war Inhaberin der Lenzburger Löwenapotheke. Sie wurde zur vertrauten Kritikerin von Wedekinds literarischen Projekten, zu der er seit Herbst 1884 auch eine erotische Beziehung pflegte. meine Bilddas im Fotoatelier Gysi in Aarau angefertigte Foto Wedekinds [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 11.5.1884]. gesandt | hast. Bei meiner Abreise von Lenzburgam 1.5.1884. sagtest du ja auch, du wollest sie einmal besuchen. Wenn Du etwas neues über sie weißt, so, bitte, schreib es mir; es würde mich sehr interessiren. Es leben gewiß wenig Menschen, die sie gekannt und darauf hin nicht mehr oder weniger verehrt haben. Ein so lauteres, tiefes und doch so lebhaftes Gemüth ist gewiß nicht leicht wo anders zu finden Und eben diese Veranlagung ist es, die jeden fesseln muß, da sich jeder von ihr verstanden, tief und gründlich verstanden fühlt, ohne daß ihr Wesen dabei etwas s/S/chwankendes, Unstetes hätte. Es ist vielmehr das Allumfassende ihres Geistes, das, im Dienste ihrer großen Güte und Menschenliebe, so vielen Menschenkindern so unendlich viel Schönes und Gutes zu erweisen vermag. –––

Hier in Lausanne ist das Wetter gegenwärtig wunderschön und ich hoffe von ganzem Herzen, daß es bei euch so auch so sein werde, damit die Erbsen auch Früchte tragen, die jetzt so schön | blühen und zu denen ich die Stecken gesteckt habe. Besonders die Umgegend der Stadt, die Dörfer auf den Höhen und am Seeufer entlang bieten einen herrlichen Anblick und die schönsten Spaziergänge. Ich habe auch schon einige Male meinen Herrn Philisterstudentensprachlich für: Vermieter; der Tierarzt Emile Daniel Gros. auf seiner Landpraxis begleitet und ihm bei Operationen assistirt. Da geht es dann an einem schönen Mittag nach dem Essen die Landstraße hinaus, auf dem klaren See entlang, oder unter hohen Buchen und Tannen in die Berge hinauf bis ins nächste Dorf, wo irgend ein Pferd, ein Esel oder eine Kuh krank ist. Das Thier wird zum Stalle heraus geführt und wenn es sich nicht irgend wo am Beine beim Gehen verletzt hat, so leidet es gewöhnlich an Husten oder Emphisem„Emphysem (griech. Windgeschwulst, Luftgeschwulst), Ansammlung von atmosphärischer Luft oder andern Gasarten in den Geweben, vorzugsweise in dem Zellgewebe unter der äußern Haut“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. Bd. 5. Leipzig 1886, S. 606], daneben auch als Lungenemphysem als „abnorme Anfüllung der Lunge mit Luft“, die sich „auf das Bindegewebe der Lunge oder ihre Brustfellüberzugs [...] oder auf eine krankhafte Erweiterung der Lustbläschen selbst“ [Meyers Konversations-Lexikon. 4. Aufl. Bd. 10. Leipzig 1888, S. 1009] erstreckt.. Die Untersuchung seitens des Doctor bestialis(lat.) Tierarzt. geht dann exact so in gleicher Weise vor wie vom Doctor humanus(lat.) Arzt für Menschen; Humanmediziner. . Es wird der Puls gefühlt, der Athem behorcht, die Brust geklopft, die Hitze | des Fiebers gemessen, und dann, falls es nöthig ist, noch irgend eine Operation vorgenommen. Der Eigenthümer des Thieres führt e/E/inen sodann in seinen Keller hinunter und nachdem man dort zusammen ein Glas Wein getrunken, treten Herr Gros und ich den Heimweg wieder an. ––– Herrlich ist es jetzt, hier zu baden nur macht das Heraufsteigen vom Ufer halt doch wieder einige Mühe und annulirthebt auf. leicht die Erfrischung. Ich wäre dir deshalb sehr dankbar dafür, wenn du mir für solche Gelegenheiten den leinenen Rock, der in der Gespensterstube im Schranke hängt, mit der Wäsche senden wolltest. Oskar Schibler hat mir einen sehr lieben Briefvgl. Oskar Schibler an Wedekind, 20.6.1884. geschrieben. Er läßt sich bei dir noch vielmals für die Zusendung meiner Adresse bedanken. Minna lasse ich vielmals danken für ihren lieben großen Briefvgl. Minna von Greyerz an Wedekind 2.–5.6.1884.. Ich werde ihn heute Abend noch beantworten. Leider bleibt mir jetzt keine Zeit, denn ich muß zum Zeichnen gehen, sonst würd’ ich ihn der Wäsche beilegen. | Mati lasse ich herzlich danken für das schöne Hauseine Zeichnung von Wedekinds achtjähriger Schwester Emilie (Mati) [vgl. Emilie (Mati) Wedekind an Frank Wedekind, 6.6.1884], die der Sendung ebenso wie die gepressten Blumen beilag. Wedekind bedankte sich mit einem Briefgedicht dafür [vgl. Frank Wedekind an Emilie (Mati) Wedekind, 26.6.1884]. und die gepreßten Blümelein Ich will ihr auch ein Verslein dafür schreiben aber es hat Eile. Also leb denn W/w/ohl, liebe Mamma. Und sei mit all’ den Deinen herzlich gegrüßt von Deinem treuen
Franklin.


Sende die Wäsche doch unter unserer Adresse.

F. W.
p. a. Mr. E. Gros.
Mon Caprice
Lausanne.
–––

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 24. Juli 1884 (Donnerstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 26.7.1884 aus Lausanne:]


Dein Geburtstagskuchen hat ganz famos geschmeckt und ebenso der liebe Brief der ihn begleitete.


[2. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 6.8.1884 aus Lausanne:]


Am anderen Tageder 25.7.1884, einen Tag nach Wedekinds 20. Geburtstag. erhielt ich [...] den schönen Kuchen von Mamma, mit dem wir uns auf unserer Bude güt|lich thaten.

Einzelstellenkommentare

Lausanne, 26. Juli 1884 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

Lausanne 25/6/.VII.84.


Liebe Mamma

Dein Geburtstagskuchen hat ganz famos geschmeckt und ebenso der liebe Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 24.7.1884. der ihn begleitete. Den Brief hab’ ich sofort verschlungen, den Kuchen aber erst um Mittag in Willys Gesellschaft bei einer Tasse Kaffe, Gesternam 25.7.1884, der Tag an dem die Sendung der Mutter eintraf [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind]. Abend haben wir dann noch den letzten Rest zu Kaffe und einer Pfeife Tabak genossen. Es war recht gemüthlich. – Schon am Mittag wollt ich unsere Philisterinstudentensprachlich für Vermieterin; Hortense Gros. zu dazu einladen. Aber der Plan fand bei Willy wenig Anklang | Ich begreife nicht, was ihm die liebenswürdige Dame so plötzlich verleidet hat. Gestern abendSchreibversehen, statt: Abend. waren wir auf dem See, alle zusammen, Mdm. Gros, Dora Wagnernicht näher identifiziert., Fräulein Schnabelawovskynicht näher identifiziert. , Willy und ich. Da hat er sich denn wieder mit ihr versöhnt. Noch besser aber unterhielt er sich mit Fräulein Schnabelawovsky, die lange in Amerika war und ihm viel von Polen erzählte.

Es war ganz windstille und warm, aber trotdemSchreibversehen, statt: trotzdem. der Himmel bedeckt und die Wellen gingen recht hoch. Wir n/f/uhren auch recht ziemlich weit hinaus und Mdm Gros bekam ein wenig Angst. Dora Wagner sprach ihr Muth ein und Frl. Schnabelawovsky sagte, wenn es ihr zu stark schaukele, so könne sie nur | aussteigen. Aber Madame blieb doch drinnen und wir haben alle glücklich wieder ans Ufer gesetzt. Später führte uns Frl. Schnabelawovsky ins Hotel Beaurivage wo sie bekannt zu sein schien. Es wurde nähmlich nicht auf der Altanebalkonartiger Anbau ans Obergeschoss., sondern auf in dem hohen herrlichen VestibülFoyer, Hotelhalle. gespieltIm Hôtel Beau-Rivage in Ouchy, am Ufer des Genfer Sees, fanden abends regelmäßig Konzerte statt. wo N niemand Zutritt hat, der nicht im Hotel wohnt. Abends halb elf Uhr waren wir wieder zuhause und dann wurde noch der Topfkuchenrest verzehrt. Den Geburtstagskranz der in der That viel zu schön für uns mich war, hab’ ich Fanny AmslerWedekind hatte nach einem Foto, das Minna von Greyerz ihm zeitweilig überlassen hatte, eine Zeichnung von Fanny Amsler, der Frau des Arztes Gerold Amsler, angefertigt [vgl. Wedekind an Minna von Greyerz, 31.5.1884], die hier gemeint sein dürfte. umgehängt. Er steht ihr ganz vortrefflich und giebt ihr so etwas BachantischesSchreibversehen, statt: Bacchantisches; (lat.) Ausgelassenes, Trunkenes.. –– Die KinderEmile und Hortense Gros, bei denen Frank und William Wedekind in Lausanne wohnten (Villa Mon Caprice, Chemin de Montchoisy), hatten vier Kinder. sind schon seit 8 Tagen mit der Bonne(frz.) Kindermädchen; nicht näher identifiziert. bei deren Eltern in den Bergen. Auch Mdm geht heute Abend fort und zwar nach | Bière zu ihrer Nichte Mdm. Sonvairannicht näher identifiziert.. Die alte Tantenicht identifiziert; Wedekind hatte sie bereits früher schon getroffen [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 11.5.1884]. ist auch schon dort und Dora W. wird Mdm begleiten. Sie haben uns dringend eingeladen, sie doch einen Tag dort zu besuchen. Das könnte auch ganz amüsant werden. Besonders die alte Tante möcht ich mal wieder sehn.

Vor vierzehn Tagenam 13.7.1884. waren wir in Yverdon. Sonnabend Abendden 12.7.1884. um 6 Uhr marschierten wir hier ab und kamen gegen 9 Uhr nach Echallondie Ortschaft Echallens, 16 Kilometer nördlich von Lausanne. wo ein großes Fest war. Doch hielten wir uns dort nicht auf. und setzten unseren Weg bis nach VoueranDie Ortschaft Vuarrens, 21 Kilometer nördlich von Lausanne. fort. Es war halb zehn Uhr und stockfinstere Nacht als wir dort ankamen. In der Dorfkneipe trafen wir einen bekannten Bauernnicht identifiziert., der uns einlud, am andern Morgen bei ihm zu | frühstücken. Unser Schlafgemach, war das einzige Zi Gastzimmer im ganzen Wirtshas/u/s, aber sah r/s/ehr R/r/einlich und nett aus. Wir hatten zwei gute Betten, n v aber Willi seins war etwas zu breit und meins zu kurz. Das machte übrigens nichtSchreibversehen, statt: übrigens nichts., denn das da es eine eiserne St/B/ettstelle hatte, , so konnte man die Füße bequem unten herausstrecken. Man hatte uns ein großes Stück Brod als Bettmümpfeli(schweiz.) Betthupferl. heraufgebracht, dazu Waschgeschirr und in einem Winkel des Zimmers fand sich sogar ein recht geräumiger goldiger Pot de Chambre(frz.) Nachttopf (wörtlich: Zimmertopf).. –– Am anderen Morgen standen wir beide früh auf und hatten beide gut geschlafen. Das Frühstück bei dem Bauersmann | war eine wahre Labsal. Er selber lag noch im Bett in der Wohnstube, aber Madame empfieng und/s/ in der Küche und bewirthete uns am großen Eßtisch mit einigen Tassen kräftigen Kaffes, mit Brod und guten Käse und mit großen Stücken Stachelbeerwähe(schweiz.) flacher Blechkuchen aus Mürbeteig, hier belegt mit Stachelbeeren.. Es war das ein Segen für den ganzen Tag. Beim Abschied erschien auch Monsieur in Hemd und Sonntagshose und drückte uns kräftig die Hand. Wir dankten aufs w/W/ärmste und dann gings weiter gen Yverdon. Der Morgen war prachtvoll und die herrliche Gegend, die wir gemüthlich rauchend mit strammen Schritt durchwanderten, suchte/w/eit und breit ihres Gleichen. Wir kamen über ein hohe Brücke. Darunter ein Waldbach sich in/vo/n einer Felsenstufe zur andern stürzte und klare mit weichem | Sande ausgelegte Bassins bildete. Hier warfen wir schnell Rock Hose und Hemd herund/t/er und hielten kühlende Rast in den schimmernden Fluthen. Als wir wieder MarschfertigSchreibversehen, statt: marschfertig. waren, wurden die Pfeifen von neuem belebt und nun hatten wir noch 2 Stunden zu marschieren bis zum Ziel. Die Hitze war afrikanisch. Fast wollten uns die Kräfte versagen, al denn auch die Füße waren schon stark angegriffen, als wir plötzlich von hohem Bergrücken herab im Thal unten den blauen Spiegel des Neuenburger Set/e/s erblickten – Ω τάλαττα! ω τάλαττα!!Schreibversehen, statt: Ω θαλαττα! ω θαλαττα!! (Griech.) Oh das Meer! oh das Meer!! Literarischer Topos für die Erreichung des rettenden Ziels nach großer Anstrengung (nach Xenophon: „Anabasis“ 4,7,24). –– Vor Yverdon stärkten wir unsere Le erschlafften Lebensgeister noch bei kurzer Siesta und dann zogen wir unter Glockengeläute ein in die w/b/reiten Straßen der alten Burgunderstadt. –– | VerdansDer Kaufmann und Nudelfabrikant Auguste Verdan und seine Frau Louise in Yverdon waren die ersten Station in William Wedekinds kaufmännischer Ausbildung gewesen, die er Anfang 1882 begann; im November 1883 wechselte er zu Emile Ruffieux nach Lausanne [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 19]. hatten keine Ahnung von unserer Absicht, aber der Empfang, als wir ankamen, war doch die Herzlichkeit selber. Herr Verdan sorgte sofort für die nöthigen Erfrischungen und zeigte uns dann die Neuerungen in/auf/ seinem Gute. Nach dem Mittagessen streckten wir uns alle drei, Herr Verdan, Willy und ich, nebeneinander unter einem Baum an der Orb ins Gras nieder und hielten ein Mittagsschläfchen. Am Nachmittag wollte uns Mdm absolut auf dem See spazieren fahren, aber erstens ließ sich das Boot nicht finden und zweitens bekam Monsieur auf dem Wege Bauchgrimmen, sodaß wir unverrichteter Sache heimkehrten. Abens/d/ 8 Uhr wurde angespannt und man führte uns im Wagen bis nach ChavornayOrtschaft 10 Kilometer südlich von Yverdon., wo wir den | Zug nach Lausanne nahmen. –– Die nächste Woche sind wir also mit Monsieur und Rosanicht näher identifiziert, eine Hausangestellte bei Familie Gros. ganz allein zu Hause. Übrigens hat Willy im Sinne mit Fräulein Schnabelawovsky noch einmal nach Beau-RivagSchreibversehen, statt: Beau-Rivage, (frz.) schöne Küste; das Hotel am Ufer des Genfer Sees (s. o.). und auf den See zu gehn. Sie ist aber auch eine sehr intelligente und hübsche Dame. Schade daß sie schon 30 Jahre hinter sich hat. Morgen Nachmittag fahren wir wahrscheinlich mit Mr. Gros nach EvianÉvian-les-Bains, französische Ortschaft auf der Lausanne gegenüberliegenden Seite des Genfer Sees, der für seine Mineralwasserquellen bekannt ist.. –– Mieze laß ich bestens für ihren freundlichen Briefvgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 16.7.1884. danken. Ich würde ihr sicher schon geantwortet haben, wenn ich Zeit dazu gefunden hätte. –– Papa werde ich bei nächstemfür: demnächst. einen längeren Briefvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 6.8.1884. schreiben. Vorderhand meinen wärmsten Dank für den herzlichen Glückwunsch und das schöne Geschenk. An Dich, liebe Mamma die | besten Grüße und viele Küsse von deinem treuen dankbaren
Franklin.


Ich lasse Dodafamilieninterner Kosename für Wedekinds jüngsten Bruder Donald; der Kontext ist unklar. danken.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 13. August 1884 (Mittwoch)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis und Zitat in Kutscher 1, S. 27:]


1884 schrieb sie einmal: „Meine Lektüre bietet mir leider keinen Stoff zur Korrespondenz, sie ist so unbedeutend oder eigentlich ist sie gar nicht mehr. Das wirst du begreifen, wenn ich dir sage, daß ich den ganzen Tag im Garten arbeite und dann abends früh zu Bett gehe, wo ich sofort in die Arme des Morpheusin der griechischen Mythologie der Gott der Träume. sinke. Mein Garten ist meine Lust, er ist mein alljährlicher Kurort, meine Sommerfrische, mein Sorgenbrecher und mein buonretiroBuen retiro (span.) Zufluchtsort..“


[2. Hinweis und Zitat in Kutscher 1, S. 28:]


Dazu kam endlich noch die große Gastfreundschaft des Schlosses, die [...] der Hausfrau zur Last fiel. Frau Wedekind meinte [...]: „Es ist dies eine leidige Sache, die ihre argen Schattenseiten hat, aber doch nicht vermieden werden kann, besonders wenn man so wohnt wie wir, wo man die Freunde nur dann zu sehen kriegt, wenn sie extra herreisen.“


[3. Hinweis und Zitat in Kutscher 1, S. 48:]


Die Mutter schreibt ihm im August 84: „Ganz besonders gefiel mir das Kapitel über den EgoismusEs dürfte sich um den Abschnitt „2. Die Begründung der Sittlichkeit“ im 7. Kapitel: „Die Bekämpfung des Pessimismus vom Standpunct des ethischen Optimismus“ in Olga Plümachers Abhandlung „Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart“ (1884) handeln (S. 241-252). Der für Wedekind signifikante Egoismus-Diskurs [vgl. KSA 2, S. 820, 839f.] durchzog schon die gesamte Korrespondenz mit Adolf Vögtlin und war offenbar auch familienintern wiederkehrendes Thema.. Hast Du es genau durchgelesen? Wir sprachen so oft über diesen Gegenstand, und ich konnte dir niemals die Stange halten. Olga gibt mir nun mit diesem Buch ein mächtiges Hilfsmittel, und wenn du heim kommst, so werd ich dich schwarz auf weiß widerlegen. Also rüste dich.“

Einzelstellenkommentare

München, 6. November 1884 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 12.11.1884 aus München:]


[...] verzeih mir meine unartige Karte.

Einzelstellenkommentare

München, 12. November 1884 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

München, 12. November 1884.


Liebe Mama,

Bitte, verzeih mir meine unartige Kartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 6.11.1884., die ich eben nur darum schrieb, weil Armin die Adresse vergessenZu der nicht überlieferten Karte von Armin Wedekind nach Lenzburg vgl. Erika Wedekind an Armin und Frank Wedekind, 9.11.1884; die Karte dürfte spätestens am 3.11.1884 verschickt worden sein. hatte. Sonst würd’ ich wol gewartet haben, bis ich ruhig gewesen wäre, und einen vernünftigen Brief hätte nach Hause schreiben können. Damals aber stand ich noch unter dem lebhaften Eindruck des v/V/orgefallenen und sch jetzt will es mir scheinen, daß es b eigentlich doch besser ist, daß der Eindruck lebhaft war, als wenn ich den herben Bissen so ohne Mundverziehen hätte hinunterschlucken können. Es sind das Dinge, über die man nicht laut schimpfen und fluchen kann, die | man in sich sein Inneres verschließt, dort hegt und pflegt und mit denen man vergebens ab/sich/ abzufinden sucht, wenn e/E/inem acht Tage lang solch’ süße Worte ohn Unterlaß in den Ohren klingen. Mein guter Engel hat mich davor bewahrt, daß ich meinen anfänglichen Vorsatz nicht ausführte, und nicht sofort nach unserer AnkunftDer Vorlesungsbeginn in München war im Wintersemester 1884/85 am 3.11.1884 [vgl. Verzeichnis der Vorlesungen an der Königlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu München im Winter-Semester 1884/85, S. 2], so dass die beiden Brüder kurz zuvor in München angekommen sein dürften, vermutlich am 29. oder 30.10.1884 [vgl. Wedekind an Bertha Jahn, 6.11.1884]. von hier einen Brief an PapaFrank Wedekind schrieb – auch im Namen seines Bruders Armin – erst im Februar 1885 das nächste Mal an seinen Vater und kam noch einmal auf die Ereignisse bei der Abreise zu sprechen [vgl. Frank und Armin Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 19.2.1885]. schrieb, um mich bei ihm speciell für den kräftigen väterlichen Abschiedssegen zu bedanken. –– Jetzt bin ich ruhiger, objectiver geworden. Schmerz und Erstaunen, Gift und Galle sind mühsam verkaut und verdaut, und wenn auch die Umstände damals zu bedeutend, die Ausdrücke selber zu gewählt und beseelt waren, als daß ich die drückende Erinnerung in mir/daran/ jemals in mir werde tilgen können, so will ich die Sache doch zu verstehen, zu begreifen suchen. Aber | was mich dieses Verständniß, diese Begriffe kosten, wieviel u/U/nersetzliches ich dadurch auf immer verlieren muß, das kann ich allein ermessen und fühlen. ––

Verzeih mir noch einmal, daß ich jetzt wieder auf diesen Vorfall zu sprechen kam; aber ich konnte unmöglich ein solches Viaticum(lat.) Reisegeld. so blank und baar auf den gefahrvollen Weg ins Leben mitnehmen. Es ist dies das erste Mal, daß ich mit einer Menschenseele darüber rede und es geschah doch gewiß in maßvoller Weise im v/V/erhältniß zu dem, was man einen V. fl.wohl Abkürzung für Vaterfluch. nennt. Indem ich Dir mein Herz ausschüttete, glaubte ich dem entsetzlichen OmenVorzeichen eines künftigen Ereignisses; bezieht sich vermutlich auf Äußerungen des Vaters, der offenbar besorgniserregende Anzeichen zu erkennen glaubte. die Spitze abbrechen zu können. Ist das Aberglauben? – Ich weiß nicht, ob du mir nachempfinden kannst.

Armin hat sehr wenig Zeit und beauftragte mich deshalb, Miezels lieben Briefvgl. Erika (Mieze) Wedekind an Frank und Armin Wedekind, 9.11.1884. zu beantworten. Er sitzt den ganzen Tag Morgen und Nachmittag im Colleg und | muß außerdem einen ziemlich weiten WegDie Entfernung von der Wohnung der Brüder (Türkenstraße 30, 1. Stock) [vgl. Amtliches Verzeichnis des Personals der Lehrer, Beamten und Studierenden an der königlich bayerischen Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Winter-Semester 1884/85. München 1885, S. 78] in der Maxvorstadt bis zum Universitätsspital, dem Klinikum links der Isar (Krankenhausstraße 1), betrug drei Kilometer. von unserer Wohnung nach dem Spital machen. Aber die große Freundlichkeit unserer Wirthindie Frau des herzöglichen Lakaien Leonhard Bühringer (Türkenstraße 30, 1. Stock) [vgl. Adreßbuch von München 1885, Teil I, S. 69; Teil II, S. 501]. (ihr Mann ist herzoglicher Lakai und meistentheils unsichtbar) macht diesen Nachtheil des Logis wieder vollständig gut. Auch ich habe 5 ganze Morgen und 4 Nachmittage CollegWedekind „hatte drei Vorlesungen belegt: Deutsche Rechtsgeschichte bei v. Sicherer, Institutionen bei Hellmann und römische Rechtsgeschichte bei Löwenfeld“ [Kutscher 1, S. 114]. Gemäß dem Vorlesungsverzeichnis besuchte er demnach „Deutsche Rechtsgeschichte, wöchentlich fünfmal von 10–11 Uhr [...] Institutionen des römischen Privatrechts, fünfmal wöchentlich (excl. Samstag) von 8–9 Uhr [...] römische Rechtsgeschichte, viermal wöchentlich, Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 2–3 Uhr“ [Verzeichnis der Vorlesungen an der königlichen Ludwig-Maximilians-Universität zu München im Winter-Semester 1884/85. München 1884, S. 4f.].; außerdem schinde ich noch einige interessante Cursenicht ermittelt; Wedekind besuchte neben seinen juristischen Veranstaltungen auch kulturhistorische, literatur- und kunstgeschichtliche Vorlesungen., so daß meine Zeit so ziemlich ausgefüllt ist. Die Jurisprudenz gefällt mir einstweilen nicht übel, obs und wenn ich auch gerade keine stürmische Begeisterung zu diesem Studium empfinden kann, so glaub’ ich, daß die stille Sympathie und der Mangel an Antipathie dafür desto länger anhalten. Zu Mittag essen wir in einem Restaurant, in dem sich außer uns Walter Oschwald und einige andere Studenten zu einem gemüthlichen Cirkel zusammengefunden haben. Das Abendessen nehmen wir auf seit geraumer Zeit auf der Bude ein | und zwar abwechselnd bei uns und bei Walter Oschwald, wozu jeder das s/S/einige mitbringt und Thee gekocht wird, eine Einrichtung, die zwischen der Kneipe und dem stillen Familienleben eine angenehme Mitte hält, und den besonderen Vortheil besitzt, daß sie von der Abgeschiedenheit eines Anachoreten(griech.) eines zurückgezogen Lebenden; eines Einsiedlers. gleich weit entfernt liegt wie von dem wilden Treiben der Bierstube. Zum Dessert wird ein Stück aus Göthes Wilhelm Meister vorgelesen und Tabak dazu geraucht, ein Laster, dem sich Walter Oschwald bekanntlich schon längst ergeben hat, und dem Armin nun auch beginnt anheim zu fallen, indem er sich eine wunderschöne Pfeife kaufen will, anstatt dieselbe, wie er ursprünglich vorhatte, mir zum Weihnachten zu verehren.

München ist eine imposante Stadt, die viel Interessantes, viel s/S/ehenswürdiges bietet; aber wir genießen langsam | und mit Bedacht. Denn die eingehende Gründlichkeit ist es, die dem/n/ tiefen unauslöschlichen Eindruck der Seelen zurückläßt nicht die Wucht der sich hastig an unseren Augen vorbeidrängenden Massen. Außer den öffentlichen Denkmählern, den Kirchen, Palästen, Säulen, Obelisken und Statuen den unzähligen Statuen großer Männer, die hier in München ungefähr das Nämliche sind, was im Canton Aargau die Wegweiser, hab’ ich mir noch nichts genauer betrachtet als die Schacksche GallerieDie Gemäldesammlung des Grafen Adolf Friedrich von Schack befand sich in seinem Palais an der Brienner Straße 19 und war seit 1865 öffentlich zugänglich [vgl. https://www.pinakothek.de/de/sammlung-schack]. und die Gemähldesammlung im MaximilianeumDie von Maximilian II. 1852 initiierte Gemäldesammlung zeigte im Maximilianeum bei freiem Eintritt 30 große Ölbilder, „wichtige Ereignisse der Weltgeschichte darstellend und in hohem Grade sehenswert, [sie] befindet sich in 3 Sälen des Mittelbaus, zu welchen man durch ein schönes Treppenhaus gelangt.“ [Kellers München und seine Ausflüge sowie Führer durch die Königsschlösser. 7. Aufl. München 1896, S. 74] Zu den von Wedekind genannten Gemälden hieß es: „Mittel-Saal: *1. Sündenfall von A. Cabanel (eines der bedeutendsten Bilder der modernen Malerei). [...] Südlicher Saal: *3. Erbauung der Pyramiden von G. Richter. [...] *5. Seeschlacht bei Salamis von Wilhelm Kaulbach.“ [Ebd.]. Ersterer that ich ja schon in ein/dem/ Briefe an Tante Jahnvgl. Wedekind an Bertha Jahn, 6.11.1884. Erwähnung, aber sich an den unbeschreiblichen Schönheiten im Maximilianeum zu versündigen, darf ich meiner Feder kaum zumuthen. Da sind alles große Meisterwerke der größten Meister in deren manchem/s/ man sich der Blick auf eine Art versenkt, daß man gern auf alles | anderen verzichten möchte. No 1. – Den Maler hab’ ich vergessen: Adam und Eva nach dem SündenfallDas Originalgemälde „Le paradis perdu“ (1867) von Alexandre Cabanel wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, erhalten haben sich kleinformatigere Kopien und Varianten sowie Skizzen. in Lebensgröße. Der Satan schlägt sich seitwärts in die Büsche. Adam, ein schöner dunkler Jüngling von strammem Körperbau kauert unter dem Baum der Erkenntniß. Auf seinem düstern Antlitz spielen in wilder Verwirrung alle Züge, die ein böses Gewissen und eine fluchbeladene Seele charakterisiren können. Aber in weicherem, tieferem Schmerze weint zu seinen Füßen sein bezauberndes Weib, und die Entrüstung des Beschauers wendet sich ab von dem unglücklichen, schuldlosen Sünderpaare auf den, der von drei Engeln getragen aus hohen Lüften herabfährt, untilgbaren, stillen Zorn im erhabenen Angesicht, und dessen gezücktes Flammenschwert wie ein Blitzstrahl durch die schwarzen Wolken des Horizontes herabfährt bricht. Das Ganze machte auf mich einen gewaltigen Eindruck, und deshalb erfuhr ich später mit großer Genugthuung, daß das Bild vorzüg|lich gemalt sei, wohl das Beste der ganzen Gallerie. Die Figuren sind plastisch, die Effekte allmählig gesteigert und die ganze Stimmung einheitlich. Es stammt von einem französischen Meister. –– Kaum mit einem Blick zu übersehen aber von blendender Wirkung ist das kolossale Bild: Die Seeschlacht bei SalamisDas Monumentalgemälde „Die Schlacht bei Salamis“ (um 1858) von Wilhelm von Kaulbach hängt im Senatssaal des Maximilianeums. Von dem Gemälde gibt es mehreren Fassungen in unterschiedlichen Formaten unter anderem in der Neuen Pinakothek in München und in der Staatsgalerie Stuttgart. von Kaulbach. Die Composition ist nicht ein heitlich, sondern theilt sich in 4 verschiedene Gruppen und macht auch dadurch das Überblicken schwer. Auch die Farben sollen nicht besonders sein, aber darüber wag’ ich nicht zu urtheilen. Die Zeichnung der einzelnen lebensgroßen Figuren ist jedenfalls wundervoll, sonst könnte das Bild wol schwerlich solch’ reinen, gewaltigen Effect hervorbringen. Kaulbach soll sie alle ohne Modelle, ganz aus eigener Phantasie auf die Leinewand geworfen haben. –– Am besten aber gefiel mir, von wem, weiß ich nicht, der Pyramidenbaudas Gemälde „Erbauung der Pyramiden“ (1872) von Gustav Richter, im Zweiten Weltkrieg zerstört., ein hohes Gemälde von ächt orientali|scher lebhafter Farbenpracht. Im Hintergrund erhebt sich die Pyramide unter der mannigfaltigen Arbeit unzähliger Menschen im grellsten Sonnenlicht. Im Mittelgrund steht unter schattigem Baldachin eine ägyptische Königstochter von junonischer Gestaltvon erhabener Schönheit (wie die römische Göttin Juno). und majestätisch schönen Zügen. Im Vordergrund liegt im s/t/iefsten Schatten der Eingang zum unterirdischen Gewölbe, nur er/d/ürftig erleuchtet durch eine düstere Pechfackel. Dies Bild mit seinem vollen Leben hat mir am besten gefallen. ––

Heute morgen hat es hier zum ersten Male gefroren, und der herrliche Schlafrock thut mir jetzt schon die besten Dienste. Aber jetzt kann ich nicht mehr weiter schreiben, denn der Malernicht identifiziert., der im Nebenzimmer wohnt, singt eben seinen Abendsegen, eine Arie aus dem Bettelstudent„Der Bettelstudent“ (1882), Operette von Carl Millöcker. oder so was. Nächsten Sonntag werden wir ihm unsere Aufwartung machen. Sei also herzlich gegrüßt und geküßt von | Deinen beiden treuen Söhnen, die auch alle ü/Ü/brigen tausendmal grüßen lassen. Mieze soll nur weiter fortfahren uns so freundlich zu schreiben. Nur mag sie das nächste m/M/al in dem Worte a propos nicht wieder zwei Buchstaben auslassenErika Wedekind hatte „Apopo“ [Erika Wedekind an Armin und Frank Wedekind, 9.11.1884] geschrieben. .

Dein Franklin.

Einzelstellenkommentare

München, 18. Dezember 1884 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Friedrich Wilhelm, Wedekind, William, Wedekind, Emilie (Mati), Wedekind, Donald (Doda), Wedekind, Erika (Mieze), Wedekind, Emilie

München, im December 1884.


Ihr Lieben,

ich wünsche e/E/uch allenDer Brief wendete sich an die Eltern und die zu Weihnachten auf Schloss Lenzburg versammelten Geschwister. eine recht fröhliche Weihnachtszeit und für die Zukunft alles Gute, das der Himmel beschehrenSchreibversehen, statt: bescheren. kann. Von den Herrlichkeiten Münchens wüßt’ ich Euch viel zu erzählen und wills auch thun in einem längeren Briefe so bald die FerienDie Weihnachtsferien der Ludwig-Maximilians-Universität dürften am Montag, den 22.12.1884 begonnen haben und dauerten bis zum 4.1.1885. begonnen haben. Beiliegend einstweilen einige Beispielewohl beigelegte Ansichtskarten oder Fotografien.. Doda möge seinen Schiller brav durchstudiren und zwar mit Maria Stuart anfangen und | Fiesko und die Räuber erst nach dem Wallenstein lesen.

Es ist dies das erste Mal, das ichSchreibversehen, statt: daß ich. Weihnachten in der Fremde zubringen und bin sehr darauf gespannt, wie mir das vorkommen wird. Hoffentlich denkt i/I/hr am Heiligen Abend an unsFrank und Armin Wedekind, die sich ein Zimmer in München (Türkenstraße 30, 1. Stock) teilten.; so wird uns der Verlust und das Heimweh leichter zu ertragen sein. Ich weiß noch nicht recht, ob wir hier in München auch einen Weihnachtsbaum bekommen, aber viel Rares wird wol schwerlich daran hängen und auch die Fröhlichkeit dabei wird nicht den heimischen Familien-Charakter tragen. Aber wenn mir dieses Jahr die Gunst versagt ist, Weihnachten in Euerm lieben Kreise zu feiern, | so weiß ich umso mehr das Glück zu schätzen, einen so herben Verlust schmerzlich empfinden zu können in der schönen Erinnerung an andere Jahre und in der Hoffnung Euch, meine Lieben froh und gesund einst wiederzufinden. –– Mit tausend herzlichen Grüßen an Euch alle zusammen und an den strahlenden Weihnachtsbaum verbleib’ ich in unvergänglicher Treue Euer Franklin.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 23. Dezember 1884 (Dienstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank, Wedekind, Armin (Hami)

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 31.12.1884 aus München:]


[...] besten Dank für die zwanzig Mark. [...] Das beste Weihnachtsgeschenk war aber doch die Geschichte mit d dem Rector Keller und dem | Schluffinicht identifiziert.. Das freute uns beide unbändig und Walter O. ebenfalls, dem es Armin vorlas.

Einzelstellenkommentare

München, 31. Dezember 1884 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

München, December 84.


Liebe Mama,

Prost Neujahr! – Viel Glück und Segen und alles Gute des Himmels und der Erde, der Liebe und des Lebens, seelischen und leiblichen Wohles!! Die besten Glückwünsche unseren lieben Geschwistern; sie mögen groß und stark werden, innen und außen, und ihre fernen BrüderFrank und Armin Wedekind verbrachten die Weihnachtsferien an ihrem Studienort München. nicht vergessen! ––

Beiliegend senden wir Euch unser BildDie überlieferte Fotografie, die Frank Wedekind (stehend) mit seinem Bruder Armin und Walter Oschwald (beide sitzend) um ein Tischchen gruppiert zeigt, liegt dem Brief nicht mehr bei [abgedruckt in: Vinçon 2021, Bd. 2, S. 69].. Ich hab leider keine Beine darauf und sehe aus eher aus wie ein Tafelaufsatz, aber | die Pfeife ist dafür umso besser, ebenso der Nasenklemmer und mein stattlicher neugeborener Vollbart, der nun endlich doch auch einmal anfängt von der Cultur beleckt zu werden. –– Die Idee stammt von Tante Jahn und die Ausführung ist soweit ganz gut gelungen, indem jeder der drei Betheiligten sich selber für den am besten Getroffenen hält.

Am heiligen Abend waren wir bei Walter OschwaldWalter Oschwald, Jurastudent und späterer Schwager Wedekinds aus Lenzburg, wohnte in München in der Theresienstraße 38, 2. Stock rechts [vgl. Amtliches Verzeichnis des Personals der Lehrer, Beamten und Studierenden an der königlich bayerischen Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Winter-Semester 1884/85. München 1885, S. 63]. zu Thee und Christbaum gebeten. Er hatte alle möglichen eß- und trinkbaren Herrlichkeiten von zu Hause bekommen und regalirteversorgte. uns zum Schlusse noch mit einem delikaten Punsch. Um Mitternacht gingen wir vereint in die LudwigskircheDie 1844 geweihte katholische Pfarr- und Universitätskirche St. Ludwig in der Ludwigstraße, rund 700 Meter von Wedekinds Wohnung (Türkenstraße 30) entfernt. zur Messe, wo dann allmählig einer den andern verlor, so daß endlich ein jeder | in Nacht und Einsamkeit nach Hause schlich. –– Unseren besten Dank für die zwanzig Markvermutlich ein Weihnachtsgeschenk der Mutter; das Schreiben zu der Sendung ist nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank und Armin Wedekind, 23.12.1884.. Sie kamen wirklich sehr gelegen; denn wenn wir auch jetzt längst aller Noth enthoben sind, so waren wir doch damals gerade dort angekommen, wo es sich kaum mehr di der Mühe lohnt, am anderen Morgen aufzustehen. Da erschien glücklicher weise jener Deus ex machina oder vielmehr ex Lenzburg und bewerkstelligte den Übergang des einen Quartals ins andere ohne die geringste Pumperei. Da nun unsere Finanzen wieder besserdurch die Zuwendungen des Vaters; vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank und Armin Wedekind, 28.12.1884. bestellt sind, werden werd wir in nächster Zeit auch ein großes Bacchanal auf unserer Bude geben veranstalten, wobei es hoch hergehen soll. ––

Das beste Weihnachtsgeschenk war aber doch die Geschichte mit d dem Rector KellerJakob Keller war von 1876 bis 1886 Rektor des Töchterinstituts und Lehrerinnenseminars in Aarau, das Erika Wedekind seit April besuchte, zugleich dort Lehrer für Deutsch, Pädagogik und Religion [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 78]. und dem | Schluffinicht identifiziert.. Das freute uns beide unbändig und Walter O. ebenfalls, dem es Armin vorlas. Ich gratulire von ganzem Herzen zu dem herrlichen Siege der Wahrheit und Deiner trefflichen Energie über die miserable Niedertracht dieses Jesuiten. Und nun leb wohl liebe Mama. Ich muß mich leider wieder mit schreiben beeilen, sonst kommen die Briefeneben dem Neujahrsbrief an die Mutter weitere Briefe zu diesem Anlass, darunter einer an Bertha Jahn [vgl. Wedekind an Bertha Jahn, 31.12.1884] und der dort erwähnte Brief Armin Wedekinds nach Hause sowie der Walter Oschwalds an seine Mutter. zu spät. Walter und Armin sind auf dem Eis und wenn er/sie/ heimkommen so soll alles expedirtverschickt. sein. – Ich bleibe mit tausend herzlichen Grüßen Dein treuer Sohn Franklin.


Prost Neujahr!

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 31. Januar 1885 (Samstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

Mein lieber Franklin!

Gestern Abend war Schülerfest in AarauDas Fest der Kantonsschüler fand am 30.1.1885 statt [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 58]. Es war die zweite Veranstaltung dieser Art, im Jahr zuvor hatten die Schüler erstmals „eine öffentliche musikalisch-dramatische Abendunterhaltung im neuen städtischen Festsaale gegeben. Das Programm, aus einem Prolog, mehreren Vocal- und Orchesternummern, Declamationen und dramatischen Darstellungen bestehend, hatte eine unerwartet große Zahl Zuhörer angezogen“, so dass, „da nun ein sehr schönes und günstiges Lokal zur Verfügung“ stand, geplant war, „den Schülern jeden Winter einen oder zwei solcher Abende bieten zu können.“ [Programm der Aargauischen Kantonsschule. Aarau 1884, S. 9] und ich war auch da, als Ballmutter unserer Miez. Es war sehr fidel. Victor JahnDer Sohn von Bertha Jahn besuchte die Abschlussklasse des Gymnasiums der Kantonsschule Aarau. Im Jahr zuvor hatte Wedekind den Prolog verfasst und vorgetragen [vgl. KSA 1/I, S. 114-117 und KSA 1/II, S. 1983f. vgl. auch: Frank Wedekind an Armin Wedekind, 16.2.1884]. Mit Bertha Jahn korrespondierte er zu dem Text seines Nachfolgers [vgl. Wedekind an Bertha Jahn, 18.12.1884 und 12.4.1885; zu Victor Jahns Prolog vgl. Hans Kaeslin: Schülerabend-Prologe. In: Aargauer Neujahrsblätter, Jg. 18, 1944, S. 32-34]. war dieses Jahr der Pl/r/ologverfasser und, mit einer Art Narrenkappe geschmückt, trug er ihn vor, mit vielem Humor und guter Laune. Leider konnte ich vieles nicht verstehen, war es der Platz oder ist der Saal überhaupt nicht zum Sprechen geeignet, ich verstand auch von den folgenden gesprochenen Produktionen sehr wenig. Überraschend gute Instrumentalvorträge fanden statt. Geige spielte ein ganz junger Mensch, WidlerHeinrich Wydler aus Affoltern, der im Jahr zuvor noch die 2. Klasse des Progymnasiums besucht hatte [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule. Aarau 1884, S. 15].; ich meine, man sagte mir, er sei erst G Progymnasiast. Der junge FlainerFritz Fleiner aus Aarau (Laurenzvorstadt 586) besuchte die 2. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule und legte im April 1887 dort das Abitur ab [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 59]. spielte sehr gutDie Aufforderung zum TanzKlavierrondo von Carl Maria von Weber (op. 65) aus dem Jahr 1819, das verschiedentlich auch orchestriert wurde. Das Stück folgt einem musikalischen Programm, bei dem ein Mann ein Mädchen zum Tanz überredet, mit ihr tanzt und beide wieder auseinandergehen.“. Der Gesang, König v. Tule„Der König in Thule“ ist ein Lied von Franz Schubert von 1816 (op. 5 Nr. 5, D 367) nach einer Ballade von Johann Wolfgang Goethe aus dem Jahr 1774, die er auch in den ersten Teil seines „Faust“ übernommen hat., Alpenjägerein weiteres Schubert-Lied (op. 13 Nr. 3, D 524), geschrieben 1817, auf einen Text von Johann Mayrhofer. , | war nicht weit her, aber als Lückenbüßer am Platze. Das Kleist’sche Fragment Guiskart/d/„Robert Guiskard. Herzog der Normänner“ ist ein dramatisches Fragment von Heinrich von Kleist, das 1808 erschien und offiziell erst am 6.4.1901 in Berlin uraufgeführt wurde. schien mir ein Mißgriff. Die Erstens verstand man beinahe nichts. Zweitens hatten 2 der Hauptrollenträger falsche Bärte, die die Aussprache noch mehr undeutlicher machten und der Chor, Kreuzritter, hatten alle bis auf die Achsel gehende blanke silberne Helme auf, die große Änlichkeit mit unserm Dampfhafen„ein starker eiserner Topf mit luftdicht schließendem Deckel, aus welchem der beim Sieden gebildete Wasserdampf nicht entweichen kann“ [Carl Ernst Bock: Das Buch vom gesunden und kranken Menschen. Leipzig 1876, S. 425]; Dampfkochtopf. hatten, und/nur/, daß ihre ForderseiteSchreibversehen, statt: Vorderseite. mit 2 Augenlöchern und einem winzigen Mundlöchlein versehen war. So kam es denn, daß es stets sehr lächerlich klang, wenn solch’ ein wandelnder Kochtopf anfing zu sprechen. Es war dieß die Glanzproduktion der Aargauer, die aber weit überstralt wurde von/m/ „Lohengrin“, Oper in 3 Akten, ge von dem Turnverein gegeben. | Es war dieß eine ganz tüchtige Leistung. Dein Freünd, H. KellerHermann Keller aus Aarau, der Stiefbruder von Wedekinds Freund Oskar Schibler [vgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 16.7.1884], besuchte die Abschlussklasse der Gewerbeschule an der aargauischen Kantonsschule. [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule. Aarau 1884, S. 16]., machte den König so gut, daß er sich getrost auf einem ordentlichen Theater presentiren könnte. Die Elsa war enzückendSchreibversehen, statt: entzückend. und der Lohengrin ein echter Märchenprinz. Nun, di/u/ kennst ja die Personen, sahst auch das StückRichard Wagners Oper „Lohengrin“ war am Königlichen Hof- und National-Theater München am 22.1.1885 gegeben worden., und deßhalb enthalte ich mich weiterer Deet/ta/ils. Der Saal war fast ganz vollDer Festsaal des am 16.12.1883 eröffneten Saalbaus in Aarau fasste 650 Sitzplätze und 150 Plätze auf dem Podium, der kleine Saal 400 Sitzplätze [vgl. Oskar Bucher: 100 Jahre städtischer Saalbau Aarau. In: Aarauer Neujahrsblätter, Jg. 58, 1984, S. 24].. Die InstitutsbeesenSchreibversehen, statt: Institutsbesen. Gemeint sind wohl die Schülerinnen des Töchterinstituts und Lehrerinnenseminars in Aarau, das Erika Wedekind besuchte [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 59]. Die Bezeichnung „besen heiszt […] studentisch, jedes mädchen: ein flotter, famoser, patenter besen“ [DWB, Bd. 1, Sp. 1615]. hatten Freibillete und durften auch nachher dableiben. Zwar, die fromme oberste Klasse getraute sich dennoch nicht zum Tanze zu bleiben und ging G/g/ottergeben nach den Auffür/h/rungen heim. Ich hatte mich bei Mieze’s Philisterinnendie Erzieherinnen bzw. Hauswirtinnen [vgl. DWB Bd. 13, Sp. 1827] von Erika Wedekind am Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. zum Quartier gebeten, lud aber dafür eine der Damen ein und hatte auch die Ehre der Bewirthung für den Abend. Mieze tanzteDavon berichtete auch Erika Wedekind ihren Brüdern [vgl. Erika Wedekind an Armin und Frank Wedekind, 8.3.1885]. unausgesetzt und war sehr vergnügt. Herr GroßLudwig Groß in Aarau, „Buchhändlergehülfe von Ludwigsburg (Würtemberg), Zollrain 87.“ [Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 24] In einer chronologischen Liste im Anhang seines Münchner Tagebuchs notierte Wedekind den Namen „Groß“ [Tb, S. 114] unter dem Jahr 1882. nahm sich ihrer auch an und im Übrigen ließen unsere Lenzburger | jünglinge nichts zu wünschen übrig. Ich hatte auch volle Gelegenheit alle Deine mehr oder weniger Flammendie von Wedekind Angebeteten aus seiner Aarauer Schulzeit (1879 bis 1884). von Angesicht zu schauen. Da war das „FahrländerliAnna Fahrländer aus Laufenburg, wohnhaft in Aarau, ehemalige Schülerin am Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar in Aarau [vgl. Zehnter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1882/83, S. 4]. In Aarau gemeldet waren der Staatsanwalt Karl Fahrländer, der Arzt Adolf Fahrländer und der Ingenieur Eugen Fahrländer [vgl. Verzeichniss sämmtlicher Einwohner, Wohn- und Oekonomie-Gebäude der Gemeinde Aarau. Aarau 1881 S. 55].“, das „FleinerliMartha Fleiner aus Aarau, Schwester des oben genannten Fritz Fleiner, das vierte der fünf Kinder des 1877 verstorbenen Aarauer Zementfabrikanten Albert Fleiner und der Leontine Zschokke-Fleiner, ehemalige Schülerin am Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar in Aarau [vgl. Zehnter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1882/83, S. 4] – ein Schwarm Wedekinds aus dem Jahr 1881 [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 3.9.1881]. “, das Rynerlivermutlich Félonise Reiner aus Aarau, ehemalige Schülerin am Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar in Aarau [vgl. Siebenter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1879/80, S. 5]. In Aarau war der Fabrikant Wilhelm Reiner gemeldet [vgl. Verzeichniss sämmtlicher Einwohner, Wohn- und Oekonomie-Gebäude der Gemeinde Aarau. Aarau 1881 S. 63]. , das Schärerlivermutlich Emilie Scherer aus Baden, die im Schuljahr 1874/75 die I. Klasse des Lehrerinnenseminars Aarau besucht hatte [vgl. Zweiter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar in Aarau Schuljahr 1874/75, Aarau 1875, S. 5]. Wedekind dürfte sie 1878 kennengelernt haben, da er zu diesem Jahr in einer Übersicht am Ende des Münchner Tagebuchs ihren Namen notierte [vgl. Tb München, S. 114]. und tanti quanti(lat.) so viele.. Übrigens iste der Schnurrbartmöglicherweise Anspielung auf einen Verehrer oder Verlobten Martha Fleiners; sie heiratete am 10.5.1887 den Aarauer Maler Hermann Hunziker. des Fleinerli’s gar nicht so prominent und steht dem Gesicht gar nicht übel. Um 3 Uhr gingen wir heim, zum argen Leidwesen Mieze’s die gerne die Freude bis auf die Hefe gekostetRedensart biblischen Ursprungs (Psalm 75,9): etwas bis zum Ende genießen. hätte. Heute früh kamen wir heim, als unsere Lenzburger gerade beim Kaffee saßen. Ich schicke Dir die Programme und eine KarteDie dem Brief beigelegten Schriften sind nicht überliefert. an Armin die die liebe gute Effienicht identifiziert. in der Neujahrsnacht für ihn gezogen oder geloost hatte. Effie schrieb mir einen reizenden Brief. Zwar voller frommer Bibelsprüche und Hinweisungen auf jenseitige Freuden, | Aber d ganz ohne unangenehme Zudringlichkeit, so daß man eben fühlt, es sei die Frömmigkeit ihr eigenstes Sein und Wesen. Sie hatte einen Heiratsantrag von einem jungen Arzte, dem sie aber einen Korb gab, weil er, wie sie sagt, kein Christ sei, und sie nur mit einem solchen glücklich werden könne. Sie meint, zum Frühjahr werden sie ihre Heimath auf der Audie Halbinsel Au mit der gleichnamigen Ortschaft im Zürichsee. abbrechen und dann gehe ihr Vater wieder nach Indien, wohin ihn sein Herz stets mehr hi ziehe. Wenn er es ihr erlaube, wolle sie sich ganz den frommen Werken weihen und zu dem Zwecke nach London zurück kehren wo soviel Sünde und Elend sei. Augenblicklich treibt sie Rosenzucht und hat im Sinn auf den Sommer, wenn sie noch da seien eine Ausstellung zu veranstalten. |

Willy hat mir, auf eine Sendungnach Lausanne, wo William Wedekind eine kaufmännische Ausbildung bei Émile Ruffieux absolvierte. Berlinerpfannkuchen eine wahre Liebeserklärung gemacht. Ein solcher Enthusiasmus ist mir lange nicht vorgekommen. Dazu hält er mir aber eine Standrede, daß Ihr soviel Geld verstudiert und Euch dazu noch photographiren laßtvgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 31.12.1884; eine Reproduktion des Fotos findet sich in Vinçon 2021, Bd. 1, S. 69].. Er ist ein drolliger Kauz, seine BriefeVon William Wedekinds Briefen an seine Mutter sind nur fünf überliefert [vgl. Mü, FW B 313], darunter keiner aus dem Jahr 1885. werden einst, gesammelt Epoche machen. Nun aber möchte ich doch bald mal wieder etwas von Euch hörenFrank und Armin Wedekind verbrachten ein gemeinsames Studiensemester in München und wohnten zusammen in der Türkenstraße 30 im 1. Stock. [vgl. Amtliches Verzeichnis des Personals der Lehrer, Beamten und Studierenden an der königlich bayerischen Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Winter-Semester 1884/85. München 1885, S. 78].. Deßhalb setze sich mal einer von Euch hin und sendet ein Lebenszeichen an Eure, darnach lechzende, treue Mutter.


Lebet wohl. Mieze, Donald und Mati lassen 1000 mal grüssen. Donald muß in 3 Wochen in einem kleinen Stücknicht näher identifiziert; vermutlich im Rahmen einer Schulaufführung. Donald Wedekind besuchte die Bezirksschule Lenzburg. einen deutschen Gelehrten spielen, was ihm aber sehr zuwieder!! –––

Einzelstellenkommentare

München, 12. März 1885 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

München, März 1885


Liebe Mama.

Du weißt wol schon daß ich Papa geschriebenvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 19.2.1885. habe, daß er uns verziehHinweis auf ein nicht überliefertes Antwortschreiben des Vaters; erschlossenes Korrespondenzstück: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank und Armin Wedekind, 22.2.1885., und mein nächster Brief soll ihm unseren herzinnigsten Dank dafür melden. Du zürnst unsDies hatte Erika Wedekind in ihrem letzten Brief bemerkt [vgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 8.3.1885]., weil wir so lange nichts haben von uns hören lassenFrank und Armin Wedekind verbrachten ein gemeinsames Studiensemester in München und wohnten zusammen in der Türkenstraße 30 im 1. Stock. [vgl. Amtliches Verzeichnis des Personals der Lehrer, Beamten und Studierenden an der königlich bayerischen Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Winter-Semester 1884/85. München 1885, S. 78]., aber Armin ist wirklich gar zu sehr durch seine Collegiendie Vorlesungen an der Universität; Armin Wedekind studierte Medizin. in Anspruch genommen; und ich – ich muß mich selber anklagen: ich war zu lässig; oft hab’ ich zwar von euch allen geträumt, habe voll Sehnsucht an euch gedacht, aber ohne daran zu denken, daß Ihr eben von di/so/lchem Denken nichts habt, und daß wir Dir auf all | Deine liebevollen erquickenden Briefe mindestens eine dankende Antwort schulden. Auf dem reizenden Bilde, das du Armin zum GeburtstagArmin Wedekind hatte am 29.1.1885 seinen 22. Geburtstag; das Schreiben der Mutter mit der beigelegten Photographie von Wedekinds Schwestern ist nicht überliefert. sandtest erkannte ich auf den ersten Blick nicht nur zwei, sondern drei Figuren, nämlich erstens, und vor allem Dich, liebe Mama, in zweiter Linie Mieze und Mati. Meiner PhanthasieSchreibversehen, statt: Phantasie. ließ ich dabei durchaus keinen zu freien Spielraum: Matis tiefe Züge mit dem reichen dunkeln Haar, von süßen seelenvollen Augen belebt, sind dir so frappant aus dem Antlitz geschnitten, daß es nur noch Miezes energischer und doch so gütiger KugheitSchreibversehen, statt: Klugheit. bedarf, um mit Deiner Erscheinung auch Dein inneres Wesen zu vereinigen. Aber all’ das hast Du selbst ja gewiß sofort bemerkt und von jedermann gehört, der die hübsche Photographie gesehen. Was du mir | vor einem MonatDer Brief lag bereits sechs Wochen zurück [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 31.1.1885]. über den Kantonsschülerabend in Aarau schriebst hat mich sehr interessirt und von Herzen gefreut. Erinnerte es mich doch an einen der bewegtesten MomenteBeim ersten Fest der Kantonsschüler am 1.2.1884 hatte Frank Wedekind den „Prolog zur Abendunterhaltung“ [KSA 1/I, S. 114-117] verfasst und vorgetragen, der anschließend auch gedruckt wurde [vgl. KSA 1/II, S. 1983f.]. meiner Vergangenheit; und wer will es mir verdenken, daß ich auch heute noch mit Wohlgefallen auf den Augenblick zurückschaue, da meine g/h/eiß geliebte Jungfer m/M/use, die durch ihren Leichtsinn mir und andern schon so manchen herben Kummer bereitet – da sie ihren ersten schönen Triumph feierte. Nenn’ du es Eitelkeit, daß ich noch nach einem Jahre, da längst andere Sterne am Firmamente strahlen, bei dieser Gelegenheit zuerst an mich denke; ich aber fühle darin den Stachel zu ernsterem Streben und deut’ es mir als glückverheißendes Omen für spätere Zeiten.

An den Programmen der FestlichkeitDie (nicht überlieferten) Programme hatte Emilie Wedekind ihrem letzten Brief beigelegt [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 31.1.1885]. hatten meine hiesigen Aarauer Freunde viel Vergnügen, und Deine eingehende | Kritik mahnte mich daran, daß ich selber in die hübsche Elsa von Brabantdie weibliche Rolle in Richard Wagners Oper „Lohengrin“ (1850), die beim Kantonsschülerfest in Aarau am 30.1.1885 vom Turnverein aufgeführt worden war. dereinst beinah verliebt gewesen bin. Victor Jahns Prologabgedruckt bei Hans Kaeslin: Schülerabend-Prologe. In: Aargauer Neujahrsblätter, Jg. 18, 1944, S. 32-34. hab’ ich mit freudiger Bewunderung gelesen. Es stehen einige ganz vorzügliche efectvolleSchreibversehen, statt: effectvolle. Witze darin; nur etwas begreif’ ich nicht, etwas ganz formelles, wie man nämlich zu einem declamatorischen Vortrag ein so holperiges, knittliges Versmaß wählen kann. Tante Plümachers Erz amerikanische ErzählungDie Publikation ließ sich nicht ermitteln. Ende Dezember hatte Olga Plümacher Wedekind ein „Büchlein“ [Olga Plümacher an Wedekind, 21.12.1884] von Hieronymus Lorm übersandt, das hier auch gemeint sein könnte. hab’ ich mit großen InteresseSchreibversehen, statt: großem Interesse. gelesen. Schade, daß der liederliche Druck sie einigermaßen entstellte. Armin wird sie Dir wiederbringen mit meinem besten Danke wenn er zu Euch zurückkehrtArmin Wedekind wechselte für sein Medizinstudium zum Sommersemester an die Universität Zürich.. – Donald gratulir ich von Herzen zu seinem ersten BühnenerlebnißDonald Wedekinds ersten Bühnenauftritt hatte die Mutter in ihrem letzten Brief für Ende Februar angekündigt [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 31.1.1885]. und Mati wünsch’ ich Glück zu ihrer ApotheoseVerherrlichung. der lieben, weißen Pusiwohl Emilie (Mati) Wedekinds Katze.. Das ist | ein liebliches Idyll, zu dem ich gerne auch einen poetischen Erguß beisteuern würde, wenn es mir möglich wäre. Aber – ich weiß es mir kaum zu erklären – seit ich die schöne Heimat verlassen, verließ mich die Poesie; hier in München ist mir noch kein einziger VersDas erste überlieferte, titellose Gedicht aus der Münchner Zeit Wedekinds stammt vom 18.4.1885 und beginnt mit den Worten: „Wie gern verzicht’ ich auf den Ruhm der Welt“ [KSA 1/I, S. 190]. geglückt, und dennoch sehn’ ich mich oft recht innig nach der treulosen Göttin, der holden Gefährtin meiner Jugend, und hoffe alsdann, sie möge ihr Unrecht bald einsehen und trostbringend zu mir zurückkehren. – Das LorleTitel der ersten Abteilung – ein ländliches Gemälde in 2 Akten – von Charlotte Birch-Pfeiffers Schauspiel „Dorf und Stadt“ (1847), das vom Laienspieltheater in Lenzburg 1885 aufgeführt wurde [vgl. Emil Saxer: Lenzburg. In: F. A. Stocker: Das Volkstheater in der Schweiz. 3. Aufl. Aarau 1893, S. 123-128]. Emilie Wedekind besuchte mit Erika und Donald die Vorstellung am 5.3.1885 [vgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 8.3.1885]. habt ihr nun wol bereits gesehen und Frau OschwaldFanny Oschwald, die Schwester von Bertha Jahn, war nicht nur Laienschauspielerin, sondern verfasste auch Mundart-Dramen und -Erzählungen. Erika Wedekind heiratete 1898 ihren Sohn Walter Oschwald. als BärbeleDie Rolle der Bärbel ist neben Lorle die zweite weibliche Rolle in „Das Lorle“ (s. o.). darin. Ich bin sehr gespannt, was Du mir über die Aufführung schreiben wirst. Maria Stuart und Elisabethdie Hauptrollen in Friedrich Schillers „Maria Stuart“ (1800) und Heinrich Laubes „Graf Essex“ (1856), den Stücken, die das Laienspieltheater 1876 und 1884 aufgeführt hatte [vgl. Emil Saxer: Lenzburg. In: Franz August Stocker: Das Volkstheater in der Schweiz. 3. Aufl. Aarau 1893, S. 127]. waren doch eigentlich beide, trotz ihrer Verschiedenheit im Charakter, hohe ideale Figuren, in denen die Darstellerin mehr oder weniger doch nur sich selbst und ihr eigenes hoch|poetisches Wesen spielte. Wenn Frau Oschwald als solche in der Maria Stuart zur ihrer herrlichsten Entfaltung kam, wenn sie in Essex die Königin Elisabeth durch erhebenden Idealismus besiegte, so wird sie, als treffliche Schauspielerin, dem Bärbele wol vollständig unterli/legen sein, und meine jugendfrische Schwärmerei wagt sehr daran zu zweifeln, ob eine larmoyante Birch-Pfeiffereiabfällige Bezeichnung für die Dramatisierung literarischer Vorlagen durch die Theaterschriftstellerin und Schauspielerin Charlotte Birch-Pfeiffer: „Birchpfeifferei ist unter den Stylarten des modernen deutschen Dramas die Manier, eine Wurst so voll zu stopfen, daß man in jedem Augenblicke mit Spannung ihrem Platzen entgegensieht; Birchpfeifferei ist die Kunst, einen dicken, dreibändigen Bulwerschen Roman in einen einzigen Darm hineinzuquetschen und dem Zuschauer dies Stück Arbeit bis auf den letzten Zipfel, wo das Querhölzchen sitzt, in den Hals zu jagen, dergestalt, daß ihm mindestens der Athem, wo nicht alle Sinne vergehen.“ [Gustav Kühne: Dramatisch und Theatralisch. In: Die Grenzboten, Jg. 3, 1. Semester, 1844, S. 113] solch’ großer Opfer an geistigen wie an körperlichen Reizen würdig sei. – Von der vielen Juristerei, die ich hier zu hören bekomme, wird Dich wol wenig interessiren; um so mehr aber vielleicht das Wenige, das ich Dir von den Münchner Bühnen zu erzählen weiß. Ich sah Frau Clara ZieglerDie ehemalige Münchner Hofschauspielerin (1868 bis 1874) war regelmäßig auf den Münchner Bühnen zu Gast. und sehe sie noch, obwol schon bald zwei Monate verflossen sind, seit sie zum letzten Male auftratWie aus den Theaterzetteln hervorgeht, trat Clara Ziegler vor Wedekinds Brief zuletzt am 14.2.1885 am Hoftheater in der Titelrolle von Julius Leopold Kleins „Zenobia“ (1884) auf.. Aber ihr Spiel ist so übermenschlich, so dämonisch, daß | es den Zuschauer fesseln muß und ihn in seinem Zauber gefangen hält, bis ihm etwas noch gewaltigeres vor die Sinne tritSchreibversehen, statt: tritt.. Clara Ziegler ist eine Münchner Färberstochter und heiratheteClara Ziegler heiratete ihren einstigen Schauspiellehrer, den Hofschauspieler Adolf Christen am 11.8.1876. aus Dankbarkeit ihren Lehrer, den Schauspieler Kristen. In den hiesigen Anlagen hat sie ein wahres Juwel von einer Villain der Königinstraße 25 [vgl. Adreßbuch von München 1885, Teil I, S. 74] am Englischen Garten. in antikem Stil, deren hohe Fenster durch leichte Gardinen verhängt sind; aber zwischendurch erblickt man in der Mitte des Zimmers die lorbeerbekränzte Büste Schillers, der seinem Evangelium wol kaum eine höhere Priesterin, als die Ziegler, erwählen konnte. Leider sah ich sie in keinem seiner Stücke, dafür jedoch in der ganzen Grillparzerschen Trilogie des goldenen VließesClara Ziegler trat in Grillparzers Trilogie „Das goldene Vließ“ (1821) als Gast am 21.1.1885 in den ersten beiden Teilen „Der Gastfreund“ und „Die Argonauten“ sowie am 24.1.1885 im dritten Teil „Medea“ am Münchner Hoftheater auf. Die Presse berichtete: „Mehr als zehn Jahre sind vergangen, seit Frau Clara Ziegler von unserer Hofbühne geschieden ist. Die Erinnerung an ihr künstlerisches Wirken blieb aber unvergessen, ja beschäftigte fortdauernd die weiteren, theaterliebenden Kreise, so daß man fast von einem Ziegler-Mythus sprechen könnte. Nun, der Mythus hat sich wieder in Wirklichkeit umgesetzt: Clara Ziegler ist gestern, einen Cyklus von Gastrollen beginnend, in den ersten zwei Abtheilungen des ‚Goldenen Vließes‘ von Grillparzer als Medea an unserer Hofbühne aufgetreten. Wie treu die Sympathien des Münchner Publicums der berühmten Heroine ein Decennium hindurch geblieben sind, bekundete der erste Moment nach dem Aufgehen des Vorhangs: allgemeiner Beifall begrüßte sie, und Lorbeerkränze wie Bouquets fielen zu ihren Füßen nieder.“ [Allgemeine Zeitung, Nr. 23, 23.1.1885, 2. Beilage, S. 1] . Was mich zuerst an ihr überraschte, war ihre imposante Erscheinung und das herrliche Organ. Wie das wilde, sorglose junge Mädchen zur schuldbeladenen Frau, zur liebenden Zauberin, zur unglücklich Verstoßenen und endlich zur ver|zweifelnden Mörderin an ihren Kindern wurde gab sie mit überwältigender Leidenschaftlichkeit, der sie auch jeden Zwang in Gesten und Gebärden zum Opfer brachte. Ihre Elisabeth in EssexDie Aufführung von Heinrich Laubes „Graf Essex“ (1856) mit Clara Ziegler als Gast in der Rolle der Elisabeth fand am 26.1.1885 statt. war natürlich sehr realistisch, ganz im Gegensatz zu Frau Oschwald, mehr Weib als Königin und mehr Satan als Weib, wogegen sie in Geibels BrunhildeDie Aufführung von Emanuel Geibels Tragödie „Brunhild“ (1857) mit Clara Ziegler in der Titelrolle fand am 31.1.1885 statt. den Gegensatz zwischen weiblicher Schwäche und megärenhafterwie eine böse, Schrecken verbreitende Frau. Wildheit in krassester Weise zum Ausdruck brachte. – Mit der Oper wußte ich mich anfangs nicht recht abzufinden, aber nach und nach geht es schon besser. Wir sahen schon vor Weihnachten die NormaDie letzte Aufführung von Vincenzo Bellinis Oper „Norma“ (1831) am Königlichen Hof- und National-Theater München vor Weihnachten fand am 21.11.1884 statt., wobei mir euer Abenteuer mit den beiden KindernAnspielung auf eine Begebenheit, die die Mutter in ihren Jugenderinnerungen „Für meine Kinder“ schilderte. Als sie gemeinsam mit ihrer Schwester Sofie Kammerer in Guyaquil (Ecuador) Ende 1858 mit Opernarien auftrat, gaben sie „unter Anderm die Scene mit dem folgenden Duett aus Norma […], in dem sie die in einer Höhle verborgenen Kinder ermorden will, wovon sie aber durch Adalgisas Bitten zurück gehalten wird. Adalgisa reißt die schlafenden Kinder von ihrem Lager empor und läßt sie vor ihrer Mutter niederknien, während sie sie durch ihre Bitten zu erweichen sucht. Sie fleht ihr Erbarmen an für die Unschuldigen und erreicht ihren Zweck. / Zu dieser Scene nahm man zwei Kinder des Maschinisten, die gerade das richtige Alter hatten. An dem Abend aber lagen sie an den Masern erkrankt zu Bett und konnten natürlich nicht mitspielen. Was nun thun?! Man sucht nach andern Kindern. Man findet nichts passendes. Endlich bringt man uns zwei kleine Negerjungen mit schwarzen Wollköpfen. Die Zeit drängte. Das Publikum war ungeduldig. So streicht man die beiden Kerlchen mit dicker weißer Schminke an, zieht ihnen die Trikots und weißen Hemden an und legt sie auf das, im Hintergrund der Höhle stehende mit Fellen bedeckte Lager. Norma singt ihre Arie –, zückt ihren Dolch u. schreitet mit entschlossenen Theaterschritten auf die schlafenden Kinder zu […]. Nun reißt Adalgisa die Kleinen aus dem Schlaf u. schleppt sie vor die Mutter. Da entsteht aber im Publikum ein solch dröhnendes Gelächter, daß wir uns entsetzt anschauten und ich nicht weiter singen konnte. Dann entdeckten wir, daß die Gesichter unserer beiden Würmer nur auf derjenigen Seite den weißen Anstrich beibehalten hatten, mit welcher sie ihr Lager nicht berührten. Die andere Seite aber hatte durch das Liegen den Anstrich verloren und schien in seiner ganzen ursprünglichen Schwärze, so daß die Kinder – halb weiß – halb schwarz – den wunderlichsten und lächerlichsten Anblick darboten.“ [Becker 2003, S. 91] einfiel. Erst kürzlich wurde der Troubadur gegebenGiuseppe Verdis Oper „Der Troubadour“ (1853) wurde am Königlichen Hof- und National-Theater München am 24.2.1885 gespielt., aber Deine Rolle war sehr schlecht besetztIn dem in Emilie Wedekinds Jugenderinnerungen „Für meine Kinder“ angegebenen Programm eines Auftritts in Guyaquil (Ecuador) Ende 1858 finden sich die Programmpunkte „Scene und Terzett aus Trovator“ und „Scene und Duett aus Trovator“ [Becker 2003, S. 91]. Emilie Wedekind muss damals die Rolle der Zigeunerin Azucena gesungen haben, denn deren Besetzung kritisierte Heinrich Welti in seiner Kritik der Münchner Aufführung vom 24.2.1885: „Das war eine mäßige Aufführung von Verdi`s ‚Troubadour‘! Die Hauptschuld daran liegt […] an dem Gast Frl. Bleiter, welche sich der Rolle der Azucena durchaus nicht gewachsen zeigte […] ihre Stimme entbehrt zur Stunde so sehr jeder Klangfülle und Schönheit, ihr Organ tönt gegenwärtig so hohl und leer […], daß auch die am besten gelungenen Theile ihrer Rolle wenig Genuß bereiten konnten.“ [Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger, Jg. 38, Nr. 57, 25.2.1885, 1. Blatt, S. 3] und wurde um ein Haar ausgepfiffen. Am besten gefielen mir die MozhartschenSchreibversehen, statt: Mozartschen. Opern, FigaroAufführungen von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Figaros Hochzeit“ (1786) fanden am Königlichen Hof- und National-Theater München zuletzt am 11.12.1884 und 29.1.1885 statt. und Don JuanAufführungen von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Don Juan“ (1787) am Königlichen Hof- und National-Theater München fanden zuletzt am 5.2.1885 und 26.2.1885 statt.. | Aber auch an den reizenden Werken Lorzings, UndineAlbert Lortzings Oper „Undine“ (1845) wurde am Königlichen Hof- und National-Theater München zuletzt am 11.1.1885 gegeben. und WaffenschmiedAlbert Lortzings Oper „Der Waffenschmied“ (1846) wurde am Königlichen Hof- und National-Theater München am 27.1.1885 und 4.3.1885 gegeben., fand ich großen Geschmack und am FreischützCarl Maria von Webers romantische Oper „Der Freischütz“ (1821) wurde am Königlichen Hof- und National-Theater München am 3.12.1884, 30.1.1885 und 7.3.1885 gegeben. und Kreuzers Nachtlager v GranadaConradin Kreutzers Oper „Das Nachtlager von Granada“ (1834) wurde am Königlichen Hof- und National-Theater München am 11.2.1885 gegeben.. Am schwersten verständlich ist mir f natürlich Wagner. Seine Meistersinger v. NürnbergRichard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ (1868) wurde am Königlichen Hof- und National-Theater München zuletzt am 14.12.1884 gegeben. verließ ich mit dem Bewußtsein, mich unsterblich gelangweilt zu haben. RienziRichard Wagners Oper „Rienzi“ (1842) wurde am Königlichen Hof- und National-Theater München am 30.11.1884 und am 22.2.1885 gegeben [vgl. dazu Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 27.4.1885]. machte mir keinen besonderen Eindruck aber TannhäuserVon Richard Wagners Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg. Große romantische Oper in drei Akten“ (Dresden 1845) hatte Wedekind das Textbuch gelesen [vgl. Olga Plümacher an Wedekind, 20.1.1884]. Gelegenheit, eine Aufführung der Oper am Königlichen Hof- und National-Theater München zu besuchen, hatte er am 6.1.1885., LohengrinRichard Wagners Oper „Lohengrin“ (1850) wurde am Königlichen Hof- und National-Theater München am 22.1.1885 gegeben. und der fliegende HolländerRichard Wagners Oper „Der fliegende Holländer“ (1843) wurde am Königlichen Hof- und National-Theater München am 19.2.1885 gegeben. brachten mich schließlich auf die richtige Spur, so daß ich gestern Abend in der WalküreWedekind besuchte am 11.3.1885 Richard Wagners Oper „Die Walküre“ (1870) am Königlichen Hof- und National-Theater München. in ununterbrochener Spannung erhalten wurde. Allerdings ist auch der Stoff dieser Oper von ergreifender Tragik und dabei wurde von allen Betheiligten aufs Beste gesungen. –

Die schönen Frühlingstage sind hier jetzt einem garstigen, stürmischen Regenwetter gewichen, das hoffentlich nicht lange anhalten wird. Gottlob | sind wir beide ganz wohl und auch Ihr scheint ja den Winter glücklich überstanden zu haben. Tausend herzliche Grüße von Armin und mir an Euch alle zusammen, vor allem an dich, liebe, gute Mama. Verzeih uns unser langes Schweigen, da wir es ja doch nicht recht entschuldigen können. Dafür will ich mir Mühe geben, daß es nicht wieder vorkommt und verbleibe derweilen Dein treuer Sohn Franklin. –

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 25. April 1885 (Samstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 29.5.1885 aus München:]


Jetzt hab’ ich schon drei liebe Briefe auf von Dir auf Lager […] Die Socken hab’ ich richtig erhalten. […] ich trage sie schon über einen Monat lang.

Einzelstellenkommentare

München, 7. Mai 1885 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

München, 7 V.85.


Liebe Mama,

Zürnst du mir wol noch von letztem Herbstevgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 12.11.1884. Die näheren Umstände der Unstimmigkeiten sind nicht ermittelt. her, wegen meiner peinlichen unartigen Erörterung? Bitte, liebe Mama, verzeih mir; ich darf es ja sonst gar nicht wagen, dir heuer wieder zu gratulirenzu Emilie Wedekinds 45. Geburtstag am 8.5.1885.. Ich weiß wol, es war nicht schön von mir, aber Du hattest mich auch nicht recht verstanden, nachdem ich dich mißverstanden hatte und so kam die traurige Scene zu Stande. Nicht wahr, ich darf jetzt davon abbrechen und du willst mir die Sache vergessen. Nimm meinen herzlichen Dank dafür. Die VerseÜber das Zustandekommen der beigelegten Verse (s. u.) zum Geburtstag der Mutter berichtete Wedekind seinem Vater [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 29.5.1885]. | die ich Dir beilege, sind nicht so schön geworden, wie die letztjährigenDas Gedicht „Meiner Mutter“ [KSA 1/I, S. 174 und KSA1/II, 1885f.]., aber dafür um so ungekünstelter und verständlicher. Sie kommen recta(lat.) geradewegs, direkt. aus dem Herzen, und das ist doch die Hauptsache. Allem nach was hier in München dem Wetter abzusehen ist, wird morgen, an deinem Geburtstag wol auch in Lenzburg die Sonne nicht scheinen; aber wenn sie’s nur den Sommer hindurch um so mehr thut, innen und außen, dann wird auf Deinem Angesicht, wo sich nothwendiger Weise der innere und der äußere Sonnenschein treffen und begegnen müssen, h ununterbrochen helle Freude liegen. Das ist doch das höchste Glück, das dem Menschen begegnen kann und das wünsch ich dir mit aufrichtiger Seele. Und so viele Wolken auch am Himmel steht/en/ (Regenwolken, Schneewolken, Gewitter- | und Hagelwolken!) Der/ie/ eine Sonne möge sie alle vertilgen und wenn noch ein wenig Biswind„kalter Nord- bzw. Ostwind“ [Schweizerisches Idiotikon 16, S. 620]., Deine stramme Energie, dazu kommt und aufräumt, wenns Noth thut, dann wirds schon gut gehn, wenigstens muß man immer das Beste hoffen. –– Armin hat mirvgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 24.4.1885. viel von Euch, Examia(griech.) Prüfungen; die öffentlich stattfindenden jährlichen Schulprüfungen, an denen Wedekinds Schwester Emilie (Mati) teilnahm., Marielinicht sicher identifiziert, möglicherweise Marie (Mary) Gaudard, Schwester von Blanche Zweifel-Gaudard, die auch „Mitglied des Dichterbundes Fidelitas (gegr. 1883), dem Anny Barck, Minna von Greyerz, Franklin und Armin Wedekind angehörten“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 69], war. e ct. geschrieben und vom Papa erhielt ich dann auch noch Nachrichtenvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 29.4.1885.. Hier in München ist es gegenwärtig ein wenig einth/ö/nig, da der König das Hoftheater immer noch für sich in BeschlagLudwig II. nahm das Haus mehrmals im Jahr für Separatvorstellungen in Anspruch. Vom 23.4.1885 bis 13.5.1885 fanden daher am Königlichen Hof- und Nationaltheater München keine öffentlichen Vorstellungen statt [vgl. Almanach des Königl. Hof- und National-Theaters zu München für das Jahr 1885. Hg. v. Anton Hagen. Jg. 15. München 1886, S. 24]. Die Presse berichtete: „Am 23. April schließen sich die Räume des k. Hoftheaters da an diesem Tage die Separatvorstellungen für Se. Majestät den König beginnen, die bis 11. Mai dauern werden. Auf dem Repertoire steht Wagner’s ‚Parsival‘, der vor Sr. Majestät dreimal zur Aufführung gelangt, welche Vorstellungen mit ‚Theodora‘ von Sardou, der indischen Dichtung ‚Urwasi‘ und ‚Narziß‘ abwechseln sollen.“ [Deutsches Wochenblatt, Jg. 1, Nr. 12, 26.4.1885, S. 5] An anderer Stelle wurde als Repertoire gemeldet: „26., 27. April: ‚Parsifal‘, 28. ‚Eine deutsche Fürstin‘, 29. ‚Parsifal‘, 30. ‚Deutsche Fürstin‘. 1. Mai: ‚Tell‘, 2. ‚Voltaire‘, 4. und 5. ‚Theodora‘, 8. ‚Urvasi‘, 9. ‚Narziß‘, 10. wie 8., 11. ‚Genius des Ruhmes‘.“ [Neue Augsburger Zeitung, Nr. 101, 1. Mai 1885, S. 1]. Der Generalintendant des Hoftheaters, Karl von Perfall, nannte später folgendes Programm: am 26., 27. und 29.4.1885 „Parsifal“, am 28. und 30.4.1885 „Eine deutsche Fürstin“, am 1.5.1885 „Wilhelm Tell“, am 2.5.1885 „Voltaire“, am 4., 5. und 10.5.1885 „Theodora“, am 8. und 12.5.1885 „Urvasi“, am 9.5.1885 „Narziß“ und am 11.5.1885 „Der Genius des Ruhms“ [vgl. Karl von Perfall: Ein Beitrag zur Geschichte der königlichen Theater in München. 25. November 1867 – 25. November 1892. München 1894, S. 243f.]. hält. Er läßt sich dort sein EigengewächsLudwig II. gab für die Opern und Theaterstücke der Separatvorstellungen detaillierte Anweisungen zur Gestaltung aufwändiger Bühnenbilder und Kostüme. Zwischen 1872 und 1885 veranstaltete er 209 Separataufführungen, zum letzten Mal im Frühjahr 1885. aufführen, wovon ihm jeder Act circa auf 60000 M zu stehen kommt. Gestern sah ich im Residenztheater die weiße DameFrançois-Adrien Boieldieus komische Oper „Die weiße Frau“ (1825) wurde am 6.5.1885 am Münchner Residenztheater gespielt. Emilie Herzog sang die Jenny., die mir sehr gut gefiel, besonders wegen des zarten duftigen Hauches der bei aller Naivität und fern von aller Sentimentalität über den/r/ ganzen Musik liet/g/t. | Auch der Barbier von SevillaGioachini Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“ (1816) wurde zuletzt am 3.5.1885 am Münchner Residenztheater gegeben. gefiel mir sehr gut, während dem ich Rossinis TellGioachini Rossinis Oper „Guillaume Tell“ (1829) war am 1.1.1885 am Königlichen Hof- und Nationaltheater aufgeführt worden. nicht besuchen mochte, aus demselben Grunde, wie/der/ Wagner davon abhielt ihn zu componiren, RespectFriedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“ zählte Richard Wagner, neben Goethes „Faust“ zu den „zwei Höhepunkten“, zu denen „sich das deutsche Genie“ erhoben hatte. „Der idealistische Schiller erreichte ihn in der Tiefe des ruhig sicheren Kernes der deutschen Volksnatur […], vom Untergange bis zum hoffnungsvollen Aufgange der Sonne edler deutscher Menschlichkeit gelangend.“ [Wagner-Encyklopädie. Haupterscheinungen der Kunst- und Kulturgeschichte im Lichte der Anschauung Richard Wagners. In wörtlichen Anführungen aus seinen Schriften dargestellt von C. Fr. Glasenapp. Bd. 2, Leipzig 1891, S. 137] Gioachinos Rossinis großen Opern-Erfolg mit seinem „Guillaume Tell“ in Paris (1829) betrachtete Wagner daher skeptisch und fragte, „ob man es sich unterstehen dürfe, dem Deutschen seinen ‚Tell‘ als übersetzte französische Oper zu bieten […] Jeder Deutsche, vom Professor bis zum untersten Gymnasiasten hinab, selbst die Komödianten, […] fühlten die Schmach, die ihnen mit der Vorführung dieser widerlichen Entstellung ihres eigenen besten Grundwesens geschah“ [ebd., S. 338]. vor unserm lieben guten Friedrich Christof Schiller. Umgang hab’ ich jetzt eigentlich hier sehr wenig, unter Studenten fast gar keinen, dagegen lernt’ ich einige HofmusiciIn einer Namensliste seiner Bekannten im Münchner Tagebuch verzeichnete Wedekind: „Franz Bennat, Kgl. Kammermusiker. Fritz Hilpert, Cellist […] Penzl Bratschist. Hoffmann Bratschist und Sänger v. Dietrich Bratschist. Kotschenreuter Posaunist Lander Violinist. Brunner Posaunist Scherzer Flötist. Skerle Harfenist aus Graz Ölgertner Geiger Neubert Trompeter Lehaer Ranftler“ [Tb München, S. 56f.], die sich als Mitglieder der Königlichen Hof-Kapelle belegen lassen. Es handelte sich um die Violoncellisten Franz Bennat (Schellingstr. 26/1) und Friedrich Hilpert (Theresienstr. 7/2), die Bratschisten Franz Xaver Penzl (Promenadeplatz 4/2 rechts), Max Hofmann (Reichenbachstr. 40/1) und Richard v. Ditterich (Kanalstr. 64a/2), die Posaunisten Johann Brunner (Theresienstr. 13/4 Rückgeb.) und Georg Kotschenreuther (Schellingstr. 36/3 rechts), den Flötisten Josef Scherzer (Schellingstr. 21/2 links), den Harfenisten August Skerle (Hildegardstr. 14½/3), den Trompeter Johann Neupert (Glückstr. 4/2) sowie die Geiger Christof Lehner (Jägerstr. 10/3 rechts), Anton Oelgärtner (Ludwigstr. 17a/3), Friedrich Sander (Heßstr. 36/2) und Karl Ramstler (Amalienstr. 21/1) [vgl. Almanach des Königl. Hof- und National-Theaters und des Königl. Residenz-Theaters zu München für das Jahr 1885. Hg. v. Anton Hagen. Jg. 15. München 1886, S. 14-17]. kennen, sehr nette Leute von gediegner Bildung, jen/d/er von interessant ausgeprägter Individualität, Alle begeistert für ihre Kunst mit e/ä/chtem schaffenslustigem Ernste und als rechte Künstler von weitenSchreibversehen, statt: von weitem. Horizonte. Es ist doch recht eigenthümlich, daß die Bühnenwelt beinah so groß ist wie die ganze übrige Welt; hier in München ist sie fast noch größer aber das hängt hä/a/lt mit den Verhältnissen zusammen. Ich wandere jetzt jeden Morgen um | 7 Uhr ins CollegWedekind war als Jurastudent an der Ludwig-Maximilians-Universität eingeschrieben. Seinem Vater hatte er zuletzt über die besuchten Veranstaltungen berichtet [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 27.4.1885]. und bleibe 4 Mal in der Woche bis um 12, 2 Mal bis um 10 Uhr. Die regnerischen Nachmittage verbring ich auf der Bibliothek oder zu Hause. Wenn Du Frau Jahn sehen solltest, so richt’ ihr meine besten Empfehlungen aus, wenn Du so gut sein willst. Ich hab ihr einen längeren Briefvgl. Wedekind an Bertha Jahn, 12.4.1885. geschrieben aber sie scheint auch viel zu thun zu haben. – Papa laß ich herzlich DankenSchreibversehen, statt: herzlich danken. für seinen Brief und die Beilagenvgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 29.4.1885. Bei den Beilagen handelte es sich um „Coupons“, die Wedekind bei der Bank gegen Geld eintauschen konnte, um seine Studienkosten zu bestreiten.. Ich werde ihm bei nächstemwohl für: demnächst. extra schreiben und lasse ihn herzlich grüßen. Ebenso Doda und die MaidlisWedekinds Schwestern Erika und Emilie (Mati).. Ich bleibe mit tausend Küssen Dein treuer Sohn Franklin.


[Beilage:]


Meiner lieben Muttervgl. KSA 1/I, S. 190-194 und KSA1/II, 1883-1885.
Zu ihrem Geburtstag 8.V.85.

von ihrem getreuen Sohne
Franklin. |

Wenn Lenzesodem über Feld und Flur
Und in der Bäume hohen Wipfeln webet,
Und wenn an allen Enden die Natur
Zur vollsten Pracht sich zu entfalten strebet,
Dann reget auch in mir sich neuer Muth,
Es schwillt das Herz von seligen Gefühlen,
In raschern Pulsen fließt mein junges Blut;
Und wie in stiller, kalter Meeresfluth
Auf ein Mal wilde Frühlingsstürme wühlen,
So brausen durch die unbewachte Brust
Begeisternd alle himmlischen Gewalten,
Bis Schaffensdrang und süße Lebenslust
Zu frischem, frohem Sange sich gestalten: |

Hinaus in’s Freie
Treibt mich mein Sinn;
Dort herrscht die Weihe
Der Königin,

Die längst mich schauen
Und finden ließ
Auf grünen Auen
Ein Paradies,

Die mich ließ träumen,
Wie junge Kraft
Aus dichten Bäumen
Den Himmel schafft;

Sie, meine traute,
Geliebte Braut,
Die ihre Laute
Mir anvertraut, |

Mir zugewendet
Ihr Antlitz hold;
Und was sie spendet,
Ist lautres Gold;

Die mir die Wonne
Des Sanges lieh,
Sie, meine Sonne,
Die Poesie. ––

Wo klare Wellen
Dem tiefen Schooß
Der Erd’ entquellen
Im weichen Moos,

Wo unter Zweigen
Und jungem Laub
Sich Blumen neigen
Voll Blüthenstaub, |

Und wo die Kehlen
Der Vögel all’
Die Luft beseelen
Mit Jubelschall,

Da sitz’ ich gerne
In stiller Ruh,
Schau in die Ferne
Dem Süden zu.

Mein Sinnen lenk’ ich
Dann heimatwärts
Und Dein gedenk’ ich,
Lieb Mutterherz;

Wie Du uns geliebet
Gedenk’ ich Dein
Und bin betrübet
Dir fern zu sein. |

O, mög’ Dir tragen
Ein gut Geschick
In schönen Tagen
Noch manches Glück!

Mög’ es behüten
Die Pfade Dein,
Mehr Rosenblüthen
Als Dornen streun!

Und mög’ noch fächeln
Um Deinen Mund
Manch’ frohes Lächeln
Aus Herzensgrund!

Und wenn zu Zeiten
Dein Auge feucht,
So sei’n es Freuden,
Die Dich erweicht. |

Daß süßer Frieden
Im Herz Dir ruht,
Sei Dir beschieden
Als höchstes Gut! ––

Indeß mir so die Phantasie
Manch’ Bildniß zeigt aus alten Zeiten,
Und was einst Schönes mir gedieh,
Weiß freundlich vor mir auszubreiten,
Vergeß’ ich alles um mich her,
Nur Einem Traume hingegeben,
Als ob aus meinem Jugendleben
Ein Theil zurückgekehret wär’:

Denkst Du wol noch daran zurück,
Wie wir all’abendlich beim Lampenscheine
So manchen schönen Augenblick
Verplauderten in traulichem Vereine? |
Wie wir geschwatzt, verhandelt und gelacht,
Wol manchmal auch ein ernstes Wort geredet,
Da ich zum ersten Male mich entblödet,
Dir auszukramen, was mein Sinn gedacht?
O, damals hab’ ich kaum den Werth
Der schönen Stunden hoch genug geehrt.
Nur selten weiß der Mensch, was er genießet,
Zu schätzen schon im nämlichen Moment;
Oft, daß den Strom er kaum mit Namen kennt,
Der mächtig rauschend ihm vorüberfließet.
Doch ist er erst zu seinem Ziel gekommen,
So sagt er doch: „Ich sah den Rhein!
„Ich blickte tief bis auf den Grund hinein,
„Hab’ den Gesang der Nixen auch vernommen.
„Ich sah den Nibelungenhort
„Im lichten Glanz von Gold und Edelsteinen. –“
Und auch mein Aug’ erblickt e/i/hn, sollt’ ich meinen,
S/D/enn Gold und Edelstein war hier wie dort: |
Das Gold der ersten, eigenen Gedanken,
Das aus dem Herz mir quoll mit wilder Macht,
Noch ungemünzt, wie Erz aus Bergesschacht. –
Du sahst sie ungestüm zum Himmel ranken,
Und mit besorgter kluger Hand
Hast Du die losen Ranken mir umwunden,
Und hast mit einem starken Band
An manchen sichern Stamm sie festgebunden.
Das sind die Stellen, wo mit einem Mal
Die Pflanze brechen kann in schönster Blüthe;
Du stärktest sie mit innigem Gemüthe
Und durch die herzerhebendste Moral.
Und dieses nenn’ ich meine Edelsteine
Die erst zur Menschenwürde mich geweiht;
Mit meinem Gold in glänzendem Vereine
Sind sie des Lebens herrlichstes Geschmeid’. |
Sie bilden eine lichte Strahlenkrone,
Die ihren Träger wunderbar beglückt,
Die Du in trauter Stunde deinem Sohne
Mit liebevoller Hand auf’s Haupt gedrückt.

Und wie den König, der die Krone trägt,
So laß auch mich in Andacht Dir geloben,
Daß sich auf ihren Glanz kein Schatten legt,
So lang ein Herz in diesem Busen schlägt,
Von Dankbarkeit und Edelsinn gehoben. ––


[Kuvert:]


Frau Dr. Wedekind
auf Schloss Lenzburg
im
Schweizerland.

fr.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 9. Mai 1885 (Samstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 29.5.1885 aus München:]


Jetzt hab’ ich schon drei liebe Briefe auf von Dir auf Lager [...]


[2. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 29.5.1885 aus München:]


Sie selber sprach sich besonders anerkennend über den Umfang des Poemas aus aber mit der Befürchtung, ob das nicht auch meine Studien zu sehr beansprucht hätte.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 27. Mai 1885 (Mittwoch)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis und Zitat in Kutscher 1, S. 124:]


Im Mai 85 schreibt sie: „Immer noch harre ich vergebens auf eine kleine Nachricht, ob Du deine SockenEmilie Wedekind hatte ihrem Sohn schon vor längerer Zeit Socken zugesandt [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 25.4.1885]. In seinem nächsten Brief bestätigte er deren Erhalt [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 29.4.1885]. hast. Das plagt mich so, daß ich deshalb immer an Dich denken muß und wie es Dir geht und was Du wohl machst. Oder ist es vielleicht auch umgekehrt, daß ich, weil ich so viel an Dich denke, dann auch mit der Sockenfrage keine Ruhe finde? Du Philosoph und Menschenkenner, sag mir das im nächsten Brief, der aber bald kommen muß, sonst vollbringe ich irgendetwas Schreckliches!“

Einzelstellenkommentare

München, 29. Mai 1885 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

München, im Mai 1885 –


Liebe Mama.

Jetzt hab’ ich schon drei liebe BriefeSeit Wedekinds Geburtstagsbrief [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 7.5.1885] ist von der Mutter lediglich ein Briefzitat überliefert [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 27.5.1885], so dass zwei weitere Briefe zu erschließen sind: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 25.4.1885 und 9.5.1885. auf von Dir auf Lager und will sie demnach der chronologischen Reihenfolge nach getreulich beantworten. Vor allem aber für alle Drei meinen herzlichsten Dank und der aufrichtige Wunsch, es möchten Dir meine Briefe eben so großes Vergnügen bereiten, wie die Deinigen mir, denn als dann müßtest du manche frohe Stunde haben. Aufrichtig gestanden, ich übertreibe min/t/ keiner Sylbe,: Deinen letzten Brief hab’ ich vor heller Freude abgeküßt, als ich | noch kaum die erste Seite herunter gelesen hatte. Das war aber auch ein ä/e/chter impulsiver Herzenserguß, den nicht irgend eine Gelegenheit, ein geschäftliches Bagatell zu verantworten hatte, sondern der aus dem reinen Drang nach Mittheilung, nach Entlastung der übervollen Seele geflossen ist. Und nun soll ich dich also tadeln, weil du von der RectoratsgeschichteDie näheren Umstände sind nicht ermittelt; Wedekind erwähnte die Geschichte bereits in seinem Neujahrsbrief [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 31.12.1884]. geschwatzt hast? – Aber was denkst du denn von mir, liebe Mama,/?/ e/E/s hat mich selten etwas so gefreut, wie dieser scharfe Streit zwischen den Schlichen des Jesuitismus und der Frömmelei und dem unerschrockenen Muthe von Wahrheit und Gerechtigkeit, den Du so rühmlich ausgekämpft hat/s/t. Und wie singt doch der alte Heide, der universalmenschSchreibversehen, statt: Universalmensch. Göthe, obschon er sonst nicht gerade dein Freund ist: Nur die LumpenZitat aus Johann Wolfgang Goethes Gedicht „Rechenschaft“ (1810), das zum geflügelten Wort avanciert war: „Nur die Lumpe sind bescheiden, / Brave freuen sich der That“ [Büchmann 1879, S. 90]. sind bescheiden, Gute freuen sich der That[“], und darin hat er meiner unmaßgeblichen | Ansicht nach vollkommen Recht, denn es scheint mir das Zeichen eines kleinlichen Geistes zu sein, wenn man nicht einmal den Muth hat, zu seinen guten Seiten zu stehen, geschweigen denn zu seinen S/s/chlechten. Treten a/d/och auch die alten Helden im Homer jeweilen mit den Worten auf: „Ich rühme mich, der und der zu sein und dies und jenes vollbracht zu haben.“ Ich selber bin ja, du weißt es, durchaus kein Freund von Selbstüberhebung, aber dennoch glaube ich, daß die Rücksichtschinderei, die vielen leeren Phrasen und gegenseitigen Unwahrheiten, die man sich heutzutage auf Schritt und Tritt ins Gesicht sagen muß, nicht des Geringsten wenig daran schuld sind, daß alle Welt seine Naivetät verloren hat und kein Mensch mehr im Stande ist, natürlich zu denken und zu empfinden. –– Ob Herr Gymnasiallehrer Schneidewin in Hameln selber auch ein PessimistDer Latein- und Griechisch-Lehrer Max Schneidewin hatte unter anderem auch zum philosophischen Pessimismus publiziert, darunter der Essay „Arthur Schopenhauer und Eduard von Hartmann“ [in: Drei populär-philosophische Essays. Hameln 1883, S. 3-25]. Außerdem hatte er das Buch „Lichtstrahlen aus Ed. v. Hartmann’s sämmtlichen Werken“ (1881) herausgegeben und mit einer Einleitung versehen, das Wedekind 1881 von seiner ‚philosophischen Tante‘ Olga Plümacher zum 17.Geburtstag geschenkt bekommen hatte [vgl. Kutscher 1, S. 46]. ist, weiß ich nicht; aber ich weiß, daß er Lichtstrahlen aus E v. Hartmanns Werken herausge|geben hat und deshalb wol auch in irgend welcher persönlichen Beziehung zu ihm stehen wird. Immerhin freut es mich ungemein für Fra/Tan/te Plümacher, daß jener Mann ihren ja gewiß verdienten Ruf verbreiten hilftOlga Plümachers Beschäftigung mit Eduard von Hartmann schlug sich in den beiden philosophiehistorischen Monographien „Der Kampf um’s Unbewusste“ (Berlin 1881) und „Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart. Geschichtliches und Kritisches“ (Heidelberg 1884) nieder. Diese Publikationen veranlassten Max Schneidewin zu seinem Aufsatz „Eine phänomenale Frau“ [Hannoverscher Courier, Jg. 32, Nr. 13448, 1.5.1885, Morgen-Ausgabe, S. (1)-3], in dem er bekannt machte, „daß sich jüngst eine Frau auf dem der Frauennatur fernab liegenden Gebiete der strengen Philosophie durch ganz hervorragende Leistungen einen Lorbeerkranz gewunden hat“ [S. 1], da „diese Frau sich als vollständige Beherrscherin der einschlägigen philosophischen monographischen Literatur erweist“ [S. 3]. Und obwohl Schneidewin sich „der gewaltigen Kämpferin O. Plümacher“ für den Pessismismus nicht anschließen will, hebt er nachdrücklich „die Phänomenalität der Geisteskraft und der Leistungen dieser Frau“ [S. 3] hervor. Im Herbst setzte er seine Auseinandersetzung mit Olga Plümacher in seinem Aufsatz „Zur populären Orientierung über den modernen philosophischen Pessimismus“ [Hannoverscher Courier, Jg. 32, Nr. 13638, 20.10.1885, Abend-Ausgabe, S. (1)-2 und Nr. 13639, 21.10.1885, S. 5-6] fort. In einer späteren Rezension betonte er dann noch einmal das „märchenhafte und nie dagewesene Genie einer Olga Plümacher für die schwierigsten und abstrusesten Fragen der Weltweisheit“ [Hannoverscher Courier, Jg. 39, Nr. 17669, 1.6.1892, Abend-Ausgabe, S. (1)].. Aber vielleicht rechnet er auch darauf, daß die phänomänaleSchreibversehen, statt: phänomenale. Frau über kurz oder lang einen phänomänalen Mann in der ZeitenSchreibversehen, statt: in der Zeitung. proclamirt. Wenn du michvielfach verbreitetes Zitat der Schlussverse aus Heinrich Leutholds Gedicht „Auf Gegenseitigkeit“ (1872): „Und wenn du mich mit Goethe vergleichst, /Vergleich’ ich dich mit Lessing.“ [Heinrich Leuthold: Gedichte. Frauenfeld 1879, S. 103] mit dem Göthe vergleichst, vergleich ich dich mit dem Lessing.“ schreibt Leuthold und warum sollen sich auch die Literaten nicht gegenseitig aufhelfen und beistehen? Nur ist es für das superiorere Genie halt immer ein schlechter Tausch. –– Mir geht es hier in München soweit sehr gut. Umgang hab’ ich nicht viel aber dafür um so gewählteren. Letzten Mittwocham 27.5.1885. sah und hörte ich zum zweiten MaleMozarts Oper „Figaros Hochzeit“ (1786) wurde am 27.5.1885 am Königlichen Hof- und Nationaltheater München aufgeführt; Emilie Herzog sang den Cherubin. Zum ersten Mal hat Wedekind die Oper dort am 11.12.1884 oder am 29.1.1885 sehen können. Figaros Hochzeit und nächsten Donnerstagam 4.6.1885. wird die ZauberflöteDie Aufführung von Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ (1791) fand am Königlichen Hof- und Nationaltheater München nicht am Donnerstag, sondern erst am Sonntag, den 7.6.1885 statt; Emilie Herzog sang die Papagena. gegeben. Das ist mir doch die liebste Musik trotz aller Virtuosität | Kraftgenialität, Sentimentalität und Frivolität anderer jüngerer Meister. Solch’ schöne, reine, lebensfrohe Klänge zu vernehmen ist doch der höchste musikalische Genuß den ich mir denken und verstehen kann. Jüngst las ich auch das Leben Mozartsvermutlich die populäre Mozart-Biographie von Ludwig Meinardus, der in seiner Einleitung schrieb, Mozarts „Lebensdrama“ habe „das Gepräge einer Tragödie“ [Ludwig Meinardus: Mozart. Ein Künstlerleben. Berlin, Leipzig 1883, S. VIII]., eine erschütternde Tragödie, die mich mehr ergriffen hat, als irgend eine auf der Münchner Hofbühne. – Herrn Glinzmöglicherweise Theophil Glinz, der seit 1882 Zeichen- und Turnlehrer an der Bezirksschule in Lenzburg war., katzenmusikalischen Angedenkens, sah ich allerdings eine Zeit lang hier in den Straßen herumschnüffeln und traf ihn auch öfters im Theater an. Da ich ihm aber schon das erste Mal keine Gelegenheit gab, sich mir zu nähern, so sahen wir auch in der Folgezeit an einander vorbei, ohne uns zu bemerken. – Und nun grüße ich Dich, liebe Mama, von ganzen Herzen, und auch die andern alle, besonders Doda, den kleinen großen Don Chuan, und verbleibe indessen Dein treuer Sohn Franklin. – |


P. S. Die Socken hab’ ich richtig erhaltenHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zu der Sendung; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 25.4.1885. Die Mutter hatte sich zuletzt nach dem Verbleib der Socken erkundigt [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 27.5.1885].. Meinen besten Dank dafür, ich trage sie schon über einen Monat lang.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 23. Juli 1885 (Donnerstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 12.8.1885 aus München:]


Meinen herzlichsten Dank an Mama für den lieben Brief, den sie mir zum Geburtstag schrieb.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 16. August 1885 (Sonntag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 26.8.1885 aus München:]


[...] tausend Dank für Deinen lieben großen Brief und auch für den von Mama [...]

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 5. September 1885 (Samstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 7.9.1885 aus München:]


Dein lieber Brief fiel mir wie ein Stein auf die Seele [...] Du meinst in Deinem lieben Briefe [...]

Einzelstellenkommentare

München, 7. September 1885 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

München 7.IX.85.


Liebe Mama,

Dein lieber Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 5.9.1885. fiel mir wie ein Stein auf die Seele, denn ich sah daraus, daß grade dasjenige eingetroffen, was zu umgehen mein einziger Gedanke gewesen war. In jedem Briefevgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885, 26.8.1885 und 4.9.1885. hatte ich mit ängstlicher Sorge darauf gesehen, Euch möglichst wenig durch meine KrankheitWedekind hatte sich am 3.8.1885 einen Rotlauf am linken Unterschenkel zugezogen, über den er seinen Vater Mitte August erstmals unterrichtete [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885]. Die besorgte Mutter hatte sich inzwischen bei dem behandelten Arzt, Johann Nepomuk von Nussbaum, selbst nach dem Gesundheitszustand ihres Sohnes erkundigt, wie der überlieferte Antwortbrief belegt, der die Angaben Frank Wedekinds bestätigte [vgl. Johann Nepomuk Nussbaum an Emilie Wedekind, 8.9.1885, Mü FW B 120]. zu beunruhigen, aber jetzt seh’ ich ein, daß ich gerade das Gegentheil von dem erreichte, was meine Absicht war. ––

Daß ich in letzter Woche keine Nachricht gab, konnte Euch freilich in Sorge versetzen; aber es lag eben in den Verhältnissen. Von Tag zu Tag hoffte ich ja darauf | daß ich Euch den bestimmten Termin meiner AnkunftZuvor hatte Wedekind die angekündigten Termine (erst am 23.8.1885, dann am 1.9.1885) für seine Ankunft in Lenzburg, wo er die Semesterferien verbringen wollte, mehrfach verschieben müssen, wie aus der Korrespondenz mit dem Vater hervorgeht. melden könnte; der DoctorWedekind lag im Studentensaal des städtischen Krankenhauses links der Isar (Krankenhausstraße 1) und wurde dort von Prof. Dr. Johann Nepomuk Ritter von Nussbaum sowie weiteren Ärzten (Ludwig Pfeiffer und Julius Fessler) behandelt [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885, 12. und 15.9.1885]. hatte mir die Woche vorher gesagt, daß ich im Lauf die/er/ Nächsten mit b reisen könnte. Aber mein Bein wollte halt nicht stärker werden, kaum, daß ich mich damit im Saal herumbewegen konnte. Das war auch gar kein Wunder bei dem großen a/A/bsceß, der, drei Finger breit und fünf Zoll lang, einen halben Zoll toffSchreibversehen, statt: tief. unter der Haut gelegen hatte. Wenn er nun auch zu seiner Heilung mehr Zeit brauchte als der DocktorSchreibversehen, statt: Doctor (oder: Doktor). seh selbst vorausgesehen, so war die Heilung doch dermaßen, wie ich es zwar im Bewußtsein einr meiner guten Gesundheit und gesunden Säfte nicht anders erwartete, und daß der Doctor mehr als einmal wörtlich sagte, es könne gar nicht schöner aussehen und ich sei nur zu ängstlich, die ganz geringe Eiterung wäre gerade recht, es | wäre schlimm, wenn sie nicht vorhanden wäre. Nun kam vor einigen Tagen das andere Dingsdie Bildung eines Abszesses [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 26.8.1885]. dazu und da war es ja gut, daß ich nicht vorher Eure Hoffnung auf schnelles Wiedersehn wieder von neuem belebt hatte. Jetzt ist auch das im besten Heilen und eitert nicht mehr und der Doctor hat mir gesagt, wann es geheilt sein könnte; aber davon schreibe ich nun nichts um nicht am Ende noch einmal wiederrufenSchreibversehen, statt: widerrufen. zu müssen, denn gerade bei solchen Sachen kann man nie wissen was der nächste A/T/ag Neues bringt. ––

Nun ängstigt dich aber noch etwas, liebe Mama. Du meinst in Deinem lieben Briefes. o., ob ich mich nicht an –– „Saufgelagen“ fidel mache und dadurch meine Heilung verzögere. Wenn e/E/inem, nachdem der vier Wochen lang TagtäglichSchreibversehen, statt: tagtäglich. nichts als gutes Rindfleisch und schlechtes Gemüse gekostet hat, den Sonntag und Feiertage nicht ausgenommen, so könnte ich es ihm gewiß nicht verdenken, wenn ihm einmal der Wunsch nach einem | recht wilden „Saufgelage“ käme. Mir aber kam dieser Wunsch nicht und ich bin durchaus nicht stolz darauf; ich hatte andere Dinge, wonach ich mich sehnte. Um aber mit den zwei Deci L Wein, die ich jeden Tag bekomme, im ein „Saufgelage“ zu veranstalten, dazu bedürfte es ein/doch/ schon einer recht lebhaften Phantasie. –– Weiter besorgst du, ich möchte in schlechter Gesellschaft sein. Da hast du recht: Die Gesellschaft ist herzlich schlecht. Wenigstens nach meinen Begriffen. Sie besteht aus e/E/inem, der die Brustv/f/ellentzündung hat und sehr wenig sagt, aus einem HalbverrückteSchreibversehen, statt: Halbverrückten., der MagenkatarhSchreibversehen, statt: Magenkatarrh. hat und gar nichts sagt und aus einem alten Kerl von 24 Semestern, der an Wassersucht e. ct. leidet und seit drei Tagen schon zwei Mal sterben wollte. Das ist meine Gesellschaft; schlecht ist sie aber absolut ungefährlich; du kannst dich also in der Beziehung ebenfalls beruhigen. –– In meinen früheren Berichtenvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885, 26.8.1885 und 4.9.1885. klang das freilich alles ganz anders, aber warum?/!/ |

II.

Ihr schriebSchreibversehen, statt: schriebt. mir a/A/lle in Euern lieben BriefenVon den Briefen und Karten der Familie aus der Zeit von Wedekinds Klinikaufenthalt sind Briefe vom Vater [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 16.8.1885 und 27.8.1885], von Armin Wedekind [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 17.8.1885 und 27.8.1885] und von Erika Wedekind [vgl. Erika Wedekind, an Frank Wedekind, 27.8.1885] überliefert., wie Ihr mich beklagtet, daß ich hier fern von Euch im Spital liegen und krank sein müßte. Und da dachte ich, es würde euch wol lieb sein, mich wenigstens in angenehmer GesellschaftDavon schrieb Wedekind im Brief an den Vater [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 26.8.1885], ebenso, dass er „vergnügt und fidel“ sei. zu wissen. Weiter hab ich gewiß auch nichts geschrieben als daß die Leute eben alle aufgeräumt seien und mit sich sprechen ließen. Wie man aber auf eine speciell schlechte Gesellschaft und auf „Saufgelage“ aus meinem Brief schließen kann ist mir unbegreiflich. ––

Oder sollte vielleicht zu dieser Auslegung dasjenige geführt haben, was ich von meinem guten Humor schrieb? –– Das ist nun freilich thatsächlich. Ich bin wirklich immer guten Humors gewesen und suchte mich mit meiner Lage auszusöhnen; aber ich konnte das thun auch ohne dazu saufen zu müssen. Und diesen guten Humor will ich auch nicht aufgeben, selbst auf | die Gefahr hin, damit Anstoß zu erregen. Ich bin für diese Himmelsgabe ja gar nicht verantwortlich, aber weil sie mir einmal zu Theil ward, will ich sie auch nicht mit Füßen treten, denn der Humor ist einer von jenen Freunden, die uns am längsten treu bleiben.

Und jetzt, liebe, m/M/ama, verzeih mir, daß ich mich so eifrig vertheidigte, aber ich war es mir und Dir schuldig; auf solch häßliche Befürchtungen wirst Du jetzt nicht mehr fallen. – Meine Genesunhg geht also langsam aber si zufriedenstellend vorwärts. Ich kann jetzt schon ganz gut marschieren, aber darf es natürlich nicht, da das die kleine Wunde noch offen ist. Ich halte das Bein fortwährend in größter Ruhe vor mich auf einen Polsterstuhl. Jetzt kann ich demnach noch nicht kommen, aber später ganz gewiß. Wann, das wird die Zukunft lehren; eine Ewigkeit wird es wohl nicht mehr gehen und wie ich mich befinde Das wird dir alle zwei Tage eine Kartevgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 9.9.1885, 12.9.1885, 15.9.1885 und 18.9.1885. melden. Mit tausend Grüßen, besonders an Papa und Dich, liebe Mama, bleib ich dein treuer Sohn
Franklin.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 10. September 1885 (Donnerstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Postkarte an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 12.9.1885 aus München:]


Gestern bekam ich einen lieben Brief von Mama [...]

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 1. Dezember 1885 (Dienstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis, Referat und Zitat in Kutscher 1, S. 106f.:]


Frau Wedekind schildert im Dezember 85 die schöne eitle FrauBertha Jahn, Mutter von vier Kindern, seit Herbst 1882 verwitwet, war Inhaberin der Lenzburger Löwenapotheke. Sie wurde zur vertrauten Kritikerin von Wedekinds literarischen Projekten, zu der er seit Herbst 1884 auch eine erotische Beziehung pflegte; Wedekinds ‚erotische Tante‘. Ihr Name ist im Briefzitat vermutlich durch Kutscher mit einen „X“ verschleiert., welche noch als Ballmutter reizvoll genug war, um junge Damen eifersüchtig machen zu können, als ein Wesen von tiefem Gemüt und hohem Glauben an alles Gute, Große und Schöne, deren Zuneigung sich der Sohn ganz würdig erweisen solle. Aber, meint sie „Es fehlt ihr jene heilige Weihe, die dem Menschen durch erlebtes Unglück aufgedrückt wird. Sie war stets, sowohl von ihrem Vater, als auch von ihrem Manne verhätschelt worden, und sie kennt jene grenzenlose Erbitterung nicht, die durch die Ungerechtigkeit von Menschen hervorgerufen wird, die, je mehr wir sie lieben, desto schmerzlicher verletzen und verwunden. – Daher kommt es auch, daß sich X noch so viele Illusionen bewahrt hat, daher auch ihre in meinen Augen manchmal grenzenlose Unbedachtsamkeit. Sie kennt das Gebranntsein nicht, fürchtet daher auch kein Feuer und glaubt, daß es denjenigen, die auf dem Marterroste liegen, nicht mehr weh tue. Das ist, objektiv betrachtet, ganz schön und gut, und man kann sich freuen, in unseren Zeiten der extremen Empfindung noch jemand zu finden, der vom Leben so sanft angefaßt worden ist. Ich erfreue mich auch an dieser Erscheinung wie an einer duftvollen, exotischen Blume, besonders da sich bei unserer lieben Freundin zu ihren Eigenschaften noch diejenige ungewöhnlicher Menschenliebe und Duldsamkeit gesellt. Allein, um mich ganz befriedigt zu fühlen, und um sie zu meiner Freundin zu machen, fehlt mir an ihr die tragische, tiefe Färbung, jenes Verständnis für Handlungen, welche durch die Macht der Verzweiflung hervorgerufen werden, und die über alles Konventionelle hinweg sich vor allem andern ihr Recht zu erringen trachten. Frau X opfert gewiß manches ihrem Schönheitsgefühl und läßt in Haus und Umgebung oftmals fünf gerade sein, um nicht die vornehme schöne Gemütsruhe zu stören. Sie ist kein Feuergeist, sondern ein anmutiges, lächelndes Idyll.“


[2. Hinweis und Zitat in Kutscher 1, S. 124:]


Und im Dezember 85: „Es ist merkwürdig, daß ich sonst gar keinen Beweggrund habe, Dir zu schreiben, als eben das Pflichtgefühl, Deinen Brief vom 27. NovemberWedekind hatte an diesem Datum seinem Vater geschrieben [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 27.11.1885] und in dem Brief seiner Mutter Grüße bestellt. beantworten zu sollen. Kommt wohl der Mangel an Mitteilungsdrang daher, daß ich die ganze Zeit Deiner AbwesenheitNachdem Wedekind die zweite Hälfte der Semesterferien in Lenzburg verbracht hatte, war er am 2.11.1885 zum Studium nach München abgereist [vgl. Frank Wedekind an William Wedekind, 28.10.1885]. nur mit unerquicklichen Haushaltungsangelegenheiten und etwa Gartenarbeit beschäftigt war, mit welchen zu unterhalten ich Dich verschonen will, oder ist es wieder jene geistige Apathie, die mich früher schon so sehr in Banden gefangen gehalten hatte? Ich kann darauf nicht selber antworten. Ich tröste mich jedoch mit dem Gedanken, daß auch Du, mein geistreicher Sohn, einen ganzen Monat sammeln mußtest, bis Du Material genug zum Ausfüllen eines Briefes hattest. Vergleicht man nun Lenzburgs Produktivität an brieffähigen Artikeln mit München, so rechne ich, kommt ein Verhältnis heraus wie 1:10, sodaß ich ganz getrost noch neun Monate hätte warten können. Da ich aber als Mutter die Pflicht habe, meinen Kindern mit guten Beispielen zu imponieren, will ich nun eben probieren, mit wenig Mitteln Großes zu vollbringen.“

Einzelstellenkommentare

München, 21. Dezember 1885 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie, Wedekind, Friedrich Wilhelm

Montag 21. December 1885.


Liebe Eltern,

empfanget meine herzlichsten Wünsche zu den bevorstehenden Feiertagen und dazu eine Kleinigkeit auf den Weihnachtstisch. Die beiden Klavierauszügevermutlich zu Opern von Mozart, aus denen Emilie Wedekind selbst früher Arien gesungen hatte; um welche es sich dabei handelte, ist nicht ermittelt. hab’ ich in einem musikalischen Antiquariat ausgewählt und ich hoffe, sie werden Dir, liebe Mama, eine schöne Erinnerung sein. Ein Pendant zu MozhartSchreibversehen, statt: Mozart. in der Musik ist wol Rafael in der Malerei und die Madonna della Sediahäufig reproduziertes Rundgemälde (1513/14) des italienischen Renaissancemalers Raffael da Urbino; es zeigt die sitzende Maria mit dem Christuskind auf dem Schoß, neben ihr Johannes als Knabe mit Kreuzstab., mit einigen Oblatenfarbige Glanzbilder zur Dekoration. auf einen weißen Carton geheftet, wird vielleicht, lieber Papa, einen bescheidenen Platz unter in Deiner | GallerieSchreibversehen, statt: Galerie. finden. – Für Deinen lieben Briefvgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind 1.12.1885; überliefert ist nur ein Briefzitat., l. Mama, bin ich Dir noch herzlichsten Dank schuldig. Verzeih mir, daß ich Dich so lange auf eine Antwort warten ließ. Aber ich kann doch nicht immer nur über allfällige(schweiz.) eventuelle, etwaige. Kunstgenüsse schreiben und im Übrigen sind mir die letzten zwei Monate ziemlich eintönig verlaufen. Meine alten Bekannten traf ich alle wieder recht wohl und gesund an und hab’ außerdem noch einige neue Bekanntschaften gemacht. Herr Dr. WeltiHeinrich Welti, ein Freund Armin Wedekinds aus der Aarauer Schulzeit, arbeitete als Theater-, Musik- und Literaturkritiker für die „Münchner Neuesten Nachrichten“ und hatte 1882 mit einem Kapitel aus seiner Arbeit zur „Geschichte des Sonettes in der deutschen Dichtung“ promoviert, die 1884 vollständig erschien. Er trat in der Folgezeit mit Ausgaben zu Ludwig Tieck und Jean Racine (1886) als Herausgeber und einer Biographie zu Christoph Willibald Gluck (1887) als Buchautor in Erscheinung. hat seine Theaterkritik an den Nagel gehängt und arbeitet nun mit allem Fleiße daran, sich einen Namen zu machen und eine sicheres Einkommen zu finden um dann seine geliebte Emiliedie Schweizer Opernsängerin Emilie Herzog, die seit 1880 an der Münchner Hofoper engagiert war. Heinrich Welti heiratete sie 1890. heimführen zu können. Ich selber habe ihm sehr vieles zu danken. Half er mir | doch mit liebevoller Geduld mich in dem großen Chaos von Eindrücken jeder Art hier in München mich zurechtzufinden, so daß ich jetzt auf jedem Gebiete der Kunst auf dem besten Wege zu einem gesunden Urtheil bin. –– Seitdem ich nicht mehr so viel ins Theater gehe ist mir meine Bude umso wöhnlicher geworden. Ich habe sie durch einige Photographien nach alten Meistern um vieles veredelt und fühle mich in ihren vier Wänden in Gesellschaft meiner Bücher nicht minder in einem geheiligten Tempel, als wenn ich im Parterre des Hoftheaters oder an eine Korinthische Säule gelehnt im ConcertsaalDer Konzertsaal im Odeon war links und rechts von doppelreihigen Kolonaden umgeben, im Parkett mit toskanischen, im Galeriegeschoß mit ionischen Säulen. stehe. Der Musik bin ich in letzter Zeit etwas mehr nachgelaufen, als letztes Jahr. So hört’ ich einige reizende Quartt/e/tteDen genannten Komponisten zufolge besuchte Wedekind von den drei Soiréen des Walter-Quartetts die erste am 3.11.1885 und die dritte am 15.12.1885 (s. u.). Am 3.11.1885 wurden von Joseph Haydn das D-Dur Quartett op. 20 Nr. 4, von Robert Schumann das a-Moll Quartett op. 41 Nr. 1 und von Ludwig van Beethoven das C-Dur Quartett, op. 59 Nr. 3 gespielt [vgl. Allgemeine Zeitung, Nr. 308, 6.11.1885, 2. Beilage, S. 2]. Ob Wedekind auch die zweite Soirée am 30.11.1885 besuchte, ist ungewiss; auf dem Programm standen dabei Ludwig van Beethovens Serenade D-Dur op. 8, Anton Dvořáks Quartett Es-Dur op. 51 und Franz Schuberts d-Moll-Quartett aus dem Nachlass [vgl. Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger, Jg. 38, Nr. 335, 1.12.1885, 1. Blatt, S. 3]. , ganz mit Virtuosen besetzt. Sie spielten Haydn, Bethohven, SchumanSchreibversehen, statt: Beethoven, Schumann. e. ct. Zu/In/ der | letzten derartigen Soiréeam 15.12.1885. Die Presse kündigte an: „Die HH. Benno Walter, Ziegler, Thoms und Wihan geben in Verbindung mit den HH. Karl Hieber, Ebner, Closner und Perles am Dienstag den 15. d. M. im großen Saale des Museums ihre dritte und letzte Quartett-Soirée mit folgendem Programm: Joseph Haydn, op. 64 Nr. 1, Quartett in D-dur; L. van Beethoven, op. 95, Quartett in F-moll; Ludwig Spohr, op. 65, Doppelquartett für zwei Violinen, zwei Bratschen und zwei Violoncells.“ [Allgemeine Zeitung, Nr. 345, 13.12.1885, 2. Beilage, S. 3] wurde ein Doppelquartett von Spohr aufgeführt. Ich war mit einem alten weißlockigen Professor vom Conservatoriumnicht identifiziert. dort, der eine reinzendeSchreibversehen, statt: reizende. blonde Tochternicht identifiziert. hat. Besonders das Andantegemeint ist der 3. Satz des Doppelquartetts, ein Larghetto. war so elegisch, so mährchenhaft, wie ich noch kein Musikstück gehört habe; es erinnerte mich an eine StelleWedekind verschmilzt hier verschiedene Schilderungen von Kindheitserinnerungen bei Heine. In den „Florentinischen Nächten“ heißt es: „Bilder aus der Kindheit zogen mir dämmernd durch den Sinn, ich dachte an das Schloß meiner Mutter, an den wüsten Garten dort, an die schöne Marmorstatue, die im grünen Grase lag…“ [Heinrich Heine: Sämmtliche Werke. Bd. 4: Novellistische Fragmente. Hamburg 1876, S. 189] Eine zweite Passage findet sich in „Die Stadt Lucca“: „Ich erinnere mich noch ganz genau jener kleinen Zeit, wo ich mich eines frühen Morgens von Hause wegstahl und nach dem Hofgarten eilte […] Ich aber setzte mich auf eine alte mosige Steinbank in der sogenannten Seufzerallee unfern des Wasserfalls […] Es war ein trüber Tag, häßliche Nebelwolken zogen dem grauen Himmel entlang, die gelben Blätter fielen schmerzlich von den Bäumen, schwere Thränentropfen hingen an den letzten Blumen, die gar traurig welk die sterbenden Köpfchen senkten, die Nachtigallen waren längst verschollen, von allen Seiten starrte mich an das Bild der Vergänglichkeit“ [Heinrich Heine: Reisebilder. 2.Teil. Hamburg 1876, S. 406-409] Und in „Die Götter im Exil“ findet sich eine analoge Passage: „Andre Säulen, darunter manche von rosigem Marmor, lägen gebrochen auf dem Boden, und das Gras wuchere über die kostbaren Knäufe […] vielfach zerstört von der Witterung oder überwachsen von Moos und Epheu.“ [Heinrich Heine: Sämmtliche Werke. Bd. 4. Deutschland II. Hamburg 1876, S. 187] aus Heines Reisebildern, wo der Verfasser in einem etwas verkommenen Park aus der Rococozeit spazieren geht; es ist trübes Wetter und im hohen feuchten Gras liegen, halb überwachsen, umgeworfene Marmorstatuen, denen Moos in den Augen grünt. Nach beendeter Soiree ließ mich Frl. Herzog fragen, warum ich sie denn fortwährend angesehn hätte. Sie hatte sich geirrt; meine Aufmerksamkeit galt der/m/ schönen Töchter|lein des Musikproffessors, der/ie/ in der nämlichen Richtung aber bedeutend weiter zurück im Saal Platz genommen hatte. Am Abend des Weihnachtstages höre ich eine Symphonie von BethovenDie Presse kündigte für den 25.12.1885 an: „(Die Musikalische Akademie) bringt in ihrem, am ersten Weihnachtstag – Freitag – im kgl. Odeon Abends 7 Uhr stattfindenden letzten Abonnements-Konzert folgendes Programm: Sinfonie Nr. 4 B-dur, op. 60 von Beethoven; [Nils Gades] Frühlingsfantasie op. 23 für vier Solostimmen, Pianoforte und Orchester, vorgetragen von Frl. Herzog und Blank, den Herrn Mikorey und Fuchs […]; Wald-Horn-Konzert Nr. 4, Es-dur von Mozart […] und der Huldigungsmarsch von Rich. Wagner.“ [Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger, Jg. 38, Nr. 357, 23.12.1885, 1. Blatt, S. 10], gewiß nicht die ungeeignetste Art, dieses Fest andächtig zu begehen.

Um den Glanz eines Weihnachtsbaumes zu genießen, werd ich mich auch dieses Jahr wieder im Geist in vergangene Zeiten der Kindheit oder in eine Gegenwart, wie sie zu Hause sich gestaltet, versetzen müssen. Mög euch a/A/llen auch der diesjährige Heilige Abend wieder recht viele goldene Freude bringen! Laßt euch im Geiste umarmen, Mieze, Doda und Du, liebes Mati; denket daran, das ihr nicht ewig jung und sorglos bleibet und danket unserm lieben, guten Papa aufs herzlichste dafür, daß | da er uns so herrliche Augenblicke, so sch glückliche Tage und so herrliche schöne Erinnerungen für’s ganze Leben bereitet. – Und nun lebt wohl, Alle zusammen; im Geiste bin ich bei euch und wünsche euch Gesundheit und frohen Sinn für die kommenden Tage und Glück und Zufriedenheit für alle Zeiten. Mit tausend Grüßen bin ich euer treuer DankbarerSchreibversehen, statt: dankbarer. Sohn und Bruder
Franklin.


Der schlechten Schrift wegen bitte ich um Verzeihung. Ich mußte mich beeilen, damit das Paket noch zu BahnSchreibversehen, statt: zur Bahn. kommt.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 23. Dezember 1885 (Mittwoch)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

Mein lieber Babiinnerfamiliärer Kosename Frank Wedekinds (häufig auch: Bebi).!

Ganz schnell noch ein Pa paar Begleitworte zu dem Toilettness/c/éss/ss/aire! Ich dachte bei dem Ankauf desselben daran, wie Du mir immer alle Nähnadeln aus den Kissen nahmst um Dir damit in den Zähnen zu grübelnbohren, stochern [vgl. DWB 9, Sp. 612].. Der Kamm ist ganz allein fur zur Pflege Deines langen Bartes. Nun wünschen wir Dir Alle ein recht fröhliches Weihnachtsfest. Bleibe gesund und brav und erfreue uns bald mit einem lieben langen BriefWedekinds Brief an die Eltern vom 21.12.1885 traf erst am 24.12.1885 ein [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 30.12.1885].. Zu den Gütsis„im Allg. Zuckerbackwerk, Confect, Naschwerk, Süssigkeit, süsser Kram, Bonbon (bes. für Kinder)“ [Schweizerisches Idiotikon 2, S. 554]. kommen noch tausend Küsse von Deinen Lieben und ganz besonders von Deiner alten treuen Mutter. ––

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 30. Dezember 1885 (Mittwoch)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

Mein vielgeliebter Babeinnerfamiliärer Kosename Frank Wedekinds (häufig auch: Bebi).!

Weihnachten, mit seinen Leiden und Freuden ist vorüber und nun mahnt einemSchreibversehen, statt: einen. der Anblick der Geschenke, als Beweise der Liebe, den Gebern zu danken. Den Nahen hat man seinen warmen Dank schon lange ausgesprochen allein Dir und der lieben guten Tante PlümacherOlga Plümacher wohnte seinerzeit in Stein am Rhein. muß man zu dem Zweck schreiben, damit Ihr gewahr werdet, daß Eure Absicht, Freude zu machen vollkommen erreicht worden ist. Die beiden Partiturenvgl. Frank Wedekind an Emilie und Friedrich Wilhelm Wedekind, 21.12.1885. haben mich sehr erfreut. Zwar ist es für mich etwas schwierig und nur mit Mühe gebe ich auf dem Clavier diese Kunstwerke wieder. D/E/igentlich stottere ich sie ungeschiktSchreibversehen, statt: ungeschickt. genug auf die/en/ Tasten herunter, aber dennoch erfüllt es mich mit großer Freude, wenn ich nach langem vergeblichem Suchen | altbekannte, liebe Melodien heraushöre, die mir ebenso willkommen sind, wie die Gesichter alter lieber Freunde, die man erst nach langem Sinnen unter den Runzenln wiedererkennt welche ihnen vom Alter gezogen wurden. Von Papa wirst Du wohl auch noch hören, wie sehr ihn das wunderschöne Bildeine Reproduktion von Raffaels Madonna della Sedia [vgl. Frank Wedekind an Emilie und Friedrich Wilhelm Wedekind, 21.12.1885]. erfreute. Nicht nur ihnSchreibversehen, statt: Nicht nur ihm. sondern uns allen war der Anblick ein hoher Genuß. Deßhalb danke ich Dir auch dafür tausendmal und zuletzt, aber nicht zum Wenigsten für Deinen, an uns Alle gerichteten schönen Briefvgl. Frank Wedekind an Emilie und Friedrich Wilhelm Wedekind, 21.12.1885., der so sehr seinen Zweck erfüllte, daß Alle davon gerührt und ergriffen waren. Deine Sendung kam am 24. Vormittags. Wir öffneten es aber erst Abends bei der Bescheerung.

Unser Weihnachtsfest ging ganz nach altem Herkommen und Brauch von statten. Armin kam | mit Papa am Mittwochden 23.12.1885. und machte sich sehr nützlich durch das Schmücken des Baumes und andere kleine Gefälligkeiten. Was uns der Weihnachten alleSchreibversehen, statt: alles. für Herrlichkeiten gebracht hat will ich den AndernVon den Briefen aus der Familie mit Bezug auf das Weihnachtsfest sind erhalten: Emilie (Mati) Wedekind an Frank Wedekind, 31.12.1885; Armin Wedekind an Frank Wedekind, 1.2.1886. überlassen Dir genau zu schreiben nur so viel sei Dir kund und zu wissen, daß ich, auf Donalds beharrliche Bemühungen von Papa einen herrlichen neuen Wintermantel bekam, welchen ich wirklich mit wahrem Entzücken begrüßt habe.

Unser Mati hat sich an den Gütsi’s„im Allg. Zuckerbackwerk, Confect, Naschwerk, Süssigkeit, süsser Kram, Bonbon (bes. für Kinder)“ [Schweizerisches Idiotikon 2, S. 554]. den Magen verdorben und liegt seit gestern zu Bett. Am letzten Sonntagam 27.12.1885. kamen die LisaLisa Jahn, für die Wedekind zeitweise schwärmte und die seine Gefühle im Herbst 1885 erwidert haben soll [vgl. Kutscher 1, S. 112], war die älteste Tochter der Lenzburger Apothekerwitwe Bertha Jahn – Wedekinds ‘erotischer Tante’ [vgl. die Korrespondenz]. An die 2 Jahre jüngere Freundin adressierte Wedekind die Gedichte „Lisa Jahn“ [KSA 1/I, S. 188; vgl. KSA 1/I, S. 966f.], „An Lisa“ [KSA 1/I, S. 202; vgl. KSA 1/II, S. 1810f.] und „An Francisca de Warens“ [KSA 1/I, S. 417; vgl. KSA 1/I, S. 1917f.]. und Hanni JahnHanna Jahn, die 25jährige Tochter von Bertha Jahn.s, wurden um 7 Uhr von VictorVictor Jahn, der Bruder von Lisa und Hanna Jahn. abgeholt, der aber noch bis 11½ Uhr geduldig wartete. Es wurde getanzt und SpielerSchreibversehen, statt: Spiele. gemacht aber eigentlich war es doch ziemlich langweilig. ––

Von Minna habe ich eine brillante Photographie mit Briefnicht überliefert. erhalten. | Ist die PhotogrphieSchreibversehen, statt: Photographie. gut, dann kann sich Minna gratulieren, den dannSchreibversehen, statt: denn dann. ist sie beinahe hübsch geworden.

Tante Plümacher schickte mir ein weiches, sehr orginell gearbeitetes Rückenkissen damit ich mein theures Haupt nicht mehr auf die harten Seitenlehnen unseres Sofäle’s im Wohnzimmer zu legen brauche. Mein lieber, guter Armin, welcher mir kurz vor seiner Ankunft noch einen rührenden VersöhnungsbriefDer Brief Armin Wedekinds an seine Mutter ist nicht überliefert; der Zusammenhang nicht ermittelt. geschrieben hatte überraschte mich mit einer prachtvollen Palme, die wie ich mir schon lange eine gewünscht hatte auf meinen Blumentisch. Somit siehst Du, mein lieber Franklin, daß ich wohl Ursache hatte von den Freuden des Weihnachtsfestes zu sprechen und dieses mal überwiegen sie wohl die Leiden die hauptsächlich in der Angst bestanden, daß die Kinder sich an den Kuchen den Magen verderben könnten, eine | Befürchtung, die nun unser Mati auch richtig bestätigt hat. ––

Ar Miezchen hat, neben vielem Anderem den Göthe bekommen. Gestern nun, indem er die Pflege bei Mati übernahm, las mir Armin mehrere Stunden daraus vor und zwar aus Wahrheit und Dichtung. Ich habe innerlich dem Altmeister Abbitte gethan, denn diese Bekenntnisse aus seiner Jugend haben mich wahrhaftig entzükt. Es kam so mancher recht menschlicher Zug darin vor, so kernig und liebenswürdig erzählt daß mir dieses/r/ Theil seiner Werke denselben Eindruck machte, wie das Gedicht von J unserm Herrn JesusJohann Wolfgang Goethes Ballade „Legende“ (1798). und seinen Jüngern mit seiner reizenden behaglichen Naivität. – Ich wollte, ich könnte Dir noch mehr schreiben über Gelesenes und Erlebtes. Allein da ist der Schreckensjunge Doda mit seiner Katze, dem Goldigen, der einem keinen ruhigen Augenblick läßt. | Ich würde Gefahr laufen, Dir allerlei ungereimtes Zeug zu schreiben daher will ich lieber schließen. Zum neuen Jahre kann ich Dir nichts anderes wünschen als was ich Dir tagtäglich wünsche. Alles Glück und Gottes Seegen. Bleibe brav und gesund und erfreue uns bald wieder mit Deinen Nachrichten. Tausend Grüße von Allen. Ich aber küsse Dich und bleibe Deine Dich zärtlich liebende Mutter

Emilie Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 20. Januar 1886 (Mittwoch)
von Wedekind, Emilie (Mati) und Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

E W


Den 20. Januar. 1886.


Lieber Bebi.

Du hast mir jetzt so lange nicht geschrieben; und ich habe Dir nun schon so manchen Brief geschrieben, nun schreibe ich Dir aber zum letzten male bevor Du mir wieder einen schreibst. Die MatildeMathilde war das „Hausmädchen auf Schloss Lenzburg“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 350]. hat sich gestern und und vorgestern die Arme aufgewaschenin der Bedeutung: aufgescheuert [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 91]., und die AnnaAnna Frei war Stubenmagd auf Schloss Lenzburg [vgl. Emilie (Mati) Wedekind an Frank Wedekind, 23.4.1886]; sie war wohl kaum identisch mit derjenigen „Angestellten auf Schloß Lenzburg“ [KSA 1/I, S. 909], auf die Wedekind sein Jugendgedicht „An Anna“ (1877) gemacht hat. hat eine geschwollene | Backe und auch die Lippe ist ganz geschwollen b. Doda lernt jetzt eben Latein. Ich bin heute den ganzen Nachmittag draußen gewesen,. Ich war auch heute morgen nich in der Schule weil es sehr stark geschneit hat, aber Mize ist auch nicht in der Schule geweset/n/, aber Doda hingegen ist in der Schule gewesen. Die Eisbahn war 2 Tage ertöffnet und da ist sie auch 2 mahl eingebrochen | Ich bin vorgestern in den Weier gefallen nähmlich daß [Zeichnung] ging so wie wenn jetzt daß der Weier wäre, so stand ich da und Doda stand neben draußt/e/n an der Wand da fiel ich um, und ‒ daß Eis ist eingebrochen; da konnte ich mich noch halten und, brüllte immer filfgemeint ist: hilf. mir! b als nun Pappa aus dem Fenster guckte sagten er, was denn da seie. Da sagte ich Doda sei nicht die | Schuld. Ich weiß Dir nun nichts mehr zum schreiben, darum sage ich Dir jetzt adjö, also adjö lieber Bebi, entschuldige daß ich so schlecht geschrieben habe, es grüß Dich und küßt Dich Deine liebe
Mati.


Mein lieber Bebi! Warum antwortest Du nicht auf Papas Geldsendungen? Er ist recht bekümmert, daß Du wieder krankAnspielung auf Wedekinds Krankenhausaufenthalt im Sommer 1885. sein könntest oder sonst etwas nicht ist wie es sein sollte. Du weißt, daß Papa sich nicht beruhigen lassen will, daher bitte ich Dich sofortdreifach unterstrichen. zu schreiben u zwar an Papa.

Mit herzl. Grüßen Deine treue Mutter

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 22. Februar 1886 (Montag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis und Zitat in Kutscher 1, S. 139:]


Die Mutter schreibt: „Du hast uns das erste gelungene Familienfestdas Fest zum 70. Geburtstag des Vaters am 21.2.1886, zu dem Wedekind ein langes Gedicht verfasst und nach Lenzburg geschickt hatte [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 20.2.1886]. bereitet. Ich für meinen Teil sage Dir, es war der schönste Tag meines Lebens.“

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 15. März 1886 (Montag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[1. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 26.3.1886 aus München:]


Mama laß ich aufs herzlichste für ihre lieben Zeilen danken [...]


[2. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 6.5.1886 aus München:]


[...] deinen lieben Brief aus dem Monat Me/ä/rz. [...] vernahm ich zuerst aus deinem Brief [...]

Einzelstellenkommentare

München, 6. Mai 1886 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

München, 6. Mai 86.


Liebe Mama,

ich wünsche dir alles Liebe, Gute und Schöne zu Deinem GeburtstagAm 8.5.1886 hatte Emilie Wedekind ihren 46. Geburtstag.. Mögest Du noch recht manchen so herrlichen Frühling aufblühen sehen und dabei stehtsSchreibversehen, statt: stets. mit der nämlichen inneren Ruhe und philosophischen Zufriedenheit in dich und um Dich blicken können. Zwar kann ich mir wol denken, daß auch | Dich die letzten Wochen, Willys plötlicheSchreibversehen, statt: plötzliche. Reise nach AmerikaWilliam Wedekind schiffte sich am 24.4.1886 in Le Havre nach New York ein [vgl. Emilie (Mati) Wedekind an Frank Wedekind, 23.4.1886]. und der Abschied von ihm, nicht wenig in Aufregung erhalten haben mögen. Aber gerade von seinem rastlosen und unternehmungslustigen Naturell läßt sich doch erwarten, daß er sich auch in jenen ungewohnten Verhältnissen practisch zurechtfinden wird, und was die Gefahren einer noch nicht so civilisirten Welt anbelangt, so werden dieselben all den mannigfaltigen sorglich maskirten Fallgruben, die ihm | in jeder europäischen Großstadt im Weg gelegen wären, wol kaum an Bösartigkeit nachstehen. Mir kam die Nachricht seiner Abreise sehr unerwartet. Das liebe Mati hatte mich zwar schon vorher in einem sehr interessanten Briefvgl. Emilie (Mati) Wedekind an Frank Wedekind, 23.4.1886. davon unterrichtet; dieser Brief aber hatte leider, eh’ er zu mir gelangte, in einer Zeitung eingeschoben, einen kleinen Abstecher in’s Böhmische, nach dem reizenden Städtchen Winterberg unternommen, so daß er erst einen Tag vor Papa’s Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 27.4.1886. bei mir eintrafDa Wedekind im letzten Brief an seinen Vater [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 26.4.1886], die Informationen aus Emilie (Mati) Wedekinds Brief noch nicht hatte, kann deren Brief frühestens am folgenden Tag in München eingetroffen sein. Daraus abgeleitet ergibt sich das Schreibdatum des nicht überlieferten Briefs von Friedrich Wilhelm Wedekind, der am Tag darauf eintraf., der mich/r/ dann in ausführlichster | Weise über den Hergang und das Zustandekommen des ganzen Unternehmens Auskunft gab. Zu meinem großen Bedauern ersah ich daraus auch, daß Papa unter dem Einfluß der übermäßigen Anstrengungen und Strapazen jener Tage nicht unbedeutend zu leiden hatte. Der liebe Brief kündigte mir gottlob aber auch den ersten Schritt zur Besserung an und ich hoffe, daß sich das hartnäckige beängstigende Halsübel derweil von Tag zu Tag mehr gelegt haben wird. – Und Dir, | liebe Mama, bin ich auch noch den herzlichsten Dank schuldig, für deinen lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 15.3.1886. aus dem Monat Me/ä/rz. Mit großer Freude erseh ich daraus wie auch aus Papa seinem Schreiben, daß sich diesen Winter wieder ein recht lebhaftes geistiges Leben in Lenzburg entfaltet hat. Wie könnte das auch anders sein in einer Stadt, wo zu den einheimischen nicht zu unterschätzenden Talenten sich noch Dichter und Sänger der verschiedensten Nationen, ja der verschiedensten Richtungen | und neueren Schulen zu sa gesellen. Ich kann mir des lebhaftesten vorstellen, welch ein Gesicht Tante Jahn zum Beispiel, diese begeisterte Vorkämpferin des Idealismus, zu den ultrarealistischen NaturlautenKarl „Henckell hatte sich als sozial engagierter naturalistischer Lyriker bereits einen Namen gemacht“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 103]. In der von Wilhelm Arent herausgegebenen Anthologie „Moderne Dichter-Charaktere“ verfasste er die Einleitung „Die neue Lyrik“ [vgl. Wilhelm Arent (Hg.): Moderne Dichter-Charaktere. Berlin 1885, S. V-VII], in der er dafür plädierte, „eine Poesie, also auch eine Lyrik zu gebären, die, durchtränkt von dem Lebensstrome der Zeit und der Nation, ein charakteristisch verkörpertes Abbild alles Leidens, Sehnens, Strebens und Kämpfens unserer Epoche darstellt“ [S. VII], und steuerte 20 Gedichte bei. 1885 war sein erster Lyrikband, das „Poetische Skizzenbuch“, erschienen mit einem Vorwort von Heinrich Hart, Anfang 1886 folgte der von ihm unter Mitwirkung von Arthur Gutheil, Erich Hartleben und Alfred Hugenberg herausgegebene Band „Quartett“. Als „Naturlaute“, die Wedekind in seiner Opposition von Idealismus und Realismus Henckells Lyrik als Stilmerkmal zuschrieb, galten der zeitgenössischen Wortlehre „Interjektionen“ als „[u]nmittelbarer Widerhall der Seele“: Dazu zählten „Empfindungslaute […], welche aus dem Innern stammende Empfindung ausdrücken (subjektiv), ein Schrei des Schmerzes, ein Jauchzen der Freude usw. – dumpfe unartikulierte Laute“ und „solche, die eine Erregtheit der Seele infolge einer äußeren Wahrnehmung ausdrücken (objektiv), also Staunen, Wohlgefallen, Überraschung, Furcht, Ekel usw. – reine Vokale oder mit Hauchlaut vorn oder hinten“ sowie „Begehrungslaute oder Lautgebärden, die einem andern Menschen etwas andeuten sollen […] Alle diese Naturlaute sind noch keine Wörter, sie drücken nur eine Empfindung oder einen sinnlichen Eindruck aus“ [August Englien: Grammatik der neuhochdeutschen Sprache. Berlin 1883, S. 76]. eines Herrn Henckel machen wird. Die leidige Natur ist ja, Gott sei’s geklagt, bekanntlich nicht überall schön, nicht einmal genußbringend und wenn man ihr nun zuerst jeden Funken von Geist austreibt und dem armen Gezöpfwohl in Anspielung auf allegorische Darstellungen von Mutter Natur, zugleich Verballhornung von ‚Geschöpf‘. dann noch dazu jeden mitleidigen Kleiderfetzen vom | Leib reißt, so muß ja nothwendiger Weise gar vieles zum Vorschein kommen, an dem sich das erhohlungsdurstige Menschenherz auch mit dem besten Willen nicht sonderlich erbauen kann. Paul Heyse schließt ein kurzes KnittelgedichtDas achtteilige Gedicht „Naturalismus“ (1885) von Paul Heyse enthält in Strophe 5 die zitierten Verse: „Sie konnten im Unsittlichen / Nicht kecker sich erdreisten; / Nur im Unappetitlichen / Blieb Großes noch zu leisten. / Die Muse wandelt in stolzer Ruh’ / Vorbei und hält sich die Nase zu.“ [Paul Heyse: Spruchbüchlein. Berlin 1885, S. 112] womit er diese himmelstürmenden Schulknaben beehrt, mit dem zarten Vers: „Die Muse wandelt in stolzer Ruh vorbei und hält sich die Nase zu.“ – Ich habe übrigens die Ehre eine der Koryphäen dieser sterilen Lasterdichterschulezu Wedekinds Auseinandersetzung mit der aktuellen Lyrik anläßlich der von Wilhelm Arent herausgegebene Anthologie „Moderne Dichter-Charaktere“ (1885) siehe auch den Briefwechsel mit dem Vater aus dieser Zeit. persönlich zu kennen, nämlich den Herrn Dr. KonradWedekind hat den naturalistischen Schriftsteller Michael Georg Conrad, Mitbegründer und Herausgeber der seit 1885 erscheinenden Literaturzeitschrift „Die Gesellschaft“, vermutlich kennengelernt, als er einen Brief Olga Plümachers überbrachte, worum sie ihn kurz zuvor gebeten hatte [vgl. Olga Plümacher an Wedekind, 2.5.1886]., einen ganz ergrimmten Zolaistenzeitgenössisch verbreitete abfällige Bezeichnung für die Nachahmer und Verteidiger der naturalistischen Prosa Émile Zolas. Michael Georg Conrad hat mehrfach zu Zola publiziert, so den Aufsatz „Zola und Duadet“ [in: Die Gesellschaft, Jg. 1, Nr. 40, 3.10.1885, S. 746-750 und Nr. 43, 24.10.1885, S. 800-805] und später mit den Büchern „Von Emile Zola bis Gerhart Hauptmann. Erinnerungen zur Geschichte der Moderne“ (1902) sowie „Emile Zola“ (1906).. Es gieb/n/g ihm aber in der Nachahmung | dieses großen Meisters, vor dem ich, nicht als Dichter sondern als Künstler, alle Hochachtung hege, ungefähr wie einem neueren Münchner Componistennicht identifiziert. mit seinem Vorbild Schumann. Derselbe fieng nämlich in übergroßem Eifer gerade damit an, womit sein Meister aufgehört hatte, mit dem VerrücktwerdenRobert Schumann verbrachte nach einem Selbstmordversuch am 27.2.1854 die letzten beiden Jahre seines Lebens in der Anstalt für Behandlung und Pflege von Gemütskranken und Irren in Endenich bei Bonn.. – Daß Dich bei deiner schönen Züricherfahrt Wagners WalküreRichard Wagners Oper „Die Walküre“ hatte am 27.1.1886 am Aktientheater (Direktion: Paul Schrötter) in Zürich Premiere und wurde bis zum Ende der Spielzeit am 15.4.1886 insgesamt 14 Mal gegeben [vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 66, Nr. 119, 30.4.1886, Erstes Blatt, S. (2)]. Emilie Wedekind besuchte zusammen mit Armin Wedekind die Vorstellung am 8.2.1886 [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 12.2.1886]. Wedekind kannte die Oper von einer Aufführung am Königlichen Hoftheater in München am 11.3.1885 [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 12.3.1885]. nicht besonders angesprochen hat, finde ich sehr begreiflich. Das ist eben auch so ein Kunstgenuß der eigentlich keiner ist, sondern im besten Fall Gelegenheit giebt, zu einem tiefen ästhetischen Studium. Das Werk enthält ja unzweifelhaft | viele großartige, fast übermenschliche Schönheiten, die aber nur demjenigen aufgehen, der sich ganz in den Wagnerischen philosophischen und künstlerischen Ideenkreisen zurechtgefunden hat, während die wahre reine Kunst doch gerade DasSchreibversehen, statt: gerade das. naive Gemüth direkt, unmittelbar erfassen sollte. – Mit schmerzlichem Bedauern vernahm ich zuerst aus deinem BriefEs dürfte sich hier ebenfalls um den Brief der Mutter vom März handeln (s. o.)., wie ernstlich gefährlich es um Hermanns Pl. GesundheitDer mit Wedekind befreundete Hermann Plümacher, Sohn von Olga Plümacher, war bereits seit mehreren Monaten schwer erkrankt. stehe. Papa schrieb mirs. o., daß er nun in GersauKurort im Kanton Schwyz am Nordufer des Vierwaldstättersees, den „bedeutende mediz. Autoritäten“ empfahlen, da er „vermöge seiner südlichen Lage, absoluten Schutzes vor kalten Windströmungen, gleichmässiger Temperatur mit geringen Schwankungen für Brustkranke, Blutschwache und Bleichsüchtige etc. von eminenter Bedeutung sei. […] Die Erfahrung gab Besserung und Heilung besonders bei Lungenspitzenkatarrhen ohne erhebliches Fieber, Rekonvaleszenten von schweren Lungen- und Rippenfellkrankheiten bei chronischen Pneumonien, wo eine allmälige Resorption erzielt wird, sowie bei Scrophulose und Anämie jugendlicher Individuen, wenn sie der Einleitung zur Phthisis verdächtig sind“.“ [Bäder-Almanach. Mittheilungen der Bäder, Luftkurorte und Heilanstalten in Deutschland, Oesterreich, Schweiz und der angrenzenden Gebiete für Aerzte und Heilbedürftige. 3. Ausg. Frankfurt a. M., Berlin 1886, S. 51]. In Gersau war Hermann Plümacher seit dem 20.3.1886 [vgl. Olga Plümacher an Frank Wedekind, 2.5.1886]. sei und sich besser befinde. Vor drei Tagen erhielt ich nun einen ausführlichen Brief | von Tante Plümachervgl. Olga Plümacher an Frank Wedekind, 2.5.1886.. Sie scheint ein/gef/aßt und ruhig geworden zu sein. Aber die schwere Zeit seit Neujahr muß d/s/ie doch furchtbar niedergedrückt haben. Irh/hr/ früher so objectiver PessimismusOlga Plümacher hatte zum philosophisch begründeten Pessimismus publiziert: „Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart. Geschichtliches und Kritisches“ (1884). beginnt sich ins Practische zu übersetzen. Ein sanfter Trost in Leiden kann ja eine solche festgeschlossene Weltanschauung schwerlich sein; um so mehr aber ein Stütze, ein fundamentaler Halt, der die Seele nie aus einem gewissen Gleichgewicht kommen läßt. Vor einiger Zeit hab ich auch an Hermann geschriebennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Hermann Plümacher, 3.4.1886.. Um die selbe Zeit, da ihr in Lenzburg jene Abendunterhaltungnicht ermittelt. | besuchtet, hatte ich hier in München ebenfalls Gelegenheit, einer solchen beizuwohnen. Die hiesige SängerzunftDie Münchner Bürger-Sänger-Zunft, ein Männergsangsverein, hatte ihren Treffpunkt im „Hackerbräu Eing. Hackenstraße.“ [Adressbuch von München 1886, Teil III, S. 70]. eine Vereinigung aus den ersten Bürgerkreisen hatte Frl. Herzog eingeladen an ihrer Abendunterhaltung„Das Frühjahrskonzert der Bürger-Sängerzunft“ fand am 17.4.1886, „Abends 8 Uhr in Kils Kolosseum“ [Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger. Jg. 39, Nr. 104, 14.4.1886, Erstes Blatt, S. 3] „unter gütiger Mitwirkung der kgl. bayr. Hofopernsängerin Fräulein Emilie Herzog und des k. bayr. Hofmusikers Herrn Carl Ebner“ [ebd., S. 6] statt. einige LiederZu dem Chorprogramm steuerte Emilie Herzog laut Programmankündigung das „Mädchenlied von R. Steuer“ und „Zwei Gesänge aus Victor Scheffels ‚Trompeter von Säkingen‘ von Hugo Brückler“ bei sowie ein „Ständchen von Charl. Gounod“, „Der Schelm von Carl Reineke“ und „Sommerabend von Eduard Lassen“ [Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger. Jg. 39, Nr. 104, 14.4.1886, Erstes Blatt, S. 6]. zu singen und auf diesem Wege kam denn auch ich zu einem Billet. Wir saßen im gemüthlichen Verein um einen der Ehrentische herum, sie, die Königin des Abends, der Präsident der GesellschaftDer „Meister“ der Bürger-Sänger-Zunft war der Kunstanstaltsbesitzer Johann Baptist Obpacher (Karlstraße 41, 1. Stock) [Adreßbuch von München 1886, Teil I, S. 363], verheiratet mit Elise Obpacher, geborene Wirbser. Der Name des Kindes ist nicht ermittelt., ein respectabler feiner Mann, mit Weib und Kind, Dann Dr WeltiDer Theater-, Musik- und Literaturkritiker Dr. Heinrich Welti war ein Freund Armin Wedekinds aus der Aarauer Schulzeit, der Frank Wedekind in das kulturelle Angebot Münchens einführte. Er heiratete 1890 Emilie Herzog., eine Schwester der HerzogWelche der beiden Schwestern Emilie Herzogs hier gemeint ist, konnte nicht ermittelt werden. Laut seinem Münchner Tagebuch hatte Wedekind sich mehrfach mit beiden getroffen [vgl. Tb 7.7.1889, 27. und 28.8.1889]. und meine Wenigkeit. Später kam noch ein Polenicht identifiziert. dazu, ebenfalls Doctor | der Philologie, und noch ein lustger Musikanteder Cellist und Komponist Carl Ebner, königlich bayerischer Kammervirtuos., der einige unglaublich virtuose SalonpiecenAuf dem Programm standen ein „Larghetto von Mozart“ und eine „Tarantelle von Popper“, „Ein Liedchen“ und „Träumerei“ von Carl Ebner selbst sowie der „Elfentanz von Popper“ [Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger. Jg. 39, Nr. 104, 14.4.1886, Erstes Blatt, S. 6]. auf dem Cello vorgetragen hatte. Wir waren unter den sonoren Eindrücken verschiedener Männerchöre lustig und andächtig zugleich bis nach Mitternacht. Da entführte ein herbei geholter Fiaker das so angenehme weibliche Element aus unserer Mitte; und wir Übrigen, untröstlich über den Verlust eines so schönen Gutes, verharrten noch einige Stunden in dumpfer Verzweiflung.

Liebe Mama, ich hoffe daß ich euch Alle Zusammen in einigen | Monaten glücklich und vor allem Gesund wiedersehe. Mögen für Dich alle Wünsche in Erfüllung gehen, die dir der morgige Tag liebend zu Füßen legt. Im Fall sich Papa noch nicht ganz wieder erholt haben sollte, laß ich ihm von ganzem Herzen baldige Besserung wünschen. Ebenso melde ihm meinen wärmsten Dank für den großen so interessanten Brief; dann auch für das Geld das er demselben beigelegt hatte. Da ich mit Bezahlen der CollegiengelderWedekind war in München als Jurastudent eingeschrieben. ohne Anstand zu erregen da/b/is zum letzten Mai warten kann, so ist es nicht nöthig das/ß/ sich Papa die Mühe einer Extrasendung macht. |

M/D/em liebem Mati werd’ ich ihren lieben Briefs. o. in den nächsten Tagen beantworten. Sie soll sich aber durch meine Nachlässigkeit nicht davon abschrecken lassen, mich auch fürderhin in so angenehmer Weise zu überraschen.

Und nun leb wohl, liebe Mama! Mit den herzlichsten Grüßen an Dich, an Papa, an Mieze Doda und Mati bin ich Dein treuer Dankbarer Sohn
Franklin.

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Lenzburg, 18. Mai 1886 (Dienstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 28.5.1886 aus München:]


Mama schrieb mir dann vom 18. [...]

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 23. Juli 1886 (Freitag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Friedrich Wilhelm Wedekind vom 27.7.1886 aus München:]


Auch Mama [...] ihre Wünsche haben mir wohl gethan und ich lasse aufs beste dafür danken.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 22. November 1886 (Montag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Erika Wedekind vom 9.12.1886 aus Kemptthal:]


Ich lasse Mama auch für ihren lieben Brief [...] herzlich danken.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 20. Dezember 1886 (Montag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 22.12.1886 aus Zürich:]


[...] für Deinen lieben Brief dank’ ich dir [...]

Einzelstellenkommentare

Zürich, 22. Dezember 1886 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

Zürict/h/ 22.XII.86.


Liebe Mama,

für Deinen lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 20.12.1886. Darin hatte Emilie Wedekind offenbar den Wunsch geäußert, Frank Wedekind möge an Heilig Abend und die Weihnachstage über nach Lenzburg kommen. dank’ ich dir und es thut mir leid, ihm nicht völlig entsprechen zu können. Die Bescheerung, schreibst du, finde Freitag Abendam 24.12.1886. statt und Papa, dem ihr sie verdankt, wird es Freude machen, selber dabei zu sein. Wenn ich aber komme | so kommt er nichtwegen eines Streits vom Herbst: „Am 16.8.1886 kehrte Wedekind nach Lenzburg heim und gestand nach insistierendem Nachfragen seitens seines Vaters in den folgenden Wochen seinen Eltern, sein Jura-Studium vernachlässigt zu haben. Die Kunde davon, dass er an einem Drama schreibe, war zuvor längst nach Lenzburg gedrungen. Es kam zum Streit und Bruch mit dem Vater, der ihm jede finanzielle Unterstützung verweigerte.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 116f.] Wedekind trat daraufhin am 16.11.1886 eine Stelle in der Reklameabteilung der Firma Maggi & Co. in Kemptthal an und zog in den Zürcher Vorort Fluntern (Plattenstraße 35). und umgekehrt, und ich habe keine Veranlassung, ihm in seinem eigenen Hause derart in den Weg zu treten. Wenn es Euch also recht ist, so komme ich Sonnabend Morgenam 25.12.1886. mit dem ersten Zug. Du wirst das so gut begreifen wie ich; die Sache ist traurig aber einfach, darum mach dir weiter keine Gedanken darüber. Es ist das schlimmste nicht. Bedenkt das und laßt euch in eurer Fröhlichkeit nicht stören; es ist das beste, was ihr thun könnt. Das/ß/ es mir leid thut, wirst du begreifen aber ändern kann ich’s nicht. Also auf | Wiedersehen am Sonnabend. Grüße an Alle! Dein treuer Sohn
Franklin.


Thu es den Andern zu lieb und nimm dir die Sache nicht zu sehr zu Herzen. Die Welt ist nun mal kein Tanzboden. Hammi kommtArmin Wedekind studierte seit dem Sommersemester 1885 in Zürich und wohnte ebenfalls in Fluntern (Pestalozzistraße 3), keine 300 Meter von Frank Wedekinds Wohnung entfernt. auf jeden Fall.

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Lenzburg, 1. März 1887 (Dienstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 9.3.1887 aus Zürich:]


Deine Novelle hab ich auf deine Carte hin […] an Henckell abgegeben […]

Einzelstellenkommentare

Zürich, 9. März 1887 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

Zürich, im März 86Schreibversehen, statt: März 87 (belegt durch den Briefkontext)..


Liebe Mama,

verzeih mir daß ich dir so lange nicht geschrieben habe. Böser Wille war es gewiß nicht, aber auch nicht Nachlässigkeit. Seit ich von Zürich LeipzigWedekind hatte im Auftrag der Firma Julius Maggi vom 24.1. bis 7.2.1887 die I. internationalen Ausstellung für Kochkunst und Volksernährung zu Leipzig besucht und für seinen Arbeitgeber einen Bericht darüber verfasst [vgl. Vinçon 1992, S. 87-92]. zurück bin, ist meine Arbeit Wedekind hatte im November 1886 durch Vermittlung von Karl Henckell [vgl. Kutscher 1, S. 144] bei der neu gegründeten Kommanditgesellschaft Julius Maggi und Co. in Kemptthal bei Zürich eine Stelle als „Vorsteher des Reclame- und Preßbureaus“ [Wedekind an Jaroslav Kvapil, 24.4.1901] angetreten und war unter anderem für das Verfassen von Reklametexten und Annoncen zuständig.ungemein angewachsen so daß mir während der Woche nur sehr selten eine frei StundeSchreibversehen, statt: freie Stunde. bleibt. Deine NovelleEmilie Wedekinds Novelle ist nicht überliefert. Artur Kutscher berichtete, sie habe dazu „Aufzeichnungen über ihr Leben“, die sie „schon in ihrem 16. Jahre […] gemacht, […] teilweise benutzt“ und zu „einer fünfzig Seiten langen, 1886 auf Drängen ihres Sohnes Frank verfaßten autobiographischen Erzählung: ‚Bewährte Liebe‘“ verarbeitet; „diese vertuscht die Namen und malt die interessanten Erlebnisse romantisch sentimental aus. 1887 hat Emilie Wedekind ihr Werk Karl Henckell gegeben, der dafür einen Verleger suchen sollte und es heute noch besitzt.“ [Kutscher 1, S. 11, Anm.] „Eine Recherche nach dem Manuskript in allen Archiven, die einen Henckell-Nachlass aufbewahren, blieb ergebnislos.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 117] hab ich auf deine Cartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 1.3.1887. Die Karte enthielt offenbar die erneuerte Bitte der Mutter um eine Durchsicht ihrer Novelle, deren Manuskript Frank Wedekind wohl länger schon vorlag. Karl Henckell, an den Wedekind diese Aufgabe daraufhin delegierte, hatte die durchgesehene Novelle anscheinend schon an Emilie Wedekind zurückgeschickt und erwartete nun von ihr die endgültige Fassung, um dafür einen Publikationsort zu suchen. hin, allerdings nicht ohne eine gewisse Beschämung an Henckell abgegeben; aber jetzt bin doch auch ich froh, daß das nothwendige gethan ist und wünsche deinem Erstlings Werk vor allen Dingen viel Glück auf seine ReiseSchreibversehen, statt: seiner Reise. in’s feindliche Leben. Henckell läßt dich ersuchen, ihm die/as/selbe so schnell wie möglich zurückzusenden, indem er es dann sofort an „Vom Fels | zum MeerEin Abdruck von Emilie Wedekinds Novelle in der von Wilhelm Spemann in Stuttgart herausgegebenen Zeitschrift „Vom Fels zum Meer. Spemann’s Illustrirte Zeitschrift für das Deutsche Haus“ ist nicht erfolgt.[“] schicken wird. Wird es dort acceptirt, so ist dein Ruf begründet. Über zwei Dinge mögest du ihn gefälligst aufklären. Erstens, unter welchem Namen du es gedruckt sehen willst. und zweitens, ob Du damit einverstanden bist, wenn der Titel „Bewährte Liebe“, der ein wenig hausbacken klingt, ersetzt wird durch den kurzen Titel „Doctor Schmidt.“Im übrigen hat er mir einen ergebenen Gruß an dich aufgetragen. –

Heute Abend war ich bei Hammi. Er ist fest entschlossen, das VerfehlteArmin Wedekinds im ersten Versuch nicht bestandenes Abschlussexamen in Medizin. In einer seiner rückblickenden Jahresübersichten in den Notizbüchern notierte Wedekind 1910 zum Jahr 1887: „A. fällt durchs Examen. Zieht zu Dr. Frey. […] A’Verlobung“ [Nb 63, S. 72v]. Armin Wedekind bestand die Prüfung im zweiten Anlauf, verließ am 15.12.1887 die Universität Zürich mit Zeugnis [vgl. Matrikeledition der Universität Zürich, Nr. 6136; https://www.matrikel.uzh.ch] und promovierte am 20.12.1888 über „Die Pocken im Kanton Zürich während der Jahre 1873-87. Statistische und klinische Bearbeitung mit besonderer Berücksichtigung der Epidemie von 1885/86“. Im Oktober 1888 ließ er sich als Arzt in Riesbach bei Zürich nieder. gut zu machen, und arbeitet, soviel er arbeiten kann. Wenn sein Eifer nicht nachläßt, so ist weiter nichts zu besorgen. Im übrigen kann ich dich versichern, daß du auch nicht den geringsten Grund hast traurig zu z/s/ein, denn diese A/K/atastrophe ist ihm von unberechenbarem Vortheil. Seit die Zofingia„Am 18.5.1881 trat Armin Wedekind in die nichtschlagende schweizerische Studentenverbindung Zofingia ein.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 118] aufgehört hat sein Ideal zu sein, irrt er, wie er mir sagte, ohne Ziel und Richtschnur durch die Welt. Jetzt bietet sich ihm die Gelegenheit, die Kinder|schuhe auszuziehen, und sich mit dem Ernst zu befreunden. Aus der gethanen Arbeit wird ihm dann ein Halt erwachsen, der gewiß um vieles solider ist, als ein mit Glück und Zufall erlangtes Doctor-Patentdie Zulassung, als Arzt zu praktizieren (Approbation); sie setzte ein bestandenes Examen voraus.. S/D/ie Schande, von der du sprichst, kommt meines Erachtens nicht in Betracht neben dem Glück deines Kindes. Aus dem Hirn der Spießbürger verschwindet der Begriff in dem Augenblick, wo das Examen abgelegt ist. Was die liebenswürdige Tochtergemeint ist vermutlich Emma Frey, spätere Ehefrau von Armin Wedekind (Heirat am 21.3.1889), Tochter des Amtsarztes Gottlieb Frey, bei dem er seinerzeit arbeitete und wohnte. betrifft, so glaub’ ich nicht daß die Leute den Verdacht verdienen. Verdienen sie ihn doch, so ist das ja nichts unrechtes, aber um so schlimmer für sie. Bei ihm verfängt es nicht mehr. Aber kränken wir die Menschen nicht, bevor sie uns Grund dazu gegeben!

Darf ich dir nun einen Rath geben, so ist es folgender: Nimm so bald als möglich wieder etwas unter die Feder, das dein Sinnen und Denken in Anspruch nimmt Denn Deine Sorgen und S/s/chlaflosen Nächte nützen nichts, sondern schaden nur dir | und Deiner Umgebung. Die ganze Begebenheit birgt des dauernd Guten so vieles das/ß/ sich das Unangenehme, Peinliche gewiß verschmerzen läßt. Hammi brauchte dank seiner ganzen Organisation eine gewaltsame Concentrirung seines Wesens. Nun hat er sie erhalten, während er noch inmitten von Menschen steht, die ihm allesamt wohlwollen. Was will man mehr? Also freu dich doch und beherrsche Dich soweit, daß du in aller Ruhe und Gemüthlichkeit die Zeit abwartest bis nicht nur der Schaden geheilt, sondern überdieß ein Gewinn fürs ganze Leben eingeheimst ist. Hammi hat die edle Jungfer Medicin malträtirt und jetzt rächt sie sich an ihm. Aber gerade dadurch wird sie sein Herz gewinnen, was bis jetzt nicht der Fall war.

Ich bitte noch einmal um Verzeihung meines langen Schweigens wegen. Grüße alle zusammen herzlich von mir. Dein dich liebender treuer Sohn Franklin.


Vergiß nicht umgehend die Novelle an Henckell zu schicken.

Einzelstellenkommentare

Zürich, 7. Mai 1887 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

Zürich, 7.V.87.


Liebe Mama,

ich gratulire dir herzlich zu deinem GeburtstagEmilie Wedekind hatte am 8.5.1887 ihren 47. Geburtstag.. Wenn momentan auch gerade schlecht w/W/etter ist, so steht ja doch der Sommer vor der Thür, und sonnige Tage können nicht ausbleiben. Mit gleicher Post übersende ich Dir ein Feuilleton Wedekinds Essay „Der Witz und seine Sippe“ [KSA 5/II, S. 82-93] erschien an drei aufeinanderfolgenden Tagen am 4., 5. und 6.5.1887 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ [vgl. KSA 5/III, S. 206].das in den letzten Tagen erschien und das du wahrscheinlich schon gelesen hast. So bringen es die Verhältnisse mit sich; da meine Baarschaft zu einer würdigen Huldigung, die ich dir gerne zu Füßen gelegt hätte, nicht ausreicht, dreh ich den Spieß gleich um und gelange selber mit einer Bitte an dich, mit der Bitte nämlich um rückhaltlose Kritik. Ich bin in der That sehr darauf gespannt, welchen Eindruck Dir das Opus im Ganzen wie im Einzelnen, im Allgemeinen wie im Besonderen macht. | Ich selber finde nachträglich nicht wenig daran auszusetzen, obschon ich mich noch durchaus keines klaren Blickes erfreue. Ich bitte dich, keinen wohlwollens/d/en, niedrigen Maßstab anzulegen sondern von deinen Ansprüchen an eine geistreich sein wollende Lectüre aus zu urtheilen. Immerhin wäre es mir angenehm wenn du mir/ch/ nicht nur auf das Verfehlte, sondern auch auf das allfällig(schweiz.) möglicherweise. Gute, Gelungene darin aufmerksam machst. Das eine ist so werthvoll, wie das andere; man geräth sonst immer wieder auf neue Abwege.

Im übrigen geht es mir gut. Ich arbeite noch zum größten TheilWedekind hatte Anfang April seine feste Stelle als „Vorsteher des Reclame- und Preßbureaus“ [Wedekind an Jaroslav Kvapil, 24.4.1901] der Firma Maggi und Co. in Kemptthal bei Zürich aufgegeben, arbeitete aber weiterhin (bis Juli 1887) auf Honorarbasis als Werbetexter für Maggi [vgl. Vinçon 1992, 121]. für Herrn Maggi, befinde mich aber auf dem Wege der Emancipation. In meiner früheren Stellung, in der ich mit Leib und Seele verschachert war, wär ich zu Grunde gegangen. Es ist mir zuträglicher, in freier Luft den Pflug zu ziehen, als angebunden im dunkeln Stall zu stehen, um bei möglichst viel Futter möglichst viel Milch zu produziren. Herr Emil FreyEmil Frey, Bruder von Wedekinds ehemaligem Deutschlehrer Adolf Frey an der Kantonsschule in Aarau, war „Wedekinds Kontaktperson in der Redaktion“ [KSA 1/II, S. 1801] der „Neuen Zürcher Zeitung“ und dort bis zum Jahresende 1887 in der Chefredaktion, wie die Zeitung mitteilte: „An unsere Leser. Die vorliegende Nummer ist die letzte, die Herr Emil Frey unterzeichnet. Er verläßt mit Neujahr die Redaktion dieses Blattes, um seine Kräfte mehr als bisher der Kaufmännischen Gesellschaft Zürich zuzuwenden, deren Sekretariat er seit einer Reihe von Jahren geführt hat. [...] Zum Glücke wird unser Freund aber in engem Zusammenhange mit der Neuen Zürcher Zeitung bleiben“ [Neue Zürcher Zeitung, Jg. 67, Nr. 364, 31.12.1887, 2. Blatt, S. (1)]. geht mir nach wie vor mit seinem guten | Rath an die Hand. Übrigens hat er sich vor kurzem verlobt und zwar mit einer Baslerin namens Rosa Gass. Daneben hör ich wiederum einige CollegienWedekind besuchte nicht näher identifizierte Vorlesungen an der Universität Zürich, ohne als Student eingeschrieben zu sein. und bin Mitglied der MuseumsgesellschaftDie 1834 gegründete Museumsgesellschaft Zürich hatte ihren Sitz am Limmatquai 21 [vgl. Adressbuch der Stadt Zürich 1888, Teil I, S. 218] und unterhielt dort einen Lesesaal mit „Lesestunden vom Morgens 8 Uhr im Sommer u. 9 Uhr im Winter bis Abends ½ 10 Uhr“ [ebd., Teil III, S. 52]., was beides sehr viel gutes mit sich bringt.

Armin arbeitet indessen aus Leibeskräftenum das Medizin-Examen im zweiten Anlauf zu bestehen [vgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 26.6.1887].. Bisweilen kommt er nach dem Essen zu mir zum Caffe, sonst seh ich ihn selten. Carl Henkell wird dir wol wahrscheinlich eigenhändigDie Korrespondenz zwischen Karl Henckell und Emilie Wedekind ist nicht überliefert: Karl Henckell hatte sich für die Publikation von Emilie Wedekinds Novelle „Bewährte Liebe“ eingesetzt [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 9.3.1887]. das nöthige über sich mittheilen. Möglich, daß wir um PfingstenDer Pfingstsonntag fiel auf den 29.5.1887. wiederum für einige Tage nach Z/L/enzburg kommen. Es würde mich sehr freuen, Minna dann wieder zu sehen„Minna von Greyerz […] kehrte im Frühjahr 1887 nach abgeschlossener Klavier- und Gesangsausbildung in Dresden nach Lenzburg zurück, wo sie als Klavier- und Gesangslehrerin tätig blieb.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 120]; einstweilen laß ich sie von Herzen grüßen Hoffentlich gelingt es ihr nach und nach, ihr geistiges Gleichgewicht wiederzugewinnen. Tante Jahn ist sehr böse über mich, da ich sie angeschwindelt habe. Ich that es, ohne noch zu wissen, daß sie das nämliche mit mir vorhatte, weshalb es mich freut, ihr zuvor gekommen zu sein. –

Und nun leb wohl, liebe Mama. Meine herzlichsten Grüße an Alle und besonders | an dich von Deinem treuen Sohn
Franklin.

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Lenzburg, 8. Mai 1887 (Sonntag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

[Hinweis und Zitat in Kutscher 1, S. 186:]


Die Mutter schreibt: „Alles Schöne vergeht, ja es vergeht Deiner Theorie von der Ironie des SchicksalsArtur Kutscher stellte das Zitat aus dem Brief der Mutter in den Kontext von Wedekinds Aufsatz „Der Witz und seine Sippe“ [vgl. Kutscher 1, S. 186]; darin heißt es: „Das klassische Alterthum hielt das Schicksal für neidisch. Seitdem wir aber zu der Einsicht gekommen, wie wenig beneidenswerthes unser Erdenwallen mit sich bringt, schreiben wir sein unzeitiges, zweckwidriges Einschreiten einem gewissen Hange zur Ironie zu. Es gibt wenig Menschen mehr, die an diese Ironie des Schicksals nicht mindestens so fest glauben, wie an Gott und den Teufel. […] als ob das Schicksal einen prinzipiellen Haß gegen alles menschlich Schöne hegte.“ [KSA 5/II, S. 84] gemäß viel schneller als das Häßliche.“

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Fluntern, 9. Mai 1887 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Wedekind, Emilie

Postkarte.
Carte postale. – Cartolina postale.


Frau Dr. Wedekind
Schloss Lenzburg.
(Ct. Aargau.) |


L. M.

Armin seiner Wäsche hab ich ein ParSchreibversehen, statt: Paar. Beinkleider beigelegtArmin und Frank Wedekind wohnten in Zürich keine 200 Meter voneinander entfernt, Armin Wedekind gegenüber dem Bezirksarzt Gottlieb Frey (Freie Straße 14) in Hottingen [vgl. Adressbuch für Zürich 1887, Teil II, S. 393], Frank Wedekind in Fluntern in der Plattenstraße 35. an denen der Podex(lat.) Gesäß. und einiges andere durchgerutscht ist und die ich selber nicht zu flicken vermag. Ich wäre dir sehr dankbar wenn du sie wo möglich mit Armin seiner Wäsche genesen wieder zurückschicken wolltest. Mit tausend Grüßen dein Fr.

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Lenzburg, 10. Mai 1887 (Dienstag)
von Wedekind, Emilie
an Wedekind, Frank

Schloß Lenzburg am 10/V 87


Mein herzlich geliebter Baby.

Obgleich ich Wäsche, Flickereien und andere Quagneleien„QUACKELEI […] leichtsinnige tändelei, wertloses dummes zeug, mischmasch“ [DWB 13, Sp. 2290]. haufenweise um mich herum liegen u. stehen habe, kann ich dennoch nicht anders als Dir zu schreiben. Ich bin nemlich in einer argen Noth und Unruhe und Du bist die Ursache davon. Ich weiß, daß Du elend und muthlos bist. Ich möchte Dir helfen, ich muß Dir helfen und bitte Dich, es mir möglich zu machen. Du bist in Angst wegen Deiner NovelleWedekinds Novelle „Marianne. Eine Lebensgeschichte“ [KSA 5/I, S. 37-76]. Wann Wedekind das Manuskript seiner Mutter zur Lektüre übergeben hatte, ist unbekannt. Im Juni bot er die Novelle der „Neuen Zürcher Zeitung“ und der „Thurgauer Zeitung“ zur Publikation an, erhielt jedoch von beiden Redaktionen eine Absage [vgl. Neue Zürcher Zeitung an Wedekind, 17.6.1887 und Thurgauer Zeitung an Wedekind, 20.6.1887].. Ich auch. Tausenderlei Gedanken durchkreuzen meinen Kopf und wenn Du da wärst, könnte ich Dir so manches mittheilen, was Dir sicherlich von Nutzen wäre. Je länger, desto klarer | fühle ich, was an der Novelle mangelt. Meiner Ansicht nach ist es die starke tiefe Leidenschaft und ein großer Charakter Gedanke, der ihr abgeht. Siehst Du, wenn Deine Marianne z. B. an ihrer Liebesbedürftigkeit zu Grunde ginge, so wäre das schon eine gros Idee, die jedenfalls wenig Leser kalt ließe. Sie liebt zuerst die Frau des Bauern. Diese stirbt unter der rohen Behandlung ihres Mannes, hinterläßt den Alois auf den Marianne ihre ganze Liebe überträgt und um dessen willen sie seinen Vater heirathet trotz ihrer Liebe zu Claus, der sie durch Schönheit, Jugend und heiße Gegenliebe fesselt. Gegen ihre wahre Neigung bringt sie sich selbst zum Opfer und zwar aus Dankbarkeit gegen die Bäurin und infolge dieser auch aus Liebe zu deren verlassenenSchreibversehen, statt: verlassenem. Kinde. | SistematischSchreibversehen, statt: Systematisch. wird aber Alois von seinem Vater verzogen, wird ein wiederwärtigerSchreibversehen, statt: widerwärtiger. liederlicher Bursche. Dann stirbt der Bauer, wie man allgemein meint, an/vo/n einem Pferde erschlagen. Der zurückgekehrte Klaus wirbt um Marianne, die unterdessen ihre Liebe auch an ihrer Schwester Vreneli bethägtSchreibversehen, statt: betätigt. hat, und ihr mit warmem Herzen zu ihrem ersehnten Glücke verhilft; Das Glück der jungen Leute weckt auch in Marianne zärtliche Regungen. Sie gibt Claus Gehör und heia/r/athet ihn, indem sie sich schmeichelt auch für Alois Gutes dadurch zu erreichen, indem sie ihm in dem tüchtigen, oft ernst, ja düster dareinblickenden Claus einen vortreffliches Vorbild und zur Noth, einen strengen Vater zu geben hofft. Bei dem von | Natur boshaften Alois schlägt alles fehl und eine Scene von Betrunkenheit führt einen Konflickt herbei, wori/be/i der Bursche seiner Mutter da/e/s Verbrechens beschuldigt, seinen Vater ermordet zu haben. Auf diese Weise und um seine Frau vor dem Gerichte zu rechtfertigen bekennt Claus, (auch wohl vom eigenen Gewissen und Wahnsinn der Verzweiflung getrieben) die blutige That und Marianne sieht ein, daß sie ihre heiße Liebe an einen/m/ Ver Mörder geschenkt hat. Sie kann ihn nach Ueberwindung des ersten Entsetzens dennoch nicht hassen, sondern sucht den zu lebenslänglichem Zuchthause Verurtheilten durch ihre treuen Beweise ihres tiefen Mitleidens und fortdauernder Liebe (schmerzlicher) im Gefängniße zu trösten. Indessen wird in der Umgegend allerlei Verdächtiges über sie gesprochen. Alois und seine Saufkumpane ver|läumden sie und letzterer erpreßt von ihr soviel Geld als er kann, unter dem VorwandeDie Bitte um Geld mit einer Selbstmorddrohung zu verbinden, war später ein wiederholt angewandtes Mittel Donald Wedekinds gegenüber seiner Familie [vgl. z. B. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 9.12.1900]., er wolle sich sonst erhängen. Mit Freude sieht er das Entsetzen im Gesichte seiner Mutter und gebraucht diese Entdeckung zur Schraube, mit der er immer seinen Zweck erreicht. Bis endlich di Marianne einsieht, daß es auf diesem Wege nicht weiter gehen kann und der Junge ganz zu Grunde geht. Auch merkt sie nachgerade die List des jungen Wüstlings und als er wieder einmal droht, sagt sie ihm, „: Geh und thu es, es ist vielleicht besser als wenn Du Dich zu Tode säufst.[“] Alois weiß aber, daß seine Mutter ihn seit seinen Drohungen stets scharf beobachtet. Darauf rechnet er. Marianne bekommt aber plötzlich einen Brief von Vreneli deren Mann gestorben und bevor reist noch am Abend, während der Alois betrunken | auf seiner Kammer liegt in/pl/ötzlich ab. Am andern Morgen, kurz bevor die Mutter für gewöhnlich kommt, ihn zu wecken, hängt sich Alois auf, in der Hoffnung, sofort wieder abgeschnitten zu werden, was aber nicht passirt. Wieder ein sieht Marianne (oder glaubt zu sehen) daß ihre treue, aufopfernde Liebe Unheil gebracht hat. Die Gerüchte über ihre Schlechtigkeit vermehren sich. Die Leute zeihen sie der Hexerei und sagen, sie brauche nur zu wollen, dann hole der Teufel die Menschen, die ihr im Wege stehen. Jetzt sei auch der Sohn weg und nun bekomme sie das ganze viele Geld des Bauern. Sie steht vereinsamt, gemieden Kinder weichen ihr scheu aus und Niemand sucht die verlassene alternde Frau auf. Sie besucht ihren unglücklichen Claus nun öfter im | Zuchthause, allein der geht schnell dem Tode entgegen. Endlich nimmt sie ihre Schwester, Vreneli ins Haus, die aber ein albernes genußsüchtiges Geschöpf ist und durch Dummheiten und Klatschen bei Nachbarsleuten ihre Schwester noch mehr ins Gerede bringt. (Nun kann hier die Schuhgeschichte ihre Anwendung finden, so zwar, daß man sieht, daß Marianne auch bei der Dummheit kein Glück hatte nachdem sie eine gutmüthige Bäurin, einen rohen Bauern, einen boshaften Stiefsohn, einen zwar leichtsinnigen aber hochherzigen Geliebten mit ihrer warmen, aufopfernden Liebe vergebens zu beglücken gesucht hatte (oder unglücklich gemacht hatte).) – Verbittert und schroff lebt sie den Rest ihres Daseins dahin, verzweifelnd an Gott und den Menschen. Zum Schluß und um wenigstens einen versöhnenden Schluß zu haben, könnte sie sich | eines verlorenen Mädchens und deren Kinde erbarmen, die sie kurz vor ihrem Tode zur Erbin einsetzt, weil sie eben doch wenigstens mit dem Wahne hinübergehen will, einem Menschen etwas Gut Glück gebracht zu haben. Zwar weiß sie wohl, daß sie dieses Glück nicht sehen werde und will es auch nicht, denn sie kann den Zweifel nicht verbannen, daß es wieder an an irgendeiner Klippe zerschellen werde. Mit dieser (philosophischen?) Ungewißheit stirbt sie. –

Nun habe ich gedacht, mein lieber alter Junge, wenn Du, bis diese Novelle fertig wäre nach Hause kämest, wo Du dann der/n/ schönen Sommer über fleißig daran arbeiten könntest. Nebenbei könntest Du Deine Artikel für | MaggiWedekind hatte Anfang April seine feste Stelle als „Vorsteher des Reclame- und Preßbureaus“ [Wedekind an Jaroslav Kvapil, 24.4.1901] der Firma Maggi und Co. in Kemptthal bei Zürich aufgegeben, arbeitete aber weiterhin (bis Juli 1887) auf Honorarbasis als Werbetexter für Maggi [vgl. Vinçon 1992, 121]. schreiben um ein Taschengeld zu haben. Es wäre gewiß besser als da in Zürich Dich abzuquälen und dann könntest Du ruhig abwarten, was Dir das Schicksal weiter vorbehalten hat.

Ueberlege Dir meinen Vorschlag, mein geliebter Junge und wenn es Dir nicht paßt, dann schreibe mir wenigstens, warum es Dir nicht paßt. Jedenfalls erwarte ich irgend ein Lebenszeichen von Dir und zwar sobald wie möglich. Ich bleibe in Angst und Sorgen Deine getreue Mutter
E. Wedekind.

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