Briefwechsel

Rosenthal, Therese und Wedekind, Tilly

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München, 15. Dezember 1906 (Samstag)
von Rosenthal, Therese
an Wedekind, Frank, Wedekind, Tilly

München 15 Dez. 1906


Meine liebe Frau Wedekind, lieber Herr Wedekind, nehmen Sie meine herzlichsten Glückwünsche zur Geburt Ihrer kleinen TochterPamela Wedekind, das erste Kind von Tilly und Frank Wedekind, ist am 12.12.1906 in Berlin geboren. entgegen. Ich habe mich mit der Nachricht sehr gefreut u. hoffe u. wünsche daß es der jungen Mutter sowie dem demSchreibversehen, statt: dem. Baby recht gut geht. Was könnte man sich zur Weihnachtszeit Schöneres und Entzückenderes denken, als ein kleines lebendes Püppchen zum Geschenk zu erhalten. Ich freue mich jetzt schon wenn Sie einmal mit der | kleinen Anna Pamela nach München kommen. Die Münchner Neuesten Nachrichten erzählen heute Abend von einem SohnIn den „Münchner Neuesten Nachrichten“ (in der einzigen Ausgabe vom Tag darauf, die am Abend zuvor schon vorlag) findet sich folgende Notiz: „Wie das ‚B. Tagebl.‘ erfährt, ist Frank Wedekind nach einjähriger Ehe glücklicher Vater geworden. Seine Gattin, Frau Niemann-Newes hat ihm ein Söhnchen geschenkt.“ [Hof- und Personalnachrichten. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 59, Nr. 587, 16.12.1906, S. 5] Im „Berliner Tageblatt“ heißt es: „Wie wir vernehmen, ist der Dichter von ‚Erdgeist‘ und ‚Frühlings Erwachen‘ glücklicher Vater geworden. Nach einjähriger Ehe hat ihm seine Gattin, Frau Niemann-Newes einen strammen Weihnachtsjungen beschert. Hoffen wir, daß dieses neueste Wede-‚Kind‘ die Talente seines Vaters geerbt hat.“ [Frank Wedekind als Vater. In: Berliner Tageblatt, Jg. 35, Nr. 635, 14.12.1906, Abend-Ausgabe, S. (3)] der dem Ehepaar Wedekind geschenkt wurde. Wer hat sich da wohl geirrt?

Von mir kann ich Ihnen sehr wenig erzählen, da ich wie Sie sich wohl denken können, ganz zurückgezogen lebe. Mein körperliches Befinden läßt auch Nichts zu wünschen übrig, aber ich leide oft sehr unter seelischen Depressionen u. mein guter unvergesslicher MannTherese Rosenthal (geb. Brüll) war die Witwe des am 9.8.1906 verstorbenen Münchner Rechtsanwalts Dr. jur. Friedrich Rosenthal, mit dem sie 30 Jahre verheiratet war (Eheschließung am 5.6.1876 in Fürth) und mit ihm von Nürnberg nach München gegangen ist (seine Kanzlei als Rechtsanwalt eröffnete er in München am 4.10.1879). Über seinen Tod meldete die Presse: „Aus Landshut [...] wird gemeldet: In einem Wagenabteil des heutigen Schnellzuges 30 wurde der Justizrat Friedrich Rosenthal aus München tot aufgefunden. Seine Leiche wurde in das Leichenhaus in Landshut verbracht. Der so plötzlich aus dem Leben geschiedene, im 61. Lebensjahre stehende Justizrat befand sich, wie wir hören, auf der Rückreise von Marienbad und ist einem Schlaganfall erlegen.“ [Justizrat Dr. Friedrich Rosenthal †. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 59, Nr. 372, 10.8.1906, Morgenblatt, S. 4] Die Beerdigung fand am 12.8.1906 „auf dem israelitischen Friedhofe statt“, wie es am 10.8.1906 in der Todesanzeige der Witwe („Im tiefsten Schmerze Therese Rosenthal, geb. Brüll“) für ihren Gatten („Herr Justizrat Dr. Friedrich Rosenthal“) heißt [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 59, Nr. 374, 11.8.1906, Morgenblatt, S. 6]. fehlt mir an allen Enden. Wie würde er sich gerade jetzt für die politischen VorgängeAnspielung auf die innenpolitische Krise im Zuge des Streits um den Nachtragshaushalt zur Finanzierung des Kolonialkrieges in Deutsch-Südwestafrika. Nachdem der Reichstag den Nachtragshaushalt am 13.12.1906 mit knapper Mehrheit abgelehnt hatte (ohne die Stimmen der Freisinnigen), löste der Reichskanzler den Reichstag noch in der Sitzung auf, damit er sich nach Neuwahlen neu zusammensetze. Die „Münchner Neuesten Nachrichten“ brachten Pressestimmen zur Haltung der verschiedenen Parteien: „Die Freisinnige Volkspartei vertraue darauf, daß die Wähler ihren Standpunkt rechtfertigen und dafür sorgen werden, daß in den neuen Reichstag eine verstärkte Schar freisinniger Männer gewählt werde zur Vertretung der wahrhaft nationalen, kulturellen und freiheitlichen Bestrebungen.“ [Die Auflösung des Reichstags. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 59, Nr. 585, 15.12.1906, Vorabendblatt, S. 1] Friedrich Rosenthal stand dieser Partei nahe: „Seine Richtung in politicis war von Anfang an fortschrittlich: dem Deutsch-Freisinn in den Bahnen Eugen Richters brachte er große Sympathien entgegen.“ [Justizrat Dr. Friedrich Rosenthal †. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 59, Nr. 372, 10.8.1906, Morgenblatt, S. 4] interessieren u. sich damit freuen, u. welchen Genuß hätte ich, mich mit ihm | in seiner geistreichen Manier über dies und Jenes zu unterhalten. Doch meine heutigeSchreibversehen (oder französisierende Diktion anempfindend), statt: mein heutiger. Brief soll keine méditation(frz.) Nachdenken, Nachsinnen. sein u. wollte ich eigentlich nur meiner Teilnahme an Ihrem Glück Ausdruck geben.

Am 10 Januar siedele ich in eine andere WohnungTherese Rosenthal wohnte in München in der Schackstraße 4 (1. Stock) [vgl. Adreßbuch für München 1907, Teil I, S. 448], bevor sie am 10.1.1907 in die Ohmstraße 9 (Parterre) [vgl. Adreßbuch für München 1908, Teil I, S. 458] zog. Ohmstrasse 9/0 über u. habe ich jetzt schon sehr viel mit den Umzugsvorbereitungen zu thun, so daß ich wenigstens eine kleine Zerstreuung habe. Über die Weihnachtsfeiertage fahre ich zu meinen Verwandten nach Oesterreich

Von den gemeinschaftlichen Münchner Bekannten sehe u. höre ich soviel wie Nichts; nur Stollberg’s nehmen sich meiner sehr an, besonders Frau Director | Stollberg war und ist mir eine treue u. fleißige Gesellschafterin. Von ihr werde ich mich über die Vorgänge im SchauspielhauseGeorg Stollberg war Direktor des Münchner Schauspielhauses. auf dem Laufenden erhalten, bis jetzt konnte sie mir aber nur von Durchfällen berichten.

Meine liebe Frau Wedekind, machen Sie sich nicht zu rasch wieder auf die Beine, denn es hängt unendlich viel von der Pflege des ersten Wochenbettes ab, für die weitere Gesundheit einer Frau.

Für die kleine Pamela habe ich mir erlaubt eine Kleinigkeit zu schicken, u. wird sie hoffentlich bald in der Lage sein davon Gebrauch zu machen. Vielleicht lassen Sie bald wieder einmal hören wie es geht u. empfangen Sie die allerherzlichsten Grüße
von Ihrer
Therese Rosenthal

Einzelstellenkommentare

München, 2. Juni 1908 (Dienstag)
von Wedekind, Frank, Rosenthal, Therese, Gerhäuser, Emil und Gerhäuser, Ottilie
an Wedekind, Tilly

Königreich Bayern
Postkarte


Frau Tilly Wedekind
Graz i. Steiermark
Brandhofgasse 1 |


Liebe Frau Tilly! Wir sitzen im Viktoriagärtleinim Biergarten des Cafés und Restaurants Victoria (Maximilianstraße 17) [vgl. Adreßbuch für München 1909, Teil I, S. 613], Inhaberin: Victoria Obermeier [vgl. Adreßbuch für München 1909, Teil II, S. 338]. Wedekind hat am 2.6.1908 das Beisammensein dort notiert: „Mit Therese Rosenthal Gerhäuser und Frau im Victoriagarten.“ [Tb] u. bedauern sehr, dass Sie nicht mit hier sind. Morgen ist Molochpremieredie Münchner Premiere der Oper „Der Moloch“ von Max von Schillings, zu der Emil Gerhäuser das Libretto nach dem gleichnamigen Dramenfragment von Friedrich Hebbel geschrieben hat, am 3.6.1908 um 18 Uhr im „Prinz-Regenten-Theater“, wie angezeigt war: „Mittwoch, den 3. Juni. Zu Ehren des Tonkünstlerfestes des Allgemeinen Deutschen Musikvereins in München. Zum ersten Male: Moloch. Musikalische Tragödie in 3 Aufzügen von Max Schillings.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 61, Nr. 259, 3.6.1908, Vorabendblatt, S. 2] im Prinzregententheater. Mit herzlichsten Grüssen an Sie u. das Kleinedie knapp anderthalbjährige Pamela Wedekind.
Ihr herzlich ergebener Emil Gerhäuser


Auch von mir die allerherzlichsten Grüße u. auf baldiges Wiedersehen! Ihre
Tilly Gerhäuser


Herzlichst grüßt und küßt Dich Dein
Frank.


Herzlichst Grüße u. hoffentlich baldiges Wiedersehen in München Therese Rosenthal

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