Briefwechsel

Schönthan, Grete von und Wedekind, Frank

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Worms, 18. Juni 1905 (Sonntag)
von Schönthan, Grete von
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Grete von Schönthan vom 5.7.1905 aus München:]


[...] ich habe mich ungemein gefreut, ein Lebenszeichen von Ihnen zu erhalten. Aber wie in aller Welt kommen Sie denn nach Worms. [...] Wenn ich bis jetzt noch nicht dazu kam, zu antworten [...]

Einzelstellenkommentare

München, 5. Juli 1905 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Schönthan, Grete von

Liebe verehrte gnädige FrauGrete von Schönthan (geb. Gerike), Schriftstellerin, in erster Ehe verheiratet mit dem Lustspielautor und Journalisten Paul von Schönthan (Johann Paul Schönthan Edler von Pernwald) aus Wien, in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller Hans Olden (Heirat am 8.5.1891 in Berlin, Scheidung am 23.12.1902). Wedekind hat eine Begegnung mit ihr nur einmal verzeichnet, am 13.6.1914 in Berlin: „Grete von Schönthan“ [Tb], kannte sie aber seit den 1890er Jahren aus München (siehe unten).!

ich habe mich ungemein gefreut, ein LebenszeichenHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Grete von Schönthan an Wedekind, 18.6.1905. von Ihnen zu erhalten. Aber wie in aller Welt kommen Sie denn nach Worms. Ich frage mich umsonst, was in WormsWorms am Rhein, wo Grete von Schönthan zwischenzeitlich lebte, bevor sie nach Berlin zog [vgl. Wedekind an Grete von Schönthan, 14.2.1907], wann genau ist unklar (das „Adreßbuch der Stadt Worms“ ist für die Jahre 1905 und 1906 nicht überliefert), hatte ein eher bescheidenes Kulturleben, wie die wenigen im „Wormser Tageblatt“ angezeigten Veranstaltungen ahnen lassen. Es hatte ein nur ausnahmsweise bespieltes Theater, das Kolosseum (früher: Stadttheater), das von Darmstadt aus verwaltet wurde (Direktor war Willy Roemheld) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 620]. los ist um Sie dort zu fesseln. Der Begegnung in WienWedekind, der vom 2. bis 12.6.1898 sowie vom 14. bis 23.11.1901 zu Gastspielen in Wien war, zuletzt vom 27. bis 30.5.1905 und vom 14. bis 16.6.1905 (zu den beiden von Karl Kraus organisierten Vorstellungen seiner Tragödie „Die Büchse der Pandora“), ist wohl bei einem der beiden letzten Aufenthalte dem Wiener Hofopernsänger Leo Slezak [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 577] begegnet, woran Grete von Schönthan ihn brieflich erinnert haben dürfte (siehe oben). mit | Herrn Slezak erinnere ich mich noch sehr wol. Wenn ich bis jetzt noch nicht dazu kam, zu antworten, so liegt das nur daran, daß man den ganzen Tag im WasserWedekind ging fast täglich schwimmen; so notierte er am 2.7.1905: „gehe ins Ungererbad“ [Tb]; vom 4. bis 7.7.1905 war er jeden Tag im „Ungererbad“ [Tb], ein parkähnlich angelegtes Naturbad in München. liegt, wobei sich die Korrespondenz nicht gut erledigen läßt. Ich möchte mir aber diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, ohne Sie aufzufordern, doch recht bald wieder nach MünchenGrete von Schönthan hatte mit ihrem zweiten Gatten Hans Olden in den 1890er Jahren in München gelebt (Königinstraße 73a) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1896, Teil I, S. 344], wo sie wie Wedekind zum Freundeskreis Max Halbes gehörte, wie dieser sich erinnerte: „Nicht zu vergessen das typische Intellektuellenehepaar Hans und Grete Olden, die nachmalige und vorherige Grete von Schönthan und als solche Mitverfasserin des unverwüstlichen Schwanks ‚Der Raub der Sabinerinnen‘.“ [Halbe 1935, S. 161f.] zu kommen. | Es ist hier jetzt sehr interessant. Die Liebe und der Haß feiern die glänzendsten Triumphe. Von der ehemaligen Biergemütlichkeit ist nicht eine Spur mehr vorhanden. München besteht nur noch aus NervenAnspielung auf die um 1900 modische Neurasthenie.. Die Sensationslüsternheit führt die furchtbarsten Orgien auf. Kein Mensch traut hier mehr dem andern. Jeder lebt in glänzender Isolierung und ist völlig auf sich selbst angewiessen. Dabei schießen natürlich die | Individualitäten wie die Pilze aus dem Boden.

Finden Sie das nicht herrlich? Also kommen Sie bitte! Sie finden hier LustspielstoffeGrete von Schönthan war bekannt als Lustspielautorin und Übersetzerin von französischen Lustspielen; sie gilt als ungenannte Mitverfasserin des erfolgreichen Schwanks „Der Raub der Sabinerinnen“ (1885) von Franz und Paul von Schönthan, hat aber auch Komödien unter eigenem Namen – Grete Olden oder Grete von Schönthan – veröffentlicht. in Menge.

Sollte sich Frau EllyElly Hirschfeld (geb. Leßer), Gattin des Schriftstellers Georg Hirschfeld in Berlin (Würzburger Straße 15) [vgl. Berliner Adreßbuch 1905, Teil I, S. 807], war offenbar mit Grete von Schönthan befreundet, wie aus einen weiteren Brief hervorgeht [vgl. Wedekind an Grete von Schönthan, 14.2.1907]. meiner noch erinnern, dann legen Sie ihr bitte gelegentlich meine Empfehlung zu Füßen.

In Ergebenheit und Verehrung grüßt Sie herzlichst
Ihr
Frank Wedekind.


München

5.7.5.

Einzelstellenkommentare

Charlottenburg, 13. Februar 1907 (Mittwoch)
von Schönthan, Grete von
an Wedekind, Frank

[Hinweis in Wedekinds Brief an Grete von Schönthan vom 14.2.1907 aus Berlin:]


[...] ich danke Ihnen sehr, daß Sie mir diese Ehre erweisen.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 14. Februar 1907 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Schönthan, Grete von

Sehr verehrte gnädige FrauGrete von Schönthan (geb. Gerike), Schriftstellerin, in erster Ehe verheiratet mit dem Lustspielautor und Journalisten Paul von Schönthan (Johann Paul Schönthan Edler von Pernwald) aus Wien, in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller Hans Olden (Heirat am 8.5.1891 in Berlin, Scheidung am 23.12.1902), hat einmal in München und zwischenzeitlich in Worms gelebt [vgl. Wedekind an Grete von Schönthan, 5.7.1905] und war nun als Margarethe von Schönthan in Charlottenburg wohnend gemeldet (Neue Kantstraße 2) [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 2173]. Wedekind hat eine Begegnung mit ihr nur einmal verzeichnet, am 13.6.1914 in Berlin: „Grete von Schönthan.“ [Tb]!

ich danke Ihnen sehr, daß Sie mir diese Ehre erweisenHinweis auf eine nicht überlieferte Anfrage; erschlossenes Korrespondentstück: Grete von Schönthan an Wedekind, 13.2.1907. Wedekind dürfte um Theaterkarten für eine Vorstellung von Max Reinhardts Inszenierung von „Frühlings Erwachen“ (Uraufführung: 20.11.1906) in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin für Grete von Schönthan gebeten worden sein, vermutlich unter Berufung auf Elly Hirschfeld (siehe unten).. Ich werde morgen, Freitag, die Plätze reservieren lassen, die Ihnen dann morgen, übermorgenAm 15.2.1907 war in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin (Schumannstraße 14) die 54. Vorstellung von „Frühlings Erwachen“ zu sehen, wie Wedekind im Tagebuch festhielt („Frl. Erw. 54“), am 16.2.1907 die 55. Vorstellung („Frlgs Erw. 55“). Welche Vorstellung Grete von Schönthan besuchte, ist nicht ermittelt. oder in einer der nächsten Vorstellungen zur Verfügung stehen, wenn Sie die Güte haben wollen, vor BeginnDie Vorstellungen von „Frühlings Erwachen“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin begannen jeweils um 20 Uhr. der Vorstellung dem KassierKassierer, männliche Person, die an der Kasse sitzt (hier: an der Theaterkasse). Mortier Heimann, als Souffleur und Billett-Kassierer am Deutschen Theater in Berlin ausgewiesen, saß an der Kasse der Kammerspiele des Deutschen Theaters [vgl. Neuer Theater-Almanach 1907, S. 286]., | Herrn Heimann, Ihren Namen zu nennen. Ich würde versuchen, Ihnen die Karten zu schicken, wenn es nicht so bequemer für Sie wäre, indem die Plätze für Sie bereit liegen und Sie den Abend nach Ihrem Belieben auswählen können.

Darf ich Sie bitten, Frau EllyElly Hirschfeld (geb. Leßer), Gattin des mit Wedekind befreundeten Schriftstellers Georg Hirschfeld, auf die Grete von Schönthan sich in ihrer Anfrage möglicherweise berufen hatte (siehe oben). Wedekind verbrachte den Abend des 22.2.1907 mit ihr (und anderen Bekannten), wie er notierte: „Abends mit Hirschfeld, seiner Frau [...] im Treppchen.“ [Tb] Er sah am 23.2.1907 dann die „Hirschfeldpremiere“ [Tb], die Uraufführung von Georg Hirschfelds Komödie „Mieze und Maria“ am Lessingtheater in Berlin. meine ergebensten Empfehlungen aussprechen zu wollen und herzliche Grüße entgegenzunehmen von Ihrem
Ihnen stets ergebenen
Frank Wedekind.


Berlin, 14.2.7.

Einzelstellenkommentare