Briefwechsel

Deutsches Theater zu Berlin [(Theater)] und Wedekind, Frank

13 Dokumente

Lenzburg, 17. August 1895 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Brahm, Otto, Deutsches Theater zu Berlin, (Theater)

Lenzburg (Ct. Aargau)

17. Aug. 95.


Tit. Direction des „Deutschen Theaters
Berlin


Sehr geehrter Herr DirectorOtto Brahm, Direktor des Deutschen Theaters (Schumannstraße 12a) in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1895, S. 277].,

Frau Emma Herwegh beauftragte mich, als ich verflossenes Frühjahr mein Stück „Irrlicht„Irrlicht“ war ein vorläufiger Titel für das dann „Der Erdgeist“ (1895) betitelte Drama [vgl. KSA 3/II, S. 834], in dessen Szene III/2 Alwa für sein Stück überlegt: „Irrlicht! ‒ Das wäre ein Titel.“ [KSA 3/1, S. 367] Der Titel „Der Erdgeist“ stand inzwischen fest [vgl. Wedekind an Albert Langen, 10.7.1895]. bei Ihrer Bühne einreichteWedekind hatte dem Deutschen Theater in Berlin im Frühjahr 1895 sein Drama „Der Erdgeist“ (unter dem Titel „Irrlicht“) im Manuskript für eine mögliche Aufführung erfolglos eingereicht [vgl. Wedekind an Otto Brahm, 3.5.1895]., zugleich ein | vor zwanzig Jahren von ihr aus dem Italienischen übersetztes kleines Lustspielnicht ermittelt. Emma Herwegh übersetzte „aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Polnischen [...] literarische Werke und politische Schriften“ [Elisabeth Gibbels: Lexikon der deutschen Übersetzerinnen 1200-1850. Berlin 2018, S. 71], darunter jenes von ihr 1875 übersetzte italienische Lustspiel, das Wedekind 1894 als Manuskript mit dem Titel „Hinter den Coulissen“ für sie dem Deutschen Theater in Berlin eingereicht hatte. Näheres dazu ist nicht bekannt.Hinter den Coulissen“ Ihnen vorzulegen. Ich erledigte mich des Auftrages, versäumte indessen vor meiner Abreise von BerlinWedekind ist im Sommer 1895 von Berlin abgereist. Ihre geschätzte Entscheidung darüber einzuholen.

Darf ich Sie jetzt darum ersuchen, mir das Manuscript mit Ihrer geehrten formellen Aussprache über die eventuelle Annahme hierher schickenDen Notizen von fremder Hand auf dem vorliegenden Brief zufolge wurde Wedekinds Anfrage in einem nicht überlieferten Schreiben beantwortet; erschlossenes Korrespondenzstück: Otto Brahm, Deutsches Theater zu Berlin an Wedekind, 19.8.1895. Dem Schreiben dürfte Emma Herweghs Lustspielmanuskript (siehe oben) beigelegt worden sein. zu wollen.

Indem ich Sie ersuche, die | Versicherung meiner größten Hochschätzung entgegen nehmen zu wollen, zeichnet ergebenst Ihr
Frank Wedekind


Inliegend Portofür die am 19.8.1895 erfolgte Antwort (siehe oben).
Mk. 1.‒

Einzelstellenkommentare

Berlin, 19. August 1895 (Montag)
von Brahm, Otto und Deutsches Theater zu Berlin, (Theater)
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Notizen auf Wedekinds Brief an Otto Brahm vom 17.8.1895 aus Lenzburg:]


ges. 19/8der 19.8.1895, das Schreib- und Versanddatum des nicht überlieferten Schreibens.. |


1895.

Frank Wedekind
Lenzburg
17/8vgl. Wedekind an Otto Brahm, Deutsches Theater zu Berlin, 17.8.1895. b 19/8.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 17. Januar 1907 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Reinhardt, Max, Deutsches Theater zu Berlin, (Theater)

An die tit. Direktion des Deutschen Theaters
Berlin.


Sehr geehrter Herr Reinhardt!

In Erwiderung Ihrer geehrten Zeilen vom 7. Januar 1907nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Max Reinhardt an Wedekind, 7.1.1907. theile ich Ihnen mit daß ich sehr gerne bereit bin an der von Ihnen geplanten TourneeDas Ensemble des Berliner Deutschen Theaters (Direktion: Max Reinhardt) ging mit „Frühlings Erwachen“ auf Gastspielreisen [vgl. KSA 2, S. 921f.]; es gastierte mit dem Stück unter anderem am 12.2.1907 am Residenztheater in Dresden, am 11.5.1907 in Budapest, am 18.5.1907 am Lobe-Theater in Breslau, am 28.5.1907 am Schauspielhaus in Frankfurt am Main, am 30.5.1907 am Residenztheater in Wiesbaden, am 3.6.1907 am Residenztheater in Köln, am 12.6.1907 am Stadttheater in Teplitz, am 28.6.1907 in Prag, am 8.8.1907 am Thalia-Theater in Hamburg, am 30.8.1907 am Theater an der Wien in Wien, am 22.11.1907 in Amsterdam, am 23.11.1907 in Rotterdam [vgl. KSA 2, S. 955-961]. mit „Frühlings Erwachen“ theilzunehmen und daß ich dementsprechend das Stück keiner andern Bühne übergeben werde. Daß in München eine von Herrn Rüderer veranstaltete VereinsaufführungDr. phil. Josef Ruederer, Schriftsteller in München (Uhlandstraße 4) [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1907, Teil II, Sp. 1294], der über die geplante Tournee des Deutschen Theaters mit „Frühlings Erwachen“ informiert war [vgl. Wedekind an Josef Ruederer, 7.1.1907], organisierte als Vorstandsmitglied für den Neuen Verein (Vorsitzender: Wilhelm Rosenthal) in München [vgl. Adreßbuch für München 1907, Teil III, S. 159] eine Aufführung des Stücks, die realisiert wurde. Der Neue Verein in München veranstaltete am 28.1.1907 eine „Vorstellung von Wedekinds Kindertragödie ‚Frühlings Erwachen‘ vor den Mitgliedern und geladenen Gästen des Vereins im Schauspielhause“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 60, Nr. 46, 28.1.1907, S. 4]. stattfindet ist Ihnen durch meine Unterredung mit Herrn Holländermit Felix Hollaender in Charlottenburg (Goethestraße 78), Dramaturg und Regisseur am Deutschen Theater (Direktion: Max Reinhardt) in Berlin, zu dessen Vorstand er gehörte [vgl. Neuer Theater-Almanach 1907, S. 286]. Wedekind hatte für sein Stück „Musik“ gehofft, es „durch Vermittlung Felix Hollaenders [...] am Deutschen Theater in Berlin zur Aufführung bringen zu können“ [KSA 6, S. 793], was sich nicht realisierte. Er hat dem Dramaturgen „Musik“ am 11.10.1906 persönlich überbracht: „Ich hole Holländer im Theater ab übergebe ihm ‚Musik‘“ [Tb] – gemeint sein dürfte die Unterredung bei dieser Gelegenheit. bekannt.

Über mein Stück „Musik“ bin ich jederzeit bereit, bin ich jederzeit bereit mit Ihnen zu den üblichen Bedingungen, wie sie bei „Frühlings Erwachen“ innegehalten | abzuschließen auch wenn die ErstaufführungDie Uraufführung von „Musik“ war zwar für die Kammerspiele angekündigt [vgl. Ein neues Stück von Wedekind. In: Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 64, 5.2.1907, Morgen-Ausgabe, S. (3)], eine Inszenierung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin kam aber erst am 9.10.1913 zustande (Regie: Eduard von Winterstein). Uraufgeführt wurde „Musik“ am 11.1.1908 am Intimen Theater in Nürnberg (Regie: Emil Meßthaler). Wedekind hat „Musik“ in Berlin zuerst am 9.12.1907 auf einer Lesung präsentieren können. erst für die nächste Spielzeit 1907/08 festgesetzt wird und bitte Sie einen dementsprechend gehaltenen Vertrag aufzusetzen.

In vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergebener
Frank Wedekind.


Berlin 17.1.1907.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 17. Juni 1907 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Reinhardt, Max, Deutsches Theater zu Berlin, (Theater)

An die tit. Direktion des Deutschen Theaters
Berlin.


Sehr geehrter HerrMax Reinhardt, Direktor des Deutschen Theaters in Berlin, mit dem Wedekind am 17.6.1907 über den Briefinhalt gesprochen haben dürfte: „Besprechung mit Reinhardt.“ [Tb]!

Als Sie vor einigen Monaten die Annahme meines SittengemäldesWedekinds Stück „Musik. Sittengemälde in vier Bildern“ war vom Deutschen Theater für eine Aufführung in den Kammerspielen vorgesehen, wie das „Berliner Tageblatt“ am 5.2.1907 meldete und das Stück als Komödie bezeichnete: „Frank Wedekind hat soeben ein neues Stück vollendet. Es ist eine Komödie, die den Titel ‚Musik‘ führt. Das Stück wird zu Anfang der nächsten Saison in den Kammerspielen zum ersten Male aufgeführt werden.“ [Ein neues Stück von Wedekind. In: Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 64, 5.2.1907, Morgen-Ausgabe, S. (3)] Das Gattungsetikett ‚Komödie‘ findet sich auch in einer anderen Ankündigung: „Frank Wedekind hat eine neue Komödie vollendet, die den Titel ‚Musik‘ führt und am Anfang der nächsten Spielzeit ihre erste Aufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters erleben wird.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 61, 6.2.1907, Morgen-Ausgabe, S. 7] Die angekündigte Inszenierung von „Musik“ am Deutschen Theater in Berlin kam nicht zustande.Musik“ öffentlich ankündigten, bezeichneten Sie in der betreffenden Notiz das Stück als Komödie. Ich bat damals ausdrücklich darum, diese Bezeichnung nicht anzuwenden, da sie im Leser eine mir nicht willkommene Vorstellung von meiner Arbeit erwecken würde. Nun sehe ich vor einigen Tagen im „Berliner Tageblatt“ in der Notiz „Reinhardts PläneTitel des am 12.6.1907 im „Berliner Tageblatt“ veröffentlichten Beitrags über die Programmgestaltung des Deutschen Theaters in der nächsten Saison, in dem es heißt: „Die Pläne für den modernen Teil des Repertoires sind weniger umfangreich. Hier dominiert Frank Wedekind mit seiner neuen Komödie ‚Musik‘ und der älteren ‚Die Büchse der Pandora‘.“ [Reinhardts Pläne. In: Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 292, 12.6.1907, Morgen-Ausgabe, S. (3)]“ nicht nur mein Sittengemälde Musik, sondern auch meine Tragödie „Die Büchse | der Pandora“ als Komödie bezeichnet. Eine Berichtigung erschien mir unmöglich, da dadurch die unerwünschte Wirkung der Veröffentlichung nur gesteigert worden wäre. Ich möchte Sie nun noch einmal dringend ersuchen, weder auf die eine noch auf die andere der beiden erwähnten Arbeiten die Bezeichnung Komödie anzuwenden. Sie werden mir auch zugeben, daß es nicht politischhier: klug berechnend. ist, der Öffentlichkeit gegenüber die künstlerischen Schwierigkeiten, die wir zu überwinden haben, kleiner hinzustellen, als sie in Wirklichkeit sind. Besonders in Anbetracht der CensurschwierigkeitenEine am Deutschen Theater seit dem Vorjahr konkret geplante Aufführung der „Büchse der Pandora“ ‒ Wedekind notierte am 15.6.1906: „Im Deutschen Theater wird die Arrangierprobe der B.d.P. festgesetzt“ [Tb]; er nahm ab dem 27.8.1906 an Proben teil ‒ „scheiterte an der Ablehnung der Berliner Zensurbehörde“ [KSA 3/II, S. 1260], an dem Berliner Polizeipräsidenten Curt von Glasenapp, der sich immer wieder gegen eine Freigabe aussprach, um die Max Reinhardt und sein engster Mitarbeiter Felix Hollaender nachdrücklich bemüht waren., die einer Aufführung der Büchse der Pandora entgegenstehen, halte ich es für unvortheilhaft, die | Komik, die in der Arbeit enthalten ist, als ihren hauptsächlichen Charakterzug hinzustellen.

Da das Deutsche Theater augenblicklich geschlossenDie Spielzeit im Deutschen Theater war eigentlich ganzjährig; gleichwohl waren seine Bühnen seit dem 7.6.1907 geschlossen, wie die Presse mittteilte: „Mit Freitag, den 7. ds., beschließt die Direktion Reinhard sowohl im Deutschen Theater wie in den Kammerspielen ihre diesjährige Spielzeit. Die nächste Saison beginnt in beiden Theatern am 8. August. Die Kammerspiele bleiben in dieser Zeit geschlossen; im Deutschen Theater finden in der Zwischenzeit Possenaufführungen unter Leitung von Meinhard und Bernauer statt.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 255, 4.6.1907, Morgen-Ausgabe, S. 10]. ist, gebe ich diese Zeilen eingeschrieben auf.

Ich bitte Sie, den Ausdruck meiner aller größten Hochschätzung entgegenzunehmen.

Ihr ergebener
Frank Wedekind.


Berlin, den 17. Juni 1907Wedekind notierte am 17.6.1907: „Brief an Reinhart.“ [Tb].

Einzelstellenkommentare

Berlin, 9. Oktober 1907 (Mittwoch)
von Deutsches Theater zu Berlin, (Theater)
an Wedekind, Frank

[Hinweis im Brief des Deutschen Theaters zu Berlin an Wedekind vom 25.10.1908 aus Berlin:]


[...] dass Sie [...] eine an Sie gerichtete briefliche Anfrage, ob Sie Ihre schauspielerische Tätigkeit in dieser Spielzeit wieder aufnehmen wollten, nicht beantworteten [...]

Einzelstellenkommentare

Berlin, 12. November 1907 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Reinhardt, Max, Deutsches Theater zu Berlin, (Theater)

An die tit Direction des Deutschen Theaters
Berlin.


Sehr geehrter Herr DirectorMax Reinhardt, Direktor des Deutschen Theaters in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1908, S. 258].!

gestatten Sie mir Ihnen mitzutheilen daß ich für den Fall, daß die zwischen uns schwebenden VerhandlungenWedekind wollte seinen Schauspielervertrag mit dem Deutschen Theater nur verlängern, wenn sein Autorenvertrag mit Max Reinhardt aufgelöst würde [vgl. Vinçon 2014, S. 198f.]. bis dahin nicht zu einem Abschluß gelangt sind, meine Thätigkeit an Ihrer Bühne mit Beginn nächster Woche das heißt MontagWedekind stand dem Tagebuch zufolge am 18.11.1907 (Montag) in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in einer letzten Vorstellung des „Marquis von Keith“ auf der Bühne, bevor er am 21.11.1907 zu einem Gastspiel nach Amsterdam aufbrach. Sein Stück stand gleichwohl weiter auf dem Spielplan der Kammerspiele (die nächste Vorstellung des „Marquis von Keith“ fand am 22.11.1907 statt), ebenso wie „Frühlings Erwachen“, sein seit einem Jahr mit großem Erfolg an den Kammerspielen gespieltes Stück. den 18 November einstellen werde. Daß ich als erste Bedingung für weitere Besprechungen den am xxxWedekind hat am 21.12.1905 mit Max Reinhardt einen Schauspielervertrag abgeschlossen, am 15.3.1906 „einen über fünf Jahre laufenden Autorenvertrag, seine neuen dramatischen Werke zuerst Reinhardt zur Aufführung anzubieten. [...] Als der Schauspielervertrag verlängert werden soll, sind sich die Vertragspartner nicht einig. Es gibt Streit über die Verlängerung, weil Wedekind“ ihr „nur zustimmen will, wenn der Autorenvertrag annulliert wird.“ [Vinçon 2014, S. 198f.] zwischen uns geschlossenen Vertrag von Ihnen zurück erwarte, wird Ihnen Herr HolländerFelix Hollaender, Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin, ebenso wie Arthur Kahane [vgl. Neuer Theater-Almanach 1908, S. 258], mit dem Wedekind am 12.11.1907 sprach: „Besprechung mit Kahane.“ [Tb] Der Name von Arthur Kahane ist in dem später als Briefbeilage versandten „Reinhardt-Tagebuch“ [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 17.10.1908; Wedekind an Emmy Loewenfeld, 17.10.1908; Wedekind an Fritz Andreae, 17.10.1908; Wedekind an Hermann Rosenberg, 17.10.1908; Wedekind an Robert von Mendelssohn, 17.10.1908; Wedekind an Walther Rathenau, 17.10.1908; Wedekind an Paul Cassirer, 17.10.1908] ‒ nun dem Datum 14.11.1907 zugeordnet (Ausführungen zum 12.11.1907 finden sich dort keine) ‒ zuerst geschrieben, dann aber gestrichen und ersetzt durch den Namen von Felix Hollaender, Max Reinhardts engstem Mitarbeiter. mitgetheilt haben.

In vorzüglicher Hochschätzung
Fr.W.

Einzelstellenkommentare

München, 14. April 1908 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Deutsches Theater zu Berlin, (Theater), Reinhardt, Max

Deutsches Theater, Berlin
Schumannstraße.


Ich sehe mich genötigt von dem Ihnen am x April von mir unterzeichneten Vertrag zurückzutreten

Ich trete von dem Ihnen zugesandten am x April8. April [vgl. Wedekind an Max Reinhardt, 8.4.1908]. unterzeichneten Ihnen zugesandten VertragsanerbietenWedekind hat dem Direktor des Deutschen Theaters angesichts der Vertragsstreitigkeiten einen eigenen Vertragsentwurf geschickt [vgl. Wedekind an Max Reinhardt, 8.4.1908], der mit „erhöhten Geldforderungen“ [Deutsches Theater zu Berlin, Max Reinhardt an Wedekind, 25.10.1908] seinen Vorstellungen entsprach und offenbar von ihm bereits unterschrieben war. zurück

FrW.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 25. Oktober 1908 (Sonntag)
von Deutsches Theater zu Berlin, (Theater) und Reinhardt, Max
an Wedekind, Frank

Deutsches Theater zu Berlin

den 25. Oktober 1908.


Herrn Frank Wedekind,
München,
Prinz Regentenstrasse


Von befreundeter Seite erhalten wir Ihr Schreiben vom 17. OktoberWedekind hat das „Reinhardt-Tagebuch“ [KSA 5/II, S. 278-281], ein „Tagebuch“ überschriebenes Dossier zu seinen Vertragsstreitigkeiten mit Max Reinhardt [vgl. 5/III, S. 695-702], am 17.10.1908 als Briefbeilage an die Sozietäre des Deutschen Theaters und einige weitere Personen im engeren Umfeld des Deutschen Theaters gesandt (an Maximilian Harden, Emmy Loewenfeld, Fritz Andreae, Hermann Rosenberg, Robert von Mendelssohn, Walther Rathenau, Paul Cassirer). Das vorliegende Schreiben bezieht sich auf dieses Dossier und zitiert daraus., in dem Sie alle Einzelheiten unseres Vertragsverhältnisses mit ausgesuchter Sorgfalt von der Wahrheit abrücken und Ihre allzu durchsichtigen Beweggründe mit pathetischen Worten zu verdecken suchen. Sie werden, verehrter Herr, uns gestatten müssen, dass wir Ihrem Gedächtnis ein wenig zu Hilfe kommen und etwas Licht in das stimmungsvolle Dunkel tragen.

Was bezwecken Sie? Sie wollen einen vor Jahr und Tag rechtsgültig geschlossenen VertragWedekind hat mit Max Reinhardt am 15.3.1906 „einen über fünf Jahre laufenden Autorenvertrag“ abgeschlossen, „seine neuen dramatischen Werke zuerst Reinhardt zur Aufführung anzubieten.“ [Vinçon 2014, S. 198f.] mit allen Mitteln lösen, weil Ihnen, Ihrer eigenen Aussage gemäss, für einen derartigen Kontrakt grössere Angebote von anderer Seite in Aussicht gestellt wurden. Wir wollen davon absehen, dass wir als die ersten, die Ihre Werke dem Spielplan des deutschen Theaters dauernd einverleibt haben, an dieser für Sie günstigen geschäftlichen Situation nicht ganz ohne Verdienst sind (eine Tatsache, die nicht bloss von der Oeffentlichkeit, sondern auch durch Sie selbst in manchen als wertvolle Andenken von uns verwahrten Dankesbriefennicht überliefert (und nicht detaillierter zu erschließen). und in Tafelreden anerkannt wurde): aber wir finden es nicht hübsch von Ihnen, dass Sie zwanzig Monate nach Abschluss Ihres Vertrages plötzlich den Einfall haben, bei der Unterzeichnung Ihres Vertrages „verwirrtZitat. Wedekind hat im „Reinhardt-Tagebuch“ unter dem Datum 15.3.1906 zur Unterzeichnung des Autorenvertrags geschrieben: „Abgespannt und verwirrt, wie ich infolge der vorangegangenen Anstrengungen bin, unterzeichne ich den Vertrag.“ [KSA 5/II, S. 278]“ gewesen zu sein, und dass Sie den lebhaften Wunsch nach geschäftlichen Vorteilen mit der Sehnsucht nach geistiger Bewegungsfreiheit drapieren wollen. Sie waren ja in diesem Frühjahr gewillt, diese Freiheit abermals zu knebeln, wenn wir die erhöhten Geldforderungen Ihres eigenen VertragsentwurfesWedekind hat einen von ihm entworfenen Vertragsentwurf an Max Reinhardt geschickt [vgl. Wedekind an Max Reinhardt, 8.4.1908]. bewilligt hätten.

Wir wollen uns also an die einfachen Tatsachen halten und im folgenden aufzeigen, wie sehr Sie Ihr Gedächtnis betrogen hat. |

1. Es ist unwahr, dass Herr Hollaender während einer Probe Ihnen die Unterschrift zu einem Vertrage abgenötigt hat, von dem bisher „nie von einer Silbe die Rede warZitat. Wedekind hat im „Reinhardt-Tagebuch“ unter dem Datum 15.3.1906 geschrieben, Felix Hollaender sei mit dem fertig aufgesetzten Autorenvertrag auf ihn zugekommen, „von dem vorher nie mit einer Silbe die Rede war.“ [KSA 5/II, S. 278]“; wahr ist vielmehr, dass Herr Hollaender anlässlich einer Probe Sie ersuchte, den vorher wiederholt besprochenen Vertrag, mit dem Sie sich in allen Punkten einverstanden erklärt hatten, zu unterzeichnen. Sie taten das auch ohne das leiseste Bedenken und ohne jeden Einwand. Herr Hollaender hat notabene lange vor dieser Probe Ihr Einverständnis mit dem in Frage kommenden Vertrage der Direktion mitgeteilt

Es ist nicht ohne pikanten Reiz, wenn Sie sich in diesem Tagebuchblatt als den verwirrten und weltfremden Poeten gerieren, den man quasi überrumpelt hat, zumal, wenn wir uns Ihres programmatischen Ausspruches erinnern, nach dem Sie bisher noch jeden Vertrag, den Sie brechen wollten, auch gebrochen haben. In der Tat sind wir ja nicht die ersten und einzigen, die Ihre eigenartige Auffassung von Vertragstreue kennen lernen mussten. Die Fälle sind ja nicht unbekannt.

2. Unwahr ist, dass Herr Hollaender Ihnen gesagt hat, dass alle übrigen Autoren des Deutschen Theaters den gleichen Vertrag unterzeichnet haben.

3. Unwahr ist, dass kaum ein einziger Autor einen Vertrag mit den gleichen Bedingungen wie Sie unterschrieben hat. Wahr ist vielmehr, dass Herr Hollaender erklärt hat, dass viele Autoren von Rang den gleichen Vertrag mit dem Deutschen Theater haben und dass er Ihnen damals die Namen genannt hat. Das Deutsche Theater hat mit Bernard Shaw, Leo Greiner, Vollmöller, Emil Strauss, Schmidtbonn, Ossip Dymow und mit den Autoren des russischen Verlags (Ladyschnikow) eine gleiche Abmachung vereinbart. Derartige Verträge sind übrigens auch bei anderen Theatern gang und gäbe.

Demnach müssen wir es als eine Methode von verblüffender Dreistigkeit bezeichnen, wenn Sie den Spiess umdrehen und erklären, der Betrogene zu sein.

4. Was Ihren SchauspielervertragWedekind hat mit Max Reinhardt am 21.12.1905 einen Schauspielervertrag abgeschlossen. „Als der Schauspielervertrag verlängert werden soll, sind sich die Vertragspartner nicht einig. Es gibt Streit über die Verlängerung, weil Wedekind“ ihr „nur zustimmen will, wenn der Autorenvertrag annulliert wird.“ [Vinçon 2014, S. 199] anlangt, der ja mit dem Autorenvertrag garnichts zu tun hat, so weichen auch diesbezüglich Ihre Behauptungen von der Wahrheit ab. Es ist unwahr, dass Sie pünktlich eingetroffen sind, um diesen Vertrag zu erfüllen; wahr ist vielmehr, dass Sie laut Vertrag verpflichtet gewesen wären, am 20. SeptemberWedekind war am 20.9.1907 in München und reiste am 3.10.1907 nach Berlin [vgl. Tb]. im Theater einzutreffen und dass Sie trotz wiederholter Aufforderung erst am 8. OktoberWedekind hielt am 8.10.1907 in Berlin einen „Besuch bei Justizrat Ehrlich“ wegen des „Marquis von Keith“ fest und anschließend: „Ich gehe auf die Probe M. v. K. Gespräch mit Holländer“ [Tb]. im Theater erschienen sind. Und auch an diesem Tage haben Sie sich nicht etwa dem Theater als Schauspieler zur Verfügung gestellt, sondern Sie sind lediglich mit der unverkennbaren Absicht auf die „Keith“-Probe gekommen, einen Skandal zu provozieren.

Wahr ist ferner, dass Sie daraufhin eine an Sie gerichtete briefliche Anfragenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Deutsches Theater zu Berlin an Wedekind, 9.10.1907., ob Sie Ihre schauspielerische Tätigkeit in dieser Spielzeit wieder aufnehmen wollten, nicht beantworteten und eine Rolle, die Ihnen von Herrn Hollaender angeboten wurde (SpiegelbergFigur aus Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“ (1781).Figur aus Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“ (1781).) mit dem Bemerken ablehnten, Sie hätten Besseres zu tun. Dagegen haben Sie abseits von den Vertragsbestimmungen neue Vereinbarungen für Ihr Auftreten und das Ihrer Frau getroffen, die unsererseits selbstverständlich pünktlich eingelöst worden sind.

5. Es ist unwahr, dass Direktor Reinhardt, Ihnen in Gegenwart des Herrn Andreae wiederholt die feste Versicherung gegeben hat, Ihnen eine entsprechende Entschädigung für die noch ausstehenden drei Vertragsjahre zu zahlen, wahr ist vielmehr, dass Direktor Reinhardt in Gegenwart des Herrn Andreae ausdrücklich betont hat, dass der mit Ihnen geschlossene Autorenvertrag zu Recht bestehe und dass somit für das Deutsche Theater keinerlei | Verpflichtung erwachse, den Vertrag nach irgend einer Richtung hin zu modifizieren. Dagegen hat Direktor Reinhardt sich aus freien Stücken in Gegenwart des Herrn Andreae bereit erklärt, mit Ihnen, als einem Autor, dessen Bedeutung für das Theater er zu schätzen wisse, bezüglich wirtschaftlicher Zugeständnisse über den Vertrag hinaus in Verhandlung zu treten.

6. Ihrer Behauptung, durch diesen Vertrag ein unbezahlter Angestellter der Direktion Reinhardt zu sein, begnügen wir uns, die Tatsache entgegenzustellen, dass Sie vom 20. November 1906 bis 1. Oktober 1908 48648,85 M. (Achtundvierzigtausendsechshundertundachtundvierzig Mark und 85 Pfennig) vom Deutschen Theaterbezogen haben. (Tantièmen und Gage).

7. Es ist unwahr, dass Direktor Reinhardt jemals behauptet hat, dass er den Vertrag ohne Einwilligung der Sozietäre nicht lösen dürfe; wahr ist vielmehr, dass er erklärt hat, es vor seinen Sozietären nicht verantworten zu können, für das Theater wichtige und rechtsgültig abgeschlossene Verträge ohne weiteres aufzuheben.

8. Unwahr sind sämtliche Behauptungen, die Sie in folgendem Passus zum Ausdruck bringen: „22. April. Herr Max ReinhardtZitat aus dem „Reinhardt-Tagebuch“ unter dem Datum 22.4.1908: „Herr Max Reinhardt unterbreitet mir schriftlich einen Vertrag, in dem auf drei Jahre eine Garantie der Forderungen meines Verlegers festgesetzt ist unter der Bedingung, dass ich in den Kammerspielen und am Deutschen Theater zu Spielhonoraren auftrete, die dreimal niedriger sind, als wie sie mir zur Zeit von anderen Theaterdirektoren bezahlt werden.“ [KSA 5/II, S. 280] unterbreitet mir schriftlich einen Vertrag, in dem auf drei Jahre eine Garantie der Forderungen meines Verlegers festgesetzt ist, unter der Bedingung, dass ich in den Kammerspielen und am Deutschen Theater zu Spielhonoraren auftrete, die dreimal niedriger sind, als wie sie mir zur Zeit von anderen Theaterdirektoren bezahlt werden“. Wahr ist vielmehr, dass Ihnen Herr Direktor Reinhardt in der Folge verschiedene Vorschläge als Ergänzung zu Ihrem Vertrage unterbreitet hat, nach denen Sie persönlich, nicht Ihr Verleger, 3000 M. (dreitausend Mark) als Tantièmenvorschuss ausbezahlt erhalten sollten. Dagegen ist von einer Verpflichtung Ihrerseits, im Deutschen Theater oder in den Kammerspielen aufzutreten, mit keiner Silbe die Rede gewesen.

Von allen Ihren Behauptungen bleibt demnach als einzige wahre Tatsache nur die bestehen, dass Sie von Herrn Hollaender zu einem Essen bei BorchardtWedekind war öfters mit Felix Hollaender (und anderen Mitarbeitern des Deutschen Theaters) zum Essen in der Weinstube F. W. Borchardt in Berlin, so am 9.1.1906, 26.1.1906, 15.3.1906, 2.4.1906, 22.11.1906, 23.11.1906, 20.12.1906, 4.1.1907, 9.11.1907. geladen wurden, ein allerdings schwer gravierender Vorgang, der sich, wie wir einräumen müssen, sogar wiederholt hat.

Wir haben uns die Zeit genommen, Ihre amüsanten Tagebuchblätter auf Grund des uns vorliegenden Materials Punkt für Punkt zu korrigieren, um diese Methode skrupelfreier Verdrehungen zu erhellen. Die Direktion des Deutschen Theaters ist entschlossen, diesen Nachweis vor jeder Instanz zu führen.

Und nun gestatten Sie uns zum Schluss, Sie mit einer kostbaren Entdeckung bekannt zu machen, die Ihren hitzigen Kampf um geistige Bewegungsfreiheit lediglich als merkantilen Spektakel demaskiert: In diesem Kampf fehlt das Objekt. Zur Diskussion stehen die drei Werke „Musik“, „Oaha“, „Zensur“. Ueber „Musik“ haben Sie abseits von aller „Probenverwirrung“ elf Monate nach Abschluss des Generalvertrages einen Spezialvertrag mit uns abgeschlossen, was Sie nachträglich freilich nicht gehindert hat, Ihre geistige Bewegungsfreiheit bis zum Abschlusse eines dritten Vertrages mit einer anderen Bühne„Musik“ wurde am 11.1.1908 am Intimen Theater in Nürnberg unter der Regie von Emil Meßthaler uraufgeführt. Wedekind hatte zunächst die Hoffnung gehabt, „Musik“ durch Vermittlung Felix Hollaenders am Deutschen Theater in Berlin aufführen zu können [vgl. KSA 6, S. 793] und ihm das Stück am 11.10.1906 übergeben: „Ich hole Holländer im Theater ab und übergebe ihm ‚Musik‘“ [Tb]. auszudehnen.

Dieses Verfahren (das nämliche Stück dreimal zu veräussern) müsste man als Kollision mit dem Strafgesetz ansehen, wenn es nicht so charakteristisch wäre für Ihren ethischen Humor und die Praxis, die Sie in solchen Dingen verfolgen. |

Uns persönlich wäre es allerdings sympathischer gewesen, wenn Sie sich in dieser Campagne an das hübsche, von Ihnen geprägte Wort erinnert hätten: „Das glänzendste GeschäftZitat aus „Marquis von Keith“ (5. Aufzug): „das glänzendste Geschäft in dieser Welt ist die Moral.“ [KSA 4, S. 216]. in der Welt ist die Moral.“

Die beiden andern in Frage kommenden Werke, die uns von Ihrem Vertreter Bruno Cassirer eingereicht wurden, haben wir bereits vor Wochen abgelehnt; Sie konnten demnach über sie frei verfügen.

Im übrigen besteht die begründete Aussicht, dass wir auch für die Zukunft in der Lage sein werden, dem von Ihnen ausgedrückten Wunsche, Ihre Werke nicht am Deutschen Theater aufgeführt zu sehen, entgegenzukommen.

Die Direktion des Deutschen TheatersEigentümer und Direktor des Deutschen Theaters war Max Reinhardt [vgl. Neuer Theater-Almanach 1908, S. 268], der insofern als verantwortlicher Verfasser des vorliegenden Briefes anzusehen ist..

Einzelstellenkommentare

München, 26. April 1912 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Deutsches Theater zu Berlin, (Theater)

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 28.2.1912 in Wien:]


BücherWedekind dürfte mit dem hier erschlossenen Begleitbrief Buchausgaben seiner Werke (oder Regiebücher) für sein anstehendes Gastspiel – der Wedekind-Zyklus am Deutschen Theater in Berlin vom 1. bis 16.6.1912 – nach Berlin geschickt haben. ans Deutsche Theater geschickt [...]

Einzelstellenkommentare

Berlin, 28. Dezember 1912 (Samstag)
von Held, Berthold und Deutsches Theater zu Berlin, (Theater)
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Briefentwurf an Berthold Held vom 30.12.1912 aus München:]


Für Ihre liebenswürdigen Zeilen Benachrichtigung empfangen Sie meinen verbindlichsten Dank.

Einzelstellenkommentare

München, 30. Dezember 1912 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Held, Berthold, Deutsches Theater zu Berlin, (Theater)

Sehr geehrter Herr Professorsehr wahrscheinlich Berthold Held, Regisseur am Deutschen Theater zu Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1913, S. 290], Jugendfreund Max Reinhardts und inzwischen seit über einem Jahr Leiter der Schauspielschule des Deutschen Theaters zu Berlin (insofern wohl die Anrede), wie die Presse seinerzeit meldete: „Die Schauspielschule des Deutschen Theaters wird jetzt von Berthold Held geleitet.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 40, Nr. 477, 19.9.1911, Morgen-Ausgabe, S. (3)] Berthold Held hatte dem Berliner Polizeipräsidium vor dem 26.2.1912 ein Typoskript „Schloss Wetterstein“ (im Archiv des Deutschen Theaters, Berlin) zur Zensur eingereicht, das von der Zensurbehörde am 15.5.1912 mit dem handschriftlichen Vermerk versehen wurde: „Eingereicht von Direktor Held für ein Sommergastspiel. Demnächst zurückgezogen.“ [KSA 7/II, S. 691] Er hat sein eigenes Genehmigungsgesuch für ein Gastspiel zwar zurückgezogen, dürfte aber als bereits mit dem Stück vertrauter Regisseur des Deutschen Theaters erneut mit dem nun offiziell vom Deutschen Theater in die Wege geleiteten Aufführungsplan des Stücks befasst gewesen sein. Die Direktion des Deutschen Theaters reichte dem Berliner Polizeipräsidium am 4.8.1912 „Schloß Wetterstein“ ein [vgl. KSA 7/II, S. 876], die am 16.1.1913 ein erstes Verbot aussprach [vgl. KSA 7/II, S. 972]; das Deutsche Theater ersuchte das Berliner Polizeipräsidium daraufhin am 27.2.1913 erneut um Genehmigung einer Aufführung, das am 6.5.1913 endgültig entschied, „die Aufführung zu verbieten.“ [KSA 7/II, S. 877] Wedekinds Briefentwurf befindet sich im „Kuvert ‚[Deutsches Theater] Schloß Wetterstein‘“ [KSA 7/II, S. 918]; sein Brief dürfte mit Sicherheit an Berthold Held adressiert gewesen sein (die Dramaturgen des Deutschen Theaters – Felix Hollaender und Arthur Kahane – hätte er anders angesprochen), mit dem er das Vorhaben, „Schloß Wetterstein“ zu inszenieren, wohl schon im Vorjahr besprochen hat, wie er am 26.9.1911 notierte: „Unterredung mit Held“ [Tb].!

Für Ihre liebenswürdigen Zeilen Benachrichtigungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Berthold Held an Wedekind, 28.12.1912. Die Mitteilung der möglichen Rollenbesetzung (siehe unten) der geplanten „Schloß Wetterstein“-Inszenierung dürfte im Zuge der Nachfrage des Deutschen Theaters zu Berlin am 28.12.1912 beim Polizeipräsidium Berlin erfolgt sein, eine Bitte „um freundliche Genehmigung“ des am 4.8.1912 „eingereichten Stückes ‚Schloß Wetterstein‘ von Frank Wedekind, da die Aufführung bereits Ende nächsten Monats stattfinden soll.“ [KSA 7/II, S. 219] Die Aufführung war „für Ende Januar 1913 geplant“ [KSA 7/II, S. 876] und zwar an den Kammerspielen des Deutschen Theaters, wie aus einer Pressemeldung über die begonnenen Proben hervorgeht: „Wedekinds Einakterzyklus ‚Schloß Wetterstein‘ wird zurzeit für die Kammerspiele des Deutschen Theaters probiert.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 42, Nr. 15, 9.1.1913, Abend-Ausgabe, S. (3)] empfangen Sie meinen verbindlichsten Dank. Wollen Sie auch Herrn Professor Reinhardt„Professor Max Reinhardt“ [Neuer Theater-Almanach 1913, S. 290], Inhaber und Direktor des Deutschen Theaters zu Berlin. Er trug den Professorentitel seit 1909: „Der Herzog von Koburg-Gotha hat den Direktor Max Reinhardt in Anerkennung seiner Leistungen als Lehrer und Leiter der Schauspielschule des Deutschen Theaters zum Professor ernannt.“ [Hamburger Neueste Nachrichten, Jg. 13, Nr. 126, 2.6.1909, S. 4] meinen ergebensten Dank für das große Interesse aussprechen, das er für meine Arbeit übrig hat.

Und nun zu der von Ihnen vorgenommenen BesetzungBerthold Held hatte für die geplante Aufführung von Wedekinds Schauspiel „Schloß Wetterstein“ an den Kammerspielen des Deutschen Theaters (siehe oben) offenbar vorgeschlagen, die Rollen Rüdiger Freiherr von Wetterstein, Effie von Gystrow, Meinrad Luckner und Karl Salzmann [vgl. KSA 7/I, S. 100] mit Alfred Abel, Leopoldine Konstantin, Jakob Tiedtke und Eduard Rothauser zu besetzen – allesamt Schauspieler und eine Schauspielerin aus dem Ensemble des Deutschen Theaters zu Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1913, S. 291].. Selbstverständlich hatte ich mich mit dieser Frage beschäftigt seitdem das Drama von Herrn Professor Reinhardt angeno zur A angenommen war. Die Besetzung der HauptrollenWedekind schlug vor, die Hauptrollen Rüdiger Freiherr von Wetterstein, Leonore von Gystrow, deren Tochter Effie und Meinrad Luckner [vgl. KSA 7/I, S. 100] in der Berliner Inszenierung seines Schauspiels „Schloß Wetterstein“ mit Alexander Moissi, Else Heims, Camilla Eibenschütz oder Johanna Terwin sowie mit Wilhelm Diegelmann (alternativ mit Alexander Rottmann) zu besetzen – allesamt ebenfalls Schauspieler und Schauspielerinnen aus dem Ensemble des Deutschen Theaters zu Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1913, S. 291f.]. wie sie mir vorschwebte war folgende: |

Rüdiger = Alexander Moissi

Leonore = Frau Else Heims

Effie = Camilla Eybenschütz oder Johanna Terwin

Luckner = Herr ? Diegelmann

In der Leonoregesamter stark durchkorrigierter Absatz durchgestrichen bis „Gesellschaft zu gestalten bestrebt.“ hatte war ich bestrebt ein Prototyp von Gesundheit, Frische und Natürlichkeit im ersten und dritten Aktumgestellt; zuerst in der Zeile darunter: „im ersten {und dritten} Akt zu gestalten bestrebt.“ mit ausgesprochnem Humor zu gestalten bestrebt. außerdem den Inbegriff einer Dame der guten besten Gesellschaft zu gestalten bestrebt. |

In der Leonore war ich mir bewußt ein Prototyp von Gesundheit, Frische und Natürlichkeit, im ersten und dritten Akt mit ausgesprochenem Humor, außerdem den Inbegriff einer Dame der besten Gesellschaft zu gestalten. Frau Heims wür Professor HeimsElse Heims, Schauspielerin am Deutschen Theater zu Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1913, S. 291], seit 1910 mit Max Reinhardt verheiratet, wurde von Wedekind wie ihr Mann mit dem Professorentitel versehen (siehe oben). würde sich mit dem mir vorschwebenden Ideal in gleich vollkommener Weise decken wie Moissi mit der Rolle des Rüdiger. Bei der Besetzung dieser Rolle durch Herrn Abel glaube ich der Unstimmigkeit entgegensehen zu müssen daß das Drama zum KonversatzionsstückSchreibversehen, statt: Konversationsstück. diminuirtverkleinert, vermindert, verringert. würde und sich alles ethische Pathos darin als echt Wedekindsche Unbeholfenheit erweisen würde. Diese Beobachtung drängte sich mir bei der Besetzung meines Fritz | Schwiegerling durch Herrn AbelAlfred Abel, inzwischen Schauspieler am Deutschen Theater zu Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1913, S. 291], hatte in der Inszenierung von Wedekinds Schwank „Der Liebestrank“ (1899) am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1910, S. 290] in Berlin (Premiere: 6.10.1910) die Hauptrolle des Fritz Schwigerling gespielt – mit teilweise kritischer Presseresonanz; so meinte etwa Alfred Kerr in der Berliner Tageszeitung „Der Tag“ (8.10.1910): „Herr Abel [...] verfehlte den Stil“ [KSA 2, S. 1091]. am Kleinen Theater auf, wobei die Kritik auch durchaus nicht mehr für gut fand den Darsteller gegen den Autor in Schutz zu nehmen.

Frl. Konstantin kenne ich aus dem gesprochenen Drama leider nur sehr wenig. Der mädchenhafte Heroismus, der Effie, ihr transzendentaler Mystizismus, ihre überlegene und doch spielerische Intelligenz, vor allem die für den 3. Akt nötige Majestät und tragische Größe, das alles glaube in Gefahr ich bei der Besetzung der Rolle durch Fräulein Konstantin in Gefahr durch einen derben wuchtigen Realismus ausgeschaltet zu werden. Bei den Damen Eybenschütz und Terwin glaube würde ich mich in dieser Hinsicht eines erschöpfenden Ver|ständnisses und einer glänzenden Wiedergabe vollkommen sicher fühlen

Herr Digelmann hat uns einen vielbewunderten FalstaffWilhelm Diegelmann, Schauspieler am Deutschen Theater zu Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1913, S. 291], spielte diese Rolle dort unter der Regie von Max Reinhardt bei der Premiere von Shakespeares „Heinrich VI.“ am 12.10.1912 (Teil I) und 18.10.1912 (Teil II); angekündigt war: „Für die Erstaufführung von Shakespeares ‚König Heinrich IV.‘ im Deutschen Theater am Sonnabend ist folgende Besetzung festgesetzt: [...] Sir John Falstaff – Wilhelm Diegelmann“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 476, 10.10.1912, Morgen-Ausgabe, S. 6] Die Presseurteile waren allerdings gemischt. So zeigte sich der sozialdemokratische „Vorwärts“ von der Darstellung begeistert, vom ersten Teil – „Diegelmann war ein famoser Falstaff, breit und behaglich die unsterblichen Humore des dicken Ritters widerstrahlend“ [Vorwärts, Jg. 29, Nr. 241, 15.10.1912, 1. Beilage, S. (1)] – und im zweiten Teil II verwies er auf die „lustigen Partien, in denen Diegelmanns trefflicher Falstaff Chorführer war“ [Vorwärts, Jg. 29, Nr. 246, 20.10.1912, 1. Beilage, S. (1)]; andere sahen eine Steigerung in der Darstellungsleistung: „Das Deutsche Theater will sich der schweren, aber höchst dankenswerten Aufgabe unterziehen, einige von Shakespeares Königsdramen aufzuführen, und begann sie am Sonnabend mit ‚König Heinrich der Vierte‘ 1. Teil. [...] Der Falstaff war Herrn Diegelmann zugeteilt. Der Künstler charakterisierte manchen hübschen Einzelzug. Der lärmende, polternde Sir John gelang ihm gut, das Humorvolle, namentlich die Selbstironie kamen aber zu kurz.“ [Deutscher Reichsanzeiger, Nr. 245, 14.10.1912, Abends, S. (4)] „Die gestrige Aufführung des zweiten Teils von Shakespeares ‚König Heinrich dem Vierten‘ übertraf in einigen Einzelheiten diejenige des ersten Teils [...]. Herr Diegelmann hatte sich in die Rolle des Falstaff mehr eingelebt und fand wiederholt den Ausdruck für einen kernigen und echten Humor.“ [Deutscher Reichsanzeiger, Nr. 250, 19.10.1912, Abends, S. (4)] Paul Schlenther (P.S.) war mit der Darstellung im ersten Teil nicht einverstanden: „Sir John Falstaff [...] wuchs [...] dem Dichter unter der Hand gewaltig in die Höhe und, man kann bei Falstaff auch sagen, in die Breite, so daß er [...] fast zur Hauptgestalt wurde. Der Falstaff des Deutschen Theaters, Herr Diegelmann, bringt die Breite und die Höhe äußerlich mit. Aber nur die Gesamtheit konnte ihn tragen, und der Witz der Regie [...] kam in dieser Tiefebene nicht weit. Eine stimmliche Indisposition nahm ihm auch die letzte Gestaltungskraft.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 41, Nr. 523, 13.10.1912, Morgen-Ausgabe, S. (2)] Er sah sie auch im zweiten Teil noch kritisch: „Herr Diegelmann ist ganz anständig in den passiven Falstaff des zweiten Teils hineingewachsen. Aber er hilft sich zu oft mit unartikulierten Lauten, statt das Gold des Humors im Shakespeareschen Text zu suchen.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 41, Nr. 534, 19.10.1912, Morgen-Ausgabe, S. (2)] geschenkt. Für mich ist er die Idealbesetzung des Luckner, obschon ich mir bei der Gestaltung der Rolle Alexander Rottmann vorschwebteWedekind, der am 23.2.1912 nach Wien gereist ist [vgl. Tb], um die Proben zu der für den 2.3.1912 vom Akademischen Verband für Literatur und Musik in Wien geplanten geschlossenen Uraufführung von „Schloß Wetterstein“ zu leiten, die dann nicht stattfand [vgl. KSA 7/II, S. 877] und „während der Proben abgesagt“ [KSA 7/II, S. 908] wurde, hat Alexander Rottmann, der die Rolle des Meinrad Luckner (ein Frauenverführer) probte, in Wien täglich vom 24. bis 28.2.1912 bei den Proben [vgl. Tb] in der Rolle erlebt.. Es scheint mir zweifelhaft ob man Herrn Tiedge das brutale Hereinplatzen des Luckner glauben würde. Sollte die Rolle aber zu einem seelischen Problem diminuirt werden, dann müßten meines Erachtens die grellen schreienden Kontraste darunter leiden auf die die Wirkung des Ganzen berechnet ist

Und nun muß ich Ihnen noch ein Geständnis ablegen von dem ich wohl | hoffen darf daß Sie es niemandem verraten werden. Für das energische unerbittlich sachliche, jeden blindenden Einwand ertötende Auftreten des Direktor Salzmann, gab mir die alleräußerste Äußerlichkeit im Wesen unsers hochverehrten MeistersMax Reinhardt, von Wedekind „in den Entwürfen zu ‚In allen Wassern gewaschen‘“ – später der 3. Akt von „Schloß Wetterstein“ (1912) – „als Modell für den Betreiber eines zweifelhaften Unternehmens erwähnt“, was darauf deute, „daß er ihn nicht nur als Künstler, sondern auch als Geschäftsmann wahrnahm.“ [KSA 7/II, S. 833] Die Unternehmerfigur – in dem Entwurf noch explizit notiert: „Betrieb: Max Reinhart“ [KSA 7/II, S. 712] – ist „Modell für [...] die spätere Salzmann-Figur“ [KSA 7/II, S. 818]. Karl Salzmann [vgl. KSA 7/I, S. 160] tritt im 3. Akt von „Schloß Wetterstein“ auf, in den Szenen III/4, III/6 und III/8.

Die wenigen für die kleinen Rollen nötigen Anhaltspunkte.

Zweierlei lag mir dabei völlig fern:

1. Etwas anderes als nur das alleräußerlichste dieser großen Erscheinung, die in der Welt nicht ihres Gleichen hat, mir zunutze zu machen

2. Die Vermuthung, daß diese kinderleichte Rolle jemals zu Besetzungsschwierigkeiten veranlassen könnte.

Herr Rothauser wird sich in dieser | Rolle nicht die höchste Note sondern die tiefste für seine Ausgestaltung maßgebend sein lassen: „Ich bin Familien-Vater.Zitat aus der letzten Szene III/8 von „Schloß Wetterstein“ (Figurenrede Karl Salzmann): „Ich bin Familienvater.“ [KSA 7/I, S. 155]“ Ein seelisches Problem durch das der zweik psychologische Zweikampf Tschamper – Effie sich mit Leichtigkeit an die Wand g drücken läßtzuerst gestrichen, durch Unterpunktung wiederhergestellt. wird, da das Publikum seit 25 Jahren Einkämpfe und Selbstkämpfe unvergleichlich höher schätzt bewertet als Zweikämpfe. Salzmann beschließt das Drama als dessen tragischer Held

Wollen Sie, geehrter Herr Professor bitte verzeihen daß ich meiner Phantasie die Zügel schießen ließ. Schloß Wetterstein ist was Inscenierung betrifft, das einfachste StückWedekind hat schon früher zu „Schloß Wetterstein“ erklärt, das Stück sei „kinderleicht zu inscenieren“ [Wedekind an Fritz Basil, 9.3.1912]. das ich geschrieben habe. Ich Bei gelernten Rollen verpflichte ich mich es an

Einzelstellenkommentare

Rom, 8. Juli 1913 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Deutsches Theater zu Berlin, (Theater)

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 8.7.1913 in Rom:]


Brief ans Deutsche Theater [...]

Einzelstellenkommentare

Berlin, 24. März 1917 (Samstag)
von Deutsches Theater zu Berlin, (Theater)
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Tilly Wedekind vom 25.3.1918 aus Berlin:]


Morgen Abend gehe ich in die Carl Hauptmannsche Premiere, zu der sie mir einen Platz schickten.

Einzelstellenkommentare